8b Bialluch Werde Hysterisch

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Text of 8b Bialluch Werde Hysterisch

  • Psychosozial-Verlag

    Klaus-Jrgen Bruder, Christoph Bialluch, Bernd Leuterer (Hg.)

    Macht Kontrolle Evidenz

    Psychologische Praxis und Theorie in den gesellschaftlichen Vernderungen

    Eine Publikation der Neuen Gesellschaft fr Psychologie (NGfP)

    Mit Beitrgen von Christoph Bialluch, Klaus-Jrgen Bruder, Almuth Bruder-Bezzel,

    Markus Brunner, Niklas Alexander Chimirri, Martin Dege, Angelika Ebrecht, Uwe Findeisen, Miriam Anne Geoffroy,

    Stefanie Girstmair, Thomas Goes, Kathrin Groninger, Katharina Hametner, Jrgen Hardt, Erich Kirchler,

    David-Lon Kumrow, Ccile Loetz, Vanessa Lux, Emilio Modena, Klaus Mucha, Stephan Mhlbacher,

    Jakob Mller, Knuth Mller, Maja Tintor, Daniel Weigl, Michael Wolf und Markus Wrbouschek

  • Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation

    in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet ber http://dnb.d-nb.de abrufbar.

    Originalausgabe 2012 Psychosozial-Verlag

    Walltorstr. 10, D-35390 GieenFon: 06 41 - 96 99 78 - 18; Fax: 06 41 - 96 99 78 - 19

    E-Mail: info@psychosozial-verlag.dewww.psychosozial-verlag.de

    Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren)

    ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet,

    vervielfltigt oder verbreitet werden.Umschlagabbildung: Michelangelo Merisi da Caravaggio:

    Hl. Matthus und der Engel, 1602Umschlaggestaltung & Layout: Hanspeter Ludwig, Wetzlar

    www.imaginary-art.netSatz: Andrea Deines, Berlin

    Druck: CPI book GmbH, LeckPrinted in Germany

    ISBN 978-3-8379-2168-7

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    Werde hysterisch!Christoph Bialluch

    Vorbemerkungen

    Bevor ich zum eigentlichen Beitrag komme, mchte ich kurz auf das Interesse der Organisatoren1 des Kongresses und damit auch auf mein Interesse daran eingehen. Ich mchte ihnen also gerne gewisserma-en den Ort, von dem aus ich spreche, beschreiben.

    Auf Initiative von Klaus-Jrgen Bruder haben wir uns vor ungefhr zwei Jahren zusammengesetzt und berlegt, was fr einen Kongress, was fr Themen, was fr Referenten, was fr einen Austausch mit hnlich gesinnten Menschen wir uns wnschten und wie wir einen Rahmen dafr schaffen knnten. Ein erster Schritt dazu war die Frhjahrskonferenz 2010 der Neuen Gesellschaft fr Psychologie, spter folgte der Call for Paper fr diese Konferenz, ein etwas sperriger Text, der unsere Unzufriedenheit mit den aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen und unseren Willen, sich mit ihnen auseinandersetzen, zum Ausdruck bringen sollte. In seiner leichten Zerrissenheit gab dieser Text auch unsere eigene Zerrissenheit wieder, die sich in unterschiedlichen wissenschaftlichen Haltungen, unter-schiedlichen Praxisfeldern, in denen wir arbeiten, unterschiedlichen gesell-schaftstheoretischen berlegungen, denen wir anhngen, niederschlug.

    Es gab auch von auen kaum wahrnehmbar, fr mich jedoch gut sprbar drei Generationen in unserer Gruppe. Einige sind zu Beginn der

    1 Der besseren Lesbarkeit halberwirdnur diemnnliche Formangegeben, gemeintsinddiemnnliche,dieweiblicheundalleFormendazwischenunddarberhinaus.

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    Christoph Bialluch

    80er Jahre geboren, andere zu Beginn der 70er und dann gab es da noch jemanden, der zu Beginn der 40er geboren wurde. Sprich, wir haben es mit einem 68er, der in den 40/50er Jahren aufgewachsen ist, mit Menschen, die noch in den verhltnismig sozialen 70er und 80er Jahren gro geworden sind, und einer Gruppe, die mit Helmut Kohl im Westen und dann auch im vereinigten Deutschland gro geworden ist, zu tun. Wir waren Menschen, die eine wissenschaftliche Karriere haben und noch weitertreiben, die eine solche anstreben, aber auch mit Menschen, die praktisch als Einzelfallhelfer, in der Klinik oder als Lehrer arbeiten, die beratend ttig sind, die Psychothe-rapeuten sind oder sich noch in Ausbildung befinden. Ich berichte deswegen davon, weil wir es schon in unserer kleinen Gruppe von Organisatoren mit einer Heterogenitt von Vorstellungen zu tun hatten, in denen verschiedenste Ideen zu Inhalten und Formen bezglich des Kongresses deutlich wurden; vielleicht noch disparater waren die Vorstellungen, wie die Arbeit, die mit dem Kongress zusammenhing, denn organisiert werden sollte.

    Arbeit: Ein insofern hervorhebenswerter Aspekt, weil es sich hier um die fr mich zentrale Kategorie meines Begehrens, an diesem Kongress mitzumachen, handelt. Es geht um Arbeitsformen, Arbeitsteilung, Anfor-derungen, die von auen gestellt werden, Anforderungen, von denen man meint, sie erfllen zu mssen, es geht um Anerkennung und Ausbeutung, Entfremdung und Selbstverwirklichung, um zeitliche und finanzielle Bud-getierung und vor allem um deren Begrenzung. All das konnten wir aus meiner Sicht schon in unserem kleinen Vorbereitungslabor beobachten.

    Arbeit ist auch das, was in meiner persnlichen Welt eine Schlssel-kategorie bildet.

    Im Bereich der Altenpflege und der Heilpdagogik lehre ich Psychologie und ich mache Praxisberatungen, in denen die genannten Aspekte wichtig sind und um weitere wesentliche erweitert werden mssen: Arbeitsverdich-tung, Kostendruck, zunehmende Dokumentationspflichten, gesellschafts-politischer Rahmen sozialer Arbeit, individuelle Ressourcen usw. usf.

    Als Coach habe ich vor allem mit Akademikern, die in Lohn und Brot stehen, zu tun, von denen sich manche in Institutionen einfinden mssen, whrend andere schon leiten und in gestaltenden Positionen berleben mssen. Hier treten die Aspekte von Ausbeutung und Selbstausbeutung, der Entgrenzung der Arbeitsphre, die Freizeit und Kontakte jenseits der Arbeit zurcktreten lsst, und das Problem, selbst kein Ausbeuter zu sein oder zu werden, zutage. In diesen beiden letzten Bereichen geht es also um Menschen, die noch im Arbeitsleben stehen.

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    Werde hysterisch!

    Im Sozialpsychiatrischen Dienst leiste ich gerade eine Elternzeitver-tretung. Hier sind ein groes Klientel Menschen, die vom Jobcenter geschickt werden, um deren Zugehrigkeit zum Personenkreis des 53 des SGB XII zu prfen, sprich ob eine psychische Strung vorliegt, eine psychiatrische Diagnose gestellt werden kann, was eine zeitweise Aufhe-bung der sogenannten Mitwirkpflichten der Kunden der Agentur fr Arbeit und die Vermittlung von sogenannten Eingliederungsmanahmen nach sich ziehen kann. Im Kontakt mit diesen Arbeitslosen treten noch einmal andere Aspekte in den Vordergrund: Selbstwert und Selbstbe-wusstsein ohne Arbeit, Anerkennung ohne Arbeit, das Gefhl der Nutzlosigkeit, das Gefhl, nicht mehr mithalten zu knnen, Gefhle der Demtigung, sich den Prozeduren der Arbeitsagentur, aber auch des Sozialpsychiatrischen Dienstes zu unterziehen, nicht frei ber Zeit und Geld zu verfgen, die Schwierigkeiten, ein selbstbestimmtes Leben zu fhren, ein Lebensziel, einen Lebenssinn zu entwickeln, eine Tages- und Wochenstrukturierung jenseits von Arbeit zu erhalten usw. usf.

    Jeder einzelne Bereich Altenpflege, Coachees, Arbeitslose verdiente eine genauere Analyse, eine genaue Analyse der Strukturbedingungen und wie sich die Subjekte dazu verhalten knnen, doch nehme ich diesen Kongress zum Anlass, mich auf wenige Aspekte zu beschrnken: Ich mchte dabei berlegungen zu einer Art Ideologie der Arbeit, die die Ausbeutung des Subjekts durch andere, aber auch durch sich selbst in Augenschein nimmt, vorstellen. Des Weiteren mchte ich fragen, inwie-fern eine Art Hysterisierung dem entgegenwirken knnte. Auch wenn ich in meiner Ttigkeit eher pdagogisch, psychoedukativ, klientenzen-triert und lsungsoriertiert vorgehe, schtze ich eine psychoanalytische Sichtweise zur Reflexion. Insbesondere werde ich mich daher auf Jacques Lacan beziehen.

    Abstract

    Freud kme das Verdienst zu, dass er die Hysterie als Symptom einer zugrunde liegenden Entfremdung des Subjekts verstanden habe, sagt sinngem Lacan. Und tatschlich wurde die Frage nach dem Sinn oder der Bedeutung von psychischen Symptomen gestellt. Unterschiedlichste Formen der Verrcktheit hatten so (und auch auf andere Weise) lange Zeit einen Platz in der Psychologie und der Psychoanalyse, ja zeigten geradezu,

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    Christoph Bialluch

    dass sie etwas ber die Menschen und die Gesellschaft, in der sie leben, zu erkennen gaben. Dem stehen heute starke Krfte aus Genetik, Neuro-physiologie und Medizin entgegen, die uns die Symptome anders erklren wollen und beispielsweise die Depression einem Diabetes im Sinne einer Stoffwechselstrung gleichstellen. Hier weist nichts mehr auf eine mgli-cherweise sinnvolle Reaktion eines Subjekts auf seine Schwierigkeiten, auf eine sinnvolle Reaktion auf seine Umwelt hin, sodass eine psychi-sche Erkrankung leicht in diagnostischen Kriterien eingepfercht werden kann. Ohne den Leidensdruck romantisieren zu wollen, kann eine Form von Hysterie wieder wichtig werden, die das vermeintliche Wissen ber die seelischen Krankheiten unterluft und Fragen nach dem Sinn auf-wirft und die Frage nach der Bedeutung der Arbeit stellt.

    Im Folgenden mchte ich sie an einem Gedankenexperiment teilhaben lassen, das die vielen Analysen keinesfalls ersetzen, sondern vielmehr ein Denken in Bewegung bringen will.

    Hinfhrung

    Im Zentrum meines Beitrags steht ein Diskursmodell, das Lacan in seinem Seminar in der Zeit nach den Unruhen von 1968 bis Mitte 1970 entwickelt hat. Also schon zu einer Zeit, in der seine Sprach- und psy-choanalytische Theorie fortgeschritten waren. Allgemein gesprochen erweitert er die Psychoanalyse Freuds um verschiedene Aspekte. An erster Stelle ist hier die Hinzufgung einer ausgearbeiteten Sprech- und Sprachtheorie zu nennen, an zweiter die Einfhrung der drei Ordnun-gen des Symbolischen, des Imaginren und de