Novalis Hymnen an die Nacht Hymnen an die Nacht Von den Hymmen an die Nacht sind zwei Fassungen berliefert: eine mehrfach berarbeitete Handschrift in freien Versen und

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  • Novalis

    Hymnen an die Nacht

    Von den "Hymmen an die Nacht" sind zwei Fassungen berliefert: eine mehrfach berarbeitete Handschrift in freien Versen und die Fassung in rhythmischer Prosa, die erstmals 1800 in der von August Wilhelm und Friedrich Schlegel herausgegebenen Zeitschrift "Athenum" verffentlicht wurde.

    Literarisches Vorbild der Hymnen ist das Gedicht "The Complaint, or Night-Thoughts on Life, Death and Immortality" (dt. "Klagen oder Nachtgedanken ber Leben, Tod und Unsterblichkeit") von Edward Young (1683-1765), ein Werk in elegischen Versen, das auf fast die gesamte europische Romantik gewirkt hat.

    Entscheidender Anla fr diese Dichtung ist jedoch die tiefe Erschtterung ber den frhen Tod seiner Braut Sophie von Khn. Der persnliche Schmerz findet in den Hymnen einen tiefpoetischen Ausdruck. Im Symbol der Nacht sucht Novalis die eigentlich "menschliche Zeit", Liebesleid wird zur christlich-romantischen Todessehnsucht, die dem Leben und dem Diesseits entgegengestellt wird. Es sind im ganzen sechs sich steigernde Hymnen, die aber gleichzeitig eine Abwendung von der aufklrerischen Mission der Poesie sind.

    Manfred Orlick, 1998.

    "Athenum"-Fassung:

    1. Welcher Lebendige, Sinnbegabte... 2. Mu immer der Morgen wiederkommen? 3. Einst da ich bittre Trnen vergo 4. Nun wei ich, wenn der letzte Morgen sein wird.. 5. ber der Menschen weitverbreitete Stmme... 6. Sehnsucht nach dem Tode

    Handschriftliche Fassung:

    1. Welcher Lebendige... 2. Mu immer der Morgen wiederkommen? 3. Einst da ich bittre Trnen vergo 4. Sehnsucht nach dem Tode 5. ber der Menschen... 6. Hinunter in der Erde Schoos...

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    Welcher Lebendige, Sinnbegabte, liebt nicht vor allen Wundererscheinungen des verbreiteten Raums um ihn das allerfreuliche Licht mit seinen Farben, seinen Strahlen und Wogen; seiner milden Allgegenwart, als weckender Tag. Wie des Lebens innerste Seele atmet es der rastlosen Gestirne Riesenwelt, und schwimmt tanzend in seiner blauen Flut atmet es der funkelnde, ewigruhende Stein, die sinnige, saugende Pflanze, und das wilde, brennende, vielgestaltete Tier vor allen aber der herrliche Fremdling mit den sinnvollen Augen, dem schwebenden Gange, und den zartgeschlossenen, tonreichen Lippen. Wie ein Knig der irdischen Natur ruft es jede Kraft zu zahllosen Verwandlungen, knpft und lst unendliche Bndnisse, hngt sein himmlisches Bild jedem irdischen Wesen um. Seine Gegenwart allein offenbart die Wunderherrlichkeit der Reiche der Welt.

    Abwrts wend ich mich zu der heiligen, unaussprechlichen, geheimnisvollen Nacht. Fernab liegt die Welt in eine tiefe Gruft versenkt wst und einsam ist ihre Stelle. In

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  • den Saiten der Brust weht tiefe Wehmut. In Tautropfen will ich hinuntersinken und mit der Asche mich vermischen. Fernen der Erinnerung, Wnsche der Jugend, der Kindheit Trume, des ganzen langen Lebens kurze Freuden und vergebliche Hoffnungen kommen in grauen Kleidern, wie Abendnebel nach der Sonne Untergang. In andern Rumen schlug die lustigen Gezelte das Licht auf. Sollte es nie zu seinen Kindern wiederkommen, die mit der Unschuld Glauben seiner harren?

    Was quillt auf einmal so ahndungsvoll unterm Herzen, und verschluckt der Wehmut weiche Luft? Hast auch du ein Gefallen an uns, dunkle Nacht? Was hltst du unter deinem Mantel, das mir unsichtbar krftig an die Seele geht? Kstlicher Balsam truft aus deiner Hand, aus dem Bndel Mohn. Die schweren Flgel des Gemts hebst du empor. Dunkel und unaussprechlich fhlen wir uns bewegt ein ernstes Antlitz seh ich froh erschrocken, das sanft und andachtsvoll sich zu mir neigt, und unter unendlich verschlungenen Locken der Mutter liebe Jugend zeigt. Wie arm und kindisch dnkt mir das Licht nun wie erfreulich und gesegnet des Tages Abschied. Also nur darum, weil die Nacht dir abwendig macht die Dienenden, setest du in des Raumes Weiten die leuchtenden Kugeln, zu verknden deine Allmacht deine Wiederkehr in den Zeiten deiner Entfernung. Himmlischer, als jene blitzenden Sterne, dnken uns die unendlichen Augen, die die Nacht in uns geffnet. Weiter sehn sie als die blssesten jener zahllosen Heere unbedrftig des Lichts durchschaun sie die Tiefen eines liebenden Gemts was einen hhern Raum mit unsglicher Wollust fllt. Preis der Weltknigin, der hohen Verkndigerin heiliger Welten, der Pflegerin seliger Liebe sie sendet mir dich zarte Geliebte liebliche Sonne der Nacht nun wach ich denn ich bin dein und mein du hast die Nacht mir zum Leben verkndet mich zum Menschen gemacht zehre mit Geisterglut meinen Leib, da ich luftig mit dir inniger mich mische und dann ewig die Brautnacht whrt.

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    Mu immer der Morgen wiederkommen? Endet nie des Irdischen Gewalt? Unselige Geschftigkeit verzehrt den himmlischen Anflug der Nacht. Wird nie der Liebe geheimes Opfer ewig brennen? Zugemessen ward dem Lichte seine Zeit; aber zeitlos und raumlos ist der Nacht Herrschaft. Ewig ist die Dauer des Schlafs. Heiliger Schlaf beglcke zu selten nicht der Nacht Geweihte in diesem irdischen Tagewerk. Nur die Toren verkennen dich und wissen von keinem Schlafe, als dem Schatten, den du in jener Dmmerung der wahrhaften Nacht mitleidig auf uns wirfst. Sie fhlen dich nicht in der goldnen Flut der Trauben in des Mandelbaums Wunderl und dem braunen Safte des Mohns. Sie wissen nicht, da du es bist, der des zarten Mdchens Busen umschwebt und zum Himmel den Scho macht ahnden nicht, da aus alten Geschichten du himmelffnend entgegentrittst und den Schlssel trgst zu den Wohnungen der Seligen, unendlicher Geheimnisse schweigender Bote.

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    Einst da ich bittre Trnen vergo, da in Schmerz aufgelst meine Hoffnung zerrann, und ich einsam stand am drren Hgel, der in engen, dunkeln Raum die Gestalt meines Lebens barg einsam, wie noch kein Einsamer war, von unsglicher Angst getrieben kraftlos, nur ein Gedanken des Elends noch. Wie ich da nach Hlfe umherschaute, vorwrts nicht konnte und rckwrts nicht, und am fliehenden, verlschten Leben mit unendlicher Sehnsucht hing: da kam aus blauen Fernen von den Hhen meiner alten Seligkeit ein Dmmerungsschauer und mit einem Male ri das Band der Geburt des Lichtes Fessel. Hin floh die irdische Herrlichkeit und meine Trauer mit ihr zusammen flo die Wehmut in eine neue, unergrndliche Welt du Nachtbegeisterung, Schlummer des Himmels kamst ber mich die Gegend hob sich sacht empor; ber der Gegend schwebte mein entbundner, neugeborner Geist. Zur Staubwolke wurde der Hgel durch die Wolke sah ich die verklrten Zge der Geliebten. In ihren Augen ruhte die Ewigkeit ich fate ihre Hnde, und die Trnen wurden ein funkelndes, unzerreiliches Band. Jahrtausende zogen abwrts in die Ferne, wie Ungewitter. An ihrem Halse weint ich dem

  • neuen Leben entzckende Trnen. Es war der erste, einzige Traum und erst seitdem fhl ich ewigen, unwandelbaren Glauben an den Himmel der Nacht und sein Licht, die Geliebte.

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    Nun wei ich, wenn der letzte Morgen sein wird wenn das Licht nicht mehr die Nacht und die Liebe scheucht wenn der Schlummer ewig und nur einunerschpflicher Traum sein wird. Himmlische Mdigkeit fhl ich in mir. Weit und ermdend ward mir die Wallfahrt zum heiligen Grabe, drckend das Kreuz. Die kristallene Woge, die, gemeinen Sinnen unvernehmlich, in des Hgels dunklen Scho quillt, an dessen Fu die irdische Flut bricht, wer sie gekostet, wer oben stand auf dem Grenzgebrge der Welt, und hinbersah in das neue Land, in der Nacht Wohnsitz wahrlich, der kehrt nicht in das Treiben der Welt zurck, in das Land, wo das Licht in ewiger Unruh hauset.

    Oben baut er sich Htten, Htten des Friedens, sehnt sich und liebt, schaut hinber, bis die willkommenste aller Stunden hinunter ihn in den Brunnen der Quelle zieht das Irdische schwimmt obenauf, wird von Strmen zurckgefhrt, aber was heilig durch der Liebe Berhrung ward, rinnt aufgelst in verborgenen Gngen auf das jenseitige Gebiet, wo es, wie Dfte, sich mit entschlummerten Lieben mischt.

    Noch weckst du, muntres Licht, den Mden zur Arbeit flest frhliches Leben mir ein aber du lockst mich von der Erinnerung moosigem Denkmal nicht. Gern will ich die fleiigen Hnde rhren, berall umschaun, wo du mich brauchst rhmen deines Glanzes volle Pracht unverdrossen verfolgen deines knstlichen Werks schnen Zusammenhang gern betrachten deiner gewaltigen, leuchtenden Uhr sinnvollen Gang ergrnden der Krfte Ebenma und die Regeln des Wunderspiels unzhliger Rume und ihrer Zeiten. Aber getreu der Nacht bleibt mein geheimes Herz und der schaffenden Liebe, ihrer Tochter. Kannst du mir zeigen ein ewig treues Herz? Hat deine Sonne freundliche Augen, die mich erkennen? Fassen deine Sterne meine verlangende Hand? Geben mir wieder den zrtlichen Druck und das kosende Wort? Hast du mit Farben und leichtem Umri sie geziert oder war siees, die deinem Schmuck hhere, liebere Bedeutung gab? Welche Wollust, welchen Genu bietet dein Leben, die aufwgen des Todes Entzckungen? Trgt nicht alles, was uns begeistert, die Farbe der Nacht? Sie trgt dich mtterlich, und ihr verdankst du all deine Herrlichkeit. Du verflgst in dir selbst in endlosen Ra