Die Wunderbaren, aber wahrhaftigen Abenteuer des Kapitäns Corcoran

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    27-Dec-2016

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    Alfred Assolant

    Die wunderbaren, aber wahrhaftigen Abenteuer des Kapitns Corcoran

    buchclub 65

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    Titel des franzsischen Originals: Les aventures merveilleux mais authentiques du Capitaine Corcoran Deutsch von Bernhard Thieme Der Originaltext ist leicht gekrzt

    Verlag Neues Leben, Berlin 1982 Berechtigte Ausgabe fr den buchclub 65 1080 Berlin 1982 Lizenz Nr. 303 (305/60/82) LSV 7723 Einband: Andreas Weigerber Typografie: Doris Ahrends Schrift: 11 p Garamond Gesamtherstellung: Karl-Marx-Werk Pneck V 15/30 Bestell-Nr. 643.343 4 Vorzugspreis fr Abonnenten: DDR 4,80 M

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    ERSTER TEIL

    1. Prolog Etwa gegen drei Uhr nachmittags jenes 29. September 1856 befand sich die Akademie der Wissenschaften zu Lyon mitten in einer ihrer Sitzungen das heit im schnsten Schlummer. Zur Entschuldigung der Herren Akademiemitglieder mu allerdings gesagt werden, da sie seit dem Mittagessen einer gedrngten Zusammenfassung der Arbeiten des geschtzten Doktors Maurice Schwartz de Schwartzhausen ausgesetzt waren, der erschpfend darber referierte, da Spinnen, die ein ausgiebiges Frhstck genossen haben, markantere Abdrcke ihrer linken hinteren Gliedmaen im Sand hinterlassen als solche, die nicht den Genu einer kalorienreichen Mahlzeit gehabt haben. Dabei hatte sich keiner der Schlfer der Mdig-keit kampflos berlassen. So hatte einer, bevor er die Ellenbo-gen auf den Tisch gesttzt hatte und ihm der Kopf auf die Hnde gesunken war, versucht, mit der Feder das Profil eines rmischen Senators auf einen Block zu kritzeln, doch der Schlaf bermannte ihn, als seine gelehrte Hand gerade im Begriff war, die Falten der Toga zu skizzieren; ein anderer hatte aus einem weien Blatt Papier ein Segelschiff gefaltet, und nun schien die sanfte Brise seines Schnarchens die Segel des Schiffes zu blhen. Allein der Akademieprsident, den Rcken fest gegen die Lehne seines Stuhles gepret, schlief wrdevoll und bewahrte, die Hand auf der Glocke, eine imposante Haltung.

    Whrenddes flo der Redestrom ununterbrochen, und der ehrenwerte Doktor Maurice Schwartz de Schwartzhausen

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    verlor sich in unendlichen Betrachtungen ber den Ursprung und die mglichen Konsequenzen seiner Entdeckung. Doch da schlug es drei Uhr, und jedermann erwachte. Der Prsident ergriff sogleich das Wort:

    Meine Herren, sagte er, die ersten fnfzehn Kapitel dieses herrlichen Manuskriptes, dessen Problem wir soeben mit soviel Aufmerksamkeit genossen haben, enthalten so neue und tiefgrndige Erkenntnisse, da die Akademie in Wrdigung der genialen Leistung von Doktor Schwartz sich glcklich schtzen wird, so glaube ich, in der nchsten Woche der Lektre der fnfzehn folgenden Kapitel folgen zu drfen. Bis dahin wird jeder von uns gengend Zeit haben, ber diesen einmaligen Forschungsgegenstand grndlicher nachzudenken und dem Autor, wenn angebracht, seine Fragen zu unterbreiten.

    Da Doktor Schwartz mit diesem Vorschlag einverstanden war, beeilte man sich, von etwas anderem zu sprechen.

    Nun erhob sich ein kleiner Mann. Er hatte einen Bart, weies Haar, lebhafte Augen, ein spitzes Kinn, und seine Knochen schienen nur mit Haut berzogen, so abgezehrt und mager war er. Er bat ums Wort, und augenblicklich schwiegen alle, denn er gehrte zu jener Sorte Menschen, denen man wachen Sinnes zuhrt und die etwas zu sagen haben.

    Meine Herren, begann er, unser ehrenwerter und sehr zu bedauernder Kollege Monsieur Delaroche ist letzten Monat in Suez verstorben, als er im Begriff stand, sich nach Indien einzuschiffen, um im Ghatsgebirge an der Quelle des Godavari nach dem Gurukaramta zu suchen, dem wichtigsten heiligen Buch der Hindus, lter als die Vedaschrift, und das die Eingeborenen bisher vor den Europern geheimhalten konnten. Dieser aufrechte Mann, dessen alle Freunde der Wissenschaft ewig in Ehrfurcht gedenken werden, hat angesichts seines Todes beschlossen, sein Werk nicht unvollendet zu lassen. Er will demjenigen einhunderttausend Franc zukommen lassen, der sich auf die Suche nach dieser wunderbaren Schrift macht,

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    deren Existenz will man uerungen der Brahmanen Glauben schenken nicht lnger angezweifelt werden kann. Durch sein Testament setzt er Ihre erlauchte Akademie als Vollstrecker seines letzten Willens ein und bittet Sie, einen geeigneten Wissenschaftler mit der Suche nach dem wertvollen Schriftstck zu beauftragen. Diese Wahl wird allerdings mehr als nur eine Schwierigkeit verursachen, denn der Reisende, den unsere Akademie nach Indien schicken will, mu robust sein, um dem Klima zu widerstehen, er mu couragiert sein, um den Zhnen der Tiger, dem Rssel der Elefanten und den Fallen ruberischer Hindus zu entgehen; und er mu zu guter Letzt listig wie ein Fuchs sein, um den Argwohn der Englnder zu zerstreuen, denn die Kniglich-Britisch-Asiatische Gesellschaft in Kalkutta hat bisher ebenfalls, wenn auch vergeblich, Nachforschungen angestellt, und sie drfte kaum einem Franzosen die Ehre gnnen, das heilige Buch als erster entdeckt zu haben. Darber hinaus mu dieser Mann Sanskrit, Parsi und alle lebenden und toten Sprachen Indiens beherr-schen. Es ist also kein Kinderspiel, und ich schlage deshalb der Akademie vor, fr diese Wahl einen Wettbewerb auszuschrei-ben.

    Was auch auf der Stelle geschah; danach konnte sich endlich jeder zu Tisch begeben.

    Einige Zeit spter stellten sich eine Unzahl von Bewerbern vor und wetteiferten um die Zustimmung der Akademie; aber der eine war von schwchlicher Konstitution, der andere wute zuwenig, ein dritter konnte von den orientalischen Sprachen nur Chinesisch und Trkisch oder man denke Pidgin-Englisch. Kurz, es vergingen mehrere Monate, ohne da die Akademie unter den sich vorstellenden Kandidaten eine Wahl htte treffen knnen.

    Schlielich, es war der 26. Mai 1857, die Akademie tagte wieder einmal vollzhlig was nicht heien soll, da sie wiederum schlief , wurde dem Prsidenten die Karte eines

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    Fremden berbracht, der wnschte, sofort empfangen zu werden.

    Auf der Karte standen nur zwei Worte: Kapitn Corcoran. Corcoran, sagte der Prsident, Corcoran? Kennt jemand diesen Namen?

    Natrlich kannte ihn niemand. Aber die gelehrten Herren, die neugierig wie alle gelehrten Herren waren, wollten den Fremden sehen. Und so ffnete sich binnen kurzem die Tr, und auf der Schwelle stand besagter Kapitn Corcoran.

    Er war ein groer junger Mann von etwa fnfundzwanzig Jahren, der sich natrlich gab, ohne gezierte Bescheidenheit und Stolz. Sein Gesicht war hell und bartlos. In seinen meergrnen Augen spiegelten sich Freimut und Khnheit. Bekleidet war er mit einem Umhang aus Kamelhaarwolle, einem roten Hemd und einer weien Drillichhose. Die beiden Enden seiner auf Matrosenart gebundenen Schleife hingen leger auf seine Brust herab.

    Meine Herren, sagte er schlicht, ich habe gehrt, da Sie in Schwierigkeiten sind, und mchte Ihnen deshalb meine Dienste anbieten.

    In Schwierigkeiten! unterbrach ihn der Prsident aufge-bracht. Sie irren, mein Herr! Die Akademie der Wissenschaf-ten zu Lyon ist nie in Schwierigkeiten, jedenfalls nicht mehr als jede andere Akademie auch. Ich wrde auch zu gern wissen, was eine wissenschaftliche Gesellschaft in Schwierig-keiten bringen sollte, die unter ihren Mitgliedern wenn ich das als der Mann, der die Ehre hat, den Vorsitz zu fhren, sagen darf soviel hervorragende Genies, soviel edle Seelen und noble Charaktere

    Hier wurde der Redner durch starken Beifall unterbrochen. Nun, wenn es so ist, erwiderte Corcoran, und Sie meine

    Dienste nicht brauchen, dann habe ich die Ehre, mich zu empfehlen.

    Mit diesen Worten drehte er sich um und schritt zur Tr.

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    He, Monsieur, nicht gar so schnell! Sagen Sie uns wenig-stens den Grund Ihres Besuches, hielt ihn der Prsident zurck.

    Nun ja, erwiderte Corcoran, Sie suchen das Gurukaramta, nicht wahr?

    Der Prsident lchelte wohlwollend und ironisch zugleich. Und Sie, Monsieur, sagte er, wollen es finden? Ja, ich. Sie kennen die testamentarischen Bedingungen von Monsi-

    eur Delaroche, unserem klugen und bedauernswerten Kolle-gen?

    Ich kenne sie. Sie sprechen englisch? Wie ein Professor aus Oxford. Knnen Sie uns den Beweis liefern? Yes, Sir, antwortete Corcoran. You are a stupid fellow.

    Mchten Sie weitere Beweise meiner Sprachkenntnis? Nein, nein, beeilte sich der Prsident zu versichern, der in

    seinem ganzen Leben die Sprache Shakespeares noch nie gehrt hatte, auer im Theater des Palais Royal. Sehr ber-zeugend, Monsieur Und Sie verstehen auch Sanskrit, vermute ich?

    Falls zufllig einer der Herren einen Band des Bhagavadgita bei sich haben sollte, knnte ich es Ihnen sofort beweisen.

    Oh, oh, fltete der Prsident. Nicht ntig. Und Parsi und Hindi?

    Corcoran hob die Schultern. Kinderspiel. Und sofort begann er in einer allen unbekannten Sprache

    eine Rede, die lnger als zehn Minuten dauerte. Die Akade-miemitglieder betrachteten ihn verblfft.

    Bei dem Planeten, den Monsieur Le Verrier entdeckt hat! meinte der Prsident entzckt. Ich habe nicht ein Wort verstanden!

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    Nun, erwiderte Corcoran, das ist Hindi. Man spricht es unter anderem in Kaschmir, Nepal, im Knigreich Lahore, Multan, Audh, Bengalen, Dekan, an der Malabarkste, in Coimbatore, Maisur, Assam, Kornatak, Bihar, Berar, Nagpur, Radschastan, im Pandschab und an der Koromandelkste.

    Sehr gut, Monsieur! Sehr gut! rief der Prsident. Es bleibt uns nunmehr nur noch eine Frage, die wir an Sie stellen mssen. Entschuldigen Sie meine Indiskretion, aber wir sind durch das Testament unseres bedauernswerten Freundes mit einer so groen Verantwortung betraut, da wir gern wissen mchten

    Gut, gut, unterbrach ihn Corcoran. Reden Sie frei von der Leber weg, aber beeilen Sie sich bitte, denn Louison wartet auf mich.

    Louison! erwiderte der Prsident indigniert. Wer ist diese Person?

    Eine Freundin, die mich auf all meinen Reisen begleitet. Bei diesen Worten hrte man im Nachbarzimmer das Ge-

    rusch trippelnder Schritte. Kurz darauf wurde eine Tr mit groem Knall zugeschlagen.

    Was ist das? fragte der Prsident. Das wird Louison sein, die sich langweilt. Na schn, soll sie warten, fuhr der Prsident fort. Unsere

    Akademie ist, so vermute ich, nicht dazu da, um Madame oder Mademoiselle Louison zu Diensten zu sein.

    Wie Sie meinen, sagte Corcoran. Und indem er sich selbst einen Stuhl griff, da niemand die

    Hflichkeit besessen hatte, ihm einen anzubieten, setzte er sich bequem zurecht, um den Erklrungen des Akademieprsiden-ten zuzuhren.

    Nun, der Gelehrte hatte Schwierigkeiten, den Anfang zu finden, denn man hatte vergessen, Wasser und Zucker die beiden Quellen der Beredsamkeit auf den Tisch zu stellen. Um dem abzuhelfen, zog er die Klingelschnur. Aber niemand

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    erschien. Er lutete ein-, zwei-, drei-, fnfmal, doch jedesmal vergeb-

    lich. Monsieur, sagte Corcoran, der Erbarmen mit dem Martyri-

    um des Prsidenten zeigte, luten Sie nicht mehr. Der Diener wird rger mit Louison bekommen und daraufhin den Saal verlassen haben.

    Mit Louison! rief der Prsident erstaunt. Ist denn diese Person von einem derart abscheulichen Charakter?

    Nein. Nicht schlechter als andere. Aber man mu sie zu nehmen wissen. Er wird sie beleidigt haben. Sie ist noch sehr jung, da wird sie sicher zornig geworden sein.

    Sehr jung. Wie alt ist denn Mademoiselle Louison? Etwas ber fnf, entgegnete Corcoran. Oh! In diesem Alter erreicht man immer, was man will. Ich wei nicht. Sie kratzt und beit mitunter Aber Monsieur, sagte der Prsident, man braucht sie doch

    nur in ein anderes Zimmer zu schaffen. Das ist schwierig. Louison ist eigensinnig; sie ist nicht

    gewhnt, da man anderer Meinung ist als sie. Sie ist in den Tropen geboren, und dieses mrderisch heie Klima hat die natrliche Hitze ihres Temperaments noch verstrkt

    Hren Sie, sagte der Prsident, eine Akademie hat Wich-tigeres zu tun, als sich ber Mademoiselle Louison den Kopf zu zerbrechen. Ich komme auf unser Problem zurck. Sie sind kerngesund, Monsieur?

    Ich vermute es, antwortete Corcoran. Ich hatte zweimal die Cholera, einmal Gelbfieber und lebe immer noch. Ich habe noch alle meine zweiunddreiig Zhne, und was meine Haare betrifft berzeugen Sie sich selbst, ob das eine Percke ist.

    Schon gut. Ich hoffe, Sie sind krftig? Pah, sagte Corcoran. Zwar nicht ganz so wie mein ver-

    storbener Vater, aber fr den Alltag reicht es. Dabei blickte er sich um und bemerkte, da das Fenster mit

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    groen Eisenstben vergittert war. Mit einer Hand nahm er einen der Stbe und bog ihn ohne sichtliche Kraftanstrengung zu sich herab, als ob er einen Draht in der Hand htte.

    Teufel, das ist vielleicht ein krftiger Bursche! rief ein ausnehmend schmchtiges Akademiemitglied bewundernd.

    Na ja, erwiderte Corcoran bescheiden, aber so toll ist es nun auch wieder nicht. Wenn Sie mir eine Sechsunddreiiger-kanone in die Hand drckten, ich wrde mich verpflichten, sie in die Berge von Fourvires zu schleppen.

    Die Bewunderung der Anwesenden begann in Begeisterung umzuschlagen.

    Und, fuhr der Prsident fort, wie ich vermute, haben Sie auch schon Pulver gerochen?

    Ein dutzendmal, sagte Corcoran. Nicht der Rede wert. Im Chinesischen Meer und vor Borneo, wissen Sie, da mu ein Handelskapitn immer ein paar Siebzehnpfnder an Bord haben, um sich der Piraten zu erwehren.

    Sie haben Piraten gettet? Um mein Leben zu verteidigen, jawohl, antwortete der

    Seemann, und zweihundert bis dreihundert werden es wohl gewesen sein. Oh, das habe natrlich nicht ich allein besorgt. Ich fr meinen Teil werde vielleicht kaum fnfundzwanzig oder dreiig ins Jenseits geschickt haben. Die brigen gehen auf das Konto meiner Mannschaft.

    In diesem Moment wurde die Sitzung unterbrochen. Im Nebenzimmer hrte man, wie mehrere Sthle umgeworfen wurden.

    Das ist ja unglaublich! schrie der Prsident erbost. Was ist denn dort nur los!

    Wie ich Ihnen schon sagte, man darf Louison nicht nervs machen, entgegnete Corcoran. Wollen Sie, da ich sie hierherbringe, um sie zu beruhigen? Sie kann eben nicht lange ohne mich sein, ein rechtes Kind.

    Monsieur! entrstete sich einer der Herren Akademiemit-

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    glieder mit suerlicher Miene. Wenn man ein verrotztes Kind bei sich hat, dann wischt man ihm die Nase ab, ein verzogenes weist man zurecht, und ein schreiendes steckt man ins Bett; aber man lt es nicht im Vorzimmer einer wissenschaftlichen Vereinigung warten!

    Sie haben keine weiteren Fragen? erkundigte sich Corco-ran, ohne dem Vorwurf Beachtung zu schenken.

    Pardon! Eine noch, Monsieur, sagte der Prsident und schob mit dem Zeigefinger der rechten Hand den goldgefaten Zwicker auf seiner Nase zurecht. Sind Sie? Nun, sehen Sie, Sie sind anstndig, stark und gesund, das sieht man. Sie haben Bildung, und davon haben Sie uns ein schnes Beispiel gegeben, als Sie Hindi sprachen, obwohl niemand von uns diese Sprache versteht; aber sehen Sie, sind Sie, wie soll ich sagen, schlau und listig? Denn Sie werden sicher Verstndnis dafr haben, da man das sein mu, wenn man zu diesen perfiden und grausamen Vlkern reist. Und welches Interesse die Akademie hat, Ihnen die von unserem berhmten Freund Delaroche ausgesetzte Summe zuzuerkennen, welches Interesse sie hat, das hervorragende Gurukaramta, das d...