10/2011 Kirchenbote 60.Jahrgang 2017-12-20¢  10/2011 Kirchenbote 60.Jahrgang derEvangelisch-reformiert

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  • 10/2011 60. Jahrgang

    Kirchenbote der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons St.Gallen www.kirchenbote-sg.ch

    Bäume

    Bäumiges Leben Die Schule derBäume DerKantonsförster

    «Wer Gott vertraut, ist wie ein Baum, gepflanzt am frischenWasser, und seine Blätter verwelken nicht.» Psalm 1

  • Liebe Leserin, lieber Leser

    Wie in der Mitte des Dorfes eine Kirche oder inmitten der Stadt eine Grossbank steht – quasi als Bezugspunkt, so stan- den inmitten des Paradieses zwei Bäu- me, je verschiedene Lebensentwürfe markierend: der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse – wobei die Früchte des einen zum Leben, die des andern zum Tode führen sollten, so die Warnung Gottes. Doch die Schlange wusste es besser: «Mitnichten werdet ihr sterben. Son- dern Gott weiss, dass euch die Augen aufgehen werden und dass ihr wie Gott sein und Gut und Böse erkennen werdet, sobald ihr davon esst.» Der Fortgang der Geschichte ist bekannt. Adam und Eva kosteten die verbotene Frucht und wurden aus demParadies vertrieben.

    Damals reagierte Gott etwas ungehalten: «Sieh, derMensch ist gewordenwie un- sereiner, dass er Gut und Böse erkennt. Dass er nun aber nicht seine Hand aus- strecke und auch noch vomBaumdes Lebens nehme und esse und ewig lebe!» Zur Sicherheit liess Gott den Eingang zumParadies von einemKerubimmit flammendemSchwert bewachen –wohl zu Recht, denn zuerst sollte derMensch lernen,mit demWissen umGut undBöse umzugehen, es nicht zur Arroganz und gegen die Schöpfung zu nutzen.

    Im Laufe derWeltgeschichtemuss Gott aber seine Pläne geändert haben. Jesus zeigt uns ein anderes Gottesbild. Heim- kehr zu Gott ist möglich. Der verlorene Sohn, der sein Erbe verprasst hat und bei den Schweinen landet, erinnert sich an seinen Vater und kehrt um. Mit einem Fest wird er freudig aufgenommen. «Heut schliesst er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis …» heisst es im Adventslied, und in Apokalypse 2, 7 verheisst der Auferstandene: «Wer den Sieg erringt, demwerde ich zu essen geben vomBaum des Lebens, der im Paradies Gottes steht.» So werden uns die beiden Bäume in neuerWeise zumBezugspunkt, indem sich «Leben» und «Wissen» nicht mehr ausschliessen, sondern heilsam durch- dringen – Gott sei Dank. AS

    Im Anfang

    Bäumiges Leben Besinnung zu Psalm 1

    «Der ist wie ein Baum, anWasserbächen

    gepflanzt: Er bringt seine Frucht zu seiner

    Zeit, und seine Blätter welken nicht. Alles,

    was er tut, gerät ihm wohl.» Psalm 1, 3

    Das Schweizerdeutsche kennt bemerkens-

    werte Sprachblüten. Eine ist das Wort

    bäumig.Wenn etwas bäumig ist, dann ist

    es wunderbar. Und dass das Leben auf

    Bäumen etwas Wunderbares ist, weiss je-

    des Kind.

    Wie ein Baum In Psalm 1 dient der Baum als Symbol für

    eine reichlich gesegnete Person. Das ist

    nicht überraschend.Die Dauerhaftigkeit,

    Majestät und Fruchtbarkeit von Bäumen

    laden dazu ein. Folglich finden wir auch

    in der Bibel manch detailgetreuen Ver-

    gleich zwischen Baum und Mensch. So

    imHohelied,demalttestamentlichenLie-

    besgedicht, wo eine junge Frau ihren Ge-

    liebten mit den Worten beschreibt: «Wie

    der Apfelbaum unter den Bäumen des

    Waldes, so ist mein Geliebter unter den

    anderen Burschen.» Hld 2, 3

    Demgegenüber gestaltet Psalm 1 seine

    Baumpoesie nüchtern. Der Vergleich

    Mensch-Baum ist hier sehr offen gestaltet.

    Was der Psalmdichter dagegennicht offen,

    sondern mit aller Unmissverständlichkeit

    formuliert, ist die Unterscheidung zwi-

    schen Gedeihen und Verderben, die den

    Rahmen des Vergleiches von Mensch und

    Baum bildet. «Wohl dem, der nicht dem

    Rat der Frevler folgt, und nicht auf den

    Weg der Sünder tritt, noch sitzt im Kreis

    der Spötter, sondern seine Lust hat am

    Gesetz des Herrn und sinnt über seinem

    Gesetz Tag undNacht.» (Psalm 1, 1–2)

    Die beiden Wege Kurz unddeutlichwird hier festgestellt: Es

    gibt Dinge, die sind lebensfeindlich, und

    Dinge, die sind lebensfreundlich. «Die

    beiden Wege» lautet daher treffend die

    Überschrift über dem 1. Psalm.

    Die Beschäftigung mit demWort Got-

    tes betrachtet der Psalmdichter als Segen.

    «Nimmund lies – es tutDir gut», so könn-

    te man prägnant seinen Rat an die Leser

    zusammenfassen. AlsEinleitungswort am

    Anfang des Psalmenbuches fasst er zu-

    sammen, was für die 149 folgenden Psal-

    men gelten soll: dass Gottes Wort und

    Weisungen unser Gedeihen fördern und

    Menschen auf diesemWeg die Robustheit

    und dieWürde eines Baumes erlangen.

    Doch auch eine andere Realität führt

    uns Psalm 1 schonungslos vor Augen: die

    Tatsächlichkeit des Verderbens und der

    Verfehlung. Die Warnung vor dem Kreis

    der Spötter berührt mich vor demHinter-

    grund meiner Tätigkeit an der Universität

    besonders. Schnöden und Spotten sind

    wohl die ältesten akademischen Fächer,

    eine Art Kräftemessen des aufgeweckten

    Geistes und auch eine intellektuelle Frust-

    bewältigung.DemPsalmdichter ist die zer-

    setzendeWirkungdes Spottes bekannt,der

    keine tragfähige Lebensgrundlage bildet.

    Enorme Regenerationskraft Deutlich nimmt der Psalm die Unter-

    scheidung des gelingenden und des miss-

    lingendenWeges vor. Zu deutlich,wiemir

    scheint.UmimBildder zweiWege zublei-

    ben: In menschlichen Lebensläufen ver-

    laufen diese Wege nicht scharf getrennt,

    Gelingendes undMisslingendes wechseln

    sich ab und überkreuzen sich. Das ver-

    sinnbildlicht gerade der Baumals Lebens-

    symbol. Bäumen undMenschen gemein-

    sam ist ihre enorme Regenerations- und

    Wandlungsfähigkeit. Abgeschlagene Äste

    und umgehauene Bäume schlagen Wur-

    zeln und spriessen von Neuem, wie auch

    Menschen aus tiefenKrisen herausfinden,

    neue Lebenskraft finden und aufblühen.

    Bäume verkörpern die permanente Neu-

    werdung des Lebens unddieNeuwerdung

    imLeben.Unddamit symbolisieren sie ei-

    ne der wichtigsten christlichen Heilsvor-

    stellungen: dass uns Gott immer wieder

    den Neuanfang ermöglicht. Bäume und

    Menschen haben ihre Wandelbarkeiten

    und damit ihre Geschichten. Der eine

    Baum amWasserlauf steht daher für viele

    Bäume. Er kann eine knorrige Eiche oder

    eine elegante Zypresse sein. Er kann mal

    im kargenHerbst-,mal im üppigen Früh-

    lingsgewand dastehen. Und nun ergibt

    sich auch ein Sinn dafür, warum Psalm 1

    seine Vorstellung eines Baumes so unspe-

    zifisch, so offen gestaltet hat: Es gibt viele

    Möglichkeiten des Baumseins. Und somit

    viele Möglichkeiten des segensreichen,

    bäumigen Lebens.MARKUS ANKER

    Editorial

    Titelbild: alter Bergahorn Das Titelbild wie auch die Fotos auf Seiten 3 und 4 stammen von der Alp Obergössigen bei Ennetbüel. Fotos: Peter Müller, St.Gallen.

    «Bäume verkörpern die permanente Neuwer- dung des Lebens und die Neuwerdung im Leben.»

    2 Kirchenbote Kanton St.Gallen 10/2011

  • Thema

    Kirchenbote Kanton St.Gallen 10/2011 3

    Bäume könnenmit spannenden Geschichten verbunden sein

    – auch in der Ostschweiz. Da gibt es z.B. die Edelkastanie in

    Buriet,die 1847 gepflanztwurde,anlässlich derGründungder

    modernen Schweiz. Oder den japanischen Korkbaum an der

    St.GallerMuseumsstrasse, einÜberbleibsel des ersten botani-

    schen Gartens der Stadt. Oder die alten Bergahorne auf der

    Alp Obergössigen im Toggenburg – sie stabilisieren ein Berg-

    sturz-Gelände. Wenn man solchen Geschichten nachgeht,

    merkt man bald: Bäume haben noch eine tiefere Dimension.

    Warum z.B. ist die mächtige Atlas-Zeder auf SchlossWarten-

    see so beliebt?Warumbleiben viele Gäste kurz vor ihr stehen?

    Ein Antwort könnte sein: Sie spüren, dass der Baum auf den

    Punkt bringt, worum es bei den meisten Seminaren und An-

    lässen auf Wartensee letztlich geht. Wachsen – blühen –

    Früchte tragen.

    Den Dingen ihre Zeit lassen Den wohl grössten Eindruck machen alte Bäume. Ein Lebe-

    wesen, das 200 Jahre oder noch älter ist und immer am selben

    Ort steht – das fasziniert unsMenschen. Bäume, die älter sind

    als die moderne Schweiz, die barocke St.Galler Stiftsbiblio-

    thek oder die EntdeckungAmerikas.Oft beschränkt sich diese

    Faszination allerdings auf die blosse Anzahl Jahre.Dabei gäbe

    Die Schule der Bäume Betrachtungen eines Baumgeschichten-Sammlers Weltenbaum, Lebensbaum,Paradiesbaum–überBäumegibt es eineFülle von BildernundGeschichten,MythenundTheorien.Was erzählenkonkreteBäume in unsererRegion?

    es noch viel mehr zu staunen. Schon einmässig alter Baum ist

    wie eine Insel in der Hektik der Menschenwelt. Stunden? Mi-

    nuten? Ein Mausklick? Das ist hier alles belanglos. Der Baum

    hat seine eigene Zeit, seine eigenen Rhythmen: Morgen, Mit-

    tag undAbend.Frühling, Sommer,Herbst undWinter.Bei ur-

    alten Bäumen,mit einemAlter von 600, 1000 oder nochmehr

    Jahren, liegt der Fall wieder anders. Sie wirken vielfach wie

    bizarre Holzskulpturen, haben etwas Poetisches und Ehr-

    furchtgebietendes – und oft auch etwas Unheimliches.

    Allgemein könnte man sagen: Vor allem bei den Laubbäu-

    men und erst recht i