Michael Gr£¼nbart (Hg.) Geschenke erhalt Michael Gr£¼nbart (Hg.) Geschenke erhaltendieFreundschaft Gabentausch

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  • Michael Grünbart (Hg.)

    Geschenke erhalten die Freundschaft

    Gabentausch und Netzwerkpflege im europäischen Mittelalter

    Akten des Internationalen Kolloquiums Münster, 19. - 20. November 2009

    LIT

  • GERALD SCHWEDLER

    Diplomatische Geschenke unter Königen im Spätmittelalter Freundschaft und Gabentausch zwischen politischer Praxis und

    der schriftlichen Norm der Fürstenspiegelliteratur

    Die Frage, in welchem Ausrnass und auf welche Art und Weise ein spätmittel- alterlicher Herrscher Geschenke verteilen solle, wurde bereits von damaligen Zeitgenossen auf hohem Niveau reflektiert. Mit entrüsteter Direktheit geht das "Speculum regis Edwardi III" auf die königliche Praxis des Schenkens ein. William de Pagula, der Verfasser des etwa 1332 geschriebenen Fürstenspiegels, wendet sich direkt an König Eduard III. (1327-1377). Er ermahnt ihn, er solle keine Geschenke nur um der Freundschaft und Pflege wichtiger Beziehungen willen verteilen, da dadurch die Annen und Bedürftigen von seiner Groß- zügigkeit nicht profitieren könnten. Der englische Theologe und Kirchenrechtler stellt damit eine Ethik des Geschenks auf, die sich empirisch-ökonomisch nach den Mitteln und Möglichkeiten richtet und nicht mehr nur am aristotelisch- antiken Kanon der Tugenden oder den biblisch-patristischen exempla einer ars recte regendi orientiert ist:

    "Und daher, mein König, sollst Du, wenn du jemandem etwas als Geschenk versprichst, zuerst über Deine Schulden nachdenken sowie über die Schulden Deines Vaters und verstehe dies als Warnzeichen, das über Deinem Herzen steht. [... ] Du sollst daher die Geschenke nach Deinen Möglichkeiten verteilen, und maßvoll die bedürftigen und würdigen Menschen bedenken, da der, der seine Geschenke an die Nichtbedürftigen und die Unwürdigen verteilt, sich kein Lob verdient. Daher, mein König, will ich, dass Du weißt, dass Dir viele wie die Fliegen dem Honig folgen, die Wölfe den Leichen, die Mäuse und Ratten dem Getreide. So folgen sie Dir wohl aufgrund Deiner Ehren und Deines Reichtums, sobald dieser aber schwindet, verlassen Dich solche Menschen schnell, da sie Dich nie wirklich geliebt haben."!

    I William of Pagula, De speculo regis Edwardi lll., ed. von JOSEPH MOISANT, Paris 1891, cap. 13, S. 140f.: ,,EI ideo, domine rex, quando proponis alieui aliquam donacionem, primo cogita de debitis tuis, et de debitis patris tui, et pone ilIud, ut signaculum super cor tuum. [... ] Debes ergo largiri donajuxta posse tuum, in mensura, hominibus indigentibus et dignis, quia qui largitur dona sua non indigentibus vel in- dignis, nul/am acquirit sibi laudem. [... ] Unde, domine rex, volo te scire, quod multi homines te sequuntur sicut musce sequuntur mel, lupi cadavera, mures et ratones fru- menta; sic propter honores et divicias tuas, multi te sequuntur, sed divictis a te reee- dentibus. forte a te reeedent tales homines, quia nunquam te recte dilexerunt unum." Zur Datierung: JAMES TAIT, On the Date and Authorship of the Speculum regis Ed-

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    Bilderreich weist William de Pagula den englischen König an, nichts an sogenannte Freunde zu verschenken. Vielmehr solle den Armen gegeben und die ererbten Schulden seines Vaters Edward II. (1307-1327) zurückgezahlt wer- den. Die Ratschläge für den König entsprechen dem Tenor spätmittelalterlicher Fürstenspiegel und der didaktisch-politischen Traktatliteratur, die als moralisch- ethische sowie praktische Wegweisung für Herrscher und zur Prinzenerziehung gedacht war.' Dabei besitzen Fürstenspiegel eher abstrakten Charakter und verfolgen bei der Unterweisung einen über einzelne Situationen hinaus- gehenden Ansatz.' Gerade im späteren Mittelalter erfuhr dieses Textgenre eine besondere Blüte, die sich weit bis in das 16. Jahrhundert fortsetzte." Zur sehr inhomogenen Gruppe der Verfasser von Fürstenspiegeln zählten geistliche wie weltliche Gelehrte mit theologischem, juristischem, vielfach auch philo- logischem Hintergrund, die aber auch über unterschiedlich intensive Erfahrun- gen am Hof verfügten.' Auch Könige selbst, und nicht nur diese, sondern auch Königinnen, verfassten unterweisende Texte, die an die Nachfolger gerichtet waren. Hierbei ist zunächst an die Anweisungen in den Fürstenspiegel- testamenten Kaiser Friedrichs II. von Hohenstaufen, Alfons X. des Weisen von Kastilien, Ludwigs IV. von Frankreich, Sanchos IV. von Kastilien oder auch

    wardi, in: English Historical Review 16, 190I,S. 110-15; CARYNEDERMAN,The Mon- arch and the Marketplace: Economic Policy and Royal Finance in William of Pagula's Speculum regis Edwardi III, in: History of Political Economy 33.1, 2001, S. 51--69, hier S. 62; zur Autorschaft: LEONARDBOYLE,William of Pagula and the Speculum regis Edwardi III., in: Mediaeval Studies 32, 1970, S. 326-336; zuletzt: CARYJ. NEDERMAN- CYNTHIAJ. NEVILLE,The Origins of the Speculum regis Edwardi III of William of Pagula, in: Studi Medievali, 3rd ser., 38, 1997, S. 317-329. 2 WILHELMBERGES,Die Fürstenspiegel des hohen und späten Mittelalters (Monumenta Germaniae Historica-Schriften 2) Leipzig 1938; ULRIKEGRASSNICK,Ratgeber des Kö- nigs. Fürstenspiegel und Herrscherideal im spätmittelalterlichen England, Köln 2004; Definition: ANGELADE BENEDICTIS(Hg.), Specula principum (Ius commune. Veröf- fentlichungen des Max-Planck-Instituts für europäische Rechtsgeschichte - Sonderhefte 117) FrankfurtlM. 1999; WALTERULLMANN,Principles of Government and Politics in the Middle Ages, London 41978; ALAINBOUREAU,Le savoir du prince. Le prince me- dieval et la science politique, in: RANHALEVI(Hg.), Le savoir du prince du Moyen Age aux Lumieres, Paris 2002, S. 25-50; COLETTEBEAUNE,Le Miroir du Pouvoir, Paris 1989. 3 GRASSNICK(wie Anm. 2) S. 331. 4 HANSHUBERTANTON,Fürstenspiegel des frühen und hohen Mittelalters (Ausgewähl- te Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters. FSGA 45) Darmstadt 2006, S. 3- 35; DERS.,Art. Fürstenspiegel, in: Lexikon des Mittelalters 4,1989, Sp. 1040-1049; ein Beispiel für die Rezeption karolingischer Fürstenspiegel im 17. Jahrhundert: ARMIN SCHLECHTER,Sedulius Scottus, Marquard Freher und Gotthard Vögelin. Ein karolingi- scher Fürstenspiegel für Kurfürst Friedrich V. von der Pfalz, König von Böhmen, in: DOROTHEAWALZ (Hg.), Irische Mönche in Süddeutschland. Literarisches und kulturel- les Wirken der Iren im Mittelalter, Heidelberg 2009, S. 305-332. 5 Zum Spektrum der Autoren der Fürstenspiegel zuletzt: GRASSNICK(wie Anm. 2) S. 39~5.

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    Kaiser Karls IV. von Luxemburg zu denken," Die ungarische Königin Elisabeth von Bosnien verfasste ein Manual zur Erziehung ihrer Töchter, das allerdings verschollen ist.7

    Der princeps, wie der Monarch verallgemeinernd in Fürstenspiegeln bezeichnet wurde, solle sich besonnen im Verteilen von Gütern zeigen, ganz besonders aber schlechte Ratgeber und Schmeichler meiden. In diesen allgemeinen Ratschlägen standen spätmittelalterliche Fürstenspiegel in einer jahrhundertealten Tradition, in der die Tugend der liberalitas als eine der zentralen Eigenschaften des Herr- schers hervorgehoben wurde." So wiesen bereits die didaktischen und päda- gogischen Schriften der Antike mahnend auf eine der Situation angemessene Freigebigkeit hin, allen voran die Passagen aus Senecas "Oe Clementia" oder Ciceros "Oe Beneficiis"." Auch die Fürstenspiegel des frühen und hohen Mittelalters, die nach dem christlich überformten Tugendkatalog Schwerpunkte setzten, betonten die Freigebigkeit als eine wichtige Herrschertugend." Ein Herrscher hatte freigiebig zu sein. Nur wenn es sich bei den Empfängern der Gaben nicht um würdige oder bedürftige Empfänger handelte, also beispiels- weise Schmeichler und falsche Freunde, so sollten aequitas und iustitia entscheidend sein. Darin zeigt sich die durch biblische und patristische Schriften geprägte Tradition, dem "guten" Fürsten ein Leben entsprechend des Tugend- kanons zu empfehlen, darunter in erster Linie eines der Selbstbeherrschung, wodurch die Nähe zu den mittelalterlichen Tugend- und Lasterkatalogen

    6 SAMUELSTEINHERZ,Ein Fürstenspiegel Karls IV. (Quellen und Forschungen aus dem Gebiete der Geschichte 3) Prag 1925, vgl. dazu BERGES(wie Anm. 2) Nr. 42. 7 ALICEADELEHENTSCH,De la Iitterature didactique du Moyen Age s'adressant specia- lement aux femmes, Genf 1903 (ND 1975), hier S. 135. 8 Zu Umbewertung der liberalitas innerhalb der Tugendlehren: HANSKLOFT,Liberali- tas principis. Herkunft und Bedeutung. Studien zur Prinzipatsideologie (Kölner histori- sche Abhandlungen 18) Köln 1970. 9 Der Herrscher soll nach Seneca freigiebig sein, insbesondere in allem, was die res di- vina anbelangt: Seneca de Beneficiis IV 29,2, dazu KLoFT (wie Anm. 8) S. 142. Nach gattungsmäßigen Gesichtspunkten wären aus der lateinischen Literatur Senecas Werk "Oe clementia" sowie die spiegelartige Rede des Plinius einschlägig. Seneca fand ab dem 12. Jahrhundert weite Verbreitung, KLAUS-DIETERNOTHDURFT,Studien zum Ein- fluß Senecas auf die Philosophie und Theologie des zwölften Jahrhunderts (Studien und Texte zur Geistesgeschichte des Mittelalters 7) Leiden - Köln 1963. 10 Zum Zusammenhang karolingischer und hochmittelalterlicher Gesellschaftsspiegel: HANS-HUBERTANTON, Gesellschaftsspiegel und Gesellschaftstheorie in Westfran- kenlFrankreich - Spezifik, Kontinuitäten und Wandlungen, in: ANGELAOE BENEDICTIS (Hg.) (wie Anm. 2) S. 51-120, insb. S. 51-58. Zur Stellung englischer hochmittelalter- licher Fürstenspiegel zur Iiberalitas: SYBILLESCHRÖDER,Macht und Gabe, Materielle Kultur am Hof Heinrichs II. von England (Historische Studien 481) Husum 2004, S. 60-66; ALFONSAUER, Art. Freigebigkeit, in: Lexikon für Theologie und Kirche, Frei- burg im Breisgau 21960, Sp. 324f.