1145 10017 Hahn Unscharfe 145 10017 Hahn .Ulla Hahn, aufgewachsen im Rheinland, arbeitete nach ihrer

  • View
    212

  • Download
    0

Embed Size (px)

Text of 1145 10017 Hahn Unscharfe 145 10017 Hahn .Ulla Hahn, aufgewachsen im Rheinland, arbeitete nach ihrer

  • 145_10017_Hahn_Unscharfe_Bilder.indd 1145_10017_Hahn_Unscharfe_Bilder.indd 1 12.06.17 11:5812.06.17 11:58

  • Ulla Hahn, aufgewachsen im Rheinland, arbeitete nach ihrer Germanistik-Promotion als Lehrbeauftragte an verschiedenen Universitten, anschlieend als Literaturredakteurin bei Radio Bremen. Ihr lyrisches Werk wurde vielfach ausgezeichnet. Fr

    ihren Roman Das verborgene Wort (2001) erhielt sie den ersten Deutschen Bcherpreis. 2009 folgte der Bestseller Aufbruch und

    2014 Spiel der Zeit. Wir werden erwartet (2017) bildet den Abschlu ihres autobiographischen Romanzyklus. In Unscharfe

    Bilder, 2003 erschienen, setzt sie sich mit der NS-Zeit auseinander ein Thema, das all ihre Romane durchzieht.

    Unscharfe Bilder in der Presse:

    Zwischen Vater und Tochter baut sich eine Spannung auf, die fr beide unertrglich wird und den Leser fest in ihren Bann zieht.

    Sddeutsche Zeitung

    Ulla Hahn will nicht Betroffenheit, sondern Einsicht. Das ist eine andere, mglicherweise fruchtbarere, keineswegs aber mildere Sicht

    als die der Tter-Opfer-Diskussion. Schsische Zeitung

    Ein engagiertes Buch, das den Leser nicht loslt.Focus

    Auerdem von Ulla Hahn lieferbar:

    Das verborgene Wort. RomanAufbruch. Roman

    Spiel der Zeit. RomanWir werden erwartet. Roman

    Liebesarten und andere Geschichten vom Leben. ErzhlungenGesammelte Gedichte

    Besuchen Sie uns auf www.penguin-verlag.de und Facebook.

    145_10017_Hahn_Unscharfe_Bilder.indd 2145_10017_Hahn_Unscharfe_Bilder.indd 2 12.06.17 11:5812.06.17 11:58

  • Ulla Hahn

    Unscharfe BilderRoman

    145_10017_Hahn_Unscharfe_Bilder.indd 3145_10017_Hahn_Unscharfe_Bilder.indd 3 12.06.17 11:5812.06.17 11:58

  • Der Verlag weist ausdrcklich darauf hin, da im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt

    der Buchverffentlichung ein gesehen werden konnten. Auf sptere Vernderungen hat der Verlag keinerlei Einflu.

    Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschloen.

    Verlagsgruppe Random House FSC N001967

    PENGUIN und das Penguin Logo sind Markenzeichenvon Penguin Books Limited und werden

    hier unter Lizenz benutzt.

    1. Auflage 2017Copyright 2003 by Deutsche Verlags-Anstalt in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

    Neumarkter Strae 28, 81673 MnchenUmschlag: Designbro Lbbeke Naumann Thoben, Kln

    Umschlagmotiv: plainpicture/Christian KuhnDruck und Bindung: GGP Media GmbH, Pneck

    Printed in GermanyISBN 978-3-328-10017-1www.penguin-verlag.de

    Dieses Buch ist auch als E-Book erhltlich.

    145_10017_Hahn_Unscharfe_Bilder.indd 4145_10017_Hahn_Unscharfe_Bilder.indd 4 12.06.17 11:5812.06.17 11:58

  • Fr Klaus

    145_10017_Hahn_Unscharfe_Bilder.indd 5145_10017_Hahn_Unscharfe_Bilder.indd 5 12.06.17 11:5812.06.17 11:58

  • 145_10017_Hahn_Unscharfe_Bilder.indd 6145_10017_Hahn_Unscharfe_Bilder.indd 6 12.06.17 11:5812.06.17 11:58

  • Ist eine unscharfe Fotografie berhaupt ein Bild einesMenschen? Ja, kann man ein unscharfes Bild immer mitVorteil durch ein scharfes ersetzen? Ist das unscharfe nichtoft gerade das, was wir brauchen?

    Ludwig Wittgenstein

    145_10017_Hahn_Unscharfe_Bilder.indd 7145_10017_Hahn_Unscharfe_Bilder.indd 7 12.06.17 11:5812.06.17 11:58

  • 145_10017_Hahn_Unscharfe_Bilder.indd 8145_10017_Hahn_Unscharfe_Bilder.indd 8 12.06.17 11:5812.06.17 11:58

  • I.

    Seine Mbel hatte er, soweit sie Platz fanden, mitnehmenknnen, selbst einen groen Teil der Bibliothek, den Restwute er bei der Tochter gut untergebracht. EhemaligeSchler, wenn sie ihn aus Anhnglichkeit besuchten, lie erfreigiebig aus den Regalen whlen und unterstrich danngelegentlich einen Satz, der sie ein Leben lang begleitensollte. Die breiten Borde bogen sich noch immer, und die Sttzen einer Leiter hatten das rtlichbraune Parkettschon verschrammt. Oben standen die kostbaren Bnde,auch in lateinischer und griechischer Sprache, alte Drucke,die Hans Musbach mit einem Vergrerungsglas zu lesenpflegte. Seine Festung.

    Er fand sich gut zurecht in dem grozgigen Haus amHafen. Seine Pension reichte fr ein Appartement auf der richtigen Seite, dort, wo man die Sonne im Elbstromuntergehen sah, dort, wo der Blick auf die Wellen ging, als versichere ihr gleichmiger Schlag, da alles noch lange immer und immer so weitergehen knne. Die wenigerBetuchten des Seniorenheims, Residenz, wie man das hiernannte, schauten auf Fischhallen und heruntergekommeneHuser. Nie htte er sich vor dem Umzug vorstellen kn-nen, einmal Stunden zu vertrumen, einfach dazusitzen,ohne ein Buch, eine Fachzeitschrift oder den Brief einesKollegen, den es zu studieren und sorgfltig zu beantwor-ten galt.

    Musbach rckte den Stuhl nher ans Fenster. Der Glanzdes gleitenden Wassers nderte sich mit dem Himmel,

    9

    145_10017_Hahn_Unscharfe_Bilder.indd 9145_10017_Hahn_Unscharfe_Bilder.indd 9 12.06.17 11:5812.06.17 11:58

  • eben noch wolkenverhangen, dann wieder von ein paarWindsten leergefegt, blau. Dennoch: Regen lag in derLuft. Sturmwolken zogen von Westen auf. Dann wurde esnoch einmal hell, die Wolken zum Horizont getrieben, weitweg ber die Werft am anderen Ufer. Herrenlos. Er mochtedie Schnelligkeit dieser Wandlungen am Himmel liebernoch als die Bewegungen der Schiffe. Bei Sonne Segel-boote, wei die meisten, manche blau-wei gestreift, einesmit rotbraunen Segeln. Piratenbraun. Motorboote, Fhrenins Alte Land und nach Krautsand, Containerschiffe undTanker auf dem Weg in den Hafen, ins offene Meer, unterden Flaggen aller Herren Lnder. Schwarz, Rost und Men-nigrot, von dieser rauhen, zweckmigen Schnheit, soanders und doch so hnlich den alten, erhabenen Schriften.

    Das Telefon lutete. Eine freundliche Stimme fragtenach den Wnschen frs Mittagessen. Fleisch, Fisch, vege-tarisch. Sie mute die Frage wiederholen, ehe Musbachsich fr Fisch entschied. Er sah weiter aufs Wasser, denHimmel; ein strahlend weier Passagierdampfer trieb lang-sam stromabwrts inmitten lichter Schaumkronen, winzigeMenschen an Deck winkten in Richtung der Uferhnge,zeigten sich Huser und Trme; der Himmel darber nunvoller unbehaglicher schwarzer Wolken.

    Trotz der Jahre, die Hans Musbach hier schon so wohl-umsorgt verbracht hatte, fand er noch immer wenig Ge-fallen an diesen gemeinsamen Mahlzeiten. Es fiel ihmschwer, Gesprche zu begleiten, die oft von der Gegenwartnur mehr aufnehmen wollten, was aus ferner Vergangen-heit betrachtet wichtig zu sein schien. Wie ein langsam ver-trocknender Teich, dem der einst quellende Bach versiegtwar, erschien ihm seine Gesellschaft; durchaus noch wacheLeute, aber meist, als sen die Augen nun im Hinterkopfund nicht mehr vorn, unter einer nachdenklichen Stirn.

    10

    145_10017_Hahn_Unscharfe_Bilder.indd 10145_10017_Hahn_Unscharfe_Bilder.indd 10 12.06.17 11:5812.06.17 11:58

  • Fast vierzig Jahre lang waren seine Gesprchspartnerjunge Menschen gewesen, oft keine einfachen Schler undauch nicht immer so neugierig, wie er es sich gewnschthtte. Aber jung, Gegenwartsmenschen, Zukunftsmen-schen. Zuerst htten es seine Kinder sein knnen, spterseine Enkel, doch zu alt hatte er sich mit ihnen nie gefhlt,auch wenn er im stillen manche Aufmpfigkeiten und lssi-gen Tabubrche mibilligt hatte. Das Leben begann ja mitjedem Schuljahr wieder von vorne, und das hatte ihn glck-lich gemacht.

    Jetzt war seine Tochter festes Glied zwischen Gesternund Heute in ihren tglichen, gemeinsamen Stunden. Pd-agogin wie er. Musbach wute nur zu gut, was er brauchteund was ihm fehlte. Es war nicht der Verlust seiner ge-wohnten Huslichkeit, die er erst verlassen hatte, als ersprte, da Katja zuviel Zeit und besorgtes Nachdenken frsein tgliches Leben aufwenden mute. Er verga auchnicht, da er mit diesem Platz an der Elbe, umgeben vonliebgewonnenen Gegenstnden, so etwas wie das groeLos gezogen hatte. Ihm fehlte das Gesprch mit jungenLeuten, das war nun mal die unausweichliche Folge desAlters. Er mute noch immer lernen, damit gelassener undgeduldiger umzugehen. Was hier im Hause jung war, dasarbeitete entweder in der Bedienung, in der Kche oderim Zimmerdienst; bei der Massage oder in der rztlichenVersorgung. Da gab es kaum Zeit, aber sicher auch wenigInteresse fr Gesprche mit den Bewohnern; ber Hf-lichkeiten kam man selten hinaus. Er mute das begreifen,abhaken, wie es hie. Cool sein. Wer es kann.

    Musbach wusch sich die Hnde, fuhr mit dem Kammdurchs Haar, ein sprliches Wei, aber gut geschnitten,rckte die Fliege zurecht und nahm den Aufzug zumSpeisesaal, der zu ebener Erde hinter der Eingangshalle

    11

    145_10017_Hahn_Unscharfe_Bilder.indd 11145_10017_Hahn_Unscharfe_Bilder.indd 11 12.06.17 11:5812.06.17 11:58

  • lag. Selten verfehlte dieser grozgige, elegante Raumseine Wirkung auf Besucher, die glauben mochten, einLuxushotel zu betreten. Ungehindert ging der Blick durchdeckenhohe Fenster auf die Elbe, bequeme Sitzmbelstanden um niedrige Tische, viel Grn in stilvollen Tpfen.Einer der Bewohner hatte dem Haus die Plastik gestif-tet, einen dieser meterhohen Hasen des amerikanischenKnstlers Salle, messingglnzend poliert, einen Vorderlaufangewinkelt, den anderen gereckt wie zum Gru. Musbachfand die Plastik etwas albern, aber doch immerhin besserals manche sogenannten Arbeiten, mit Titeln wie Eter-nity oder Projekt 14, fr sein an der Klassik geschultesAuge unverstndlich, ja Hochstapelei: Des Kaisers neueKleider. Die Halle war leer. Nur Emil am Empfang winkteihm gutgelaunt: Beeilung!

    Alles war schon im Speisesaal versammelt. Auch hierhatte die Heimleitung Umsicht bewiesen. Die Herrschaf-ten, wie das Personal die Bewohner in den Gesellschafts-rumen nannte, im Unterschied zu den Kranken- undPflegetrakten, die Herrschaften saen in der Regel zusechst an runden Tischen und waren je nach geistigerBefindlichke