TEIL 1. BURNOUT SYNDROM – URSACHEN UND ?· Das Oldenburg Burnout Inventory (OLBI) ... Syndrom-Messinstrumente…

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  • TEIL 1. BURNOUT SYNDROM

    URSACHEN UND AUSWIRKUNGEN

    von S. Stock Gissendanner, C. Stock,

    K. Tigges-Limmer und G. Schmid-Ott

    INHALT

    1 Hintergrund und Lernziele

    2 Ursachen und Auswirkungen

    2.1 Das Maslach Burnout Inventory (MBI) als induktiver Definitionsversuch

    2.2 Wissenschaftliche Diskussionen um die Definition des Burnout-Syndroms

    2.3 Prvalenzen

    2.4 Pathogenese und Risikofaktoren

    2.5 Immunologische und endokrinologische Aspekte des Burnout-Syndroms

    2.6 Genotypen und Phnotypen bei Burnout-Syndrom?

    1 Hintergrund und Lernziele1

    Der Begriff Burnout-Syndrom - Ausgebrannt sein, auch als

    Erschpfungsdepression bezeichnet bezieht sich auf einen "Symptomkomplex mit

    dem Kardinalsymptom Erschpfung als Reaktion auf eine lange andauernde

    emotionale und interpersonelle Belastung am Arbeitsplatz",1 einschlielich des

    Arbeitsplatzes im Dienst der eigenen Familie. Zwei weitere Hauptsymptome sind

    * Die im folgenden Text verwendeten Personen- und Berufsbezeichnungen beziehen sich auf Personen beiderlei Geschlechts.

  • ebenfalls hufig auf die Berufsttigkeit bezogen: Depersonalisierung (oder Zynismus)

    und die reduzierte persnliche Leistungsfhigkeit. Das Burnout-Syndrom ist also

    zusammengefasst charakterisiert durch 1. hohe Erschpfung und 2.

    Depersonalisierung sowie 3. niedrige Leistungsfhigkeit.

    Das Burnout-Syndrom ist ein vor allem arbeitspsychologisches Hilfskonstrukt zur

    Beschreibung eines weitverbreiteten Phnomens der heutigen Arbeitswelt, keine

    Krankheit mit eindeutigen diagnostischen Kriterien. Es findet in der ICD-10 lediglich

    als eins der "Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewltigung"

    unter der Zusatzziffer Z73 Erwhnung. Kosten fr die Behandlung des Burnout-

    Syndroms werden von den Gesetzlichen Krankenkassen und Rentenversicherungen

    dementsprechend nicht bernommen. Die Kosten fr die Behandlung Betroffener

    werden von den entsprechenden Institutionen nur dann bernommen, wenn neben

    der ICD-10-Diagnose Z73 eine Komorbiditt in Bezug auf psychische Strungen

    (ICD-10-Klassifikation Kapitel V [F00-F99] Psychische und Verhaltensstrungen)

    besteht.

    Als eine von vielen "modernen" stressbedingten, subjektiv wahrgenommenen,

    Gesundheitsbeschwerden hat das Burnout-Syndrom keine eindeutige psychische

    oder krperliche Ursache. Aber auch wenn das Burnout-Syndrom manchmal als

    Modediagnose herabgestuft wird, sind seine Symptome trotzdem mit groen

    Problemen fr die Betroffenen und mit erheblichen Kosten fr die Gesellschaft

    verbunden.2-4 Chronischer Stress ist die Grundlage vieler psychischer Strungen,

    auch des Burnout-Syndroms. Die Prvalenzraten von Frhverrentungen und

    Arbeitsfehlzeiten aufgrund von psychisch und psychosomatisch bedingten Strungen

    im Allgemeinen haben sich zwischen 1993 und 2008 mehr als verzweifacht.5 Es

  • besteht mglicherweise ein Zusammenhang zwischen dem erhhten Auftreten des

    Burnout-Syndroms und der Zunahme der Dauer der Arbeitsunfhigkeit.6-9

    Die Zahl der Personen in psychiatrischen und psychosomatischen

    Rehabilitationskliniken, die an Burnout-typischen Symptomen leiden, wchst. Die

    klinischen Angebote fr Burnout-Syndrom-Betroffene nehmen ebenfalls zu und

    werden nach Berufsgruppen und anderen Kriterien immer weiter differenziert.

    Mit der wachsenden Prvalenz und Bekanntheit wchst auch der Bedarf an

    fundiertem Wissen ber das Burnout-Syndrom bei Behandlern in der klinischen

    Psychologie, Psychotherapie bzw. Psychosomatik und Psychiatrie. Diese Fortbildung

    besteht aus zwei Teilen. Im hier folgenden ersten Teil werden unterschiedliche

    Aspekte des wissenschaftlichen Diskurses im Kontext der Definition des Burnout-

    Syndroms sowie die verschiedenen Anstze, seine Pathogenese genauer zu

    beschreiben, dargestellt. Der zweite Teil widmet sich den vorhandenen

    Verlaufsmodellen, den bekannten weiterfhrenden gesundheitsschdigenden

    Auswirkungen des Burnout-Syndroms, seiner Diagnostik sowie seiner Behandlung.

    Teil eins orientiert sich an folgenden Lernzielen:

    Das Burnout-Syndrom unter Bercksichtigung von Kontroversen der aktuellen

    wissenschaftlichen Diskussion definieren;

    Relevante Faktoren der Pathogenese und Vorbeugung identifizieren;

    Das Burnout-Syndrom von Syndromen mit hnlicher Symptomatik abgrenzen;

    Aktuelle Themen und Ergebnisse der Burnout-Forschung, insbesondere

    immunologische und endokrinologische Aspekte des Burnout-Syndroms,

    rezipieren.

  • 2 Ursachen und Auswirkungen

    Der Begriff "Burnout (-Syndrom) wurde durch den deutsch-amerikanischen

    Psychoanalytiker Herbert Freudenberger und die amerikanische Sozialpsychologin

    Christina Maslach geprgt.10,11 Die frhen Studien beschftigten sich mit Personen in

    den helfenden Berufen (insbesondere Psychotherapeuten, rzte,

    Krankenschwestern und Sozialarbeitern), die stets bedrftige Menschen emotional

    untersttzen mussten und deswegen besonderen emotionalen und interpersonalen

    Stressoren ausgesetzt waren.12 Mit dem Terminus "Burnout" beschrieben

    Freudenberger und Maslach einen Zustand der emotionalen Erschpfung und

    Demotivation dieser Berufsgruppen. Spter wurden hnliche Symptome in anderen

    Berufen beobachtet, wie z. B. Lehrer, Sportler und Fhrungskrfte; das Burnout-

    Syndrom wird somit nicht mehr als eine spezifische Problematik der helfenden

    Berufe angesehen.

    2.1 Das Maslach Burnout Inventory (MBI) als induktiver Definitionsversuch

    Bis zu 130 verschiedene Symptome wurden in Zusammenhang mit dem Burnout-

    Syndrom gebracht.13 Den einflussreichsten Versuch, die Vielfalt an mglichen

    Burnout-Symptomen auf einige Kernsymptome zu reduzieren, stellten Maslach und

    Jackson 1981 in der Form eines Messinstruments vor: das Maslach Burnout

    Inventory (MBI). Im MBI wird das Burnout-Syndrom durch drei Beschwerde-

    Dimensionen mit 22 Items bemessen (Tabelle 1).12,14 Das MBI und seine

    Weiterentwicklungen stellen das lteste, meist genutzte und auch best validierte

  • Diagnostik-Instrument fr das Burnout-Syndrom dar.12,15,16 ber 90 % der

    wissenschaftlichen Studien zum Burnout-Syndrom verwenden das MBI.17

    Die drei Symptomdimensionen von Maslach und Jackson gelten immer noch als die

    beste Definition des Burnout-Syndroms, wurden jedoch nur induktiv aus mehreren

    Fragebogenitems mit Hilfe einer Faktorenanalyse zusammengestellt und basieren

    auf keinerlei theoretischem Gerst.18 Weil das MBI mit der Zeit weiter entwickelt19,20

    und in andere Sprachen bersetzt wurde, entwickelte sich auch die Bedeutung der

    drei Symptomdimensionen weiter. Dies betrifft vor allem die Erweiterung der

    Anwendbarkeit des MBI auf weitere Berufsgruppen. Weil sich das Konzept des

    Burnout-Syndroms ursprnglich nur auf die so genannten helfenden Berufe bezog,

    ging in der initialen Konzeptionalisierung der ersten Dimension dieses Syndroms, der

    sogenannten Depersonalisierung, die Distanzierung zur Berufsttigkeit automatisch

    mit einem erhhten emotionalen Abstand gegenber anderen Menschen einher, d. h

    eine distanzierte, Patienten oder Klienten weniger als Menschen, denn als

    'unpersnliche Objekte' wahrnehmende Haltung".21Empirisch wurde aber spter

    festgestellt, dass das Burnout-Syndrom nicht nur auf die helfenden Berufe

    beschrnkt ist.22 Dem wurde in Weiterentwicklungen des MBIs Rechnung getragen

    und "Depersonalisierung" wurde durch "Zynismus" gegenber der Berufsttigkeit im

    weiteren Sinne12 ersetzt.

    Tabelle 1: Kernsymptome von Burnout nach Maslach und Jackson 198120,23,24

    Kernsymptome Beschreibung Typische Verhaltensweisen

    Beispielitems des Maslach Burnout Inventory*

    1. Emotionale Erschpfung

    Erschpfungsgefhle aufgrund schwindender Energien; im Vordergrund stehen hierbei die emotionale und krperliche Kraftlosigkeit wegen der

    Frustration, Angst Schnelle Erschpfung nach wenigen Arbeitsstunden

    Ich fhle mich durch meine Arbeit ausgebrannt. Der direkte Kontakt mit Menschen bei meiner

  • langanhaltenden berufsbezogenen Belastung

    Morgens und auch an Wochenenden erschpft Hobbies und soziale Aktivitten werden verringert

    Arbeit belastet mich zu stark. Ich fhle mich durch meine Arbeit frustriert.

    2.Depersonalisation/ Zynismus

    Eine negative oder teilnahmslose Haltung gegenber anderen Mitmenschen; diese Personen knnen Mitarbeiterinnen, Kunden, Schler, Studentinnen, Familienangehrige oder Kollegen aus Freundeskreis und Hobby sein

    Abschtzige uerungen gegenber Mitmenschen Gefhle zu Mitmenschen wie Freude, Empathie, Anteilnahme, Trauer, Spannung, Kummer sind vollstndig abgeflacht; bei Gesprchen fehlt die innere, emotionale Beteiligung Freizeit, soziale Aktivitten werden als sinn- und nutzlos eingeschtzt

    Ich glaube, dass ich manche Kunden so behandle, als wren sie unpersnliche "Objekte" Es macht mir nicht wirklich viel aus, was mit manchen Kunden passiert. Ich befrchte, dass diese Arbeit mich emotional verhrtet.

    3. Verringerte persnliche Leistungsfhigkeit

    Versagensverlust, Unzufriedenheit mit der eigenen Leistung sowie das fehlende Vertrauen in die eigene Leistungsfhigkeit stehen im Vordergrund

    Substanzmissbrauch berstunden Wochenendarbeit Vernderungen und Probleme werden gemieden

    Ich habe das Gefh