Jean-Michel Basquiat. Der afro-amerikanische Kontext ...ediss.sub.uni- Jean-Michel Basquiat. Der afro-amerikanische

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  • Jean-Michel Basquiat. Der afro-amerikanische Kontext seines Werkes

    DISSERTATION zur Erlangung der Würde des Doktors der

    Philosophie

    der Universität Hamburg

    vorgelegt von

    Susanne Reichling

    aus Mannheim

    Hamburg 1998

  • 1. Gutachter: Prof. Dr. Wolfgang Kemp

    2. Gutachterin: Prof. Dr. Monika Wagner

    Tag des Vollzugs der Promotion: 20. Januar 1999

  • In Erinnerung an meine Oma, Helene Schultheiß

  • INHALT

    1. Einleitung

    1.1 Forschungsstand und Ausstellungsgeschichte 1

    1.2 Zur bisherigen kunsthistorischen Einordnung Basquiats 6

    1.3 Das "Phänomen Basquiat" 11

    1.3.1 Biographie: Version A 11

    1.3.2 Julian Schnabels Film "Basquiat" 17

    1.3.3 Biographie: Version B 20

    1.4 Basquiats Rezeption in der (artistic) "black community" oder 27

    "Nobody Loves a Genius Child"

    2. Basquiats Collage-, Zitat- und Codierverfahren

    2.1 Einführung in Basquiats Werk 33

    2.2 Collage 34

    2.3 Schrift im Bild 36

    2.4 Basquiats Collageverfahren als visuelle Umsetzung der 37

    musikalischen Strategie des "Sampling"

    2.5 Basquiats Zitatverfahren 41

    2.6 Basquiats Codierverfahren als visuelle Anwendung der 43

    afro-amerikanischen Rhetorik des "Signifying"

    2.6.1 Der Ursprung des "Signifying": Bildlektüre "Moses and the Egyptians" 46

    2.6.2 Superman ist Dambala: Bildlektüre "Ascent" 48

    3. Basquiats als Erforscher, Archivar und Vermittler

    afro-amerikanischer Kultur und Geschichte

    3.1 Neo-Expressionismus oder Kontext-Kunst? 53

    3.2 Basquiat als "Griot" 56

    3.3 "Droppin' Science": Basquiat als Vermittler afro-amerikanischen Wissens 57

    3.4 Europäische vs. afrikanische Schriftkonzeptionen im Werk Basquiats 58

    3.4.1 Lateinische Schrift: Bildlektüre "Jesse" 58

    3.4.2 Afrikanische Piktogramme: Bildlektüre "Grillo" 62

    4. Afrikanische Kultur und Geschichte im Werk Basquiats

    4.1 Die Problematik des "Primitivismus" 69

    4.2 Basquiats Bildvokabular im Kontext der afro-amerikanischen Kunst 75

    des 20. Jahrhunderts

  • 4.3 Afrika als Zentrum der kulturellen Selbstdefinition Basquiats 82

    4.4 Afrika vs. Amerika 89

    4.5 Ägypten als Ursprung afro-amerikanischer Kultur: eine 91

    afrozentrische Lesart afrikanischer Geschichte

    4.6 Karthago vs. Rom: afrikanische oder europäische Hegemonie? 96

    5. Afro-amerikanische Geschichte im Werk Basquiats

    5.1 "Prelude to Our Age. A Negro History Poem" 99

    5.2 Sklavenhandel und Sklaverei 102

    5.3 Liberty? 105

    5.4 Die Flucht aus der Sklaverei 111

    5.5 Die haitianische Revolution 112

    5.6 Der amerikanische Bürgerkrieg 114

    5.7 Die "Reconstruction Era" 115

    5.8 "Back to Africa": Marcus Garvey 115

    5.9 Afro-amerikanische Sportler als Volkshelden 118

    5.10 Die Sechziger Jahre 121

    6. Die Repräsentation des "Schwarzen" im Werk Basquiats

    6.1 Die Parallelität von Identitäts- und Signaturproblematik 123

    6.2 Basquiats Selbstportraits: "Invisible Men" 127

    6.3 Stereotype Repräsentationsformen der Afro-Amerikaner 131

    6.3.1 Das "nigger"-image: Sambo, "blackface minstrels" & Co. 131

    6.3.2 "Whitewashing Action": Das Leitmotiv Seife 139

    6.4 Basquiats Gegenlesen der amerikanischen Populärkultur 144

    6.5 Der Topos der Anatomie und die Geschichte des 146

    wissenschaftlichen Rassismus

    6.5.1 Bildlektüre "Leonardo da Vinci's Greatest Hits" 151

    6.6 Basquiats Kritik der weißen Repräsentation schwarzer Sexualität 157

    6.6.1 "King Kong und die weiße Frau" 157

    6.6.2 Die "Hottentottenvenus" 159

    6.7 Anatomische Profilvergleiche: "Cäsar" vs. "The Negro" 161

    7. Ausblick 167

  • Vorwort

    Jean-Michel Basquiat (1960-1988) verkörpert durch sein Leben und Werk die Synthese

    von afrikanischer, karibischer, afro-amerikanischer, weißer amerikanischer und euro-

    päischer Kultur.

    Ein angemessenes Studium von Basquiats Arbeiten bewegt sich zwischen dem Situie-

    ren seines Lebens und Werks innerhalb der New Yorker Subkulturszene der frühen

    Achtziger Jahre und einem "akademischen" Lesen seiner Bildinhalte, wie Greg Tate in

    seinem Katalogessay Black Like B. 1992 feststellt:

    Basquiat was ... a populist postmodernist. He belongs to a black tradition, well established by our musicians, of making work that is heady enough to confound academics and hip enough to capture the attention span of the hip-hop nation.1

    Gleichzeitig muß man, so die afro-amerikanische Feministin bell hooks, für ein tieferes

    Verständnis der Arbeiten Basquiats die "tragische Dimension" des Lebens der Afro-

    Amerikaner in den Vereinigten Staaten begreifen:

    To see and to understand these paintings, one must be willing to accept the tra- gic dimension of black life. In The Fire Next Time, James Baldwin declared that "for the horrors" of black life "there has been almost no language" .... Basquiat's work gives that private anguish artistic expression.2

    Die anfängliche Motivation der vorliegenden Arbeit bildete 1991 meine Annahme, daß

    in Basquiats Bildtexte Subtexte eingewebt sind, die sich einer schnellen, an westlichem

    Bildungsgut orientierten Betrachtung und Interpretation entziehen. Bei der Beschäfti-

    gung mit der vor 1992 publizierten Sekundärliteratur stellte sich bald ein Unbehagen

    über deren völliges Ignorieren der afro-amerikanischen Elemente in Basquiats Arbeiten

    ein. Wichtiger schien den meisten weißen Interpreten Basquiats seine Etablierung im

    Kanon anerkannter europäischer und amerikanischer Künstler zu sein - seine kulturelle

    Identität als Afro-Amerikaner karibischer Abstammung wurde dadurch entweder ver-

    sucht zu kaschieren oder aber in die Bahnen stereotyper Muster wie "Graffitikünstler"

    und "authentischer Primitiver" gelenkt.

    Wolfgang Kemp gab mir in 1993/94 am Kunstgeschichtlichen Institut der Philipps-

    Universität in Marburg die Möglichkeit, meine Magisterarbeit über Basquiat frei zu

    1 Tate In: Marshall, 56. 2 hooks In: Art in America, 72.

  • gestalten. Meine daran anschließende Doktorarbeit führte mich nach New York, wo ich

    den Großteil meiner Forschungen im Schomburg Institute for Research in Black Cultu-

    re, einer Bibliothek der Public Library und weltweit größten Sammlung zum Thema

    Afro-Amerika, tätigte. Auch die Bibliotheken des Museums of Modern Art, des Whit-

    ney Museums of American Art, der Midtown Public Library und des Caribbean Cultu-

    ral Institutes waren sehr hilfreich.

    Richard Marshall, Kurator der 1992 ausgerichteten Basquiat-Retrospektive im New

    Yorker Whitney Museum of American Art, unterstützte mich durch die Zurverfügung-

    stellung seines gesamten Bild- und Informationsmaterial, der Beschaffung von Kon-

    takten zu Freunden Basquiats sowie der Sichtung von Orginalwerken. Basquiats Vater

    und Erbe Gerard Basquiat hingegen zeigte sich weniger kooperationsbereit. Er hätte

    mir den Zugang zu Basquiats Sammlung afrikanischer, amerikanischer, afro-

    amerikanischer und europäischer Kunst sowie seiner Bibliothek, Platten- und Video-

    sammlung ermöglichen und damit wertvolle Hinweise auf Basquiats Zitierweisen lie-

    fern können. Doch Gerard Basquiat steht jeglicher Beschäftigung mit dem Werk seines

    Sohnes mit äußerster Skepsis und Widerwillen gegenüber. Hier wird eine wissen-

    schaftliche Erforschung des Nachlasses in den nächsten Jahren wahrscheinlich über-

    haupt nicht möglich sein.

    Die Sammlerin Leonore Schorr zeigte mir viele Arbeiten Basquiats im Orginal und gab

    mir wichtige Hinweise zu seinem Bildvokabular. Die Interviews mit Basquiats frühen

    Freunden Michael Holman und Maripol haben mir Aufschluß über seine Situierung

    innerhalb der New Yorker Subkultur der frühen Achtziger Jahre sowie über die Hinter-

    gründe von Julian Schnabels Film Basquiat gegeben. Ein Gespräch sowie die daran

    anschließende Korrespondenz mit Robert Farris Thompson, Professor für afrikanische

    und afro-amerikanische Kunst in Yale, bestätigte viele meiner Annahmen und ermu-

    tigte mich, in die bereits eingeschlagene Richtung weiterzuforschen. Basquiats später

    Freund Ouattara, ein in New York lebender Künstler aus Abidjan, war im Bezug auf

    die afrikanische Ikonographie in Basquiats Arbeiten hilfreich. Basquiats Galerist Bruno

    Bischofsberger und der Schweizer Botschafter in Budapest Claudio Caratsch waren mit

    Informationen zu der von ihnen organisierten Ausstellung Basquiats 1986 in Abidjan

    behilflich. Dem afro-amerikanischen Künstler Michael Richards und dem afro-

    amerikanischen Kunsthistoriker Franklin Sirmans danke ich für die aufschlußreichen

    Gespräche über Basquiat und die Probleme des afro-amerikanischen Künstlerdaseins.

  • Die Beschäftigung mit Basquiats Werk im Kontext der afro-amerikanischen Problema-

    tik hat mich gelehrt, viele Fakten der europäischen und amerikanischen Geschichte und

    Kunstgeschichte von einer anderen Seite und einer neuen Fragestellung zu betrachten.

    Insofern hat, so denke ich, Basquiat sein Ziel einer "Subversion" der weißen Kunstwelt

    erreicht, nämlich auch auf der "weißen Seite" zu einem Informieren