Pressekonferenz zum "TK-Gesundheitsreport 2012": Statement von Prof. Dr. Klusen

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Dieses Dokument mit einem Statement von Prof. Dr. Norbert Klusen, Vorsitzender des Vorstands der Techniker Krankenkasse, ist Bestandteil der Pressemappe der Pressekonferenz vom 26. Juni 2012 zur Vorstellung des aktuellen "Gesundheitsreports 2012". Der TK-Gesundheitsreport befasst sich traditionell in seinen zwei Hauptabschnitten mit Arbeitsunfähigkeiten und Arzneimittelverordnungen. Der aktuelle Gesundheitsreport betrachtet in diesem Jahr insbesondere die Gesundheit von Pendlern - denn diese haben ein erhöhtes Risiko, psychisch zu erkranken. Dieses Dokument kann für redaktionelle Zwecke und mit dem Hinweis "Quelle: Techniker Krankenkasse" honorarfrei verwendet werden. Eine Nutzung zu Werbezwecken ist ausgeschlossen.

Text of Pressekonferenz zum "TK-Gesundheitsreport 2012": Statement von Prof. Dr. Klusen

  • 1. Statement Professor Dr. Norbert KlusenVorsitzender des Vorstandes der Techniker Krankenkassezur Vorstellung des TK-Gesundheitsreports 2012am 26. Juni 2012 in BerlinSehr geehrte Damen und Herren,wir stellen Ihnen heute die elfte Ausgabe des TK-Gesundheitsreports vor. Wie immer widmetsich unser Bericht nicht nur den bei Krankenkassen blichen Auswertungen zu Krankschrei-bungen und Arzneimitteldaten, sondern enthlt auch wieder einen Themenschwerpunkt. Dain der heutigen Arbeitswelt vor allem die Schlagworte Mobilitt und Flexibilitt eine immergrere Rolle spielen, haben wir in diesem Jahr die gesundheitliche Situation von Berufs-pendlern unter die Lupe genommen.Krankenstand steigt geringfgig auf 3,51 ProzentZunchst zu den Routinedaten: Fr das Jahr 2011 besttigen sich bei den Fehlzeiten dieTrends der letzten Jahre. Der Krankenstand liegt mit 3,51 Prozent leicht ber dem Vorjahres-ergebnis, was in erster Linie daran liegt, dass die Zahl der Krankschreibungen um sechs Pro-zent gestiegen ist. Vor allem haben Fehlzeiten aufgrund psychischer Diagnosen wie bisherin jedem Jahr seit Beginn unserer Aufzeichnungen auch 2011 zugenommen. Der Anstiegbetrgt diesmal gut sechs Prozent. Das bedeutet: Von den 12,8 Tagen, die die bei uns versi-cherten Erwerbspersonen im vergangenen Jahr durchschnittlich krankgeschrieben waren,entfielen gut zwei Tage auf das Diagnosekapitel "Psychische Strungen".Innerhalb von fnf Jahren steigen psychisch bedingte Fehlzeiten um ber 60 ProzentAuffllig ist, dass in den ersten Jahren unserer Gesundheitsberichterstattung von 2000 bis2005 vor allem arbeitslose Erwerbspersonen berdurchschnittlich von psychisch bedingtenKrankschreibungen betroffen waren. Seit 2006 betrifft der Anstieg vor allem die Berufsttigen.In den letzten fnf Jahren haben die Fehlzeiten aufgrund psychischer Diagnosen bei Berufs-ttigen um 61 Prozent zugenommen. Deshalb mssen wir uns die Frage stellen, wo die Ur-sachen dafr liegen.Natrlich ist auch die Sensibilitt im Umgang mit psychischen Erkrankungen gestiegen. rztesind heute besser in der Lage, psychische Ursachen von Beschwerden zu erkennen und zudiagnostizieren. Die Gesellschaft ist auch aufgrund prominenter Flle wie der tragischenGeschichte Robert Enkes eher bereit, psychische Diagnosen zu akzeptieren. 1__________________________________________________________________________________Prof. Dr. Norbert Klusen, Techniker Krankenkasse
  • 2. Statement Professor Dr. Norbert KlusenVorsitzender des Vorstandes der Techniker Krankenkassezur Vorstellung des TK-Gesundheitsreports 2012am 26. Juni 2012 in BerlinBurnout: mehr als eine ModediagnoseIn einigen Bereichen wie dem Burnout beobachten wir derzeit allerdings eine verstrkte Auf-merksamkeit, die dazu fhrt, dass der Terminus Burnout, der nicht einmal ber einen eigenenDiagnoseschlssel verfgt, als Vehikel fr jede Form von Stress und berforderung herhaltenmuss. In einer der bekanntesten Suchmaschinen finden Sie unter diesem Begriff fast 290Millionen Treffer. Die meisten davon, immerhin fast 70 Millionen, widmen sich dem ThemaBurnout-Test, d.h. Sie knnen problemlos selbst online checken, ob Sie eventuell schon ei-nen Burnout haben oder demnchst einen bekommen werden. Da verwundert es natrlichnicht, dass wir tatschlich auch stetig steigende Diagnoseraten und Fehlzeiten verbuchen.Tatsache ist aber auch, dass sich die Arbeitswelt in den letzten beiden Jahrzehnten extremgewandelt hat. Das Internet und die mobile Kommunikation ermglichen es uns, rund um dieUhr und an jedem Ort zu arbeiten. Wir strukturieren uns unseren Arbeitstag kaum nochselbst, sondern reagieren auf kleine Fenster auf unserem Bildschirm oder akustische Signaleunserer Handys und lassen uns davon zum Handeln ntigen.Und trotzdem uns die Handys und Notebooks ortsunabhngiger machen, nimmt die berufs-bedingte Mobilitt zu. Wir haben uns daran gewhnt, dass Unternehmen und mit ihnen dieMitarbeiter ihre Standorte wechseln. Die Anstellung in einem Betrieb auf Lebenszeit, wie es infrheren Generationen noch gngig war, ist heute die Ausnahme. Berufsanfnger startenheute oftmals mit befristeten Arbeitsvertrgen und nehmen lange Anfahrtswege in Kauf.Psychische Strungen: Frauen, Grostdter und Dienstleistungsbeschftigtebesonders betroffenDass das nicht spurlos an den Beschftigten vorbeigeht, verwundert nicht. Die TK-Gesundheitsberichte belegen seit Jahren, dass die psychische Belastung von Erwerbsperso-nen in der Republik nicht nur regional sehr unterschiedlich ausgeprgt ist, sondern dass esauch groe Unterschiede zwischen Geschlechtern, Altersgruppen und den verschiedenenBerufen gibt. So wissen wir, dass Menschen in Ballungsrumen wie Hamburg und Berlinberdurchschnittlich hufig von psychisch bedingten Fehlzeiten betroffen sind. Ein hheresRisiko haben auch Beschftigte in Dienstleistungsberufen wie Callcenter-Mitarbeiter, Pflege-personal und Erzieher. Dass diese Berufe hufiger von Frauen ausgebt werden, ist sicher-lich auch ein Grund dafr, dass weibliche Erwerbspersonen seelisch belasteter sind. Dies gilt 2__________________________________________________________________________________Prof. Dr. Norbert Klusen, Techniker Krankenkasse
  • 3. Statement Professor Dr. Norbert KlusenVorsitzender des Vorstandes der Techniker Krankenkassezur Vorstellung des TK-Gesundheitsreports 2012am 26. Juni 2012 in Berlinvor allem fr Beschftigte zwischen Mitte dreiig und Mitte fnfzig, der sogenannten Sand-wich-Generation, die oftmals doppelt oder sogar dreifach belastet ist. Sie befinden sich beruf-lich in der Phase, in der entscheidende Weichen fr die Karriere gestellt werden. Sie km-mern sich um ihre Kinder und nicht selten inzwischen auch um die Pflege ihrer Eltern.Risikofaktor Mobilitt: Fast jeder Zweite pendeltDas Schwerpunktkapitel des diesjhrigen TK-Gesundheitsreports identifiziert noch einen wei-teren Risikofaktor: die Mobilitt. Fr den vorliegenden Bericht haben wir erstmals pseudony-misierte Daten zur Entfernung von Wohn- und Arbeitsort der Beschftigten herangezogen.Sie zeigen: Berufspendler, zu denen etwa 45 Prozent der Beschftigten in Deutschland zh-len, sind seltener und insgesamt weniger krankgeschrieben als wohnortnah arbeitende Er-werbsttige. Sie sind jedoch hufiger und langwieriger von psychischen Diagnosen betroffen.Dieses Risiko nimmt nicht nur mit jedem weiteren Wohnort- und Arbeitsplatzwechsel zu, son-dern steigt auch mit dem Alter.Wie auch in den Vorjahren bilden die Daten der 3,7 Millionen bei der TK versicherten sozial-versicherungspflichtig Beschftigten und ALG-I-Empfnger die Grundlage unseres Gesund-heitsreports. Die Gruppe der mobilen Beschftigten haben wir nach drei Kriterien abgegrenzt:der Distanz zwischen Wohn- und Arbeitsort, den Wohnortwechseln sowie den Arbeitsplatz-wechseln zwischen 2009 und 2011. Da jeder Arbeitgeber mit sozialversicherungspflichtigBeschftigten in aller Regel eine Betriebsnummer zugeordnet bekommt, ist es mglich, jedenArbeitsplatz versichertenbezogen und pseudonymisiert einem von 400 Landkreisen bzw.kreisfreien Stdten zuzuordnen.Die grte Gruppe der Berufspendler bilden mnnliche Beschftigte fortgeschrittenen Alters.Dies hngt sicherlich damit zusammen, dass in den lteren Altersgruppen eine traditionelleRollenverteilung noch verbreiteter ist und Familienvter als Hauptverdiener weitere Distanzenin Kauf nehmen. Je hher der Ausbildungsstand, desto grer sind auch die Arbeitsplatzdis-tanzen. Zudem ist der Pendler-Anteil in den kaufmnnischen Berufen berproportional hoch.Belastung durch Wohnort- und Jobwechsel steigt mit dem AlterDeutlich erhhte Fehlzeiten stellen wir bei Beschftigten mit Wohnkreiswechseln fest. Auchhier bestehen vor allem im Bereich psychisch bedingter Fehlzeiten Unterschiede zu den we- 3__________________________________________________________________________________Prof. Dr. Norbert Klusen, Techniker Krankenkasse
  • 4. Statement Professor Dr. Norbert KlusenVorsitzender des Vorstandes der Techniker Krankenkassezur Vorstellung des TK-Gesundheitsreports 2012am 26. Juni 2012 in Berlinniger mobilen Berufsttigen. Diese Diskrepanz steigt mit dem Alter. Bei den jngeren Be-schftigten, die Wohnortwechsel in ihrem Alter als normal oder sogar wnschenswert anse-hen, differieren die Fehlzeiten im Vergleich zu ihren gleichaltrigen Beschftigten ohne Umzugkaum. Bei den lteren Jahrgngen gehen Wohnortwechsel deutlich hufiger mit psychischenBelastungen einher. ber alle Altersgruppen stellen wir fest, dass Beschftigte, die zwischen2009 und 2011 mindestens einmal umgezogen sind, mit durchschnittlich 16,5 Tagen gut dreiTage mehr krankgeschrieben waren als Arbeitnehmer ohne Wohnortwechsel. Die Ursachenliegen dafr liegen vor allem in den Diagnosekapiteln Muskel- und Skeletterkrankungen sowiepsychische Strungen. Mit vier Tagen pro Kopf liegen die psychisch bedingten Fehlzeiten beiden "Umgezogenen" fast doppelt so hoch wie bei ihren sesshaften Kollegen.hnliches gilt bei Jobwechsel: Gut 35 Prozent der Beschftigten haben im Beobachtungszeit-raum mindestens einmal den Arbeitsplatz gewechselt. Und auch hier beobachten wir, dassdie Belastungen mit dem Alter und mit der Zahl der Arbeitsplatzwechsel zunehmen.Gesundheit frdern, damit Pendler nicht auf der Strecke bleibenOb und inwiefern Pendeln, Wohn- und Jobwechsel als Belastung empfunden werden, hngtsicherlich von vielen Faktoren ab: Ist es ein freiwilliger Wechsel, zum Beispiel infolge einesberuflichen Aufstiegs oder einer Familiengrndung oder eher ein Unfreiwilliger