Über den liebesgottby Jacob Grimm

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  • ber den liebesgott by Jacob GrimmReview by: Dr. SteinthalZeitschrift fr vergleichende Sprachforschung auf dem Gebiete des Deutschen, Griechischenund Lateinischen, 1. Bd., 6. H. (1852), pp. 566-570Published by: Vandenhoeck & Ruprecht (GmbH & Co. KG)Stable URL: http://www.jstor.org/stable/40844266 .Accessed: 22/05/2014 20:29

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    Wir schliefsen fr diesmal mit einer besprechung der wr- ter gram jan und s a kan. Es lfst sich kaum bezweifeln, dafs die wurzel gram eine erweiterte, d. h. dafs m schon, um mich so auszudrcken, ein nomineller zusatz sei, vgl. hhmat im skr. u. a. Wird uns dieses zugegeben, dann werden wir um die ur- sprngliche wurzel nicht mehr verlegen sein: wir finden sie in dem schon mehrfach erwhnten ghr, glnzen, gelb sein, warm sein u. s. f., in welchem nach hufigem aspiraten Wechsel bh statt gh eintreten kann : hrnih ist nach Naigh. II, 13. einer der namen fr zorn und hrny heifst zrnen, hri zrnen, sich schmen. Dazu stimmt im griechischen xolq und %lo als zorn, %o!o

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    hat, dafs es keine Wissenschaft giebt, dafs vielmehr das forschen unsere sache ist. Wir sind nicht crogpoi, sondern ytlGoyoi.

    Die geschiente der ideen lehrt, dafs jeder neue fund zuerst im enthusiasmus als etwas absolutes ausgesprochen wurde. So geschah es auch mit der vergleichung, als man am Schlsse des vorigen jahrh. sie als neue mthode der forschung aufstellte, und darauf auch die vergleichende grammatik der alten als die neue gegenbersetzte. Indem man aber so die vergleichung als etwas besonderes aussprach, hat man sie in Wahrheit an wrde herab- gesetzt; denn sie ist nicht eine besondere mthode, sondern die grundthtigkeit unseres geistes, durch welche wir nicht blofs be- griffe, allgemeine Vorstellungen, sondern selbst unsere anschauun- gen von einzelnen dingen bilden. Sowie die automatische th- tigkeit der seele aufhrt, beginnt vergleichung. Darum ist das epitheton vergleichend bei allen Wissenschaften ein sehr berfls- siges. Man versuche nur zu erkennen, gar speculativ zu erken- nen, ohne vergleichung!

    Ist diese nun denken berhaupt, so kommt es eben auf ihre wissenschaftlichkeit, ihre gesetzmfsigkeit an; zuletzt aber erhlt sie ihren werth doch nur je nach der tiefe, mit der sie in das wesen der dinge eindringt, und nach den ideen, die sie erzeugt.

    Jacob Grimm, der meister der historischen Sprachforschung, hat zugleich selbst (geschieh te der deutschen sprche s. XI1I.) sie fr unbefriedigend erklrt. Mit recht! denn da es einen krper und einen ihm inwohnenden geist zu erforschen giebt, wer knnte sich befriedigt fhlen, wenn er blofs den krper zergliedert hat? Ewig bei wrtervergleichungen und lautwechsel stehen bleiben, heifst sogar dasselbe, als wenn etwa der naturforscher nur immer bei mechanik und chemie bleiben und die hier gewonnenen re- sultate nicht auf den Organismus anwenden wollte. Das leben, sei es der natur oder der sprche, ist das ziel der forschung; und es ist eine ganz grundlose enthaltsamkeit, das leben unbeachtet zu lassen, weil wir das reich der mechanik noch nicht erschpft haben. Das leben der sprche aber liegt im g eis te.

    Der geist der Vlker ist es also, zu dessen erkenntnifs sich Grimm durch Sprachforschung den weg bahnt. Hierin ist ei4 Wilhelm v. Humboldt hnlich. Er unterscheidet sich von ihm nicht sowohl durch das ziel, als durch seine natur: indem er die dialektik und Spekulation desselben durch eine gewisse geniale naivett ersetzt. Wenn sich Humboldt durch gegenstze hin-

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    durcharbeitet, um zum letzten einheitlichen grnde zu gelangen, so schafft Grimm's unmittelbar eindringender blick durch reich- haltige combinirung umfassende anschauungen von den ufseren Verhltnissen der Vlker oder ihrer inneren vorstellungs weise.

    Eine neue Wissenschaft ist im entstehen: die Vlkerpsy- chologie. Es kommt darauf an, wissenschaftliche gesichispunkte zu finden, nach denen sich die volksgeister darstellen lassen, ge- setze zu begrnden, durch welche ihre thtigkeit bestimmt wird. Die Sprachwissenschaft wird nicht blofs die reichhaltigste quelle fr diese neue diseiplin sein; sondern sie wird ein zweig dersel- ben werden, ein zweig der psychischen ethnologie. Denn sie ist es ihrem wesen und begriffe nach. Die sprche ist ganz unmittelbar der volksgeist; die entstehung beider fllt in ein- ander.

    Hiernach wird man Jacob Grimm's verdienst zu ermessen wissen. Welcher Sprachforscher hat wie er die etymologie zur erkenntnifs der volksgeister ausgebeutet! Wer hat dem worte so- viel knde ber die sinnesweise der Vlker zu entlocken ge- wufst! Mit welcher sichern band hat er im anfang seiner ge- schichte der deutschen sprche den kulturzustand der urzeit des indoeuropischen Stammes gezeichnet! - Wo sind, abgesehen von der arbeit des herrn Dr. Kuhn, hnliche arbeiten bisher ver- sucht worden! Und doch wrden sie allein den lexicalischen ety- mologien gehalt verleihen knnen.

    Grimm's neue arbeit ber den liebesgott ist ein sprechen- der beleg fr das angedeutete verdienst dieses mannes. Sie be- trifft die weise, in welcher die phantasie der Inder, Griechen, Rmer und Deutschen die liebe als gttliche person bildeten. Der liebesgott der Deutschen war erst zu finden und allein aus sprachlichen quellen, nicht aus bildern zu erklren. Er heifst wnsch, d. i. desiderium, voluntas, amor. Was zunchst die entwicklung der bedeutung betrifft, so zeigt die sanskritwur- zel kam desiderare, velie, amare ganz dieselbe. Das lat. amare ist mit diesem kam identisch, und amor steht fr camor. Kama amor ist ein indischer liebesgoit, scheint jedoch sptem Ursprungs. Der deutsche gott wnsch wird von den minnesngern des 13. Jahrhunderts besungen, doch nicht seine macht in der liebe, son- dern nur seine schpferische kraft, allerdings in bezug auf Schn- heit. Er ist der bildner der hchsten menschlichen Schnheit; ein solches schnes geschpf ist sein kind, dessen er sich freut,

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    ein wunschkind. Es wird ihm blume, krnz und auch ein gr- tel zugeschrieben, gleich der Afrodite. Diese anschauungen ms- sen aus tiefem heidenthum stammen und konnten unter christli- chen sngern nur an lebhaftigkeit verlieren.

    Eine besttigung dafr, dafs wnsch wirklich ein alter gott ist, bietet die nordische edda, welche unter Oins vielen beina- men auch Oski nennt, ohne dessen eigenheit zu schildern, die ihr wohl selbst schon unbekannt war. Dieser Oski ist eben wnsch, und es ist nur zu bemerken, dafs die schwache form Oski auch fr das hd. eine schwache form begehrt.

    Dafs wnsch nicht als gott der liebe, sondern als schaffende, welterhaltende fortzeugende kraft auftritt, hat er mit dem griech. Eros und ind. Kama gemein. Sonst galt den Deutschen Wuotan als schpfer und hchster aller gtter. Dieser aber steht dem Hermes gleich. Wie Hermes doitwQ heifst, so jener Gipicho (von gpan) der alles, wras man wnscht, gebende. Dieses enge ver- hltnifs aber zwischen wnsch und Wuotan entspricht der nahen beziehung zwischen Eros und Hermes.

    Das kennzeichen fr den liebesgott sind bei allen Vlkern vorzugsweise die flgel; sie kommen dem Eros und Hermes zu; auch Plato im Phaedrus bringt sie mit der liebe in Zusammenhang; und der indische Kama reitet wenigstens auf einem papagei. Ebenso wird wohl Wuotan im hhern alterthum beflgelt gewe- sen sein; spter stellte man sich ihn auf einem geflgelten rosse oder auf einem vogei reitend vor.

    Im sanskrit steht unserm wnsch am nchsten vnch oder vnksh desiderare, vnch desiderium. Die wurzel knksh de siderare ist nur die erweiterte form von dem genannten kam amare. Liefsen sich nun vnksh und kanksh identificiren , so wrde die einheit von amor, kama und wnsch klar.

    Um "Ecco?, scapai zu deuten, welches Pott mit skr. vr, Bopp mit var zusammenstellt, erinnert Grimm zunchst an skr. ishya, ersehnte frhlingszeit von ish desiderare. Zu letzterem ziehen Bopp und Pott auch [a.8qo, welches bei Pindar ganz fr egoog steht. So wie nun diese wurzel ish, die auch mythologisch zu- sammenhngenden frhling und liebe vereinigt, soll nach Grimm die gleichbedeutende wurzel va in gleicher weise "Eqg und ver, aQ, skr. vasanta (nach einem fter vorkommenden Wechsel des mit einfachem s) verbinden.

    Die lateinischen Cupido und Amor sind nicht etwa den

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    Griechen nachgeahmt. Wie Venus sind auch diese altrmischen Ursprungs. Cupido steht zunchst dem n&o, dem gott der Sehnsucht, der trauer und des sfsen Verlangens, und wie cupido zu cupio, so verhlt sich II&o zu 7io& und fgt sich leicht zu Tta^G) , n&o, nv&o, welche, gleich dem lat. patior, leid und Sehnsucht ausdrcken.

    Wie die Rmer Amor und Cupido, die Griechen Pothos und Himeros haben, so wird dem Oski wnsch, in der edda Vili wille (goth. vilja, voluntas und voluptas) zugesellt.

    So hat Grimm nicht nur zum ersten male in unserer heimi- schen mythologie liebesgtter aufgestellt, sondern auch bei Indern, Griechen, Rmern und Deutschen eine und dieselbe gottheit des Hebens, begehrens, trachtens, sehnens nachgewiesen.

    Es will uns aber characteristisch scheinen, dafs whrend In der, Griechen und Rmer die liebe als leidenschaft mit dem merk- mal der begierde bezeichneten, die Deutschen daneben wenigstens noch eine andere vom stillen denken, sinnen entlehnte bezeich- nung hatten, welche die andere sogar verdrngte: m in ne (vgl. mens). Eben so hngt Sifn, weiche die edda als liebesgtlin nennt, mit seil, ags. sefa, alth. sebo mens, animus zusammen, in- goth. sofern sefan sf, safjan sof=^ sapere aus einem altern sifan, saf, siban saf stammt, da sifn und siafni noth wendig ein goth. sibna fordern.

    Diese annherung der liebe an das denken hat Grimm mit Plato's ansieht, liebe sei erinnerung der seele an die frher an- geschaute gttliche Schnheit, zusammengestellt, da minne mit 'ivr'Lri zusammenhngt.

    Der etymologische zweck dieser Zeitschrift verbietet, auf manche andere schne bemerkung Grimms einzugehen, wie stark auch die Versuchung dazu ist. Dr. Steinthal.

    Ludovicus Dderlei, index vocabulorum quorundam teu- tonicorum cum graecis latinisque congruentium.

    Erlangae 1851. 20 s. 4. (gelegenheitsschrift).

    Lblich ist's und anerkennenswerth, dafs herr Dderlein fr den leserkreis, den er vorzglich im auge hat (tironibus, non peritis, et curiosis potius quam studiosis haec scripta voi mu us"),

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    Article Contentsp. 566p. 567p. 568p. 569p. 570

    Issue Table of ContentsZeitschrift fr vergleichende Sprachforschung auf dem Gebiete des Deutschen, Griechischen und Lateinischen, 1. Bd., 6. H. (1852), pp. 481-576, 1-31Das affix , [pp. 481-483]Vysa und Homer [pp. 483-491]Sprachlich -naturhistorisches [pp. 491-506]Der stamm RID in altdeutschen personennamen [pp. 506-512]camillas, Camillus; camilla, Camilla [pp. 512-513]Gandharven und Kentauren [pp. 513-542]Zur geschichte des accents im lateinischen [pp. 543-556]AnzeigenReview: untitled [pp. 557-566]Review: untitled [pp. 566-570]Review: untitled [pp. 570-572]

    MiscelleDie germanischen perfecte auf r. [pp. 573-576]

    Bemerkte fehler und nachtrge [pp. 32-32]Back Matter

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