Das Problem der „Ganzheit” in der Biologie

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    11-Jul-2016

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  • DAS PROBLEM DER , ,GANZHEIT" IN DER B IOLOGIE

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    Prof. Dr HERMAN J. JORDAN (Laboratorimn voor vergelijkende Physiologie der Universiteit, Utrecht)

    Der Begriff der ,,Ganzheit" hat sich ziemlich allgemeine Geltung er- worben. Daher droht die Gefahr, dass man ihn misbraucht, d.h. ihn, ohne seinen auf Induktion und Synthese beruhenden Inhalt zu kennen, zur Erkl~i- rung von allen m6glichen Problemen benutzt, und nicht untersucht, ob der Begriff auf das betreffende Problem fiberhaupt angewandt werden darf. So hat man es eine Zeitlang mit dem Begriff der natiirlichen Zuchtwahl auch getan, mit dem man ,,restlos" alle mSglichen Probleme zu 16sen glaubte, ohne zu untersuchen ob der betreffende Einzelfall iiberhaupt in den Bereich der Theorie falle, welche der Begriff zusammenfasste.

    Daher ist eine genaue Untersuchung dessen n6tig, was der Begriff ,,Ganzheit" umfasst um derartige Fehler zu vermeiden.

    Der Begriff der ,,Ganzheit" ist entstanden aus der Reaktion gegen den reinen Kausalismus in der Lehre vom Leben. Der Kausalismus lehrt, dass, wenn die Teile bekannt sind, auch das Ganze, in casu der Organismus oder das Leben ,,erkl~,rt" ist. Die Teile aber sind bekannt, wenn man yon allen wahrnehmbaren, isolierten Erscheinungen die Ursache kennt, d.h. wenn der kausale Versuch eine Ursache zu entdecken erlaubt, deren Wesen dem Physiker oder dem Chemiker schon bekannt ist. Das Leben wiire also hiernach ,,erkl~,rt", wenn man alle Lebenserscheinungen kausal erkl~iren k6nnte. Diese These ist falsch, was man zeigen kann, selbst wenn man sich auf die konstanten Erscheinungen am erwachsenen Organismus beschr~inkt und die Probleme der eigentlichen Lebensdynamik in Wachstum und Denken ausser Betracht l~isst. Zur Erkliirung des Lebens geniigt nicht die Beziehung zwischen Ursache und Wirkung, sondern sie verlangt auch die Kenntnis der in terkausa len Bez iehung. Biologie ist nicht die Wissenschaft der kausalen Einzelrelationen, sondern sie ist Systemwissenschaft: was im Organismus als notwendige Bedingung des Lebens dauernd geschieht, be- ruht nicht auf Ursachen ohne weiteres, sondern auf geordneten Ursachen,

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    auf kausalen Strukturen. Die Ordnung gleichzeitig wirkender Ursachen und die Succession aufeinander folgender Ursachen ist das kausalbiologische Problem. Die Versuche von DARWIN, HAECKEL und anderen, das Entstehen derartiger Strukturen ohne Zuhiilfenahme wieder anderer kausaler Struk- turen zu erkl~iren, gehSren der Geschichte an. Denn kausale Strukturen kann man nicht als Summe einzelner kausaler Erscheinungen auffassen, da in Strukturen alle kausale Faktoren miteinander in Wechselbeziehung stehen und eben dadurch das bilden, was wir im Laufe dieser Auseinandersetzung als ein ,,Ganzes" kennen lernen werden. Wo Leben ist, da sind alle Teile derart miteinander verbunden, dass solch ein System nicht durch zuf~illiges Zusammentreten einzelner Faktoren erklS.rt werden kann, und ebensowenig kann man die phylogenetische Entwicklung verstehen, durch Annahme zufS.11igen Entstehens einzelner neuer Faktoren; denn solche gibt es im Leben nicht. Alles wirklich Neue miisste immer schon in harmonischer Be- ziehung zu allem schon Bestehenden auftreten. Ein durch phylogenetische Spekulationen postulierter neuer Organismus oder ein neuer Bestandteil yon einem Organismus miisste immer eine in sich geschlossene kausale Struktur sein, fiir deren Entstehen man nicht Einzelursachen in vollkom- mener Unabh~ingigkeit yon einander (,,Zufall") verantwortlich machen kann, sondern h6chstens wieder kausale Strukturen. Das Problem der im Leben gegebenen kausalen Strukturen liisst sich durch historische Hypo- thesen nicht 15sen.

    Der Kausalismus dankt sein Bestehen der kausalen Methode, also der Analyse durch das Experiment. Jede Wirklichkeit ist ein unentwirrbares Netz kausaler Erscheinungen, in welchem der Mensch die Einzelbeziehung nur dutch strenge BeschrS.nkung seiner Wahrnehmung auf ein Einzelnes erkennen kann. Bei dieser Beschr~inkung muss jede Vielurs~ichlichkeit (ohne die es keine Wirklichkeit gibt) und vor allem jede Wechselwirkung ausgeschlossen werden. Denn durch Wechselwirkung wird ein jeder kau- saler Faktor in seiner Eigenschaft als Ursache derartig ver~indert, dass es unm6glich wird seine Wirkung als ,,Konstante" festzustellen. Der beste Versuch ist der, bei dem diese Beschr~inkung der Wirklichkeit auf ein kausal Einzelnes am vollkommensten gegliickt ist. Da die Physik im Wesentlichen die Aufgabe hat, reine Beziehung durch ihre Wirkung zu charakterisieren, so darf sie sich auf das Einzelne beschriinken: das Resultat des kausalen Versuchen ist fiir sie denn auch durchaus hinrei- chende Bestimmung dessen, was kennen zu lernen ihre Aufgabe ist. Das gilt aber nicht fiir Systemwissenschaften (Wirklichkeitswissenschaften). Fiir sie ist d".r kausale Versuch lediglich Methode, um durch die Merkmale kausaler Wirkung die Eigenschaften gegebener Faktoren und die Struktur

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    dieser Eigenschaften als Beziehungsnetze zwischen sichtbaren Teilen des betreffenden Systems, kennen und unterscheiden zu lernen. Die Analyse abet vermag im lebenden System nur das Wesen isolierter Beziehungen festzustellen; daher ergibt sich die Struktur der Beziehungsnetze nicht unmittelbar aus den Versuchen, sondern erst durch streng wissenschaft- liche Synthese.

    Das Gesagte gilt fiir jede Wirklichkeit; allerdings interessiert uns nicht in allen F~illen Wirklichkeit als System und beschrS.nkt sich unser Interesse oft auf Ver~inderungen an einem bekannten System. Wenn wit sagen, ein Eisenbahnungliick sei durch falsche Weichenstellung verursacht worden und daher unzweideutig bestimmt, so ist das ganz einfach ein logischer Fehler. Ausserhalb des Gesamtsystems der Eisenbahn verursacht fal- sche Weichenstellung kein Ungliick, schon deshalb nicht, well es dann gar keine falsche Weichenstellung geben kann. Das Wort ,,falsch" bezieht die Weichenstellung ja schon auf das System. Das Eisenbahnungliick als Geschehen ist bestimmt durch das gesamte Eisenbahnsystem und dutch die yon der Norm des Geschehens abweichende Stellung einer Weiche. Im t~iglichen Umgang kann man sich natiirlich auf die regelwidrige Erschei- nung" beschrS.nken und die Kenntnis des Systems voraussetzen; nicht so abet in der Biologie, deren Aufgabe es gerade ist, das System als solches zu erforschen. Der Organismus (und iiberhaupt jede Wirklichkeit) ist keine Summe yon Versuchsanordnungen, keine Summe isolierter Einzel- faktoren, f('lr welche er im vorigen Jahrhundert angesehen wurde. Auch in der Biologie muss experimentiert werden, auch da muss durch die Ver- suchsanordnung die biologische Wirklichkeit so viel wie m6glich beschr~inkt werden, sodass aus der kausalen Struktur die kausale Einzelbeziehung, die wir erkennen wollen, isoliert wird; d.h. sie muss von gleichzeitigen anderen Wirkungen und von jedweder Wechsehvirkung losgel6st werden. Dadurch abet zerst6rt der Versuch das Netz der interkausalen Beziehun- gen desto griindlicher, je besser der Versuch angestellt wurde. Dieses Zu- sammengeh6ren und sich gegenseitig Beeinflussen vieler Faktoren ver- stehen wir nut dutch eine Methode, dutch welche wit aus zahlreichen richtig erkannten FAnzelfaktoren das Ganze im Geist wieder aufzubauen suchen, das heisst also durch S y n t h e s e.

    WAS IST SYNTHESE UND WAS BERECHTIGT UNS ZU SYNTHESE?

    Jede Wissenschaft beginnt mit einer Wirklichkeit, die ihr Objekt ist. Diese Wirklichkeit ist zun~ichst undurchsichtig, oder chaotisch. Der Mensch erkennt nur das Einzelne scharf und daher miissen seine Wahr-

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    nehmungen ,,methodisch" sein, das heisst sie miissen die Wirklichkeit einschriinken. Die Art wie wir die komplexe bewegte Wirklichkeit ein- schr~inken, um unsere Aufmerksamkeit auf Einzelnem ruhen lassen zu k6nnen, ist es ja, was wir ,,Methode" nennen: wir halten den Film der Wirklichkeit an und engen durch ein Diafragma auf dem Einzelbilde unser Gesichtsfeld dermassen ein, dass wit nut mehr einen ganz kleinen Teil dieses Bildes sehen. Die Kausalisten (Materialisten) verkiindeten nun, dass die Wirklichkeit nichts anders sei, als die Summe der auf diese Weise ent- standenen Einzelerkenntnisse. Das ist naturgemiiss vollkommen falsch. Will man yon der Einzelerkenntnis zum Wirklichkeitsverstehen getangen, so muss man die gemachten EinschrS.nkungen systematisch im Geiste wieder aufheben. Das ist Synthese. Natiirlich darf man bei dieser Operation der Phantasie keinen freien Lauf lassen, sonst erhilt man an Stelle yon Synthese, reine Theorie oder gar Spekulation. Jede sich auf ein komplexes Stiick Wirklichkeit beziehende Analyse ist ihrer Synthese wert, wenn auch die Analyse unvollstS.ndig ist, denn jede Analyse ist unvollst~in- dig. Was niitzte die Analyse des Lichtabgusses der uns umgebenden Wirk- lichkeit, wie sie unsere Retina macht, ohne die Synthese in der Apper- zeption? Dabei ist die Analyse durch die Retina ausserordentlich unvoll- st~ndig, wie die Anwendung jeder Vergr6sserung schon beweist. Die ge- staltmS.ssige Apperzeption Iiefert aber etwas ganz anders als eine Summe von Retinareizen, dadurch, dass sie die durch die Retinaelemente gemachte Trennung in isolierte Teile, durch Einfiigung des sie verbindenden Rela- tionsnetzes, wieder aufhebt. Wissenschaft aber ist nichts anders als rationa- lisierte ~vVahrnehmung, sie muss daher die gleichen logischen Elemente enthalten, also sowohl Analyse als Synthese in unmittelbarer Wechsel- wirkung.

    Wissenschaftlichen Wert erhS.lt diese Integration aber erst, wenn sie zu neuen Gesetzmiissigkeiten fiihrt. Das heisst aber sie ist ohne Wert, wenn sie nur zum Aufbau zufS.11iger Konfigurationen fiihrt. Daher ist ihre Voraussetzung, dass die analysierte Wirklichkeit selbst nicht chaotisch ist, keinem Einzelfalle der Konfiguration entsprieht, sondern einem Regel- masse. Immer ist Regelmass das Merkmal bestehender Beziehung. In der Biologie ergibt sich dieses Regelmass von selbst, denn dieses Regelmass in der Konfiguration ist das eigentliche, konstante Merkmal des Lebens. Leben ist ein Gleichgewicht sowohl energetischer als spezifischer Natur, das heisst es beruht auf dem Zusammenwirken vieler Teile, die sowohl quantitativ als qualitativ genau auf einander und nur auf einander abge- stimmt sind.

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    DAS LEBEN ALS DYNAMISCHES ENERGETISCHES GLE ICHGEWICHT

    Ein physikalisches Gleichgewicht ist der Zustand yon einem Minimum an freier Energie in einem System. Diesen Zustand kann der Versuch nur durch strenge Isolierung des betreffenden Systems yore Allgemein- geschehen physikalischer Wirklichkeit herstellen. Biologisch gesprochen bedeutet dieses Gleichgewicht den Tod. Das energetische Gleichgewicht im lebenden Organismus ist dynamisch, es beruht nicht auf einem Minimum freier Energie, sondern auf einer gesetzm~issigen Verteilung der Entfal- tung freier F.nergie. Bei der Analyse, also sowohl im physikalischen als im entsprechenden biologischen Versuche, sorgt der Experimentator fiir das Auftreten eines einzigen Energiegefiilles, zu dem von ihln gewiinschten Augenblicke. Im uneingeschr~inkten Leben aber ist fiir zahlreiche derar- tige Gefiille gesorgt und die synthetische Betrachtung lehrt, dass sie alle zusammen in harmonischer Beziehung zur Erhaltung des Lebens stehen. Die Erscheinungen, die im Sinne eines F.nergiegefiilles verlaufen, sind ge- setzm~issig verbunden mit anderen, die sich im entgegengesetzten Sinne abspielen miissen (Beispiel: der Muskelchelnismus). Dadurch sinken und steigen die Energieniveaus in den Teilen des Organismus, wie die K6rbe in einem Doppelaufzuge, und zwar in gesetzm~issig priiformierter Ab- h~ingigkeit voneinander. Die Teile sind mit Uhren zu vergleichen, die sich in ihrem Ablaufe gegenseitig aufziehen, gegenseitig fiir die notwendige Energie sorgen und sich gegenseitig auf das notwendige Energiemass beschriinken.

    DAS LEBEN ALS SPEZIFISCHES GLEICHGEWICHT SEINER TEILE

    Bekanntlich wird die Reaktion im Darm durch das Sekretin, welches vor allen Dingen im Duodenum priiformiert vorhanden ist, reguliert. Von der aus dem Magen kommenden Siiure werden kleine Mengen resorbiert, sie 16sen eine entsprechende Menge ,,Prosekretin" auf, diese gelangt als Sekretin in die Zirkulation und Sekretin wirkt wiederum spezifisch reizend auf das Pankreas, nicht auf andere Driisen, die es naturgemS.ss ebensogut erreicht. So lange Siiure im Darm vorhanden ist, erhiilt das Pankreas Reize und sondert doppelkohlensaures Natron ab, sodass eine ganz bestimmte Reak-tion im Darln erreicht wird, deren Notwendigkeit fiir die Darmver- dauung aus den Fermentversuchen zu ersehen ist (siehe in neurer Zeit die Arbeiten von H. J. VONK und Mitarbeitern, I929, I933). Was fiir das Sekretin gilt, gilt fiir alle Teile des Organismus, gleichgiiltig, ob es anatomisch oder aber chemisch oder physikalisch feststellbare Teile sind. Das Wesentliche dieser Konstatierung durch Synttiese ist, dass es fiir das

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    VerstS.ndnis des Lebens als Ganzes nicht auf die Ursachen der Erschei- nungen ankommt sondern auf das spezifische Passen pr~iformierter (kau- saler) Eigenschaften strukturierter Teile zueinander. Das bedeutet aber, dass wir neben der Struktur der sichtbaren Teile auch eine Struktur aus Erseheinungen erschlossener Eigenschaften kennen miissen. Diese Strukturen sind innerhalb des lebenden Systems stets vorhanden, es linden sich alle diejenigen Faktoren, die man logisch postulieren muss, alle anderen M6glichkeiten der kausalen Strukturierung fehlen in der Norm, sodass regelwidrige Strukturen, wenn sie auftreten, als Krank- heit erkannt werden k6nnen; ferner kommen derartige Strukturen als Teilsysteme ausserhal,b eigentlichen Lebens nicht vor; es gibt nur Alles oder Nichts: Leben ist immer ein ,,Ganzes". Durch diese Ergebnisse beweist die synthetische Methode ihre eigene Berechtigung und schreitet zugleich zu ihrer eigentlichen wissenschaftlichen Aufgabe, niimlieh der Bildung synthetischer Begriffe. Wit beziehen nunmehr die kausalen Eigenschaften strukturierter Teile auf die kausalen Eigenschaften der anderen Faktoren und sprechen auch dann von ihrem kausalen Zusam- menpassen, wenn die Eigenschaften zunS.chst gar nicht Ursache einer Erscheinung sind. Sekretin liegt mit seinen Eigenschaften bereit, auch zu einer Zeit, in welcher aus dem Magen gar keine Siiure kommt, die neutralisiert werden muss. Sekretin passt zwischen die S~iure des Magens und das doppelkohlensaure Natron des Pankreassekrets, wie das Glied einer Kette zwischen seine beiden Nachbarn und es zwingt diese beiden Faktoren so zusammen zu arbeiten, dass ein fiir den gesamten Prozess der Verdauung notwendiges Resultat entsteht. Das Sekretin, aber auch jeder andere Faktor des Organismus, hat ,Ambozeptorcharakter", wie ich das, unter Verwendung dieses Ausdruckes aus der Immunitiitslehre, ge- nannt habe.

    Im Gegensatze zur Physik lernen wit also in der Biologie nicht nur Einzeleigenschaften yon Dingen kennen, sondern die Dinge...

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