Jenseits der Wachstumsspirale - kolleg- .Jenseits der Wachstumsspirale Von Niko Paech 1 Das Spiel

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  • Jenseits der Wachstumsspirale Von Niko Paech 1 Das Spiel ist aus Aktuelle Nachhaltigkeitsbemhungen orientieren sich an den Mglichkeiten einer kologischen Modernisierung. Dieser ideologische berbau liefert zeitgenssischen Konsumgesellschaften ein Alibi dafr, den Wandel zum Weniger bis auf unbestimmte Zeit aufzuschieben oder als unntig abzulehnen. Denn schlielich, so die Hoffnung, knnte ein technischer Wandel das Nachhaltigkeitsproblem ohne mhevolle Umstellungen und Anspruchsmigungen lsen. Dumm nur, dass es ausgerechnet viele der zu diesem Zweck entwickelten Effizienz-, Energiewende- oder sonstigen Green New Deal-Innovationen sind, die den materiellen Raubbau sogar intensivieren, indem sie bislang verschont gebliebene Naturgter und Landschaften einer grnen Verwertung zufhren. Alle Fakten legen nahe, eine nachhaltige Entwicklung als konomisches Reduktionsprogramm zu konkretisieren, statt Green Growth-Lsungen zu beschwren. Das Konzept der Postwachstumskonomie (Paech 2008, 2012) bte sich als Alternative an. Allerdings wrde es erstens bescheidenere und zweitens eigenstndigere, also graduell auf Subsistenz beruhende Versorgungsmuster voraussetzen, somit die zeitgenssische Komfort-Zone in Frage stellen. Unabdingbar wren Lebensstile, die mit hoher Spezialisierung und Konsumorientierung kaum vereinbar sein knnten. Das Leben in einer Wirtschaft ohne Wachstum meistern zu knnen, ist nicht eine Frage der Einsicht, des Wollens oder der bekundeten Akzeptanz, sondern der eingebten Befhigung, also eines substanziellen Knnens und vor allem einer hinreichende Belastbarkeit. Wrde ein politischer Akteur das liebgewonnene Einkaufs- und Mobilittsparadies zurckbauen wollen, msste er die Systemlogik moderner Konsumdemokratien durchbrechen. Diese hnelt einem berbietungswettbewerb: Wer kann der Whlermehrheit zustzliche materielle Freiheiten sowie Schutz vor Zumutungen versprechen und das resultierende Rund-um-sorglos-Paket gleichzeitig von allen kologischen Gewissensbissen reinwaschen, indem auf ein nunmehr grnes Wachstum verwiesen wird? Davon abzuweichen kme politischem Selbstmord gleich. Mehrheitlich durchsetzbar ist derzeit nur, was ins Desaster fhrt. Mit anderen Worten: Die ntigsten Entwicklungspfade sind zugleich die unwahrscheinlichsten. Nicht minder hat die sozialwissenschaftliche Nachhaltigkeitsforschung versagt. Das Herausarbeiten endogener Potenziale eines sozial-kologischen Wandels, der durch Kommunikationsstrategien, Lernprozesse oder Managementkonzepte motiviert werden knnte, hat nicht einmal das ohnehin drre Spektrum nachhaltigkeitskompatibler Alltagspraktiken stabilisieren knnen, welches Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre vorbergehend erkennbar wurde. Ausnahmslos alle gesellschaftlichen Nischen, die sich kologisch-progressiv gerieren, wurden inzwischen von materieller Aufrstung, Digitalisierung, kerosintriefender Mobilitt wo findet noch gleich das nchste Welt-Sozial-Forum oder eine wichtige Klimakonferenz statt? sowie von einer nie dagewesenen Einwegmll- und Elektronikschrottlawine erfasst. Dem gro angelegten Projekt Nachhaltigkeit sind die glaubwrdigen Lebensstilvorbilder abhanden gekommen. Jetzt geht es nicht mehr darum, den Kollaps zu vermeiden, sondern um seine bestmgliche Gestaltung. Was knnte auf die herausnahende Beendigung einer egozentrischen Konsum-

  • und Mobilittskultur trstlicher einstimmen als Argumentationshilfen, die diesem Ereignis positiven Sinn einhauchen? Im Rahmen des vorliegenden Arbeitspapiers soll auf diesen Aspekt nur selektiv und skizzenhaft eingegangen werden. Zudem sollen prgnante Wachstumsdynamiken (bei alleinigem Interesse hieran einfach nur Abschnitt 3 lesen) sowie einige Grundprinzipien der Postwachstumskonomie besichtigt werden. 2 Kleiner Almanach der Wachstumskritik 2.1 Reichtum durch organisierte Verantwortungslosigkeit Der seit Beginn des Industriezeitalters enorm gewachsene materielle Wohlstand spiegelt sich in modernen Erzhlungen wieder, die sich um technischen Fortschritt, Wissensgenerierung, die Effizienzeigenschaften des Marktmechanismus und vor allem industrielle Spezialisierung ranken. Letztere erlaubt die Abschpfung komparativer Kostenvorteile und deren Umwandlung in zustzlichen Output. Entscheidend ist dabei der Grad an rumlicher und funktionaler Arbeitsteilung. Das sich daraus ergebende Transformationsmuster wird zumeist folgendermaen erklrt: Wenn eine bestimmte Versorgungsleistung in mglichst viele isolierte Teilprozesse zerlegt wird, auf die sich einzelne Unternehmen entsprechend ihrer jeweiligen Kompetenzen, Ressourcenausstattung oder Grenvorteile konzentrieren, kann insgesamt mehr produziert werden als im vorherigen Autarkiezustand. Mit zunehmender Ortsungebundenheit und Flexibilitt der separierten Produktionsstufen knnen diese geographisch je nach Kosten- oder Qualittsvorteilen verlagert werden. Dabei sorgt das Tausch- und Koordinationsmedium Geld dafr, dass alle zerlegbaren Teilprozesse und Ressourcen in die fruchtbarere Hand gelangen, um ein Maximum des in ihnen latenten Wertes zu entbinden (Simmel 1900, S. 306). Wenn die Produktion einer Ware in viele Einzelprozesse zerlegt wird, um die betriebswirtschaftliche Effizienz zu steigern, entsteht eine Kette spezialisierter und eigenstndiger Organisationen. Die rumliche und funktionale Ausdifferenzierung hat eine entscheidende Konsequenz: Wenn sich die Verantwortung fr den Gesamtprozess damit auf hinreichend viele Zustndigkeiten verteilt, wird sie damit gleichsam ausgelscht. Jeder Akteur, der innerhalb komplexer Prozessketten lediglich einen Teilaspekt bearbeitet, folgt einer eigenen, sich aus dem isolierten Aufgabenbereich ergebenden Zweckrationalitt. Die Folgen der vollstndigen Prozesskette, insbesondere fr die kosphre, bleiben fr ihn unsichtbar. Es kommt zur Erzeugung moralischer Indifferenz (Bauman 2002, S. 32). Innerhalb der (betriebswirtschaftlichen) Zweckorientierung seiner Einzelorganisation erfllen Handelnde letztlich nur ihre Pflicht. Diese Immunisierung gegenber ethischen oder anderen auerkonomischen Logiken betrifft auch die Nachfrager. Konsumenten verbrauchen grundstzlich Dinge, die sie nicht selbst hergestellt haben. Verbrauch und Herstellung bilden somit getrennte Sphren. Zwischen der Entstehung eines Bedarfes und der damit ausgelsten Produktion liegen unzhlige, ber betrchtliche Distanzen miteinander verkettete Einzelhandlungen. Indem die Ausfhrung ber viele Stufen hinweg delegiert wird, erfolgt eine Mediatisierung (Lachs 1981), das heit eine Vermittlung von Handlungen. Diese werden grundstzlich von einem Dritten ausgefhrt, der zwischen mir und den Folgen meines Tuns steht, so dass diese mir verborgen bleiben (Bauman 2002, S. 38). So schafft das Wesensprinzip moderner, funktional ausdifferenzierter Gesellschaften jene pathologischen Bedingungen, unter denen einzelwirtschaftliche Entscheidungen nahezu

  • perfekt vor moralischen Hemmungen abgeschirmt werden. Wenn die Komplexitt eines Versorgungssystems, insbesondere die physischen und psychischen Distanzen zwischen Verbrauch und Produktion hinreichend weit gediehen sind, ist die Aufdeckung etwaiger kologischer oder sozialer Unvereinbarkeiten oft so aussichtsreich wie die Suche nach einer Stecknadel im Heuhaufen. Dies steigert die Wahrscheinlichkeit opportunistischen Handelns. Wer innerhalb entgrenzter Versorgungssysteme operiert ganz gleich ob als Produzent oder Konsument , wird mit keinem sichtbaren Gegenber konfrontiert. Industrielle Arbeitsteilung bedingt eine Entpersnlichung der von den Folgen Betroffenen. Verantwortung, das Grundelement moralischen Verhaltens, entsteht aus der Nhe des Anderen. Nhe bedeutet Verantwortung und Verantwortung ist Nhe (Bauman 2002, S. 198). Um dieses System der organisierten Verantwortungslosigkeit ursachenadquat zu therapieren, wre es unausweichlich, Prozessketten zu verkrzen, um Transparenz und Kontrolle wiederzuerlangen. Aber eine de-globalisierte, womglich regionalisierte konomie Kohr (1957) sprach vom Kleine-Einheiten-Prinzip wre nicht nur mit weiterem Wachstum, sondern bereits mit der Aufrechterhaltung des derzeitigen Konsumwohlstandes unvereinbar. 2.2 Wie verdient ist der momentane Konsumwohlstand? Zumindest nach berschreitung eines bestimmten materiellen Niveaus lsst sich der historisch einmalige Gterreichtum kaum damit legitimieren, dass er von seinen Nutznieern verdient oder erarbeitet wurde. Versuche, den in Anspruch genommenen Wohlstand auf eigene Arbeit oder eine Abfolge von Effizienzfortschritten zurckzufhren, verschleiern, dass die Insassen moderner Konsumgesellschaften auf mehrfache Weise ber ihre Verhltnisse leben (Vgl. Paech 2012, S. 25ff). Materieller Reichtum wird a) mittels Energie umwandelnder Apparaturen, b) durch systematische Verschuldung, also auf Kosten zuknftiger Generationen, und c) durch die Einverleibung entfernt liegender Ressourcenquellen erzeugt. Was sich Konsumenten mittels Kaufkraft an physischen Leistungen angedeihen lassen, steht in keinem reziproken Verhltnis zur eigenen physischen Arbeitskraft. Denn wre dem so, msste die produktive Leistung menschlicher Individuen, zumindest gemessen am heutigen Konsum- und Mobilittswohlstand, seit der jngeren Steinzeit auf geradezu phantastische Weise zugenommen haben. Aber faktisch haben sich die physischen Qualitten des homo sapiens seither kaum verndert. Noch sind es zwei Arme, zwei Beine und ein Kopf, ber die ein Individuum verfgt. Der immense physische Aufwand, ohne den der mrchenhafte Wohlstand undenkbar wre, wird im Rahmen maschineller, elektrifizierter, automatisierter, digitalisierter, dafr aber umso energieabhngigerer Umwandlungen erbracht. Umgeben von unzhligen Energiesklaven (Drr 2000) beschrnkt sich die Arbeit moderner Konsumenten zusehends darauf, Signale zu verarbeiten, krperliche Verrichtungen an entfernt liegende Produktionssttten (China, Indien etc.) zu delegieren oder per Mausklick eine industrielle Megamaschine (Mumford 1967/1977) in Gang zu setz