Die Französische Revolution im Spiegelbild. Die Reaktion der deutschen Ärzte auf die Revolution und das Revolutionieren

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    06-Jun-2016

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  • Berichte zur Wissenschaftsgeschichte 12 (1989) 219-228 219

    Brigitte Lohff

    Die Franzosische Revolution im Spiegelbild

    Die Reaktion der deutschen Arzte auf die Revolution und das Revolutionieren

    Medicinische Ansicht der franzosischen Revolution - Wie muf3 sie kurirt werden - Ihr Heilungsplan - Wie werden wir indirecte durch sie kurirt? [Novalis']

    Summary: The German physicans and medical scientists reacted to the French Revolu- tion in several ways, if you judge only from the medical literature: 1) At the beginning of the French Revolution, the scientist answered with still silence, whereas the young intellectual generation was filled with enthusiasm. But after the bat- tle of Valmy (1792) this enthusiasm vanished and they resigned to execute an equal revo- lution in Germany. 2) When, in the middle of the 1790s, scientists gave commentaries on revolutionary acts, they despised the revolution itself. This could only destroy the old - and even better - order. They argued that you can have recourse to science to avoid the political and socially deranged situation. 3) This rejection against the political revolution was combined with a rejection against the influences of natural philosophy on medicine. Schelling's philosophy plays the role as an scientific revolution with all negative aspects like the political one. In this sense, the science in the old scientific manner has to be an accepted refuge. 4) But in this retreat they developed ideas of German national science to conteract on the French influences. The consciousness of nationalism was supported by the scientists of romantic movements. 5) The following degree is characterized by a mental leap. Now, they argued, it will never be necessary to revolutionize the medicine: in science all the ideals of French Re- volution are realized - freedom, equality and fraternity. 6) Consequently, only in a formal sense did they respond to the French Revolution and so they avoided recognizing, that science is influenced politically and also science itself exercises on in a political way.

    Schlusselworter: Arzt (unpolitischer), Franzosische Revolution, Medizin und Natur- philosophie, Medizin und Politik; XVIII. Jh.

    Die Hoffnungen aber auch die Angste, die mit der Franzosischen Revolution verbunden wurden und mit der sich die Deutschen auseinanderzusetzen hatten, sind von Novalis in diesem Aphorismus verdichtet worden, in dem die Revolution als ,,Therapie" wirken kann, wenn sie - selber ,,geheilt" - wieder eine ,,gesunde" Revolution geworden ist.

    War es nun die ,,Morgenrothe eines nahen lichterern Tages", wie Ludwig Borne in seiner Rezension zu Mansos Geschichte des Preuflischen Staates2 1820 schreibt, die man von dieser Revolution fur die geistige und politische Erneuerung Deutschlands erhoffte? Oder schatzte Jean Paul die Lage besser ein, wenn er 1793 an einen Freund schreibt3, dai3 in Deutschland nur eine ahnliche Revolution denkbar ware, wenn

    0 VCH Verlagsgesellschaft mbH, D-6940 Weinheim 1989 0170-6233/89/0412-0219 $02.50/0

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    weit mehr Licht unter unsere Hirnschale und weit mehr Torturschwefeltropfen an unser Herz geworfen werden.

    Bei der Flut von Neuerscheinungen, Artikeln, Kommentaren, Berichten und Veran- staltungen zur 200jahrigen Wiederkehr des Beginns der Franzosischen Revolution scheint sich zu bewahrheiten, was Kurt von Raumer 1980 schrieb4, dai3 die ,,Ausstrah- lungen der Franzosischen Revolution zu den verwickelsten Problemen der Epoche" ge- horen, die auch noch heute immer wieder Anla6 geben, sich mit den direkten und indi- rekten Auswirkungen dieses Ereignisses zu beschaftigen. Wahrscheinlich hat Goethe in weiser Voraussicht bereits die Lage der nachfolgenden Generationen von Historikern und Interpreten richtig eingeschatzt, wenn er 1792 unsere Probleme mit dieser Epoche wie folgt vorhersagt 5:

    Hierdurch [als lebendiger Zeuge] bin ich zu ganz anderen Resultaten und Einsichten gekommen, als allen denen moglich sein wird, die jetzt geboren werden, und sich jene groge Begebenheit durch Biicher aneignen miissen, die sie nicht verstehen.

    Wenn diese Feststellung zutreffend ist, dai3 die Zeitzeugen zu anderen Einsicht kom- men konnten als die Nachgeborenen, so durften gerade die Aussagen der Generation, die die Franzosische Revolution aus dem Nachbarland Deutschland erlebt haben, uns Aufschlui3 dariiber geben, ob gerade die Intellektuellen, wie Hajo Holborn6 meint, von den politischen Ereignissen nur wenig beriihrt wurden, oder wie Golo Mann' meint, dai3 sie davon nie mehr ganz loskamen und Denkstoff fur ihr Leben erhielten.

    Kant vertrat im Streit der Fakultuten (1798) bereits die Auffassung8, dai3 eine solche Revolution gerade eine enthusiastische Teilnahme derjenigen hervorruft, die nicht an ihr direkt beteiligt sind und deshalb den Wunsch entwickeln, etwas Ahnliches zu versu- chen, da diese Ereignisse in den moralischen Anlagen des Menschengeschlechts ursach- lich begriindet seien. Damit wird, wie Karl Mannheim 1964 schreibt9, die Auseinan- dersetzung der Intellektuellen in Deutschland gleichsam ein Experiment dafur, was dann geschieht, wenn Ideen, die genuin aus einem entwickelteren Gesellschaftszustand erwachsen sind, in einen sozial unterentwickelten, geistig aber hochstehenden Lebensraum einflieaen.

    Verwickelter noch wird die ganze Situation und werden die Aussagen, die sich aus einem solchen ,,Experiment" ableiten lassen konnten, dadurch, dai3 in Deutschland mit und durch die Ereignisse in Frankreich eine Bewegung in Gange gesetzt wird, die spater dann mit dem Epochennamen ,Romantik' belegt wurde lo. Es verknupften sich in die- ser Bewegung der Romantik die Widerspriichlichkeiten des preui3ischen Vernunftstaates rnit einer Gegenreaktion auf das iiberstrapazierte Vernunftprinzip der Aufklarung, die Ideale der Franzosischen Revolution rnit dem aufkeimenden Nationalempfinden und einer Demokratisierungsbewegung des aufkommenden Burgertums ll.

    Gerade weil, wie Novalis 1789 schreibt 12, jeder Gelehrte es sich zur Pflicht macht, die Schwarmerei zu verdammen, wird von der junge intellektuelle Generation ,,uber die Folgen ihrer Ausrottung [der Schwarmerei] und den Nutzen, den sie fur die gesammte Menschheit hat", nachgedacht. Und was konnte mehr zu dieser Schwarmerei Anlai3 ge- ben, als die Ideale, die sich mit dieser Revolution verknupfen lassen!

    In einem Staat, in dem die alte Ordnung im Geschaft blieb, aber der Geist sich ver- fliichtigt hatte, wie Manso - auch ein Zeitzeuge - uber die Zeit des Jahre 1789 schreibt, griffen die Ereignisse der Revolution ein. Es wurde ein gemeinsamer Schwur geleistet 13) das Schwerste zu bestehen, und das Harteste zu erdulden. Die Prinzen und die Grogten d a Reiches fiihlten die Vednderung so tief, dai3 sie in Scharen iiber die Grenze zogen und bald ein Frankreich auger Frankreich

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    sich bildete. [... Auch unter den Gelehrten machte sich eine neue Hoffnung breit, wenn diese auch] mehr im Reich des Moglichen als des Wirklichen lebten [. . .], es gab wenige, die gleichgiiltig zusahen oder mifibilligen, was geschah. Fast alle rneinten, es werde die Trennung von Schule und Leben aufhoren und, was tot liege in Begriffen sich gestalten zur That.

    Doch die mehr auf das Politische gesetzten Hoffnungen verflogen, ,,so rasch als der Rausch, den der Wein jenes Landes gibt" 14.

    Dai3 diese Revolution in allen Bereichen Spuren hinterlassen wird und auch in den Wissenschaften Veriinderungen bringen wird, sah Robert Malthus 1798 voraus 15:

    . . . die Franzosische Revolution, die wie ein flammender Komet dazu bestimmt scheint, entweder frisches Leben und neue Kraft hervorzurufen oder die verschreckten Erdbewohner zu versengen, zu verderben: all dies hat zusammengewirkt, urn viele urteilsfihige Kopfe zu der Ansicht kommen zu lassen, dad wir am Beginn eines neuen Zeitalters stehen, dad Vednderung von weitreichender Bedeutung mit sich bringen wird.

    Mit all diesen Hoffnungen und dem unmittelbaren Bewdtsein, dai3 man am Beginn eines neuen Zeitalters stehen wiirde, liei3en sich ahnliche Reaktionen bei den Arzten ver- muten. Zusammenfassend zeigt sich, dai3 ihre Reaktion - sofern sie dazu iiberhaupt Stellung nehmen - zuriickhaltend bis ablehnend ist. Stillschweigen, Warnungen vor einem Ubergreifen revolutionarer Idee in den Bereich der Medizin und nationalistische Tendenzen sind hier vornehmlich zu verzeichnen.

    Dies konnte sich zum Teil dadurch erklaren lassen, dai3 die ,,ideale Zeit" l6 der Fran- zosischen Revolution nur 1789- 1793 wahrte und zudem wissenschaftliche Publikatio- nen mehr Zeit in Anspruch nehmen. Bedenkt man jedoch, dai3 die Vorreden und Einlei- tungen haufig erst kurz vor der Veroffentlichung geschrieben werden und allgemeine und somit auch politische Bemerkungen nur in diesen Anschnitten geaui3ert werden, so ist in den Werken aus den Jahren 1789-1793 kein deutlicher Hinweis auf die Revolu- tion zu finden. Erst wesentlich spater, ab 1810, als Deutschland unter der Besetzung Na- poleons zu leiden hatte, sind deutliche Stellungnahmen zu verzeichnen 17.

    Einige wenige Bemerkungen aus den 1790er Jahren zeigen eine vorwiegend ablehnen- de Haltung gegenuber der Revolution als solcher auf. So formuliert Carl Casper Crkve, 1796 a. 0. Professor fur Medizin aus Frankfurt, ein allgemeines Nachtrauern dem verlo- rengegangenen Zeitalter vor der Revolution

    Man suchl sogar mit Gewalt sich von jenem goldenen Zeitalter zu entfernen, wo ein allgemeines Bestreben nur einen einzigen Zweck zu erreichen sucht [. . .] Vervollkommnung der Wissenschaft. [. . .] Dessen ungeach- tet sehen wir taglich Menschen einander wiirgen. Leidenschaften, diese groden zu allen Zeiten priviligirten Morder, zerstoren mit und ohne Kunst ganze Generationen.

    Wenn auch seine Aussagen nicht nur auf die Franzosische Revolution zu beziehen sind, so decken sie sich doch mit der Beschreibung des Berliner Gerichtsmediziners Jo- hann Ludwig Casper, wenn er meint 19, dai3 vor der Revolution nur noch der Geist fehlte, der alles vereinigte [.. .,] doch der Geist der Neuerung ergriff plotzlich alle Kopfe; alle Formen wurden zertriimmert, alle Gesetze umgeworfen, alle Institutionen vernichtet und die Fackel der Freyheit und Gleichheit drauf auch zerstorend in das friedliche Reich der Medizin getragen.

    Eine ahnliche Ubertragung des Zustandes der politischen Revolution auf den inneren Zustand der Medizin lieferte bereits 1796 ein Artikel uber die Krtheidigung der rutionef- Len Arzneiwissenschaft20. Dabei parallelisiert der Autor die aus den politischen Verhalt- nissen entstandenen Paradoxien mit den Paradoxien, die aus der Sucht, standig neue me- dizinische Systeme zu entwickeln 21, entstanden sind2?

    Welch Wunder! Wenn nun ein Arkesilas am Ende des 18. Jahrhunderts, das so reich an Revolutionen und Paradoxien ist, aufstehet, den Arzten von neuem den Krieg ankiindigt und sie vor das Revolutionstribunal schleppen will.

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    Bemerkenswert ist hierbei nicht nur, dai3 der Autor ,,moderne" Sprachbilder der Zeit verwendet, sondern dai3 er hier politische Revolutionare und solche, die die Medizin revolutionieren wollen, mittels eines ,,Psychogramms" klassifiziert 23:

    Die Triebfeder dieser Revolutionare waren verschieden: die einen litten an einem eingewurzelten Spleen, wa- ren mit sich und aller Welt unzufrieden. Die anderen waren selbstsiichtige, aufgeblasene Kraftgenies, die alles verachteten und verhohnten, was sich nicht unter ihr Scepter beugt oder nicht selbst ihres Geistes Kind ist. [. . .] Eine dritte Klasse sind verungliickte Arzte, die in der Medizin nicht ihre Rechnung und ihre Wiinsche befriedigt fanden.

    Die negative Einschatzung dieses Autors ist uniibersehbar. Verquickt wird nun diese ablehnende Haltung gegeniiber der Revolution noch bei einigen Autoren rnit einer Ab- lehnung der Lavoisierschen Oxidationstheorie, die zudem noch 1789 formuliert wurde! Neben der inhaltlichen Ablehnung dieser neuen wissenschaftlichen Theorie, die ja vol- lig neue Einsichten auch innerhalb der Medizin verlangte, wird rnit ihr eine Revolutio- nierung der Wissenschaft befurchtet. Deshalb lacht ein ernsthafter Deutscher ,,iiber die papierenden Scheiterhaufen, wozu eine Frankreicherin das alte System verdammte" 24. Deshalb jag ein Deutscher diesen ,,Hirngespinsten" einer neuen Theorie der chemi- schen Materie nicht nach und verwahrt sich lieber gleich vor moglichen Fehldeutungen.

    Joachim Dietrich Brandis, der Kieler Professor fur Medizin, fiihlt sich zum Beispiel 1795 aufgerufen, folgenden Hinweis in der Einleitung seines Buches Versuche iiber die Lebenskraft vorauszuschicken 25:

    Es wiirde sehr kriinkend fur mich seyn, wenn mein Versuch jenen Machtansprkhen einiger Freybeuter des franzosischen Systems der antiphlogistischen Chemie beigezahlt werden sollte, die mit ahnlichen, obwohl nicht so scharfen und siegreichen Waffen, dieses System zur Grundlage alles menschlichen Wissens machen wollen, als eine andre Art Freybeuter eines andern franzosischen Systems das Ihrige zur Grundlage aller menschlichen Gliickselikeit zu machen gedachte.

    Die Ablehnung der aus Frankreich kommenden politischen und wissenschaftlichen Revolution und die befiirchteten Folgen fur die deutsche Wissenschaft und Politik, las- sen sich durch die Verwendung einzelner zeittypischer Begriffe nachvollziehen. So wird etwa, bezogen auf die Auseinandersetzung iiber die Grundlagen der Medizin, von der ,Jacobiner Wut und Ungezogenheit" geredet. Oder es wird vor der Verdummung des medizinischen Publikums durch falsche Meinungen gewarnt, da diese gleichsam wie ,,Marat um die Jacobinerhorde mit Trugschliissen in ihren Journalen das Volk elektrisi- ren" 26. Die vorherrschende Tendenz in dem letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts ist dadurch zu umschreiben, dai3 darauf hingearbeitet wird, Ruhe in den medizinischen Wissenschaften zu bewahren und sie vor Ubergriffen revolutionarer Ideen - was immer auch darunter verstanden werden mag und sich meistens nur als Vefanderung des alten Zustandes oder als andere Meinung gegeniiber der vorherrschenden beziehungsweise der eigenen charakterisieren lai3t - zu schiitzen.

    So verfai3t der Landshuter Professor fur Pathologie Heinrich Marie von Leveling 1804 noch eine Abhandlung mit dem Titel Wie konnen medicinische Wissenschaften auch fur andere Staatsdiener auf Akademien und Universitaten nutzlich und anwendbar gemacht werden. Darin redet Leveling einer obrigkeitsorientierten Ausbildung das Wort. Ziel die- ser Ausbildung soll es sein, dem Studierenden eine Norm fur zukiinftiges Verhalten im Staat zu vermitteln, die vornehmlich dazu dienen soll, eine Sicherung des Eigentums zu gewahrleisten, wenn alles Studieren so angelegt wird, dem Vaterland niitzlich zu wer- den und seine Pflichten zu erfullen2'.

    Der Versuch, das Alte zu bewahren und sich vor den Ubergriffen der neuen Ideen - sowohl im Politischen als auch in den Wissenschaften...

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