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Franz Kafka Die Verwandlung - theater- · PDF file1 Franz Kafka wurde im Jahre 1883 als Kind deutsch sprechender Prager Juden geboren. Er ist der bedeutendste deutschsprachige Schriftsteller

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  • Die VerwandlungFranz Kafka

    Spielzeit 2017/2018 | Heft 2Intimes Theater

  • Spielzeit 2017/2018 Heft 2

    Herausgeber Theater Schloss Mabach97711 Mabach/Ufr., Telefon (09735) 235, Fax 1496

    www.theater-massbach.de

    Theaterleitung Anne Maar

    Redaktion Sebastian Worch Gestaltung Christoph Thein, Dorothea Constanze VhringerFotos Sebastian Worch

    Literatur Gilles Deleuze, Flix Guattari: Kafka, Frankfurt 1976; Vladimir Nabokov: Die Kunst des Lesens, Frankfurt 1982

    Druck RudolphDruck Schleifweg 1, 97532 EbertshausenTelefon (09724) 9300

    Das Theater Schloss Mabach wird untersttzt vom Bayerischen Staatsministerium fr Wissenschaft, Forschung und Kunst, dem Bezirk Unterfranken, dem Landkreis Bad Kissingen, dem Markt Mabach, den Landkreisen Haberge, Rhn-Grabfeld und Schweinfurt sowie der Stadt Schweinfurt.

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    Franz Kafka wurde im Jahre 1883 als Kind

    deutsch sprechender Prager Juden geboren.

    Er ist der bedeutendste deutschsprachige

    Schriftsteller unseres Zeitalters: im Vergleich

    zu ihm sind Lyriker wie Rilke und Romanciers

    wie Thomas Mann Zwerge oder Gipsheilige.

    Kafka studierte an der Prager Universitt Jura

    und arbeitete ab 1908 als kleiner Angestellter

    bei einer Versicherungsgesellschaft, in einem

    Bro ganz von der Art, wie Gogol sie beschrie-

    ben hat. Kaum eines seiner inzwischen

    berhmten Werke, etwa die Romane Der

    Prozess (1925) und Das Schloss (1926)

    erschien zu seinen Lebzeiten. Seine bedeu-

    tendste Erzhlung, Die Verwandlung, ent-

    stand im Herbst des Jahres 1912 und wurde im

    Oktober 1915 in Leipzig verffentlicht. Ab 1917

    litt er an Bluthusten und musste whrend der

    ihm verbleibenden sieben Jahre immer wieder

    Sanatorien in verschiedenen Teilen Europas

    aufsuchen. In diesen letzten Jahren seines

    kurzen Lebens (er starb mit einundvierzig

    Jahren) erlebte er eine beglckende Liebes-

    beziehung und lebte 1923 mit der Frau, die er

    liebte, in Berlin, nicht weit von meiner

    Wohnung entfernt. Im Frhjahr 1924 suchte er

    ein Sanatorium in der Nhe von Wien auf, wo

    er am 3. Juni an Kehlkopftuberkulose starb;

    sein Grab fand er auf dem Straschnitzer

    Friedhof zu Prag. Er hatte seinen Freund Max

    Brod gebeten, alle seine Werke, auch die

    bereits verffentlichten, zu verbrennen, doch

    glcklicherweise kam Brod diesem Wunsch

    nicht nach.

    Vladimir Nabokov: Die Kunst des Lesens, Frankfurt a. M. 1982

    Der AutorFranz Kafka, 1906

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    Lukas Redemann, Sandra Lava, Marc Marchand

    Zum InhaltBeim Einschlafen ist Gregor Samsa noch ein

    fleiiger Angestellter, der mit seiner Arbeit

    brav Eltern und Schwester ernhrt, beim

    Aufwachen findet er sich im Krper eines

    Kfers wieder. Pltzlich fr seine Familie nutz-

    los geworden muss Gregor feststellen, wie das

    anfngliche Entsetzen und die Sorge

    Pragmatismus weicht. Die Krfteverhltnisse

    in der Familie verschieben sich und es wird

    deutlich: nur noch der Kfer steht ihrem Glck

    im Wege.

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    Gregor Samsa Benjamin Jorns

    Der Vater Marc Marchand

    Die Mutter Sandra Lava

    Grete, die Schwester Franziska Theiner

    Prokurist, Bedienerin, Untermieter Lukas Redemann

    Auffhrungsdauer: ca. 2 Stunden inklusive einer Pause Premiere am 03. November 2017 im Intimen Theater

    Regieassistenz: Madita Arweiler, Tim BesselBeleuchtung & Ton: Stephan Schoder, Timo KampengaKostmanfertigung: Daniela Zepper, Jutta Reinhard, Antonia StemmerBhnenschreinerei: Jrn Hagen, Christian LinggWerksttten & Technik: Waldemar Ebel, Viktor Mller, Ivan Hafner, Joachim Schller, Paul Schneider

    Inszenierung Ingo Pfeiffer Bhne Anita Rask Nielsen Kostme Daniela Zepper Requisiten Kathrin Hartmann Dramaturgie Sebastian Worch Theaterpdagogik Julia Kren Jessica Latein Dramaturgie Sebastian Worch Licht Stephan Schoder Robert Werthmann Timo Kampenga

    Die Verwandlung nach Franz Kafka, fr die Bhne eingerichtet von Ingo Pfeiffer

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    WirklichkeitenDen grten Genuss hat man von der

    Verwandlung, wenn man die Erzhlung

    nicht, wie beispielsweise in der Schule, interpre-

    tieren muss. Denn wie soll man da nicht ver-

    zweifeln: Gewhnliches und Ungewhnliches,

    Alltag und Alptraum sind hier so aufeinander

    bezogen, dass ein verstrender Umschlag statt-

    findet: Alltgliche Dinge erscheinen pltzlich

    fremd und doppelbdig, der Alptraum richtet

    sich in der Normalitt ein und gewinnt eine

    eigene Logik. Man kann sich auf nichts verlassen

    die Unzuverlssigkeit aller Aussagen und

    Geschehnisse, die Widersprche und die manch-

    mal gedehnte, manchmal zusammengezogene

    Zeit all das ist wie im Traum. Eine Wertung

    darber, was Sein oder Schein ist, kann man aus

    dem Text heraus nicht treffen. Wirklichkeiten:

    Die Verwandlung ist ein Stck zu unserem

    diesjhrigen Schwerpunktthema.

    Metaphern Beschreibungen aus der Sicht eines Tieres kom-

    men bei Kafka immer wieder vor: Affen, Muse,

    Hunde, ein Maulwurf. Sie alle scheinen

    Energiezustnde von Menschen zu sein, daher

    sind Verwandlungen mglich, Metamorphosen

    oder Mischwesen zwischen Menschen und wirk-

    lichen Tieren. Diese Wesen haben eine Realitt,

    die nicht als Symbol oder Sprachbild aufzulsen

    ist, eher wird das Tier zum ungewhnlichen

    Instrument der Erkundung der Welt und der

    Gesellschaft. Titel wie Forschungen eines

    Hundes oder Bericht an eine Akademie

    weisen darauf hin. Metamorphosen sind das

    Gegenteil von Metaphern, die deuten, statt zu

    erkunden. Kafka bekennt: die Metaphern sind

    eines in dem Vielen, was mich am

    Schreiben verzweifeln lsst.

    Abhngigkeiten Durch den fast auf Menschengre

    aufgeblhten Kfer Gregor oder ist

    es eine Wanze oder eine Schabe?

    werden Machtverhltnisse und

    Abhngigkeitsstrukturen von Familie

    und Arbeit strker sichtbar als bei

    einer herkmmlichen Darstellung. Die

    Mutter verspricht eine falsche

    Geborgenheit, der Vater kann ein

    bedrohliches Gewaltpotenzial entwi-

    ckeln, ist aber bei nherer Betrach-

    tung ein Kondensat der Mchte,

    denen er sich unterworfen hat. Der

    Vater ist verschuldet, eine Schuld, die

    Sohn Gregor abzutragen sich ver-

    pflichtet fhlt. Ihn kann man als das

    Nutztier der Familie betrachten.

    Direkt sprbar ist die bergeordnete

    Macht durch den Auftritt des

    Prokuristen, eines Geschftsleiters in

    Vertretung des eigentlichen Chefs.

    Durch Gregors Verwandlung zum

    Ungeziefer ist das ganze Machtgefge

    in seinem Zusammenbruch erfahrbar.

    Von wem hngt die Existenz der

    Familie wirklich ab? Wer bildet sich

    das vielleicht nur ein? Was braucht

    diese Gemeinschaft wirklich? Wie real

    ist der Abstieg und in welche

    Richtung kann es weiter gehen? Die

    Erzhlung aus dem Prag von 1912

    gewinnt eine politische Wirkung, die

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    bis heute reicht. Es kann der Verdacht auf-

    kommen, dass der Parasit Gregor der einzige

    ist, der sich nicht parasitr verhlt. Sein all-

    mhliches Verschwinden stellt die

    Machtverhltnisse infrage.

    TrotzreaktionAuf ungewhnliche Art wird etwas erzhlt, was

    jeder kennt. Die Verwandlung ereilt Gregor

    zunchst nur uerlich. Die ganze Panik beim

    Aufwachen bezieht sich aber auf die mgliche

    Versumung seiner Arbeit. Eine Morgenpanik,

    wie sie jeder schon einmal erlebt hat. Dass Kafka

    die Idee zu der Geschichte im Bett kam, ist

    insofern sehr einleuchtend. Zustzlich zur Panik

    hat Gregor aber auch widerstndige Gefhle, die

    gerade angesichts seiner Verkferung einen ver-

    spteten Trotz zeigen: Wenn ich mich nicht

    wegen meiner Eltern zurckhielte, ich htte

    lngst gekndigt.. Eigentlich mchte Gregor

    ein ganz anderes Leben. Gille Deleuze und Flix

    Guattari schreiben in ihrem berwl-

    tigenden Kafka-Buch: Gregor wird

    nicht nur Kfer, um seinem Vater zu

    entkommen, sondern auch und eher

    noch, um einen Ausweg zu finden,

    wo sein Vater keinen zu finden ver-

    mochte, um dem Prokuristen, dem

    Geschft und dem Brokraten zu

    entrinnen und in jene Region zu

    gelangen, wo die Stimme nur noch

    summt.

    Abschwirren Es geht also auch darum, einen

    Fluchtweg zu finden. Beim Erwachen

    in seinem neuen Zustand flimmern

    Gregor die dnnen Beinchen hilflos

    vor seinen Augen. Sie erinnern in

    ihrer Suche nach einem Ausweg an

    die rmchen einer mechanischen

    Schreibmaschine. Auf der Bhne

    Franziska Theiner, Sandra Lava, Marc Marchand

  • 6 6 Benjamin Jorns, Franziska Theiner, Sandra Lava, Marc Marchand

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    wird in das Klettern des Schauspielers Benjamin

    Jorns durch sein Zimmer ebenso eine solche

    rastlose Suchbewegung. In der Erzhlung heit

    es: so nahm er die Gewohnheit an, kreuz und

    quer ber Wnde und Plafond zu kriechen.

    Besonders oben auf der Decke hing er gern: es

    war ganz anders, als das Liegen auf dem

    Fuboden: man atmete freier: ein leichtes

    Schwingen ging durch den Krper: und in der

    glcklichen Zersteutheit, in der sich Gregor dort

    oben befand, konnte es geschehen, dass er zu

    seiner eigenen berraschung sich loslie und

    auf den Boden klatschte. Aber nun hatte er

    natrlich seinen Krper ganz anders in der

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