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Die Hebräische Bibel - Lesen Juden und Christen dieselbe Bibel?

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Lesen Juden und Christen dieselbe Bibel? - "Vom unterschiedlichen Gebrauch der Bibel und seinen politischen Folgen im Nahostkonflikt" - Erstellt von Peter Bingel, ev. Theologe, Schulleiter i. R., in enger Zusammenarbeit mit Winfried Belz, kath. Dipl.-Theologe und Klinikseelsorger i. R.; Im Bund mit Gott Jahwe macht sich sein "Auserwähltes Volk" Israel Land und Güter anderer Völker zu Eigen. Wie Landraub, Vertreibung und Menschenrechtsverletzungen im Alten Testament legitimiert werden und warum die Christenheit dazu schweigt.

Text of Die Hebräische Bibel - Lesen Juden und Christen dieselbe Bibel?

  • Peter Bingel

    Lesen Juden und Christen dieselbe Bibel ?

    Vom unterschiedlichen Gebrauch der Bibel und seinen politischen Folgen im Nahostkonflikt

    Erstellt von Peter Bingel, ev. Theologe, Schulleiter i. R., in enger Zusammenarbeit mit Winfried Belz, kath. Dipl.-Theologe

    und Klinikseelsorger i. R., in Heidelberg.

    5. Fassung

    N o v e m b e r 2010

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    Ein weiser Rabbi stellte seinen Schlern einmal die folgende Frage:

    Wie bestimmt man die Stunde, in der die Nacht endet und der Tag beginnt?

    Einer der Schler antwortete:

    Vielleicht ist es der Moment, in dem man einen Hund von einem Schaf unterscheiden kann?

    Der Rabbi schttelte den Kopf.

    Oder vielleicht dann, wenn man von weitem einen Dattel- von einem Feigenbaum unterscheiden kann?

    Der Rabbi schttelte wieder den Kopf.

    Aber wann ist es dann?

    Der Rabbi antwortete:

    Es ist dann, wenn Ihr in das Gesicht eines beliebigen Menschen schaut und dort Eure Schwester oder Euren Bruder erkennt.

    Bis dahin ist die Nacht noch bei uns.

    Aus: Martin Buber, Die Erzhlungen der Chassidim

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    Lesen Juden und Christen dieselbe Bibel?

    Vom unterschiedlichen Gebrauch der Bibel und seinen politischen Folgen im Nahostkonflikt

    Stellen wir uns vor, es gbe die Bibel nicht, speziell das Alte Testament bzw. die Hebrische Bibel (AT = HB):

    Gbe es dann die jdische Kolonisation Palstinas seit dem Ende des 19. Jahrhunderts? Gbe es dann die zionistische Bewegung, die politisch auf den jdischen Besitz von ganz Palstina abzielt? Wren dann Millionen arabische Palstinenser, die in Palstina dasselbe Heimatrecht haben wie wir Deutschen in Deutschland und wie berhaupt jeder Mensch in seinem Land, vertrieben, teils gettet, ins Elend getrieben, in Flchtlingslager oder in kleinen Inseln unter israelischer Militrbesatzung im Westjordanland eingesperrt oder ins Freiluftgefngnis Gazastreifen gepresst? Wrde dann seit Jahrzehnten diese tiefe Wunde zwischen der westlich-christlichen Welt und der arabisch-muslimischen Welt schwren?

    Nun, es gibt diese Bibel, das meistverbreitete Buch auf unserem Globus, das Buch der Juden und der Christen, ihre Heilige Schrift, die sie gemeinsam haben, abgesehen davon, dass die Christen im Neuen Testament die fr sie zentrale Urkunde haben, nmlich die Zeugnisse von Jesus Christus und von der frhen Kirche Jesu Christi.

    Wer liest was in der Bibel?

    Dass die meisten Menschen kaum wissen, was im muslimischen Koran steht, ist bekannt. Viel weniger bewusst ist, dass den meisten nur sehr partiell klar ist, was christlich gesprochen im Alten Testament steht. Das ist deshalb so entscheidend, weil Christen vllig andere Dinge in diesem riesigen Schriftenkomplex lesen bzw. gelehrt bekommen als Juden. Selbst christliche Theologen nehmen kaum wahr, was Juden hauptschlich in dieser Bibel lesen und was das fr sie praktisch-politisch bedeutet.

    Fr Christen ist diese Bibel ein rein religises Buch.

    Dagegen ist sie fr die meisten Juden ein national-geschichtliches Buch, zumal die Mehrheit der Juden (75 80%) keine religise Orientierung hat. Fr die Minderheit der religisen Juden ist sie primr ein religises, aber sie ist zugleich auch ein politisches Buch, weil wesentliche Glaubensfragen fr Juden, z. B. die Landfrage, zugleich auch politische Fragen sind. Die Gesprchspartner der christlichen Theologen sind religise Juden, Rabbiner, also keine Vertreter des nichtreligisen Mehrheitsjudentums.

    Diese Rabbiner pflegen fr das gesamte Judentum zu sprechen, als wrden alle Juden ihr Judentum religis verstehen. Dadurch lassen sich die christlichen Gesprchspartner in die Irre fhren.

    Wichtig fr Christen sind die Urgeschichten von Schpfung und Sndenfall, vom Turmbau zu Babel und der Arche Noah etc. Sie hren von Abrahams Gottesbegegnung und Berufung, von Joseph in gypten, vom Auszug des Volkes Israel aus gypten, von den am Berg Sinai gegebenen Geboten und vom Einzug in das sog. gelobte, also das von Gott versprochene Land. Auch die Propheten und die Psalmen spielen fr sie eine groe Rolle. Dem gegenber hat die Bibel fr Juden eine ganz andere Betonung und Bedeutung, weil sie vorwiegend andere Texte in dieser groen Schriftensammlung lesen.

    Juden lesen ihre Bibel als geschichtliches, als nationales, als politisches Buch.

    Es enthlt fr sie die identitts- und gemeinschaftsstiftenden Volksgrndungsmythen. Diese liegen fr die Frhgeschichte in mythologisch-legendren Formen vor. Spter sind diese Schriften geschichtlich zuverlssiger, tradiert mit religis-theologischen Kommentaren. Immer steht dabei die Ethnie Israel im Mittelpunkt, mit Jahwe, dem Gott Israels. Im Judentum waren Religionsgemeinschaft und Volksgemeinschaft ungewhnlich lange identisch, weit ber die Zeitenwende hinaus, bis ins 18. Jahrhundert hinein.

    Fr das religise Judentum ist die Torah, das sind die fnf Bcher Mose, der zentrale Teil der Hebrischen Bibel. In der wissenschaftlichen Exegese und in der kath. Tradition heien sie: Genesis, Exodus, Levitikus, Numeri und Deuteronomium [im Judentum heien sie: Bereschit, Schemot, Wajikra, Bemidbar, und Devarim]. Neben vielen Gesetzesvorschriften enthlt die Torah bereits viel Politisches, von der Landverheiung an Abraham bis zur befohlenen Art und Weise, wie gegen die in Palstina einheimischen Vlker vorzugehen sei, z.B. 5. Mose/Dtn 20 [Kriegsgesetze]. Fr den berwiegenden Teil des Judentums, der skular ist, sind folgende Bcher innerhalb der Hebrischen Bibel von hoher, nmlich nationaler Bedeutung: Teile aus den Mosebchern, Josua und Richter, 1. und 2. Samuel, sowie 1. und 2. Knige, 1. und 2. Chronik, Esra und Nehemia, und spter dann auch die nur in griechischer Sprache vorliegenden Makkaberbcher.

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    Dasselbe Buch in vllig verschiedener Nutzung

    Wir haben also zwischen zwei Buchdeckeln sehr verschiedenartige Literaturen, die auch vllig unterschiedlich genutzt werden. Das Christentum hat nach dem Zeugnis des Neuen Testaments nicht das geringste Interesse an der geschichtlich-politischen Bedeutung von alttestamentarischen Texten, wie sie heute der Zionismus fr seine Begrndungen benutzt. Entsprechend werden solche Texte im Gegensatz zu vielen anderen alttestamentarischen Schriftstellen im NT nicht zitiert. Fr das zionistische Judentum dagegen sind die geschichtlich-politischen Teile der Hebrischen Bibel ein wichtiger Teil der ethnisch-nationalen Selbstfindung und Selbstgestaltung, die seit ber 100 Jahren im Gange ist. Mit anderen Worten:

    Faktisch haben Christen und Juden sehr unterschiedliche Bibeln, weil das Mammutwerk Bibel je nach Interessenlage sehr Unterschiedliches hergibt.

    Das Judentum als religise und als ethnisch-nationale Gemeinschaft

    Die unterschiedliche Nutzung hngt damit zusammen, dass Christentum und Judentum derart verschieden sind, dass man diese Gren nicht direkt parallelisieren kann.

    Denn das Christentum ist eine reine Religionsgemeinschaft. Das Judentum dagegen ist zugleich eine religise und eine ethnische Gemeinschaft. Es gibt Judentum als Religion und Judentum als Nation, als Ethnie, als Volk.

    Im Laufe der Geschichte hat sich das Zueinander dieser beiden Elemente stark gewandelt. Im Altertum und bis in die beginnende Neuzeit hinein gab es das Judentum nur in der Zusammengehrigkeit von Religionsgemeinschaft und Volksgemeinschaft, wobei das Element Religionsgemeinschaft bei Juden und Nichtjuden im Vordergrund des Bewusstseins stand. Die genannte Verbindung zerbrach in der Aufklrungszeit, zunchst in der westlichen Welt. Das fhrte zu einer groen Identittsunsicherheit bzw. auch zu Identittsverlust im Judentum. Ende des 19. Jhdts gab es dann eine im Judentum bis dahin noch nie da gewesene Erscheinung: eine neue, nicht religise, sondern rein nationale Identitt des Judentums, die vor allem Theodor Herzl propagierte und frderte. Das ist die weitgehend erfolgreiche und auch heute noch hochwirksame Zionistische Bewegung, deren Ziel, einen eigenen Nationalstaat im historischen Palstina zu grnden, inzwischen weitgehend erreicht ist.

    Etwa 50 Jahre nach der Begrndung des Zionismus ergab sich mit der jdisch-israelischen Staatsgrndung von 1948 und erst recht mit dem Zugang zur Klagemauer in der Jerusalemer Altstadt und mit der Okkupation des gesamten Restpalstina 1967 eine grundlegende Wandlung bei Teilen der jdischen Religion: Bis dahin, konkret seit dem Sieg der Rmer gegen die jdischen Aufstnde zwischen 67 und 132 n. Chr., war die jdische Religion weitgehend unpolitisch gewesen. Nun aber wandelte sich mit der militrischen Eroberung des sog. Eretz Israel, des Landes Israel, das jdische Religionsverstndnis radikal: Der Landesanspruch trat wieder in den Mittelpunkt religisen Glaubens, und zwar das Land in seiner ursprnglichen politischen Bedeutung.

    Nach den tief verstrenden Holocaustgeschehnissen schloss sich die jdische Religion gewissermaen dem von seiner Grndung her rein skularen und inzwischen grundlegend erfolgreichen Zionismus an: Nach der jdischen Staatsgrndung im Jahr 1948 wurden die national-zionistischen Ziele rasch auch als religis-jdische Ziele und als Selbstverstndlichkeiten definiert. Der Vorgang dieser tiefgreifenden Wandlung in der jdischen Religion seit der Mitte des 20. Jahrhunderts ist noch kaum ins allgemeine Bewusstsein getreten. Im Ergebnis haben wir im heutigen Judentum, vor allem im israelischen, ein neues Amalgam von Nation und Religion vor uns. Es ist vergleichbar mit dem Judentum der alten Zeit vor der aufstandsbedingten Diaspora. Allerdings haben wir es in einer anderen Gewichtung vor uns: Im Vordergrund steht heute nach jdischem Selbstverstndnis eindeutig das Judentum als Ethnie, als Volk, als Nation.

    Innerhalb dieser jdischen Nation spielt die jdische Religion eine eigene, eine beg