K£¶rpersemantik und k£¶rpernaher Dialogaufbau mit Menschen ... K£¶rpersemantik und k£¶rpernaher Dialogaufbau

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  • Körpersemantik und körpernaher Dialogaufbau mit Menschen im

    Koma und Wachkoma

    Priv.-Doz. Dr. med. Andreas Zieger

    Carl von Ossietzky Universität Oldenburg Human- und Gesellschaftswissenschaften Gesundheits- und Klinische Psychologie Fachgebiet Klinische Neurorehabilitation

    Evangelisches Krankenhaus Oldenburg Station für Schwerst-Schädel-Hirngeschädigte Früh- und Weiterführende Rehabilitation

    Kongress „Traumaland Intensivstation“, 18.-20. November 2005, LMU München

    www.a-zieger.de

  • Es geht um

    „Grenzen des Bewussteins, jenseits derer die Worte versagen, obwohl

    Bedeutungen da sind.“

    T.S. Eliot (1950)

  • Montaigne (1533 – 1592)

    „Ich kann mir keinen Zustand denken, der mir unerträglicher und schauerlicher wäre, als bei lebendiger und schmerzerfüllter Seele, der Fähigkeit beraubt zu sein, ihr Ausdruck zu verleihen.

    Aus: Essais

  • Terri Schiavo (2005)

  • Bestimmung von „Bewusstsein“?

    „Bewusstsein lässt sich daran messen,

    inwieweit es gelingt, zu jemandem Beziehungen herzustellen.“

    Aaron Bodenheimer (1967)

  • Übersicht

    I Der Körper des Wachkoma-Patienten in der modernen Medizin II Autonomes Körperselbst und Körpersemantik III Körpernaher Dialogaufbau, Aufbau von Ja/Nein-Codes und Unterstützte Kommunikation IV Eigene Outcome-Analyse V Fazit

  • I Der „Körper“ im biotechnischen Medizinverständnis

    • Aus Organen zusammengesetzt • Körper als „Maschine“ • Funktionen können beobachtet und gemessen

    werden • Funktionstüchtigkeit (Normalität) • Abgenutzt, geschädigt, irreparabel =

    funktionsuntüchtig (Pathologie) • „Nutzlos“, „wertlos“, „Abfall“, „Schrott“

  • Biotechnisches Medizinverständnis

    Koma • Ausfall des Bewusstseins • „bewusstlos“

    • nicht ansprechbar, komplette Reaktionslosigkeit

    Wachkoma / sog. apallisches Syndrom • Ohne gezielte Reaktion auf externe Reize • „wahrnehmungs-“ und „empfindungslos“ • „Defektzustand“, „sinnlose Hülle“, „lohnt nicht

    mehr“

  • Der Körper des Wachkoma-Patienten „biotechnische“ Sicht

    „Defizitfigur“ (Objekt)

    • Kein Blickkontakt • Reflexe/Automatismen • keine sinnvollen Reaktionen auf Reize • keine absichtsvollen Eigenaktivitäten • Dezerebrationshaltung „Defektwesen“

  • Verkörperte Ohnmacht und Beziehungslosigkeit

  • Der „Körper/Leib“ im beziehungsmedizinischen Verständnis

    •Zentrales existenzielles Bezugssystem •Verletzlich, kränkbar •Vergänglich •Schutz-, beziehungbedürftig•Selbstaktualisierungen, (Mit-)Bewegungen •Ausdrucks- und Kommunikationsorgan •„Sozialer Raum“ mit eingeschriebenen Beziehungserfahrungen (Körpergedächtnis)

  • • Lebewesen reagieren nicht auf chemische oder physikalische Reize, sondern sie antworten auf Zeichen aus der Umgebung oder aus dem Organismus (Inneren) selbst.

    • Es gibt keine sinnlosen Erscheinungen in der Natur, sondern, ob ein Zeichen (Symptom) „sinnlos“ ist oder nicht, wird von der Bedeutung gebenden Kultur bestimmt.

  • Beziehungsmedizinisches Verständnis

    Koma/Wachkoma • Antwort auf extremes “Stresstrauma“ • Schutzfunktion, Überlebensstrategie • Trennung der Kontakte des „sozialen Selbst“ • Hochgradige leiblich/seelisch/geistige

    Dissoziation • Unbewusstes Wahrnehmen und Empfinden • Ausgangspunkt neuer Entwicklung und

    Lebensform (z. B. Wachkoma) • Koma als Erfahrung und Kompetenz

  • Der Körper des Wachkomapatienten Sicht „Beziehungsmedizinische“ Sicht

    „Traumatisiert an Leib und Seele“ (Subjekt) • Essenzielle Autonomie • Mit Wahrnehmungen mit der Umwelt verbunden • Tonisch-empathische Resonanz • Emotionale Mitbewegung und

    Selbstaktualisierung • „Spastische Körperhaltung“ als Kompetenz

  • II Autonomes Körperselbst/Körpersemantik

    Vom Trauma gezeichnete Lebenslinie

  • Trauma/Stress

    Koma als Schutzreaktion

    „Schock“ Zentralisierun

    g Autonomes Körperkernselbst

  • Organismische Schutzreaktion (unwillkürlich)

    • Schreckreaktion Zusammenzucken, Erstarren

    Verstummen, „Totstellreaktion“ • Fliehen oder Kämpfen? • Zurücknahme (Zentralisation) Schock, „Zusammenklappen“ • Kollaps, Tod

    Bader-Johansson 2002

  • Neuropsychotraumatologische Modellierung

  • Was geht in diesem Menschen vor?

    „Zusammenklappen“ und „spastische Haltung“ = eingefrorene Schutzhaltung

  • Moderne Bildgebung von „Wachbewusstsein“

    Kinomura 1996

  • NRZ Greifswald 1999

    Inselförmig fragmentierte kortikale Residualaktivität

    im apallischen (?) Syndrom/Wachkoma

  • Schiff et al 1999/2002

    Inselförmige kortikale Residualaktivität bei Patienten im Wachkoma (vegetative state)

  • Aktiviertes Areal für Gesichtererkennen

    Owen 2003

    Kontrollen Pat. KB

  • Sprachverständnis

    Kontrollen Pat. KBOwen 2003

  • Schmerzverarbeitung im Wachkoma! Kassubek et al. 2003

    Anteriores Cingulum

  • Inneres Wahrnehmen und Erleben im Koma/Wachkoma

    • „Ozeanisches Erleben“, „Ewigkeit“ • Entgrenzungs-, Verschmelzungsgefühle • Innere Bilder, Träume, Alpträume • Bizarres Körperselbstgefühl, ver-rückte

    Körpereigenproportionen • Nahtoderleben: Tunnelerleben, Out of body-

    Erfahrungen (OBE), Lichterwelten

    Hannich & Dierkes 1996, Lawrence 1995,1997; Zieger 1998

  • Coma Imagery Bizarres Körperselbsterleben

    Johnson 1980

  • Traumatische Körperpositionen

    Johnson 1980

  • „Spastische Haltung“ als verkörpertes Trauma und Symbol

    Becker et al 1987

  • Autonome Körpersemantik im Koma/ Wachkoma

    Basale Kompetenzen

    Vegetative Zeitgestalten und „Intelligenz“

    Vitale Grundrhythmen und Pulsationen

    ?

  • „Motherese“ holding environment

    Baby talk

    Haltende / schützende Hände Tonisch-empathischer Dialog Körpersprache, Gedächtnis „Musikalisches“ Selbstbild Bild vom Anderen, Gewissen

    „Spiegelneurone“

  • 1. Mitgefühl, Empathie (affective tuning)

    2. Emotionale Mitbewegungen (Resonanz)

    3. Lernen durch Nachahmen (Imitation) 4. Übertragung – Gegenübertragung

    5. Nonverbale Verständigung (Körpersprache) 6. Denken vom Anderen her (Theory of mind)

    Unbewusstes Zusammenwirken durch „Spiegelneurone“ (implizites Körperwissen)

  • III Körpernaher Dialogaufbau

    • „Der Mensch wird am Du zum Ich“ (Buber) • Wie kann ich dem Anderen ein gutes Du sein? • „Körpernahe Interaktionen und Handlungs-

    dialoge unter Einbeziehung von Angehörigen“ (Hannich 1993; Zieger 1993)

    • Die Wirkungen seiner selbst durch die Berührungen / Hände / (Mit-)Bewegungen anderer spüren.

    • Emotionale Ansprechbarkeit durch Musik • Aufbau von Ja/Nein-Codes

  • Dialogaufbau als strukturierter Prozess

    1.

    2.

    Abbruch Verabreden und wiederkommen

    Hinwendung

    Begrüßung u. Orientierung

    5.

    4. Gestalten des Dialogfeldes

    3.

    Verabschieden

    Nähertreten u. Initialberührung

  • Verarbeitung von Dialog-, Reiz- und Wahrnehmungsangeboten/Interventionen

    Appetitive Phase Hunger

    Konsumptorische Phase Verdauung

    Dialog-/Reiz- Wahrnehmungsangebot

    Inkorporationsphase Essen/Sonde SättigungAutonomes

    Körperselbst (Individuum/

    Subjekt)

  • Lebewesen antworten auf Zeichen…

    1. Innere Dialogantworten hidden processing, covert behaviour • Vegetative Veränderungen: Atmung,

    Herzschlag, Hautwiderstand, Muskeltonus • Hirnstromkurve (nur durch Messung von außen

    beobachtbar)

    2. Äußere Dialogantworten overt behavior • Veränderungen in der (körpersprachlichen)

    Motorik (von außen direkt beobachtbar)

  • Dialogische Intervention durch Angehörige (Mutter)

  • Dialogantwort: Evozierte „mimische“ Reaktionspotentiale im frontalen EMG

    Dialogische Intervention

    Frontales EMG

    „Blinzel, wenn Du mich hörst!“

    Zieger 2002

  • Sensorische Umgebungsregulation als Wahrnehmungsförderung

    durch Angehörige

  • Antwort: Angehörigen-induzierte „Beruhigung“/„Entspannung“/„Aufmerksamkeit“

    im EEG-Power- Spektrum

    L front

    R front Angehörige

  • Antwort auf therapeutische Intervention: Ereignisbezogene β-Aktivierung im EEG-

    Powerspektrum

    L

    R

    Interventionsereignisse

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  • Dialogangebote von vertrauten Menschen

    Zuwendu