Kniende Theologie - sbg.ac.at .Ulrich Winkler Kniende Theologie Eine religionstheologische Besinnung

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Text of Kniende Theologie - sbg.ac.at .Ulrich Winkler Kniende Theologie Eine religionstheologische Besinnung

  • Ulrich Winkler

    Kniende Theologie

    Eine religionstheologische Besinnung auf eine Spiritualität komparativer Theologie

    P. Dogmatik - keine Trennung von Spiritualität!

    Vor sechs Jahrzehnten, knapp bevor Paul Imhof geboren wurde, diagnosti- zierte Hans Urs von Balthasar für das Abendland einen schon in der Hoch- scholastik eingeleiteten folgenschweren Abschied von der knienden Theo- logie hin zu einer sitzenden Theologie. Theologie und Heiligkeit sind aus- einander gefallen, so seine ~ h e s e . ' - Diese Erinnerung an eine kniende Theologie ist heute geeignet, bei den einen Unverständnis wenn nicht gar Entsetzen zu ernten. Sie ist ins schiefe Licht geraten. Denn von anderen, von spirituell besonders Berufenen, schallt nicht selten der Ruf nach einer knienden Theologie gegen den theologischen Lehrbetrieb. Noch weniger selten ist er jedoch eine Tarnung von Rationalitätsverweigerung, intellek- tueller Zimperlichkeit und Denkfaulheit. Deshalb bringt man sich in Ver- dacht, wenn man sich als Systematiker auf diese Spuren begibt. So muss diese Allianz schon im Vorfeld zerschlagen werden. Frömmigkeit ist keine Alternative und kein Konkurrenzunternehmen zur Anstrengung des theo- logischen Begriffs, kein Deckmantel für religiöse Dummheit. Von ihr sind vielmehr diejenigen gezeichnet, die Entscheidungszwänge zwischen frommen Katholiken und sogenannten verkopften Theologen herbeiführen.

    Die Uberlegungen der ersten beiden Abschnitte will ich entlang von je- weils zwei maßgeblichen Aufsätzen Balthasars und Rahners entwickeln. Beide Theologen haben beim Werdegang des jungen Jesuiten Paul Imhof eine wichtige Rolle gespielt. Mit Hans Urs von Balthasar verbinden Paul Imhof nicht zuletzt die intensiven Wander-, Studier- und Diskussionsge- schichten am Rigi, wo Balthasar hoch über dem Vierwaldstättersee in sein

    Vgl. Hans Urs von Balthasar, Theologie und Heiligkeit, in: ders., Verbum Caro. Schriften zur Theologie 1, Einsiedeln, 1960, S. 195-224 [Erstdruclc in: Wort und Wahrheit 3 (1948), S. 881-8971,

    Landhaus einlud, nicht selten mit Henri de Lubac und anderen. In Regens- burg war Paul Imhof Mitarbeiter von Kar1 Rahner, von dem er eine Reihe seiner Schriften herausgegeben hat.

    Hans Urs von Balthasar war auf seine ihm sehr eigene Weise ein Wegbe- e

    reiter - wie danach ebenso Kritiker - des letzten Konzils, auch wenn er - i selbst mit seiner Person und seiner Gründung der Johannesgemeinschaft

    I I 1

    ins kirchliche Zwielicht geraten - als einziger bedeutender mitteleuropäi- I scher Theologe nicht zu den Konzilsberatern zählte.' Er rückte den margi- nalisierten Weltdienst ins Zentrum kirchlicher Existenz. Sein Werk ist ge- prägt von der Zusammenschau deutscher Literatur, französischer Theolo- 1

    t gie und hellenistiscli-patristischer Quellen, und eben auch von Theologie 1 und Heiligkeit. Unter Theologie versteht er nicht ein Konglomerat von I i Einzeldisziplinen, sondern die Dogmatik, die „die Offenbarung in ihrer Fülle und Ganzheit a ~ s z u l e ~ e n " ~ hat. An den Theologen-Heiligen bis zur Hochscholastik beobachtet er, „daß sie in ihrem Leben die Fülle der kirch- lichen Lehre, und in ihrer Lehre die Fülle des kirchlichen Lebens darstel-

    i l lenSd4. Die Wahrheit der Offenbarung ist in das Leben inkarniert. Wissen und Leben, „Geist und eben“^, oder Dogmatik und - wie Balthasar schon 1948 formuliert - Spiritualität6 bilden bei diesen theologischen Lehrern ei- ne Einheit. Mit der Aristotelesrezeption sieht Balthasar diese Einheit Zer- brechen. Der Theologie wurde dann eine philosophische Propädeutik vor- geschaltet, Theologie stand fortan unter einem philosophisch vorgefassten Begriff. Nur mehr Theologen höchster Reife waren zu einer Integrations- leistung im Stande, sonst jedoch führte die philosophische Uberfrachtung der Theologie zu einer Separation vom christlichen Leben. Angefangen bei der devotio moderna bis hin zu allen großen Namen der neuzeitlichen Mystiker sieht Balthasar eine Entfremdung von der Dogmatik zugunsten einer subjektiven Erfahrungsmystik, mit dramatischen Konsequenzen für beide Seiten. Beide ignorieren einander, Dogmatik verkrustet und Mystik rutscht in die Innerlichkeit psychologischer Selbstbespiegelung: „[A]uf der

    ' Vgl. Elio Guerriero, Hans Urs von Balthasar. Eine Monographie, Einsiedeln u.a., 1993, S 11. Balthasar, Theologie und Heiligkeit, S. 195. Ebda. Ebda., S . . 209

    V g l . ebda., S.197.

  • einen Seite die Knochen ohne Fleisch: die überlieferte Dogmatik, auf der anderen Seite das Fleisch ohne Knochen: jene ganz fromme Literatur, die aus Aszetik, Spiritualität, Mystik und Rhetorik eine auf die Dauer unver- dauliche, weil substanzlose Kost verrnitte~t."~

    Für die Integration der aus der Offenbarung reflektierten Lehre in ein spiri- tuelles Leben und somit in die konkrete Welt argumentierte Balthasar streng christologisch und trinitätstheologisch. Die Wahrheit wird dadurch nicht gefährdet, sondern ans Licht gebracht und inkarniert. „[J]edem, der seinen Standpunkt unverrückbar in Christus bezieht, [ist] die Sorge um solche Synthesen [von Glaube und Wissen, Kirche und Welt] abgenom- men . . . Um ihre christliche Sendung [hinaus in die Welt] zu erfüllen, . . . sind sie [die Denker und Theologen] nicht gezwungen, ihren Standort in Christus zu verlassen. Christus ist ja der Gesandte in die ~ e l t " . '

    Wenn Dogmatik die empfangene Offenbarung zu ihrem Inhalt hat, dann muss sie auch in ihrer Fornz dem Empfangenen entsprechen: „Sie [die Denker und Theologen] wollen stets empfangen, das heißt Betende sein. Ihre Theologie ist wesentlich ein Akt der Anbetung und des Gebetes . . . es ist die Luft, die es [das theologische System] durchweht, die Atmosphäre, in der es badet, die Denkform, aus der es geboren wird ... Christliche Dogmatik mu13 ausdrüclcen, daß der im Glaubensgehorsam Denkende in einem betenden Verhältnis zu seinem Gegenstand ~ t e h t . " ~ Nochmals im Bild: „Theologie [muß] notwendig den Atem dieses betenden Suchens [in Anspielung auf Anselm] a~sströmen"'. '~ Eine Theologie der selbstverständ- lichen Einheit von Glaubens- und Wissenshaltung, Sachlichkeit und Ehr- furcht, „solange sie eine Theologie der Heiligen war, [war] eine betende, eine kniende Tlieologie."" Durch die Wendung zur „sitzenden Theologie" wird sie „gebetsfremder und damit unerfahrener im Ton, mit dem man über das Heilige reden soll, während die »erbauliche« Theologie durch zu- nehmende Inhaltslosigkeit nicht selten der falschen Salbung verfäl~t."'~

    Ebda., S . 208. "bda., S . 222.

    Ebda. 'O Ebda.. S. 223. 'I Ebda., S. 224.

    Ebda.

    Die neuscholastischen Lehrbücher seiner Zeit bezeichnet er mit „Gerip- pe'"'", während die Passionen der Mystilcer in den „Dunklen Nächten" von der Dogmatik in ihrer theologischen Valenz unverkannt blieben.

    Diese Ehrfurcht und das betende Suchen sieht Balthasar auch verletzt in der Disziplin der Apologetik. Während die heiligen Lehrer für die Wahr- heit der Offenbarung durch ihren Wandel einstanden, die Essenz in ihrer Existenz oder - in einem bekannten religionstheologischem Vokabular ausgedrückt - an ihren Früchten erkennbar wurde, der Glaube auch vor Gegnern aus dem Zentrum gelebter Theologie ausgewiesen wurde, bildete sich infolge des Dualismus von Dogmatik und Spiritualität die Apologetik als selbstständige Wissenschaft heraus.14

    Balthasar zeichnet also drei Größen in diese Skizze neuscholastischer theo- logischer Geographie: Spiritualität als inhaltsleere Erbaulichkeit, Dogma- tik als am Schreibtisch konstruiertes Gerippe und Apologetili als verselb- ständigte Verteidigungsdisziplin, alle der Ehrfurcht und des betenden Su- chens entfremdet.

    Unleugbar baut Balthasar seinen Ruf nach der ltnienden Theologie auf gravierende problematische Voraussetzungen - insbesondere sein Offen- barungs- und Theologiebegriff -, und hat damit zahlreiche Missverständ- nisse provoziert. Das ist eine empfindliche Schwäche, die ich hier nicht diskutiere. Doch seine Diagnose hat eine entschiedene Stärke, die ich auf- greife und für die Religionstheologie fruchtbar machen will.

    2. Apologetik - (k)eine geistliche Haltung

    Von Karl Rahiler ist Zuspruch wie Einspruch gegen eine kniende Tlieolo- gie bekannt. 1967 hatte er in der Diözese Münster anlässlich der Wahl des Priesterrates zum Thema „Der Glaube des Priesters heute"I5 zu sprechen. Ein anderes Offenbarungsverständnis voraussetzend kommt Rahner fast zwei Jahrzehnte nach Balthasar zu einem ähnlichen Ergebnis wie jener.

    13 Ebda.., S. 225.

    l 4 Vgl. S. 197f. l5 Karl Rahner, Der Glaube des Priesters heute, in: GuL 40 (1967), S. 269-285.

  • Theologie ist kirchliche Theologie, sie reflektiert „die selbstverständliche Unbegreiflichkeit und unbegreifliche Selbstverständlichkeit des christli- chen ~laubens"'%nd der Hingabe an das absolute Geheimnis. ,,Glaube ist einfach das Unmögliche, das die Gnade allein möglich macht . . .; es ist das große Wagnis, an das wir unser Leben wagen."17 „Solcher Glaube, der die Gnade ist, der Gott selber ist, und die Tat des ganzen Menschen, . . . kann nur vom Betenden getan werden. Denn nur darin ist der ganze Mensch da und unmittelbar vor Gott . . . Wo seine [des betenden Priesters] Theologie nicht insofern wenigstens eine »kniende Theologie« wäre, als sie die Theo- logie eines Beters ist, wo sie stattdessen in einen intellektualistischen Be- trieb entarten würde, . . . da würde eine solche Theologie aufhören Theolo- gie zu sein und zu . . . Wichtigtuerei entarten."18 Seine Antwort zum Thema lautet also: „Der Glau