Grundzüge der evangelischen Sakramentenlehre

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    30-Jun-2015

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Grundzge der evangelischen Sakramentenlehre unter Bercksichtigung des Verhltnisses von Wort und Sakrament

I Sakramententheologie der Reformatoren 1. Martin Luther Martin Luther stellt allgemeine berlegungen zum Wesen der Sakramente zurck. Er thematisiert Taufe und Abendmahl im Blick auf deren Bedeutung fr das christliche Leben. Dabei betont er weniger den ekklesiologischen als den individuellen Bezug, das pro me der Heilstat Christi. Die objektive Heilsbedeutung von Taufe und Abendmahl ergibt sich aus Gottes Offenbarung in Christus. Die Hinwendung Gottes zum Menschen in geschichtlicher Gestalt findet im Sakrament als Geheimnis konkreten Ausdruck. Es ist ein von Ch ristus eingesetztes, worthaft gesetztes Zeichen, verbunden mit einer gttlichen Verheissung. Der Sinngehalt des sakramentalen Zeichens besteht in der freien personalen Gnadenmitteilung Jesu Christi. Die biblische Begrndung, die usserliche Handlung mit sinnlich fassbarem Element und die Aneignung im Glauben sind grundlegende Merkmale des Sakraments. Der Glaube ist die Bedingung fr den rechten Gebrauch der Sakramente. Das Sakrament unterscheidet sich vom Wort Gottes nicht in der Wirkung, aber in der Wirkweise, weil es den ganzen Menschen in seiner Leibhaftigkeit trifft. Es bewirkt im Glauben die Gemeinschaft mit Gott durch die verkndigte Sndenvergebung. Im Sinne des biblischen Verstndnisses von mysterion ist Jesus Christus das einzige Sakrament, das sich in drei sakramentalen Zeichen entfaltet (Taufe, Abendmahl und Busse). Das ussere Zeichen des Sakraments, bzw. die durch dieses Zeichen elementar geprgte rituelle Handlung ist in seinem Sinngehalt vom Wo rt her und nicht das Wort von der Eigenbedeutung des usseren Zeichens her zu verstehen. Im Kleinen Katechismus erklrt Luther, dass das Wasser der Taufe in Gottes Gebot gefasst und mit Gottes Wort verbunden ist. Die Wirkung der Taufe hngt am Wort. Durch Gottes Wort wird Wasser zum gnadenreichen Wasser des Lebens. In gleicher Weise ussert sich Luther im Grossen Katechismus zum Abendmahl: Ohne Wort bleibt nichts als Brot und Wein, die an sich keine Bedeutung fr den Glauben haben. In Verbindung mit dem Wor t werden sie wahrhaftig Christi Leib und Blut. Die sakramentale Zeichenfunktion des Elements ist allein durch das Wort begrndet.1

Die Welt fr sich genommen kann nicht als Zeichen der Gegenwart Gottes gelten. Aber das sakramentale Zeichen kann dank seiner Einsetzung auch als Reprsentant der durch Jesus Christus befreiten geschpflichen Welt betrachtet werden. Die in Jesus Christus erschlossene Welt ist als solche dazu bestimmt, sakramentalen Charakter anzunehmen und durchsichtig zu werden fr das Gegenwrt igsein Gottes. Jesus Christus ist im Wort wie im Sakrament gegenwrtig, in zwei unterschiedlichen Sprachformen, die dem Hren und dem Sehen bzw. Fhlen, dem kognitiven und dem emotionalen Aspekt menschlichen Begreifens entsprechen. 2. Johannes Calvin Die Sakramente vermitteln die Gemeinschaft mit Christus. Dieser ist wie beim Wort Gottes der eigentliche Inhalt, die Substanz aller Sakramente, weil sie ihn selber verheissen und schenken, indem sie die Erkenntnis Christi in den Glaubenden festigen und vermehren. Die Sakramente unterscheiden sich als besondere Gaben Gottes in der Form dadurch vom Wort, dass sie als usserliche Mittel und Zeichen der Heilsverheissung den Menschen als leibhaftes Wesen neben dem Hren auch durch Schauen und Fhlen ansprechen. Die Sakramente sind Zeugnis der gttlichen Gnade und Verkndigungshandlung. Sie beziehen sich grundlegend auf den Glauben. Sie wirken nicht ohne den vorangehenden und begleitenden Glauben, bekrftigen diesen aber zugleich. Die Sakramente sind ein Spiegel, mit welchem Gott durch sichtbare Gestalten der Offenbarung seine geistlichen Gter vermittelt. Mit diesem Gedanken orientiert sich Calvin an Augustins Verstndnis des Sakraments als Zeichen (Hinweis auf eine unsichtbare Realitt) und sichtbares Wort ( verbum visibile). Als Bundeszeichen sind die Sakramente Siegel, womit Gott die Gltigkeit seines Verheissungswortes in lebenskrftiger Vergegenwrtigung besttigt. Die Sakramente bezeugen nicht nur das Heil, sondern sie vermitteln es zugleich, jedoch so, dass sie der grundlegenden Wortverkndigung folgen und den vom Heiligen Geist gewirkten Glauben voraussetzen. Drei Merkmale kennzeichnen das Sakrament: es ist ein Zeichen, das auf der Anordnung Gottes bzw. Stiftung Christi beruht; es ist mit einer ausdrcklichen g ttlichen Verheissung verbunden; und es hat einen gegenwrtigen Heilsbezug.

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3. Huldrych Zwingli Die Sakramente sind wesenhaft auf die Zugehrigkeit zur Kirche bezogen. Sie sind kein Heilmittel, weil sie als usserliche Handlungen keine Gnade vermitteln knnen. Als Bekenntnisakt sind sie Zeichen fr die Tatsache, dass die Glaubenden bereits zuvor innerlich die Gnade durch den Heiligen Geist empfangen haben. Die Sakramente sind im Sinne der Wortbedeutung von sacramentum ein Eid, eine Verpflichtung bzw. Bindungskundgabe im Blick auf die Mitgliedschaft in der Kirche wie auf die Gemeinschaft mit Christus: die Taufe ist ffentliche Kundgebung der Tatsache, dass ein von Gottes Gnade ergriffener Mensch in die Kirche aufgenommen wird, und sie ist Ausdruck des Willens, das Leben dem Wort Christi entsprechend zu gestalten.

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Reformatorische Bekenntnisschriften

1. Augsburger Bekenntnis (1530) In CA XIII wird gegen Zwingli gelehrt, dass die Sakramente nicht nur eingesetzt sind, um Zeichen zu sein. Sie kennzeichnen de n Christen nicht nur usserlich , sondern sie sind Zeichen und Zeugnis des gttlichen Willens fr uns. Sie erwecken und strken unseren Glauben. Im Blick auf die rmische Lehre von der Wirksamkeit der Sakramente ex opere operato wird betont, dass die Sakramente Glauben fordern. Sie werden dann recht gebraucht, wenn man sie im Glauben empfngt und der Glaube dadurch gestrkt wird. 2. Das Erste und das Zweite Helvetische Bekenntnis (1536 und 1562) Zwinglis Sakramentsauffassung hat sich in der reformiert en Tradition nicht durchgesetzt. Nach dem Ersten Helvetischen Bekenntnis sind die Sakramente nicht nur ussere Zeichen christlicher Zugehrigkeit, sondern Zeichen gttlicher Gna de, wobei die heil- und seligmachende Kraft Gott allein zuzuschreiben ist. Das Zweite Helvetische Bekenntnis bezeichnet die Sakramente als geheimnisvolle Wahrzeichen, heilige Gebruche, weihevolle Handlungen, die Gott selbst eingesetzt hat. Sie sind in Seinem Wort verankert, in Zeichen und bezeichneten Dingen. Dadurch erhlt Gott in der Kirche die Erinnerung an die dem Menschen erwiesenen Wohltaten wach und erneuert sie auch. Die Sakramente besiegeln die Verheissungen Gottes und das, was er uns selbst innerlich schenkt, usserlich darstellt und zur Betrachtung vor Augen fhrt. So strken und nhren die Sakramente unseren Glauben durch die Wirkung des Geistes Gottes in unseren Herzen.3

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Neuere Entwrfe

1. Dietrich Bonhoeffer Der Ruf Christi ergeht in der Kirche durch sein Wort und Sakrament. Predigt und Sakrament der Kirche sind der Ort der Gegenwart Jesu Christi. Zur Sichtbarkeit des Leibes Christi in der Predigt des Wortes tritt die Sichtbarkeit in Taufe und Abendmahl. Durch Taufe und Abendmahl werden wir der Gemeinschaft des Leibes Christi teilhaftig gemacht. Ziel wie Ursprung der Sakramente ist der Leib Christi. Weil Leib Christi da ist, darum allein gibt es Sakramente. Nicht das Wort der Predigt bewirkt unsere Gemeinschaft mit dem Leib Christi, das Sakrament muss hinzukommen. Taufe ist Eingliederung in die Einheit des Leibes Christi, Abendmahl ist Erhaltung der Gemeinschaft (koinonia) am Leibe. (Nachfolge, S. 230) Zu beiden Handlungen gehrt die Verkndigung des Todes Christi fr uns. Die Apostelgeschichte bemerkt zum Leben der jungen Gemeinde (2,42), dass ihre Glieder an der Lehre der Apostel und an der Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und an den Gebeten festhielten. Es ist lehrreich, dass hier die Gemeinschaft (koinonia) zwischen Wort und Abendmahl ihren Ort bekommt. Es ist keine zufllige Bestimmung ihres Wesens, wenn sie ihren Ursprung immer wieder im Wort, ihr Ziel und ihre Vollendung immer wieder im heiligen Abendmahl haben soll. Alle christliche Gemeinschaft lebt zwischen Wort und Sakrament, sie entspringt und sie endet im Gottesdienst. Sie wartet auf das letzte Ab endmahl mit dem Herrn im Reich Gottes. (Nachfolge, S. 248f) Eine Gemeinschaft solchen Ursprungs und ausgerichtet auf ein solches Ziel ist vllige Gemeinschaft, in der in Freiheit auch alle Gter miteinander geteilt werden (Apg 4,32 -37). Auch die Gabe der Taufe darf sich nicht auf die Teilnahme an Predigt und Abendmahl und die Zulassung zu mtern und Diensten der Gemeinde beschrnken. Die Taufe ffnet den Raum des gemeinschaftlichen Lebens der Glieder des Leibes Christi in smtlichen Lebensbeziehungen fr j ede Getaufte und jeden Getauften. Wer einem getauften Bruder die Teilnahme am Gottesdienst gewhrt, ihm aber im tglichen Leben die Gemeinschaft versagt, ihn missbraucht oder verachtet , der macht sich am Leib Christi selbst schuldig. Wer getauften Brder die Gaben des Heils zuerkennt, ihnen aber die Gaben des irdischen Lebens verweigert oder sie wissentlich in irdischer Not und Bedrngnis lsst, verspottet die Gabe des Heils und wird zum Lgner.4

Wer dort, wo der Heilige Geist gesprochen hat, noch der Stim me seines Blutes, seiner Natur, seiner Sympathien und Antipathien Gehr leiht, versndigt sich am Sakrament. (Nachfolge, S. 250) 2. Paul Tillich Im konkreten Leben der Kirche, in ihrer Liturgie, ihren Liedern, ihren Predigten und Sakramenten begegnen wir dem, was uns unbedingt angeht dem Neuen Sein in Jesus als dem Christus. Glaube und Liebe sind Kraftwirkungen des Geistes, und Trger dieser Kraft ist das Wort auch in den Sakramenten. Die Wirklichkeit wird entweder durch die lautlose Gegenwart der O bjekte als Objekte oder durch die sprachliche Selbstmitteilung eines Subjekts gegenber einem anderen Subjekt vermittelt. Auf beide Arten wird in der Dimension des Psychischen und des Geistes Kommunikation hergestellt. Ein begegnendes Selbst kann sich auf indirektem Weg bemerkbar machen, indem es von sich als einem subjektiven Selbst Zeichen gibt. Das geschieht durch Laute in den Dimensionen unterhalb der geistigen Dimension. In der Folge der Dimensionen geht das wortlose Zeichen dem Wort voraus (in der Tierwelt). Das bedeutet auch, dass das Sakrament lter ist als das Wort. Wort und Sakrament bezeichnen beide Weisen, wie sich der gttliche Geist den Menschen mitteilt. Worte, durch die der gttliche Geist spricht, sind Wort Gottes. Gegenstnde, die Trger des gttlichen Geistes sind, werden im sakramentalen Akt zu sakramentalen Elementen. Obwohl das Sakramentale lter ist als das Wort, ist das Wort wenn auch als lautloses im Erlebnis des Sakramentes gegenwrtig. Deshalb ist die sakramentale Wirklichkeit nicht ohne Wort. Sakramentale Gegenstnde und Handlungen sind vom Wort nicht zu trennen, weil die Sprache der fundamentale Ausdruck des menschlichen Geistes ist. Gott ergreift durch die sakramentale und worthafte Vermittlung jede Seite des Menschen. Tillichs Formel protestantisches Prinzip und katholische Substanz bezieht sich auf die Einheit von Wort und Sakrament in der Vermittlung des gttlichen Geistes. Ein sakramentales Symbol ist weder ein Ding noch ein Zeichen. Es nimmt Teil an der Macht dessen, was es symbolisiert, und kann deshalb zum Mittler des gttlichen Geistes werden.

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3. Gerhard Ebeling Das Sakrament selbst ist Wort Gottes, in gewisser Hinsicht sogar in dichtester Darbietung. Ihn ihm nimmt das Wort Gottes eine besondere Gestalt an. Das Sakrament ist ein gottesdienstliches Geschehen und ist als solches nie ohne das verbale Moment. Dazu gehren die Formel, welche die Sakramentshandlung konstituiert, sowie andere liturgische Redestcke, insbesondere Gebete. Das Sakrament setzt stets Verkndigung voraus. Die reformatorischen Exklusivaussagen solo verbo sola fide gelten fr beide Glieder der Formel Wort und Sakrament uneingeschrnkt. Wesentlich fr das Sakrament ist der Christusbezug. Konstitutive Momente des Sakraments: a) Einsetzung: Die Autorisierung von Taufe und Abendmahl haftet an der Person Jesu. Jede dieser beiden Handlungen nimmt auf eine ungewhnlich herausgehobene Lebenssituation Jesu Bezug: auf den Anfang und das Ende seines Weges. Am Anfang hat Jesus durch seine Taufe der Johannestaufe einen neuen Inhalt gegeben; und mit seinem Abschied von seinen Jngern am Ende hat er gezeigt, dass er sich fr sie und an sie hingibt, nicht allein ihnen zugute, sondern zur Weitergabe durch sie an alle. b) Die Gestalt: Das Elementare an den Sakramenten betrifft die Ganzheit der Handlung. Sie ist durch das Wort gestiftet und in ihr sind das Wasser, das Brot und der Wein so durch das Wort bestimmt und so in das Wort gefasst, dass sie zu Trgern einer Mitteilung werden, die ihnen nicht von sich aus innewohnt. In diesem elementaren Vorgang geht die Christussituation in die eigene Situation ein und die eigene Situation in die Christussituation. Die Taufe wird zur bereignung des Glaubenden an Christus und das Abendmahl zur bereignung Christi an den Glaubenden. c) Die Gabe: Sakramente sind Empfangshandlungen. Niemand kann ein Sakrament an sich selbst vollziehen. Das Sakrament verleiht keine andere Gabe, als sie das mndliche Wort verleiht, aber es verleiht sie anders als dieses. d) Die Gemeinde: Kirche konstituiert sich als geschichtliche Institution erst durch die Sakramente. Die Gemeinde ist darum auch der Ort, wo die Sakramente vollzogen werden. DieTaufe wie die Feier des Abendmahls gehren prinzipiell in den Gemeindegottesdienst.

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Literaturverzeichnis

Bonhoeffer, Dietrich: Nachfolge. Gtersloh: Gtersloher Verlagshaus, 2008. Ebeling, Gerhard: Dogmatik des christlichen Glaubens. Bd. 3. Tbingen: J.C.B. Mohr, 1979, S. 295-330. Hauschild, Wolf-Dieter: Lehrbuch der Kirchen- und Dogmengeschichte. Bd. 2. Gtersloh: Gtersloher Verlagshaus, 1999. Tillich, Paul: Systematische Theologie. Stuttgart: Evangelisches Verlagswerk, Bd. 1 (31956), Bd. 2 ( 41973), Bd. 3 (1966). Wenz, Gunther: Einfhrung in die eva ngelische Sakramentenlehre. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1988.

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