Revolution und Konterrevolution in Deutschland - Der .Revolution und Konterrevolution in Deutschland

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  • Friedich Engels

    Friedich Engels

    Revolution und Konterrevolution in Deutschland

    Geschrieben August 1851 bis September 1852

    Aus: "New-York Daily Tribune"

    Die berschriften sind an die 1896 von Eleanor Marx-Aveling besorgte Ausgabe in englischer Sprache angelehnt.

    Kapitelbersicht

    I. Deutschland am Vorabend der Revolution II. Der preuische Staat III. Die brigen deutschen Staaten IV. sterreich V. Der Wiener Mrzaufstand VI. Der Berliner Aufstand VII. Die Frankfurter Nationalversammlung VIII. Polen, Tschechen und Deutsche IX. Der Panslawismus -Der Krieg in Schleswig-Holstein X. Der Pariser Aufstand -Die Frankfurter Nationalversammlung XI. Der Wiener Oktoberaufstand XII. Die Erstrmung Wiens -Der Verrat an Wien XIII. Die preuische konstituierende Versammlung -Die Frankfurter Nationalversammlung XIV. Die Wiederherstellung der Ordnung -Reichstag und Kammern XV. Preuens Triumph XVI. Die Nationalversammlung und die Regierungen XVII. Der Aufstand XVIII. Die Kleinbrger XIX. Das Ende des Aufstandes

    I. [Deutschland am Vorabend der Revolution]

    Der erste Akt des revolutionren Dramas auf dem europischen Kontinent ist zu Ende. Die "Mchte der

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    Vergangenheit" vor dem Sturm von 1848 sind wieder die "Mchte der Gegenwart", und die mehr oder weniger populren Regenten, Triumvirn, Diktatoren, alle mit ihrem Gefolge von Abgeordneten, Zivilkommissaren, Militrkommissaren, Prfekten, Richtern, Generalen, Offizieren und Soldaten, sind an fremde Ksten verschlagen und "ber See verschickt", nach England oder Amerika, um dort neue Regierungen "in partibus infidelium", europische Komitees, Zentralkomitees, nationale Komitees zu bilden und ihr Kommen in Proklamationen anzukndigen, nicht minder feierlich als die eines weniger imaginren Potentaten.

    Eine schwerere Niederlage als die, welche die Revolutionspartei - oder besser die Revolutionsparteien - auf dem Kontinent an allen Punkten der Kampflinie erlitten, ist kaum vorstellbar. Doch was will das besagen? Umfate nicht das Ringen des britischen Brgertums um die soziale und politische Vorherrschaft achtundvierzig, das des franzsischen Brgertums vierzig Jahre beispielloser Kmpfe? Und waren sie ihrem Triumph nicht gerade dann am nchsten, als die wiederhergestellte Monarchie sich fester im Sattel whnte denn je? Die Zeiten jenes Aberglaubens, der Revolutionen auf die Bsartigkeit einer Handvoll Agitatoren zurckfhrt, sind lngst vorber. Alle Welt wei heutzutage, da jeder revolutionren Erschtterung ein gesellschaftliches Bedrfnis zugrunde liegen mu, dessen Befriedigung durch berlebte Einrichtungen verhindert wird. Das Bedrfnis mag noch nicht so dringend, so allgemein empfunden werden, um einen unmittelbaren Erfolg zu sichern; aber jeder Versuch einer gewaltsamen Unterdrckung wird es nur immer strker hervortreten lassen, bis es seine Fesseln zerbricht. Sind wir also einmal geschlagen, so haben wir nichts anderes zu tun, als wieder von vorn anzufangen. Und die wahrscheinlich nur sehr kurze Ruhepause, die uns zwischen dem Schlu des ersten und dem Anfang des zweiten Aktes der Bewegung vergnnt ist, gibt uns zum Glck die Zeit fr ein sehr notwendiges Stck Arbeit: fr die Untersuchung der Ursachen, die unweigerlich sowohl zu der letzten Erhebung wie zu ihrem Mierfolg fhrten; Ursachen, die nicht in den zuflligen Bestrebungen, Talenten, Fehlern, Irrtmern oder Verrtereien einiger Fhrer zu suchen sind, sondern in dem allgemeinen gesellschaftlichen Zustand und in den Lebensbedingungen einer jeden, von Erschtterungen betroffenen Nation. Da die pltzlichen Bewegungen des Februar und Mrz 1848 nicht das Werk Einzelner waren, sondern der spontane, unwiderstehliche Ausdruck nationaler Bedrfnisse, die mehr oder weniger klar verstanden, aber sehr deutlich empfunden wurden von einer ganzen Anzahl von Klassen in allen Lndern - das ist eine allgemein anerkannte Tatsache; wenn man aber nach den Ursachen der Erfolge der Konterrevolution forscht, so erhlt man von allen Seiten die bequeme Antwort, Herr X oder Brger Y habe das Volk "verraten". Diese Antwort mag zutreffen oder auch nicht, je nach den Umstnden, aber unter keinen Umstnden erklrt sie auch nur das Geringste, ja sie macht nicht einmal verstndlich, wie es kam, da das "Volk" sich derart verraten lie. Und wie jmmerlich sind die Aussichten einer politischen Partei, deren ganzes politisches Inventar in der Kenntnis der einen Tatsache besteht, da dem Brger Soundso nicht zu trauen ist.

    berdies ist es vom historischen Standpunkt aus von grter Bedeutung, da sowohl die Ursachen der revolutionren Erschtterung wie die ihrer Unterdrckung untersucht und dargestellt werden. All die kleinlichen persnlichen Znkereien und Beschuldigungen, all die einander widersprechenden Behauptungen, Marrast oder Ledru-Rollin oder Louis Blanc oder ein anderes Mitglied der Provisorischen Regierung oder alle zusammen htten die Revolution mitten in die Klippen hineingesteuert, an denen sie scheiterte - welches Interesse knnen sie bieten, welches Licht auf die

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    Ereignisse werfen fr einen Amerikaner oder Englnder, der all diese verschiedenen Bewegungen aus einer Entfernung beobachtete, die zu gro ist, um ihn Einzelheiten der Vorgnge unterscheiden zu lassen? Kein vernnftiger Mensch wird jemals glauben, da elf Mnner, zumeist von recht mittelmiger Begabung im Guten wie im Bsen, imstande seien, im Verlauf von drei Monaten eine Nation von sechsunddreiig Millionen zugrunde zu richten, es sei denn, diese sechsunddreiig Millionen waren sich ber den einzuschlagenden Weg genauso im unklaren wie jene elf. Aber wie es kam, da diese sechsunddreiig Millionen, obwohl sie zum Teil im ungewissen herumtappten, auf einmal berufen waren, nach eigenem Gutdnken zu entscheiden, welcher Weg beschritten werden sollte, wie sie sodann in die Irre gerieten und ihre alten Fhrer vorbergehend wieder die Fhrung erlangen durften - das ist gerade die Frage.

    Wenn wir also versuchen, den Lesern der "Tribune" die Ursachen auseinanderzusetzen, die mit Notwendigkeit die Revolution von 1848 hervorriefen und ebenso unvermeidlich zu ihrer zeitweiligen Unterdrckung in den Jahren 1849 und 1850 fhrten, so darf man von uns nicht erwarten, da wir eine vollstndige Geschichte der Ereignisse geben, wie sie sich in Deutschland abgespielt haben. Sptere Ereignisse und das Urteil der Nachwelt werden entscheiden, was von dieser verworrenen Masse scheinbar zuflliger, zusammenhangloser und nicht miteinander vereinbarer Tatsachen bestimmt ist, in die Weltgeschichte einzugehen. Die Zeit fr eine solche Aufgabe ist noch nicht gekommen; wir mssen uns in den Grenzen des Mglichen halten und uns zufriedengeben, wenn es uns gelingt, vernunftgeme, auf unleugbaren Fakten beruhende Ursachen zu finden, die die wichtigsten Ereignisse, die entscheidenden Wendepunkte jener Bewegung erklren und uns Aufschlu ber die Richtung geben, in die der nchste, vielleicht gar nicht so ferne Ausbruch das deutsche Volk lenken wird.

    Zunchst, welches war der Zustand Deutschlands bei Ausbruch der Revolution?

    Die Zusammensetzung der verschiedenen Klassen des Volkes, die die Grundlage eines jeden politischen Organismus bilden, war in Deutschland komplizierter als in irgend einem anderen Lande. Whrend in England und Frankreich eine mchtige, reiche, in groen Stdten und namentlich in der Hauptstadt konzentrierte Bourgeoisie den Feudalismus vllig vernichtet oder wenigstens, wie in dem erstgenannten Lande, auf einige wenige, bedeutungslose uere Formen reduziert hatte, war dem Feudaladel in Deutschland ein groer Teil seiner alten Privilegien erhalten geblieben. Fast berall herrschte noch das System des feudalen Grundbesitzes. Die Grundherren hatten sogar die Gerichtsbarkeit ber ihren Gutsbezirk behalten. Obzwar ihrer politischen Vorrechte, des Rechtes, die Frsten zu kontrollieren beraubt, hatten sie doch fast ihre ganzen mittelalterlichen Hoheitsrechte ber die Bauernschaft ihrer Lnder sowie die Steuerfreiheit bewahrt. Der Feudalismus war in manchen Gegenden mehr in Blte als in anderen, aber auer auf dem linken Rheinufer war er nirgends vllig beseitigt. Dieser seinerzeit auerordentlich zahlreiche und zum Teil sehr reiche Feudaladel galt offiziell als der erste "Stand" im Lande. Er stellte die hheren Staatsbeamten, er besetzte fast ausschlielich die Offiziersstellen in der Armee.

    Die Bourgeoisie Deutschlands war bei weitem nicht so reich und konzentriert wie die Frankreichs oder Englands. Die alten Manufakturen Deutschlands waren durch das Aufkommen der Dampfkraft und durch die sich rasch ausbreitende Vorherrschaft der englischen Industrie zugrunde gerichtet worden; die

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    modernsten Industrien, die, unter dem napoleonischen Kontinentalsystem ins Leben gerufen, in anderen Teilen des Landes errichtet worden waren, boten keinen Ausgleich fr den Verlust der alten und reichten nicht aus, um einen Kreis an der Industrie Interessierter zu bilden, der stark genug gewesen wre, Regierungen, die jede Anhufung nichtadeligen Reichtums und nichtadeliger Macht argwhnisch gegenberstanden, zur Rcksicht auf ihre Bedrfnisse zu zwingen. Whrend Frankreich seine Seidenindustrie siegreich ber fnfzig Revolutions- und Kriegsjahre hinwegbrachte, bte Deutschland im gleichen Zeitraum fast seine ganze alte Leinenindustrie ein. berdies waren die deutschen Industriebezirke dnn gest und weit verstreut, sie lagen tief im Innern des Landes, benutzen fr ihre Ein- und Ausfuhr vorwiegend auslndische, hollndische oder belgische Hfen und hatten daher wenig oder gar keine gemeinsame Int