Zauberhafte Judenfeindschaft antisemitische bildpolemiken ... Erste...¢  Fl£¤che, Ornament und Farbe

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  • Zum 200. Geburtstag Wilhelm Hauffs veröffentlicht der Aufbau Verlag im Herbst 2002 sein Märchen vom Kalifen Storch, versehen mit Illustrationen des Jugendstilkünstlers Max Reach. „Vor hundert Jahren entstanden die kost- baren Illustrationen in Kairo und tauchten erst vor kurzem in einer alten bayerischen Hochzeitstruhe auf“, meldet der Verlag zu den Bildern, die hier erstmals publiziert werden. Neben dem Entdeckungsort der Illustrationen erfahren wir nur wenig über den Künst- ler, laut Verlagstext ein Orientkenner. Das Märchen erscheint bei Aufbau ohne Paratext, allein kommentiert durch eine Aufschrift auf der Rück- seite, die das Buch als „Hauffs meist- geliebtes Märchen“ preist und über Max Reach bemerkt: „[E]in phantasti- scher wieder entdeckter Jugendstil- künstler, lockt kleine und große Leser mit traumschönen Bildern in die Zau- berwelt des Orients.“ Aus einer Rezen- sion wird zitiert: „...ein wahrer Glücks- fall im Spektrum der Bilderbuchkunst“. (ORF) Ein Käufer des Buches, dem die Bilder der Ausgabe als „üble rassistische und eindeutig antisemitische Machwerke“ schienen, machte nach einem kontro- versen Schriftwechsel mit dem Aufbau Verlag, das Zentrum für Antisemitis- musforschung auf das Buch aufmerk-

    sam und bat um eine Einschätzung, wie dieses zu bewerten sei. Die Frage ist interessant, verweist sie doch auf das Problem, wie man heute mit histo- rischen judenfeindlichen Bilddokumen- ten umgehen soll, die als integraler Be- standteil europäischer Kulturgeschich- te überliefert werden. Sie öffnet den Blick auf veränderte Sehgewohnhei- ten, wobei das Zusammenspiel von Text und Bild und die Interferenzen un- terschiedlicher Entstehungszeiten und -kontexte zu berücksichtigen sind. Schließlich geht es um eine Einschät- zung, wie solche Text-Bildrelationen gegenwärtig wahrgenommen werden: ist es notwendig, die Veröffentlichung historischer antisemitischer Bildpole- miken zu skandalisieren, oder machen veränderte Sehgewohnheiten solche Tabuisierungsversuche hinfällig?

    Wilhelm hauffs Kalif storchIn Hauffs Märchen verkauft ein geheimnisvoller Krämer dem Kalifen von Bagdad „eine Dose mit schwärz- lichem Pulver und ein Papier mit son- derbarer Schrift“, mit dessen Hilfe er sich in ein beliebiges Tier verwandeln kann. Schon am nächsten Tag stapfen der Kalif und sein Großwesir als Störche über die Wiesen. Die beiden amüsieren sich ebenso wie die Leser und haben sich fest das Zauberwort

    enZenbach i antisemitische bildpolemiKen

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    Zauberhafte Judenfeindschaft

    antisemitische bildpolemiken im

    bibliophilen Kinderbuch

    Isabel Enzenbach

  • eingeprägt, das die Rückverwandlung in Menschengestalt bewirkt. Ein ver- botenes Lachen lässt sie das Zauber- wort vergessen und verdammt sie dazu, auf ewig in Storchenkörpern zu leben. Der Spaß hat ein jähes Ende. Hinter dem Desaster steht ein Kom- plott des Krämers: sein Sohn sitzt nun auf dem Thron von Bagdad. Eine ver- wunschene Prinzessin – auch sie ein Opfer des Zauberers, der sie aus Ra- che in eine Nachteule verwandelte, als sie seinen hässlichen Sohn als Ehe- mann zurückwies – vermag mit einer List den Zauber zu bannen. Während der Zauberer seine Tat mit dem Tod büßen muss und sein Sohn in einen Storch verwandelt wird, leben Kalif und Prinzessin glücklich bis ans Ende ihrer Tage. Die Kritik an der im Aufbauverlag er- schienenen Ausgabe des Märchens bezieht sich auf das Zusammenspiel von Text und Illustrationen und dabei vor allem auf die Darstellung des Krämers. Dieser Krämer wird von Max Reach in einer Schwarz-Weiß-Grafik dargestellt.

    Bei Hauff wird er beschrieben als „ein kleiner dicker Mann, schwarzbraun im Gesicht und in zerlumptem Anzug. Er trug einen Kasten, in welchem er aller- hand Waren hatte“ (Hauff 2002: 5) und

    erlangt als nur kurz auftretende Figur schon an dieser Stelle durch negative Attribute und eine affektive Wortreihe Gewicht. Man ahnt, dass er für die Ge- schichte eine über die Situation hinaus weisende Bedeutung hat. Wie im Mär- chen üblich, wird mit scharfen Kon- trasten zwischen guten Protagonisten und bösen Antagonisten gearbeitet. Die grafische Darstellung der Begeg- nung von Kalif, Großwesir und Krämer greift die im Text angelegte Gegen- überstellung von Protagonisten und Antagonist auf und spitzt sie zu. Der Händler, der in dieser Situation den Lauf des Unheils in Gang setzt, bietet als Hausierer und Verkäufer einer du- biosen Ware reichlich Anknüpfungs- punkte für antijüdische Phantasien. Die Welt des unredlichen Handels blitzt auf, als der Krämer seine Ware anbietet: „Ich bekam einmal diese zwei Stücke von einem Kaufmann, der sie in Mekka auf der Straße fand“, sagte der Krämer, „ich weiß nicht, was sie enthalten; Euch stehen sie um einen geringen Preis zu Dienst, ich kann doch nichts damit anfangen“ (Hauff 2002: 7).

    die entstehungszeit vonmärchen und illustrationen Bespricht man Text und Bild, müssen verschiedene Zeitebenen berücksich- tigt werden. Die Entstehungszeit des Märchens um 1825, die Grafiken um 1900 und die Gegenwart der Leser. Der Text Wilhelm Hauffs könnte die Ambivalenzen der Debatte um die Ju- denemanzipation widerspiegeln1. Wir wissen nicht, ob sich Hauff den Krämer als Juden vorstellte oder nicht. Ob er, vielleicht auch in sozialkritischer Ab-

    Juli 01 i 2009

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  • sicht, die Figur nach dem Vorbild der tatsächlich mehrheitlich verarmten und im Kleinhandel tätigen Juden gestalte- te, und inwieweit er dabei Ressenti- ments pflegte. Als Reach seine Bilder malte, war, anders als zu Hauffs Zei- ten, das antisemitische Klischee weit verbreitet. Arme Juden wurden in Bild- polemiken des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts nicht einfach abge- bildet und in das Bilderrepertoire inte- griert, sondern wurden zur Karikatur, um der Judenfeindschaft Ausdruck zu verleihen. Von welchem Bildervorrat, Bildergedächtnis und damit verbunden Assoziationen muss man heute, nach der Shoah, ausgehen? Welche Kom- munikationsregeln und -gewohnheiten gibt es heute, wenn es darum geht, Ju- den negativ darzustellen? Zu den Besonderheiten der Juden- feindschaft gehört, dass sie ohne ex- plizit antijüdisches Vokabular auskom- men kann. Begriffe mit dem Wort- stamm „jüdisch“ müssen nicht unbe- dingt benutzt werden, um dem einge- weihten Leser anzudeuten, eine be- stimmte Person sei jüdisch. Dies macht den Nachweis, dass bestimmte Texte judenfeindliche Bilder beinhal- ten, schwierig und wird daher auch gezielt eingesetzt, um Kommunika- tionsverbote zu umgehen. So sind zum Beispiel rechtsextreme Musik- gruppen geschickt darin, antisemiti- sche Gewaltphantasien so zu formu- lieren, dass die eigenen Fans versteh- en, was gemeint ist, der Bundesprüf- stelle für jugendgefährdende Medien jedoch eine Indizierung erschwert wird. Ein Tabu, Judenfeindschaft offen zu äußern, gab es nicht, als Wilhelm Hauff schrieb, entsprechend veröffent-

    lichte auch Hauff Texte, in denen expli- zit jüdische Negativfiguren auftreten. Wir wissen nicht, ob er im Kalif Storch auf antijüdische Assoziationen anspie- len wollte oder nicht. Max Reach je- doch bildet die mögliche Phantasie, dass der dubiose Krämer wohl jüdisch sei, ab. Er zeichnet den Krämer mit einer markanten Nase, langen Wan- genlocken, langem Bart, vollen Lippen, dunkler Hautfarbe, einem auffälligen hohen Hut und dunklem Gewand und evoziert somit das antijüdische Kli- schee. Auch wenn man bei den Kör- per- und Kleidungsmerkmalen im Detail fragen kann, ob man in der Nase unbedingt eine Hakennase sehen muss, in den Locken Schläfen- locken, ob man die Lippen wirklich als betont wulstig wahrnehmen und Hut und dunkle Kluft als typisch für die Karikatur eines ostjüdischen Hausier- ers erkennen muss, entstammen alle diese Kennzeichen einem antisemiti- schen Bildvorrat. Reach bedient sich in seiner Visualisierung der Hauff- schen Märchenfigur antisemitischer Klischees und appelliert an das anti- semitische Ressentiment. Er stattet den dunklen Kleinhändler mit einer Reihe antijüdischer Merkmale aus, die als solche nahe legen, dass ein Jude das folgende Unheil bringt. Die Darstellung des Kalifen und seines Großwesirs als Karikaturen von hinter Bärten und Turbanen gesichtslos er- scheinender Orientalen und der auf ein Klischee reduzierten exotischen wul- stlippigen Schwarzen, die als gezähm- te Wilde beim morgendlichen Spazier- gang vorgeführt werden, entstammt der kolonialen Bildsprache des späten 19. Jahrhunderts.

    enZenbach i antisemitische bildpolemiKen

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  • Eine exotische Zurschaustellung, die vielleicht noch ungebrochener als die antisemitische Bildpolemik bis heute tradiert wird. So lobte ein Rezensent „das typische Flair des Orients in Far- ben, Figuren, Formen...“. Die Frage, wie man heute mit solchen Bilddoku- menten umgehen soll, stellt sich im Falle rassistischer, orientalistischer oder sexistischer Reproduktionen ebenso, wie sie hier am Beispiel der Judenfeindschaft diskutiert wird. Max Reachs Bilder sind in ihrer Motiv- wahl und in den künstlerischen Techni- ken vielfältig. „Lust am Dekor, das har- monische Zusammenspiel von Linie, Fläche, Ornament und Farbe verleihen diesem Märchen den Zauber aus Tau- sendundeiner Nacht“ verspricht der Verlagstext. Tuschzeichnungen, Tem- peramalerei und Druckgrafiken wech- seln sich ab. Liebevolle, detaillierte bunte Darstellungen, wie zum Beispiel die Gouache, der als Nachteule ver- zauberten indischen Prinzessin, ste- hen neben eindrucksvollen Schwarz- Weiß-Grafiken, in denen die Silhouette einer Karawane, die geometrische Grundformen betonend, angedeutet wird. Neben plakativen Bildern finden sich detailreiche Zeichnungen. Dies macht die Illustration abwechslungs-

    reich und irritierend. Der Betrachter w