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Franz Kafka - Deutscher Theaterverlag · PDF file 2017. 12. 5. · Franz Kafka Amerika Für die Bühne bearbeitet von ALEXANDER MÜLLER-ELMAU F 1521. Bestimmungen über das Aufführungsrecht

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Text of Franz Kafka - Deutscher Theaterverlag · PDF file 2017. 12. 5. · Franz Kafka...

  • Franz Kafka

    Amerika Für die Bühne bearbeitet von ALEXANDER MÜLLER-ELMAU

    F 1521

  • Bestimmungen über das Aufführungsrecht des Stückes

    Amerika (F 1521)

    Dieses Bühnenwerk ist als Manuskript gedruckt und nur für den Vertrieb an Nichtberufsbühnen für deren Aufführungszwecke bestimmt. Nichtberufsbühnen erwerben das Aufführungsrecht aufgrund eines schriftlichen Aufführungsvertrages mit dem Deutschen Theaterverlag, Grabengasse 5, 69469 Weinheim, und durch den Kauf der vom Verlag vorgeschriebenen Rollenbücher sowie die Zahlung einer Gebühr bzw. einer Tantieme. Diese Bestimmungen gelten auch für Wohltätigkeitsveranstaltungen und Aufführungen in geschlossenen Kreisen ohne Einnahmen. Unerlaubtes Aufführen, Abschreiben, Vervielfältigen, Fotokopieren oder Verleihen der Rollen ist verboten. Eine Verletzung dieser Bestimmungen verstößt gegen das Urheberrecht und zieht zivil- und strafrechtliche Folgen nach sich. Über die Aufführungsrechte für Berufsbühnen sowie über alle sonstigen Urheberrechte verfügt der S. Fischer Verlag, Hedderichstr. 114, 60596 Frankfurt/Main

  • 3

    PERSONEN

    Karl Rossmann

    Heizer

    Oberkassierer (-in)

    Onkel

    Herr Pollunder

    Klara Pollunder

    Herr Green

    Diener

    Frauenzimmer

    Delamarche

    Robinson

    Oberköchin

    Kellner(in)

    Therese

    Liftboy

    Oberkellner

    Portier

    Polizeimann

    Brunelda

    Student(in)

    Mann

    Schreiber

    Führer

    Doppelbesetzungen, mindestens aber 3H und 1D

  • 4

    1

    Karl Mein Schirm?

    Wo ist denn mein Regenschirm?

    Karl sucht nach seinem Schirm. Er läuft umher, verirrt sich, kommt nicht mehr aus dem Raum. Er trifft auf den Heizer, der an dem Schloss eines kleinen Koffers hantiert, Karls Koffer, versteckt dahinter der Regenschirm. Karl schaut einem Moment verwundert, erkennt aber seinen Koffer und Regenschirm in dieser neuen Umgebung nicht wieder.

    Karl Ich habe mich verirrt. Ich habe es während der Fahrt gar nicht so bemerkt, aber es ist ein schrecklich großes Schiff.

    Heizer Ja, da haben Sie recht .Aber kommen Sie doch! Sie werden doch nicht dort stehn bleiben!

    Karl Störe ich nicht?

    Heizer Ach, wie werden Sie denn stören!

    Karl Sind Sie ein Deutscher?

    Heizer Bin ich, bin ich. Ich kann es nicht leiden, wenn man mir zuschaut, da läuft jeder vorbei und schaut her!

    Karl Aber es ist doch niemand da.

    Heizer Ja, jetzt.

    Karl Gotteswillen, ich habe ja ganz meinen Koffer vergessen!

    Heizer Wo ist er denn?

    Karl Oben.

    Heizer Haben Sie den Koffer sehr nötig?

    Karl Natürlich.

    Heizer Ja, warum haben Sie ihn dann stehen lassen.

    Karl Ich habe meinen Regenschirm vergessen, wollte aber den Koffer nicht mitschleppen. Dann habe ich mich auch hier noch verirrt.

    Heizer Sie sind allein? Ohne Begleitung?

    Karl Ja, allein.

    Heizer Und jetzt haben Sie auch noch den Koffer verloren. Vom Regenschirm rede ich gar nicht

    Karl Ich glaube aber, der Koffer ist noch nicht verloren.

    Heizer Glauben macht selig.

    Oben das Scharren der tausend Menschenfüße die das Schiff verlassen, wie von der Ferne, wie einen Hauch, das letzte Arbeiten der

  • 5

    schon eingestellten Maschinen, trübes, oben im Schiff längst abgebrauchtes Licht.

    Heizer Bleiben Sie nur.

    Karl Warum denn?

    Heizer Weil es keinen Sinn hat, in einem kleinen Weilchen gehe ich auch, dann gehen wir zusammen.

    Karl Kennen Sie sich hier aus?

    Heizer Ich bin doch der Schiffsheizer.

    Karl Sie sind Schiffsheizer! Ich wäre sicher später Ingenieur geworden, wenn ich nicht nach Amerika hätte fahren müssen.

    Heizer Warum haben Sie denn fahren müssen?

    Karl Ach was!

    Heizer Es wird schon einen Grund haben

    Karl Jetzt könnte ich auch Heizer werden, meinen Eltern ist es jetzt ganz gleichgültig, was ich werde.

    Heizer Meine Stelle wird frei.

    Karl Warum denn? Gefällt es Ihnen nicht?

    Heizer Ja, das sind die Verhältnisse, es entscheidet nicht immer, ob es einem gefällt oder nicht. Übrigens haben Sie recht, es gefällt mir auch nicht. Sie denken wahrscheinlich nicht ernstlich daran, Heizer zu werden, aber gerade dann kann man es am leichtesten werden. Ich also rate Ihnen entschieden ab. Wenn Sie in Europa studieren wollten, warum wollen Sie es denn hier nicht?

    Karl Aber ich habe ja fast kein Geld zum Studieren. Englisch kann ich fast gar nicht. Überhaupt ist man hier gegen Fremde so eingenommen, glaube ich.

    Heizer Haben Sie das auch schon erfahren? Na, dann ist's gut. Dann sind Sie mein Mann. Sehen Sie, wir sind doch auf einem deutschen Schiff, warum sind wir nicht lauter Deutsche hier? Warum ist der Obermaschinist ein Rumäne? Er heißt Schubal. Das ist doch nicht zu glauben. Und dieser Lumpenhund schindet uns Deutsche! Glauben Sie nicht, dass ich klage, um zu klagen. Aber es ist zu arg! Ich bin früher immer belobt worden, aber hier taug ich nichts, hier stehe ich dem Schubal immer im Wege, bin ein Faulpelz, verdiene hinausgeworfen zu werden und bekomme meinen Lohn aus Gnade. Verstehen Sie das? Ich nicht.

    Karl Das dürfen Sie sich nicht gefallen lassen. Haben Sie schon Ihr Recht gesucht?

  • 6

    Heizer Ach gehen Sie, gehen Sie lieber weg. Ich will Sie nicht hier haben. Sie hören nicht zu, was ich sage, und geben mir Ratschläge. Wie soll ich denn mein Recht suchen!

    Karl Einen besseren Rat kann ich ihnen nicht geben

    In weiter Ferne ertönen kleine kurze Schläge, wie von Kinderfüßen, sie kommen näher mit verstärktem Klang, es ist ein ruhiger Marsch von Männern, Klirren wie von Waffen.

    Heizer Das ist die Schiffskapelle. Jetzt ist alles fertig und wir können gehen. Kommen Sie! Jetzt gehe ich ins Büro und werde der Frau Oberkassiererin meine Meinung sagen.

    2

    Kassiererin Scheren Sie sich fort !

    Karl kramt seinen Reisepass hervor, den er statt weiterer Vorstellung geöffnet auf den Tisch legt. Die Oberkassiererin scheint diesen Pass für nebensächlich zu halten, denn sie schnappt ihn mit zwei Fingern beiseite, worauf Karl, als sei diese Formalität zur Zufriedenheit erledigt, den Pass wieder einsteckt.

    Karl Ich erlaube mir zu sagen, dass meiner Meinung nach dem Herrn Heizer Unrecht geschehen ist. Es ist hier ein gewisser Schubal, der ihm aufsitzt. Er selbst hat zur vollständigen Zufriedenheit gedient, ist fleißig, meint es mit seiner Arbeit gut, und es ist wirklich nicht einzusehen, warum er gerade hier, wo doch der Dienst nicht so übermäßig schwer ist schlecht entsprechen sollte. Es kann daher nur Verleumdung sein, die ihn in seinem Vorwärtskommen hindert und ihn um die Anerkennung bringt, die ihm sonst ganz bestimmt nicht fehlen würde. Ich habe nur das Allgemeine über diese Sache gesagt, seine besonderen Beschwerden wird er Ihnen selbst vorbringen

    Heizer Es ist alles Wort für Wort richtig

    Onkel Kommen Sie mal her!

    Kassiererin Der Mann ist ein bekannter Querulant, er ist mehr in der Kassa als im Maschinenraum. Wie oft hat man Sie schon aus den Auszahlungsräumen hinausgeworfen, wie Sie es mit Ihren unberechtigten Forderungen verdienen! Wie oft sind Sie von dort in die Hauptkassa gelaufen gekommen! Wie oft hat man Ihnen im Guten gesagt, dass Schubal Ihr unmittelbarer Vorgesetzter ist! Und jetzt kommen Sie gar noch hier her und entblöden sich nicht einmal, als eingelernten Stimmführer Ihrer abgeschmackten Beschuldigungen diesen Kleinen mitzubringen, den ich überhaupt zum ersten Mal sehe!

    Onkel Hören wir den Mann doch einmal an.

  • 7

    Heizer Herr Schubal ist ungerecht! - Herr Schubal ist gegen uns Deutsche! - Herr Schubal verwies mich aus dem Maschinenraum und ließ mich Klosette reinigen, was doch gewiss nicht...

    „Große Schiffe kreuzen gegenseitig ihre Wege und geben dem Wellengang nur so weit nach, als es ihre Schwere erlaubt. Wenn man die Augen klein macht, scheinen diese Schiffe vor lauter Schwere zu schwanken. Hinter alledem aber steht New York und sieht mit hunderttausend Fenstern seiner Wolkenkratzer herüber.“

    Karl Sie müssen das klarer erzählen, die Frau Oberkassiererin kann es nicht würdigen, so wie Sie es erzählen. Sagen Sie die wichtigste zuerst und absteigend die anderen. Mir haben Sie es doch immer so klar dargestellt!

    Onkel Wie heißen Sie denn eigentlich?

    Karl Karl Rossmann

    Onkel Karl Rossmann. Aber. - Aber dann bin ich ja dein Onkel Jakob. -

    Karl Wie heißen Sie?

    Kassiererin Begreifen Sie doch Ihr Glück.- Es ist der Senator Edward Jakob.- Es erwartet Sie nunmehr eine glänzende Laufbahn. - Versuchen Sie das einzusehen, so gut es im Augenblick geht, und fassen Sie sich! -

    Karl Ich habe allerdings einen Onkel Jakob in Amerika. -

    Onkel Mein lieber Neffe ist von seinen Eltern einfach beiseite geschafft worden. Ich will durchaus nicht beschönigen, was mein Neffe gemacht hat, aber sein Verschulden ist ein solches, dass sein einfaches Nennen schon genug Entschuldigung enthält. Er wurde nämlich von ihrem viel älteren Dienstmädchen verführt. Nun sie hat von meinem Neffen ein Kind bekommen. Da seine Eltern also zur Vermeidung der Alimentenzahlung und des Skandals ihren Sohn, meinen lieben Neffen, nach Amerika haben transportieren lassen, so w