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Hermann Broch und Egon Viettadownload.e- · PDF filevon Heidegger kenne ich bloss »Sein und Zeit«, ... dass das Philosophieren heute offenbar ... den »Glauben« niemals zu fassen

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Text of Hermann Broch und Egon Viettadownload.e- · PDF filevon Heidegger kenne ich bloss »Sein...

  • Hermann Broch und Egon Viettaim Briefwechsel 1933-1951

  • Sich an den Tod heranprschen

    Hermann Broch und Egon Viettaim Briefwechsel 19331951

    Herausgegeben von Silvio Vietta und Roberto Rizzo

    WALLSTEIN V ERLAG

  • Gedruckt mit Hilfe derGeschwister Boehringer Ingelheim Stiftung

    fr Geisteswissenschaften in Ingelheim am Rhein, der Universitt Bologna

    und der Universitt Hildesheim

    Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

    Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet ber http://dnb.d-nb.de abrufbar.

    Wallstein Verlag, Gttingen 2012www.wallstein-verlag.de

    Vom Verlag gesetzt aus der GaramondUmschlaggestaltung: Susanne Gerhards, Dsseldorf,

    unter Verwendung privater FotografienDruck und Verarbeitung: Hubert & Co, Gttingen

    gedruckt auf sure- und chlorfreiem, alterungsbestndigem PapierISBN (print): 978-3-8353-1088-9

    ISBN (eBook, pdf): 978-3-8353-2249-3

  • Inhalt

    Briefe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7

    Anhang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 177

    Editorische Notiz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 178 Siglen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 179 Kommentar . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 180 Dokumente . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 272

    Nachwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 319

  • 7

    August 1933

    1. Hermann Broch an Egon Vietta

    Wien, 25. August 1933

    Lieber verehrter Herr Fritz-Vietta,verzeihen Sie, dass ich Ihren wertvollen Brief erst heute beant-worte. Ich bin noch mitten in der Fertigstellung eines kleinen Romans, der noch im Herbst herauskommen soll und eigentlich verlangen alle die Anregungen, die in Ihrem Schreiben enthalten sind, eine ganze Abhandlung zur Beantwortung.

    Um nur das Wesentliche zu sagen:von Heidegger kenne ich bloss Sein und Zeit, in dem ich

    allerdings den zitierten Satz Yorks berlesen habe und Kants Metaphysik. Ueber Heideggers Bedeutung mssen wir wohl nicht reden und wenn ich jetzt Einwnde vorbringe, so ge-schieht dies bloss, weil ich mich Ihnen gegenber verpflichtet fhle, etwas Kommentarisches zu meiner Arbeit zu sagen, die Sie mit so grossem Wohlwollen betrachten. Wrde sich dieser Einwand gegen Heidegger bloss darauf beschrnken, dass er die ursprngliche Strenge der Phnomenologie verlassen hat (ich mchte brigens in diesem Zusammenhang auf die [hs.] auer-ordentlichen Traits Husserls hinweisen, die Sie ja sicherlich schon kennen) so wre dies an sich bestimmt kein Einwand, wohl aber in dem Sinn, dass das Philosophieren heute offenbar berhaupt nicht mehr als scientia betrieben werden kann. Und dies ist das eigentliche Credo, auf das es hier ankommt und das Sie, wie mir scheint, von mir verlangen: es versteht sich von selbst, dass der Aufsatz in der Rundschau bloss ein Bruch-stck ist und zwar einer umfassenden Werttheorie, die mir als solche sehr am Herzen liegt und die ich doch so sehr als Frucht einer unerlaubt gewordenen philosophischen Leidenschaft an-sehe, dass ich vor deren Publikation stets zurckgeschreckt bin, auch damals schon (diese Werttheorie ist nmlich schon seit ber 10 Jahren fix und fertig) als die Publikation noch usserlich mglich gewesen [hs.] wre. Mir wurde nmlich whrend dieser Arbeit so absolut klar, dass Philosophie nur im Rahmen einer Theologie mglich ist, [hs.] und dass sie bloss innerhalb des theologischen Wertsystems wissenschaft liche Kraft und Exakt-

  • 8

    Brief 1

    heit besitzt, dass aber heute mit Worten nichts mehr bewiesen werden kann. Worte sind in unserer Zeit nur mehr Trger von Meinungen, niemals aber von Wissenschaftlichkeit. Und wenn die mit Worten vorgetragene Meinung manchmal doch den An-spruch auf Wahrheit besitzt, so liegt das nicht an der Logizitt des Gesprochenen, sondern lediglich an der Persnlichkeit des Sprechenden. Wissenschaftlichkeit ist heute bloss im mathema-tischen Gewande zulssig geniale Ahnung Kants vor 150 Jah-ren und die aussermathematische Wirkung des Wortes greift ins Ueberwissenschaftliche, das vielleicht das Dichterische ist. Wenn es nicht zu anmassend ist, hier zum Biographischen abzu-schwenken, so wre zu sagen, dass es diese Erkenntnis war, die mich zur ausserphilosophischen, also rein literarischen Arbeit gedrngt hat, d. h. ein Ausdrucksmittel zu finden, das [hs.] dem ausserwissenschaftlichen Weltwissen, das jedem von uns inne-wohnt und ans Tageslicht drngt, gengen knnte. Es ist dies eine Art Ungeduld, und selbstverstndlich bemhe ich mich seit Jahren, die przise logistische Fundierung fr meine philo-sophische Arbeit nachzutragen, freilich wissend, obwohl ich in mancher Einzelheit ein gutes Stck damit vorwrtsgekom-men bin dass dies, im Ganzen, ein zum Scheitern verdamm-ter Versuch bleiben muss. Denn das Ethische, um das es sich schliesslich dreht, ist bei aller Logisierung des Ausdrucks ohne den Glauben niemals zu fassen.

    Dies wre im Grossen und Ganzen die Position jener Wert-theorie, nach welcher Sie fragen und die wahrscheinlich immer in dem Schubfach bleiben wird, in dem sie sich jetzt befindet. Sie ist vor meiner Bekanntschaft mit Heidegger entstanden und dass Par-allelismen in der Denkmethode vorliegen, das mag zum Teil auf den gemeinsamen Ahnen Kierkegaard zurckzufhren sein, zum grsseren Teil aber wohl darauf, dass kein Lebender sich der Lo-gizitt der Zeit entziehen kann und dass alles Denken der spezifi-schen Logizitt der Zeit unterworfen ist. Und wenn ich Sie in die-sem Zusammenhang um etwas bitten drfte, so wre es, soferne Ihnen das keine Ungelegenheiten machen sollte, [hs.] mir das von Ihnen erwhnte Kolleg Heideggers, das ja im Buchhandel nicht zu haben ist, gelegentlich fr kurze Zeit berlassen zu wollen.

  • 9

    September 1933

    Nehmen Sie noch vielen herzlichen Dank fr Ihren Brief und all Ihr Wohlwollen samt aufrichtigen Grssen Ihres ergebenen

    [hs.] Hermann Broch

    2. Hermann Broch an Egon Vietta

    Wien, 29.IX.1933

    Lieber verehrter Herr Vietta,nehmen Sie Dank fr Ihren Brief und fr die freundlichen Worte, die Sie neuerdings fr mich haben. Vor allem aber glaube ich, etwas richtig stellen zu mssen, denn Sie schreiben von Traits von Husserl, die Sie noch nicht kennen, und da dm-mert es mir, dass ich mich in meinem letzten Brief wahrschein-lich verschrieben haben drfte, denn selbstverstndlich soll es Mditations und nicht Traits heissen und die Mdita-tions kennen Sie doch sicherlich.

    Und sonst fr heute nur noch eine praktische Angelegenheit: wie Sie bereits gehrt haben drften, hat Willy Haas, der frhe-re Herausgeber der Literarischen Welt eine neue Zeitschrift in Prag Die Welt im Wort gegrndet. Es war nun eben Dr. Ernst Schwenk bei mir (der nmliche, welcher seinerzeit die Kritik ber Ihr Buch in die Literarische Welt geschrieben hatte), um mich nach eventuellen Mitarbeitern fr dieses neue Blatt zu fragen, und ich erlaubte mir, Sie in Vorschlag zu brin-gen. Die neue Zeitung soll, wie Schwenk sagt, auf europischem Niveau unter Ausschluss der Politik, Essays, Abhandlungen, etc. bringen und Dr. Schwenk bittet Sie, fr den Fall, als Sie dort etwas verffentlichen wollen, an Willy Haas, Prag XII, Slezska 13, Verlag Haas & Co. zu schreiben. Ich habe die besten Grsse von Ernst Schwenk zu bermitteln und schliesse mich ihnen in Herzlichkeit an als Ihr

    ergebener[hs.] Hermann Broch[hs.] Ich wrde mich ganz besonders freuen, wenn Sie tat-

    schlich nach Wien kmen!

  • 10

    Brief 3

    3. Hermann Broch an Egon Vietta

    Wien, 14. Jnner 1934

    Lieber Herr Vietta,mit tiefer und aufrichtiger Freude habe ich Ihren Essay gelesen, sicherlich aber auch mit einer leisen Scham: um diese ausklam-mern zu knnen, muss ich von Ihrem wohlwollenden Lob ab-strahieren; was dann brig bleibt, ist allerdings reine Freude. Denn niemand vor und neben Ihnen das ist wrtlich zu neh-men hat mit solcher Schrfe, wie Sie es taten, das herausge-hoben, um was es mir ging und geht. So sonderbar es klingt: die Schlafwandler, die ich beinahe schon vergessen hatte, sind mir durch Ihren Aufsatz innerlich wieder wichtig geworden. Was da vor sich gegangen ist, kann ich nicht durchschauen, aber dass ich Ihnen sehr herzlich danke, das weiss ich.

    Natrlich htte ich grosse Lust, mit Ihnen zu diskutieren, aber das wrde zu weit fhren. Nur eines, eigentlich keine Diskussion, sondern eine Frage: Wird Philosophie als Wissen-schaft berhaupt noch akzeptiert, so erscheint es mir unmg-lich, ohne Dialektik auszukommen. Sie haben vllig recht, wenn Sie feststellen, dass ich mich von Hegel nicht freizumachen ver-mag, ich empfinde meine geschichtsphilosophischen Versuche, mgen sie inhaltlich auch von Hegel wegfhren, methodisch durchaus hegelianisch. Und nun aber hiezu meine Sie wahr-scheinlich etwas merkwrdig anmutende Frage: inwieweit ist es der Phnomenologie, ist es Heidegger gelungen, hier wirklich einen methodologischen Standpunktwechsel zu vollziehen? kann das phnomenologische Programm wirklich ohne Dialek-tik durchgefhrt werden? ich wage nicht, hier eine eigene Be-hauptung zu ussern, weil ja mein phnomenologischer Besitz-stand sehr gering ist von einem wirklichen Studium kann da keine Rede sein, bloss von einer Lektre und ich daher durch-aus nicht befugt bin, mir eine eigene Meinung zu bilden. Und berdies weiss ich, dass man stets geneigt ist, eigene Ueberzeu-gungen in fremde Gedankengnge hineinzuinterpretieren, so-dass also vieles, was mir bei Husserl und Heidegger durchaus dialektisch erscheint, es in Wirklichkeit gar nicht ist. Aber ber

  • 11

    Januar 1934

    meine Grundberzeugung von der Allgemeingltigkeit dia-lektischer Methoden in jenen Vorgngen, welc

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