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Text of Jakob Strauß und der reformatorische Wucherstreit · PDF file Einleitung Zins und Wucher...

  • Jakob Strauß und der reformatorische Wucherstreit

  • Joachim Bauer | Michael Haspel (Hrsg.)

    Jakob Strauß und der reformatorische

    Wucherstreit Die soziale Dimension der Reformation

    und ihre Wirkungen

    EVANGELISCHE VERLAGSANSTALT Leipzig

  • Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

    © 2018 by Evangelische Verlagsanstalt GmbH · Leipzig Printed in Germany

    Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

    Das Buch wurde auf alterungsbeständigem Papier gedruckt.

    Cover: Kai-Michael Gustmann, Leipzig Satz: Steffi Glauche, Leipzig Druck und Binden: Hubert & Co., Göttingen

    ISBN 978-3-374-05150-2 www.eva-leipzig.de

  • Inhalt

    Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7

    Michael Haspel / Joachim Bauer

    Wucherstreit im Pfaffennest . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17 Anmerkung zur Vor- und Frühreformation in Eisenach

    Thomas T. Müller

    Die Beziehungen Eisenachs zum Weimarer Hof unter Johann dem Beständigen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31

    Dagmar Blaha

    Die Soziale Frage in der Reformationszeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50

    Siegrid Westphal

    Die Bedeutung von Jakob Strauß in der frühen ernestinischen reformatorischen Bewegung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64

    Joachim Bauer

    Die Diskussion um den Wucher in ihrer Bedeutung für die von Wittenberg ausgehende Reformation. . . . . . . . . . . . . . . . . . 108

    Stefan Michel

    Die Entwicklung des Wuchertopos zur antijüdischen Polemik . . . . . 125

    Fritz Backhaus

  • Vom Wucherstreit zur aktuellen Krise der globalen Finanzwirtschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 139

    Maximilian Kalus

    Wucher – Eine biblische Erinnerung an Lk 6,27–35 . . . . . . . . . . . . . . 167

    Rainer Kessler

    Jakob Strauß, Streitschriften gegen den Wucher, 1523 und 1524 . . . . 173 Aus dem Frühneuhochdeutschen übertragen und kommentiert von Carlies Maria Raddatz-Breidbach

    Jakob Strauß, Haubtstuck unnd Artickel Christlicher leer wider den unchristlichen wuocher, darumb etlich pfaffen zu Eysnach so gar unrüig und bemüt seind, 1523 . . . . . . . . . . 190

    Jakob Strauß, Das wucher zu nemen und geben unserm Christlichen Glauben und brüderlicher lieb (als zu ewiger verdamnyß reichent) entgegen yst, vnüberwintlich leer und geschrifft. In dem auch die gemolten Euangelisten erkennet werden, 1524 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 202

    Autorenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 312

    Nachwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 313

    Inhalt6

  • Einleitung

    Zins und Wucher spielten in den Auseinandersetzungen der Reformationszeit eine nicht unerhebliche Rolle. Ihre Bedeutung für die soziale Attraktivität reformatorischer Initiativen wird in der gegenwärtigen Rezeption der Refor- mation in Forschung, Kirche und Öffentlichkeit hingegen wenig beachtet. Der Eisenacher Reformator Jakob Strauß, Prediger an der Georgenkirche, hat 1523 51 Artikel gegen den Wucher veröffentlicht. Er wendet sich dabei nicht nur gegen überhöhte Zinsen, sondern verurteilt Geldverleih für Zinsen generell als nicht schriftkonform. Er schließt die damals üblichen Formen das Wucher- verbot zu umgehen, wie etwa den Wieder- bzw. Rentenkauf, in seine Kritik ausdrücklich ein. Beim Rentenkauf wurde das Verleihen von Geld gegen Zinsen als Kaufgeschäft dargestellt. Als Sicherung diente in der Regel eine Im- mobilie, oft das Ackerland, von dem eine bäuerliche Familie lebte. Wurde dies im Falle des Zahlungsverzuges gepfändet, waren die Eigentümer oftmals in ihrer Existenz bedroht. Gleichwohl wurde der Rentenkauf von der römisch-ka- tholischen Kirche und reichsrechtlich zunehmend akzeptiert.

    Ein wesentlicher Grund für die Zunahme von Finanzgeschäften ist die Entwicklung der Geldwirtschaft seit dem 12. Jahrhundert. Durch Fernhandel, Kreuzzüge und Kriege und nicht zuletzt die Entwicklung der herrschaftlichen Höfe und der Kathedralbauten gewinnt Geld enorm an Bedeutung und ver- schiedene Formen von Krediten entfalten sich. Die entstehenden staatlichen Strukturen befördern deshalb die Entrichtung der Abgaben in Geld statt in Naturalien.

    Neben jüdischen Geldverleihern und den Klöstern treten in diesem Kon- text auch christliche Geldverleiher hinzu, die teilweise in Konkurrenz zu den jüdischen geraten. In diesem Zusammenhang verstärken sich anti-judaisti- sche Klischees, obwohl über lange Zeit das Verleihen von Geld durch Juden an Christen als feste gesellschaftliche Institution angesehen wurde.

  • Theologie und Kirche sahen sich durch die wirtschaftliche Entwicklung herausgefordert, einerseits das biblische Zinsverbot aufrechtzuerhalten, an- dererseits aber auch das wirtschaftlich notwendige Kreditwesen zu ermögli- chen. Hier hat es in der Scholastik durchaus produktive Ideen, etwa bei Ga- briel Biehl und auch bei Luthers Kontrahenten Johann Eck gegeben.

    Strauß und Luther nehmen hier konservative Positionen ein. Sie halten mit Aristoteles Geld an sich nicht für fruchtbar – was nicht unbedingt der ökonomischen Praxis gerade im Süden und Westen Europas entsprach. Des- halb traten sie für die Durchsetzung des biblischen Zinsverbotes beim Geld- verleihen ein, akzeptierten allerdings moderate Pachtzinsen auf Land und Immobilien. So können wir vorläufig festhalten, dass sich im reformatorischen Wucherstreit theologische Fragen, insbesondere das Bibelverständnis, mit ökonomischen, insbesondere der Geldtheorie, mischen.

    Hinzu kommt eine weitere Dimension. Die höhere Abgabenlast, Missern- ten und die Pest hatten schon im 15. Jahrhundert die Schuldenlast in großen Teilen der Bevölkerung erhöht. So wird es auch aus Eisenach berichtet. Die Wucher-Kritik von Jakob Strauß hatte also wesentlich eine soziale Dimension. In Eisenach kommt hinzu, dass seine Artikel nicht etwa gegen Banken und Spekulanten, sondern gegen die geistlichen Herren in Eisenach gerichtet sind, die Geld und Land für hohe Zinsen vergeben. So richtet sich Strauß’ Wucherkritik nicht gegen jüdische Geldverleiher, wenn auch anti-jüdische Ressentiments in seinen Schriften erkennbar sind.

    Viele Bürger wurden, etwa wenn durch Missernte die Zahlungen nicht geleistet werden können, überschuldet und Strauß versucht hier Gerechtigkeit zu schaffen. Er prangert aber nicht nur das Zinsnehmen an, sondern vertritt die Auffassung, dass auch diejenigen, die Zinsen geben, Sünde tun. Deshalb ist für Jakob Strauß die Zinsfrage primär eine theologische und erst sekundär eine sozialethische. Für ihn ging es um die Frage, welches Handeln aus dem Glauben folgt. Entscheidend ist für ihn ein wörtliches Verständnis der Bibel und er unterscheidet – anders als Luther – nicht zwischen der Sphäre des Glaubens und der Sphäre der Politik und Wirtschaft.

    In der damaligen Situation ist das sozialer Sprengstoff. Und für die Mehr- heit der Menschen eine attraktive Option, ihre sozialen Probleme zu lösen und gleichzeitig das Seelenheil zu gewinnen. Die reformatorische Botschaft Strauß‘ hat die kirchliche Praxis der römisch-katholischen Kirche und deren Finanzierungsgrundlage zugleich im Kern angegriffen. Auch die Finanzie- rung der weltlichen Herrschaft war dadurch bedroht.

    Die Wucher-Frage ist auch insofern reformationsgeschichtlich spannend, weil sie zumindest indirekt mit der Ablassproblematik verbunden ist. Beides

    Einleitung8

  • waren wichtige Einnahmequellen der Kirche. Viele derer, die den Ablass für richtig erachteten, hielten auch das Zinsnehmen für erlaubt, z. B. Luthers Gegner Johann Eck, der eng mit den Fuggern in Beziehung stand.

    Die sozialethische Dimension der theologischen Auseinandersetzungen in der Reformationszeit wird meist wenig beachtet. Aber sie war wichtig, denn die hohen Zinsen hielten diejenigen, die kein eigenes Kapital und keinen Landbesitz hatten, oft über Generationen hinweg in Abhängigkeit und Armut. Und für viele Menschen damals in Eisenach und Mitteldeutschland werden die theologischen Begründungen vermutlich nicht immer durchschaubar ge- wesen sein. Sie haben wohl auch deshalb so enthusiastisch auf die Botschaft der Reformatoren gehört, weil die geistliche Freiheit auch Befreiung aus welt- lichen Zwängen verhieß.

    Mit Strauß in Eisenach begegnen wir einem eigenständigen Reformator, dessen reformatorische Kritik sich nicht auf die Wucherfrage beschränkt, sondern auch die Reform der Buße, der Sakramente und des Gottesdienstes umfasst. Damit gehört er zu den Reformatoren, die im Thüringer Raum bis 1525 die reformatorische Bewegung prägen und durchaus eigene und andere Akzente als Luther und die Wittenberger Theologen setzen. Erst der Bauern- krieg hat Herzog Johann veranlasst, die ref

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