A. Filippi Halitosis – eine aktuelle Kurzübersicht .connections between halitosis and periodontitis,

Embed Size (px)

Text of A. Filippi Halitosis – eine aktuelle Kurzübersicht .connections between halitosis and...

170

BERSICHTSARBEIT / REVIEW ARTICLE

A. Filippi

Halitosis eine aktuelle KurzbersichtHalitosis a review

Das Fachgebiet Halitosis ist in den letzten Jahren der Empirie entwachsen. Viele der heute angewandten dia-gnostischen und therapeutischen Verfahren sind wissen-schaftlich gut untersucht. Darber hinaus liefert die an Intensitt noch immer zunehmende Forschung auf die-sem jungen Gebiet jhrlich neue Erkenntnisse, so dass heute als Standard geltende Behandlungen bald schon der Vergangenheit angehren mssen. Auch deuten sich bereits enge interdisziplinre Zusammenhnge zwischen Halitosis und Parodontologie, Periimplantitis, Kariespro-phylaxe sowie internistischen und pulmonalen Erkran-kungen an, die in den nchsten Jahren an Evidenz ge-winnen werden.

Schlsselwrter: Halitosis, Mundgeruch, Zungenflora, Zun-genreinigung

Deutscher rzt

Evidence based halitosis treatment today no longer solely relies on empiricism. Many of the diagnostic and therapeutic procedures applied today are scientifically well explored. Furthermore, every year there is more knowledge gained by still increasing research intensity in this new field. Thus, treatments that are regarded as standard procedures today will be a thing of the past soon. There is also indication of strong interdisciplinary connections between halitosis and periodontitis, peri-implantitis, caries prophylaxis as well as internal and pul-monal diseases, which will be supported by increasing evidence in the coming years.

Keywords: halitosis, bad breath, tongue flora, tongue cleaning

e-Verlag, Kln Oralprophylaxe & Kinderzahnheilkunde 31 (2009) 4

E

IdjPGsEshgTasTiesKzet

T

T

A. Filippi:Halitosis eine aktuelle Kurzbersicht

Halitosis a review

Echte Halitosis

Physiologische Halitosis

Pathologische Halitosis

Orale Ursache

Extraorale Ursache

Pseudo-Halitosis

Halitophobie

Beschreibung

Deutlicher Mundgeruch, Intensitt deutlich ber sozial vertrglichen Akzeptanz

Mundgeruch mit Ursprung in der Mundhhle (z. B. dorsaler Anteil der Zungenrckens) oder

aufgrund Genuss bestimmter Nahrungs- und Genussmittel (z. B. Knoblauch, Alkohol)

Mundgeruch durch pathologischen Prozess innerhalb der Mundhhle; Mundgeruch durch Zungenbelag, modifiziert durch pathologische

Zustnde (z. B. Parodontopathien, Xerostomie)

Mundgeruch aus dem Bereich der HNO (z. B. nasal, paranasal, laryngeal), den Atmungs- und

oberen Verdauungstrakt oder aufgrund anderer Allgemeinerkrankungen (z. B. Diabetes mellitus)

Mundgeruch wird durch andere nicht wahrgenommenSituation verbessert sich durch Aufklrung des Patienten

und Besprechung der Untersuchungsergebnisse

Patient klagt ber Mundgeruch, obwohl dieser nicht verifiziert werden kann

Weder durch intensive Aufklrung noch durch Besprechung der Unter-suchungsergebnisse kann der Patient davon berzeugt werden,

dass kein Mundgeruch vorliegt.

inleitung

n den letzten zwei bis drei Jahren ist as Thema Mundgeruch strker als

emals zuvor in das Bewusstsein von atienten und Zahnrzten gerckt. leichzeitig hat auch die Zahl wis-

enschaftlicher Publikationen hoher videnzgrade bis hin zu systemati-chen Reviews zugenommen, so dass eute fr den interessierten Zahnarzt ut dokumentierte Diagnose- und herapiekonzepte existieren, die sich llerdings durch zunehmenden Wis-enszuwachs gerade bezglich der herapie stndig verndern. Realitt

st jedoch, dass diese (vorwiegend nglischen) Beitrge kaum auerhalb pezialisierter Sprechstunden zur enntnis genommen werden. Dies eigt sich in der tglichen Praxis an iner gewissen Hilflosigkeit von rz-en und Zahnrzten gegenber

Mundgeruch-Patienten und fhrt zu pauschalen und somit meist unwirk-samen Behandlungskonzepten. Letz-tere verschlingen nicht nur Zeit und Geld, sondern gehen teilweise bis hin zu Krper verletzenden Diagnostiken (z. B. Gastroskopien, Biopsien der Magenschleimhaut, radiologische Untersuchungen der Lungen) und Therapien (z. B. Laservaporisation der Tonsillenoberflche oder der Tonsilla lingualis, Eradikationsthera-pien von Helicobacter pylori), fr die es keine wissenschaftliche Evidenz gibt und die letztlich den betroffenen Patienten nicht helfen. Ein weiterer Hinweis auf mangelnde Kenntnisse von Zahnrztinnen und Zahnrzten ber Mundgeruch und dessen Be-handlung ist die berbelastung der wenigen professionellen Mund-geruch-Sprechstunden, die es im deutschsprachigen Raum bisher gibt

und die diesen Namen auch verdie-nen. Es ist immer wieder ber-raschend, welch weite Anreisewege Patienten auf sich nehmen (mssen), denen weder von Zahnrzten noch von rzten zufrieden stellend gehol-fen wird.

Der vorliegende Beitrag will nur einen kurzen berblick ber das mittlerweile sehr groe Gebiet Hali-tosis geben. Fr Interessierte wird bezglich einzelner Details auf die existierenden aktuellen Bcher [1, 2] und bersichtsarbeiten [37] der letzten Jahre verwiesen. Ebenfalls ist es weder mglich noch beabsichtigt, den Bereich der psychisch bedingten Halitosis zu beleuchten, der heute in professionellen Mundgeruch-Sprech-stunden einen wesentlichen Raum einnimmt. Bis zu 25 % aller Patienten in solchen Sprechstunden sind Pa-tienten mit Pseudohalitosis oder Ha-

abelle 1 Klassifikation der Halitosis [5].

able 1 Classification of halitosis [5].

Deutscher rzte-Verlag, Kln Oralprophylaxe & Kinderzahnheilkunde 31 (2009) 4 171

172

A. Filippi:Halitosis eine aktuelle KurzbersichtHalitosis a review

litophobie. Dies bedeutet, dass Mundgeruch behandelnde Zahnrzte sich nicht nur Psychologen in ihrem nheren geographischen Umfeld als Ansprech- und berweisungspartner suchen mssen, sondern auch den Umgang und die Gesprchsfhrung mit diesen nicht selten suizid-ge-fhrdeten Menschen erlernen und trainieren mssen. Auch hier wird auf die spezifische Literatur verwie-sen [1, 8].

Terminologie und Klassifika-tion

Fr Halitosis (lateinisch halitus: Atem, Hauch) werden synonym Be-griffe wie Mundgeruch oder Foetor ex ore verwendet, was genau genom-men nicht ganz korrekt ist. Foetor ex ore ist ein unangenehmer, atypi-scher Geruch beim Ausatmen durch den Mund. Man geht hier von einer intraoralen Ursache aus. Der Begriff Halitosis bezeichnet ebenfalls eine unangenehme Ausatemluft, die aber auch bei geschlossenem Mund, also beim Ausatmen durch die Nase wahr-genommen werden kann. Dies deutet mglicherweise auf eine extraorale Ursache (Tonsillen, Nasennebenhh-len, obere Atemwege) hin. Daher sollte im Rahmen einer exakten Diag-nostik die Ausatemluft aus Mund und Nase getrennt voneinander ana-lysiert und diagnostiziert werden.

Halitosis ist ein berbegriff un-terschiedlicher Krankheitsbilder. Diese werden als echte Halitosis, Pseudo-Halitosis und Halitophobie bezeichnet [5]. Die echte Halitosis wird wiederum in physiologische und pathologische Halitosis unter-teilt (Tabelle 1).

Epidemiologie

Zahlreiche epidemiologische Unter-suchungen der letzten Jahre zeigen eine weitgehend identische Prva-lenz von Mundgeruch in der Bevlke-rung; erwartete kontinentale, kultu-relle oder religise Unterschiede zwi-schen den untersuchten Lndern (u. a. Schweiz, Japan, Kuwait, China, Brasilien, Polen) fanden sich keine. Etwa 25 % der Menschen leiden zu

bestimmten Tageszeiten unter sozial inkompatiblem Mundgeruch und et-wa 6 % Tag und Nacht. ltere Men-schen sind hufiger betroffen als jn-gere, Mnner hufiger als Frauen, Zahnrzte ebenso hufig wie die Normalbevlkerung. In der Regel sind Menschen mit Mundgeruch nicht in der Lage, diesen selber wahr-zunehmen, was die zwischen-menschliche Situation nicht gerade einfacher macht. Auf der anderen Seite gibt es Menschen ohne Mund-geruch, die diesen objektiv nicht vor-handenen Mundgeruch sehr plas-tisch und detailliert beschreiben kn-nen. Die meisten Betroffenen haben bereits in ihrem Leben objektiv unter ihrem Mundgeruch gelitten und die meisten wollen auch etwas dagegen tun [6]. Mehr als die Hlfte aller Men-schen in den untersuchten Lndern nehmen tglich Produkte in den Mund, die frischen Atem verspre-chen. Fr die wenigsten Betroffenen ist jedoch der Zahnarzt der richtige Ansprechpartner [9]. In anderen Ln-dern, wie etwa den USA finden sich viele professionelle Anlaufstellen fr Menschen mit Mundgeruch, die von Zahnrzten und nicht etwa von Den-talhygienikerinnen geleitet werden. Im deutschsprachigen Raum sind sol-che Anlaufstellen bisher rar.

Ursachen

Die Ausatemluft des Menschen be-sitzt eine hohe Luftfeuchtigkeit (etwa 95 %) und ist etwas khler als die Temperatur in der Mundhhle. Sie enthlt etwa 78 % Stickstoff, 17 % Sauerstoff, 4 % Kohlendioxid und nur etwa 1 % sonstige Gase. Dieses ei-ne Prozent kann jedoch stark ge-ruchsaktive flchtige Verbindungen enthalten, so dass trotz des geringen Volumenanteils der Geruch der Aus-atemluft als unangenehm oder gar unertrglich empfunden wird. Die wichtigsten chemischen Verbindun-gen in diesem Zusammenhang sind flchtige Schwefelverbindungen (Methylmerkaptan, Dimethylsulfid und/oder Schwefelwasserstoff) aber auch noch geruchsintensivere Sub-stanzen wie Indol, Skatol, Kadaverin oder Putreszin. Der tgliche Geruch der Ausatemluft unterliegt oft erheb-

lichen Schwankungen, die unter an-derem mit Tageszeit und Nahrungs-aufnahme korrelieren.

Eine leider sowohl bei rzten als auch bei Patienten weit verbreitete Ansicht ist, dass Mundgeruch eine Pathologie des Gastrointestinaltrak-tes zu Grunde liegt. Dies hat zur Fol-ge, dass Menschen mit Mundgeruch zunchst eine Gastroskopie ber sich ergehen lassen, anstatt einen Zahn-arzt aufzusuchen. Zahlreiche Unter-suchungen belegen, dass in 8590 % aller Flle von Mundgeruch eine bak-terielle Zersetzung organischen Ma-terials in der Mundhhle