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Die Marineärztliche Akademie 1940-1945 · PDF filerichtungen der Kriegsmarine gab, war an ein geregeltes Studium nicht mehr zu denken. Nach Prüfung der Verhältnisse an den Universitäten

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  • In Preuen wurde 1713 auf Vorschlag des Kronprinzen Friedrich Wilhelm (I.) das Theatrum ana-tomicum gegrndet (Abb. 1), um die Aus- und Weiterbildung der Feldschere und (Barbier-)Chirurgen zu verbessern zur Frderung der Gesundheitsfrsorge in der Armee. Dieser Wegwurde konsequent weiter verfolgt bis zur Grndung der Medizinisch-chirurgischen Akademiefr das Militr 1811, die 1895 mit der bereits 1795 gegrndeten Ppinire zusammengefhrtwurde, nachdem beiden 1852 die wissenschaftliche Gleichstellung mit den preuischen Univer-sitten erteilt worden war. In diesem Zusammenhang ist interessant, da die Manahme von1852 erheblich dazu beigetragen hat, die Chirurgie als Fach in den medizinischen Fakultten zuverankern.1

    Die deutschen Marinen gingen seit der Grndung der kurbrandenburgischen Flotte unter demGroen Kurfrsten bis in die Mitte der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts einen anderen Weg,unabhngig z.B. von der erheblichen Vergrerung der Kaiserlichen Marine unter Wilhelm II.und Tirpitz: Neben wenigen bertritten aus den Institutionen der Armee2 wurden approbierterzte auf dem freien Markt geworben3, wie es auch heute noch in der Royal Navy praktiziertwird.4 Nachdem bis in die Mitte der 1920er Jahre der Bedarf an Marinesanittsoffizieren aus demReservoir der ehemals Kaiserlichen Marine gedeckt werden konnte, begann die Reichsmarine1927 Marinesanittsoffiziersanwrter einzustellen, daneben auch Medizinstudenten und, nur ingeringem Umfang, auch approbierte rzte. Die bis 1944 nicht genderten Einstellungsbedin-gungen entsprachen im wesentlichen denen der Seeoffizierslaufbahn , ebenso wie die Anfangs-ausbildung: Rekrutenausbildung auf dem Dnholm bzw. in Stralsund, mit anschlieender see-mnnischer Ausbildung auf einem Segelschulschiff bzw. seit 1941 bei der Flotte. Die Zahl derEingestellten entsprach in etwa dem Bedarf an Marinesanittsoffizieren bei Flotte und Landein-heiten. Nach dem NIOBE-Unglck 1932, bei dem vier Marinesanittsoffiziersanwrter6 und einneu eingestellter approbierter Arzt umgekommen waren, erfolgte eine Ersatzeinstellung (32,NIOBE-Ersatz; die in Klammern gesetzten Zahlen bezeichnen die Eintrittsjahrgnge) und darberhinaus seit 1933 die Einstellung von rzten und Medizinstudenten in grerer Zahl, wie aus denRanglisten hervorgeht; die Strke der jeweiligen Crews dagegen wurde bis 1938 kaum und bis1940 nur wenig erhht, whrend beginnend mit der Crew 41 eine erhebliche Vergrerungbegann, die bis Kriegsende (Crew 44 San) fortgesetzt wurde.

    1934 wurde im Zuge der beginnenden Aufrstung die Militrrztliche Akademie in Berlin inder Tradition der 1920 aufgrund des Versailler Vertrages aufgelsten Kaiser-Wilhelm-Akademiefr das Militrrztliche Bildungswesen (wieder-) begrndet und die Sanittsoffiziersanwrtervon Heer und Marine spter auch der Luftwaffe hier zusammengezogen. Das Studium wurde

    HANS-JOACHIM MAURER

    Die Marinerztliche Akademie 1940-1945

    Kurzer Abri ihrer Geschichte

    hoopsSchreibmaschinentextDeutsches Schiffahrtsarchiv 26, 2003, S. 111124

  • an der Medizinischen Fakultt der Friedrich-Wilhelms-Universitt Berlin (in Zivil) durchge-fhrt, nur durch drei (Heer) bzw. zwei freie Semester an Universitten der eigenen Wahlunterbrochen. Die Militrrztliche Akademie stand unter der allein schon wegen der Reihungder Begriffe wegweisenden und interessanten Devise: Scientiae Humanitati Patriae.

    Abgesehen davon, da seit Mitte der 1930er Jahre im OKM/Oberkommando der Marine(Marinemedizinalamt) und beim Marinesanittschef die Grndung einer eigenen Marinerztli-chen Akademie diskutiert wurde, erzwang nicht zuletzt die Raumnot der Militrrztlichen Aka-demie bedingt durch die Vermehrung der Sanittsoffiziersanwrter des Heeres und das Hinzu-treten der Sanittsoffiziersanwrter der Luftwaffe eine Lsung: Es wurde beschlossen, dieMarinerztliche Akademie in der Marinestadt Kiel einzurichten, da hier ausreichende Unter-kunftsmglichen bestanden und die Medizinische Fakultt bereit war, die zustzliche Zahl anMedizinstudenten aufzunehmen; Vorabprfungen der anderen Kstenuniversitten hattenergeben, da dort weder Unterkunftsmglichkeiten bestanden, noch die medizinischen Fakult-ten bereit oder in der Lage waren, zustzliche Studenten aufzunehmen.7 Das OKM beschlo

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    Theatrum anatomicum(1713)

    CollegiumMedico-chirurgicum

    (1724-1809)

    Medizinisch-chirurgischeAkademie fr das Militr

    (1811)

    Ppinire(1795)

    Medizinisch-chirurgischesFriedrich-Wilhelm-Institut

    (1818)

    Wissenschaftliche Gleichstellungmit der Universitt

    (1852)

    Kaiser-Wilhelm-Akademiefr das Militrische Bildungswesen

    (1895-1920)

    Militrrztliche Akademie(1934-1945)

    Marinerztliche Akademie(1940-1945)

    rztliche Akademie der Lutwaffe(1941-1945)

    Medico-chirurgischeAkademie (Josephinum)

    (1785-1874)

    Abb. 1 Schematische Darstellung des militrrztlichen Bildungswesens in Preuen und Deutschland (nachPollak) sowie sterreich (nach Klettenhammer). (Grafik: Maurer/Hoops)

  • daher, die Marinerztliche Akademie am 2. Januar 1940 zu errichten. Die Indienststellung wurdeim Ostseestationstagesbefehl Nr. 1 vom 2. Januar 1940 unter Punkt IV von Admiral Carlsbekanntgegeben (Abb. 2). Darin wurden Unterbringung, militrische (BI/Bildungsinspektionder Marine) und fachliche (Sanittsamt Ost) Angelegenheiten geregelt sowie gleichzeitig dieUnterstellung der Reservesanittsoffiziersanwrter festgelegt, die in einer Sanittsreserveoffi-ziersanwrter-Kompanie zusammengefat wurden.

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    Abb. 2 Ostseestationstagesbefehl (O.T.B.) 1940, Nr. 1, vom 2. Januar 1940 (Ausschnitt). (Bundesarchiv Militrarchiv, Freiburg)

    Abb. 3 Denkschriftdes Sanittschefs derMarine vom 30. April1940 zur Ausgestal-tung der Marinerzt-lichen Akademie.(Bundesarchiv Militrarchiv,Freiburg)

  • Da es dem Marinesanittschef und der BI mit einer nderung der Erziehung der Marine-sanittsoffiziersanwrter sehr ernst war, geht nach Ansicht des Verfassers aus der Ablsung vonMarinestabsarzt Dr. Carl-Ernst Wandrey (26) durch Marinestabsarzt Dr. Ernst Stutz (28) hervor.Letzter war wie Wandrey zum OKM kommandiert und betreute die Marinesanittsoffiziersan-wrter zunchst weiter ehrenamtlich, wurde aber im September 1939 als Jahrgangsstabsarztfr alle Sanittscrews installiert. Anders als der sehr tolerante, liebenswrdige Dr. Wandrey warDr. Stutz sowohl dem Marinesanittschef als auch der BI aufgrund frherer Kommandos Adju-tant am Marinelazarett Wilhelmshaven, Schiffsarzt S.S.S. HORST WESSEL fr seine straffe,militrische Grundhaltung bekannt. Wie spter Dr. Evers hat auch Dr. Stutz versumt, die Ver-nderung des Erziehungsprinzips aufgrund der wahrscheinlichen Magaben von Marinesani-ttschef und BI bedauerlicherweise liegen keine entsprechenden Unterlagen (mehr) vor bekanntzugeben, so da es zu ernsthaften Spannungen kommen mute.8

    Durch den Marinesanittschef und mehrere Denkschriften der BI waren dem Kommandeurder Marinerztlichen Akademie Weisungen gegeben worden (Abb. 3), die sich in etwa gleichemSinn hinsichtlich der militrischen Erziehung uern: Anstelle der an der Militrrztlichen Aka-demie herrschenden Freizgigkeit sollte die Ausbildung der Offiziersanwrter an der Mari-nerztlichen Akademie der anderer Laufbahnen angepat werden, damit die zuknftigen Mari-nesanittsoffiziere den Anforderungen des Marineoffizierkorps ohne Schwierigkeiten entspre-chen und sich in dieses einordnen knnten. Die Umsetzung dieser Weisungen sollte die Akade-mie von den bereits betroffenen (IV/ und X/37 sowie 36) und den jngeren Crews (38, X/ undXII/39) unbemerkt in eine schwere Krise strzen.

    Nach dem Umzug der Berliner Crews (36, IV/ und X/37 sowie 38) und der Zukommandie-rung der Crew X/39 erfolgte die Indienststellung Anfang Januar in einer feierlichen Musterungmit einer Ansprache von Marinestabsarzt Dr. Ernst Stutz (28), Chef der 1. Kompanie.

    Die Marinerztliche Akademie hatte drei Kommandeure (Abb. 4-6): Flottenarzt Dr. AloisEvers (I/15), Flottillenadmiralsarzt Dr. Emil Greul (22) und Flottillenadmiralsarzt Dr. Hans-Heinrich Mller (22), die ihr Regiment unterschiedlich ausbten. Evers versuchte, die erhalte-nen Weisungen umzusetzen, versumte aber, diese sowohl den Offizieren wie den Angehrigender Crews 36, IV/ und X/37 bekanntzugeben, so da sich erhebliche Spannungen zwischen Eversund einerseits den Offizieren sowie andererseits den Offiziersanwrtern aufbauten, was

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    Abb. 4-6 Die Kommandeure der Marinerztlichen Akademie (von links nach rechts): Flottenarzt Dr. Alois Evers(Kommandeur 1/19403/1941), Flottillenadmiralsarzt Dr. Emil Greul (Kommandeur 4/19419/1943),Flottillenadmiralsarzt Dr. Hans-Heinrich Mller (Kommandeur 9/1943-4/1945). (Fotos: Archiv Maurer)

  • zunchst zur Abkommandierung von Marinestabsarzt Dr. Stutz und seiner Ersetzung durchMarinestabsarzt Dr. Werner Bauer (29) fhrte. Damit war aber keine Lsung des Problemserreicht, es nahm 1940/41 vielmehr erheblich zu, ohne da der Kommandeur den Grund frseine Einstellung und Haltung zumindest den Offizieren gegenber dargelegt htte. Im Januar1941 kam es aufgrund der persnlichen Beziehungen eines Gruppenoffiziers (Marineoberassi-stenzarzt Dr. H.-G. B., 32) zum Chef des Sanittsamts 0 zu einer privatdienstlichen Regelung: Ineiner scharfen Aussprache zwischen Flottenarzt Dr. Dtschke (11), Chef des Sanittsamtes 0,Evers, den beiden Kompaniechefs, Marinestabsarzt Dr. O. (29) und Marinestabsarzt Dr. B., sowieMarineoberassistenzarzt Dr. B. benutzte Evers eine Denkschrift als Diskussionsgrundlage, diesowohl die Schwierigkeiten mit den Berlinern als auch seine eigenen Erziehungsprinzipienenthielt. Obwohl diese Denkschrift nie in den dienstlichen Schriftverkehr gelangt war und nie-mand sie je zu Gesicht bekommen hatte, wurde nach ihr verfahren, von militrischen berspit-zungen einmal abgesehen. Die folgende Verlegung der Marinerztlichen Akademie nach Tbin-gen machte die Ablsung Evers, die kaum zu umgehen gewesen war, fr die Offizie

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