Urkunde, Vortrag, „Zettel“, Gespräch: Wie der Domvikar ... ?· 1 Johannes Schwitalla Urkunde, Vortrag,…

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    04-Jun-2018

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    Johannes Schwitalla

    Urkunde, Vortrag, Zettel, Gesprch:Wie der Domvikar Bernhard Ru im Jahre 1482mit unterschiedlichen Medien eine Werbungbei Kaiser Friedrich III. vorbrachte

    1. Zur historischen Situation. Die Texte2. Der Beglaubigungsbrief des Bischofs3. Der erste an den Kaiser adressierte Zettel4. Der Zettel an den Vizekanzler Johann Waldner5. Die Umformulierung des zweiten Zettels an den Kaiser in eine hfliche Form6. Die Audienz beim Kaiser

    6.1. Ort, Zeit, Beteiligte6.2. Zur Authentizitt des Berichts6.3. Mndliches vs. Schriftliches6.3. Der Gesprchsverlauf6.4. Der interaktive Vorrang und die Strategie des Kaisers6.5. Gegenstrategien des Gesandten6.6. Formen der Argumentation6.7. Beziehungsgestaltung

    7. Zur Interpretation historischer GesprcheAnhang: Krieger (1986) mit der Transkription des Berichts von Bernhard Ru

    1. Zur historischen Situation. Die Texte

    Karl-Friedrich Krieger (1986) verdanken wir die Verffentlichung einer zeitgenssischen Doku-mentation,1 in welcher der Speyrer Domvikar Bernhard Ru berichtet, wie er 1482 an den HofKaiser Friedrichs III. nach Wien gereist war, um fr seinen Bischof einen Rechtsstreit beizule-gen. Es ging um zwlf schwach dotierte Pfrnden der sog. Stuhlbrder, einer Laienbruderschaft,die an den Grbern der deutschen Kaiser und Knige im Speyrer Dom bestimmte Gebete zu ver-

    Empfohlene Zitierweise: Schwitalla, Johannes (2009): Urkunde, Vortrag, Zettel, Gesprch: Wie der Domvikar

    Bernhard Ru im Jahre 1482 mit unterschiedlichen Medien eine Werbung bei Kaiser Friedrich III. vorbrachte.In: Fest-Platte fr Gerd Fritz. Hg. und betreut von Iris Bons, Dennis Kaltwasser und Thomas Gloning. Gieen18.02.2009. URL: http://www.festschrift-gerd-fritz.de/files/schwitalla_2008_urkunde-vortrag-zettel-gespraech.pdf.

    1 Ich danke meinem Wrzburger Kollegen Franz Fuchs, der mich auf diesen Text hingewiesen hat und der mirviele wertvolle Informationen zu seinen historischen Hintergrnden gegeben hat. Dankenswerterweise hat HerrKollege Karl-Friedrich Krieger seinen Aufsatz ber die Gesandtschaft des Berhard Ru mit dessen Bericht frdiesen Aufsatz zur Verfgung gestellt. Beides befindet sich mit freundlicher Genehmigung der Schriftleitungdes Archiv fr Mittelrheinische Kirchengeschichte im Anhang.

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    richten hatte. Umstritten war, ob der Kaiser oder der Bischof das Recht hatte, diese Pfrnden zuvergeben. Der Kaiser versuchte whrend seiner ganzen Regierungszeit, verlorengegangene Ein-knfte und Rechte wiederzuerlangen. Deshalb wollte er den neu gewhlten Bischof so langenicht mit den Regalien belehnen, bis dieser auf die Pfrnden verzichtete. Der Bischof schickteinsgesamt vier Gesandtschaften an den Wiener Hof, zuletzt den Domvikar Bernhard Ru. Allekamen unverrichteter Dinge zurck. Der Streit wurde erst 1489 beigelegt: Der Bischof durfte diePfrnden zwar behalten, musste aber dafr eine groe Summe bezahlen (Krieger 1986, 192f.).

    Wir sind nun in der glcklichen Lage, dass Bernhard Ru nach seiner gescheiterten Missionam 12. Dezember 1482 einen ausfhrlichen Bericht2 beglaubigen lie, der mehrere Texte enthlt,mit denen er seinen diplomatischen Bemhungen zum Erfolg verhelfen wollte. Es sind dies:

    1. die Beglaubigungsurkunde,3 mit der Bischof Ludwig von Helmstatt den Kaiser bittet, dasihm auferlegte Kontingent fr den Krieg gegen den Knig von Ungarn, Mathias Cor-vinus, zu erlassen oder zu reduzieren. Diese Urkunde wurde dem Kaiser am 20. August1482 in der kaiserlichen Ratsversammlung nur zum Teil vorgelesen, da der Kaiser Ruaufforderte, seine Werbung mndlich vorzutragen;

    2. ein in die Ratsversammlung mitgebrachter und dem Kaiser bergebener zettel,4 in demRu die wesentlichen Punkte seiner Rede festhielt;

    3. insgesamt fnf weitere Zettel, die Ru unterschiedlichen kaiserlichen Rten gab, damitdiese seinen Wunsch beim Kaiser vorbringen mchten;5

    4. ein langes Gesprch mit dem Kaiser am 8. November 1482, das Ru nachtrglich aufge-schrieben hat.6

    Ich untersuche im Folgenden den Zusammenhang zwischen den sprachlichen Formen der Texteund den unterschiedlichen Medien, in denen sie erschienen. Das Gesprch wird nach mehrerenHinsichten untersucht, die fr eine historische Dialoganalyse relevant sind: Formen der Schrift-lichkeit und Mndlichkeit im Bericht von Ru, das Machtgeflle zwischen Kaiser und Gesand-tem, ihre dialogischen Strategien und Argumentationsformen, die Beziehungsgestaltung.

    2. Der Beglaubigungsbrief des Bischofs

    Der Brief des Bischofs an den Kaiser ist bezglich des Aufbaus,7 der Devotionsformen, der syn-taktischen Komplexitt8 und anderer sprachlicher Gepflogenheiten ganz im Stil einer offiziellen

    2 Generallandesarchiv Karlsruhe, neue Signatur: 42/89. Der Text steht eng beschrieben auf fnf Pergamentblttern

    in Folioformat. Zur Textsegmentierung verwendet Ru Haarstriche (in der Kopie kaum zu erkennen), Grobuch-staben zu Beginn und teilweise grere Spatien. Zitate werden buchstabengetreu wiedergegeben und Abkrzun-gen aufgelst. Gro- und Kleinbuchstaben sind nicht immer klar zu unterscheiden. Durchgezogenens I wird als wiedergegeben, Schaft-S als .

    3 Im Bericht credentz genannt. Der Text bei Krieger (1986, 202f.).4 Zettel hieen im 15. Jahrhundert ungesiegelte Schriftstcke der Verwaltung (Koller 1994, 121).5 Die Texte ebd. S. 207f., 209 (1. und 2. Version), 211 (an den Kaiser), 211 (an den Vizekanzler Johann Waldner;

    zu diesem vgl. Heinig (1997) Bd. 1, 81f. und passim.) .6 Text ebd. S. 212-220.7 Zu Beginn: Adresse mit Titulatur, Absender, Anrede, Ehrerbietungsformel, nochmalige Anrede, Vorgeschichte,

    Bitte und Begrndungen; am Ende: guter Wunsch, Ehrerbietung, Datum.

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    Urkunde des 15. Jahrhunderts gehalten. Dies beginnt schon mit der Titulatur der Adresse, welchevor dem nominalen Kern (Herr Friedrich) die superlativischen9 Adjektivattribute allerdurch-leuchtigster und gromchtigster und die (enge) Apposition Frst und Herr vorschreibt, nachdem nominalen Kern die Appositionen rmischer Kaiser und zu allen Zeiten Mehrer des Rei-ches, dann in absteigender Hierarchie die brigen Herrschaftstitel und zum Schluss noch einmalmit Superlativ die Formel meinem gndigsten Herrn:10

    Dem Allerdurchluchtigsten Gromechtigsten fursten vnd herrn herr friderichen RomischenKeiser zu allen ziten Merer des Riches zu Hungern Dalmacien Croacien etc konig Hertzog zuOsterich zu Stir zu Kernnten etc vnd grauen zu Tirol mym allergnedigsten herrn in siner kei-serlichen gnaden selbs hantd (vgl. Krieger 1987, 202)

    Auch innerhalb des Briefes betont Bischof Ludwig durchweg seine Untertnigkeit und seinenGehorsam: u k mt [uwer keiserlicher majestat] vnderteniger capellan Ludwig bischoff zu spier(mit kontrastiver Unterlassung weiterer Titel); als gehorsamer; in aller vndertenickeit (dreimal);in aller gehorsam; vnderteniclich vnd demuticlich (zweimal), [ich bitte] vnderteniclich (zwei-mal); als ich [...] getruwe sie; als irem willigen und gehorsamen capellan. Und er betont seineAbhngigkeit von der Gnade des Kaisers: mich so hoher anlegung gnediclich zu vertragen; irgnadenriche miltickeit.

    Der Unterordnung entspricht die bescheidene Selbstreferenz mit ich (statt des Pluralis maje-statis fr den Kaiser), die Referenz auf den Kaiser durchweg mit der 2. Pers. Pl. (Euer kaiserlicheGnaden), meist mit u k g abgekrzt. All das ist Konvention, die wie wir sehen werden nurdann auffllt, wenn sie fehlt.

    Ungefhr in der Mitte des Textes geht der Bischof von der Narratio zur Petitio ber, nachdemer schon gegen Ende der Narratio dreimal von Bittgesuchen an den Kaiser berichtet hatte. DieBittehandlungen im Petitio-Teil hufen sich nun. Sie sind damaligen Gepflogenheiten entspre-chend meist in Stzen formuliert, die ein sprechaktbezeichnendes Verb enthalten. In ihrer syn-taktischen Umgebung wird an die Gnade und Milde (Grozgigkeit) des Kaisers appelliert unddie Unterordnung des Bittenden extra betont (diese Teile sind im Folgenden fett hervorgehoben):

    Darumb allergnedigster herr u k mt ich vnderteniclich vnd demuticlich bitte [...]ich vnderteniclich bitte [...] als ich u k g v angeborner tugent getruwe sie ir gnadenrichemiltickeit an mynem armen stifft [...] nit versyhen lasse

    So auch im Schlussappell:

    bitte ich vnderteniclich vmb eyn gnedige antwurt by diesem botten (vgl. Krieger 1986, 203).

    8 Vgl. Schwitalla (2002).9 Der Superlativ in Verbindung mit dem Prfix aller- kommt nach der 18. Translation Niklas von Wyles nur dem

    rmischen Knig oder Kaiser zu (Niklas von Wyle, ed. von Keller 1967, 361).10 Sie entspricht den Titularbchern der Zeit, z.B. dem Titelbchlein Marx Ayrers von 1487, Bl. a2 oder Friedrich

    Riedrers Spiegel der wahren Rhetorik von 1505, Bl. Lxiv (beide Male mit Kaiser Friedrich III. als Beispiel). Diefolgenden Zitate aus Krieger (1986, 202f.).

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    3. Der erste an den Kaiser adressierte Zettel

    Direkt an den Kaiser gerichtet, wahrt der bei der Antrittsaudienz bergebene Zettel die herr-schaftsanerkennende Form: Der Kaiser wird mit seinen nur ihm gebhrenden Prdikaten aller-durchluchtigster keiser, gromechtigster furste und allergnedigster herr angesprochen, und imText werden auch immer wieder die Formeln der Unterordnung, des Gehorsams und der Dienst-willigkeit des Bischofs ausgedrckt. Aber die Formalia nehmen ab: Ru lsst die weiteren Titelweg und geht gleich medias in res. Und obwohl der Zettel zur gleichen Textsorte, nmlich einerdurch Argumentation gesttzten Bittschrift, gehrt, dringt die Sachlichkeit der Argumentation inden Vordergrund. Die Abnahme der sozialsymbolischen Reprsentation erkennt man schon ander durchschnittlichen Satzlnge: Besteht der Text der Beglaubigungsurkunde aus acht Ganzst-zen mit durchschnittlich 69,75 Wrtern,11 so hat der fast doppelt so lange Zettel 25 Ganzstzemit durchschnittlich nur 39,08 Wrtern.12 Ru verlegt sich auch mehr auf Information undArgumentation als auf Bitte-Handlungen. Die Narratio nimmt gegenber der Urkunde des Bi-schofs einen viel greren Raum ein. Lediglich ganz am Schluss formuliert Ru die Bitte in ei-nem komplexen performativen Satz:

    So bittet myn herre von Spier flehelich vnd so demuticlichst er mag vnd ich von sinen wegendaz uwer k mt ime als sin gnedigster herre v keiserlicher angeborner mitlickeit [...] sine re-galia [...] verlyhen [...] vnd vmb den dienst oder hulff des anschlages von ime vnd sinem stif-fte gethan nemen wolle was ime lydelich vnd vermoglich ist (vgl. Krieger 1986, 205f.)

    4. Der Zettel an den Vizekanzler Johann Waldner

    Ru berichtet nun, dass er, wie andere Gesandtschaften auch, keine Antwort vom Kaiser be-kommen habe;13 dass er zu jeder Ratssitzung gegangen sei, um anwesend zu sein, falls der Kai-ser ihm eine positive Antwort gbe; dass er den kaiserlichen Rat Graf Haug von Werdenberg,14

    den Kmmerer Sigmund von Niedertor15 und den Vizekanzler Johann Waldner um seine Sacheangegangen sei; dass ihm von mehreren Personen, deren Namen er nicht nennt (man sagt; wasdie sage), die Meinung des Kaisers bedeutet wurde, ohne die verlangte Beteiligung am Krieggegen Ungarn und ohne bertragung der Stuhlbrderpfrnde gebe es keine Regalienverleihung.Ru berichtet dann von einem Gesprch mit Waldner, das er zu Beginn mit direkter Rede, zumgroen Teil aber mit indirekter Rede im Konjunktiv II wiedergibt. Zur Untersttzung seiner Ar-gumente las er Waldner einen weiteren Zettel vor und bergab ihn mit der Bitte, ihn auch demKaiser vorzulesen und mit seinen eigenen Worten zu untersttzen.

    11 Bei einer Spannweite von 13 bis 173 Wrtern pro Satz. Die Wrter wurden rein formal durch die Segmentierung

    mit einem Spatium gezhlt. Bei der Gliederung nach in sich geschlossenen Ganzstzen profitiere ich von derEdition von Krieger.

    12 Die Spannweite liegt zwischen 9 und 168 Wrtern. Die geringere Satzlnge kommt auch daher, dass Ru imMittelteil einige Belegstze mit Item-Anfang aufzhlt.

    13 Auch andere Gesandtschaften berichten, dass sie der Kaiser lange warten lie; vgl. Krieger (2002, 175f., 181).14 Zu Haug von Werdfenberg vgl. Heinig (1997) Bd. 1, 66f. und passim.15 Zu Sigmund von Niedertor vgl. Heinig (1997) Bd. 1, 86 und passim

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    In diesem Zettel an den Vizekanzler macht Ru den neuen Vorschlag, diejenigen Frsten, dieeinen Beitrag zum Ungarnkrieg leisteten, sollten bestimmen, wieviel Bischof Ludwig dazu bei-steuern solle. Ru listet dann die Grnde fr die Verschuldung des Bistums auf. Der Text hat nunfast gar keine Kanzleiformalia mehr: Er beginnt medias in res, ohne eine Anrede. Auf den Kaiserwird in der 3. Pers. Sg. referiert (die k mt) der Kaiser ist also nicht Adressat, wohl aber eigent-liches Ziel des Schreibens. Die Satzlngen haben sich nun abermals verkrzt auf durchschnittlich22,4 Wrter pro Ganzsatz, von denen nun auch einige aus einfachen Stzen bestehen (z.B.: Nunhaben die stulbruderpfrunden nutzit gemeyns mit den regalien). Auch auf alle Hflichkeitsfor-men wird in diesem Aidememoire verzichtet. Die performativen Stze mit (ich) bitte enthaltennun keine Appelle an die Grozgigkeit des Kaisers mehr (vnd bitte yederman des indenck zusin), im Gegenteil, ihre Dringlichkeit wird verstrkt: als man auch des ernstlich bittet. Der ande-re Ton klingt schon am Beginn des Textes an, wenn Ru leicht anklagend auf den Versto desKaisers gegen seine Standestugend der Milde hinweist:

    Will die k mt nit von mynem herrn von Spier vmb die hulffe des anschlages [des Kriegsbei-trags] nach sines armen stifftz vnd verderbten vermogen nemen So ist e ye clagelichvngnedig vnd wirdet angeborne miltickeit der k mt nit gesparet [geschont] (vgl. Krieger1986, 207)

    Der Vizekanzler fragte extra nach, ob er den Zettel dem Kaiser vorlesen solle. Ru besttigtedies, und der Vizekanzler las dem Kaiser den Zettel auch tatschlich vor, wie aus dem Berichtvon Ru hervorgeht (und lase ime den zettel, Krieger 1986, 208).

    5. Die Umformulierung des zweiten Zettels an den Kaiserin eine hfliche Form

    Ru berichtet dann von mehreren Gesprchen mit kaiserlichen Rten, z. T. mit wrtlicher Rede.Es fruchtete alles nichts. Der Kaiser blieb in puncto Stuhlbrderpfrnden unnachgiebig. Nachber zweimonatiger Wartezeit entwarf Ru abermals einen Zettel an den Kaiser, den der Vize-kanzler aber als zu hartte empfand und nicht anbringen wollte (Krieger 1986, 209). Ruformulierte deshalb diesen Zettel um und machte ihn fr die kaiserlichen Ohren angenehmer fr uns Heutige ein seltener Fall von konkreter Formulierungsarbeit im spten Mittelalter. Dieerste Fassung besteht nur aus drei Stzen: Der erste Satz ist sehr kurz (9 Wrter); die beidennchsten sind mittellang und typisch kanzleiartig: Der zweite Satz beginnt mit einem Konditio-nalsatz, der das Verhalten des Kaisers beschreibt. Der dritte Satz spricht noch einmal die Bitteum eine gnadenryche antwurt aus. Woran sich wohl der Vizekanzler gestoen hat, sind For-mulierungen, in denen Ru dem Kaiser ungerechte Handlungen vorwirft. Ich zitiere den ganzenText mit Hervorhebung der Vorwrfe (|| = Satzgrenze):...

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