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marcel krings Franz Kafka: Der ‚Landarzt‘- Zyklus Freiheit ... · PDF file0 Einleitung 0.1 Kafka und die Forschung Dass Kafkas Dichtung zwar esoterisch, keineswegs aber unverständlich

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Text of marcel krings Franz Kafka: Der ‚Landarzt‘- Zyklus Freiheit ... · PDF file0...

  • Franz Kafka: Der Landarzt- Zyklus

    marcel krings

    Freiheit Schrift Judentum

  • beitrgezur neuerenliteraturgeschichteBand 377

  • UniversittsverlagwinterHeidelberg

    marcel krings

    Franz Kafka:Der Landarzt-ZyklusFreiheit Schrift Judentum

  • Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

    Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikationin der Deutschen Nationalbibliografie;detaillierte bibliografische Daten sind im Internetber http://dnb.d-nb.de abrufbar.

    Fr M. und S.,Expertinnen des Groen Lrms,Meisterinnen des Schweigens der Sirenen

    umschlagbild

    Die Alchimistengasse auf dem Hradschin Archiv Klaus WagenbachHaus Nummer 22 (das schwarze vorn links) hatte Ottla Kafkaim November 1916 gemietet und Ihrem Bruder Franz berlassen hier entstanden viele der Landarzt-Erzhlungen.

    isbn 978-3-8253-6822-7

    Dieses Werk einschlielich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschtzt.Jede Verwertung auerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzesist ohne Zustimmung des Verlages unzulssig und strafbar. Das gilt ins-besondere fr Vervielfltigungen, bersetzungen, Mikroverfilmungen unddie Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

    2o17 Universittsverlag Winter GmbH HeidelbergImprim en Allemagne Printed in GermanyUmschlaggestaltung: Klaus Brecht GmbH, HeidelbergDruck: Memminger MedienCentrum, 87700 Memmingen

    Gedruckt auf umweltfreundlichem, chlorfrei gebleichtemund alterungsbestndigem Papier

    Den Verlag erreichen Sie im Internet unter:www.winter-verlag.de

  • Inhalt

    0 Einleitung..................................................................................... 7

    0.1 Kafka und die Forschung ................................................. 7

    0.2 Das Freiheitsthema: Leben, Sprache und Literatur ........ 13

    0.3 Das Religionsthema: Tradition und Neues Judentum.. 18

    0.4 Parabel und Allegorie..................................................... 24

    1 Niemand kann nach Indien fhren.Assimilation und Anarchie im Neuen Advokaten ...................... 29

    2 Das Fehlluten der Nachtglocke.Messias-Parodie und Freiheit in der Landarzt-Erzhlung ......... 47

    3 Die Trnen des Galeriebesuchers.Die Katastrophe von Freiheit, Religion und Kunst inAuf der Galerie .......................................................................... 73

    4 Ein Miverstndnis.Die fehlgeschlagene Rettung des Vaterlandes inEin altes Blatt ............................................................................ 87

    5 Die vertane Gelegenheit.Missverstehen und richtiges Auffassen in Vor dem Gesetz 103

    6 Nichts als Reinheit wollen wir.Freiheit und Religion in Schakale und Araber......................... 125

    7 Bergbau der Schrift.Zur Revision von Ich und Religion im Besuch im Bergwerk... 141

  • 8 Vita brevis, ars longa.Kunst, Leben und Religion in Das nchste Dorf ..................... 171

    9 Sagenhafte Vergangenheit.Zum Verfall von Freiheit und Religion in Eine kaiserlicheBotschaft und Beim Bau der chinesischen Mauer ................... 177

    10 Der verlorene Sohn.Freiheit und Judentum in Die Sorge des Hausvaters ............... 207

    11 Familienbande.Assimilation und reine Literatur in Elf Shne ....................... 223

    12 Hass auf Empirisches.Schuld und Bestrafung in Ein Brudermord.............................. 253

    13 Vom Traum, sterben zu knnen.Freiheit, Religion und Literatur in Ein Traum ......................... 267

    14 Der Menschenausweg.Erdenschwere und Assimilation imBericht fr eine Akademie........................................................ 289

    15 Kafkas Faust.Freiheit, Judentum und Goethe-Modifikationen imKbelreiter ............................................................................... 309

    Nachwort: Zu Struktur und Thematik des Landarzt-Bandes .............. 335

  • 0 Einleitung

    0.1 Kafka und die Forschung

    Dass Kafkas Dichtung zwar esoterisch, keineswegs aber unverstndlichsei, davon ist der Groteil der Kritik bis heute nicht zu berzeugen.Lieber glaubt man an die Resistenz der Werke Kafkas gegen eine ein-deutige Sinnfixierung1, meint, der Autor habe gleitende Paradoxa2

    geschrieben, die auf kein vermittelndes tertium mehr rckfhrbar seien,und stellt ihnen gleitende Metaphern und paradoxe Weltinnenru-me3 an die Seite. Man diagnostizierte in den Texten ein Spannungs-verhltnis zwischen Erkenntnisdrang und Erkenntnisverweigerung4,welches hermeneutische Aporie befrdere, Signifikanz zersetze undSchrift auf bloe Materialitt reduziere. Den Grnden solcher Sinnver-weigerung suchten die Germanisten mit smtlichen Methoden der Lite-raturwissenschaft auf die Spur zu kommen. Angesichts der herrschendenThese von der Offenheit und Indeterminiertheit aller Kafkatexte, mit derfindige Kritiker wie Alexander vor dem Gordischen Knoten KafkasTextrtsel angemessen zu beschreiben glauben, hat man freilich heutzu-tage entweder nur materialen Text vor Augen oder ebenso viele Textewie Deuter, deren Auslegungen prinzipiell immer zulssig sind. ImProce ermahnt zwar der Geistliche K. und den Exegeten: Du mutnicht zuviel auf Meinungen achten. Die Schrift ist unvernderlich unddie Meinungen sind oft nur ein Ausdruck der Verzweiflung darber

    1 Michael Mller: Vorwort, in: Interpretationen: Franz Kafka. Romane undErzhlungen, hg. von Michael Mller, Stuttgart 2003, S. 7-10, hier S. 7.

    2 Gerhard Neumann: Umkehrung und Ablenkung. Franz Kafkas GleitendesParadox, in: DVjs 42 (1968), S. 702-744.

    3 Hans H. Hiebel: Franz Kafka: Form und Bedeutung, Wrzburg 1999, S. 13.4 Mller (Anm. 1), S. 9. Ebenso Oliver Jahraus: Kafka. Leben, Schreiben,

    Machtapparate, Stuttgart 2006, S. 13.

  • 8 Einleitung

    (KKAP, S. 298)5. Doch wozu der Text noch taugt, steht dahin, wenn alleDeutungen je nach Verstndnishorizont des Auslegenden irgendwieschlssig6 sind und sich eine Parallelgesellschaft der Exegese etablierthat. Die Resignation ist angesichts der grassierenden Partikularismenberall zu spren, und seit langem gehrt es zum guten Ton der deuten-den Forschung, das Wuchern der Theorien und Auslegungen zu bekla-gen. Denn welche Relevanz besitzt noch eine Lesart, bei der es umnichts mehr geht und die mit anderen nicht konkurriert, sondern demunendlichen Feld der Deutungen nur eine weitere hinzufgt? Mglich-erweise hat man sich aber zu selten gefragt, welche Verbindlichkeiteiner modernen und postmodernen Philologie zukommt, die, angetreten,Kafkas Texte aus der vermeintlichen hermeneutischen Deutungswut zubefreien, lngst selbst dogmatisch geworden ist und Heterodoxie zurOrthodoxie machte. Natrlich ist ihre Genese bekannt. Walter Benjamin,Theodor W. Adorno oder Jacques Derrida um hier nur diese drei zunennen haben wirkungsmchtige Theorien und Textauslegungen hin-terlassen, die sie insbesondere an Kafkas Schriften auswiesen. Vor allemdurch die breite Rezeption der Kritischen Theorie und der Dekonstrukti-on entstand um Kafka ein spezifischer Mythos7 der Moderne, der denSchriftsteller emphatisch als Reprsentanten avant la lettre beanspruch-te, ihm bedenkenlos die Anschlussfhigkeit an jegliche Denkschule und

    5 Hier wie berall in der vorliegenden Untersuchung werden Franz KafkasWerke zitiert nach der kritischen Ausgabe seiner Werke, hg. von JrgenBorn et. al., Frankfurt/Main 1982ff. Verwendet werden die blichen Siglenmit Seitenangaben: KKAV [Der Verschollene], KKAS [Schlo], KKAP[Proce], KKAT [Tagebcher], KKAN I bzw. II [Nachgelassene Schriftenund Fragmente I bzw. II], KKAD [Drucke zu Lebzeiten]. Kafkas Briefewerden, wo nicht anders kenntlich gemacht, unter der Sigle KKAB und r-mischer Bandangabe nach der von Hans-Gerd Koch besorgten KritischenAusgabe zitiert (Franz Kafka: Briefe, bislang 4 Bde., Frankfurt a. Main/NewYork 1999-2013). Apparatbnde werden jeweils durch den Zusatz App.kenntlich gemacht.

    6 Hans-Gerd Koch: Ein Bericht fr eine Akademie, in: Mller: Interpretatio-nen (Anm. 1), S. 173-196, hier S. 192f. Das 2008 erschienene Kafka-Handbuch listet die gngigen Anstze und Methoden auf (Kafka-Handbuch.Leben Werk Wirkung, hg. von Bettina von Jagow und Oliver Jahraus,Gttingen 2008, S. 239-400).

    7 Anna-Lena Scholz: Kleist / Kafka. Diskursgeschichte einer Konstellation,Freiburg 2016, S. 48.

  • Marcel Krings 9

    alle turns der Germanistik sicherte und andere Auslegungen in den Ruchdes Un- und Vormodernen oder gar methodischer Defizite geraten lie.Das letzte Wort in Sachen Kafka muss das freilich nicht sein. Mythen,turns und Theorien stellen trotz ihres dogmatischen Gestus keine unhin-tergehbaren Deutungszusammenhnge dar. In letzter Zeit mehren sichdaher die Stimmen, die angesichts der problematischen Forschungslageeine Rckkehr zur Lesbarkeit anmahnen und auf werkgeschichtlicherKontextualisierung insistieren. Boten in den 1980er Jahren Peter PfaffsProce-Lektre8 und Gerhard Kurz Kafka-Monographie9 entsprechen-de Anstze, haben Daniel Hartwich fr das Urteil,10 Marius Meller frdie Strafkolonie,11 Bernhard Greiner fr den Verschollenen12 und zuletztFernando Bermejo-Rubio fr die Verwandlung13 Plausibilitt und Be-rechtigung einer hermeneutischen Interpretation aufgezeigt. Besondersletzterer kommt zum dezidiert forschungskritischen Schluss, demzufolgedie Tatsache, dass die Kafka-Philologie auf der These von der Suspen-dierung des Verstehens beharrte, should make us, once and for all, takeseriously the possibility that it [die Forschung, M.K.] is completelymisguided.14 Denn entgegen der immer wieder vorgebrachten Thesevom Ende jeglichen Sinns und entgegen der Gltigkeit noch der partiku-

    8 Peter Pfaff: Die Erfindung des Prozesses, in: Verteidigung der Schrift. Kaf-kas Prozess, hg. von Frank Schirrmacher, Frankfurt/Main 1987, S. 10-35,ebenso Ders.: Was kann man wissen?. In: Ebd., S. 88-137.

    9 Gerhard Kurz: Traum-Schrecken. Kafk

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