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  • aus: John Dewey: Demokratie und Erziehung.Eine Einleitung in die philosophische Pdagogik[1916], Weinheim / Basel 1993, S. 113-137,186-203.

    7. Kapitel

    Der demokratische Gedanke in der Erziehung

    Von gelegentlichen Ausnahmen abgesehen, haben wir uns bis-her mit der Erziehung im allgemeinen, wie sie in jeder sozialenGruppe bestehen kann, besdlftigt. Wir mssen nun die Unter-schiede im Geiste, im Stoff und in den Methoden der Erziehung,wie sie in ver s chi e den e n Formen des Gemeinschaftsleben8wirkt, nher darlegen. Die Feststellung, da Erziehung eine sozialeFunktion ist, die die Leitung und Entwiddung der Unreifen durchihre Teilnahme am Leben ihrer Gruppe sicherstellt, umschlietbereits die weitere, da die Erziehung je nach der Art desGruppenlebens in den verschiedenen Gemeinschaften verschiedenist. Im besonderen ist wichtig, da eine Gesellschaft, die nicht nurim Wandel begriffen ist, sondern diesen Wandel - zum Besseren- als iI~ren Lebenszwedt betrachtet, andere Normen und Me-thoden der Erziehung haben mu als eine, die lediglich ihren un-vernderten Fortbestand erstrebt. Um die bisher dargelcgten all-gemeinen Gedanken fr unsere eigene Erziehungsarbeit verwertharzu machen, mssen wir uns zunchst mit der Eigenart des gegen-wrtigen Gesellschaftslebens nher beschftigen.

    1. Die Kompliziertheit

    der menschlichen Beziehungen

    "Gesellschaft" ist ein Wort, das viele Dinge bezeichnet. DieMenschen treten in der verschiedensten Weise und zu den ver-schiedensten Zwedten miteinander in Beziehung. Jeder einzelnegehrt einer Vielheit versmiedener Gruppen an, in denen seineGenossen ganz verschieden sein knnen. Oft sdleint es, als ob

    8 D.".yilIyll Demoltrolie 113

  • diese versdIiedenen Gruppen weiter kein gemeinsames Merkmalhtten, als da sie Formen des Zusammenlebens sind. Innerhalbjeder greren Gesellsmaftsorganisation gibt es kleinere Grup-pen: nidIt nur politisdIe Teilgruppen, sondern industrielle, wissen-sdIaftlime, religise Vereinigungen: die politisdIen Parteien mitauseinandergehenden Zielen, soziale Schimten, Cliquen, Banden,Verbnde, Teilhabersmaften, durch Bande des Blutes eng ver-bundene Gruppen, usw. in endloser Mannigfaltigkeit. In vielenmodernen Staaten sowie in manchen des Altertums gibt oder gabes sehr versmiedene Bevlkerungsteile, mit versmiedenen Spra-dIen, Religionen, Sittengesenen und berlieferungen. Von diesemStandpunkt aus ersdIeint mandIe kleiner~ politisdIe Einheit, z. B.eine Grostadt, mehr als ein Bndel lose miteinander verbundenersozialer Gruppen, denn als eine umfassende und durdIdringendeGemeinsdIaft des Handeins und Denkens (s. S. 40 ff.).

    Die Worte Gesellschaft und Gemeinsmaft sind daher doppel-sinnig. Sie drcken einmal ein Ideal, eine Norm aus, wollen aberdas andere Mal lediglich etwas tatsdIlim Vorhandenes"besmreihen; die erste ist eine Bedeutung de jure, die zweite eine solchede facto. In der Philosophie der Gesellschaft herrsmt fast stetsdie erste Bedeutung vor. Die "Gesellsmaft" wird als ihrem Wesennach einheitlich betrachtet. Die Eigensmaften, die mit dieser Ein-heit gegeben sind, eine rhmenswerte Gemeinsamkeit der Zweckeund des Wohlergehens, treue Unterordnung unter ffentlicheZwecke, Gegenseitigkeit des Mitgefhls, werden betont. Wenn wirjedoch die Tatsamen betramten, die der Begriff beschreibt, an-statt unsere Aufmerksamkeit auf die logischen Merkmale zurimten, die ihm beigelegt werden, so stoen wir nimt auf eineEinheit, sondern auf eine Vielheit von Gesellschaften, guten undbsen. Verbrecherische Verschwrungen, geschftliche Gruppen, diedas Publikum ausrauben, whrend sie ihm zu dienen vorgeben,politisme Verbnde, die nur durch das Interesse an der Beutezusammengehalten werden, fallen darunter. Wenn gesagt wird, dasseien keine "Gesellschaften", weil sie den idealen Anforderungenan solme nidIt entsprechen, so lautet unsere Antwort zunchst,da dann der Begriff der GesellsdIaft so idealisiert wird, da erzur WirklidIkeit keine Beziehung mehr hat, sodann, da jede

    (solche Gruppe etwas von den wer t voll e n Zgen der "Gesell-schaft" hat - wie sehr sie auch im Gegensan zu anderen Gruppenstehen mag -, die sie zusammenhalten. Aum unter den Diebengibt es Ehrbegriffe, und eine Ruberbande hat mit Bezug auf ihreMitglieder gemeinsame Interessen, wird durch brderliche Gefhleunter ihnen zusammengehalten. Enge Cliquen zeichnen sich durmstrenge Unterwerfung unter ihre eigenen Ordnungen aus. EineFamilie kann allen Auenstehenden gegenber durm Neigung zustrkster Absonderung, Mitrauen und Eifersumt gekennzeimnetund dennoch nach innen ein Muster freundlicher Gesinnung undgegenseitiger Hilfsbereitschaft sein. Jede Erziehung in einerGruppe und durch eine Gruppe wirkt sozialisierend auf die Gliederder Gruppe; aber die besondere Eigenart und der Wert dieserSozialisierung hngt von den Sitten und Zielen der Gruppe ab.

    So ergibt sim abermals das Bedrfnis nam einem Wertmastabefr irgendeine gegebene Form sozialen Lebens. Indem wir ihn zugewinnen suchen, mssen wir zwei Extreme vermeiden. Zunchstdrfen wir nicht rein gedanklich eine "ideale Gesellsmaft" konstruieren. Wir mssen vielmehr ausgehen von wirklich vorhan-denen Gesellschaften, um die Simerheit zu haben, da unser Idealpraktism brauchbar ist. Wie wir jedoch soeben gesehen haben,"kann das Ideal nicht einfach die Zge der Wirklimkeit wieder-holen. Die Aufgabe besteht vielmehr darin, aus den tatsdIlichvorhandenen Formen des Gemeinschaftslebens die wnschenswertenZge herauszuheben, von ihnen aus die unerwnsdIten zu kriti-sieren und auf Verbesserungen hinzuweisen. Nun finden wir injeder wie auch immer gearteten sozialen Gruppe, selbst in einerDiebesbande, gewisse gemeinsame Interessen aller Glieder sowieeIDen gewissen Betrag von Wemselwirkung und Zusammenarbeitmit anderen Gruppen. Aus diesen beiden Zgen leiten wir unsereNormen ab. Wie zahlreich u~d mannigfaltig sind die bewut ge-teilten Interessen? Wie voll und frei ist das Wemselspiel mitanderen sozialen Gruppen? Wenden wir diese Betramtungsweise

    z. B. auf eine Verbrechergruppe an, so finden wir, da die Gliedernur durm sehr wenige Bande miteinander"verknpft sind, beinahenur durch das gemeinsame Interesse am Ertrag der verbredIe-risdIen Unternehmungen; auerdem sind die Bande von soldIer

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  • Art, da sie die Gruppe im Hinblick auf den Austausch der Lebens-werte von anderen Gruppen isolieren. Daher ist die Erziehung,die eine solche Gruppe gewhrt, einseitig, parteiisch und verbogen.Betrachten wir dagegen die mustergltige Familie, so finden wir,da alle Mitglieder an materiellen, geistigen, knstlerischen Inter-essen teilhaben, da der Fortschritt jedes Mitgliedes fr die Er-fahrung aller brigen wertvoll ist (es ist leicht, alle anderen anihm teilhaben zu lassen), da die Familie als Ganzes nicht isoliert-

    'I steht, sondern in engste Verbindung mit Arbeitsgruppen, Schulen,allen Kulturfaktoren sowohl wie mit anderen ihr hnlichenGruppen tritt, da sie endlich eine angemessene Rolle in denpolitischen Gruppen spielt und umgekehrt von ihnen gest~t wird.Kurzum: es gibt in ihr viele gemeinsame, von allen Gliedern ge-teilte Interessen, es gibt zahlreiche Punkte, in denen eine mannig-faltige und freie Berhrung mit anderen Formen des Zusammen-lebens erfolgt.

    I. Wenden wir die erste Hlfte dieses Kriteriums auf einendespotisclI regierten Staat an! Es ist zwar nim.t richtig, da ineiner solchen Gruppe zwischen Regierenden und Regierten k ein eInteressengemeinschaft besteht. Die herrschenden Gewalten mssensim. irgendwie an die angeborenen Fhigkeiten der Untertanenwenden, mssen gewisse unter ihren natrlichen Krften in Be-wegung se~en. Talleyrand hat gesagt, da eine Regierung Bajo-nette zu allem gebrauchen knne, nur nicht, um darauf zu si~en.Diese zynische Formulierung enthlt immerhin das Zugestndnis,da das Einheitsband auch in diesem Falle nicht lediglich ein Er-gebnis gewaltsamen Zwanges ist. Man kann jedoch sagen, da die-jenigen Bettigungen der Untertanen, an die sich die Regierungwendet, an sich wertlos und herabwrdigend sind. Im gewissenSinne ist diese Feststellung zutreffend; sie bersieht nur die Tat-sache, da die Furcht nidlt notwendig ein unerwnschter Faktorin der Erziehung ist. Vorsicht, Umsicht, Klugheit, das Bestreben,zuknftige Ereignisse vorauszusehen, um schdliche abzuwenden,sind wnschenswerte Zge, die ebenso aus dem Furchtinstinkt er-wachsen wie Feigheit und niedrige Unterwrfigkeit. Die wirklicheSchwierigkeit liegt darin, da ausschlielim. an den iso li e r t e nFurdltaffekt appelliert wird. Es wird Angst einerseits, Hoffnung

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    auf bestimmte, greifbare Belohnung - etwa Wohlstand und Be-haglichkeit _ andererseits erweckt, whrend zahlreim.e andereFhigkeiten unberhrt bleiben. Oder richtiger: sie wer den be-rhrt, aber in einer Weise, die sie verdirbt: anstatt um ihrerselbst willen zu wirken, werden sie lediglich dem Gewinn von Lustund der Vermeidung von Unlust dienstbar gemacht.

    Das bedeutet zugleich, da es keine groe Zahl gemeinsamerInteressen gibt; es gibt kein freies Wechselspiel unter den Mit-gliedern der sozialen Gruppe. Reiz und Antwort sind auer-ordentlich einseitig. Damit sie eine groe Zahl von Werten ge-mein haben, mssen alle Glieder der Gruppe die gleiche Mglich-keit haben, den anderen zu geben und von ihnen zu nehmen.Es mu eine reiche Mannigfaltigkeit gemeinsamer Unternehmun-gen und Erfahrungen vorhanden sein. Sonst erziehen die gleichenEinftsse die einen zu Herren, die anderen zu Sklaven. Die Er'fahrung jeder dieser Gruppen verliert an Sinn und Bedeutung,wenn der freie Austausch zwischen den verschiedenen Formender Lebenserfahrung behindert wird. Die Absonderung "einer be-vorreroteten von einer Untertanenklasse verhindert die sozialeEndosmose. Die bel, von denen bei diesem Zustande die obereKlasse ergriffen wird, sind weniger materiell und weniger wahr-nehmbar, aber ebenso wirklich. Ihre Kultur kommt in die Gefahr,in Unfrum.tbarkeit zu erstarren, sim. auf sich selbst zurckzu-ziehen; ihre Kunst wird Sm.austellung und Knstelei, ihr Wohl-stand Luxus, ihre Wissensm.aft berspezialisiert; in ihren Lebens

    gewohnheiten wird sie whlerisro und inhuman.Der Mangel an jenem freien und gleichberem.tigten Wechsel

    verkehr, der aus einer Mannigfaltigkeit gemeinsamer Interessenentspringt, strt das Gleichgewicht der intellektuellen Anregung.Mannigfaltige und in sim. verschiedenartige geistige Anregung be-deutet neuartige Aufgaben, und neuartige Aufgaben fordern dasDenken heraus. Je mehr die Bettigungen auf wenige bestimmteRichtungen besrornkt sind - wie es der Fall ist, wenn starreScheidewnde zwiscb:en den Klassen ein angemessenes Wechselspielder Erfahrungen der versm.iedenen Klassen verhindern -, um somehr werden sie bei der benachteiligten Klasse zu bloer Routine,bei der materiell besser gestellten unberechenbar, planlos und

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  • explosiv. Plato definierte den Sklaven als einen Menschen, derdie sein Verhalten regelnden Zwecke von einem anderen ent-gegennimmt. Das trifft auch dann zu, wenn es keine Sklavereiim rechtlichen Sinne gibt, und zwar berall, wo Menschen imDienste der Gesellschaft ttig sind, ohne die soziale Bedeutungihrer Dienste zu verstehen, und ohne ein persnliches Interessean ihnen zu haben. Man spricht viel von wissenschaftlicher Be-triebsfhrung. Wenn man dabei die wissenschaftliche Betrachtungs-weise, die einen hohen Wirkungsgrad der Arbeit sichert, aufMuskelbewegungen beschrnkt, so ist dies eine sehr enge Auf-fassung. Die Hauptaufgabe der Wissenschaft, an der sie sich zubewhren hat, ist die Entdeckung und KlarsteIlung der Beziehun-gen zwischen dem Menschen und seiner Arbeit - einschlielich derBeziehungen zu anderen Menschen, die an der Arbeit teilnehmen-,die sein verstndiges Interesse fr die Arbeit weckt und verwertet.Ein hherer Wirkungsgrad der wirtschaftlichen Erzeugung selltoft weitgehende Arbeitsteilung voraus, Sie erniedrigt die Arbeitzu mechanischer Routine, wenn der Arbeiter die in seiner Arbeitliegenden technischen, geistigen und sozialen Beziehungen nichterkennt, wenn ihn die aus solmer Erkenntnis flieenden Antriebebei seinem Werke nicht mit bestimmen. Die Neigung, solme Dingewie den "Wirkungsgrad einer Arbeit" und die "wissensmaftlimeBetriebsfhrung" lediglim zu tedmismen uerlimkeiten herab-zuwrdigen, beweist deutlidl, da diejenigen, die die Industriebeherrschen und ihr die Zwecke sellen, unter der Wirkung einseiti-ger Denkanregungen stehen. Weil ihnen das allseitige und wohllIusgewogene Interesse abgeht, finden sie sim zur Beachtung dermensmIimen Faktoren und Beziehungen in der Industrie nimtgengend angeregt. Ihr Verstndnis wird eingeengt auf die tem-nisme Seite der Erzeugung und den Absall der Gter. Zweifelloskann dadurch eine in diesen begrenzten Gebi~ten sehr smarfe undleistungsfhige Intelligenz entwickelt werden; aber das Versagenin der Beamtung der wichtigen sozialen Faktoren bedeutet troll-dem einen intellektuellen Mangel und eine entspremende Ver-bildung des Gemtslebens.

    H. Dieses Beispiel (dessen wesentliche Punkte fr alle Ver-bnde mit mangelnder oder unzureimender Wemselseitigkeit der

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    .'-

    Interessen gelten) fhrt uns zu unserem zweiten Punkte. DieIsolierung und starre Abgesmlossenheit einer Bande oder Cliquezeigt und verstrkt zugleim ihren antisozialen Geist. Der gleimeGeist aber findet sim berall, wo eine Gruppe lediglim "ihreeigenen Interessen" hat, die sie von voller Wemselwirkung mitanderen Gruppen aussmlieen, so da der Smull des Erworbenen,nicht aber stndige Neugestaltung und Fortschritt durm Erweite-rung ihrer Beziehungen zu ihrem vorwiegenden Ziel wird. DieserGeist kennzeidmet Nationen in ihrer Absmlieung gegenein-ander, Familien, die in ihren huslimen Angelegenheiten auf-gehen, als ob sie mit einem breiteren Leben berhaupt keinenZnsammenhang htten; Smulen, wenn sie sim von den Interessendes Hauses und der Gemeinde absmlieen; die Gruppen derReimen hier, der Armen dort; die der "Gebildeten" einerseits,der "Ungebildeten" andererseits. Der wesentlime Punkt ist, daIsolierung die Verknmerung, die Erstarrung des Lebens in Institutionen, die Entwicklung statischer und selbstschtiger Idealeinnerhalb der Gruppe begnstigt. Es ist kein Zufall, da fr vielewilde Vlkerstmme das Wort "fremd" mit "feindlim" gleim-bedeutend ist; die Tatsame erklrt sim daraus, da sie ihre Er-fahrung mit strengem Festhalten an ihren hergebramten Gewohn-heiten gleimgesellt haben. Von diesem Standpunkt aus ist esdurmaus logism, Wechselverkehr mit anderen zu frmten - dennsolme Berhrung knnte mglimerweise die alten Sitten auflsen.Sie wrde simerlich zu ihrer Umgestaltung fhren. Es ist einGemeinplall, da ein wames und ausgreifendes geistiges Lebenauf der Ausweitung der Berhrungen mit der krperlimen Um-welt beruht. Das Entsprechende gilt nom bestimmter fr dasGebiet, wo wir geneigt sind, es zu bersehen: fr das Gebiet der

    sozialen Beziehungen.

    Jedes Zeitalter krftiger Ausbreitung in der Geschimte derMensmheit ist bisher zusammengefallen mit einer Zeit, in derdiese oder jene Faktoren die Abstnde zwismen frher vonein-

    ander getrennten i Vlkern und Klassen zu beseitigen strebten.Selbst die angeblimen Segnungen des Krieges - soweit sie mehrals "angeblim" sind - entspringen aus der Tatsame, da Streitig-keiten zwismen den Vlkern zum wenigsten Wechselverkehr

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  • zwischen ihnen erzwingen und sie so ungewollt in den Standsellen, voneinander zu lernen und ihren Horizont zu erweitern.Reisen, wirtschaftliche und kaufmnnische Tendenzen haben bis-her in groem Ausma an der Niederbrechung uerer Schrankengearbeitet, haben Vlker und Klassen in engere und de~tIicher~ichtbare Beziehungen zueinander gebracht. Die geistige und Ge-fhlsbedeutung dieser physischen Vernichtung des Raumes mujedodl erst noch erkannt und ausgewertet werden.

    2. Das dem 0 k rat i s ehe I d e a I

    Beide Elemente unseres Kriteriums verweisen uns auf dieDemokratie. Das erste bedeutet nicht nur zahlreimere und mannig-faltigere gemeinsame Interessen, sondern aum grere Zuversimtdarauf, da das wemselseitige Interesse als Faktor in der Rege-lung sozialer Beziehungen anerkannt wird. Das zweite bedeutetnicht nur freiere Wemselwirkung zwismen versmiedenen sozialenGruppen (die einst so streng getrennt wurden, wie es bewuterAbsimt irgend erreimbar war), sondern aum dauernde Umge-staltung des sozialen Verhaltens, seine bestndige Neuanpassungan die durm mannigfaltige Wemselwirkung entstehenden neuenSamlagen. Und genau diese beiden Dinge sind es, die eine demo-kratisdl aufgebaute Gesellsmaft kennzeimnen.

    Mit Bezug auf die Erziehung bemerken wir zunmst, da eineForm des sozialen Lebens, bei der sim die versmiedenen Inter-essen wemselseitig durmdringen und Fortsmritt oder Neuan-passung ein wimtiges Moment ist, ein strkeres Interesse der(demokratischen) Gemeinsmaft an planmiger Erziehung erzeugtals eine anders geartete, bei der weniger Grund fr ein solchesInteresse vorhanden ist. Da sich die Demokratie der Erziehungin besonderem Mae hingibt, ist eine bekannte Tatsame. DieoberHmlime Erklrung dafr ist, da eine auf dem allgemeinenWahlremt beruhende Regierung nimt erfolgreim sein kann, wenndiejenigen, die die Regierung whlen und ihr zu gehormen haben,nicht erzogen sind. ))a eirie demokratisme Regierung ~en Grund-sall der von auen her wirkenden Autoritt zurl.kweist, mu siesie durm freiwillige Bereitsd18ft zur Unterordnung aus Interesse

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    .'

    ersellen; diese kann nur durch Erziehung geschaffen werden. Derlellte Grund liegt jedoch tiefer. Die Demokratie ist mehr als eineRegierungform; sie ist in erster Linie eine Form des Zusammen-lebens, der gemeinsamen und miteinander geteilten Erfahrung.Die Vermehrung der Individuen, die an einer bestimmten Ange-legenheit so interessiert sind, da jeder sein Handeln zu dem deranderen in Beziehung zu sellen und umgekehrt das Handeln deranderen fr sein Tun in Rechnung zu stellen hat, und die Ver-grerung des Raumes, ber den sie verteilt sind, bedeutet denNiederbruch jener Schranken zwischen Klassen, Rassen und natio-nalen Gebieten, die es den Menschen unmglich mamten, dievolle Tragweite ihrer Handlungen zu erkennen. Diese zahlreimerenund mannigfaltigeren Berhrungspunkte bedeuten eine grereMannigfaltigkeit der Reize, auf die ein Individuum zu antworten

    hat, und sellen daher einen Preis auf die grere Mannigfaltigkeitseines Handeins. Sie bewirken eine Befreiung der Krfte, die beinur einseitigen Anregungen zum Handeln, wie sie in einer iso-lierten, viele Interessen ausschlieenden Gruppe gegeben sind,unterdrl.kt oder nimt entwil.kelt werden.

    Die Aus~eitung des Gebietes gemeinsamer Interessen und dieEntbindung einer- greren Mannigfaltigkeit persnlimer Fhig-keiten, die eine Demokratie kennzeichnen, sind natrlim nimtdas Ergebnis von berlegung und bewuter Bemhung. Sie wurdenim Gegenteil veranlat durm die Entwil.klung neuer Formen derIndustrie, des Handels, des Reisens, durm Vlkerwanderungenund internationalen Gedankenaustausch, die aus der Herrsmaftder Wissensmaft ber die Naturkrfte erwumsen. Nachdem jedomeine strkere Individualisierung einerseits, eine breitere Gemein-samkeit der Interessen andererseits entstanden sind, ist es Sachewohlberlegter Bemhungen, sie zu erhalten und auszudehnen.Eine Gesellschaft, fr die eine Spaltung in getrennte Schichtenverhngnisvoll werden wrde, mu offenbar darauf bedacht sein,da die geistigen Mglichkeiten allen gleimmig und leimt zu-gnglich bleiben. Eine in Klassen gegliederte Gesellschaft braumtnur der Erziehung ihrer herrschenden Elemente besondere Auf-merksamkeit zuzuwenden. Eine beweglime Gesellschaft, die von

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  • zahllosen Kanlen durchzogen ist, durch die eine irgendwo inner-halb ihres Bereiches entstehende Vernderung berallhin wirkt,mu darauf halten, da ihre Mitglieder zu persnlicher Initiativeund Anpassungsfhigkeit erzogen werden. Sonst werden sie durwdie Umgestaltung, in die sie verwickelt werden, berwltigt, weilsie ihre Bedeutung und ihre Beziehungen niwt verstehen. DasErgebnis wre eine allgemeine Verwirrung, in der siw einigewenige die Ergebnisse der blinden und von auen her geleitetenBettigungen der anderen zunu~e mawen wrden.

    3. Die Erz i e h u n g s phi los 0 phi e P I a tos

    In spteren Kapiteln wird im einzelnen herausgestellt werden,was In der demokratischen Idee der Erziehung implizite enthaltenist; in diesem Kapitel sollen noch die pdagogischen Theorienbetrachtet werden, die in drei verschiedenen Zeiten entwickeltworden sind, in denen die soziale Bedeutung der Erziehung be-sonders offenkundig war. Die erste von ihnen ist die Erziehungs-theorie Platos. Eine Gesellschaft ist dauerhaft eingerichtet, wennjeder das, wofr er befhigt ist, in der Weise tut, da er anderenn~t (oder dem Ganzen dient, dem er zugehrt) - niemandknnte diese Tatsache besser zum Ausdruck bringen, als es Platogetan h~t. Niemand knnte besser darlegen als er, da es die Auf-gabe der Erziehung ist, diese Befhigungen herauszufinden undsie fr die soziale Verwertung zu schulen. Vieles von dem bisherGesagten ist von Plato zuerst bewut gelehrt worden. Bedingungenjedow. die er intellektuell nicht meistern konnte, fhrten ihndazu, die Anwendung dieser Ideen einzusdIrnken. Er gelangtenidIt zu einer klaren Auffassung der unendlidIen Vielheit von Be-ttigungen, die ein Individuum und eine soziale Gruppe kenn-zeidInen knnen, und sein GesidItkreis umfate deshalb nur wenigebestimmte Klassen von Fhigkeiten und sozialen Ordnungen.

    Plato geht davon aus, da die Organisation der GesellsdIaftle~ten Endes auf der EinsidIt in den Zweck de_s Daseins beruht.Wenn wir diesen Zweck nicht kennen, sind wir dem Zufall undder Willkr ausgeliefert. Ohne Erkenntnis des Zieles, des "Guten",haben wir kein Kriterium fr eine vernnftige EntsdIeidung dar-

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    ,.ber, welwe Mglichkeiten wir fordern, wie wir die sozialen Ver-hltnisse ordnen sollen. Wir haben keinen Begriff von den rechtenGrenzen und der angemessenen Verteilung der Bettigung - waser "Gerewtigkeit" nannte -, d. h. von einem wesentliwen Zugeder individuellen und sozialen Organisation. Wie kann aber da3hchste und dauernde Gut erkannt werden? Bei dem Versuw derBeantwortung dieser Frage stehen wir vor dem answeinend un-berwindliwen Hindernis, da diese Erkenntnis nur innerhalbeiner gerechten und harmoniswen sozialen Ordnung erlangt wer-den kann. berall sonst wird der Geist durw falswe Wertungenund falsche Gesichtpunkte abgelenkt und irregefhrt. Eine zer-rttete und zerspaltene Gesellswaft stellt verschiedene Vorbilderund Normen auf. Unter ihrem Einflu ist es dem einzelnen un-mglich, zur Widerspruchslosigkeit des Denkens zu gelangen. Nurein vollkommenes Ganzes ist vllig im Einklang mit sich selbst.Eine Gesellschaft, die auf der von vernnftigen oder angemessenenAnsprchen unabhngigen Vorherrschaft des einen oder anderenFaktors beruht, mu das Denken unvermeidlich in die Irre leiten.Sie rckt gewisse Dinge ungebhrliw in den Vordergrund undgleitet ber andere hinweg; sie erzeugt einen Geist, dessen anscheinende Einheitliwkeit erzwungen und verbogen ist. Die Er-ziehung geht zule~t von den Musterformen aus, die von Ein-riwtunge~, Sitten und Gese~en dargestellt werden. Nur in einemgerechten Staate werden diese so beschaffen sein, da sie diere c h te Erziehung bewirken, und nur diejenigen, die einenrichtig gebildeten G,eist besi~en, werden imstande sein, den le~tenZweck, das ordnende Prinzip der Dinge zu erkennen. So scheintes, da wir in einem hoffnungslosen Zirkel gefangen sind. Platozeigte jedow einen Ausweg: einige wenige Menschen, Philosophen,Liebhaber der Weisheit - oder der Wahrheit -knnen durdIgenaues Studium wenigstens in den Hauptzgen die Musterbilderdes wahren Seins erkennen. Wenn ein mchtiger Herrswer einenStaat nadI diesen Musterbildern aufbauen wrde, so knntenseine Regelungen erhalten werden. Es knnte fr eine Erziehung

    gesorgt werde~, die die Individuen aussieben wrde, herausfindenknnte, wofr sie geeignet sind, die eine Methode finden knnte,um jedem die Arbeit zuzuweisen, zu der er durch seine Natur

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  • !lerufen ist. Wenn jeder seine ihm so zugewiesene Arbeit tun undniemals die ihm gezogenen Grenzen berschreiten wrde, wrdendie Ordnung und Einheit des Ganzen aufrechterhalten bleiben.

    Es gibt in keinem System des philosophischen Denkens einebesser zutreffende Anerkennung einerseits der erziehlichen Be-deutung sozialer Ordnungen, andererseits der Abhngigkeit dieserOrdnungen von den zur Erziehung der Jugend verwandten Mitteln.Es ist nirgends eine tiefere Einsicht in die Aufgabe der Erziehung- die Erkennung der persnlichen Fhigkeiten und ihre Schulungzum Zusammenwirken mit denen der anderen - vorhanden ge-wesen. Die Gesellschaft, in der diese Theorie vertreten wurde,war jedodl so undemokratisch, da Plato eine Lsung des Pro-blems nicht geben konnte, so klar er auch die Bedingungen derAufgabe bersah.

    Whrend er nachdrcklich forderte, da die Stelle des Indi-viduums in der Gesellschaft nicht durch Geburt oder Reichtumoder irgendwelche konventionellen Regeln bestimmt werden drfe,sondern durch seine Wesensart, wie sie durch den Vorgang derErziehung erkannt werden sollte, so hatte er doch keine Vor-stellung von der Einzigartigkeit des Individuums. Fr ihn gehrtjeder von Natur in eine bestimmte Klasse, nodt dazu in eine,deren es nur sehr wenige gibt. Die prfende und sichtende Funk-lion der Erziehung zeigt nur, zu weldler von drei Klassen ein ein-zelner gehrt. Da jedes Individuum eine Klasse fr sich darstellt,bleibt unerkannt; darum gibt es auch keine Anerkennung derunendlichen Mannigfaltigkeit der aktiven Tendenzen und ihrerVerbindungen, die bei einem Individuum mglich sind. Es gibtberhaupt nur drei typische Fhigkeiten oder Krfte in der Kon-stitution des Individuums. So gelangte die Erziehung in jederKlasse sehr bald zu einer festen, unberschreitbaren Grenze; dennnur die Mannigfaltigkeit fordert Wandel und Fortschritt.

    In einigen Menschen herrschen von Natur die Begehrungen vor;sie werden dem Handel und der arbeitenden Klasse zugewiesen,die die Wnsdte der Mensdlen zum Ausdruck. bringen und be-friedigen. Bei anderen zeigt sidl in der Erziehung, da sie be rden Begehrungen Groherzigkeit, Initiative, ausgesprodlenen Mut

    ]24

    b

    .'besi~en; sie werden die Brger-Untertanen des Staates, seine Ver-teidiger im Kriege, seine Besdt~er nadt innen hin im Frieden.Ihre Schranken liegen an ihrem Mangel an Denken, das die Fhig-keit zum Erfassen des Allgemeinen ist. Diejenigen, die auch dieseFhigkeit besi~en, sind fr die hdtste Art der Erziehung geeignetund werden zu gegebener Zeit die Gese~geber des Staates - dennGese~e sind die Allgemeingltigkeiten, die die Einzelheiten derErfahrung beherrschen. Es ist demnadt nidtt ridttig, da Platobewut und absichtlidt das Individuum dem Sozialen ganz unter-ordnete. Ridttig aber ist, da ihm die Erkenntnis von der Einzig-artigkeit des Individuums, seiner Unvergleidtbarkeit mit anderenabging, da er infolgedessen nidtt erkannte, da eine Gesellschaftwandelbar und dodt bestndig sein kanu; deshalb fhrte seineLehre von der beschrnkten Zahl von Fhigkeiten und sozialenKlassen im Endergebnis zu dem Gedanken der Unterordnung des

    Individuums.

    An die Stelle der berzeugung Platos, da ein Mensch glck.-lidt und die Gesellsdtaft wohlorganisiert ist, wenn jeder einzelnemit dem besdtftigt ist, wofr er von Natur geeignet ist, knnenwir audt heute nidtts Besseres se~en; das gleiche gilt von derAuffassung, da es die erste AufgaBe der Erziehung ist, diese seineeigentmlidte Ausstattung jedem deutliro zu machen und ihn frihre erfolgreiche Verwertung zu schulen. Der Fortschritt der Er-kenntnis hat uns jedoch gewahr werden lassen, wie oberfldIlidlPlatos grobe Einteilung der Individuen und ihrer ursprnglichenFhigkeiten in drei sroarf gesdliedene Klassen ist; wir haben er-kannt, da die ursprngliroen Fhigkeiten von unbestimmter Zahlund Mannigfaltigkeit sind. Von der anderen Seite gesehen, knnenwir dies so ausdrcken: in demselben Grade, in dem sich eineGesellsroaft demokratisiert hat, bedeutet die soziale Organisationdie Verwertung der besonderen und versroiedenen Fhigkeitender einzelnen, nidtt Gliederung in starre Klassen. Obgleidl diesePhilosophie revolutionr war, lag sie dodt im Banne statisdterIdeale. Plat!! hielt Wandel und Umgestaltung fr gleichbedeutendmit gese~loser Unbestndigkeit; das erote Sein war ihm unwandel-bar. Whrend er eine grundslJliche und tiefgreifende Umgestal-tung des bestehenden Staates wollte, war sein Ziel der Aufbau

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  • eines Staates, in dem nachher fr irgendwelchen Wandel kein Pla!Swar. Das le!Ste Ziel des Lebens ist festgelegt; ein im Hinbli

  • wrde, so war man berzeugt, in den Beziehungen der Menschenzueinander das gleiche Ergebnis zeitigen, wenn die Menschheit nurdes knstlichen, von Menschen auferlegten, sie beengenden Zwangesledig werden knnte.

    Eine im Einklange mit der Natur stehende Erziehung wurdeals erster Schritt zur Herbeifhrung dieser sozialen Gesellschaftbetradltet. Es lag offen zutage, da wirtschaftliche und politischeSchranken zule~t auf Beschrnkungen des Denkens und Fhlensberuhten. Der erste Schritt zur Befreiung der Menschen von ue-ren Ketten war ihre Befreiung von den inneren Ketten falscherGlaubenssne und Ideale. Was man "G e seils eh a f t" nannte- die bestehenden Einrichtungen -, war zu falsch und zu ver-derbt, um mit dieser Aufgabe betraut zu werden. Wie konnte manvon ihr erwarten, da sie etwas unternehmen wrde, was ihreeigene Zerstrung bedeutete? So war die Na t u l' die Macht, derman das Werk berlassen mute. Selbst die extrem sensualistisdleErkenntnistheorie der damaligen Zeit leitete sich aus dieser Auf-fassung ab. Die Behauptung, da der menschliche Geist ursprng-lich leer und passiv sei, war ein Mittel, nm die Bedeutung derErziehung um sO grer erscheinen zu lassen. Wenn der Geist eineWachstafel war, auf der die Dinge der Welt Eindrcke hervor-brachten, waren die Mglichkeiten der Erziehung dnrch die natr-lidle Um~elt unbegrenzt. Und da die Welt der natrlichen Dingeein Sdlaupla~ harmonischer"Wahrheit" ist, mute diese Erziehungunfehlbar von der Wahrheit erfllte Geister erzeugen.

    5. N a ti 0 n al- und S 0 z i alp d a g 0 gi k

    Sobald die erste Begeisterung fr die Freiheit verblich, wurdedie Schwche der aufbaueuden Seite dieser Theorie offensichtlich.Alles lediglich der Natur zu berlassen, hie schlielich die Ideeder Erziehung geradezu verneinen, hie den Zuflligkeiten derUmstnde vertrauen. Man brauchte nicht nur ein geordnetes Ver-fahren, sondern auch ein bestimmtes Werkzeug, ein Verwaltungs-organ fr die Durchfhrung der Erziehungsmanahmen. Die Ver-wirklichung der "vollen und harmonischen Entwiddung aller

    ~,

    Krfte", deren soziales Gegenstck eine aufgeklrte und fort-schrittliche Menschheit war, madlte eine bestimmte Organisationnotwendig. Einzelne Menschen hier und da konnten wohl dasEvangelium verknden, aber das Werk nicht durchfhren. EinPestalozzi konnte Versuche anstellen und reiche und mchtigeMenschen freundlich ermahnen, seinem Beispiel zu folgen. Aberselbst er sah, da eine wirksame Durchfhrung des Ideales ohnedie Unterst~ung des Staates unmglich war. Es waren schlielichdie bestehenden Staaten, auf denen die Verwirklichung der zurEntwicklung einer neuen Gesellschaft bestimmten neuen Erziehungberuhte: die demokratische Bewegung wurde notwendig eine Be-wegung fr ffentliche und ffentlich verwaltete Schulen.

    In Europa fhrte die geschichtliche Lage dazu, die Bewegungfr eine vom Staat getragene Erziehung mit der nationalen Be-wegung im politischen Leben gleichzuse~en - eine Tatsache vonunberechenbarer Bedeutung fr die zuknftigen Entwicklungen.Unter dem Einflu deutschen Denkens vor allem wurde Erziehungzu einer staatlichen Angelegenheit, und als ihre Aufgabe wurdebetramtet, das Ideal des nationalen Staates zu verwirklimen. Andie Stelle der "Mensmheit" trat der Staat, an die Stelle des Welt-brgertums das Staatsbrgertum. Die Bildung des Staatsbrgers,nicht des Mensmen, wurde das Ziel der Erziehung 1 Die geschimt-liche Lage, auf die hier Bezug genommen wird, war die Aus.wirkung der napoleonischen Eroberungen, besonders in Deutsch-land. Die deutsmen Staaten fhlten (und die spteren Ereignissebesttigten die Richtigkeit dieses Glaubens), da systematischeErziehung das beste Mittel zur Wiedergewinnung und Aufremt-erhaltung ihrer politischen Unversehrtheit und ihrer Macht war~uerlim waren sie schwach und uneinig. Unter der Fhrung

    1 Bei Rousseau findet sich eine sehr vernachlssigte Gedankenreihe,die in der gleichen Richtung verluft. Er bekmpfte den gegebenen Zu.stand der Dinge mit der Behauptung, da er weder den Staatsbrgernoch den Menschen bilde. Unter diesen gegebenen Zustnden schien esihm gerate,!er, lieber das lebte als das erste zu versuchen. Es gibt jedochviele Aussprche von ibm, die auf die Bildung des Staatsbrgers als dieim idealen Sinn h her e Aufgabe hinweisen und andeuten, da seineim Emile verkrperten eigenen Bestrebungen lediglich den besten Not.behelf darstellten, den die Verderbnis der Zeit anzudeuten gestattete.

    128 9 Dewey/HyUa, Demokratie 129

  • preuisdter Staatsmnner madlten sie aus dieser Sadtlage einenAnreiz zur Entwicklung eines umfassenden und festgegrndetenffentlidten Erziehungssystems.

    Dieser Umsdlwung in der Praxis bewirkte notwendig audt einenWandel in der Theorie. Die individualistische Theorie trat in denHintergrund. Der Staat lieferte nidtt nur die Mittel und Einridt-tungen der ffentlidten Erziehung, sondern stellte audt ihre ZieleIiuf. Wenn das Sdtulsystem von der Elementarsdtule bis zur Uni-~ersitt den guten Staatsbrger und Soldaten, den zuknftigenStaats- und Verwaltungsbeamten erzog, sowie die Mittel fr diemiIitrisdte, wirtsdtaftlidte und politische Verteidigung und Aus--dehnung bereitstellte, war es fr die Theorie unmglidt, den Wertdes einzelnen fr die Gesellschaft als Erziehungsziel gering zusdtten. Bei der ungeheuren Bedeutung des Nationalstaates, der'l"on anderen mit ihm wetteifernden und mehr oder weniger feind-lidten Staaten umgeben war, war es ebenso selbstverstndlidt, dader Begriff des "Wertes fr die Gesellschaft" nicht im Sinne einesunbestimmten weltbrgerlidten Humanismus ausgelegt werdenkonnte. Da die Aufredtterhaltung der Staatshoheit die Unterord-nung der einzelnen unter die hheren Interessen des Staates so-wohl in Fllen der Verteidigung mit den Waffen wie im Kampfeum die wirtsdtaftlidte Vormadtt erforderte, wurde diese Unter-ordnung als wesentlidter Zug des "Wertes fr die Gesellschaft"angesprodlen. Erziehung wurde mehr als straffe Sdlulung denn alspersnlidte Entfaltung betradltet. Da jedodt die Auffassung vonder Kultur als voller Entwicklung der Persnlidtkeit fortbestand,so versudtte die Philosophie der Pdagogik eine Vershnung derheiden Ideen. Sie wurde in dem Gedanken gefunden, da der Siaat"organisdten" Charakter habe. Der einzelne in seiner Abson~erungist nidtts; zur Persnlidtkeit wird er nur, indem er die Ziele undSinngehalte organisierter Einrichtungen in sidt aufnimmt. Was alsseine Unterwerfung unter die Staatsgewalt, als Aufopferung deseigenen Idts zugunsten der Forderungen bergeordneter Stellenersdteint, ist in Wirklichkeit nur die Hineinbildung seiner Ver-nunft in den im Staate verwirklichten objektiven Geist, und damitder einzige Weg, seine Vernunft zu entwickeln. Derjenige Ent-wicklungsbegriff, der nadt unserer Darlegung fr den objektiven

    .'Idealismus (der Hegelsdten Philosophie) kennzeidtnend ist, wargerade ein planmiger Versudt, die beiden Ideen der vollkomme-nen Verwirklidtung der Persnlidtkeit und der grundstlichengehorsamen Unterordnung unter bestehende Einridttungen so zuverbinden.

    ber die Tragweite der Umgestaltung der Erziehungsphilo-80phie, die sidt in Deutsdtland im Zeitalter des nationalen Un-abhngigkeitskampfes gegen Napoleon vollzog, unterridttet einBlick in die Sdtriften Kants, der die frheren individualistisdt-weltbrgerlidten Ideale gut zum Ausdruck bringt. In seinen Ab-handlungen ber Pdagogik, die aus in den letten Jahren des18. Jahrhunderts gehaltenen Vorlesungen bestehen, definiert er dieErziehung als den Vorgang, durdt den der Mensdt zum Mensdtenwird. Im Beginn seiner Gesdtidtte ist der Mensdt nidtts als Natur,die nur Instinkte und Begehrungen kennt, nidtt M e n s c h imSinne eines vernnftigen Wesens. Die Natur bietet nur die Keimedar, deren Entwicklung und Vervollkommnung Aufgabe der Er-ziehung ist. Die Besonderheit des edtt mensdtlidten Lebens bestehtdarin, da der Mensdt sidt selbst durdt seinen eigenen Willensdtaffen mu: er mu sidt zu einem sittlidten, vernnftigen undfreien Wesen gestalten. Um diese sdtpferisdte Aufgabe haben sidt,,-iele Gesdtledtter lange und mit langsamem Fortsdtritt bemht.Die Bescllleunigungdes Fortsdtrittes kann nur erreidtt werden,wenn die Mensdten bewut danadt streben, ihre Nachfolger nichtfr den ge gen w r ti gen Zustand der Dinge zu erziehen, son-dern im Hinblick auf die Herbeifhrung eines besseren Zustandesder Mensdtheit in der Zukunft. Dabei besteht jedodt eine groeSdtwierigkeit. Jedes Gesdtledtt ist geneigt, seine Jungen fr diegegenwrtige Welt zu erziehen, nidtt im Hinblick auf das eigent.Iidte Erziehungsziel: die Frderung der bestmglidten Verwirk.lidtung des Mensdtheitsgedankens. Die Eltern erziehen ihre Kin-der so, da sie in der Welt vorwrtskommen, die Frsten ihreUntertanen als Werkzeuge fr ihre eigenen Zwecke.

    Wer soll demnadt die Erziehung 80 durdtfhren, da dieMenschheit besser wird? Wir mssen uns auf die privaten Be-mhungen aufgeklrter Mnner verlassen. "Alle Kultur beginntmit den Bemhungen von Privatleuten und strahlt von ihnen

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  • aus. Die allmhlime Annherung der" mensmiimen Natur an ihrZiel ist nur mglim durm die Bemhungen von Leuten mit um-fassendem Weitblick, die fhig sind, das Ideal einer besseren Zu-kunft zu erfassen. Die Herrsmenden sind an der Erziehung nurinsoweit interessiert, als sie ihre Untertanen zu besseren Werk-zeugen ihrer eigenen Absimt mamt." Selbst die Untersttungprivater Smulen durdl die Herrsmenden mu sorgfltig beob-achtet werden. Die Herrsmenden sind am Wohl ihres eigenenVolkes, nidlt am Wohle der Mensmheit interessiert; das veranlatsie zu dem Wunsdl, audl die Plne der Smulen zu bestimmen,sobald sie Geld fr sie hergeben. - Wir finden in diesen Aus-fhrungen eine klare Darstellung der Gesichtspunkte, die fr dasindividualistisclIe Weltbrgertum des 18. Jahrhunderts kenn-zeiclInend waren. Die volle Entwicklung der Einzelpersnlichkeitwird mit den Zielen der Men~clIheit als Ganzes und mit dem Ge-danken des FortsclIrittes gleiclIgesett. ZugleiclI sehen wir eineausgesproclIene FurclIt vor einer vom Staate geleiteten und ge-regelten Erziehung als einer Gefiihrdung fr die VerwitkliclIungdieser Ideen. Weniger als zwei Jahrzehnte spter predigten Kantsphilosophische NaclIfolger FiclIte und Hegel den Gedanken, dadie Hauptaufgabe des Staates die Erziehung sei, da im beson-deren die Wiedergeburt Deutschlands nur durch eine im Interessedl's Staates durdlgefhrte Erziehung mgliclI sei, da der einzelnevon Natur selbstsdltig, unvernnftig, seinen Begehrungen undden Umstnden preisgegeben sei, wenn er sich den Geseten undEinriclItungen des Staates nicht freiwillig unterwirft. In diesemSinne war Deutschland das erste Land, das ein ffentliclIes, all-gemeines und pichmiges Erziehungswesen von der Volks- biszur HoclIsclIule aufbaute und alle private Erziehungsttigkeit einereifersclItigen staatliclIen Regelung und AufsiclIt unterwarf.

    Aus diesem kurzen gesclIichtliclIen berblick ergeben siclI zweiwiclItige Resultate. Das erste ist, da Ausdrcke wie die "indi-vidualistisme" oder die "soziale Auffassung der Erziehung" imganzen genommen und aus ihren Zusammenhngen gerissen be-deutungslos sind. Platos Ideal war eine Erziehung, die einen Aus-gleiclI zwischen individueller Auswirkung einerseits, sozialemBestand und Zusammenhang andererseits zustande brachte. Seine

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    ~

    .'zeitbedingte Lage prete dieses Ideal in den Begriff einer inKlassen organisierten GesellsclIaft, und in diesen Klassen verlorer den einzelnen. Die Erziehungsphilosophie des 18. Jahrhundertswar in ihrer Form durclIaus in d i v i d u a I i 8 t i s eh; aber dieseForm war durch ein edles und hohes 8 0 z i ale s Ideal inspiriert,durclI das einer die ganze Mensmheit umsclIlieenden Gesellschaft,die die unbegrenzte Vervollkommnung des einzelnen sidlerstellte.Aucl:t die deutsche idealistiscl:te Philosophie des 19. Jahrhundertsstrebte nacl:t einem Ausgleicl:t zwischen den Idealen einer freienund vollen Entwicklung der kultivierten Persnlicl:tkeit und einersozialen Zucl:tt und politischen Unterordnung. Sie machte denNationalstaat zu einem Mittelglied zwismen der VerwirklidlUngder EinzelpersnliclIkeit auf der einen und der Humanitt auf deranderen Seite. Man kann daher ihr Grundprinzip mit dem klassi-sclIen Ausdruck "harmonisme Entwicklung aller Krfte der Men-sdIennatur", mit demselben Recht aber aucl:t - in neuerer Rede-weise - als "Wert fr die Gesellschaft" bezeichnen. All dies be-sttigt die Feststellung am Anfang dieses Kapitels: die Auffassungder Erziehung als sozialer Vorgang und soziale Funktion hat solange keine bestimmte Bedeutung, als wir die Gesellschaft, die wirim Auge haben, nicht genau bezeiclmen.

    Diese Erwgungen bahnen den Weg zu unserer zweiten Sclllu-folgerung. Eines der Grundprobleme der Erziehung in einer demo-kratisclIen Gesellschaft und fr eine solclIe ist der Gegensats zwisdIen einem nationalen unr!. einem umfassenden sozialen Ziel. Dieltere weltbrgerliclIe and humanistisclIe Auffassung litt sowohlunter allgemeiner Unbestimmtheit als audI unter dem Mangelbestimmter Ausfiihrungs- und Verwaltungsorgane. In Europa,hauptsachlicl:t in den festlndiscl:ten Staaten, wurde die neue Ein-simt in die Bedeutung derErziehung fr das Wohl und den Fort-scl:tritt der Menscl:theit durcl:t nationale Interessen eingeengt undin den Dienst einer in ihren Zielen engen und hesdIrnkten Auf-gabe gestellt. Das soziale Ziel der Erziehung wurde mit dem

    nationalen gleichgesebt, und die Folge war, da die Bedeutungdes sozialen Zieles verdunkelt wurde.

    Diese Verwirrung entspriclIt der SaclIlage auf dem Gebiete derBeziehungen zwischen den Menscl:ten berhaupt. WissensdIaft,

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  • Handel und Kunst auf der einen Seite kennen keine nationalenGrenzen. Sie sind in Methode und Eigenart weithin international.Sie verlangen wechselseitige Beeinflussung und Zusammenarbeitder Vlker verschiedener Lnder. Auf der anderen Seite ist derGedanke der politischen Unabhngigkeit der einzelnen Staatenvoneinander nie so stark betont worden wie in der Gegenwart.Jedes Volk lebt mit seinen Nachbarn in einem Zustande unter-driickter Feindseligkeit und latenten Krieges l Jedes wird alshdlster Ridlter ber seine eigenen Interes'sen anerkannt, und eswird als Selbstverstndlichkeit vorausgesett, da es ausschlielidtihm eigene Interessen besitt. Dies anzuzweifeln heit den Grund-gedanken der nationalen Unabhngigkeit der Staaten in Fragestellen - und damit die Grundlage der politischen Praxis und derpolitisdten Wissenschaft. Dieser Widerspruch (denn es is.t nichtsGeringeres!) zwischen dem breiteren Gebiet verflodttenen sozialenLebens in wedtselseitiger Hilfe und dem engeren Raum der aufein Volk besdlrnkten und darum (wenigstens latent) feindseligenZwecke und Absichten zwingt die pdagogische Besinnung zu einerklareren Erfassung der Bedeutung des Wortes "sozial" im Sinneeiner Funktion und eines Wertmastabes fr die Erziehung.

    Ist es mglidt, da ein Erziehungswesen von einem nationalenStaate getragen. wird, ohne da die letten und umfassendstenZiele des Erziehungsvorganges eingesdlrnkt, behindert oder ver-derbt werden? Beim Versuch einer Beantwortung dieser Fragesehen wir uns nadl innen hin den aus der gegenwrtigen Wirt-echaftslage geborenen Bestrebungen gegenber, die die Gesellschaftin Klassen zerteilen und einige davon lediglidt zu Werkzeugenfr die hhere Kultur der anderen manchen wollen; nach auenhin stehen wir vor der Aufgabe, die Treue zum Staat, die Vater-landsliebe einerseits zu vershnen mit der Hingabe an die alleMenschen ohne Rcksicht auf staatliche Grenzen verbindendengemeinsamen Ziele uud Aufgaben. Keine dieser beiden Seiten desProblems kann einfach verneint werden. Es gengt nicht, blo zuverhindern, da die Erziehung als ein Mittel zur Erleichterungder Ausbeutung einer Klasse durch eine andere gehandhabt wird.Es mssen so umfassende Erziehungseinrichtungen gesmaffen

    1 Anm. d. berse\5ers: geschrieben 1916!

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    &'.werden, da sie in Wirklimkeit, nidtt nur dem Namen nach, dieUngleidtheiten der wirtschaftlimen Lage mildern und allen demVolk anvertrauten Kindern die gleidte Ausrstung fr ihre zu'knftige Laufbahn sichern. Die Erfllung dieser Forderung verbngt nicht nur angemessene Bereitsstellung von Smuleinrimtun-gen auf dem Verwaltungswege und eine solme Ergnzung derFamiliellmittel, da die Jugend durmweg in den Stand gesettwird, sidt ihrer zu bedienen, sondern auch eine solche Umbildungder nationalen Kulturideale, der herkmmlimen Lehrgegenstnde.Lehr- und Erziehungsmethoden, da die gesamte Jugend so langein der Hand der Erziehung bleibt, his alle ihre wirtsmaftliche undsoziale Laufbahn selbst zu meistern imstande sind. So fern derheutigen Wirklimkeit dieses Ideal auch ersmeinen mag: dasdemokratische Erziehungsideal ist ein lcherlimer, aber zugleimtragismer S ehe in, wenn und soweit es nicht unser ffentlimesSmulwesen mehr und mehr beherrsmt.

    Das gleiche Prinzip gilt auch fr die Erwgungen ber dieBeziehungen der versmiedenen Vlker zueinander. Es grngtnicht, die Smrecken des Krieges zu smildern und alles zu ver-meiden, was Eifersucht und Feindseligkeit der Vlker gegenein-ander erwecken knnte. Der Nachdruck mu auf all das gelegtwerden, was die Vlker ber die geographischen Grenzen hinwegan gemeinsamen menschlimen Zielen und Zwecken verbindet. DieEinsicht, da die Souvernitt der einzelnen Nationen gegenberden volleren, freieren und frumtbareren Verbindungen undWechselbeziehungen aller l\Iensmen miteinander als Provisoriuman die zweite Stelle zurtlcktreten mu, mu den Geistern zumwirksamen Besi.\} gemamt werden. Wem diese Anwendungen voneiner Errterung der Erziehungsphilosophie weitab zu liegenscheinen, der hat die auf diesen Seiten frher entwickelte Be-deutung der Erziehungsidee nodl nicht richtig erfat. DieseSchlsse hngen mit der Idee der Erziehung als einer Befreiungder individuellen Fhigkeiten in fortsmreitendem Wadtstum und

    im Dienste sozialer Zwecke aufs engste zusammen. Weicht manihnen aus, so gibt man die Folgrrichtigkeit in der Anwendun~des Kriteriums der demokratismen Erziehung auf.

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  • Zusammenfassung

    Da Erziehung ein sozialer Vorgang ist, und da es die verschie-densten Formen menschlicher Gl"meinschaften gibt, sent einekritische und aufbauende Betrachtung der Erziehungsprobleme einbestimmtes soziales Ideal voraus. Die beiden Gesichtpunkte, vondenen aus der Wert einer bestimmten sozialen Lebensform be-urteilt werden mu, sind einmal: das Ausma, in dem alle Gliedereiner Gruppe an den Interessen derselben teilhaben, zum anderen:die Flle und Freiheit des Zusammenwirkens dieser Gruppe mitanderen Gruppen. Eine unerwnschte "Gesellschaft" mit anderenWorten ist eine solche, die durch Schranken, die sie innerhalbihrer selbst und um sich herum aufrichtet, den freien Verkehrund den Austausch der Erfahrung hemmt. Eine Gesellschaft da-gegen, die fr die gleicllmige Teilnahme aller ihrer Gliederan ihren Gtern und fr immer erneute biegsame Anpassung ihrerEinrichtungen durch Wecllselwirkung zwischen den verschiedenenFormen des Gemeinschaftslebens sorgt, ist insoweit demokratisch.Eine solche Gesellschaft braucht eine Form der Erziehung, die inden einzelnen ein persnliches Interesse an sozialen Beziehungenund am Einflu der Gruppen weckt und diejenigen geistigen Ge-whnungen schafft, die soziale Umgestaltungen simern, ohne Un-ordnung herbeizufhren.

    Von diesem Gesimtpunkt aus sind drei typisme Erziehungs-philosophien betramtet worden. Wir erkannten, da die PI a t 0 -ni s ehe Phi los 0 phi e ein ganz hnliches Ideal hat, dasjedom in seiner Auswirkung verflscht wurde, indem mehr eineGesellschaftsklasse als das Individuum zur sozialen Einheit ge-mamt wurde. Der sogenannte I n d i v i d u a I i s mus der Auf-k I run g des 18. Jahrhunderts enthielt, wie wir feststellten, denBegriff einer die ganze Menscllheit umfassenden GesellsclIaft; daseinzelne Individuum sollte das Organ ihres Fortschrittes sein. Esfehlte jedoch jede Stelle, um die Entwicklung dieses Ideals zusichern, wie durm die Zurckwendung dieser Gesellschaft zurNatur offenkundig wurde. Der 5 t a a t s i d e al i s mus desI 9. J a h r h und e r t s HilIte diese Lcke aus, indem er dennationalen Staat zu dieser Stelle machte; dadurm verengte er jedoch

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    .'die Auffassung des sozialen Zieles auf diejenigen, die der gleichenpolitischen Einheit angehrten, und kehrte zugleich zu dem Ge-danken der Unterordnung des einzelnen unter eine Einrichtung(den Staat) zur