Das Sein ohne Juden: ber Martin Sein ohne Juden: ber Martin Heidegger Von Gerhard Scheit (berarbeitete und gekrzte Fassung des Heidegger-Kapitels aus Die Meister der Krise.

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    06-Feb-2018

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  • Das Sein ohne Juden: ber Martin Heidegger

    Von Gerhard Scheit

    (berarbeitete und gekrzte Fassung des Heidegger-Kapitels aus Die Meister der Krise. ber den

    Zusammenhang von Vernichtung und Volkswohlstand. Freiburg: a ira 2001; zuerst erschienen in:

    Zwischenwelt. Zeitschrift fr Kultur des Exils und des Widerstands 18. Jg./2001, H. 1 u. 2)

    Man habe auf Heidegger warten mssen, um eine deutsche Philosophie zu finden, die nicht

    antisemitisch sei - meinte Andr Glucksmann 1977 in seinem fr die sogenannte Postmoderne

    wegweisenden Buch ber die Meisterdenker. Dabei hatte sich Heidegger selbst gegenber Hannah

    Arendt als Antisemit bekannt. Wie verhlt es sich also mit dem Antisemitismus dieses Denkers von

    Todtnauberg, der wie kein anderer nicht nur die Kontinuitt deutscher Philosophie vor 1933 und nach

    1945, sondern auch ihren internationalen Einflu - vermittelt durch Hannah Arendt ebenso wie durch

    Sartre oder Derrida - verkrpert.

    Der Meisterdenker der Krise

    Nur das Freisein fr den Tod gibt dem Dasein das Ziel schlechthin und stt die Existenz in ihre

    Endlichkeit1, so heit es bereits in Sein und Zeit von 1927. Die solchermaen ergriffene Endlichkeit

    der Existenz reit aus der endlosen Mannigfaltigkeit der sich anbietenden nchsten Mglichkeiten

    des Behagens, Leichtnehmens, Sichdrckens zurck und bringt das Dasein in die Einfachheit seines

    Schicksals.2 Das Schicksal des einzelnen aber ist schon in Sein und Zeit das Geschick des Volks: Das

    Geschehen des schicksalhaften Daseins wird als Geschehen der Gemeinschaft, des Volkes3 gedacht.

    Gerade weil es Heidegger - anders als Nietzsche und dessen Epigonen (wie z.B. Jaspers) - darum ging,

    aus der Not des einzelnen den Volkskrper zu formen, aus der Krise der Gesellschaft die nationale

    Identitt zu entbergen, entthronte er Begriffe wie Leben oder Kampf, die von

    Lebensphilosophen und Sozialdarwinisten eingesetzt worden waren, den Konkurrenzkampf zu

    ontologisieren, aber den Zusammenhang von Individuum und Volk, Subjekt und Nation, im Unklaren

    lieen. An die oberste Stelle seiner Philosophie setzte er stattdessen das Begriffspaar von Dasein und

    1 Martin Heidegger: Sein und Zeit. [1927] 17. Aufl. Tbingen 1993, S.3842 Ebd. S.3843 Ebd. S.384

  • Das Sein ohne Juden 2

    Sein4: mit ihm konnte Heidegger das Verhltnis des einzelnen zum Volk als Identitt ohne

    Nichtidentisches suggerieren, d.h. er konnte das Volk endgltig in der Form des Werts denken.

    Vielleicht liegt es daran, da Hannah Arendt und Herbert Marcuse zum einen von Heidegger

    gekommen, zum andern in die Vereinigten Staaten gegangen sind: beide nehmen - ganz unabhngig

    voneinander - am Nationalsozialismus sehr genau die zugrundeliegenden Strukturen einer

    kapitalisierten Gesellschaft wahr, die in die Krise geraten ist. Arendt schreibt: Selbstlosigkeit, nicht

    als Gte, sondern als Gefhl, da es auf einen selbst nicht ankommt, da das eigene Selbst jederzeit

    und berall durch ein anderes ersetzt werden kann, wurde ein allgemeines Massenphnomen, das wohl

    den einzelnen dazu bewegen konnte, sein Leben in die Schanze zu schlagen, aber mit dem, was wir

    gewhnlich unter Idealismus verstehen, nicht das geringste zu tun hatte. (...) Mit dem Verlust der

    gemeinsamen Welt hatten die vermassten Individuen die Quelle aller ngste und Sorgen verloren, die

    das menschliche Leben in der Welt nicht nur bekmmern, sondern es auch leiten und dirigieren. Sie

    waren in der Tat nicht materialistisch und reagierten auf materialistische Argumente nicht mehr, weil

    selbst rein materielle Vorteile in dieser Situation ein gut Teil ihres Sinnes verloren.5 Nur scheinbar

    steht diese Selbstlosigkeit im Widerspruch zu Marcuses Begriff des abstrakten Eigeninteresses -

    sie ist nichts anderes als ein Eigeninteresse, das so abstrakt geworden ist, da es mit Staat und Kapital

    absolut identifizierbar wird: Der nationalsozialistische Staat ist ein Staat der Massen, aber die

    Massen sind nur insoweit Massen, wie sie sich aus atomisierten Individuen zusammensetzen. Weil

    diese allem beraubt worden sind, was ihre Individualitt in eine wahre Interessengemeinschaft

    transzendiert, und nichts von ihnen brig geblieben ist als ihr bestialisches und abstraktes

    Eigeninteresse (...), sind sie fr die Vereinheitlichung von oben und fr die Manipulation so anfllig.6

    Beide, Arendt wie Marcuse, blenden dabei allerdings die Frage aus, warum Selbstlosigkeit oder

    abstraktes Eigeninteresse, wie es die Krise berall auf der Welt freisetzt, allein in Deutschland und

    Deutschsterreich in Volksgemeinschaft umschlug und die Notwendigkeit des Vernichtungskriegs

    hervortrieb.

    Es macht die besondere Anziehungskraft von Heideggers Philosophie aus, da sie stets von der

    existentiellen Situation des einzelnen ausgeht und nicht wie die ordinre Ideologie des

    Nationalsozialismus den Volkskrper schon voraussetzt. Sie fhrt vielmehr vor, wie der einzelne im

    Angesicht der Not sich selbst zum Volkskrper zu machen hat: indem er sich nmlich dem Tod

    verschreibt. Im Vorlaufen zum unbestimmt gewissen Tode ffnet sich das Dasein fr eine aus seinem

    4 Schon 1922 heit es: der Gegenstand der philosophischen Forschung ist das menschliche Dasein als von ihr befragt auf seinen Seinscharakter. (Martin Heidegger: Phnomenologische Interpretation zu Aristoteles. Anzeige der hermeneutischen Situation. In: Dilthey-Jahrbuch fr Philosophie und Geisteswissenschaften. Gttingen 1989, Bd. 6, S.238) So lautete auch der zentrale Vorwurf, mit dem sich Heidegger von der Husserlschen Phnomenologie - als einer eigentmlich geschrumpften Form des deutschen Idealismus - endgltig verabschiedete, da in ihr die Seinsfrage nicht gestellt werde. (Vgl. die Vorlesung aus dem Sommersemester 1925: Prolegomena zur Geschichte des Zeitbegriffs. Hg. v. Peter Jaeger. Gesamtausgabe. Bd. 20. 2. Aufl. Frankfurt am Main 1988, S.157) Heidegger rckte damit erst nach seiner Zeit als Assistent bei Husserl heraus. Als ob er es geahnt htte, war Husserl den groen Begriffen seiner Studenten mit der Aufforderung: Geben Sie Kleingeld entgegengetreten.5 Hannah Arendt: Elemente und Ursprnge totaler Herrschaft. [1951] Mnchen-Zrich 1991. S.5116 Herbert Marcuse: ber soziale und politische Aspekte des Nationalsozialismus. [1941] In: H. M.: Feindanalysen. ber die Deutschen. Hg.v. Peter-Erwin Jansen. Lneburg 1998, S.103

  • Das Sein ohne Juden 3

    Da selbst entspringende, stndige Bedrohung (...) Damit taucht aber dann die Mglichkeit eines

    eigentlichen Ganzseinknnens des Daseins auf (...).7 Geschichtlichkeit begrndet der deutsche

    Philosoph nicht mehr im Fortschreiten des Weltgeists (Hegel), auch nicht im ziellosen Wirken eines

    Willens (Schopenhauer); selbst die Wiederkehr des Gleichen (Nietzsche) bietet hier keine unbedingte

    Voraussetzung, Geschichte zu begreifen bzw. zu zerstren, sondern: Das eigentliche Sein zum Tode,

    das heit die Endlichkeit der Zeitlichkeit, ist der verborgene Grund der Geschichtlichkeit des

    Daseins.8

    Mit diesem Sein zum Tode kommt Heidegger dem Marxschen Begriff des Werts, des automatischen

    Subjekts, in bestimmter Hinsicht nher als Schopenhauer und Nietzsche mit ihrer indirekten oder

    direkten Affirmation des Willens, der eben immer noch gewisse dynamische oder teleologische

    Momente eines Hegelschen Weltgeists an sich hat.9 Diese merkwrdige Nhe ist jedoch eine Intimitt,

    wie sie nur die uerste Feindschaft bietet. Intimitt, wie sie nur die uerste Feindschaft bietet. Das

    Heideggersche Sein bedeutet wirklich nichts als reale Abstraktion: allerdings eine, die es unter allen

    Umstnden des Seienden, zu bejahen gilt. Das Sein kann nicht erkannt, schon gar nicht kritisiert, nur

    gedacht werden. Heidegger lehrt also ein ebenso begriffsloses wie affirmatives Denken des Werts -

    und damit ist auch die Identitt von Gesellschaft und Natur bereits vorausgesetzt, die Schopenhauer

    und Nietzsche so sehr beschftigt hatten. Sie ist so selbstverstndlich, da sie nicht einmal mehr

    ausgesprochen werden mu.

    Wird das Sein auch als der leerste Begriff eingefhrt, heit das nicht, er sei der klarste und aller

    weiteren Errterung unbedrftig; das ist er frs westliche Denken, nicht aber frs deutsche: Der

    Begriff des Seins ist vielmehr der dunkelste.10 Und er bleibt es auch die ganze Errterung von Sein

    und Zeit hindurch, nur da die Errterung den Ursprung der Dunkelheit im Tod festnagelt. In

    Heideggers Todesphilosophie findet der deutsche Mythos vom Sein zu sich selbst. Wenn Shakepeares

    Hamlet fragt: To be, or not to be und damit nichts anderes als die hchst individuelle Mglichkeit

    errtert, Hand an sich zu legen, bersetzt man in Deutschland sptestens seit der Romantik: Seyn,

    oder nicht seyn und legt Hand an die Welt.

    Tatschlich greift Heidegger unmittelbar auf Fichtes Seyn zurck (wobei er den mit der Rede vom

    Ich verbundenen subjektiven Akzent bei Fichte schlielich ganz zum Verschwinden zu bringen

    trachtet)11. Es wird jedoch nicht nur vom y befreit, sondern von allem damit verbundenen deutschen

    Nationalpathos so erscheint es geradezu als ein rmliches Konstrukt. Heidegger legt klar, da es sich

    bei diesem allgemeinsten und leersten Begriff12 um die Abstraktion schlechthin handelt. Whrend

    7 Heidegger, Sein und Zeit, S.2668 Ebd. S.3869 Durch die Husserlsche Phnomenologie hindurchgegangen, die zwar an der Einheit von Wesen und Erscheinung festhielt, aber darin eigentmlich erstarrt ist, hat sich die Affirmierung des Abstrakten von aller Prozefrmigkeit freigemacht; vgl. hierzu Ulrich Enderwitz: Der Konsument als Ideologie. 200 Jahre deutsche Intelligenz. Freiburg 1994, S.173f.10 Heidegger, Sein und Zeit, S.311 Nach Fichte wirft das Ich die Welt, und nach Sein und Zeit ist nicht erst das Ich, sondern das Da-sein, wesend vor allem Menschentum, das Geworfene. Martin Heidegger: Schellings Abhandlung ber das Wesen der menschlichen Freiheit (1809). [1936] Hg. v. Hildegard Feick. Tbingen 1995, S.22812 Heidegger, Sein und Zeit, S.2

  • Das Sein ohne Juden 4

    aber fr Hegel das Sein damit am Beginn des Erkenntnisprozesses steht und der Unmittelbarkeit

    entspricht, von der die totale Vermittlung des Geistes sich abzuheben hat, so da sogar die

    Erscheinung ein Hheres ist als das bloe Sein (...) eine reichere Bestimmung als dieses13, und der

    Geist nur mit dem Werden ber die Unterschiedslosigkeit von Sein und Nichts hinwegkommt,

    erhht Heidegger dieses bloe Sein zum schlechthin Eigentlichen (ontologischer/ontischer Vorrang

    der Seinsfrage), setzt es von allem Seienden ab, als das Immergleiche, als die stndige

    Anwesenheit,14 und adelt die triviale Identitt von Sein und Nichts als Sein zum Tode. Sein ist das

    Grundgeschehnis, auf dessen Grunde berhaupt erst geschichtliches Dasein inmitten des erffneten

    Seienden im Ganzen gewhrt ist.15 Und schon entpuppt sich der leerste Begriff voller Inhalt: Die

    Rede von der Unbestimmtheit und Leere des Seins ist irrig. (...) Die Bestimmtheit des Seins ist keine

    Sache der Umgrenzung einer bloen Wortbedeutung. Sie ist die Macht, die heute noch alle unsere

    Bezge zum Seienden im Ganzen, zum Werden, zum Schein, zum Denken und Sollen trgt und

    beherrscht.16

    Heideggers Seins-Begriff macht aus dem simplen Hilfszeitwort der Sprache ein eigentliches Super-

    und Anti-Subjekt in einem - whrend Marx vom Geld als dem angeblichen Hilfsmittel des Tausches

    zur Erkenntnis eines wirklichen automatischen Subjekts gelangt. Dieses Subjekt, der Wert, hat

    seinen Ursprung in der Herrschaft toter, abstrakter Arbeit ber lebendige, konkrete. Das Sein von

    Heidegger aber bestimmt das Dasein dazu, da es im Geschick des Volks die Unterwerfung von sich

    aus unternimmt und bejaht - als Freisein fr den Tod. So entspringt diese Ontologie einer Situation, in

    der - mit Marx gesprochen - die Herrschaft der toten ber die lebendige Arbeit, der realen Abstraktion

    des Werts ber die real konkreten Individuen und Dinge offenkundig in Gefahr geraten ist; in der die

    Identittslogik der Wertform von der Nichtidentitt ihres Inhalts bedroht wird; in der z.B. zuviel

    produziert wird oder zuwenig gekauft. Und sie konstituiert ein bestimmtes Verhltnis zum Staat, der

    doch die Herrschaft der toten ber die lebendige Arbeit nicht allein zu sichern hat, sondern sie

    buchstblich verkrpert: im Geschick des Volks die Unterwerfung von sich aus bejahen, heit

    entschlossen sein, dem Souvern alles zu opfern; Freisein fr den Tod bedeutet Einvernehmen mit

    dem Herrn ber den Tod17.

    Als Herbert Marcuse in den vierziger Jahren den Nationalsozialismus analysierte, wandte er im

    Grunde die Marxschen Kategorien auf die Heideggersche Philosophie an. In der Angst, die aus der

    gesellschaftlichen Krise resultiert, erkannte er eine signifikante Voraussetzung der deutschen

    Volksgemeinschaft als einer auf den Vernichtungskrieg ausgerichteten Gesellschaft: Die Angst der

    Massen (...) ist ein entscheidendes Element dieser Harmonie. Hinter ihr steht das klare Wissen, da sie

    nur durch uerste Effizienz berleben knnen, da sie ihre Leistungsfhigkeit nur durch aggressive

    13 G.W.F. Hegel: Enzyklopdie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse I. [1817] Werke Bd. 8, S.26214 Martin Heidegger: Einfhrung in die Metaphysik. [1935] 6. Aufl. Tbingen 1998, S.15415 Ebd. S.153f.16 Ebd. S.15417 Herbert Marcuse: Die Ideologie des Todes. In: Der Tod in der Moderne. Hg. v. Hans Ebeling. Frankfurt am Main 1965. S.114f.

  • Das Sein ohne Juden 5

    Expansion erhalten knnen und da sie den Krieg fhren und gewinnen mssen, koste es, was es

    wolle. Sie werden alles fr diese Sache tun und sie brauchen keinen Plan, um ihre Anstrengungen zu

    vereinen. Die Investition ist riskant, aber es ist die einzig mgliche Investition und der zuknftige

    Profit ist dieses Risiko wert.18

    Es ist dieses Kalkl, dem Heidegger bereits in Sein und Zeit hhere Weihen verschafft hatte. Wie

    keine andere zeitgenssische Philosophie bereitete er darin mit dem Zeitbegriff auf die Intervention

    des Staats in die Zirkulationssphre vor und beschwor die daraus resultierende Notwendigkeit, in den

    Tod zu investieren. Das vulgre Vers...

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