WIRKUNGSMÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER ANIMATION RURALE

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    02-Oct-2016

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  • WIRKUNGSM~GLICHKEITEN UND GRENZEN DER ANIMATION RURALE

    HERBERT BERGMLYN

    Itutitnt & Piabgngie Appliquie a Vocation Rurah Buea, Kamerun

    In einer Reihe von frankophonen Staaten Schwarzafrikas wurde nach der Erlangung der politischen Unabhangigkeit mit Programmen zur Mobilisierung der Landbevolkerung experimentiert, die unter dem Sammelnamen Animation Rurale eine Parallele zum Community Development darstellten. Die Meinungen uber die Wirksamkeit des Animationsansatzes gehen auseinander. Der vorliegende Aufsatz wird versuchen, dieser Frage mit Hilfe einer systematischen Analyse der Animation Rurale in der Republik Senegal nachzugehen. Um dabei uber die begrenzte Aussagekraft einer Fallstudie hinauszugelangen, wird das gesamte Animationsprogramm, insbesondere seine organisa- torische Struktur, als einehnovation behandelt, auf die die Begriffe und Hypothesen der Innovationstheorie (Rogers, I 962 ; Rogers & Shoe- maker, 1971) angewandt werden. Dabei wird zu beriicksichtigen sein, d& dieser theoretische Ansatz nicht wie meist auf eine technische IMO- vation, sondern auf eine komplexe soziale Innovation angewandt wird.

    Zunachst soll die Animation R u d e in Senegal unter zwei Haupt- aspekten dargestellt werden - die Eingliederung der Animations- behorde in die ubrige VerwalQng und die Eingliederung der Ani- mateurs in das Dorf. Anschlieknd soll der so dargestellte Fall mit Hilfe des theoretischen Ansatzes analysiert werden.

    I . D I E A L L G E M E I N E N P R I N Z I P I E N D E R A N I M A T I O N R U R A L E

    Bekanntlich lassen sich die Grundprinzipien der h imat ion R u d e wie folgt skizzieren: - Das Ziel ist, die liindliche Entwicklung durch administrativ ange-

    leitete Initiativen der Bevolkerung voranzutreiben.

  • 262 Herbert Bergmann

    - Die Entwicklungsinitiativen sollen auf der Ebenc cines oder - Sic sollen von Animateurs stimuliert und unterstiin werden, die

    - Die Animateurs werden in mehrwochigen Schulungen auf ihre - Die Animateurs vcrrichten ihre THtigkeit unentgeltlich. - Sic fungieren als Zwischenstation in der Kommunikation zwischcn

    den Entwicklungsvcrwaltungen und der Bcvolkenmg.

    mehrerer Dorfer (Zone) statthnden.

    von der Bevolkerung ausgewiihlt worden sind.

    Rolle als Neuerer vorbereitet.

    2. DER IDEOLOGISCH-POLITISCHE R A H M E N

    Die Landwirtschaftspolitik der Republik Senegal wurde auf dem Hintergrund cines noch vage ddinierten afrikanischen Sozialismus konzipiert. Zwei Ansatze, die sich wechselseitig stiitzen, sollten die Landbevolkcrung direkt organisieren und in cine geplante nationale Entwicklung aktiv einbeziehen: die Gcnosscnschaftsbildung und die Animation Rurale. Die Integration beider Ansatze stellt sich wie folgt dar: "...die Genossenschaft als okonomische und inenschliche Organisationsweise, die &em sozialistischen Leben entspricht, ist der Ort, an dem die Menschen die Venntwortung fiir ihr wirtschaftlichu Handeln selbst iibernchmen. Die Genosscruchaftsbchorde hat der Genossenschaftsbewegng N dienen, urn sich rnit der Zeit ubcrfliissig N machen. .. Die Aufgabe der Animation hesteht darin. den Massen ihre Verantwormng fiir die Ent- wicklung deutlich zu rnach en... Sic sol1 ein neuu mcnschlicha Milieu votbereitm, in du aich die G e n d a f t e n rasch in ihrer cigendichen Dimension einfiigen konncn. D i m Option setzt cine engee. dauerhafte Zusamrnenarbeit zwischen der Animation und den Genossenschnftsbchordcn voraus, sowohl irn Feld wic an der Spiac. Die Ani- mation.. . will.. . auch die sozio-politische Strukturierung fordern und sol1 daher die Bildung von hdl ichen Basisgemeinden erreichen.. . , Zellen d u Muerlichcn Demokratic, in die sich die Genosscnschaftsbeweyng hannonisch eingliedern kann.. ." (Rtpublique du Sentgal, 1968, S. I).

    Der ziticrte Text macht allerdings nicht hinreichcnd deutlich, daO die Zieigruppe der Animation auch die Beamtenschaft dcr Entwick- lungsvemaltungen war. In den Behorden sollte die Voraussetzung dafiir geschaffen werden, daO die Beteiligung der einmal aktiviertcn Bevolkerung nicht nur toleriert, sondcrn systematisch ermutigt wurde.

    Das zcntrale, kurzfristig nicht zu veriindernde Datum der 1Hnd- lichen Entwicklungspolitik Senegals ist die Erdndmonokultur, die im Rahmen traditionalcr bauerlichcr Landwirtschaft bctrieben wird und den grol3ten Teil des Devisenaufkommcns erbringt. Die Ent-

  • Wirkmgsm6glicbkeiten und Greqen der Animation &ah 263 wicklungspolitik stellte hinsichtlich dieses Bereiches der Landwirt- schaft zwei Ziele in den Vordergmd: - Kontrolle der Erdndwirtschaft bis zum Verkauf ans Ausland oder

    - Steigerung der Erdnul3produktion. Letzteres war notig, urn den steigenden Investitionsbedarf zu finan- zieren und um die Einnahm eeinbden auszugleichen, die sich durch die Eingliederung Frankreichs in die EWG und den damit einher- gehenden Fortfall der Pderenzpreise ergaben.

    an die weiterverarbeitende Industrie im Lande,

    3 . D I E S I T U A T I O N D E R A N I M A T I O N R U R A L E

    Die folgende Darstellung stiitzt sich auf Daten, die im Jahre 1969 in einer der sieben Regionen des Senegal in einer Zufallsstichprobe von Genossenschaftsdorfern und bei Beamten der verschiedenen Ent- wicklungsverwaltungen erhoben worden sind (vgl. Bergmann, I 972).

    3 . I . Vorgehen und administrative Eingiiedermg

    Die von einer bestimmten Zone delegierten Animateurs wurden nach modernsten padagogischen Gesichtspunkten fur ihre Aufgabe vor- bereitet und sollten dann durch Reprasentanten der Verwalmg in ihr Amt eingefuhrt werden. Es folgten in unregeldigen Abstiinden Aufbauseminare, in denen Spezialaspekte der Entwicklungsprogram- me erlautert wurden. Die wihrend der Animationsarbeit auftretenden Probleme fuhrten zu Spezialseminaren, einmal fur Animateurs und Hauptlinge, zum anderen fur Genossenschaftsvorsitzende, Wiege- meister und Animateurs. Ober fortlaufende Programme zur Akti- vierung der Beamtenschaft im Sinne der Animation ist dagegen kaum emas bekannt.

    Im Ministerium fur lhdliche Entwicklung bestand zur Zeit unserer Untersuchung eine Direction de l'Animation et de l'Expansion, die sowohl fur die Animation Rurale wie auch fur die no& m erkutem- den Ibdlichen Entwiddungszentren (CER) verantwortlich war. Auf den verschiedenen Stufen der territorialen Untergliederung des Landes - Region, DCpartement und Arrondissement - war die Ani- mation nicht immer verueten; so fehlte etwa auf der Arrondissements- ebene ein Vertreter. Auf Regional- und Departementsebene arbeiteten die Animationsbeamten in den jeweiligen Entwicklungskommittees mit; dagegen fehlte die Vertretung in den hdlichen Entwicklungs- tentren, die auf Arrondissementsebene t3itig waren. Somit hatten die

  • 264 Herberi Bergmann Beamten, die am intensivstcn mit den konkreten Problemen der staat- lichen Entwicklungspolitik konfrontiert wurden, keinen Kollegen von der Animation. Die Gefahr war groI3, da13 sic ihn als einen in der N&e dcs Prsekten agierenden Kontrolleur sahen.

    Ein weiteres Problem ergab sich h u s , daf3 die Stellung der Gouvcrneure und Pdekten im S h e des franzosischcn, stark zentra- lisierten Verwaltungssystems stark ausgebaut war. Die Macht- stellung der Reprasentanten der Zentralgewalt kam der vorkolonialen politischen Tradition entgegen, in der ein Kriegeradel stiindig seine Macht zu erweitem suchte. Auf diesem Hintergrund stellt sich die Frage, welchen Spielraum die Animation fur eine Kritik innerhalb der Verwaltungsstruktur selbst uberhaupt haben kann.

    Zum Verstiindnis der folgenden Ausfuhrungen mussen die Auf- gabenbereiche der bisher e r w h t e n Dienststellen etwas d e r er- lautert werden.

    Die Genossenschaftsbebor~ uberwachte die Griindung und Arbeits- weise der Genossenschaften und war fur die Organisation des Emte- abtransportes und die Verteilung der durch den Genossenschafts- kredit bereitgestellten Guter (Produktionsmittel und Konsumguter)

    Die landlichen Entwickhngsxentren (CER) gruppierten auf Arron- dissernentsebene die Beamten der Fachressorts, die im liindlichen Bereich tatig waren. Ihre Zusammenfassung in einer Dienststelle sollte koordinierte Aktionen bei grohnoglicher hfitteleinsparung ermoglichen. Jedoch hingen die Mitarbeiter der CER weiterhin von ihren Fachressorts ab; die Befugnisse der Leiter waren ungenau dcfiniert.

    Die SATEC war eine franzosische Organisation, die mit der Steigerung der Produktivitat beim Erdnufl- und Hirseanbau beauftragt war. Sie war im Ministerium fur landliche Entwicklung eingegliedert, hatte aber in der Auswahl der Mitarbeiter wie in der Programm- gestaltung groI3en Spielraum. Sic arbeitete mit Gruppen einheimischer Landwirtschaftsberater, die anders a l s die Rnimateurs mehrcre Dorfer zu betreuen hatten und entlohnt wurden.

    zustiindig.

    3 . 2 . Die Animation und die ibngen Dienststellen der Entwickrlungs- verw aitmg

    Die Vorgehensweise der ubrigen Dienststellen widersprach in krasser Weisc dem von der Animation Ruralc propagierten Verhaltensmodell, wenn auch Unterschiede zwischen einzelncn Dienststellen nicht ge-

  • Wirkxngsmligli ten und Grenxen &r Animation RwaLe 261 leugnet werden sollen. Die Programme orientierten sich weit mehr an den Direktiven der Zentrale als an ortlichen Gegebenheiten. Besuchs- und Beratgstermine wurden oft nicht eingehalten. Zur Losung bestimmter Probleme - etwa mangelhafte Ruckzahlung von Genossenschaftskrediten - wurden nicht selten Einschuchterung und Gewalt angewendet. Geringschatzung und Verachtung der Bauem war weit verbreitet. Schwierigkeiten auf dem Wege zur Entwicklung wurden ausnahmslos den Umweltbedingungen und der RiickstZndig- keit der Bevolkerung, kaum aber der Verwaltung zugeschrieben. Diese Auffassung, die sich von der der Kolonialbehorden h u m unter- scheidet, stellte keine Grundlage fur den von der Animation ange- strebten Dialog zwischen Landbevolkerung und Verwaltung dar.

    Von den vorgesetzten Dienststellen wurden den Adenposten eine Fixierung auf Symptome wie Kreditriickzahlungsrate, Konflikt- haufigkeit etc. aufgmungen, statt sie auf grundlegende Faktoren wie Neuerungsbereitschaft, Risikosicherung und demokratische Kontroll- vorgange zu orientieren. Die Entwicklungsverwaltgen hatten fur die Durchsetzung zentral und regional festgelegter Normen fur die Ausstattung der landwirtschaftlichen Betriebe mit Produktionsmitteln, wie verbesserten Arbeitsgeraten, Zugvieh, Diinger und Schiidlings- bekampfungsmitteln zu sorgen und trugen damit unter Anwendung administrativen Drucks zur Verschuldung der Bauern bei ihrer Ge- nossenschaft bei, die dann oft wieder nur mit Hilfe von Zwangs- maonahmen abgebaut werden konnte. Dies blieb nicht ohne Folgen fur das Verhdtnis zwischen der Animation Rurale und den ubrigen Dienststellen der Venvaltung.

    3 . 2 . I . Die Zi~ratnmenarbeit Die Ausbildung und Betreuung von Animateurs bildetc eine Grund- lage fur relativ gesicherte Zusammenarbeit mit den technischen Diensten. Die Leiter der Iandlichen Entwicklungszentren und die Genossenschaftsbeamten schatzten &e Dienste der Dorfanimateurs bei der Weitergabe von Informationen und Anordnungen. In vielen Fdlen verliel3 man sich fast ganz auf die Arbeit der Animateurs, urn die Kosten f i r Fahrten in den Busch niedrig halten zu konnen. Weit- verbreitet war die Auffassung, durch die Animateurs solle ein gunsti- ges Klima fur Aktionen der technischen Dienste geschafTen werden, die ohne Beteiligung der Bevolkerung geplant worden waren. Konsens ergab sich auch hinsichtlich der Leistungen im Bereich der Gesundheitserziehung und der Sozialstrukturprojekte, f i r die die

  • 266 Herbert Berpann

    meisten Entwicklungszentren nicht hinrcichend ausgestattet waren. Diese Auffassung von Animation entsprach keineswegs ihrem Selbst- verstindnis, wurde aber teils resignierend, teils unter taktischen Ge- sichtspunkten akzeptiert: Man hofTte, sich unentbehrlich zu machen und aus einer so gestirkten Position die politischen Aspekte der Animationsarbcit zum Tragen bringen zu konncn. Dies durfte aber auch zur Zcit der Untersuchung schon illusorisch gewescn sein, da P h e zur Zuordnung der Animateurs zu den lhdlichen Entwicklungs- zentrm bestanden, was ihrm de-faao-Status als unbezahlte Hilfs- kriifte n u rechtlich abgesichcrt hittc.

    3.2.2. Konfliktt

    Sehr friih zeigten sich Konflikte zwischen den Entwicklungsver- waltungen und der Animation Rurale, die verstindlicherweise von bciden Seiten unterschiedtich wiedergegcben werden. Die Anzeichen fiir die Konfliktlage reichtcn bei den tcchnischen Diensten von Des- interessc uber Kritik bis zur kaum verhiillten Forderung nach der Auflosung der Animation R u d e a l s eigene Dienststellt. Im einzelnen auI3ertc sich der Konflikt wie folgt : I) Dcsintaasc (Zitat: ,@ doit ittc utile puisquc ga existen), z) Schadmfrcudc iiber die Schwimigkcitcn dcr Animationsarbeit, 3) Kritik am Fchla vorwcisbarcr Projekte und Erfolgc, 4) Forderung nach Anpassung dcr ARimationsmcthodcn an die Bediirfnisse und Kennt-

    5) Kritik an dcr wciten r.idichen Strcuung, 6) Vonvurf dcr Kornpetenziibenclucitg in vcnchiedenen Abstufungen: Doppcl-

    arbeit; Fehla einer klar umgrcnzten tcchnischen Aufgabe dcr Animation fiihrc dazu, dal3 sic rystcrnatisch Konfliktc suchc; Kornpcterurtreitigkcitcn bei dcr Konflikt- regdung in Genmsenschaften, Anmdung von Leistungs- und Kontrollbdugnissen.

    7) Fordcrung nach Adijsung - a gauge, die Bcuntm dcr tcchnischen Ditnstc in den Methoden dcr Animation N scbulch

    8) Ah indirektc Kritik mu5 die k c r k u n g ventanden wcrdcn, die Bauern scim schr pditisirn. sic fiihrten hu6g k h w c r d e bei PrSfektca und noch hoher gcstdtcn Pcd5nlichkeitcn. D i a wurdc in hohem Grade alr h t i g unpfunda und oft dmkt auf die Tltigkcit dcr Animation zuriidrgdiihrt.

    nissc der Landbevolkerung,

    Die Beamten der Animation Rutale setzten in h e r Einschitzung der Kon9ikdage lediglich andcre Akzcnte. Statt aggressiv die andcren Dienststellen zu kritisiercn, stellten sic defcnsiv dercn Verhalten gegeniibcr dcr Animation heraus : I) Wegm d u sthdigm Kontliktc mit den PrSfdckten wcchselten die Leitcr d u Ani-

    z) Ablchnuag durch die iiberwiegende Mchrheit dcr iibrigen Bamtcn, m n t i ~ U a l stlndig.

  • Wirkmgsm6glicbkcitm und Grenxen Lr Animation Rwah 267 3) Vcrkcnnung dcr politischen Rollc, 4) K o d k t e iiber die KontrollfunLtion des Personals auf Dorf- und ubaojrtliche E k e , 3 ) hohere Anforderungen an die tcchnischm Dienste scituu d a von dtr

    6) Unvcnchdnis fiir das Fchlen spaihxhet tcchnischcl Projektc. 7) Nichtcrwhung der Bcteiligung dcr Animation an den Projektcn d a vldacn

    8) Zwang zur Baeiligung an Aktioncn, die den hnimauonsprinzipicn zuwidahufcn

    9) Ausfall gcmeinsamcr Seminarc wcgm inneradministrativa Konflikte.

    informierren Bauan,

    Diwtstcllen,

    (so die oben e r w h t c zwangsweix Eintreibung von Gcnosscnachaftsschulden).

    Wie die aufgefiihrten Einzelpunkte zeigen, konzcntriert.cn sich die Konflikte nicht um nachgeordnete Reibereien, sondem urn die Grund- konzeption der Animation im Rahmen der lidlichen Entwicklungs- politik. Es stellt sich die Fra...

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