Click here to load reader

Qualitative Heuristik - kluesener-net.de · PDF fileRuprecht-Karls-Universität Heidelberg Geographisches Institut im Wintersemester 1998/ 99 Qualitative Heuristik Strukturierendes

  • View
    217

  • Download
    0

Embed Size (px)

Text of Qualitative Heuristik - kluesener-net.de · PDF fileRuprecht-Karls-Universität Heidelberg...

  • Ruprecht-Karls-Universitt Heidelberg

    Geographisches Institut

    im Wintersemester 1998/ 99

    Qualitative Heuristik

    Strukturierendes Entdecken

    Hauptseminar

    Theorie und Konzepte qualitativer Sozialforschung

    Dozenten: Prof. Dr. Hans Gebhardt

    Dr. Paul Reuber

    von

    Sebastian Klsener

  • 1

    ""Alright," said Deep Thought. "The Answer to the Great Question ..."

    "Yes ...!"

    "Of Life, the Universe and Everything ..." said Deep Thought.

    "Yes ...!"

    "Is ..." said Deep Thought, and paused.

    "Yes ...!"

    "Is ..."

    "Yes ...!!!...?"

    "Forty-two," said Deep Thought, with infinite majesty and calm."

    It was a long time before anyone spoke.

    Out of the corner of his eye Phouchg could see the sea of tense expectant faces down in the square

    outside.

    "We're going to get lynched aren't we?" he whispered.

    "It was a tough assignment," said Deep Thought mildly.

    "Forty-two!" yelled Loonquawl. "Is that all you've got to show for seven and a half million years'

    work?"

    "I checked it very thoroughly," said the computer, "and that quite definitely is the answer. I think

    the problem, to be quite honest with you, is that you've never actually known what the question

    is."

    "But it was the Great Question! The Ultimate Question of Life, the Universe and Everything!"

    howled Loonquawl.

    "Yes," said Deep Thought with the air of one who suffers fools gladly, "but what actually is it?"

    A slow stupefied silence crept over the men as they stared at the computer and then at each other.

    "Well, you know, it's just Everything ... Everything ..." offered Phouchg weakly.

    "Exactly!" said Deep Thought. "So once you do know what the question actually is, you'll know

    what the answer means.""

    Adams (1979)

    "Ich glaube keineswegs, hier irgendein Verfahren bei dem Geschfte des Nachdenkens angeben

    zu knnen, das nicht von jedem guten Kopf schon lngst wre beobachtet worden; und ich ver-

    spreche niemandem, da er hier etwas in dieser Art ganz Neues antreffen werde, sondern ich wer-

    de mich nur bemhen, die verschiedenen Regeln und Verfahrensarten, die der Talentvolle, mei-

    stens ohne sich ihrer selbst bewut zu sein, befolgt, in deutliche Worte zu fassen"

    Bolzano (1837) zur Heuristik

  • 2

    Inhaltsverzeichnis

    1 Einleitung

    2 Einfhrung in die wissenschaftliche Diskussion

    2.1 Definition: Heuristik

    2.2 Der Heuristikbegriff in der Philosophie

    2.2.1 Klassische Anstze

    2.2.2 Heuristikansatz von Schleiermacher

    2.3 Wissenschaftliche Strmungen im 19./ 20. Jahrhundert und ihr Einflu auf die Ver-

    wendung von heuristischen Konzepten in den Sozialwissenschaften

    3 Kleinings Motivation zur Vorlegung des Konzepts einer qualitativen Heuristik

    und Darstellung der Grundlagen

    3.1 Kleining zum Zustand der Sozialwissenschaften

    3.2 Grundlagen einer heuristisch-qualitativen Forschung

    3.2.1 Subjekt-Objekt-Spaltung

    3.2.2 berwindung der Subjekt-Objekt-Differenz: Hermeneutische vs. Heuristische Metho-

    den

    3.2.3 Intersubjektivitt als Ziel sozialwissenschaftlicher Forschung

    3.2.4 Interaktion als Grundform der Forschung

    3.2.5 Entstehung der Kritik

    3.2.6 Datenformen und ihre Verwendung

    4 Die qualitative Heuristik: Regeln, Methoden und Strategien

    4.1 Die 4 grundlegenden Regeln qualitativer Sozialforschung

    4.2 Methoden

    4.3 Drei Entdeckungsstrategien

    4.4 Forschungsablauf: Konkret ! abstrakt ! konkret

    4.5 Prfverfahren

    4.6 Ende des Entdeckungsprozesses - Die 100%-Regel

    5 Beispiel: Heuristische Textanalyse

    6 Prfung der Akzeptanz von Kleinings Thesen in der wissenschaftlichen Diskussi-

    on

    6.1 Rezensionen

    6.2 Abhandlungen zu Kleinings Thesen in Bchern qualitativer Sozialforschung

    7 Schlubemerkung

    8 Literaturverzeichnis

  • 3

    1 Einleitung

    "Jeder Intellektuelle hat eine ganz spezielle Verantwortung. Er hat das Privileg und die Gele-

    genheit zu studieren. Dafr schuldet er seinen Mitmenschen (oder 'der Gesellschaft'), die Er-

    gebnisse seines Studiums in der einfachsten und klarsten und bescheidensten Form darzustel-

    len. Wer's nicht einfach und klar sagen kann, der soll schweigen und weiterarbeiten, bis er's

    klar sagen kann" (Popper, 1971). An der Aussage dieses Satzes soll die vorliegende Arbeit

    gemessen werden, die sich mit der Heuristik und speziell mit der Qualitativen Heuristik im

    Sinne Kleinings auseinandersetzt.

    2 Einfhrung in die wissenschaftliche Diskussion

    2.1 Definition: Heuristik

    "Heuristik" leitet sich aus dem griechischen heuriskin (finden, auffinden) ab, auch bekannt

    durch den Ausruf "Heureka" (ich habe es), den Archimedes angeblich bei der Entdeckung des

    hydrostatischen Grundgesetzes ausgetan haben soll. Als Lehre, "wahre" Aussagen zu finden,

    ist sie von der Logik abzugrenzen, die wahre Aussagen zu begrnden sucht. Das Forschungs-

    feld ist die geistige Kreativitt, d.h. die Kreativitt, die durch das Operieren von geistigen

    Elementen zu einem Denkziel bzw. einer Problemlsung kommt, welche(s) erst verschlossen

    scheint.

    Nach Hartkopf (1987) gibt es in der Heuristik im weiteren Sinne drei Hauptfragerich-

    tungen: Erstens die soziologische, welche nach den Wurzeln der geistigen Produktivitt in der

    gesellschaftlichen Umwelt und Verbindungen zu geistigen Traditionen fragt. Zweitens die

    denkpsychologische, die zu ergrnden sucht, welche psychologischen Bedingungen produkti-

    ve geistige Leistungen frdern, bzw. hemmen. Drittens die methodologische Heuristik im

    engeren Sinne, die sich auf das "bewute, methodische, geistige Bemhen erstreckt, neue

    Denk- oder Erkenntnisresultate zu erzielen." Die vorliegende Arbeit wird sich mit letzterem

    beschftigen.

    2.2 Der Heuristikbegriff in der Philosophie

    2.2.1 Klassische Anstze

    Das Bewutsein ber heuristische Gedankengnge ist nach Hartkopf (1987) erst verhltnis-

    mig spt in die Wissenschaft eingeflossen. Als einer der ersten hat der Spanier Raimundus

    Lullus (1235-1313) den Begriff Heuristik fr die Lehre von der Methode zur Lsung vorge-

    legter Probleme geprgt. Er versuchte vergeblich, eine "Ars magna et ultima" zu finden. Eine

  • 4

    Universalmethode, die in der Lage sei, alle erdenklichen Probleme zu lsen. In seiner Traditi-

    on stehen Descartes und Leibniz.

    Descartes (1596-1650) Methode besteht heuristisch "in der Ordnung und Disposition

    dessen, worauf sich der Blick des Geistes richten mu, damit wir eine bestimmte Wahrheit

    entdecken" (Descartes, 1960). Dafr formuliert er vier Regeln: Erstens niemals etwas als wahr

    anzuerkennen, wenn es nicht klar als dieses erkannt wird. Zweitens solle man das Problem in

    so viele Teile wie mglich zerlegen. Drittens beginne man immer beim Leichtesten und Ein-

    fachsten, um dann auf die Erkenntnis des Zusammengesetzten hinzuarbeiten, und viertens

    stelle man mglichst vollstndige Aufzhlungen und allgemeine bersichten auf, so da man

    sicher sei, nichts auszulassen.

    Descartes geht dabei von einer atomistischen Welt- und Gedankenstruktur aus, die

    man deduktiv (vom Besonderen ins Allgemeine) lckenlos erfassen knne. Er unterteilt in

    vollkommene (in ihrer ganzen Struktur erfabare) und unvollkommene Probleme, wobei un-

    vollkommene sich auf vollkommene zurckfhren lassen knnten (diesen Beweis blieb er

    allerdings schuldig, nach Hartkopf (1987) ist er auch gar nicht zu leisten). Vollkommene Pro-

    bleme sollen erst in mathematische, dann in algebraische und schlielich auf die Lsung einer

    Gleichung zurckgefhrt werden. Descartes hat seine Arbeit an der Methode nicht zum Ab-

    schlu gebracht, woraus Hartkopf (1987) den Schlu zieht, da Descartes erkannt hat, da

    nicht jedes Problem quantifizierbar ist.

    Leibniz (1646-1716) baut mit seiner "Ars combinatoria", die wie bei Lullus "Ars

    magna et ultima" alle mglichen Erkenntnisse gewinnen soll, auf dem Ansatz von Descartes

    auf, dessen Arbeiten ihm vorlagen. Er geht davon aus, da alle zusammengesetzten Begriffe

    der Welt auf wenige Elementarbegriffe reduziert werden knnen, aus denen durch Kombina-

    tion alle mglichen Begriffszusammensetzungen zu erhalten sind. Die "Ars combinatoria" soll

    nicht nur alles finden, sondern auch alles entscheiden knnen.

    Da die Alltagssprache zu unscharf und mehrdeutig ist, setzt er eine Kunstsprache vor-

    aus, die sich, wie im Bereich der Mathematik, durch scharf und eindeutig festgelegte Ele-

    mente und Symbole auszeichnet. Aus diesen berlegungen entwickelt er eine universelle

    formale Logik, die er als Vehikel zu einer universellen Heuristik sieht.

    Er trennt die Algebra von einer "Mathesis universalis", die ber die mathematisch

    quantifizierbare Rationalitt hinaus alles umfat, was der Einbildungskraft unterliegt. Diese

    "Mathesis univeralis" besteht sowohl aus der Ars combinatoria ber die Verschiedenartigkeit

    der Dinge und ihrer Formen und Qualitten, soweit sie einer genauen Schlufolgerung unter-

    worfen sind, als auch aus der Logistik oder Algebra ber die Quantitt. Einer logisch fun-

  • 5

    dierten Heuristik im Sinne von Leibniz sind jedoch nach Hartkopf (1987) insoweit Grenzen

    gesetzt, da sie nur Erkenntnisse ber vorliegende Probleme liefern kann, whrend sie nicht in

    der Lage ist, zu darber hinausgehenden Erkenntniserweiterungen zu fhren.

    Es ist festzuhalten, da keiner der drei klassischen Anstze zu einer universellen heu-

    ristischen Methodik gekommen ist, ebenso wird die Fortfhrung zur Logik der