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FRANZ KAFKA Briefe an Milena

Franz Kafka - Briefe an Milena

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  • FRANZ KAFKA

    Briefe an Milena

  • (April 1920)Meran-Untermais, Pension OttoburgLiebe Frau Milenaeben hat der zwei Tage und eine Nacht dauernde Regen aufgehrt,wahrscheinlich zwar nur vorbergehend, immerhin ein Ereignis wert gefeiert zu werden und das tueich indem ich Ihnen schreibe. brigens war auch der Regen zu ertragen, es ist eben die Fremdehier, eine kleine Fremde zwar nur, aber es tut dem Herzen wohl. Auch Sie haben sich wenn meinEindruck richtig war (ein kleines vereinzeltes halbstummes Beisammensein ist m der Erinnerungoffenbar nicht auszuschpfen) ber die Wiener Fremde gefreut, spterhin mag sie ja durch dieallgemeinen Verhltnisse trbe geworden sein, aber freut Sie auch die Fremde als solche? (Wasbrigens vielleicht ein schlimmes Zeichen wre und nicht sein soll.)Ich lebe hier recht gut, mehr Sorgfalt knnte der sterbliche Leib kaum ertragen, der Balkon meinesZimmers ist in einen Garten eingesenkt, umwachsen, berwachsen von blhenden Struchern(merkwrdig ist die Vegetation hier, bei einem Wetter, bei dem in Prag fast die Pftzen gefrieren,ffnen sich vor meinem Balkon langsam die Blten), dabei voll der Sonne ausgesetzt (oderallerdings dem tief bewlkten Himmel, wie seit fast einer Woche schon), Eidechsen und Vgel,ungleiche Paare, besuchen mich: Ich wrde Ihnen Meran so sehr gnnen, Sie schrieben letzthineinmal vom Nicht-atmen-knnen, Bild und Sinn sind darin sehr nah und beides mag hier ein wenigleichter werden.Mit herzlichsten Gren Ihr F Kafka

    (April 1920)Meran-Untermais, Pension Ottoburg

    Liebe Frau Milenavon Prag schrieb ich Ihnen einen Zettel und dann von Meran. Antwort bekam ich keine. Nun warenja die Zettel keiner besonders baldigen Antwort bedrftig und wenn Ihr Schweigen nichts anderesist als ein Zeichen verhltnismigen Wohlbefindens, das sich ja oft in Abneigung gegenber demSchreiben ausdrckt, so bin ich ganz zufrieden. Es ist aber auch mglich und deshalb schreibe ich- da ich Sie in meinen Zetteln irgendwie verletzt habe (welche gegen allen meinen Willen grobeHand htte ich, wenn das geschehen sein sollte) oder, was freilich noch viel schlimmer wre, dader Augenblick ruhigen Aufatmens, von dem Sie schrieben, wieder vorber und wieder eineschlechte Zeit fr Sie gekommen ist. Zur ersten Mglichkeit wei ich nichts zu sagen, so fern liegtmir das und alles andere so nher, zur zweiten Mglichkeit rate ich nicht - wie knnte ich raten? -sondern frage nur: Warum fahren Sie nicht ein wenig aus Wien hinaus? Sie sind doch nichtheimatlos wie andere Leute. Gbe Ihnen nicht ein Aufenthalt in Bhmen neue Kraft? Und wenn Sieaus irgendwelchen Grnden, die ich nicht kenne, vielleicht nicht nach Bhmen wollen, dannanderswohin, vielleicht wre selbst Meran gut. Kennen Sie es?Ich erwarte also zweierlei. Entweder weiteres Stillschweigen, das bedeutet: Keine Sorge, mir gehtes recht gut. Oder aber paar Zeilen.Herzlichst Kafka

    Es fllt mir ein, da ich mich an Ihr Gesicht eigentlich in keiner bestimmten Einzelnheit erinnernkann. Nur wie Sie dann zwischen den Kaffeehaustischen weggiengen, Ihre Gestalt, Ihr Kleid, dassehe ich noch.

  • (Meran, April 1920)Liebe Frau Milena, Sie mhn sich mit der bersetzung inmitten der trben Wiener Welt. Es istirgendwie rhrend und beschmend fr mich. Von Wolff drften Sie wohl schon einen Briefbekommen haben, wenigstens schrieb er mir schon vor lngerer Zeit von einem solchen Brief. EineNovelle Mrder die in einem Katalog angezeigt gewesen sein sollte, habe ich nicht geschrieben,es ist ein Miverstndnis; da sie aber die beste sein soll, mag es doch auch wieder richtig sein.Nach Ihrem letzten und vorletzten Brief scheinen Unruhe und Sorge Sie ganz und endgiltigfreigegeben zu haben, das bezieht sich wohl auch auf Ihren Mann, wie sehr wnsche ich es Ihnenbeiden. Ich erinnere mich an einen Sonntag-nachmittag vor Jahren, ich schlich auf demFranzensquai an der Hauswand hin und traf Ihren Mann, der auch nicht viel groartiger mirentgegenkam, zwei Kopfschmerzen-Fachleute, jeder allerdings in seiner ganz andern Art. Ich weinicht mehr, ob wir dann mit einander weitergiengen oder an einander vorber, der Unterschiedzwischen diesen beiden Mglichkeiten drfte nicht sehr gro gewesen sein. Aber das ist vergangenund soll tiefvergangen bleiben. Ist es schn bei Ihnen zuhause?

    Herzliche GreIhres Kafka

    (Meran, April 1920)Also die Lunge. Den ganzen Tag habe ich es im Kopf herumgedreht, ich konnte an nichts anderesdenken. Nicht da ich ber die Krankheit besonders erschrokken wre, wahrscheinlich undhoffentlich - Ihre Andeutungen scheinen dafr zu sprechen - tritt sie bei Ihnen zart auf und selbstwirkliche Lungenkrankheit (mehr oder minder fehlerhafte Lungen hat halb Westeuropa), die ich anmir seit 3 Jahren kenne, hat mir mehr Gutes als schlimmes gebracht. Vor etwa 3 Jahren begann esbei mir mitten in der Nacht mit einem Blutsturz. Ich stand auf, angeregt wie man durch alles neueist (statt liegen zu bleiben, wie ich es spter als Vorschrift erfuhr), natrlich auch etwas erschreckt,gieng zum Fenster, lehnte mich hinaus, gieng zum Waschtisch, gieng im Zimmer herum, setztemich aufs Bett - immerfort Blut. Dabei aber war ich gar nicht unglcklich, denn ich wuteallmhlich aus einem bestimmten Grunde, da ich nach 3, 4 fast schlaflosen Jahren, vorausgesetztda die Blutung aufhrt, zum erstenmal schlafen werde. Es hrte auch auf (kam auch seitdem nichtwieder) und ich schlief den Rest der Nacht. Am Morgen kam zwar die Bedienerin (ich hatte damalseine Wohnung im Schnborn-Palais), ein gutes, fast aufopferndes, aber uerst sachlichesMdchen, sah das Blut und sagte: Pane doktore, s Vmi to dlouho nepotrv. Aber mir war besserals sonst, ich gieng ins Bureau und erst nachmittag zum Arzt. Die weitere Geschichte ist hiergleichgiltig. Ich wollte nur sagen: Nicht Ihre Krankheit hat mich erschreckt, (zumal ich immerfortmir dazwischenfahre, an der Erinnerung herumarbeite, das fast Buerisch-Frische durch alleZartheit erkenne und feststelle: nein, Sie sind nicht krank, eine Mahnung aber keine Krankheit derLunge), nicht das also hat mich erschreckt, aber der Gedanke an das, was dieser Strung hatvorhergehn mssen. Dabei schalte ich zunchst aus, was sonst in Ihrem Briefe steht wie: keinenHeller Tee und Apfel - tglich von 2-8 - das sind Dinge, die ich nicht verstehen kann, offenbarkann man das wirklich nur mndlich erklren. Davon sehe ich also hier ab (nur im Brief allerdings,denn vergessen kann man das nicht) und denke nur an die Erklrung, die ich mir damals fr dieErkrankung in meinem Fall zurechtlegte und die fr viele Flle pat. Es war so, da das Gehirn dieihm auferlegten Sorgen und Schmerzen nicht mehr ertragen konnte. Es sagte: ich gebe es auf; isthier aber noch jemand, dem an der Erhaltung des Ganzen etwas liegt, dann mge er mir etwas vonmeiner Last abnehmen und es wird noch ein Weilchen gehn. Da meldete sich die Lunge, viel zuverlieren hatte sie ja wohl nicht. Diese Verhandlungen zwischen Gehirn und Lunge, die ohne meinWissen vor sich giengen, mgen schrecklich gewesen sein.

  • Und was werden Sie nun tun? Es ist ja wahrscheinlich ein Nichts, wenn man Sie ein wenig behtet.Da man Sie aber ein wenig behten mu, mu doch jeder einsehn, der Sie lieb hat, da mu dochalles andere schweigen. Also auch eine Erlsung hier? Ich sagte ja, - nein, ich will keine Spemachen, ich bin auch gar nicht lustig und. werde es nicht frher, ehe Sie mir nicht geschriebenhaben, wie Sie Ihre Lebensweise neu und gesunder einrichten. Warum Sie nicht ein wenig vonWien fortgehn, frage ich nach Ihrem letzten Brief nicht mehr, das verstehe ich jetzt, aber auch ganznahe bei Wien gibt es doch schne Aufenthalte und manche Mglichkeit fr Sie zu sorgen. Ichschreibe heute von nichts anderem, es gibt nichts Wichtigeres, das ich vorzubringen habe. Allesandere morgen, auch den Dank fr das Heft, das mich rhrt und beschmt, traurig macht und freut.Nein, eines noch heute: Wenn Sie auch nur eine Minute Ihres Schlafes fr bersetzungsarbeitverwenden, so ist es so, wie wenn Sie mich verfluchen wrden. Denn wenn es einmal zu einemGericht kommt, wird man sich nicht in weitere Untersuchungen einlassen, sondern einfachfeststellen: er hat sie um den Schlaf gebracht. Damit bin ich gerichtet und mit Recht. Ich kmpfealso fr mich, wenn ich Sie bitte, das nicht mehr zu tun.

    (Meran, Ende April 1920)Liebe Frau Milena, heute will ich von anderem schreiben, aber es will nicht. Nicht da ich eseigentlich ernst nhme; tte ich das, schriebe ich anders, aber hie und da sollte ein Liegestuhlirgendwo im Garten im halben Schatten fr Sie bereit sein und etwa 10 Glas Milch in ReichweiteIhrer Hnde. Es drfte auch in Wien sein, gar jetzt im Sommer, aber ohne Hunger und Unruhe. Istdas nicht mglich? Und gibt es niemanden, der das mglich macht? Und was sagt der Arzt?Als ich das Heft aus dem groen Kouvert zog, war ich fast enttuscht. Ich wollte von Ihnen hrenund nicht die allzu gut bekannte Stimme aus dem alten Grabe. Warum mischte sie sich zwischenuns? Bis mir dann einfiel, da sie auch zwischen uns vermittelt hatte. Im brigen aber ist es mirunbegreiflich, da Sie diese groe Mhe auf sich genommen haben, und tief rhrend, mit welcherTreue Sie es getan haben, Stzchen auf und ab, einer Treue, deren Mglichkeit und schnenatrliche Berechtigung, mit der Sie sie ben, ich in der tschechischen Sprache nicht vermutethabe. So nahe deutsch und tschechisch? Aber wie das auch sein mag, jedenfalls ist es eineabgrndig schlechte Geschichte, mit einer Leichtigkeit, wie nichts sonst, knnte ich liebe FrauMilena Ihnen das fast Zeile fr Zeile nachweisen, nur der Widerwille dabei wre noch ein wenigstrker als der Beweis. Da Sie die Geschichte gern haben, gibt ihr natrlich Wert, trbt mir aberein wenig das Bild der Welt. Nichts mehr davon. Den Landarzt bekommen Sie von Wolff, ichhabe ihm geschrieben.Gewi verstehe ich tschechisch. Schon einigemal wollte ich Sie fragen, warum Sie nicht einmaltschechisch schreiben. Nicht etwa deshalb, weil Sie das Deutsche nicht beherrschten. Siebeherrschen es meistens erstaunlich und wenn Sie es einmal nicht beherrschen, beugt es sich vorIhnen freiwillig, das ist dann besonders schn; das wagt nmlich ein Deutscher von seiner Sprachegar nicht zu erhoffen, so persnlich wagt er nicht zu schreiben. Aber tschechisch wollte ich vonIhnen lesen, weil Sie ihm doch angehren, weil doch nur dort die ganze Milena ist (diebersetzung besttigt es), hier doch immerhin nur die aus Wien oder die auf Wien sichvorbereitende. Also tschechisch, bitte. Und auch die Feuilletons, von denen Sie schreiben. Mgensie schbig sein, Sie haben sich auch durch die Schbigkeit der Geschichte durchgelesen, biswohin? ich wei nicht. Vielleicht kann ich das auch, sollte ich es aber nicht knnen, werde ich ebenin dem allerbesten Vorurteil stecken bleiben.Sie fragen nach meiner Verlobung. Ich war zweimal (wenn man will, dreimal, nmlich zweimal mitdem gleichen Mdchen) verlobt, also dreimal nur durch paar Tage von der Ehe getrennt. Das ersteist ganz vorber (es gibt da schon eine neue Ehe und auch einen kleinen Jungen, wie ich hre), daszweite lebt noch, aber ohne jede Aussicht auf Ehe, lebt also eigentlich nicht oder lebt vielmehr ein

  • selbststndiges Leben auf Kosten der Menschen. Im Ganzen habe ich hier und anderswo gefunden,da die Mnner vielleicht mehr leiden oder wenn man es so ansehn will, hier wenigerWiderstandskraft haben, da aber die Frauen immer ohne Schuld leiden und zwar nicht so, da sieetwa nicht dafr knnen sondern im eigentlichsten Sinn, der allerdings wieder vielleicht in dasnicht dafr knnen mndet. Im brigen ist das Nachdenken ber diese Dinge unntz. Es ist sowie wenn man sich anstrengen wollte, einen einzigen Kessel in der Hlle zu zerschlagen, erstensgelingt es nicht und zweitens, wenn es gelingt, verbrennt man zwar in der glhenden Masse dieherausfliet, aber die Hlle bleibt in ihrer ganzen Herrlichkeit bestehn. Man mu es andersanfangen.Zunchst aber jedenfalls sich in einen Garten legen und aus der Krankheit, besonders wenn es keineeigentliche ist, soviel Sigkeit ziehn, als nur mglich. Es ist viel Sigkeit darinIhr Franz K.

    (Meran, April/Mai 1920)Liebe Frau Milena, zunchst, damit Sie es nicht etwa ohne meinen Willen aus meinem Briefherauslesen: ich bin seit etwa 14 Tagen in einer sich immer noch verstrkenden Schlaflosigkeit,grundstzlich nehme ich es nicht schlimm, solche Zeiten kommen und gehn und haben immereinige Ursachen (nach Bdeker kann es lcherlicher Weise auch die Meraner Luft sein) mehr als siebrauchen, selbst wenn diese Ursachen manchmal kaum sichtbar sind, jedenfalls machen sie einenaber stumpf wie einen Klotz und dabei unruhig wie ein Waldtier.Eine Genugtuung aber habe ich. Sie haben ruhig geschlafen, zwar noch merkwrdig, zwar warnoch gestern ein Auer-Fassung-sein, aber doch ruhig geschlafen. Wenn der Schlaf also in derNacht an mir vorbergeht, kenne ich seinen Weg und nehme es hin. Es wre brigens auch sonstdumm sich aufzulehnen, der Schlaf ist das unschuldigste Wesen und der schlaflose Mensch dasschuldigste.Und diesem schlaflosen Menschen danken Sie in Ihrem letzten Brief. Wenn ein Fremder ohneKenntnis der Sache das lesen wrde, mte er denken: Was fr ein Mensch! In diesem Fallscheint er Berge versetzt zu haben. Unterdessen hat er gar nichts getan, keinen Finger (auer demSchreibefinger) gerhrt, nhrt sich von Milch und guten Dingen, ohne immer (wenn auch oft) Teeund pfel vor sich zu sehn und lt im brigen die Dinge ihren Gang gehn und die Berge aufihren Pltzen. Kennen Sie die Geschichte von Dostojewskis erstem Erfolg? Es ist eine Geschichtedie sehr viel zusammenfat und die ich berdies nur aus Bequemlichkeit wegen des groenNamens citiere, denn eine Geschichte von nebenan oder noch nher htte die gleiche Bedeutung.brigens kenne ich die Geschichte nur schon ungenau, gar die Namen. Dostojewski schrieb seinenersten Roman Arme Leute, er lebte damals mit einem befreundeten Literaten Grigoriew. Der sahzwar monatelang auf dem Tisch die vielen beschriebenen Bltter, bekam aber das Manuscript erst,als d er Roman fertig war. Er las ihn, war entzckt und trug ihn, ohne Dostojewski etwas zu sagen,zu dem damals berhmten Kritiker Nekrassow. In der Nacht darauf um 3 Uhr lutet es anDostojewskis Tr. Es sind Grigoriew und Nekrdssow, sie dringen ins Zimmer, umarmen undkssen Dostojewski, Nekrassow, der ihn bisher nicht gekannt hat, nennt ihn die HoffnungRulands, sie verbringen ein, zwei Stunden mit Gesprchen, die hauptschlich den Romanbetreffen, erst gegen Morgen nehmen sie Abschied. Dostojewski, der diese Nacht immer dieglcklichste seines Lebens genannt hat, lehnt am Fenster, sieht ihnen nach, kann sich nicht fassenund fngt zu weinen an. Sein Grundgefhl hiebei, das er, ich wei nicht mehr wo, beschrieben hat,war etwa: Diese herrlichen Menschen! Wie gut und edel sie sind! Und wie gemein ich bin! Wennsie in mich sehen knnten! Wenn ich es ihnen nur sage, so glauben sie es nicht. Da sich dannDostojewski auch noch vornahm, ihnen nachzueifern, ist nur ein Schnrkel, ist nur noch das letzteWort, das die unbesiegbare Jugend haben mu, und gehrt nicht mehr zu meiner Geschichte, die

  • also zu Ende ist. Merken Sie liebe Frau Milena das Geheimnisvolle, vom Verstand nicht zuDurchdringende dieser Geschichte? Es ist, glaube ich, dieses: Grigoriew und Nekrassow waren,soweit man allgemein davon sprechen kann, gewi nicht edler als Dostojewski, aber nun lassen Sieden allgemeinen berblick, den ja auch Dostojewski in jener Nacht nicht verlangte und der imEinzelfall nichts ntzt, hren Sie nur auf Dostojewski und Sie werden berzeugt sein, daGrigoriew und Nekrassow wirklich herrlich waren, Dostojewski unrein, gemein ohne Ende, da ernatrlich Grigoriew und Nekrassow niemals auch nur von der Ferne erreichen wird, von einemAbzahlen ihrer ungeheueren, unverdienten Wohltat wird erst recht niemals die Rede sein. Man siehtsie frmlich vom Fenster aus, wie sie sich entfernen und damit ihre Unnahbarkeit andeuten. -Leider wird die Bedeutung der Geschichte durch den groen Namen Dostojewskis verwischt.Wohin hat mich meine Schlaflosigkeit gefhrt? Gewi zu nichts, das nicht sehr gut gemeint wre.

    Ihr Franz K

    (Meran, Mai 1920)Liebe Frau Milena nur paar Worte, ich schreibe Ihnen wohl morgen wieder, heute schreibe ich nurmeinetwegen, nur um etwas fr mich getan zu haben, nur um den Eindruck Ihres Briefes ein wenigvon mir fortzuheben, er se sonst auf mir Tag und Nacht. Sie sind sehr sonderbar Frau Milena, Sieleben dort in Wien, mssen dies und jenes leiden und haben dazwischen noch Zeit sich zu wundern,da es andern, etwa mir, nicht besonders gut geht und da ich eine Nacht ein wenig schlechterschlafe als die vorige. Da hatten meine hiesigen 3 Freundinnen (3 Schwestern, die lteste 5 Jahrealt) eine vernnftigere Auffassung, sie wollten mich bei jeder Gelegenheit, ob wir beim Flu warenoder nicht, ins Wasser werfen und zwar nicht etwa deshalb weil ich ihnen etwas Bses getan hatte,durchaus nicht. Wenn Erwachsene Kindern so drohen, so ist das natrlich Scherz und Liebe undbedeutet etwa: Jetzt wollen wir zum Spa einmal das Alleralterunmglichste sagen. Aber Kindersind ernst und kennen keine Unmglichkeit, zehnmaliges Milingen des Hinunterwerfens wird sienicht berzeugen knnen, da es nchstens nicht gelingen wird, ja sie wissen nicht einmal da es inden zehn Fllen vorher nicht gelungen ist. Unheimlich sind Kinder, wenn man ihre Worte undAbsichten ausfllt mit dem Wissen des Erwachsenen. Wenn eine solche kleine Vierjhrige, die zunichts da zu sein scheint, als sie zu kssen und an sich zu drcken, dabei stark wie ein kleiner Br,noch ein wenig bauchig aus den alten Suglingszeiten her, gegen einen losgeht und die zweiSchwestern helfen ihr rechts und links und hinter sich hat man nur schon das Gelnder und derfreundliche Kinder-Vater und die sanfte schne dicke Mutter (beim Wgelchen ihres vierten)lcheln von der Ferne dem zu und wollen gar nicht helfen, dann ist es fast zuende und es ist kaummglich zu beschreiben wie man doch gerettet wurde. Vernnftige oder ahnungsvolle Kinder,wollten mich hinunterwerfen ohne besonderen Grund, vielleicht weil sie mich fr berflssighielten und kannten doch nicht einmal Ihre Briefe und meine Antworten.Das gut gemeint Im letzten Brief mu Sie nicht schrecken. Es war eine Zeit, eine hier nichtvereinzelte Zeit vollkommener Schlaflosigkeit, ich hatte die Geschichte niedergeschrieben, dieseoft im Zusammenhang mit Ihnen durchdachte Geschichte aber als ich mit ihr zuende war, konnteich zwischen der Schlfenspannung rechts und links nicht mehr genau erkennen, warum ich sieerzhlt hatte, auerdem war da noch gestaltlos die Menge dessen was ich Ihnen drauen auf demBalkon im Liegestuhl hatte sagen wollen und so blieb mir nichts brig als mich auf dasGrundgefhl zu berufen,. ich kann ja auch jetzt nicht viel anderes.Sie haben alles was von mir erschienen ist auer dem letzten Buch Landarzt, einer Sammlungkleiner Erzhlungen, die Ihnen Wolff schicken wird, wenigstens habe ich ihm vor einer Wochedeshalb geschrieben. Im Druck ist nichts, ich wte auch nicht was kommen knnte. Alles was Siemit den Bchern und bersetzungen tun werden, wird richtig sein, schade da sie mir nicht

  • wertvoller sind, damit die bergabe in Ihre Hnde das Vertrauen das ich zu Ihnen habe wirklichausdrckte. Dagegen freue ich mich durch paar Bemerkungen ber den Heizer, die Sie wnschen,wirklich ein kleines Opfer bringen zu knnen, es wird der Vorgeschmack jener Hllenstrafe sein,die darin besteht da man sein Leben nochmals mit dem Blick der Erkenntnis durchnehmen mu,wobei das Schlimmste nicht die Durchsicht der offenbaren Untaten ist sondern jener Taten die maneinstmals fr gut gehalten hat.Trotzallem aber ist das Schreiben doch gut, mir ist ruhiger als vor 2 Stunden mit IhremBriefdrauen auf dem Liegestuhl. Ich lag dort, einen Schritt von mir war ein Kfer auf den Rckengefallen und war verzweifelt, konnte sich nicht aufrichten, ich htte ihm gern geholfen, so leichtwar ihm zu helfen, eine offenbare Hilfe konnte man durchfhren mit einem Schritt und einemkleinen Sto, aber ich verga ihn ber Ihrem Brief, ich konnte auch nicht aufstehn, erst eineEidechse machte mich wieder auf das Leben um mich aufmerksam, ihr Weg fhrte sie ber denKfer, der schon ganz still war, es war also, sagte ich mir, kein Unfall gewesen, sondern einTodeskampf, das seltene Schauspiel des natrlichen Tier-Sterbens; aber als die Eidechse ber ihnhinweggerutscht war, hatte sie ihn damit aufgerichtet, zwar lag er noch ein Weilchen totstill, dannaber lief er wie selbstverstndlich die Hausmauer hinauf. Irgendwie bekam ich wahrscheinlichdadurch auch ein wenig Mut wieder, stand auf, trank Milch und schrieb Ihnen.

    Ihr Franz K

    Also die Bemerkungen:Spalte I Zeile 2 arm hat hier auch den Nebensinn: bedauernswert, aber ohne besondereGefhlsbetonung, ein unverstehendes Mitleid das auch Karl mit seinen Eltern hat, vielleicht uboI 9 freie Lfte ist ein wenig groartiger aber da ist wohl kein AuswegI 17 z dobr nlady a ponevad byl siln chlapec ganz wegstreichen.Nein ich schicke den Brief lieber fort, morgen schicke ich Ihnen die Bemerkungen, es wirdbrigens sehr wenig sein, seitenlang gar nichts, die wie selbstverstndliche Wahrheit derbersetzung ist mir wenn ich das Selbstverstndliche von mir abschttle immer wieder erstaunlich,kaum ein Miverstndnis, das wre ja noch gar nicht so viel, aber immer krftiges undentschlossenes Verstehn. Nur wei ich nicht, ob nicht Tschechen Ihnen die Treue, das was mir dasLiebste an der bersetzung ist (nicht einmal der Geschichte wegen sondern meinetwegen),vorwerfen; mein tschechisches Sprachgefhl, ich habe auch eines, ist voll befriedigt, aber es istuerst voreingenommen. Jedenfalls, wenn es Ihnen jemand vorwerfen sollte, suchen Sie dieKrnkung mit meiner Dankbarkeit auszugleichen.

    (Meran, Mai 1920)Liebe Frau Milena (ja die berschrift wird lstig, aber es ist einer jener Griffe in der unsichernWelt, an denen sich Kranke anhalten knnen und es ist noch kein Beweis der Gesundung wennihnen die Griffe lstig werden) ich habe niemals unter deutschem Volk gelebt, Deutsch ist meineMuttersprache und deshalb mir natrlich, aber das tschechische ist mir viel herzlicher, deshalbzerreit Ihr Brief manche Unsicherheiten, ich sehe Sie deutlicher, die Bewegungen des Krpers, derHnde, so schnell, so entschlossen, es ist fast eine Begegnung, allerdings wenn ich dann die Augenbis zu Ihrem Gesicht heben will, bricht dann im Verlauf des Briefes - was fr eine Geschichte! -Feuer aus und ich sehe nichts als Feuer.Es knnte dazu verfhren, an das Gesetz Ihres Lebens, das Sie aufstellen zu glauben. Da Siewegen des Gesetzes, unter dem Sie angeblich stehn, nicht bedauert werden wollen, ist ja

  • selbstverstndlich, denn die Aufstellung des Gesetzes ist nichts als reiner Hochmut undberhebung (ja jsem ten kter plat), die Proben; die Sie fr das Gesetz gegeben haben, sindallerdings nicht weiter zu besprechen, da kann man nur still Ihre Hand kssen. Was mich betrifft, soglaube ich ja an Ihr Gesetz, nur glaube ich. nicht, da es so blank grausam und auszeichnend frimmer ber Ihrem Leben steht, es ist zwar eine Erkenntnis, aber nur eine Erkenntnis auf dem Wegeund der Weg ist unendlich.Davon aber unbeeinflut ist es fr den. irdisch beschrnkten Verstand eines Menschen schrecklich,Sie in dem berheizten Ofen zu sehn, in dem Sie leben. Ich will einmal nur von mir sprechen. Siehatten, wenn man das Ganze etwa als Schulaufgabe ansieht, mir gegenber dreierlei Mglichkeiten.Sie htten mir z. B. gar nichts von sich sagen knnen, dann htten Sie mich aber um das Glckgebracht, Sie zu kennen und was noch grer ist als das Glck, mich selbst daran zu erproben. Alsodurften Sie es mir nicht verschlossen halten. Dann htten Sie mir manches verschweigen oderschnfrben knnen und knnten das noch, aber das wrde ich in dem jetzigen Standeherausfhlen, auch wenn ich es nicht sagte und es wrde mir doppelt weh tun. Also auch das drfenSie nicht tun. Bleibt dann als dritte Mglichkeit nur: sich selbst ein wenig zu retten suchen. Einekleine Mglichkeit zeigt sich ja in Ihren Briefen. fters lese ich von Ruhe und Festigkeit, ftersfreilich vorlufig noch von anderem und zum Schlu gar: reeln hrza.Was Sie ber Ihre Gesundheit sagen (meine ist gut, nur mein Schlaf ist in der Bergluft schlecht)gengt mir nicht. Die Diagnose des Arztes finde ich nicht bermig gnstig, vielmehr ist sieweder gnstig noch ungnstig, nur Ihr Verhalten kann entscheiden, welche Deutung man ihr gebensoll. Gewi, die rzte sind dumm oder vielmehr sie sind nicht dmmer als andere Menschen aberihre Prtentionen sind lcherlich, immerhin, damit mu man rechnen, da sie von dem Augenblickan, wo man sich mit ihnen einlt, immer dmmer werden und was der Arzt vorlufig verlangt istweder sehr dumm noch unmglich. Unmglich ist, da Sie wirklich krank werden und dieseUnmglichkeit soll bleiben. Worin hat sich Ihr Leben verndert, seitdem Sie mit dem Arztgesprochen haben - das ist die Hauptfrage.Dann noch einige Nebenfragen, die Sie mir erlauben mgen: Warum und seit wann haben Sie keinGeld? Sind Sie mit Ihren Verwandten in Verbindung? (ich glaube wohl, denn einmal gaben Sie mireine Adresse an, von der Sie regelmig Pakete bekamen, hat das aufgehrt?) Warum haben Siewie Sie schreiben, frher mit vielen Leuten in Wien verkehrt und jetzt mit niemandem?Ihre Feuilletons wollen Sie mir nicht schicken, Sie haben also nicht das Vertrauen zu mir, da ichdiese Feuilletons in dem Bilde das ich mir von Ihnen mache, an der richtigen Stelle einzeichnenkann. Gut, dann bin ich also in diesem Punkte mit Ihnen bse, was brigens kein Unglck ist, dennes ist schon wegen des Ausgleiches ganz gut, wenn in einem Winkel des Herzens ein wenig Bse-Sein fr Sie bereit liegt.Ihr Franz K(Meran, 29. Mai 1920)

    Liebe Frau Milena, der Tag ist so kurz, mit Ihnen und sonst nur mit ein paar Kleinigkeiten ist erverbracht und ist zu Ende. Kaum da ein Weilchen Zeit bleibt an die wirkliche Milena zuschreiben, da die noch wirklichere den ganzen Tag hier war, im Zimmer, auf dem Balkon, in denWolken.Woher kommt die Frische, die Laune, die Unbekmmertheit in Ihrem letzten Brief? Hat sich etwasgendert? Oder tusche ich mich und helfen die Prosastcke dabei mit? Oder beherrschen Sie sichso und damit auch die Dinge? Was ist es?Ihr Brief beginnt richterlich, ich meine das im Ernst. Und Sie haben recht mit dem Vorwurf i netak docela pravdu so wie Sie im Grunde recht hatten hinsichtlich des dobe mnno Es ist jaselbstverstndlich. Htte ich voll und dauernd die Sorge so wie ich es geschrieben habe, ich htte esber alle Hindernisse hinweg auf dem Liegestuhl nicht ausgehalten und wre einen Tag spter inIhrem Zimmer gestanden.Die einzige Probe auf die Wahrhaftigkeit, alles andere sind Reden, dieses mit eingeschlossen. OderBerufungen auf das Grundgefhl, dieses aber ist stumm und hat die Hnde im Schoo.

  • Wie kommt es, da Sie die lcherlichen Leute, die welche Sie beschreiben (mit Liebe und deshalbzauberhaft beschreiben) dann den welcher fragt und viele andere noch nicht satt haben. Sie habendoch zu urteilen, die Frau urteilt doch am Ende. (Die Sage von Paris verdunkelt das ein wenig, aberauch Paris urteilt nur darber, welcher Gttin Schluurteil das strkste ist.) Es kme ja nicht auf dieLcherlichkeiten an, es knnten nur Lcherlichkeiten des Augenblicks sein, die dann im Ganzenernst und gut werden, ist es diese Hoffnung, die Sie bei diesen Menschen hlt? Wer kann sagen,da er die geheimen Gedanken der Richterin kennt, aber ich habe den Eindruck, da Sie dieLcherlichkeiten als solche verzeihen, verstehn, lieben und durch Ihre Liebe adeln. Whrend dochdiese Lcherlichkeiten nichts anderes sind als das Zick-Zack-Laufen der Hunde, whrend der Herrquerdurch geht, nicht gerade mitten durch, sondern genau dort, wo der Weg fhrt. Aber es wirdtrotzdem ein Sinn in Ihrer Liebe sein, das glaube ich fest (nur fragen und es sonderbar finden, muich.) und es fllt mir, um nur eine Mglichkeit dessen zu bekrftigen, ein Ausspruch eines Beamtenaus meiner Anstalt ein. Vor einigen Jahren war ich viel im Seelentrnker (maas) auf der Moldau,ich ruderte hinauf und fuhr dann ganz aus gestreckt mit der Strmung hinunter, unter den Brkkendurch. Wegen meiner Magerkeit mag das von der Brcke aus sehr komisch ausgesehn haben. JenerBeamte, der mich eben so einmal von der Brcke sah, fate seinen Eindruck, nachdem er dasKomische gengend hervorgehoben hatte, so zusammen: Es htte so ausgesehn, wie vor demJngsten Gericht. Es wre wie jener Augenblick gewesen, da die Sargdekkel schon abgehobenwaren, die Toten aber noch stillagen.Einen kleinen Ausflug habe ich gemacht (nicht jenen groen,den ich erwhnt Habe und der nicht zustandekam) und war fast drei Tage fast unfhig vor (einernicht unangenehmen) Mdigkeit etwas zu tun, selbst zu schreiben, nur gelesen habe ich, den Brief,die Aufstze, fters, in der Meinung, da solche Prosa natrlich nicht um ihrer selbst willen da ist,sondern eine Art Wegzeiger auf dem Weg zu einem Menschen, auf einem Weg, auf dem manimmer glcklicher weitergeht, bis man in einem hellen Augenblick erkennt, da man ja gar nichtweiter kommt, sondern nur in seinem eigenen Labyrinth noch umherluft, nur auf geregter,verwirrter als sonst. Aber jedenfalls: das ist keine gewhnliche Schreiberin, die das geschriebenhat. Ich habe danach zu Ihrem Schreiben fast so viel Vertrauen wie zu Ihnen selbst. Ich kenne (beimeiner geringen Kenntnis) im Tschechischen nur eine Sprachmusik, die der Boena Nmcov, hierist eine andere Musik, aber jener verwandt an Entschlossenheit, Leidenschaft, Lieblichkeit und vorallem einer hellsichtigen Klugheit. Sollten das erst die letzten Jahre hervorgerufen haben?Schrieben Sie auch frher? Sie knnen natrlich sagen, da ich lcherlich voreingenommen bin undSie haben auch recht, gewi bin ich voreingenommen, aber voreingenommen nur durch das, wasich nicht erst in den (brigens ungleichen, stellenweise durch die Zeitung schdlich beeinfluten)Stcken gefunden, sondern wiedergefunden habe. Die Minderwertigkeit meines Urteils knnen Sieaber gleich daran erkennen, da ich, durch 2 Stellen verfhrt, auch den zerschnittenen Modeaufsatzfr Ihre Arbeit halte. Sehr gern wrde ich mir die Ausschnitte lassen, um sie wenigstens nochmeiner Schwester zu zeigen, aber da Sie sie gleich brauchen lege ich sie bei, auch sehe ich dieRechenoperationen am Rande.Ihren Mann habe ich wohl anders beurteilt. Er schien mir in dem Kaffeehauskreis der verllichste,verstndigste, ruhigste, fast bertrieben vterlich, allerdings auch undurchsichtig, aber nicht so, dadas Vorige dadurch aufgehoben worden wre. Respekt hatte ich immer vor ihm, zur weiterenKenntnis hatte ich weder Gelegenheit noch Fhigkeit, aber Freunde, besonders Max Brod hatteneine hohe Meinung von ihm, das war mir dann immer gegenwrtig, wenn ich an ihn dachte.Besonders gefiel mir zu einer Zeit seine Eigenheit in jedem Kaffeehaus am Abend einigemalantelephoniert zu werden. Da sa wohl jemand statt zu schlafen beim Apparat, dmmerte hin, denKopf auf der Rckenlehne und schreckte von Zeit zu Zeit auf um zu telephonieren. Ein Zustand,den ich so gut verstehe, da ich vielleicht nur deshalb davon schreibe.Im brigen gebe ich Staa und ihm recht; allem was mir unerreichbar ist, gebe ich recht, nur wennniemand zusieht, gebe ich im Geheimen Staa mehr Recht

  • Ihr Franz K

    Was meinen Sie? kann ich noch bis Sonntag einen Brief bekommen? Mglich wre es schon. Aberes ist unsinnig, diese Lust an Briefen. Gengt nicht ein einziger, gengt nicht ein Wissen? Gewigengt es, aber trotzdem lehnt man sich weit zurck und trinkt die Briefe und wei nichts als daman nicht aufhren will zu trinken. Erklren Sie das, Milena, Lehrerin!

    (Meran, 30. Mai 1920)Wie ist es, Milena, mit Ihrer Menschenkenntnis? Manchmal schon zweifelte ich an ihr, z. B. wennSie von Werfel schrieben, es sprach ja daraus auch Liebe und vielleicht nur Liebe, aber dochmiverstehende und wenn man von allem absieht, was Werfel ist und nur bei dem Vorwurf derDicke bleibt (der mir berdies unberechtigt scheint, Werfel wird mir schner und liebenswerter vonJahr zu Jahr, ich sehe ihn allerdings nur flchtig) wissen Sie denn nicht, da nur die Dickenvertrauenswrdig sind? Nur in diesen starkwandigen Gefen wird alles zuendegekocht, nur dieseKapitalisten des Luftraums sind, soweit es bei Menschen mglich ist, geschtzt vor Sorgen und,Wahnsinn und knnen sich ruhig mit ihrer Aufgabe beschftigen und sie allein sind, wie einmaleiner sagte, als eigentliche Erdelibrger auf der ganzen Erde verwendbar, denn im Norden wrmensie und im Sden geben sie Schatten. (Man kann das allerdings auch umkehren, aber es ist dannnicht wahr.) [ca 40 Wrter unleserlich gemacht]Dann das Judentum. Sie fragen mich ob ich Jude bin, vielleicht ist das nur Scherz, vielleicht fragenSie nur ob ich zu jenem ngstlichen Judentum gehre, jedenfalls knnen Sie als Pragerin in dieserHinsicht nicht so harmlos sein wie etwa Mathilde, Heines Frau. (Vielleicht kennen Sie dieGeschichte nicht. Es kommt mir vor, als htte ich Ihnen Wichtigeres zu erzhlen, auch schade ichmir irgendwie zweifellos, nicht durch die Geschichte, aber durch deren Erzhlung, aber Sie sollendoch auch einmal etwas Hbsches von mir hren. Meiner, ein deutsch-bhmischer Dichter, keinJude, erzhlt es in seinen Erinnerungen. Mathilde rgerte ihn immer mit ihren Ausfllen gegen dieDeutschen: die Deutschen seien boshaft, berwitzig, rechthaberisch, wortklauberisch, aufdringlich,kurz ein unertrgliches Volk. Sie kennen doch die Deutschen gar nicht sagte dann endlich einmalMeiner Henry verkehrt doch nur mit deutschen Journalisten und die sind hier in Paris alleJuden. Ach sagte Mathilde da bertreiben Sie, es mag ja hie und da unter Ihnen ein Jude sein,z. B. Seiffert -. Nein sagte Meiner das ist der einzige Nichtjude. Wie? sagte MathildeJeitteles z. B. (es war ein groer starker blonder Mensch) wre ein Jude? Allerdings sagteMeiner. Aber Bamberger? Auch. Aber Amstein? Ebenso. So gieng es weiter alleBekannten durch. Schlielich wurde Mathilde rgerlich und sagte: Sie wollen mich ja nur zumBesten halten, zu guter Letzt werden Sie noch behaupten wollen, auch Kohn sei ein jdischerName, aber Kohn ist doch ein Vetter von Henry und Henry ist Lutheraner. Dagegen konnteMeiner nichts mehr einwenden.) Jedenfalls scheinen Sie keine Angst vor dem Judentum zu haben.Das ist auf das letzte oder vorletzte Judentum unserer Stdte bezogen etwas Heldenhaftes und - alleScherze weit weg! ~ wenn ein reines Mdchen zu Ihren Verwandten sagt: Lat mich und dorthinauszieht, dann ist es mehr als der Auszug der Jungfrau von Orleans aus ihrem Dorfe.Sie drfendann auch den Juden jene besondere ngstlichkeit vorwerfen, trotzdem ein solcher allgemeinerVorwurf mehr teoretische als praktische Menschenkenntnis enthlt, mehr teoretische, denn erstenstrifft der Vorwurf nach Ihrer frhern Beschreibung Ihren Mann gar nicht, zweitens trifft er nachmeiner Erfahrung die meisten Juden nicht und drittens trifft er nur Vereinzelte, diese aber sehr starkz. B. mich. Das Merkwrdigste ist es ja, da der Vorwurf allgemein nicht pat. Die unsichereStellung der Juden, unsicher in sich, unsicher unter den Menschen, wrde es ber alles begreiflichmachen, da sie nur das zu besitzen glauben drfen, was sie in der Hand oder zwischen den Zhnenhalten, da ferner nur handgreiflicher Besitz ihnen Recht auf das Leben gibt und da sie, was sie

  • einmal verloren haben, niemals wieder erwerben werden, sondern da es glckselig fr immer vonihnen fortschwimmt. Von den unwahrscheinlichsten Seiten drohen den Juden Gefahren oder lassenwir um genauer zu sein die Gefahren weg und sagen: drohen ihnen Drohungen. Ein Ihnennaheliegendes Beispiel. Ich habe zwar vielleicht versprochen davon zu schweigen (zu einer Zeit, alsich Sie noch kaum kannte) aber ich habe kein Bedenken es Ihnen gegenber zu erwhnen, denn essagt Ihnen nichts Neues, zeigt Ihnen die Liebe der Verwandten und Namen und Details sage ichnicht, weil ich sie nicht mehr wei. Meine jngste Schwester soll einen Tschechen, einen Christenheiraten, er, sprach einmal von seiner Absicht, eine Jdin zu heiraten, mit einer Verwandten vonIhnen, sie sagte: Nur das nicht, nur nicht mit Juden sich verbinden! Hren Sie: unsere Milenau.s.w.Wohin wollte ich Sie mit dem allen fhren? Ich habe mich ein wenig verirrt, aber es tut nichts,denn Sie sind vielleicht mitgegangen und nun sind wir beide verirrt. Das ist ja das eigentlichSchne bei Ihrer bersetzung, da sie treu ist (zanken Sie mich nur wegen des treu aus, Sieknnen alles, aber zanken knnen Sie vielleicht am besten, ich wollte Ihr Schler sein undimmerfort Fehler machen, um nur immerfort von Ihnen ausgezankt werden zu drfen; man sitzt aufder Schulbank, wagt kaum aufzuschauen, Sie sind ber einen gebeugt und immerfort flimmert obenIhr Zeigefinger, mit dem Sie Aussetzungen machen, ist es so?) also da sie treu ist und da ichdas Gefhl habe, als fhrte ich Sie an der Hand hinter mir durch die unterirdischen, finstern,niedrigen, hlichen Gnge der Geschichte, fast endlos (deshalb sind die Stze endlos, haben Siedas nicht erkannt?) fast endlos (zwei Monate nur, sagen Sie?) um dann beim Ausgang im hellenTag hoffentlich, den Verstand zu haben, zu verschwinden.Eine Mahnung fr heute abzubrechen, fr heute die glckbringende Hand freizugeben. Morgenschreibe ich wieder und werde erklren, warum ich, soweit ich fr mich brgen kann, nicht nachWien kommen werde und werde mich flicht frher damit beruhigen, ehe Sie sagen: Er hat recht.

    Ihr F

    Bitte schreiben Sie die Adresse ein wenig deutlicher, ist Ihr Brief schon im Umschlag dann ist erschon fast mein Eigentum und Sie sollen fremdes Eigentum, sorgfltiger, mit mehrVerantwortungsgefhl behandeln. Tak. (So.) Ich habe brigens auch den Eindruck, ohne es nherbestimmen zu knnen, da ein Brief von mir verloren gegangen ist. ngstlichkeit des Juden! Stattzu frchten, da die Briefe gut ankommen! Jetzt werde ich noch etwas Dummes zur gleichen Sachesagen, d. h. dumm ist da ich etwas, was ich fr richtig halte, sage, ohne Rcksicht darauf da esmir schadet. Und dann redet noch Milena von Angstlichkeit, gibt mir einen Sto vor die Brust oderfragt, was im Tschechischen an Bewegung und Klang ganz dasselbe ist: jste id (Sind Sie Jude)?Sehen Sie nicht, wie im: jste die Faust zurckgezogen wird, um [ein Wort unleserlichgemacht] Muskelkraft anzusammeln? Und dann im id den freudigen, unfehlbaren, vorwrtsfliegenden Sto? Solche Nebenwirkungen hat fr das deutsche Ohr die tschechische Sprache fters.Sie fragten z. B. einmal, wie es komme, da ich meinen hiesigen Aufenthalt von einem Briefabhngig mache und antworteten gleich selbst: nechpu (Verstehe ich nicht). Ein fremdartiges Wortim Tschechischen und gar in Ihrer Sprache, es ist so streng, teilnahmslos, kaltugig, sparsam undvor allem nuknackerhaft, dreimal krachen im Wort die Kiefer aufeinander oder richtiger: die ersteSilbe macht einen Versuch die Nu zu fassen, es geht nicht, dann reit die zweite Silbe den Mundganz gro auf, nun pat schon die Nu hinein und die dritte Silbe endlich knackt, hren Sie dieZhne? Besonders dieses endgiltige Schlie en der Lippen am Schlu verbietet dem andern jedeandere weitere gegenteilige Erklrung, was ja allerdings manchmal recht gut ist z. B. wenn derandere so schwtzt wie jetzt ich. Worauf der Schwtzer wieder um Verzeihung bittend sagt: Manschwtzt doch nur, wenn man einmal ein wenig froh istAllerdings Brief kam heute von Ihnennicht. Und was ich zum Schlu eigentlich sagen wollte, habe ich auch noch nicht gesagt.

  • Nchstens. Gern, gern wrde ich morgen etwas von Ihnen hren, die letzten Worte die ich vonIhnen vor dem Zuschlagen der Tr - alle zuschlagenden Tren sind abscheulich - gehrt habe, sindschrecklich.

    IhrF

    Mglich da die 3 Silben auch die 3 Bewegungen der Apostel auf der Prager Uhr bedeuten.Ankunft, Sich-zeigen und bser Abgang.

    (Meran, 31. Mai 1920)MontagAlso die gestern versprochene Erklrung:Ich will nicht (Milena, helfen Sie mir! Verstehen Sie mehr, als ich sage!) ich will nicht (das ist keinStottern) nach Wien kommen, weil ich die Anstrengung geistig nicht aushalten wrde. Ich bingeistig krank, die Lungenkrankheit ist nur ein Aus-den-Ufern-treten der geistigen Krankheit. Ichbin so krank seit den 4, 5 Jahren meiner ersten zwei Verlobungen. (Ich konnte mir die FrhlichkeitIhres letzten Briefes nicht gleich erklren, spter erst fiel mir die Erklrung ein, immer wiedervergesse ich es: Sie sind ja so jung, vielleicht gar nicht 25 Jahre, erst 23 vielleicht. Ich bin 37, fast38, fast ein kleines Menschenalter lter, fast weihaarig von den alten Nchten undKopfschmerzen.) Ich will nicht die lange Geschichte vor Ihnen ausbreiten mit ihren wahrenWldern von Einzelnheiten, vor denen ich mich noch immer frchte, wie ein Kind nur ohne desKindes Vergessenskraft. Gemeinsam war den 3 Verlobungsgeschichten, da ich an allem schuldwar, ganz unanzweifelbar schuld, beide Mdchen habe ich unglcklich gemacht undzwar - hierrede ich nur von der ersten, von der zweiten kann ich nicht sprechen, sie ist empfindlich, jedesWort auch das freundlichste wre die ungeheuerlichste Krnkung fr sie, ich verstehe es - undzwarnur dadurch, da ich durch sie (die sich, wenn ich es gewollt htte, vielleicht geopfert htte) nichtdauernd froh, nicht ruhig, nicht entschlossen, nicht heiratsfhig werden konnte, trotzdem ich es ihrhchst freiwillig immer wieder zugesichert hatte, trotzdem ich sie manchmal verzweifelt lieb hatte,trotzdem ich nichts erstrebenswerteres kannte als die Ehe an sich. Fast 5 Jahre habe ich auf sieeingehauen (oder, wenn Sie wollen, auf mich) nun, glcklicherweise, sie war unzerbrechlich,preussisch-jdische Mischung, eine starke sieghafte Mischung. Ich war nicht so krftig, allerdingshatte sie nur zu leiden, whrend ich schlug und litt.

    -

    Zuende, ich kann nichts mehr schreiben, nichts mehr erklren, trotzdem ich erst am Anfang bin, dieGeisteskrankheit beschreiben, die andern Grnde fr den Nichtbesuch anfhren sollte, einTelegramm ist gekommen Treffpunkt Karlsbad achten erbitte schriftliche Verstndigung. Ichgestehe, es machte, als ich es aufmachte, ein frchterliches Gesicht, trotzdem dahinter dasselbstloseste, stillste, bescheidenste Wesen steht und trotzdem das ganze auf meinen Willeneigentlich zurckgeht. Das kann ich jetzt nicht begreiflich machen, denn ich kann mich ja auf eineBeschreibung der Krankheit nicht beziehn. Soviel ist bisher sicher, da ich Montag von hierfortfahre, manchmal sehe ich das Telegramm an und kann es kaum lesen, es ist als wre da eineGeheimschrift, die die obere Schrift verwischt und lautet: Fahre ber Wien! ein offenbarer Befehl,aber ohne jede Schrecklichkeit der Befehle. Ich tue es nicht, schon uerlich ist es unsinnig, nichtden kurzen Weg ber Mnchen zu nehmen, sondern den doppelt so langen ber Linz und dann garauch noch weiter ber Wien. Ich mache eine Probe: auf dem Balkon ist ein Spatz und erwartet daich ihm vom Tisch aus Brot auf den Balkon werfe, statt dessen werfe ich das Brot neben mich

  • mitten im Zimmer auf den Boden. Er steht drauen und sieht dort in dem Halbdunkel die Speiseseines Lebens, es lockt malos, er schttelt sich, er ist mehr hier als dort, aber hier ist das Dunkelund neben dem Brot ich, die geheime Macht. Trotzdem berhpft er die Schwelle, noch paarSprnge aber mehr wagt er nicht, in einem pltzlichen Schrecken fliegt er fort. Aber was fr Krftein diesem jmmerlichen Vogel stecken, nach einem Weilchen ist er wieder hier, untersucht dieLage, ich streue noch ein wenig, um es ihm leichter zu machen und - wenn ich ihn nichtabsichtlich-unabsichtlich, so wirken die geheimen Mchte, durch eine kleine Bewegung vertriebenhtte, er htte sich das Brot geholt.Es ist so, da mein Urlaub Ende Juni zuendegeht und ich zum bergang - auch wird es hier schonsehr hei, was mich allerdings an sich nicht stren wrde - noch irgendwo anders auf dem Landsein will. Auch sie wollte fahren, nun sollen wir einander dort treffen, ich bleibe paar Tage dort unddann vielleicht noch paar Tage in Konstantinsbad bei meinen Eltern, dann fahre ich nach Prag,berblicke ich diese Reisen und vergleiche sie mit dem Zustand meines Kopfes, dann ist mir etwaso, wie es Napoleon htte sein mssen, wenn er bei Entwerfen der Plne fr den russischen Feldzuggleichzeitig ganz genau den Ausgang gewut htte.Als damals Ihr erster Brief kam, ich glaube es war kurz vor der sein sollenden Hochzeit (derenPlne z. B. ganz ausschlielich mein Werk gewesen sind), freute ich mich und zeigte ihr ihn. Spter- nein nichts mehr und diesen Brief zerreie ich nicht wieder, wir haben hnliche Eigenheiten, nurhabe ich keinen Ofen zur Hand und frchte fast aus Anzeichen, da ich einmal auf die Rckseiteeines solchen angefangenen Briefes einen Brief an jenes Mdchen geschickt habe.Aber das alles ist unwesentlich, ich wre auch ohne das Telegramm nicht imstande gewesen nachWien zu fahren, im Gegenteil, das Telegramm wirkt eher als Argument fr die Fahrt. Ich kommeganz bestimmt nicht, sollte ich aber doch es wird nicht geschehn - zu meiner schrecklichenberraschung in Wien sein, dann brauche ich weder Frhstck noch Abendessen, sondern eher eineBahre auf der ich mich ein Weilchen niederlegen kann.Leben Sie wohl, es wird keine leichte Woche hier sein

    Ihr F

    Wenn Sie mir einmal ein Wort Karlsbad postlagernd schreiben wollen, nein erst nach Prag.Was fr ungeheuere Schulen sind das, in denen Sie unterrichten, 200 Schler, 50 Schler. EinenFensterplatz in der letzten Reihe wollte ich haben, eine Stunde lang, dann verzichte ich auf jedeBegegnung mit Ihnen (die allerdings auch ohne das nicht erfolgen wird) verzichte auf alle Reisenund - genug, dieses weie Papier, das kein Ende nehmen will, brennt einem die Augen aus unddarum schreibt man.-Das war Nachmittag, jetzt geht es gegen 11. Ich habe es so geordnet, wie es im Augenblick einzigmglich war. Ich habe nach Prag telegraphiert, da ich nach Karlsbad nicht kommen kann, erklrenwerde ich es mit Zerrttung, was einerseits sehr wahr ist andererseits aber nicht sehr konsequent,denn eben wegen dieser Zerrttung wollte ich frher nach Karlsbad. So spiele ich mit einemlebendigen Menschen. Aber ich kann nicht anders, denn in Karlsbad knnte ich weder reden nochschweigen oder richtiger: ich wrde reden selbst wenn ich schwiege, den ich bin jetzt nichtsanderes als ein einziges Wort. Nun fahre ich aber zweifellos nicht ber Wien, sondern Montag berMnchen, wohin wei ich nicht, Karlsbad, Marienbad, jedenfalls allein. Schreiben werde ich Ihnenvielleicht, Briefe von Ihnen allerdings erst in Prag, erst in 3 Wochen bekommen.

  • (Meran, 1. Juni 1920)DienstagIch rechne: Samstag geschrieben, trotz des Sonntags schon Dienstag mittag angekommen, Dienstagdem Mdchen aus der Hand gerissen, eine so schne Postverbindung und Montag soll ichfortfahren, sie aufgeben.Sie sind so gut sich zu sorgen, Sie entbehren Briefe, ja vorige Woche habe ich paar Tage nichtgeschrieben aber seit Samstag jeden Tag, so da Sie inzwischen 3 Briefe bekommen, denengegenber Sie die brieflose Zeit loben werden. Sie werden erkennen, da durchaus alle IhreBefrchtungen berechtigt sind, also da ich Ihnen sehr bse bin im allgemeinen und da imbesondern in Ihren Briefen mir vieles gar nicht gefallen hat, da mich die Feuilletons gergerthaben u. s. w. Nein Milena vor alledem mssen Sie nicht Angst haben, aber vor dem Gegenteilzittern Sie!Es ist so schn da ich Ihren Brief bekommen habe, Ihnen mit dem schlaflosen Gehirn antwortenmu. Ich wei nichts zu schreiben, ich gehe nur hier zwischen den Zeilen herum, unter dem LichtIhrer Augen, im Atem Ihres Mundes wie in einem schnen glcklichen Tag, der schn undglcklich bleibt, auch wenn der Kopf krank ist, mde und man Montag weg6hrt ber Mnchen. IhrFSie sind meinetwegen nachhause gelaufen, ohne Atem? Ja sind Sie denn nicht krank und habe ichkeine Sorge mehr um Sie? Es ist wirklich so, ich habe gar keine Sorge mehr, - nein, ich bertreibejetzt wie damals, aber es ist eine Sorge so, wie wenn ich Sie hier htte unter meiner Aufsicht, mitder Milch die ich trinke gleichzeitig Sie ftterte, mit der Luft, die ich atme, die mir aus dem Gartenherschlgt gleichzeitig Sie krftigte, nein, das wre sehr wenig, Sie viel mehr krftige als mich.Wahrscheinlich werde ich aus verschiedenen Grnden Montag noch nicht fahren, sondern erst einwenig spter. Dann fahre ich aber direkt nach Prag, es gibt neuestens einen direkten SchnellzugBozen-Mnchen-Prag. Falls Sie mir noch paar Zeilen schreiben wollten, knnten Sie es tun; solltensie mich nicht erreichen, werden sie mir nach Prag nachgeschickt.Bleiben Sie mir gut! F.

    Man ist doch ein Ausbund von Dummheit. Ich lese ein Buch ber Tibet; bei der Beschreibung einerNiederlassung an der tibetanischen Grenze im Gebirge, wird mir pltzlich schwer ums Herz, sotrostlos verlassen scheint dort das Dorf, so weit von Wien. Wobei ich dumm die Vorstellung nenne,da Tibet weit von Wien ist. Wre es denn weit?

    (Meran, 2. Juni 1920)MittwochDie zwei Briefe kamen gemeinsam, mittag; sie sind nicht zum lesen da, sondern um ausgebreitet zuwerden, das Gesicht in sie zu legen und den Verstand zu verlieren. Aber nun zeigt es sich, da esgut ist, wenn man ihn schon fast verloren hat, denn den Rest hlt man dann noch mglichst langezusammen. Und darum sagen meine 38 jdischen angesichts Ihrer 24 christlichen Jahre:Wie wre das? Und wo sind die Weltgesetze und die ganze Polizei des Himmels? Du bist 38 Jahrealt und so mde wie man wahrscheinlich durch Alter berhaupt nicht werden kann. Oder richtiger:Du bist gar nicht mde, sondern unruhig, sondern frchtest Dich nur einen Schritt zu tun auf dieservon Fu-Fallen strotzenden Erde, hast deshalb eigentlich immer gleichzeitig beide Fe in der Luft,bist nicht mde, sondern frchtest Dich nur vor der ungeheueren Mdigkeit, die dieser ungeheuerenUnruhe folgen wird und (Du bist doch Jude und weit was Angst ist) die sich etwa als bldsinnigesHinstieren denken lt, besten Falls, im Irrenhausgarten hinter dem Karlsplatz.Gut, das wre also Deine Lage. Einige Gefechte hast Du mitgefochten, Freund und Feind dabeiunglcklich gemacht (und hattest doch sogar nur Freunde, gute, liebe Menschen, keinen Feind), bistschon dabei ein Invalide geworden, einer von denen, die zu zittern anfangen, wenn sie eineKinderpistole sehn und nun, nun pltzlich ist es Dir so als seiest Du einberufen zu dem groen

  • weiterlsenden Kampf. Das wre doch sehr sonderbar nicht? Denke auch daran, da vielleicht diebeste Zeit Deines Lebens, von der Du eigentlich noch zu niemandem richtig gesprochen hast, voretwa 2 Jahren jene 8 Monate auf einem Dorf gewesen sind, wo Du mit allem abgeschlossen zuhaben glaubtest, Dich nur auf das Zweifellose in Dir beschrnktest, frei warst, ohne Briefe, ohnedie 5 jhrige Postverbindung mit Berlin, im Schutz Deiner Krankheit und dabei gar nicht viel anDir verndern sondern nur die alten engen Umrisse Deines Wesens fester nachziehn mutest (imGesicht unter den grauen Haaren hast Du Dich ja kaum verndert seit Deinem 6ten Jahr).Da dasnicht das Ende war, hast Du leider in den letzten 1 1/2 Jahren erfahren, tiefer konntest Du in dieserRichtung kaum fallen (ich nehme den letzten Herbst aus, wo ich anstndig um die Ehe kmpfte),tiefer einen andern Menschen, ein gutes liebes sich in Selbstlosigkeit auslschendes Mdchen nichtmit Dir hinunterziehn, tiefer nicht, in jeder Hinsicht ausweglos, auch nach der Tiefe hin.Gut und nun ruft Dich Milena mit einer Stimme, die Dir in gleicher Strke eindringt in Verstandund Herz. Natrlich, Milena kennt Dich nicht, ein paar Geschichten und Briefe haben sieverblendet; sie ist wie das Meer, stark wie das Meer mit seinen Wassermassen und doch imMiverstndnis mit aller seiner Kraft hinstrzend, wenn der tote und vor allem ferne Mond es will.Sie kennt Dich nicht und es ist vielleicht eine Ahnung der Wahrheit, wenn sie will da Du kommst.Da Deine wirkliche Anwesenheit sie nicht mehr verblenden wird, dessen kannst Du Ja sicher sein.Willst Du, zarte Seele am Ende deshalb nicht kommen, weil Du gerade das frchtest?Aberzugegeben: Du hast 100 andere innere Grnde nicht zu kommen (Du hast sie wirklich) undauerdem noch einen uern, da Du nmlich nicht imstande sein wirst mit Milenas Mann zusprechen oder ihn nur zu sehn und da Du ebensowenig imstande sein wirst mit Milena zu sprechenoder sie zu sehn, wenn ihr Mann nicht dabei ist - das alles zugegeben, so stehn dem doch zweiberlegungen entgegen:Erstens wird Milena wenn Du sagst da Du kommst vielleicht gar nichtmehr wollen da Du kommst, nicht etwa aus Wankelmtigkeit, sondern aus natrlicher Mdigkeit,sie wird Dich gerne und erleichtert reisen lassen, wie Du willst. Zweitens aber fahre wirklich nachWien! Milena denkt nur an das Sich-ffnen der Tr. Die wird sich allerdings ffnen aber dann?Dann wird dort ein langer magerer Mensch stehn, freundlich lcheln,(das wird er immerfort tun, erhat das von einer alten Tante, die auch immerfort gelchelt hat, beide aber machen es nicht ausAbsicht, nur aus Verlegenheit) und wird sich dann setzen, wohin man zeigen wird. Damit wirdeigentlich die Feierlichkeit zuende sein, denn reden wird er kaum, dazu fehlt es ihm an Lebenskraft(mein neuer Tischgenosse hier sagte gestern mit Bezug auf die vegetarische Kost des stummenMannes: ich glaube: fr geistige Arbeit ist Fleischkost unbedingt erforderlich), er wird nichteinmal glcklich sein, auch dazu fehlt es ihm an Lebenskraft.Nun sehen Sie Milena, ich spreche offen. Sie sind aber klug, Sie merken die ganze Zeit ber, daich zwar die Wahrheit (die volle, unbedingte und haargenaue) spreche, aber zu offen. Ich htte jaohne diese Ankndigung kommen und Sie kurzer Hand entzaubern knnen. Da ich es nicht getanhabe, ist aber nur ein Beweis mehr fr meine Wahrheit, meine Schwche.Ich bleibe noch 14 Tage, hauptschlich deshalb, weil ich mich schme und frchte mit diesemKurerfolg zurckzukommen. Zuhause und was besonders rgerlich ist, in meiner Anstalt erwartetman von dieser Urlaubsreise etwas wie annhernde Gesundung. Qulen(i diese Anfragen: wie vielhast Du schon wieder zugenommen? Und man nimmt ab. Spare nicht! (Gegen meinen Geizgerichtet) Und ich zahle die Pension, kann aber nicht essen. Und dergleichen Spe. Noch so vieleszu sagen, aber der Brief gienge nicht ab. Ja, das wollte ich noch sagen: wenn Sie gegen Ende der 14Tage noch so fest wie Freitag es wollen, da ich komme, dann komme ich

    Ihr F.

  • (Meran, 3. Juni 1920)DonnerstagSehen Sie Milena, ich liege auf dem Liegestuhl vormittag, nackt, halb in Sonne halb im Schatten,nach einer fast schlaflosen Nacht; wie htte ich schlafen knnen, da ich, zu leicht fr Schlaf, Sieimmerfort umflogen habe und da ich wirklich genau so wie Sie es heute schreiben, entsetzt warber das was mir in den Scho gefallen war, so entsetzt im gleichen Sinn, wie man von denPropheten erzhlt, die schwache Kinder waren (schon oder noch, das ist ja gleichgltig) und hrtenwie die Stimme sie rief und sie waren entsetzt und wollten nicht und stemmten die Fe in denBoden und hatten eine gehirnzerreiende Angst und hatten ja auch frher schon Stimmen gehrtund wuten nicht, woher der frchterliche Klang gerade in diese Stimme kam - war es dieSchwche ihres Ohrs oder die Kraft dieser Stimme - und wuten auch nicht, denn es waren Kinder,da die Stimme schon gesiegt hatte und einquartiert war gerade durch diese vorausgeschickteahnungsvolle Angst, die sie vor ihr hatten, womit aber noch nichts fr ihr Prophetentum ausgesagtwar, denn die Stimme hren viele, aber ob sie ihrer wert sind, ist auch objektiv noch sehr fraglichund der Sicherheit halber von vornherein lieber streng zu verneinen - also so lag ich da als Ihrezwei Briefe kamen.Eine Eigenheit haben wir glaube ich gemeinsam Milena: so scheu und ngstlich sind wir, jederBrief fast ist anders, fast jeder erschreckt ber den vorhergehenden und noch mehr ber denAntwortbrief. Sie sind es nicht von Natur aus, das sieht man leicht, und ich, vielleicht bin sogar iches nicht von Natur aus, aber fast ist es schon zur Natur geworden, nur in Verzweiflung undhchstens noch im Zorn vergeht es und nicht zu vergessen: in der Angst.Manchmal habe ich den Eindruck, wir htten ein Zimmer mit 2 gegenberliegenden Tren undjeder hlt die Klinke seiner Tr und ein Wimperzucken des einen, schon ist der andere hinter seinerTr und nun braucht der erste nur noch gar ein Wort zu sagen dann hat der zweite schon gewi dieTr hinter sich geschlossen und ist nicht mehr zu sehn. Er wird ja die Tr wieder ffnen, denn es istein Zimmer, das man vielleicht nicht verlassen kann. Wre nur der Erste nicht genau so wie derZweite, wre er ruhig, she er scheinbar lieber gar nicht hin zum zweiten, brchte er das Zimmerlangsam in Ordnung als sei es ein Zimmer wie jedes andere, statt dessen tut er genau das gleichebei seiner Tr, manchmal sind sogar beide hinter den Tren und das schne Zimmer ist leer.Qulende Miverstndnisse entstehen daraus. Milena, Sie klagen ber manche Briefe, man drehtsie nach allen Seiten und es fllt nichts heraus, aber doch sind das, wenn ich nicht irre gerade jene,In denen ich Ihnen so nahe war, so gebndigt im Blut, so bndigend Ihres, so tief im Wald, soruhend in Ruhe, da man wirklich nichts anderes sagen will, als etwa, da durch die Bume obender Himmel zu sehen ist, das ist alles und in einer Stunde wiederholt man das Gleiche und es istallerdings darin ani jedin slovo kter by nebylo velmi dobe uveno (nicht ein einziges Wort,das nicht sehr Wohlerwogen wre). Es dauert ja auch nicht lange, einen Augenblick hchstens,bald blasen wieder die Trompeten der schlaflosen Nacht. Bedenken Sie auch Milena, wie ich zuIhnen komme, welche 38 jhrige Reise hinter mir liegt (und da ich Jude bin, eine noch so viellngere) und wenn ich an einer scheinbar zuflligen Wegdrehung Sie sehe, die ich noch nie zu sehnerwartet habe und jetzt so spt erst recht nicht, dann, Milena, kann ich nicht schreien, es schreitauch nichts in mir, ich sage auch nicht 1000 Narrheiten, sie sind nicht in mir (ich sehe von derandern Narrheit ab, die ich berreichlich habe) und da ich knie erfahre ich vielleicht erst dadurch,da ich ganz nahe vor meinen Augen Ihre Fe sehe und sie streichle.Und verlangen Sie nicht Aufrichtigkeit von mir Milena. Niemand kann sie mehr von mir verlangenals ich und doch entgeht mir vieles, gewi, vielleicht entgeht mir alles. Aber Aufmunterung aufdieser Jagdmuntert mich nicht auf, im Gegenteil, ich kann dann keinen Schritt mehr tun, pltzlichwird alles Lge und die Verfolgten wrgen den Jger. Ich bin auf einem so gefhrlichen Weg,Milena. Sie stehn fest bei einem Baum, jung, schn, Ihre Augen strahlen das Leid der Welt nieder.Man spielt katule katule hejbejte se (Bumchen Bumchen wechsle dich), ich schleiche imSchatten von einem Baum zum andern, ich bin mitten auf dem Weg, Sie rufen mir zu, machen mich

  • auf Gefahren aufmerksam, wollen mir Mut geben, entsetzen sich ber meinen unsicheren Schritt,erinnern mich (mich!) an den Ernst des Spiels - ich kann nicht, ich falle um, ich liege schon. Ichkann nicht gleichzeitig hren auf die schrecklichen Stimmen des Innern und auch auf Sie, aber ichkann hren auf jene und es Ihnen vertrauen, Ihnen, wie niemandem sonst auf der Welt.

    IhrF

    (Meran, 3. Juni 1920}Es ist nicht ganz leicht, jetzt nachdem ich diesen schrecklichen aber durchaus nicht bis in seineTiefe schrecklichen Brief gelesen habe, fr die Freude zu danken, die er mir bei der Ankunftgemacht hat. Es ist Feiertag, gewhnliche Post wre nicht mehr gekommen, ob morgen Freitagetwas von Ihnen kme, war auch zweifelhaft, es war also eine Art bedrckter Stille, doch gar nichttraurig, soweit es Sie betraf; in Ihrem letzten Briefe waren Sie ja so stark, da ich Ihnen zugesehenhabe, so wie ich von meinem Liegestuhl aus Bergsteigern zusehen wrde, wenn ich sie oben imSchnee von hier aus- erkennen knnte. Und nun kam er doch knapp vor dem Mittagessen, ichkonnte ihn mitnehmen, aus der Tasche ziehn, auf den Tisch legen, wieder in die Tasche stecken,wie eben so die Hnde mit einem Brief spielen wollen, man sieht ihnen zu und freut sich ber dieKinder. Den General und den Ingenieur mir gegenber (ausgezeichnete, freundliche Menschen)erkannte ich nicht immer, hrte sie noch seltener, das Essen mit dem ich heute wieder einmalanfieng (gestern a ich nichts) strte mich auch nicht sehr, von den Rechenkunststcken, die nachdem Essen verhandelt wurden, waren mir die kurzen Probleme viel klarer als die langen Lsungen,whrend welcher aber die Aussicht aus dem offenen Fenster freistand auf Tannen, Sonne, Berge,Dorf und ber allem eine Ahnung von Wien. Dann allerdings las ich den Brief genau, d. h. denSonntagsbrief las ich genau, das Lesen des Montagsbriefes hebe ich mir bis zu Ihrem nchstenBriefauf, es kommen Dinge drin vor, die ich genauer zu lesen nicht ertrage, ich bin offenbar nochnicht ganz gesund, auch ist ja der Brief veraltet, meiner Rechnung nach sind 5 Briefe auf dem Weg,zumindest 3 davon mssen jetzt schon in Ihrer Hand sein, selbst wenn wieder ein Brief verlorengegangen sein sollte oder rekommandierte Briefe eine lngere Zeit brauchen. Es bleibt mir jetzt nurbrig Sie zu bitten, mir noch gleich hierher zu antworten, es gengt ein Wort, aber es mu einsolches sein, das allen Vorwrfen in dem Montagsbrief die Spitzen abbricht, und sie lesbar macht.brigens war es gerade jener Montag, an welchem ich hier (in gar nicht aussichtsloser Weise) anmeinem Verstand krftig gerttelt habe.Und nun der andere Brief. - Aber ist spt, ich habe nach mehreren unbestimmten Zusagen jenemIngenieur heute bestimmt zugesagt zu ihm zu kommen und mir die groen hierher nicht bringbarenBilder seiner Kinder anzusehn. Er ist kaum lter als ich, Bayer, Fabrikant, sehr wissenschaftlich,aber auch lustig und einsichtig, hatte 5 Kinder, nur 2 leben (er wird allerdings wegen seiner Fraukeine Kinder mehr bekommen), der Junge ist schon 13, das. Mdchen 11 Jahre alt. Was fr eineWelt! Und er trgt sie im Gleichgewicht. Nein, Milena, Sie sollten nichts gegen das Gleichgewichtsagen.

    Ihr F

  • Morgen wieder. Sollte es aber bermorgen werden, dann nicht wieder hassen, bitte, das nicht. -Ich habe noch einmal den Sonntagsbrief gelesen, er ist doch schrecklicher als ich nach dem erstenLesen dachte. Man mte Milena Ihr Gesicht zwischen beide Hnde nehmen und Ihnen fest in dieAugen sehn damit Sie in den Augen des andern sich selbst erkennen und von da an nicht mehrimstande sind, Dinge wie Sie sie dort geschrieben haben, auch nur zu denken.

    (Meran, 4. Juni 1920)FreitagZunchst, Milena: was ist das fr eine Wohnung, in der Sie Sonntags geschrieben haben?Weitlufig und leer? Sie sind allein? Tag und Nacht? Das mu allerdings trbselig sein dort alleinan einem schnen Sonntagnachmittag einem fremden Menschen gegenber zu sitzen, dessenGesicht nur beschriebenes Briefpapier ist. Wie viel besser habe ich es! Zwar ist mein Zimmernur klein, aber die wirkliche Milena ist hier, die Ihnen Sonntag offenbar entlaufen ist, und, glaubenSie es, es ist wunderbar bei ihr zu sein.Sie klagen ber Nutzlosigkeit. An andern Tagen war es anders und wird es anders sein. Der eineSatz, (bei welcher Gelegenheit ist er gesagt worden?) entsetzt Sie, aber er ist doch so deutlich undin diesem Sinn schon unzhlige Male gesprochen oder gedacht worden. Der von seinen Teufelngequlte Mensch rcht sich eben besinnungslos an seinem Nchsten. Sie wollten in solchenAugenblicken eben ganz erlst haben, ist es nicht gelungen, nennen Sie sich zwecklos. Wer darf soLsterliches wollen? Niemandem ist das noch gelungen, auch Jesus z. B. nicht. Er konnte nursagen: Folge mir nach und dann dieses groe (das ich leider ganz falsch citiere): tue nachmeinem Wort und Du wirst sehn da es nicht das Wort eines Menschen, sondern Gottes Wort ist.Und die Teufel jagte er nur aus den Menschen aus, die ihm folgten. Und auch das nicht dauernd,denn fielen sie von ihm ab, verlor auch er Wirkung und Zweck. Allerdings - das ist das einzige,was ich Ihnen zugebe - unterlag auch er der Versuchung.

    (Meran, 4.Juni 1920)FreitagHeute gegen abend habe ich, eigentlich zum erstenmal, allein einen greren Spaziergang gemacht,sonst bin ich mit andern Leuten gegangen oder, meistens, zuhause gelegen. Was fr ein Land istdas! Du lieber Himmel, Milena, wenn Sie hier wren, und du armer denkunfhiger Verstand! Unddabei wre es eine Lge, wenn ich sagte, da ich Sie vermisse, es ist die vollkommenste,schmerzhafteste Zauberei, Sie sind hier, genau wie ich und strker. wo ich bin, sind Sie wie ich undstrker. Es ist kein Scherz, manchmal denke ich mir aus, da Sie, die Sie ja hier sind, mich hiervermissen und fragen: Wo ist er denn? Schrieb er nicht, da er in Meran ist?

    F

    Meine zwei Antwortbriefe haben Sie bekommen?

  • (Meran, 5. Juni 1920)SamstagImmerfort frage ich mich ob Sie verstanden haben, da meine Antwort meiner ganzen Verfassungnach so sein mute wie sie war, ja da sie noch viel zu sanft, viel zu tuschend, viel zuschnfrberisch war, Immerfort, Tag und Nacht, frage ich mich das, zitternd vor IhremAntwortbrief, frage mich das nutzlos, als wre ich beauftragt eine Woche lang ohne Nachtpauseeinen Nagel in einen Stein zu hmmern, Arbeiter und Nagel zugleich. Milena!-Einem Gercht nach - ich kann es nicht glauben - hrt heute Abend infolge Strikes derEisenbahnverkehr mit Tirol auf.

    (Meran, 5. Juni,1920)SamstagEs kam Ihr Brief, das Glck Ihres Briefes. ber alles hinweg, was er enthlt - er hat eineHauptstelle: da Sie mir vielleicht nach Prag nicht mehr werden schreiben knnen.Das hebe ich zuerst hervor, damit es alle Welt gesondert sieht, auch Sie Milena. Damit also drohtman einem Menschen und kennt, wenigstens von weitem, dieses Menschen Grnde. Und berdiesgibt man noch vor, da man diesem Menschen gut ist.Aber vielleicht htten Sie sogar recht mir nicht mehr zu schreiben, manche Stellen in Ihrem Briefdeuten diese Notwendigkeit an. Ich kann nichts gegen diese Stellen vorbringen. Es sind gerade jeneStellen, wo ich genau wei und sehr ernsthaft erkenne, da ich in groer Hhe bin, aber ebendeshalb ist die Luft dort fr meine Lungen zu dnn und ich mu ausruhn

    Ihr F

    Morgen schreibe ich

    (Meran, 6. Juni 1920)SonntagDiese Rede auf den 2 Seiten Ihres Briefes, Milena, kommt aus der Tiefe des Herzens, desverwundeten (to - mne rozbolelo (das hat mir wehgetan) steht dort und ich habe es getan, ichIhnen), und klingt so rein und stolz wie wenn man nicht das Herz sondern Stahl getroffen htte undverlangt auch das Selbstverstndlichste und miversteht mich auch (denn meine lcherlichenMenschen sind wirklich genau die Ihren und dann: wo htte ich zwischen Ihnen zwei die Parteiergriffen? Wo ist der Satz? Wo htte ich diesen verruchten Einfall gehabt? Und wie kme ich dazuabzuurteilen, der ich in jeder wirklichen Hinsicht - Heirat, Arbeit, Mut, Opfer,. Reinheit, Freiheit,Selbststndigkeit, Wahrhaftigkeit - so tief unter Ihnen beiden stehe, da es mir zum Ekel ist,berhaupt darber zu sprechen. Und wann htte ich gewagt aktive Hilfe anzubieten und wenn iches gewagt htte, wie htte ich sie leisten knnen? Genug der Fragen; sie haben gut in der Unterweltgeschlafen; warum sie in den Tag heraufbeschwren? sie sind grau und traurig und machen ebenso.Sagen Sie nicht da zwei Stunden Leben ohne weiters mehr sind als zwei Seiten Schrift, die Schriftist rmer aber klarer.) - miversteht mich also, aber trotzdem: die Rede geht an mich und ich binnicht unschuldig, bin es merkwrdiger Weise zum groen Teil gerade deshalb nicht, weil dieobigen Fragen beantwortet werden mssen mit Nein und Nirgends.Dann kam Ihr liebes liebes Telegramm, ein Trostmittel gegen die Nacht, diese alte Feindin (reichtes nicht ganz aus, ist es wahrhaftig nicht Ihre, sondern der Nchte Schuld. Diese kurzen irdischen

  • Nchte knnten einem fast Angst beibringen vor der ewigen Nacht), zwar enthlt auch der Brief soviel und wunderbaren Trost, aber er ist doch eine Einheit, in der die 2 Seiten wten, das Telegrammist aber selbststndig und wei nichts davon. Das aber, Milena, kann ich gegenber demTelegramm sagen: wenn ich, von allem andern abgesehn, nach Wien gekommen wre und Siehtten jene Rede (die wie ich sagte nicht an mir vorbeigeht, sondern mich trifft, und mit Rechttrifft, nicht voll, aber doch stark) von Aug zu Aug zu mir gesprochen - und auf irgendwelche Weisehtte sie unbedingt wenn nicht gesprochen, so doch gedacht, geblickt, gezuckt oder wenigstensvorausgesetzt werden mssen - dann wre ich mit einem Schlag der Lnge nach hingefallen und Siehtten mich durch keinen Krankenschwesterdienst wieder auf die Beine gebracht. Und wre esnicht so geschehn, htte es nur noch schlimmer werden knnen. Sehen Sie, Milena:

    Ihr F

    (Meran, 10. Juni 1920)DonnerstagIch will jetzt von nichts anderem sprechen als von diesem: [auch habe ich Ihre Briefe noch nichtgenau gelesen, nur umflogen, wie die Mcke das Licht und mir das Kpfchen mehrere Maleverbrannt, es sind brigens wie ich schon herausgefunden habe, zwei ganz verschiedene Briefe, dereine um ihn auszutrinken, der andere zum Entsetzen, der letztere ist aber wohl der sptere] :Wenn man einen Bekannten trifft und ihn gespannt fragt, wieviel 2x2 ist, so ist das eineirrenhuslerische Frage, aber in der ersten Volksschulklasse ist sie sehr gut angebracht. Mit meinerFrage an Sie Milena ist es nun so, da sich in ihr Beides vereinigt, das Irrenhuslerische und dasVolksschulhafte, glcklicherweise ist also auch ein wenig Volksschulhaftes dabei. Es war mirnmlich immer ganz unverstndlich, wenn jemand sich in mir verfangen hat und ich habe manchemenschlichen Verhltnisse (z. B. das mit Wei) zerstrt aus einer logischen, immer mehr an Irrtumdes andern als an Wunder (soweit es mich betraf, sonst nicht) glaubenden Geistesanlage. Warum,dachte ich, das trbe Wasser des Lebens noch mit solchen Dingen trben. Ich sehe ein Stck des frmglichen Weges vor mir und wei in welcher ungeheueren, fr mich wohl unerreichbarenEntfernung von meinem jetzigen Ort ich erst eines gelegentlichen Blickes (von mir, wie erst vonandernt) wert sein werde, (das ist nicht Bescheidenheit, sondern Hochmut wenn Sie esdurchdenken) erst eines gelegentlichen Blickes und nun bekam ich - Ihre Briefe, Milena. Wie sollich den Unterschied ausdrcken? Einer liegt im Schmutz und Gestank seines Sterbebettes und eskommt der Todesengel, der seligste aller Engel, und blickt ihn an. Darf der Mann berhaupt zusterben wagen? Er dreht sich um, vergrbt sich nun erst recht in sein Bett, es ist ihm unmglich zusterben. Kurz: ich glaube nicht an das, was Sie mir schreiben, Milena und es gibt keine Art auf diees mir bewiesen werden knnte (auch Dostojewski htte es in jener Nacht niemand beweisenknnen und mein Leben dauert eine Nacht), nur von mir knnte es bewiesen werden, ich kann mirvorstellen, da ich dazu imstande wre (so wie Sie einmal die Vorstellung des Mannes auf demLiegestuhl hatten) aber ich kann es auch mir nicht glauben. Ein lcherliches Aushilfsmittel wardeshalb diese Frage - das haben Sie natrlich gleich erkannt - so wie der Lehrer manchmal ausMdigkeit und Sehnsucht absichtlich durch eine richtige Antwort des Schlers sich darbertuschen lassen will, da dieser Schler die Sache wirklich versteht, whrend er in Wirklichkeit siedoch nur aus irgendwelchen unwesentlichen Ursachen kennt, aber unmglich von Grund ausverstehen kann, denn ihn das so verstehen lehren, knnte nur der Lehrer selbst. Aber nicht durchWimmern, Klagen, Streicheln, Bitten, Trumen (haben Sie die letzten 5, 6 Briefe? ansehn solltenSie sie, sie gehren zum Ganzen) sondern durch nicht anderes als - Lassen wir das offen.-

  • Ich sehe flchtig, da Sie in Ihrem Brief auch das Mdchen erwhnen. Um hier keinen Zweifel zulassen: Sie haben diesem Mdchen ber den augenblicklichen Schmerz, hinweg die grte Wohltaterwiesen. Ich kann mir auer dieser keine andere Art denken, wie sie von mir losgekommen wre.Dabei hatte sie zwar eine gewisse schmerzende Ahnung, aber nicht den geringsten Blick dafr,woher eigentlich das Pltzchen neben mir seine (unheimliche, ihr nicht unheimliche) Wrme nahm.Ich erinnere mich: wir saen neben einander auf dem Kanapee einer einzimmrigen Wohnung inWrschowitz (es war wohl im November, die Wohnung sollte in einer Woche unsere Wohnungsein), sie war glcklich nach vieler Mhe wenigstens diese Wohnung erobert zu haben, neben ihrsa ihr knftiger Mann (ich wiederhole: ausschlielich ich hatte den Heiratseinfall gehabt,ausschlielich ich hatte zur Heirat getrieben, sie hatte sich nur erschrocken und widerwillig gefgt,dann aber hatte sie sich natrlich in den Gedanken eingelebt). Wenn ich an diese Szene denke mitihren Einzelnheiten, zahlreicher als Fieber Herzschlge, dann glaube ich jede menschlicheVerblendung (in diesem Fall war es monatelang auch meine, allerdings war es bei mir nicht nurVerblendung, sondern auch andere Rcksicht, es wre auch daraus eine Verstandesheirat im bestenSinn geworden), jede Verblendung bis auf den Grund verstehen zu knnen und ich frchte michdas Milchglas zum Mund zu heben, weil es doch, nicht aus Zufall, aus Absicht recht gut vormeinem Gesicht zerspringen und mir die Splitter Ins Gesicht jagen knnte.Eine Frage: Worin bestehen die Vorwrfe, die Ihnen gemacht werden? Ja, ich habe auch schonMenschen unglcklich gemacht, aber Vorwrfe machen sie mir auf die Dauer gewi nicht, siewerden nur stumm und ich glaube, da sie mir auch innerlich keine Vorwrfe machen. DieseAusnahmsstellung habe ich unter den Menschen.Aber das alles ist unwichtig gegenber einem Einfall, den ich heute frh beim Aus-dem-Bett-aufstehn hatte und der mich so bezauberte, da ich gewaschen und angezogen war, ohne zu wissenwie und da ich auf die gleiche Art mich auch noch rasiert htte, wenn mich nicht ein Besuch (derAdvokat, welcher die Fleischnahrung fr notwendig hlt) geweckt htte. Es ist kurz folgendes: Siegehen fr eine Zeit von Ihrem Manne fort, das ist nichts neues, es ist ja schon einmal so gewesen.Die Grnde sind: Ihre Krankheit, seine Nervositt (Sie schaffen auch ihm Erleichterung) undendlich die Wiener Verhltnisse. Wohin Sie gehen wollen, wei ich nicht, am besten drfte fr Sieirgendeine friedliche Gegend in Bhmen sein. Es wird auch dabei das beste sein, wenn ich michpersnlich weder einmische noch zeige. Das dafr ntige Geld nehmen Sie vorlufig (ber die.Rckzahlungsbedingungen einigen wir uns) von mir. (Ich erwhne nur einen Nebenvorteil den ichdavon htte: ich wrde ein entzckt arbeitender Beamter werden - mein Dienst ist brigenslcherlich und klglich leicht, Sie knnen sich das gar nicht vorstellen, ich wei nicht wofr ich dasGeld bekomme.) Sollte es monatlich hie und da nicht ganz hinreichen, werden Sie sich den gewinicht groen Rest leicht verschaffen.Ich sage vorlufig nichts mehr zum Lobe des Einfalls, aber Sie haben Gelegenheit durch das Urteilber ihn mir zu zeigen, ob ich Ihrem Urteil ber meine sonstigen Einfalle trauen darf (denn denWert dieses Einfalls kenne ich).

    Ihr Kafka

    Ich lese nachtrglich eine Bemerkung wegen des Essens, ja, das wrde sich dann bei mir gewiauch ein richten, bei einem so wichtigen Mann, der ich dann geworden wre. - Ich lese die zweiBriefe so wie der Spatz die Krumen in meinem Zimmer aufklaubt, zitternd, horchend, sphend, alleFedern aufgebauscht.

  • (Meran, 11. Juni 1920)FreitagWann wird man endlich die verkehrte Welt ein wenig gerade richten? Bei Tage geht man mitausgebranntem Kopfherum - es gibt hier berall so schne Ruinen auf den Bergen und man glaubt,man msse auch so schn werden - im Bett aber bekommt man statt Schlaf die besten Einflle.Heute z. B. fiel mir in Ergnzung des gestrigen Vorschlages ein, da Sie ber den Sommer beiStaa sein knnten, von der Sie ja schrieben, da sie auf dem Lande ist. Gestern schrieb ich dieDummheit, da das Geld manchen Monat nicht ausreichen wrde, das ist Unsinn, es wird immerausreichen.Der Dienstag Frh- und Abendbrief besttigt nur den Wert meines Vorschlags, was ja keinbesonderer Zufall ist denn der Wert des Vorschlags mu von allem, durchaus allem besttigtwerden. Ist in dem Vorschlag Hinterlist - wo wre sie nicht, dieses ungeheuere Tier, das sich nachBedrfnis ganz klein machen kann - so werde ich sie Im Zaume halten, selbst Ihr Mann kann mirdarin vertrauen. Ich komme in bertreibungen. Trotzdem: man kann mir vertrauen. Ich werde Siegar nicht sehn, nicht jetzt, nicht dann. Sie werden auf dem Lande leben, das Sie lieben. (Darin sindwir hnlich, wenig bewegtes Land, noch nicht ganz Mittelgebirge ist mir das liebste und Wald undSee darin.)Die Wirkung Ihrer Briefe verkennen Sie, Milena. Die Montagbriefe (jen strach o Vs) (nur Angstum sie) habe ich noch immer nicht ganz gelesen (heute frh habe ich es versucht, es gieng auchschon ein wenig, es war ja auch schon etwas Historie geworden durch meinen Vorschlag, aberzuende lesen konnte ich sie noch nicht), der Dienstagbrief dagegen (und auch die merkwrdigeKarte - im Kaffeehaus geschrieben? - auf Ihre Werfelanklage mu ich noch antworten, ich antworteIhnen ja eigentlich auf gar nichts, Sie antworten viel besser, das tut sehr gut), macht mich heutetrotz einer durch den Montagsbrief fast schlaflosen Nacht genug ruhig und zuversichtlich. Gewi,auch der Dienstagbrief hat seinen Stachel und er schneidet sich seinen Weg durch den Leib, aberDu fhrst ihn und was wre - dies ist natrlich nur die Wahrheit eines Augenblicks, eines Glck-und Schmerz-zitternden Augenblicks - was wre von Dir zu ertragen schwer?

    F

    Ich nehme den Brief noch einmal aus dem Umschlag, hier ist Platz: Bitte sag mir einmal wieder -nicht immer, das will ich gar nicht- sag mir einmal Du.

    Sagen Sie bitte wenn es Ihnen nicht unangenehm ist, bei Gelegenheit Werfel fr mich etwas Liebes.- Auf manches aber antworten Sie leider doch nicht z. B. auf die Fragen wegen Ihres Schreibens.[cca 9 Wrter unleserlich gemacht]Letzthin habe ich wieder von Ihnen getrumt, es war ein groer Traum, ich erinnere mich aber fastan gar nichts. Ich war in Wien, davon wei ich nichts, dann aber kam ich nach Prag und hatte IhreAdresse vergessen, nicht nur die Gasse, auch die Stadt, alles, nur der Name Schreiber tauchte mirnoch irgendwie auf, aber ich wute nicht, was ich damit machen sollte. Sie waren mir alsovollstndig verloren. In meiner Verzweiflung machte ich verschiedene sehr listige Versuche, dieaber, ich wei nicht warum, nicht ausgefhrt wurden und von denen mir nur einer erinnerlich ist.Ich schrieb auf ein Couvert: M. Jesensk und darunter Ich bitte diesen Briefzuzustellen, da sonstdie Finanzverwaltung einen ungeheueren Verlust erleidet. Durch diese Drohung hoffte ich alleHilfsmittel des Staates fr Ihre Auffindung in Bewegung zu bringen. Schlau? Lassen Sie sichdadurch nicht gegen mich einnehmen. Nur im Traum bin ich so unheimlich.

  • (Meran, 12. Juni 1920)SamstagDu miverstehst mich ein wenig, Milena, ich bin doch fast ganz einig mit Dir. Im Einzelnen willich das gar nicht ausfhren.Ob ich nach Wien komme, kann ich heute noch nicht sagen, ich glaube aber, ich komme nicht.Hatte ich frher viele Gegengrnde, htte ich heute nur den einen, nmlich da es ber meinegeistige Kraft geht und dann noch vielleicht als fernen Nebengrund, da es so fr uns alle besser ist.Doch fge ich hinzu da es fr mich ebenso oder noch mehr ber die Kraft gienge, wenn Du jetztunter den von Dir beschriebenen Umstnden (nechat loveka ekat) (einen Menschen wartenlassen) nach Prag kmest.Die Notwendigkeit das zu erfahren, was Du mir ber die 6 Monate sagen willst, ist keineaugenblickliche. Ich bin berzeugt da es etwas Schreckliches ist [cca 15 Wrter unleserlichgemacht] ich bin berzeugt, da Du schreckliche Dinge erlebt oder sogar getan hast, ich binberzeugt, da ich als Mitlebender es wahrscheinlich nicht htte ertragen knnen (wenn ich auchnoch vor etwa 7 Jahren geradezu alles ertragen konnte) ich bin auch berzeugt, da ich es auchknftighin als Mitleben der nicht ertragen wrde - gut, aber was will das alles, sind mir dasWesentliche Deine Erlebnisse und Taten oder nicht vielmehr Du allein? Dich aber kenne ich, auchohne die Erzhlung, viel besser als mich, womit ich aber nicht sagen will, da ich den Zustandmeiner Hnde nicht kenne.Meinem Vorschlag ist Dein Brief nicht entgegengesetzt, im Gegenteil, denn Du schreibst: nejradjibych utekla tet cestou kter nevede ani k tob ani s nm, nkam do samoty (am liebsten mchteich auf einem dritten Weg fortlaufen, der weder zu Dir fhrt noch mit ihm, irgendwohin in dieEinsamkeit). Es ist mein Vorschlag, Du schreibst ihn vielleicht am gleichen Tag wie ich.Gewi, wenn die Krankheit in diesem Stadium ist, kannst Du Deinen Mann auch zeitweilig nichtverlassen, aber es ist doch wie Du schriebst keine endlose Krankheit, Du schriebst von einigenMonaten nur, ein Monat und mehr ist schon vorber nach einem weiteren wirst Du vorlufigentbehrlich sein. Dann ist ja erst August, sptestens September.brigens gestehe ich: Dein Brief gehrt zu denen, die ich nicht gleich lesen kann und wenn ich ihndiesmal doch viermal hintereinander hinuntergestrzt habe, so kann ich doch wenigstens nichtgleich meine Meinung sagen. Immerhin hat, glaube ich, das Obige einige Geltung.

    Dein

    (Meran, 12. Juni 1920)noch einmal SamstagDiese Kreuz- und Querbriefe mssen aufhren, Milena, die machen uns toll, man wei nicht, wasman geschrieben hat, nicht, worauf geantwortet wird und zittert immer, wie es auch sei. DeinTschechisch verstehe ich sehr gut, hre auch das Lachen, aber ich whle mich ja in Deine Briefenoch zwischen Wort und Lachen, dann hre ich nur das Wort und auerdem ist ja mein Wesen:Angst.Ob Du nach meinen Mittwoch-Donnerstag Briefen mich noch sehen willst, kann ich nichtberechnen, meine Beziehung zu Dir kenne ich (Du gehrst zu mir, selbst wenn ich Dich nie mehrsehen wrde). [cca 11 Wrter unleserlich gemacht] ich kenne sie, soweit sie nicht in dasunbersichtliche Gebiet der Angst gehren, Deine Beziehung zu mir kenne ich aber gar nicht, siegehrt ganz der Angst an. Du kennst mich auch nicht, Milena, ich wiederhole das.Fr mich ist es ja etwas Ungeheuerliches was geschieht, meine Welt strzt ein, meine Welt bautsich auf, sieh zu, wie Du (dieses Du bin ich) dabei bestehst. Um das Strzen klage ich nicht, sie war

  • im Strzen, ber ihr Sich-aufbauen klage ich, ber meine schwachen Krfte klage ich, ber dasGeboren-werden klage ich, ber das Licht der Sonne klage ich.Wie werden wir weiter leben? Wenn Du zu meinen Antwortbriefen Ja sagst, darfst Du in Wiennicht weiter leben, das ist unmglich. Gleichzeitig mit Deinen heutigen Briefen kam ein Brief vonMax Brod, in dem er unter anderem schreibt: Eine merkwrdige Geschichte hat sich zugetragen,die ich Dir wenigstens andeutungsweise referiere. Der junge Redakteur Reiner der Tribuna (wieman sagt, ein sehr feiner und wirklich bertrieben junger Mensch - vielleicht 20 Jahre) hat sichvergiftet. Das war, als Du noch in Prag warst - glaube ich. Jetzt erfhrt man den Grund: Willy Haashatte mit seiner Frau (einer geb. Ambroov, Freundin der Milena Jensensk) ein Verhltnis, dasaber in geistigen Grenzen sich bewegt haben soll. Es kam zu keinem Ertappen oder so etwas,sondern die Frau hat den Mann, den sie vor der Ehe Jahre lang kannte, so geqult mit Wortenhauptschlich und ihrem Benehmen da er sich in der Redaktion ttete. Frh kam sie mit HerrnHaas in die Redaktion zu fragen warum er aus dem Nachtdienst nicht zurckgekommen ist. Er lagschon im Krankenhaus und starb ehe sie hinkamen. Haas der vor der letzten Prfung stand, brachdas Studium ab, berwarf sich mit dem Vater und leitet in Berlin eine Filmzeitung. Es soll ihmnicht gut gehn. Die Frau lebt auch in Berlin und man glaubt er wrde sie heiraten. - Ich wei nichtwarum ich Dir diese grausame Geschichte erzhle. Vielleicht nur weil wir unter demselben Dmonleiden und so gehrt die Geschichte uns, wie wir ihr gehren.Soweit der Brief. Ich wiederhole, da Du nicht in Wien bleiben kannst. Was fr eine schrecklicheGeschichte. Ich hatte einmal einen Maulwurf gefangen und trug ihn in den Hopfengarten. Als ichihn abwarf, strzte er sich wie ein Wtender in die Erde, wie, wenn er im Wasser tauche,verschwand er. So mte man sich vor dieser Geschichte verstecken. Milena, es handelt sich janicht darum, Du bist fr mich keine Frau, bist ein Mdchen, wie ich kein Mdchenhafteres gesehenhabe, ich werde Dir ja die Hand nicht zu reichen wagen, Mdchen, die schmutzige, zuckende,krallige, fahrige, unsichere, hei-kalte Hand.

    F

    Was den Prager Dienstmann betrifft so ist das ein schlechter Plan. Du wirst nur ein leeres Hausfinden. Es ist mein Bureau. Inzwischen werde ich Altstdter Ring Nr 6 im 3tten Stock amSchreibtisch sitzen das Gesicht in den Hnden.Ja Du verstehst mich doch auch nicht Milena, die Judenfrage war doch nur dummer Spa.

    (Meran, 13. Juni 1920)SonntagHeute etwas, was vielleicht manches erklrt Milena, (was fr ein reicher schwerer Name vorFllekaum zu heben und gefiel mir anfangs nicht sehr, schien mir ein Grieche oder Rmer nachBhmen verirrt, tschechisch vergewaltigt, in der Betonung betrogen und ist doch wunderbar inFarbe und Gestalt eine Frau, die man auf den Armen trgt aus der Welt, aus dem Feuer ich weinicht und sie drckt sich willig und vertrauend dir in die Arme, nur der starke Ton auf dem i ist arg,springt dir der Name nicht wieder fort? Oder ist das vielleicht nur der Glcksprung, den du selbstmachst mit deiner Last?):Du schreibst zweierlei Briefe, ich meine nicht die mit Feder und die mit Bleistift trotzdem auch dieBleistiftschrift an sich manches andeutet und schon aufhorchen lt aber diese Unterscheidung istdoch nicht entscheidend, der letzte Brief mit der Wohnungskarte ist z. B. mit Bleistift geschriebenund macht mich doch glcklich; glcklich machen mich nmlich (verstehe Milena mein Alter,Verbrauchtsein und vor allem die Angst und verstehe Deine Jugend, Deine Frische, Deinen Mut;und meine Angst wird doch immer grer, denn sie bedeutet ja ein Zurckweichen vor der Welt,

  • daher Vergrerung ihres Drucks, daher weiterhin Vergrerung der Angst, Dein Mut aberbedeutet ein Vordringen, daher Verkleinerung des Drucks, daher Wachsen des Muts) diefriedlichen Briefe, zu Fen dieser Briefe knnte ich sitzen glcklich ohne Ma, das ist Regen aufden brennenden Kopf. Wenn aber diese andern Briefe kommen Milena und seien sie ihrem Wesennach glckbringender als die ersten (ich kann aber infolge meiner Schwche erst nach Tagen zuihrem Glck durchdringen) diese Briefe, die mit Ausrufungen anfangen (und ich bin doch so weit)und die ich wei nicht mit welchem Schrecken enden, dann Milena fange ich tatschlich zu zitternan wie unter der Sturmglocke, ich kann das nicht lesen und lese es natrlich doch, so wie einverdurstendes Tier trinkt, dabei Angst und Angst, ich suche ein Mbel, unter dem ich michverkriechen knnte, ich bete zitternd und ganz besinnungslos in der Ecke, da Du wie Du in diesemBrief hereingebraust bist wieder aus dem Fenster fliegen mchtest, ich kann doch einen Sturm nichtin meinem Zimmer halten; Du mut in solchen Briefen den groartigen Kopf der Medusa haben, sozucken die Schlangen des Schreckens um Deinen Kopf und um meinen allerdings noch wilder dieSchlangen der Angst.

    Dein Brief von Mittwoch, Donnerstag. Aber Kindchen, Kindchen (ich bin es eigentlich, der ichMedusa so ausspreche) Du nimmst ja alle meine dummen Spe (mit id und nechpu undhassen) ernst, ich wollte Dich damit doch nur ein wenig lachen machen, aus Angst miverstehenwir einander, bitte zwing mich nur nicht echisch zu schreiben, keine Spur des Vorwurfs war darin,eher knnte ich Dir den Vorwurf machen, da Du von den Juden die Du kennst (micheingeschlossen) - es gibt andere! - eine viel zu gute Meinung hast, manchmal mchte ich sie ebenals Juden (mich eingeschlossen) alle etwa in die Schublade des Wschekastens dort stopfen, dannwarten, dann die Schublade ein wenig herausziehn, um nachzusehn, ob sie schon alle erstickt sind,wenn nicht, die Lade wieder hineinschieben und es so fortsetzen bis zum Ende.- Was ich berDeine Rede gesagt habe, war allerdings ernst (immer wieder schiebt sich ernst in den Brief.Ich tue ihm vielleicht - ich kann darber nicht nachdenken - schreckliches Unrecht, aber fast ebensostark ist das Gefhl, da ich nun mit ihm verbunden bin und immer fester, fast htte ich gesagt: aufLeben und Tod. Knnte ich mit ihm sprechen! Aber ich frchte mich vor ihm, er ist mir sehrberlegen. Weit Du Milena als Du zu ihm giengst, bist Du einen groen Schritt von Deiner Ebenehinabgegangen, kommst Du aber zu mir, so springst Du in die Tiefe. Weit Du das? Nein, das warnicht meine Hhe in jenem Brief sondern Deine) - von der Rede sprach ich, sie war auch vonDir ernst gemeint, darin kann ich doch nicht irren.

    Wieder hre ich von Deiner Krankheit. Milena, wenn Du Dich zu Bett legen mtest. Undvielleicht solltest Du es. Und vielleicht liegst Du, whrend ich das schreibe. War ich nicht voreinem Monat ein besserer Mensch? Sorgte mich um Dich (in meinem Kopfe allerdings nur) wutevon Deinem Kranksein, jetzt nichts mehr, jetzt denke ich nur an meine Krankheit und meineGesundheit und beides allerdings, das erste wie das zweite, bist Du.

    F

    Ich hatte heute einen kleinen Ausflug gemacht um mich herauszureien aus dieser schlaflosen Luftmit jenem Lieblings-Ingenieur. Ich hatte dort auch eine Karte an Dich geschrieben, konnte sie abernicht unterschreiben und wegschicken. Ich kann Dir nicht mehr wie einer Fremden schreiben.Der Freitagsbrief kam erst am Mittwoch, Express- und Rekommandobriefe gehn langsamer alsgewhnliche Briefe.

  • (Meran, 14. Juni 1920)MontagHeute frh kurz vor dem Aufwachen, es war auch kurz nach einem Einschlafen hatte ich einenabscheulichen um nicht zu sagen frchterlichen (glcklicherweise verflchtigt sich derTraumeindruck schnell) also nur einen abscheulichen Traum. brigens verdanke ich ihm auch einwenig Schlaf, aus einem solchen Traum erwacht man erst, wenn er abgelaufen ist, frher sichherauswinden kann man nicht, er hlt einen an der Zunge fest.Es war in Wien, hnlich wie ich es mir in Wachtrumen fr den Fall da ich hinfahren sollte,vorstelle (in diesen Wachtrumen besteht Wien nur aus einem kleinen stillen Platz, die eine Seitebildet Dein Haus, gegenber ist das Hotel in dem ich wohnen werde, links davon steht derWestbahnhof, in dem ich ankomme, links der Franz Josefs Bahnhof, von dem ich wegfahre, ja undim Erdgescho meines Hauses ist freundlicher Weise noch eine vegetarische Speisestube, in der ichesse, nicht um zu essen, aber um eine Art Gewicht nach Prag mitzubringen. Warum erzhle ichdas? Es gehrt nicht eigentlich zu