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Henry Dunant-Eine Erinnerung an Solferino

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Text of Henry Dunant-Eine Erinnerung an Solferino

Eine Erinnerung an Solferino(1859) Die Schlacht von Solferino am 24. Juni 1859 (Jean Henri Dunant (1828-1910) war ein Schweizer Geschftsmann und ein Humanist christlicher Prgung. Im Juni 1859 wurde er in der Nhe der italienischen Stadt Solferino Zeuge der erschreckenden Zustnde unter den Verwundeten nach einer Schlacht. ber seine Erlebnisse schrieb er dieses Buch) Vorwort zur zweiten Originalausgabe. Da diese Schrift anfnglich nicht fr die ffentlichkeit bestimmt war, so kam die ganze erste Auflage nicht zum Verkaufe; allein der Verfasser, von vielen Seiten aufgefordert, gab endlich seine Zustimmung zum Wiederabdruck. Er gibt sich brigens der Hoffnung hin, da er mit ihrer Verffentlichung nur um so eher den Zweck erreicht, den er sich vorgesteckt und der ihn auch veranlate, den an ihn gelangten, so zahlreichen Begehren zu entsprechen. Der blutige Sieg von Magenta hatte der franzsischen Armee die Tore Mailands geffnet und der Enthusiasmus der Italiener erreichte seinen Gipfelpunkt; in Pavia, Lodi und Cremona wurden die Befreier berall mit Begeisterung begrt; die Linien der Adda, des Oglio und der Chiefe waren von den sterreichern aufgegeben worden; denn, um endlich fr die vorhergehenden Niederlagen eine glnzende Genugtuung sich zu verschaffen, sollten an den Ufern des Mincio bedeutende Streitkrfte vereinigt werden, an deren Spitze sich der junge und ritterliche Kaiser von sterreich stellte. Den 17. Juni kam Victor Emmanuel nach Brescia, woselbst ihn die seit zehn langen Jahren unterdrckte Bevlkerung mit begeisterten Huldigungen empfing, indem sie in dem Sohne Karl Albert's nicht allein einen Retter, sondern auch einen Helden begrte. Den darauffolgenden Tag hielt Kaiser Napoleon in derselben Stadt seinen Siegeseinzug, umwogt von einer Bevlkerung, welche im Freudentaumel sich glcklich schtzte, dem Herrscher seine Erkenntlichkeit zu bezeugen, der ihr zur Wiedererlangung der Freiheit und Unabhngigkeit behilflich war. Den 21. Juni zogen der Kaiser der Franzosen und der Knig von Sardinien aus Brescia, das von ihren Truppen schon Tags vorher verlassen worden war. Den 22. wurden Lenato, Castenedolo und Montechiaro besetzt; den 23. Abends gab der Kaiser, als Oberkommandant des ganzen Heeres, den Befehl an die bei Desenzano lagernde Armee des Honigs Victor Immanuel, welche den linken Flgel der Alliierten bildete, den 24. Morgens gegen Pozzolengo aufzubrechen. Marschall Baraguey d'Hilliers sollte gegen Solferino, der Herzog von Magenta gegen Cavriana, General Niel nach Guidizzolo und Marschall Canrobert nach Medole marschieren, indessen die kaiserliche Garde in Castiglione Stellung zu fassen hatte. Die ganze alliierte Streitmacht war 150.000 Mann stark mit etwa 400 Geschtzen. Dem Kaiser von sterreich standen in der Lombardei 9 Armee-Corps in der Gesamtstrke von 250.000 Mann zur Verfgung, da seine Invasionsarmee durch die Besatzungen von Verona und Mantua verstrkt worden war. Auf den Rat des Feldzeugmeisters Baron He hatten sich die kaiserlichen Truppen, von Mailand und Brescia an, nur deshalb fortwhrend zurckgezogen, damit zwischen der Etsch und dem Mincio smtliche Streitkrfte sterreichs

in Italien vereinigt wrden; allein nur 7 Armee-Corps oder 170.000 Mann mit etwa 500 Geschtzen konnten als fr die Kriegsoperationen verwendbar angesehen werden. Das kaiserliche Hauptquartier war von Verona nach Villafranca und von da nach Valeggio verlegt worden, worauf die Truppen Befehl erhielten, den Mincio bei Peschiera, Salionze, Valeggio, Ferri, Goito und Mantua wieder zu berschreiten. Das Gros der Armee wurde von Pozzolengo nach Guidizzolo verlegt, um von da aus, auf den Ratschlag mehrerer erfahrener Feldmarschall-Leutnants die franco sardische Armee zwischen dem Mincio und der Chiese anzugreifen. Die sterreichischen Streitkrfte bildeten unter den Befehlen des Kaisers zwei Haupt-Armeen. Die erste wurde Von dem Feldzeugmeister Graf Wimpffen kommandiert, unter dessen Befehlen die Corps der Feldmarschall-Leutnants Prinz Edmund von Schwarzenberg, Graf Schaafgottsche und Baron von Veigl, sowie die Cavallerie-Division des Grafen Zedtwitz standen. Diese erste Armee bildete den linken Flgel und fate in der Umgegend von Volta, Guidizzolo, Medole und Castel Goffredo Stellung. Die zweite Hauptarmee war von dem Cavallerie-Generale Graf Schlick befehligt, und unter ihm standen die FeldmarschallLeutnants Graf Clam-Gallas, Graf Stadion, Baron von Zobel und Ritter von Benedek, sowie die Cavallerie-Division des Grafen Mensdorf. Diese Armee bildete den rechten Flgel und hielt Cavriana, Solferino, Pozzolengo und San Martino besetzt. Alle Hhen zwischen Pozzolengo, Solferino, Cavriana und Guidizzolo waren somit den 24. Morgens in den Hnden der sterreicher und starke Batterien schmckten die Mamelons, welche bas Centrum einer ausgedehnten Offensivlinie bildeten und dem rechten und linken Flgel erlaubten, sich im Notfalle unter den Schutz der als uneinnehmbar angesehenen befestigten Hhen zurckzuziehen. Obgleich beide feindlichen Heere sich gegeneinander in Bewegung setzten, so dachten sie doch nicht, so halb und so heftig aufeinander zu stoen. Die sterreicher hatten gehofft, da nur ein Teil der franco-sardischen Armee die Chiese berschritten habe, sie kannten den Plan Napoleons nicht und waren berhaupt ohne jede genauere Nachricht ber die feindlichen Bewegungen. Auch die Alliierten glaubten nicht, so schnell der Armee des Kaisers von sterreich zu begegnen; denn die Rekognoszierungen, die Beobachtungen und Berichte der Plnkler, sowie die whrend des 23. in die Hhe gelassenen Luftballons lieen in keiner Weise die Spur einer neuen feindlichen Offensivbewegung oder gar eines Angriffplans entdecken. So war also, trotzdem da beide Teile sich auf eine demnchstige und groe Schlacht vorbereitet hatten, der Zusammensto der sterreicher und der Franco-Garden am Freitag den 24. Juni ein gegenseitig berraschender, Dank der Unkenntnis der Heerfhrer ber die gegnerischen Bewegungen. Wohl Jedermann hat ber die Schlacht von Solferino einen Bericht gehrt oder gelesen. Eine so ergreifende Erinnerung verwischt sich gewi nicht so leicht, und hier wohl um so minder, als die Folgen dieses Tages in mehreren Staaten Europas jetzt noch fhlbar sind. Als einfacher Tourist, und dem Zweck, dieses groen Kampfes vollkommen ferne stehend, hatte ich, durch besondere Umstnde begnstigt, das seltene Vorrecht, bei dem ergreifenden Schauspiele, das ich hier zu schildern versuchen werde, zugegen zu sein. Ich will brigens in

den folgenden Zeiten nur meine persnlichen Eindrcke wiedergeben, und man wird darum auch hier weder genauere Einzelheiten, noch strategische Aufschlsse entdecken, die in anderen Werken ihren Platz finden mgen. Whrend dem denkwrdigen Tage des 24. Juni standen sich mehr als 300.000 Mann gegenber, die Schlachtlinie hatte eine Ausdehnung von 5 Meilen und man schlug sich whrend 15 Stunden. Die sterreichische Armee mute, nachdem sie whrend der ganzen Nacht vom 23. die Strapazen eines anstrengenden Marsches zu berdauern hatte, vom frhen Morgen des 24. an den gewaltigen Choc der alliierten Armee aushalten, sie hatte berdies bei der drckendsten Hitze vom Hunger und Durst zu leiden, da mit Ausnahme einer doppelten Nation Branntwein der grte Teil dieser Truppen whrend des ganzen Tages keine Nahrung zu sich nehmen konnte. In der franzsischen Armee, die sich mit Tagesanbruch in Marsch setzte, hatten die Leute nur den Morgenkaffee zu sich genommen, so da die Erschpfung der Streiter und besonders der unglcklichen Vermundeten am Ende dieser furchtbaren Schlacht den hchsten Grad erreicht hatte! Gegen drei Uhr Morgens setzten sich die von den Marschllen Baraguey d'Hilliers und Mac Mahon befehligten Corps gegen Solferino und Cavriana in Marsch; allein kaum hatten die Spitzen ihrer Colonnen Castiglione berschritten, so stieen sie auf die sterreichischen Vorposten vor sich, welche ihnen das Terrain streitig machten. Beide Armeen rsten sich zum Kampfe. Auf allen Seiten ertnen die Trompeten zum Angriffe, wirbeln die Trommeln. Kaiser Napoleon, welcher die Nacht in Montechiaro zugebracht hatte, begibt sich in aller Eile nach Castiglione. Um 6 Uhr hat der Kampf ernstlich begonnen. Die sterreicher rcken in vollkommener Schlachtordnung auf den gebahnten Straen vor. Im Centrum ihrer festgeschlossenen Massen in weien Waffenrcken sieht man die schwarzgelben Fahnen mit dem kaiserlichen Adler sterreichs flattern. Unter allen an dem Kampfe Teil nehmenden Corps bietet besonders die franzsische Garde einen imposanten Anblick dar. Es ist ein herrlicher Tag und der blendende Schein der Sonne Italiens spiegelt sich in dem Waffenschmucke der Dragoner, Guiden, Lanziers und Cuirassiere wieder. Mit dem Beginne der Action hatte der Kaiser Franz Joseph mit seinem Generalstabe sein Hauptquartier verlassen, um sich nach Volta zu begeben; er war von den Erzherzogen des Hauses Lothringen begleitet, unter denen man besonders den Groherzog Von Toskana und den Herzog von Modena bemerkte. Inmitten eines den Alliierten vollkommen fremden und ungeheure Schwierigkeiten darbietenden Terrains fand der erste Zusammensto statt. Die franzsische Armee mute sich vor Allem durch die mit Rebengeflechte verbundenen Maulbeerbaumreihen, die als wirkliche Terrainhindernisse betrachtet werden knnen, Bahn brechen, auerdem hemmten groe

ausgetrocknete Grben, dann zwar niedere, aber mitunter breite und lang hinziehende Mauern jedes rasche Vorrcken; die Pferde muten die Mauern erklimmen, durch die Grben traben. Die auf den Hhen und Hgeln aufgestellten sterreicher lieen ihre Batterien auf die franzsische Armee spielen, welche mit einem Hagel von Vollkugeln, Karttschen und Bomben berschttet wurden. In die dichten Wolken des von den Geschtzen aufsteigenden Pulverdampfes mischt sich die durch rikoschetierende Geschosse aufgeworfene Erde und der aufwirbelnde Staub. Die Franzosen, trotzend dem verheerenden Feuer der Batterien, die den Tod in ihre Reihen schleudern, strzen sich wie ein tobendes Gewitter von der Ebene her im Sturme gegen diese Stellungen, entschlossen sie um jeden Preis zu nehmen. Whrend der steigenden Mittagshitze ist auf allen Seiten der Kampf am heftigsten entbrannt. Geschlossene Colonnen dringen aufeinander ein mit dem Ungestm zerstrender Strme, die alles auf ihrem Wege niederreien; ganze franzsische Regimenter werfen sich in Plnklerketten auf die immer zahlreicher in Linie rckenden drohenden sterreichischen Massen, welche gleich Mauern von Eisen festen Fues den Angriff erwarten; ganze Divisionen legen die Tornister ab, um sich besser und rascher mit dem Bajonett auf den Feind werfen zu knnen; wenn ein Bataillon zurckgeworfen ist, rckt ein anderes an seiner Stelle vor. Um jeden Mamelon, um jeden Hgel, um jeden Felsvorsprung werden hartnckige Kmpfe geliefert, ganze Haufen von Toten sind auf den Hgeln, in den Hohlwegen aufgetrmt. sterreicher und Alliierte tobten einander auf den blutigen Leichnamen, sie morden sich mit Kolbenschlgen, zerschmettern sich das Gehirn, schlitzen sich mit Sbeln und Bajonetten die Leiber auf: kein Pardon wird mehr gegeben, es ist ein Gemetzel, ein Kampf wilder, wtender, blutdrstiger Tiere, und selbst die Verwundeten verteidigen sich bis zum uersten; wer keine Waffen mehr besitzt, fat seinen Gegner an der Gurgel und zerfleischt ihn mit den Zhnen. Dort findet ein hnlicher Kampf statt, allein er wird noch schrecklicher durch das Nahen einer Eskadron Cavalerie, welche im Galopp heransprengt; die Pferde zertreten unter ihren Hufen Tote und Sterbende; einem armen Verwundeten wird die Kinnlade zerrissen, einem andern die Hirnschale zerschmettert, einem Dritten, der noch zu retten gewesen wre, die Brust eingetreten. In das Wiehern der Pferde mischen sich Flche, Schmerzens- und Verzweiflungsrufe und Wutgeschrei. Dort ist es die Artillerie, die in gestrecktem Laufe der Cavalerie ber die umherliegenden Verstmmelten Leichname und Verwundete folgt, und sich wie jene ber sie Bahn bricht; auch hier gibt es zertretene Hirnschalen, zerschmetterte Gebeine, der Boden wird mit Blut getrnkt, mit menschlichen berresten bedeckt. Mamelons, unter dem Gewehrfeuer der sterreichischen Infanterie, dem Karttschenhagel und dem Zerplatzen der Bomben. Kaum ist jetzt ein Mamelon genommen, kaum haben etliche Eliten-Compagnieen in hchster Ermattung und im Schweie gebadet den Gipfel erstiegen, so strzen sie sich gleich einer Lawine auf die sterreicher, werfen sie zurck, treiben sie von Posten zu Posten und Verfolgen sie bis in die Hohlwege und Grben. Die Stellungen der sterreicher sind ausgezeichnet, sie haben sich in den Husern und Kirchen von Medole, Solferino und Cavriana verschanzt. Allein nichts hlt, nichts verhindert oder vermindert das Gemetzel, man tobtet sich im Groen und im Kleinen, jeder Fleck Bodens wird mit dem Bajonette erkmpft, jede Baustelle wird Schritt um Schritt verteidigt, die Drfer werden nur Haus um Haus, Gut um Gut erobert, ein jedes macht gleichsam eine

Belagerung ntig, und die Tore, die Fenster und die Hfe sind ebensoviel Schaupltze des wildesten Mordens. Das franzsische Karttschenfeuer verursachte eine groe Unordnung in den sterreichischen Massen; es bedeckte die Hgelabhnge mit Todten und schleuderte Verheerung und Tod selbst bis auf unglaubliche Entfernungen in die Reserven der sterreichischen Armee. Allein wenn gleich die sterreicher wichen, so geschah dies doch nur Schritt um Schritt, und um bald wieder zum Angriffe zu schreiten; ihre Reihen schlossen sich wieder und immer wieder zusammen, um gleich darauf von Neuem durchbrochen zu werden. In der Ebene treibt der Wind Staubwolken von der Strae vor sich her und wie ein dichtes Nebelmeer verdunkelt dieses Gewlk die Luft und erblindet fast die Streiter. Wenn auch da und dort fr Augenblicke das Kmpfen nachzulassen scheint, so beginnt es doch bald wieder mit erneuerter Wut. Die frischen Reserven der sterreicher fllen bald die Lcken wieder aus, welche die Wucht der eben so hartnckigen als tdlichen Angriffe in ihren Reihen gerissen. Fortwhrend hrt man auf dieser, oder jener Seite zum Angriffe die Trompeten blasen, die Tamboure schlagen. Die Garde gibt Beweise des hchsten Mutes. Die Schtzen, die Jger und die Linientruppen wetteifern mit ihr an Ausdauer und Khnheit. Die Zuaven strzen mit dem Bajonett, aufspringend wie wilde Tiere, mit furchtbarem Geschrei voran. Die franzsische Cavallerie dringt auf die sterreichische ein, Ulanen und Husaren durchbohren und zerfleischen sich; die von der Hitze des Kampfes selbst erregten Pferde werfen sich auf die feindlichen und beien sich, indessen ihre Reiter auf einander einhauen oder sich niederstoen. Die Kampfeswut ist so gro, da man auf einigen Punkten, wo die Munition ausgegangen und auch die Gewehre schon zerschmettert worden, zu Steinen seine Zuflucht nimmt und Leib an Leib damit aufeinander losschlgt. Die Kroaten tten Alles, was ihnen begegnet; sie geben den alliierten Verwundeten mit dem Kolben den Gnadensto, indessen die algierischen Jger, deren Fhrer vergebens ihrer Grausamkeit Einhalt zu tun suchen, mit den sterreichischen Verwundeten, gleichviel ob Offiziere oder Soldaten, in gleicher Weise verfahren und bei dem Handgemenge ein wildes Geschrei ausstoen. Die strksten Positionen werden genommen, wieder verloren, wieder gewonnen, um von Neuem wieder verloren, wieder erobert zu werden. berall fallen zu Tausenden Streiter dahin, verstmmelt, von Kugeln durchbohrt oder von Geschossen jeder Art tdtlich getroffen. Wenn auch der Zuschauer von den dem Stdtchen Castiglione zunchst liegenden Hhen nicht die ganze Schlachtlinie zu bersehen im Stande war, so konnte er doch leicht ernennen, da die sterreicher das Centrum der Alliierten zu sprengen suchten, um Solferino zu decken, das durch seine Lage zum Hauptobjekt, zum Zankapfel der Schlacht wurde; man bemerkte wohl, welche Mhe sich der Kaiser der Franzosen gab, um die verschiedenen Corps seiner Armee zusammenzuhalten, damit sie sich gegenseitig untersttzen knnten. Sobald Kaiser Napoleon bemerkte, da es bei den sterreichischen Truppen an einer zusammengreifenden umfassenden Leitung fehlte, befahl er den Armee-Corps von Baraguey d'Hillers und Mac Mahon und alsdann ebenfalls der von Marschall Regnaud de St. Jean d'Angely kommandierten Kaisergarde, zu gleicher Zeit die Verschanzungen von Solferino und S. Cassiano anzugreifen und das feindliche Centrum zu sprengen, das die Armee-Corps Stadion, Clam-Gallas und Zobel bildeten, die nur nach und nach zur Verteidigung dieser so wichtigen Stellung in die Linie rckten.

Bei San Martino hlt der tapfere und unerschrockene Feldmarschall Benedek mit nur einem Teile der zweiten sterreichischen Armee gegen die ganze sardische Armee Stand, welche mit Heroismus unter den Befehlen ihres Knigs kmpft, von dessen Gegenwart entflammt. Der rechte Flgel der alliierten Armee, von den Corps des Generals Niel und des Marschalls Canrobert gebildet, leistet mit unbeugsamer Energie der vom Grafen Wimpffen befehligten ersten sterreichischen Armee Widerstand, deren drei Corps unter Schwarzenberg, Schaafgottsche und Veigl freilich nicht im Stande sind, in ihre Bewegungen eine passende bereinstimmung zu bringen. Marschall Canrobert, der genau den Anordnungen des Kaisers der Franzosen folgte, indem er sich mehr abwartend verhielt, was auch nicht gerade tadelnswert erscheint, fhrte nicht gleich vom Morgen an seine noch verfgbaren Krfte ins Gefecht; allein der grte Teil seines Armee-Corps, die Divisionen Renault und Trochu, sowie die Reiterei des Generals Partouneaux nahmen lebhaften Teil an der Schlacht. Wenn Marschall Canrobert anfnglich durch die Voraussicht zurckgehalten wurde, da ihn das Armee-Corps des Prinzen Eduard von Lichtenstein angreifen werde, welches, nicht bei den zwei sterreichischen Armeen inbegriffen war, sondern durch sein herausrcken aus Mantua den Kaiser Napoleon beschftigte, so war auch dieses Lichtenstein'sche Corps seinerseits in seiner Aktion durch Canrobert paralysiert, besonders da sich das Armee-Corps des Prinzen Napoleon nherte, von welchem eine Division von Piacenza aus heranrckte. Die Generale Forey und Ladmirault hatten mit ihren mutigen Colonnen an diesem denkwrdigen Tage die Schlacht erffnet; sie bemchtigten sich nach unbeschreiblichen Kmpfen der Hgellinien des niedlichen Mamelons bei Cipressi, gleichwie des Turmes und des Gottesackers von Solferino, berchtigt durch die schauderhafte Metzelei, deren sie die Zeugen und der Schauplatz waren; dieser Cypressenberg wurde endlich mit Sturm genommen und, auf der Hhe angekommen, lie Obrist d'Auvergne auf der Spitze des Degens sein Taschentuch als Zeichen des Sieges flattern. Allein diese Erfolge hatten die Alliierten schwere Opfer gekostet. Dem General de Ladmirault wurde die Schulter von einer Kugel zerschmettert; jedoch kaum da der heldenmtige Verwundete sich in dem in der Kapelle des kleinen Ortes aufgeschlagenen Feldlazarette hatte verbinden lassen, nahm er von Neuem trotz seiner schweren Wunde zu Fu am Kampfe Teil, ermutigte seine Bataillone, bis eine zweite Kugel ihn im linken Beine traf. Der ruhige und trotz seiner schwierigen Stellung unerschtterliche General Forey wurde in der Hfte verwundet, sein weier Caban, den er ber der Uniform trug, wurde von Kugeln durchlchert, seine Adjutanten fielen an seiner Seite; einem derselben, dem 25jhrigen Hauptmann von Kervenoel, ri ein Bombenstck das Hirn hinweg. Am Fue des Cypressen-Mamelon und im Augenblicke, da er seine Schtzenlinie vorwrts fhrte, strzte General Dieu tdtlich getroffen vom Pferde; auch General Douay wurde unweit seines Bruders, des getdteten Obristen Douay, verwundet. Dem Brigade General Auger wurde von einer Kanonenkugel der linke Arm zerschmettert; auf dem Schlachtfelde zum Divisions-General ernannt, fand er auch da seinen Tod. Die franzsischen Offiziere, immer voran mit geschwungenem Degen, rissen ihre Soldaten mit sich fort, sie fielen an der Spitze ihrer Bataillone, wo ihr Ordensschmuck und ihre Epaulette sie zu Zielpunkten fr die Tyroler Scharfschtzen machten. Bei dem ersten

Regimente der afrikanischen Jger und zur Seite des tdtlich getroffenen Obrist-Lieutenant Laurans des Ondes drang der nur 22jhrige Unterlieutenant von Salignac-Fenelon in ein sterreichisches Carr und bezahlte seine glnzende Heldentat mit dem Leben. Obrist von Maleville, welcher unter dem furchtbaren Feuer des Feindes bei dem Landgute von La Casa nova von der bermacht berwltigt zu werden frchtete und dessen Mannschaft keine Munition mehr hatte, ergriff die Regimentsfahne und rief: Wer seine Fahne liebt, folge mir!" Seine Soldaten folgten ihm strmend mit dem Bajonette, eine Kugel zerschmetterte ihm das Bein, allein trotz den furchtbarsten Schmerzen blieb er dennoch, indem er sich auf dem Pferde sttzen lie, an der Spitze der Seinen. Nicht weit davon wurde der Bataillons-Commandant Herbert getdtet, als er, um einen Adler zu retten, sich in das dichte Handgemenge drngte; zusammenstrzend und zertreten unter den Fen der Kmpfenden, rief er noch, ehe er den Geist aufgab, den Seinen zu: Mut, meine Kinder!" Bei dem Mamelon des Turmes von Solferino eroberte Lieutenant Moneglia bei den Fujgern der Garde fr sich allein 6 Geschtze, von denen 4 bespannt waren und kommandiert von einem sterreichischen Obristen, der ihm seinen Degen bergab. Lieutenant von Guiseul, welcher die Fahne eines Infanterie-Regimentes trgt, und dessen Bataillon von zehnfach strkeren Krften umzingelt wird, fllt, von einer Kugel getroffen, presst jedoch die Fahne wie sein kostbarstes Kleinod an die Brust; ein Sergeant bemchtigt sich der Fahne, um sie zu retten, eine Stckkugel reit ihm das Haupt hinweg; ein Hauptmann trnkt sie mit seinem Blute in demselben Augenblicke, als seine Hand die Fahnenstange erfat, welche zerschmettert wird; Alle, welche diese Fahne ergreifen, Unteroffiziere und Soldaten, sie fallen Einer nach dem Andern, aber lebend und todt dienen ihre Leiber ihr als letzter Wall, bis dieser glorreiche berrest, zerrissen und zerbrochen, in den Hnden eines Sergeant-Majors des Regimentes von Obrist Abatucci bleibt. Der Commandant de la Rochefoucauld Liancourt, ein verwegener afrikanischer Jger, strzte sich auf die ungarischen Carrs, sein Pferd wurde von Kugeln durchbohrt, und er selbst, von zwei Schssen getroffen, fiel endlich in die Hnde der Ungarn, welche nunmehr ihr Carr wieder schlieen*). *) Sobald der Kaiser von sterreich erfuhr, da ein La Rochefoucauld zum Gefangenen gemacht wurde und verwundet sei, gab er den Befehl, da er mit aller Zuvorkommenheit behandelt und gepflegt werden solle. Bei Guidizzolo ging der sterreichische Obrist Franz Karl von Windisch-Grtz an der Spitze seines Regiments dem sichern Tode entgegen, um sich wieder in den Besitz der starken Stellung von Casa Nova zu setzen; tdtlich getroffen, kommandierte er noch; seine Soldaten sttzten ihn, trugen ihn auf ihren Armen, sie hielten unbeweglich unter einem Hagel von Kugeln Stand, indem sie ihm noch als letzte Schutzmauer dienten; sie wissen, da der Tod ihnen droht, allein sie wollen ihren Obrist nicht verlassen, den sie achten und lieben, und der endlich in ihren Armen stirbt. Auch die Feldmarschall-Lieutenants Graf von Crenneville und Graf Palffy wurden mutig kmpfend schwer verwundet, ebenso, im Armee-Corps des Baron von Veigl, der Feldmarschall Blomberg und sein Generalmajor Baltin. Baron Sturmfeder, Baron Pidoll und Obrist von Mumb wurden getdtet. Die Lieutenants von Steiger und von Fischer fielen als Wackere unweit des jungen Prinzen von Isenburg, welcher, glcklicher als sie, noch lebend vom Schlachtfelde weggebracht werden konnte. Marschall Baraguey d'Hilliers, von seinen Generalen Lebeouf, Bazaine, de Negrier, Douay, D'Alton, Forgeot, sowie den Obristen Cambriels, Micheler gefolgt, war jetzt in dem Orte Solferino eingedrungen, das von dem Grafen Stadion und den Felbmarschall-Lieutenants

Palffy und Sternberg verteidigt wurde, deren Brigaden Vils, Bchner, Gaal, Koller und Festetics lange Zeit hindurch auch die heftigsten Angriffe zurckwiesen, bei denen sich General Camou mit seinen Jgern und Schtzen, die Obristen Brincourt und von Taris, welche verwundet wurden, und Ohristlieutenant Hemard, der von zwei Kugeln in die Brust getroffen wurde, auszeichneten. General Desvaux trotzte mit der ihm eigenen Khnheit und seiner bewundernswrdigen Kaltbltigkeit an der Spitze seiner Reiterei in heldenmtigem Kampfe dem gewaltigen Angriffe der ungarischen Infanterie; er untersttzte durch den unwiderstehlichen Andrang seiner Schwadronen die krftige Offensivbewegung des Generals Trochu gegen die Armeekorps von Veigl, Schwarzenberg und Schaafgottsche hei Guidizzolo und Rebecco, bei welcher Gelegenheit sich die Generale Morris und Partouneaux gegen die Mensdorsf'sche Reiterei auszeichneten. Die unerschtterliche Standhaftigkeit des Generals Riel, der mit den Generlen de Failly, Vinoy und de Luzy in der Ebene von Medole gegen drei groe Divisionen der Armee des Grafen Wimpffen Stand hielt, gestattete dem Marschall Mac Mahon mit den Generlen de Ln Motterouge und Decaen und der Garde-Reiterei die den Schlssel der Positionen von San Cassiano und Cavriana bildenden Hhen zu umgehen und sich auf der Parallel-Hgellinie festzusetzen, woselbst die Truppen der Feldmarschlle Clam-Gallas und Zobel sich in dichten Colonnen aufgestellt hatten; allein der ritterliche Prinz von Hessen, einer der Helden der sterreichischen Armee und wrdig, sich mit dem berhmten Sieger von Magenta zu messen, verteidigte, indem er mit Khnheit bei San Cassiano den Kampf engagierte, die drei Mamelons des Fontana Berges. General de Sevelinges lie unter dem Kugelregen der sterreicher seine gezogenen Kanonen hinausschaffen, welche, da die Pferde die steilen Abhnge nicht zu ersteigen vermochten, die Garde-Grenadiere hinaufziehen muten, und damit die auf diese eigentmliche Weise auf die Hgel geschafften Batterien rasch ihr Feuer auf den Feind abgeben konnten, bildeten sie dann ruhig und kaltbltig von den in der Ebene gebliebenen Caissons bis hinauf eine Kette und reichten so von Hand zu Hand den Artilleristen die Munition. General de la Motterouge bemchtigte sich endlich Cavriana's trotz des hartnckigsten Widerstandes und den sich wiederholenden Offensiv-Versuchen der deutschen Offiziere, welche stets wieder von Neuem ihre Abteilungen vorwrts fhrten. Die Schtzen des Generals Manque, welche ihre Munition verbraucht hatten, fllten ihre Patrontaschen bei den Grenadieren, allein halb war auch diese Verschossen und nun griffen sie die Hhen von Solferino und Cavriana mit dem Bajonette an und bemchtigten sich, gesttzt von General Mellinet, trotz der berlegenen feindlichen Krfte, dieser Stellungen. Rebecco fiel in die Hnde der Alliierten, dann wieder in die der sterreicher, denen es wieder entrissen wurde, worauf sie es abermals nahmen, bis es endlich General Renault schlielich besetzte und behauptete. Beim Angriffe auf den Fontana-Berg wurden die algierischen Jger wahrhaft dezimiert, ihre Obristen Laure und Ferment gettet, der grte Teil ihrer Offiziere fiel, was jedoch gerade ihre Wut noch erhhte; sie feuerten sich gegenseitig an, um den Tod ihrer Offiziere zu rchen und strzten sich mit der Wut des Afrikaners und dem Fanatismus des Mohammedaners auf ihre Feinde, sie gleich blutgierigen Tigern niederwerfend und mordend. Die Kroaten legten sich zu Boden, versteckten sich in den Grben, um dann beim Nahekommen der Feinde hervorzuspringen und sie auf Kolbenlnge zu tten. Bei S. Martino wurde ein BersaglieriOffizier, Hauptmann Pallavicini, verwundet, seine Soldaten fangen ihn in den Armen auf,

tragen ihn hinweg und bringen ihn in eine Kapelle, woselbst er die erste Pflege findet; allein die nur fr einen Augenblick zurckgeworfenen sterreicher rcken wieder im Sturme vor und dringen in die Kirche; die Bersaglieri, zu schwach zum Widerstande, mssen ihren Fhrer verlassen; alsbald bringen die Kroaten herein, und mit groen Steinen, die sie an dem Portale aufgelesen, zerschmettern sie das Haupt des Hauptmanns, dessen Hirn ihre Waffenrcke bespritzt. Inmitten dieser verschiedenartigen, sich stets wieder erneuernden und unaufhaltsam fortdauernden Kmpfe vernimmt man die fluchenden Ausrufe von Mnnern von so vielerlei Nationen, und wie viele dieser Leute waren schon mit dem 20. Lebensjahre zum Menschenmorde gezwungen! Im dichtesten Gedrnge, whrend die Erde zitterte wie von einem tobenden Orkane erschttert, unter dem Sausen der in Pulverdampf gehllten Kugeln, welche in ihrem mrderischen Fluge den Boden fegten und mit dem Leuchten des zndenden Blitzes den Hekatomben von Toten immer neue Opfer beigesellten, eilte der Almosenier des Kaisers Napoleon, Abb Laine, von Ambulance zu Ambulance, um den Sterbenden Worte des Trostes und des Mitgefhls auf den letzten Weg mitzugehen. Commandant Mennessier, dessen beide Brder, der eine Oberst und der andere Hauptmann, schon bei Magenta gefallen waren, wurde nun hier bei Solferino vom Tode erreicht. Einem Unterlieutenante der Linie wurde der linke Arm von einer Biskajakugel zerschmettert und das Blut flo in Strmen aus seiner Wunde; unter einem Baum sitzend legte ein ungarischer Soldat auf ihn an, allein dieser wurde von einem seiner Offiziere zurckgehalten, der, indem er sich dem jungen franzsischen Offiziere nherte, ihm voll Mitgefhl die Hand drckte und den Befehl gab, ihn an einen minder gefhrlichen Platz zu bringen. Markedenterinnen drngten sich wie einfache Soldaten unter dem Feuer des Feindes in die Reihen der Kmpfenden, um armen verstmmelten Soldaten beizustehen, welche nach Wasser riefen; und sie selbst werden verwundet, wahrend sie den Unglcklichen zu trinken geben und sie zu verbinden suchen*). Nicht ferne davon suchte sich ein Husarenoffizier unter seinem von einem Bombenstcke getdteten Pferde hervorzuarbeiten, erschpft von dem Blutverluste, den ihm seine eigenen Wunden verursachten; wieder weiter erblickte man ein davonsprengendes Ro, das den blutigen Leichnam seines Reiters mit sich schleifte; dann auch wieder Pferde, die, menschlicher als ihre Reiter, mit jedem Auftritte sorgsam die Berhrung der Opfer dieser furchtbaren Schlacht zu vermeiden suchten. Ein Offizier der Fremden-Legion wurde von einer Kugel getroffen, sein Hund, der eine groe Anhnglichkeit an ihn hatte, und den er als Liebling des Bataillons aus Afrika mit herbergenommen, begleitete ihn auch hier, folgte jedoch, von der strmenden Bewegung mit fortgerissen dem Bataillon, bis auch er etliche Schritte weiter von einer Kugel getroffen fiel, noch aber die Kraft fand, um zu seinem Herrn zu kriechen und auf dem Leichnam desselben zu verenden. Bei einem andern Regimente ist es eine Ziege, die ein Schtze adoptiert hatte und die, von den Soldaten geliebt und ein Kind des Regiments, unerschrocken inmitten dem Kugel- und Karttschen-Regen diesem zum Sturme auf Solferino folgte. *) Es sind vielleicht die nmlichen, welche den 9.Juni 1862 von den Mexikanern lebendig an die Pulverwagen gebunden, mit 10 Soldaten in die Luft gesprengt wurden, die einen Konvoi von Lebensmitteln und Munition von Vera-Cruz aus nach dem franzsischen Lager fhrten und etwa eine Meile von Tejeria von Guerilla-Banden umzingelt worden waren.

Und wie viele mutige Soldaten lieen sich durch eine erste Verwundung nicht aufhalten, sondern marschierten immer vorwrts, bis sie, von Neuem getroffen und niedergeworfen, nicht lnger mehr zu folgen im Stande waren! An anderer Stelle standen ganze Bataillone, dem furchtbarsten Feuer ausgesetzt, und erwarteten unbeweglich den Befehl zum Vormarsche, gezwungen hier ruhige, unttige Zuschauer zu bleiben, whrend sie von Kampfbegierde brannten und ihre Reihen widerstandslos gelichtet sahen. Die Sarden waren vom Morgen bis zum Abend fortwhrend damit beschftigt, in kleinen Scharmtzeln und durch Sturmangriffe die Mamelons Von San Martino, Roccolo, Madonna della Scoperta bald zu verteidigen, bald dem Feinde zu entreien, fnf und sechs mal hinter einander wurden diese Mamelons genommen und wieder genommen, bis endlich die Sarden im Besitze von Pozzolengo blieben, obgleich sie nur divisionsweise und ohne allzu viel bereinstimmung kmpften. Ihre Generale Mollard, de La Marmora, Della Rocca, Durando, Fanti, Cialdini, Cuccchiari, De Sonnaz, sowie die Offiziere aller Waffen und Grade untersttzten die Bemhungen ihres Knigs, unter dessen Augen die Generale Perrier, Cerale und Arnoldi verwundet wurden. Sollten wir bei Erwhnung der franzsischen Armee nicht auch, nebst den Marschllen und Divisionsgeneralen, des glorreichen Anteils gedenken, den die wackeren Brigadegenerale, alle diese tatkrftigen Obristen, die braven Kommandanten und Hauptleute an dem glcklichen Erfolge dieses groen Tages hatten? Es war wahrlich auch ein Ruhm, Krieger zu bekmpfen und zu besiegen, wie einen Prinzen Alexander von Hessen, einen Stadion, einen Benedek oder einen Karl von Windisch-Grtz*). ,,Es schien, als ob uns der Wind vorwrts geblasen htte, meinte ein einfacher Liniensoldat in seiner eigentmlichen Ausdrucksweise, um mir einen Begriff zu geben von dem Eifer und dem Enthusiasmus seiner Kameraden, mit dem sie sich in's Handgemenge strzten. Der Geruch des Pulvers, der Lrm der Kanonen, das Trommeln und das Trompeten, das belebt, das reizt! In diesem Kampfe schien sich in der Tat jeder Einzelne so zu schlagen, als ob es sich allein um seinen eigenen Ruhm, um den Sieg seiner Privatangelegenheit handelte. Diese unerschrockenen Unteroffiziere der franzsischen Armee besitzen in der Tat eine ganz besondere Regsamkeit und einen unvergleichlichen Mut, fr sie gibt es keine Hindernisse, sie strmen gegen die gefhrlichsten und ausgesetztesten Stellen, als ob es zu einem Feste ginge. *) Was den General Forey betrifft, so entlehnen wir ber ihn folgende Stelle aus dem hbschen Buche des eidgenssischen Herrn Obrist Edmund Favre: Die preuische Armee und die Manoevres von Kln im Jahre 1861: Der Knig lie uns alle fr den gleichen Tag zur Tafel im Schlosse Benrath bei Dsseldorf einladen. ...Ehe sich der Knig zu Tische setzte, nahm er die Generale Forey und Paumgartten bei der Hand. Nun Sie Freunde sind, sagte er lachend zu ihnen, ,,so setzen Sie sich einer neben den andern und plaudern Sie. Da nun Forey der Sieger von Monte-Bello und Paumgartten sein Gegner war, so konnten sie nach Herzenslust einander um alle Einzelheiten jenes Tages befragen. Aus dem ehrlichen Lcheln des sterreichers war zu erkennen, da die Zeit des Grolles vorber sei, der Franzose hatte, wie wir wissen, ohnehin keinen Grund dazu. So ist der Krieg, so sind die Soldaten! Die beiden diesen Herbst so befreundeten Generale, teilen sich vielleicht nchstes Jahr wieder Hiebe aus, um dann nach zwei Jahren irgendwo wieder zusammen zu speisen.

Die Truppen des Kaisers Franz Joseph hatten sich nun zurckgezogen. Die Wimpffen'sche Armee erhielt Befehl, den Rckzug zuerst anzutreten, noch ehe Marschall Canrobert alle seine Streitkrfte entwickelt hatte; die Armee des Grafen Schlick mute trotz der Standhaftigkeit des Grafen Stadion, der mit Ausnahme der Division des Prinzen von Hessen von den Feldmarschalllieutenants Clam Gallas und Zobel zu schwach untersttzt wurde, alle ihre Positionen aufgeben, die in den Hnden der sterreicher zu ebensoviel Festungen geworden waren. Der Himmel verdunkelte sich pltzlich durch das Heranziehen dichten Gewlkes, der Sturm tobte und brach ste von den Bumen, welche er forttrug durch die Lfte; ein kalter, vom Sturm gepeitschter Regen oder vielmehr eine wirkliche Wasserhose entlud sich ber die Streiter, welche bereits von Hunger und Mdigkeit erschlafft, von den Rauchwolken und dem ausgeworfenen Staube fast erblindet, nun auch gegen die vom Himmel entfesselten Elemente anzukmpfen hatten. Allein trotz diesem Wetter sammelten sich dennoch die sterreicher auf den Kommandoruf ihrer Offiziere; gegen 5 Uhr mute das kmpfen von beiden Seiten aufgegeben werden, die Regengsse, die Schloen, die Blitzschlge, der dumpf rollende Donner und die ber das Schlachtfeld sich verbreitende Dunkelheit hinderten jede Fortsetzung des Kampfes. Whrend dieser ganzen Schlacht zeigte das Haupt des Habsburgischen Hauses eine bewunderungswrdige Ruhe und Kaltbltigkeit; bei der Einnahme von Cavriana befand er sich mit dem Grafen Schlick und seinem Flgeladjutanten, dem Prinzen von Nassau, auf einer benachbarten Hhe, auf la Madonna della Pieve, zunchst einer mit Zypressen umgebenen Kapelle. Als das sterreichische Zentrum weichen mute und der linke Flgel nicht mehr hoffen konnte, die Stellung der Alliierten zu forcieren, wurde der allgemeine Rckzug beschlossen, und der Kaiser entschlo sich nunmehr, in diesem bedenklichen Augenblicke mit einem kleinen Teile seines Generalstabes sich gegen Volta zu wenden, indessen die Erzherzoge und der Erbgroherzog von Toskana sich nach Valeggio begaben. Auf mehreren Punkten hatte die deutschen Truppen ein panischer Schrecken erfat, bei einigen Regimentern wurde der Rckzug zur wilden Flucht, vergebens suchten ihre Offiziere, welche sich wie Lwen geschlagen, sie zurck zuhalten; die Ermahnungen, die Scheltworte und Sbelhiebe, nichts brachte sie zum Stehen, ihr Schrecken war zu gro, und diese Soldaten, welche bis dahin so heldenkhn ausgehalten, sie lieen sich jetzt lieber beschimpfen und schlagen, als an der Flucht hindern. Die Verzweiflung des Kaisers von sterreich war unbeschreiblich; er, der wie ein Held Kugeln und Geschosse jeder Art neben sich einschlagen sah, er weinte ber diese Niederlage; von Schmerz erfllt warf er sich den Fliehenden entgegen, ihnen ihre Feigheit vorwerfend. Als diese leidenschaftliche Heftigkeit sich gelegt, betrachtete er stille diesen Schauplatz der Zerstrung, schwere Trnen rannen ber seine Wangen und nur die Vorstellungen und Bitten seiner Flgeladjutanten vermochten ihn, Volta zu verlassen und sich nach Valeggio zu begeben. In der schrecklichen Verwirrung lieen sich sterreichische Offiziere voll Verzweiflung und Wut tten, allein sie verkauften ihr Leben teuer; andere tteten sich selbst voll Gram ber diese unglckliche Niederlage, welche sie nicht berleben wollten; die meisten erreichten ihre Regimenter, bedeckt mit Blut von ihren eigenen Wunden oder mit dem Blute des Feindes bespritzt. Lassen wir hier ihrem Mute die wohlverdiente Gerechtigkeit widerfahren.

Kaiser Napoleon zeigte sich an diesem Tage berall, wo seine Gegenwart notwendig sein konnte; begleitet von Marschall Vaillant, dem Chef des Generalstabs der Armee, dem Generale Martimprey, dessen erstem Flgeladjutanten, dem Grafen Roguet, dem Grafen Montebello, dem Generale Fleury, dem Prinzen de la Moskova, den Obristen Reille, Robert, seiner ganzen kniglichen Leibgarde (maison militaire) und der Schwadron der Centgardes, hatte er fortwhrend die Schlacht geleitet, indem er sich stets nach den Punkten begab, wo die hartnckigsten Hindernisse zu bekmpfen waren, ohne sich um die ihn bedrohenden Gefahren zu bekmmern; auf dem Fenile-Berg wurde dem Baron Larrey, seinem Leibchirurgen, ein Pferd unter dem Leibe erschossen und mehrere Centgardes der Eskorte gettet. Er nahm Besitz von demselben Hause in Cavriana, in welchem sich am gleichen Tage der Kaiser von sterreich aufgehalten hatte, und von hier aus entsendete er eine Depesche an die Kaiserin, in welcher er derselben seinen Sieg verkndigte. Die kaiserliche Armee lagerte in den Stellungen, welche sie whrend des Tages erobert hatte; die Garde biwakierte zwischen Solferino und Cavriana, die zwei ersten Corps auf den an Solferino grenzenden Hhen, das dritte in Rebecco, das vierte in Volta. Guidizzolo wurde bis Abends 10 Uhr von den sterreichern besetzt gehalten, deren Rckzug gedeckt wurde auf dem linken Flgel durch den Feldmarschall von Veigl, auf dem rechten Flgel durch den Feldmarschall Benedek, der, bis spt in die Nacht Herr von Pozzolengo, den Rckmarsch des Grafen Stadion und Clam-Gallas sicherte. Die Brigaden Koller und Gaal, sowie das Regiment Reischach zeichneten sich in sehr ehrenhafter Weise aus. Die Brigaden Brandenstein und Wussin wendeten sich unter der Fhrung des Prinzen von dessen gegen Volta, von wo aus sie den bergang der Artillerie ber den Mincio durch Borghetto und Valeggio deckten. Die zersprengten sterreichischen Soldaten wurden gesammelt und nach Valeggio gefhrt; die Straen waren bedeckt teils mit der Bagage der verschiedenen Corps, teils mit Brckenequipagen und Artillerie-Trains, welche gegenseitig sich berstrzend in aller Eile den Pa von Valeggio zu erreichen suchten; das Train-Material wurde allein nur gerettet durch das schnelle Schlagen der fliegenden Brcken. Die ersten Konvois der leicht Verwundeten rckten zur nmlichen Zeit in Villafranca ein, ihnen folgten andere Konvois mit schwerer verwundeten Soldaten, und whrend dieser ganzen so traurigen Nacht war der Zudrang an Verwundeten ein ungeheurer; die rzte verbanden ihre Wunden, flten ihnen einige strkende Lebensmittel ein und schickten sie dann auf der Eisenbahn nach Verona, welches von Verwundeten berfllt war. Obgleich jedoch die Armee auf ihrem Rckzuge alle Verwundeten, welche die Armeefuhrwerke und die requirierten Wagen fhren konnten, mit sich nahm, wie viele Unglckliche muten noch in ihrem Blute gebadet auf dem weiten blutgedrngten Schlachtfelde zurckbleiben! Gegen das Ende des Tages und mit Einbruch der Dunkelheit, welche ihre geheimnisvollen Schleier ber dieses Blutfeld breitete, irrte so mancher franzsische Offizier oder Soldat da und dort, um einen Kameraden, einen Landsmann, einen Freund zu suchen; fand er einen Bekannten, so kniete er bei ihm nieder, suchte ihn wieder zu beleben, drckte ihm die Hand, stillte sein Blut oder umwickelte das zerschmetterte Glied, allein er vermochte nicht fr die armen Leidenden sich Wasser zu verschaffen. Wie viele Trnen sind an diesem dsteren Abende geflossen, wo jede falsche Eigenliebe, wo jede menschliche Ehrsucht geschwunden war!

Whrend des Kampfes waren berall Feldlazarett in den Landgtern, Husern, den Kirchen und Klstern der Nachbarschaft oder selbst unter dem Schatten der Bume im Freien errichtet worden; hier wurde den verwundeten Offizieren whrend des Morgens eine Art Verband angelegt, und nach ihnen den Unteroffizieren und Soldaten; alle franzsischen Chirurge zeigten eine unermdliche Hingebung und gnnten sich whrend vierundzwanzig Stunden auch nicht einen Augenblick Ruhe; zwei von ihnen, bei dem unter Dr. Mery, dem Chef-Arzt der Garde, stehenden Feldlazarett hatten so viele Glieder abzunehmen und Verbnde anzulegen, da sie vor Ermattung bewusstlos zusammensanken; bei einem anderen Lazarette war einer ihrer Kollegen gezwungen, seine erschlafften Arme von zwei Soldaten sttzen zu lassen, damit er seine Funktionen verrichten knne. Whrend einer Schlacht pflegt man ein rotes Fahnentuch*) auf einer Anhhe aufzustecken, um den Verbandplatz fr die Verwundeten und die Feldlazarette der im Kampfe stehenden Regimenter zu bezeichnen und durch ein stillschweigendes gegenseitiges bereinkommen wird nach diesen Punkten nicht geschossen; dennoch aber reichen auch oft die Bomben bis dahin, ohne weder die Administrativbeamten und das rztliche Personal, noch auch die fr die Kranken und Vermundeten mit Brot, Wein und Fleisch fr Brhen beladene Wagen zu schonen. Die Soldaten, welche noch gehen konnten, begaben sich selbst zu diesen Lazaretten, die anderen, vom Blutverluste oder von langer Entbehrung geschwcht, wurden mittelst Snften oder Tragbahren dahin gebracht. *) Die Hospitler tragen eine schwarze Fahne. Auf dieser so ausgedehnten und zugleich so unebenen Landstrecke, von mehr als 20 Kilometers Lnge, und nach einer so groartigen zerstrenden Umwandlung konnten Soldaten, Offiziere und Generale nur unvollkommen den Ausgang aller gelieferten Gefechte und Kmpfe wissen, und whrend des Kmpfens selbst konnten sie kaum erkennen, was neben ihnen vorging. Diese Unkenntnis war in der sterreichischen Armee um so bedenklicher bei der Verwirrung in den Befehlen und dem Mangel einer zusammengreifenden, wohl geleiteten Aktion. Die Hhen, welche sich von Castiglione bis Volta hinziehen, erglnzten in Tausenden von Feuern, welche man mit Trmmern von zerschmetterten sterreichischen Munitionswagen und mit den von den Kugeln oder dem Gewitter abgerissenen sten nhrte; die Soldaten trockneten an diesen Feuern ihre durchnssten Kleider und schliefen dann ermattet auf dem Gesteine und dem Boden ein; allein die Krftigeren ruhten noch nicht, sie suchten nach Wasser, um ihre Suppe oder ihren Kaffee zu kochen, denn sie hatten ja diesen ganzen Tag nicht nur der Ruhe, sondern auch der Nahrung entbehrt. Welche herzzerreiende Episoden, welche traurige Enthllungen, welche schmerzliche Tuschungen! Ganze Bataillone sind ohne Lebensmittel, und Kompanien, welche man die Tornister hatte ablegen lassen, entbehren auch des Ntigsten; bei andern fehlt das Wasser, und der Durst ist so gro, da man zu kotigen und schlammigen, mit geronnenem Blute gemischten Pftzen seine Zuflucht nimmt. Husaren, welche zwischen 10 und 11 Uhr Nachts nach dem Biwak zurckkamen, weil sie ausgeschickt worden waren, um aus weite Entfernung Holz und Wasser zur Zubereitung des Kaffees zu holen, hatten so viele Sterbende auf ihrem Wege gefunden, die sie um einen Trunk baten, da sie fast alle ihre Kessel leerten, um eine Pflicht der Menschlichkeit zu erfllen. Indes konnten sie endlich ihren Kaffee bereiten, allein kaum war er fertig, so vernahm man Schsse in der Ferne, und man rstete sich zum Aufbruch; die Husaren warfen sich aufs Ro und sprengten nach der Gegend, wo die Schsse

fielen, ohne da sie Zeit hatten, ihren Kaffee zu trinken, der im Getmmel umgeschttet wurde. Bald erfuhr man, da die gefallenen Schsse, in denen man einen drohenden feindlichen Angriff vermutete, von den franzsischen Vorposten herrhrten, deren Vedetten auf ihre eigenen Leute feuerten, die ebenfalls Holz und Wasser suchten, und die man fr sterreicher gehalten hatte. Nach diesem Alarm kehrten die Reiter erschpft zurck und warfen sich beim Biwak nieder, um die noch brigen Stunden der Nacht hier zu schlafen. Auch bei ihrem Rckritte hatten sie zahlreiche Verwundete getroffen, welche sie um Wasser anflehten. Ein Tyroler lag unweit von ihrem Biwak, fortwhrend um einen Trunk Wassers bittend, allein sie hatten selbst keines mehr und konnten sein Verlangen nicht erfllen; des andern Morgens fand man ihn tot, mit schaumbedeckten Lippen und den Mund voll Erde; sein angeschwollenes Gesicht war grn und schwarz; bis zum Morgen lag er in den furchtbarsten Zuckungen und die Ngel seiner krampfhaft geschlossenen Hnde waren gebogen. In der Stille der Nacht hrte man klagen, Angst und Schmerzensschreie, herzzerreiende Hilferufe: wer wre im Stande, alle die Todeskmpfe dieser schrecklichen Nacht zu beschreiben! Die ersten Sonnenstrahlen des 25. beleuchteten eines der furchtbarsten Schauspiele, das sich dem Auge darzubieten vermag. berall war das Schlachtfeld mit Menschen- und Pferdeleichen bedeckt; auf den Straen, in den Grben, Bchen, Gebschen, auf den Wiesen, berall lagen Tote umher, und die Umgebung von Solferino war im wahren Sinne des Wortes damit berst. Die Felder waren verwstet, Frucht und Mais niedergetreten, die Garten- und Feldeinfassungen zusammengerissen, die Wiesen durchfurcht, und berall sah man grere und kleinere Blutlachen. Die Ortschaften waren verlassen und zeigten berall Spuren der Gewehrchargen, der Stckkugeln, Raketen, der Bomben und Granaten: die Mauern sind zerrissen, von Kugeln durchbohrt, welche weite Brechen ffneten; die Huser sind durchschossen, in ihren Fundamenten erschttert zeigen ihre Mauern weite Risse; die seit einem Zeitraume von nahe an 20 Stunden versteckten und geflchteten Bewohner beginnen nach und nach die Keller zu verlassen, in welche sie sich, ohne Licht und Lebensmittel mitzunehmen, eingesperrt hatten; ihr verstrtes Aussehen zeigt von dem Schrecken, den sie ausgestanden. In der Umgebung von Solferino und besonders bei dem Kirchhofe des Ortes lagen massenweise Gewehre, Patrontaschen, Gamaschen, Tschako's, Dienstmtzen, Kppis, Grtel, kurz alle Arten von Monturstcken umher, darunter selbst zerfetzte und blutbefleckte Kleidungsstcke und zertrmmerte Waffen. Die Unglcklichen, welche whrend des Tages aufgeladen wurden, waren bleich, eingefallen, vollkommen erschpft: die Einen, und insbesondere die arg Verstmmelten, schauten scheinbar stumpfsinnig drein, sie verstanden nicht, was man zu ihnen sagte, ihre Augen blickten stier ihre Retter an, aber dennoch zeigten sie sich nicht unempfindlich fr ihre Schmerzen; Andere waren unruhig, ihr ganzes Nervensystem zeigte sich erschttert und sie zuckten konvulsivisch zusammen; diejenigen mit offenen Wunden, bei denen bereits die Entzndung um sich gegriffen, waren wtend vor Schmerz; sie verlangten, da man ihren Leiden durch einen schnellen Tod ein Ende mache, und mit verzerrtem Antlitze wanden sie sich im letzten Todeskampfe. Wieder an andern Stellen lagen Unglckliche, welche nicht allein von Kugeln und Bombenstcken getroffen, sondern deren Glieder auch noch von den Rdern der Geschtze, welche ber sie hinwegfuhren, zerschmettert oder weggerissen worden waren. Der Anprall der zylindrischen Kugeln zersplitterte die Knochen nach allen Seiten hin, so da die dadurch verursachte Wunde stets sehr gefhrlich wurde; allein auch die Bombenstcke und die

konischen Kugeln verursachten solche schmerzhafte Knochenzerschmetterungen und groe innere Verletzungen. Splitter jeder Art, Knochenstcke, Teile von Kleidern, der Ausrstung oder der Fubekleidung, Erde und Stcke Blei machten die Wunden gefhrlicher durch den gebten Reiz und Vermehrten dadurch die Dualen der Verwundeten. Derjenige, welcher diesen ausgedehnten Schauplatz des Kampfes vom vorigen Tage durchwanderte, traf auf jedem Schritte und inmitten einer Verwirrung ohne Gleichen unaussprechliche Verzweiflung und Elend in allen Gestalten. Ganze Regimenter hatten die Tornister abgelegt und bei ganzen Bataillonen war der Inhalt derselben verschwunden. Lombardische Bauern und algerische Jger hatten genommen, was ihnen in die Hnde fiel; so waren die Jger und Schtzen der Garde, welche ihre Tornister bei Castiglione abgelegt hatten, um leichter zur Untersttzung der Division Forey gegen Solferino vordringen zu knnen, und die, immer strmend bis zum Abende, bei Cavriana biwakiert hatten, des andern Tages in aller Frhe zurckgeeilt, um ihre Tornister zu holen, allein diese waren leer, man hatte sie whrend der Nacht ausgeplndert. Der Verlust war fr diese Leute sehr empfindlich, da ihr Weizeug und ihre Uniformstcke beschmutzt, abgentzt und zerrissen waren und sie auer ihren militrischen Effekten auch noch ihrer bescheidenen Ersparnisse, die ihr ganzes Vermgen ausmachten, und so manchen Gegenstandes beraubt waren, der sie an ihre Verwandten, ihr Vaterland erinnerte und der von einer Mutter, einer Schwester oder einer Braut kam. An vielen Stellen wurden die Toten von den Dieben vllig entkleidet, die selbst die Verwundeten, bei vollem Bewutsein, nicht verschonten; besonders hatten es die lombardischen Bauern auf die Fubekleidungen abgesehen, die sie den Verwundeten unbarmherzig von den geschwollenen Fen rissen. Neben diesen bedauernswrdigen Auftritten boten sich aber auch wieder feierliche, ergreifende Szenen dem Auge dar. Da suchte der alte General Le Breton umherirrend seinen Schwiegersohn, den verwundeten General Douay, indessen er seine Tochter, dessen Gattin, etliche Meilen hinter sich, im Gewirre des Lagerlebens und in der ngstlichsten Erwartung zurckgelassen. Dort lag der Leichnam des Obrist-Lieutenant de Neuchze, der, als er seinen Chef, den Obrist Vaubert de Genlis schwer verwundet vom Pferde sinken sah, in dem nmlichen Augenblicke von einer Kugel ins Herz getroffen wurde, als er herbeisprengte, um das Kommando zu bernehmen. Unweit davon lag Obrist de Genlis selbst im hitzigsten Wundfieber, whrend man ihm den ersten Verband anlegte; in seiner Nhe nahm man dem Unterlieutenant Selve de Sarrau von der reitenden Artillerie, der erst vor einem Monate die Militrschule von St. Cyr verlassen hatte, den rechten Arm ab. Dort lag ein armer SergeantMajor der Vincenner Jger, dem beide Beine durchschossen worden; ich sah ihn spter noch im Hospital von Brescia, dann wieder in einem Eisenbahnwagen, als ich von Mailand nach Turin fuhr; aber er starb in Folge seiner Wunden, als er den Mont Cents passierte. Lieutenant de Guiseul, den man tot glaubte, wurde an derselben Stelle noch lebend gefunden, wo er mit der Fahne im Arm zusammenstrzte. Nahe dabei und fast inmitten eines ganzen Haufens toter sterreichischer Lanziers und Jger, Turcos und Zuaven, lag in seiner eleganten orientalischen Uniform der Leichnam eines muselmnnischen Offiziers, des Lieutenants der algierischen Jger Larbi den Lagdar, dessen sonnverbranntes, gebruntes Gesicht auf der von einer Wunde zerrissenen Brust eines illyrischen Hauptmanns mit blendendweier Casake ruhte; alle diese aufgeschichteten menschlichen berreste verbreiteten einen widerlichen Blutgeruch. Obrist de Maleville, der so ruhmvoll bei der Casa Nova verwundet wurde, stie hier den legten Seufzer aus; dort begrub man den Kommandanten de Pongibaud, welcher whrend der Nacht den Geist aufgegeben, und fand an einer andern Stelle den jungen Grafen de St. Paer, der erst seit einer Woche sich den Grad eines Bataillonschefs erkmpft hatte. Hier war es auch, wo der

wackere Unterlieutenant Fournier von den Gardejgern, am vorhergehenden Tage schwer verwundet, mit 20 Jahren seine militrische Laufbahn beschlo: mit 10 Jahren als freiwilliger eintretend, ward er mit 11 Jahren Korporal und mit 18 Unterlieutenant, hatte bereits zwei Feldzge in Afrika mitgemacht, sowie den Krimkrieg, woselbst er bei der Belagerung von Sebastopol verwundet wurde*). Bei Solferino sollte auch der letzte Sprssling einer der glorreichsten Familien des ersten Kaiserreiches fallen, in der Person des Obrist-Lieutenants Junot, Herzog von Abrantes und Generalstabs-Chef des Generals de Failly. *) Unterlieutenant Jean-Franois Fournier wurde den 6.Februar 1839 in Metz geboren, lie sich dann als Freiwilliger den 4.Juni 1849 in die Fremdenlegion anwerben und kam nach Algier; den 6.April 1850 wurde er Korporal, den 1.April 1851 Sergeant, den 11.Juli 1852 Sergeant-Fourier, 1854 Sergeant-Major; den Krim-Feldzug machte er in den Jahren 1855 und 1856 als Adjutant mit, war den 20.Nov. 1855 zum Unterlieutenant im 42. Linien-Regiment ernannt worden, von welchem er im gleichen Grade den 13.Oktober 1856 zum 2.Regimente der kaiserlichen Jger versetzt wurde. Den 24.Juni tdlich verwundet, starb er den 25. Der Wassermangel nahm immer mehr berhand, die Grben waren ausgetrocknet, die Soldaten fanden meistens nur ein ungesundes und morastiges Getrnk zur Stillung ihres Durstes, und an allen Stellen, wo sich ein Brunnen befand, wurden Schildwachen aufgestellt mit scharf geladenen Gewehren, weil man das Wasser fr die Kranken erhalten wollte; bei Cavriana wurden in einem Sumpfe mit stinkig gewordenem Wasser whrend 2 Tagen 20,000 Artillerie- und Kavalleriepferde getrnkt. Diejenigen reiterlosen Pferde, welche verwundet whrend der ganzen Nacht umherliefen, schleppten sich jetzt zu den Gruppen ihrer Genossen, gleich als ob sie von ihnen Hilfe verlangen wollten; man ttete sie jeweilen mit einem Schusse. Ein solch edles Tier, in herrlichem Schmucke, kam auch zu einem franzsischen Detachement; der Mantelsack, welcher noch fest auf dem Sattel angeschnallt war, enthielt Briefe und sonstige Gegenstnde, welche erkennen lieen, da das Pferd dem wackern Prinzen von Isenburg gehre; man suchte nun unter den Toten und fand auch endlich den sterreichischen Prinzen verwundet und bewusstlos von dem Blutverluste; allein den Bemhungen der franzsischen Chirurgen gelang es, ihn in's Leben zurckzurufen, so da er zu seiner Familie zurckkehren konnte, als diese bereits, da sie ohne Nachricht von ihm geblieben war, Trauer angelegt hatte. Bei manchen toten Soldaten bemerkte man den Ausdruck der Ruhe auf dem Antlitze, es waren jene, welche auf den ersten Schu tot zusammensanken; allein eine groe Zahl trug die Spuren des Todeskampfes, mit starr ausgestreckten Gliedern, den Krper mit bleifarbenen Flecken bedeckt, die Hnde in die Erde gebohrt, den Schnurrbart borstig aufgerichtet, ein finsteres Lcheln um den Mund mit krampfhaft zusammengepressten Zhnen. Man verwendete drei Tage und drei Nchte, um die Toten, welche auf dem Schlachtfelde liegen geblieben waren, zu begraben*); allein auf dieser weiten Strecke waren manche Leute in den Grben, in den Ackerfurchen verborgen oder versteckt in Gebschen und anderen Terrainunebenheiten und konnten erst spter aufgefunden werden und alle diese Leichname, wie die gefallenen Pferde, hatten die Luft mit giftigen Dnsten geschwngert. *) Drei Wochen nach dem 24.Juni 1859 fand man noch auf mehreren Punkten des Schlachtfeldes tote Soldaten von beiden Armeen. Die Behauptung, da der 25.Juni gengt habe, um alle Verwundeten wegzufhren und aufzunehmen, ist vollstndig falsch.

In der franzsischen Armee wurde eine gewisse Anzahl Leute per Compagnie bestimmt, um die Toten zu suchen und zu begraben und gewhnlich taten dies die Leute des gleichen Corps fr ihre Waffengefhrten; sie schrieben sich die Ordnungsnummer der Effekten jedes getteten Mannes auf und legten dann mit Hilfe der dafr bezahlten lombarbischen Bauern den Leichnam mit seinen Kleidern in eine gemeinschaftliche Grube. Unglcklicherweise darf wohl angenommen werden, da bei der Hast, mit welcher diese Arbeit vollfhrt wurde, und bei der Sorglosigkeit oder groben Nachlssigkeit mancher dieser Bauern auch hin und wieder ein Lebender mit den Toten begraben wurde. Die Orden, das Geld, Uhren, Briefe und Papiere, welche man bei den Offizieren fand, wurden den Toten abgenommen und spter an ihre Familien gesendet; allein bei einer solchen Menge von Leichnamen, wie sie hier begraben wurden, war es wohl nicht immer mglich, diese Aufgabe getreulich zu erfllen. Ein Sohn, der Liebling seiner Eltern, den eine zrtliche Mutter whrend einer langen Reihe von Jahren aufgezogen und gepflegt, ber besten geringstes Unwohlsein sie sich erschreckt; ein schmucker Offizier, von seiner Familie geliebt, der grau und Kinder zu Hause gelassen; ein junger Soldat, der beim Abmarsche ins Feld seine Braut verlie, oder wie wohl ein jeder eine Mutter, Schwestern, einen alten Vater daheim hatte, da liegt er nun im Kote, im Staube und in seinem Blute gebadet; sein mnnlich schnes Antlitz ist unkenntlich, der feindliche Sbel oder die Karttschkugel haben es nicht verschont: er leidet und er stirbt; und sein Leib, der Gegenstand so langer Pflege, jetzt geschwrzt, angeschwollen, zerstmmelt, wird da, wie er ist, in eine kaum ordentlich gegrabene Grube geworfen, nur mit einigen Schaufeln Kalk und Erde bedeckt, und die Raubvgel schonen seiner Hnde und Fe nicht, welche beim Absplen der Erde, ob in der Ebene oder auf dem Abhange, herausschauen aus dem Grabe; man wird wohl wieder kommen, Erbe aufschtten, vielleicht ein hlzernes Kreuz aufrichten, aber das wird Alles sein! Die Leichname der sterreicher lagen zu Tausenden auf den Hgeln, den Bergvorsprngen, auf den Mamelons, oder zerstreut unter Baumgruppen und in den Ebenen von Medole, mit ihren zerrissenen tuchenen Wmsen, ihren grauen mit Kot beschmutzten Mnteln oder mit ihren vom Blute gerteten weien Waffenrcken. Ganze Schwrme von Mcken saugten an ihnen, und Raubvgel umkreisten diese von der Fulnis grnlich gefrbten Krper, in der Hoffnung, sie zerfleischen zu knnen. Zu Hunderten wurden diese Toten in eine gemeinschaftliche Grube geworfen. Wie viele erst vor wenig Wochen in die Armee eingereihte Ungarn, Bhmen oder Rumnen, welche sich vor Mdigkeit oder Erschpfung niederwarfen, sobald sie sich einmal auer dem Schussbereich befanden, oder auch leicht verwundet durch den Blutverlust bewusstlos liegen blieben, sind nun da auf elende Weise zu Grunde gegangen! Viele gefangenen sterreicher zeigten einen furchtbaren Schrecken vor den Franzosen, weil man fr gut gefunden hatte, sie ihnen als leibhafte Dmonen darzustellen, und dieses Bild entwarf man besonders von den Zuaven. Diese Vorstellung war so fest in ihnen eingewurzelt, da einige bei der Ankunft in Brescia und beim Anblicke der Bume einer Promenade der Stadt ganz ernsthaft fragten, ob man sie wohl an diesen Bumen aufhngen wolle. Mehrere vergalten die Gutherzigkeit franzsischer Soldaten in ihrer Blindheit und Unwissenheit auf sehr unsinnige Weise; so nherte sich am Samstag ein mitleidiger Jger einem in sehr beklagenswertem Zustande daliegenden sterreicher und bot ihm in seiner Gutmtigkeit eine volle Wasserkanne zum Trinken an; der sterreicher jedoch, der an solche mitleidige

Gesinnung nicht glauben konnte, ergriff rasch das neben ihm liegende Gewehr und versetzte mit aller ihm noch brigen Kraft dem barmherzigen Jger empfindliche Kolbenschlge auf die Fe und das Bein. Ein Gardegrenadier wollte einen vollstndig verstmmelten sterreichischen Soldaten aufheben, allein dieser fate eine neben ihm liegende geladene Pistole und feuerte sie so in nchster Nhe auf den ab, der ihm Hilfe leisten wollte*). *) Vor der Schlacht von Marignano (Melegnano) am 8.Juni 1859 wurde ein auf Vorposten stehender sardinischer Soldat von einer Abteilung sterreicher berrascht, welche ihm die Augen ausstachen, damit er, wie sie sagten, fr ein andermal lerne, hell sehender zu sein; und einem Bersagliere, der sich von seiner Kompagnie verlief und einer Handvoll sterreicher in die Hnde fiel, schnitten diese die Finger ab und lieen ihn dann mit den Worten laufen: La dir jetzt eine Pension geben! Hoffen wir, da diese verbrgten Vorflle die einzigen dieser Art im italienischen Kriege waren. Sie drfen nicht erstaunt sein ber die Hartherzigkeit und das rohe Benehmen einiger unserer Leute, sagte ein gefangener sterreichischer Offizier zu mir; denn mir haben in unserer Armee wirkliche Wilde, die aus den entlegensten Provinzen des Reiches kommen, wahre Barbaren. Einige franzsische Soldaten wollten brigens auch ihrerseits Vergeltung nehmen an etlichen Gefangenen, die sie fr Kroaten hielten, die mit ihren anliegenden Hosen, wie sie dieselben in ihrer Aufregung bezeichneten, welche stets die Vermundeten niedermachten; allein die Bedrohten waren Ungarn, welche zwar eine hnliche Uniform wie die Kroaten trugen, sich jedoch nicht so grausam benahmen, wie diese. Es gelang mir schnell genug, nachdem ich den franzsischen Soldaten diesen Unterschied erklrt hatte, die vor Schrecken zitternden Ungarn vor der ihnen zugedachten Rache zu bewahren. Die Franzosen sind in der Regel, mit wenig Ausnahmen, sehr wohlwollend gegen Gefangene. So war es durch eine Hflichkeit des Armee-Corps-Commandanten den gefangenen sterreichischen Offizieren gestattet worden, ihren Sbel oder ihren Degen zu behalten, sie erhielten die gleiche Nahrung, wie die franzsischen Offiziere, und diejenigen, welche verwundet waren, wurden von den gleichen rzten behandelt, man hatte selbst einem von ihnen gestattet, seine Effekten zu holen. Viele franzsische Soldaten teilten brderlich ihre Lebensmittel mit den fast zum Tode verhungerten Gefangenen; andere schleppten feindliche Verwundete nach den Feldlazaretten und bemhten sich voll Hingebung und Mitleid um sie. Auch Offiziere nahmen sich sterreichischer Verwundeter an; einer umwickelte mit seinem Taschentuche die tiefe Kopfwunde eines Tirolers, der nur ein altes, ganz blutiges Tuch besa. Wenn wir noch eine Menge einzelner Tatsachen aufzhlen konnten, welche Zeugnis geben von dem hohen Werte der franzsischen Armee und dem Heroismus ihrer Offiziere und Soldaten, so durften wir auch die Menschlichkeit des gemeinen Mannes, seine Gte und sein Mitgefhl gegen den Besiegten oder gefangenen Feind nicht zu erwhnen vergessen, denn gerade diese Eigenschaften haben eben so viel Wert als seine Unerschrockenheit und sein Mut *). *) Die franzsischen Soldaten hatten das Eigentum der Landesbewohner auf das Gewissenhafteste geschont, und man konnte nicht genug ihre Disziplin, ihre Hflichkeit, ihre Enthaltsamkeit und ihre gute Ausfhrung whrend des ganzen italienischen Krieges loben.

Proklamationen wie diejenigen des Marschalls Regnaud de St. Jean d'Angely oder des Generals Trochu verdienen aufbewahrt zu werden und dienen denen zum Ruhme, welche sie an ihre Soldaten erlieen. In dem beginnenden Feldzuge, sagte General Trochu in seiner Proklamation vom 4. Mai 1859, die von Allessandria datiert war und allen Kompanien seiner Division unter den Waffen vorgelesen wurde, ,,mssen wir mit ausdauerndem Eifer auch die hrtesten Proben, die bereits fr uns begonnen haben, bestehen; wir mssen diszipliniert sein und strenge nach unseren Vorschriften leben, bei deren Vollziehung ihr mich unbeugsam finden werdet, und am Tage der Schlacht wollen wir nicht dulden, da es noch Tchtigere als wir gibt. Wir drfen nicht vergessen, da diese Landesbewohner unsere Alliierten sind, wir haben ihre Gebruche, ihr Eigentum und ihre Person zu achten; wir wollen den Krieg mit Menschlichkeit, im Geiste der Gesittung fhren. Auf diese Weise werden unsere Bestrebungen achtungswert sein, Gott wird sie segnen, und ich, der ich euch befehlige, werde als den schnsten Titel meiner Laufbahn den betrachten: als Kommandant der 2. Division. Den 18. Mai 1859 sprach in Marengo Marschall Regnand de St. Jean d'Angely in folgender Weise zu der kaiserlichen Garde: Soldaten der Garde .... ihr werdet der Armee das Beispiel geben der Unerschrockenheit in der Gefahr, der Ordnung und der Disziplin auf den Mrschen, der Ruhe und Migung in dem Lande, das ihr zu betreten habt. Die Erinnerung an eure Familien wird euch Wohlwollen gegen die Bewohner, Achtung vor dem Eigentum einflen, und seid dann versichert, da der Sieg euch erwartet . . . . Es ist eine anerkannte Tatsache, da gerade die wirklich ausgezeichneten Kriegsmnner sich milde und hflich zeigen, wie alle hervorragenden Leute; der franzsische Offizier ist auch gewhnlich eben so leutselig, als ritterlich und gromtig; er verdient noch heute das Lob des General von Salm, der bei der Schlacht von Nerwinde gefangen genommen wurde und, vom Marschall von Luxemburg mit der uersten Artigkeit behandelt, zum Chevalier du Rozel sagte: Welche Nation seid ihr? Ihr schlagt euch wie die Lwen und behandelt eure Feinde, sobald ihr sie besiegt habt, wie eure besten Freunde! Das Militr-Verpflegungsamt fuhr fort, nach Verwundeten suchen zu lassen, welche, verbunden oder nicht, auf Mauleseln, auf Tragbahren oder auf Cacolets zu den Feldlazaretten gebracht wurden; von da transportierte man sie nach den Drfern oder Flecken, welche dem Orte, wo sie gefallen oder wo sie aufgefunden wurden, am nchsten lagen. In diesen Ortschaften hatte man in den Kirchen und Klstern, in den Husern, auf den ffentlichen Pltzen, in den Hfen, auf den Straen und den Promenaden, kurz an allen passenden Lokalitten provisorische Feldlazarett hergerichtet; und so waren in Carpenedolo, Castel Goffredo, Medole, Guidizzolo, Volta und in allen umliegenden Ortschaften eine groe Menge Verwundeter untergebracht, allein der grte Teil derselben befand sich in Castiglione, wohin sich die minder schwer Verletzten bereits zu Fue geschleppt hatten. Dahin zog nun eine lange Prozession von Wagen des Militr-Verpflegungsamtes, beladen mit Soldaten, Unteroffizieren und Offizieren jeden Grades, bunt durcheinander, Kavalleristen, Infanteristen, Artilleristen: sie waren alle mit Blut befleckt, erschpft, in zerrissenen Kleidern, bestaubt; dann kamen wieder Maulesel im kurzen Trabe, deren unruhige Bewegungen den unglcklichen Verwundeten mit jedem Schritte Ausrufe des Schmerzes entlockten. Dem Einen war ein Bein zerschmettert, das fast vom Krper losgetrennt zu sein schien, so da jede

leichte Erschtterung des Wagens ihm neue Qualen verursachte; einem Andern war der Arm gebrochen, und er sttzte ihn mit dem noch unverletzten; einem Korporal war der Setzer einer Congrve'schen Rakete in den Arm gedrungen, er zog ihn selbst heraus und suchte sich dann, ihn als Stock benutzend, nach Castiglione zu schleppen; viele dieser Verwundeten starben unterwegs, und ihre Leichname wurden dann an dem Rande der Strae niedergelegt, wo man sie spter begrub. Von Castiglione sollten die Verwundeten nach den Spitlern von Brescia, Cremona, Bergamo und Mailand gebracht werden, um endlich hier eine regelmigere Pflege zu finden und die ntigen Amputationen zu erdulden. Da jedoch die sterreicher bei ihrem Rckmarsche alle Fuhrwerke der Bewohner mit Gewalt requiriert hatten, und die Transportmittel der Franzosen im Verhltnisse der Menge Verwundeter nicht ausreichen konnten, so muten sie 2-3 Tage warten, ehe man sie nur nach Castiglione bringen konnte, das mit Verwundeten bereits berfllt war*). *) Das 6 Meilen stlich von Brescia gelegene Castiglione delle Stiviere zhlt 5300 Seelen. Vorwrts desselben hatte, den 5.August 1796 und zwei Tage nach der einnhme dieser Stadt durch General Augereau, General Bonaparte einen entscheidenden Sieg ber den sterreichischen Feldmarschall Wurmser erfochten, ebenfalls ganz in der Nhe, an der Chiese, gewann den 19. April 1706 der Herzog von Bendorne die Schlacht von Calcinato ber den Marschall von Reventlow, der in Abwesenheit des Prinzen Eugen die Kaiserlichen befehligte. Diese ganze Stadt verwandelte sich sowohl fr die Franzosen als auch fr die sterreicher in ein weites improvisiertes Spital; schon whrend des Freitags war hier das Lazarett fr das Hauptquartier aufgeschlagen worden, Charpie-Kisten wurden geffnet, Verbandapparate und chirurgische Instrumente zurecht gestellt; die Einwohner gaben alles, was sie an Bettdecken, Leinwand, Strohscken und Matratzen entbehren konnten. Das Spital von Castiglione, die Kirche, das Kloster und die Kaserne von San Luigi, die Kapuzinerkirche, die Gendarmeriekaserne, sowie die Kirchen Maggiore, San Giuseppe und Santa Rosalia wurden mit Verwundeten angefllt, die dichtgedrngt neben einander nur auf Stroh zu liegen kamen; man mute nun auch auf den Straen, in den Hfen und auf den Pltzen Stroh legen und hier berdeckte man die Lagersttten mit Brettern oder spannte Tcher aus, um die von allen Seiten ankommenden Verwundeten gegen die Sonnenstrahlen zu schtzen. Auch die Privathuser fllten sich bald mit Verwundeten, Offiziere und Soldaten wurden von den vermglicheren Eigentmern aufgenommen, welche ihr Mglichstes taten, um ihnen Linderung zu verschaffen; die einen suchten eifrig in den Straen nach einem Arzte fr ihre Gste, andere verlangten, da man doch die Leichname aus ihren Husern wegtrage, die sie selbst nicht im Stande waren wegzuschaffen. Nach Castiglione wurden auch die Generle Ladmirault, Dieu und Auger, die Obristen Broutta, Brincourt und andere hhere Offiziere gebracht, welche von dem gewandten Dr. Bertherand gepflegt wurden, der von Freitag Morgen an fortwhrend mit Amputationen in San Luigi beschftigt war. Zwei andere Oberchirurgen, die Doktoren Leuret und Haspel, zwei italienische rzte und die Gehilfen Riolacci und Lobstein hatten whrend 2 Tagen Verbnde angelegt und setzten ihre mhsame Arbeit noch whrend der Nacht fort. Der Artillerie-General Auger, welcher zuerst nach der Casa Morino gebracht worden war, woselbst sich das Feldlazarett des Hauptquartiers von dem Corps des Marschalls Mac-Mahon befand, zu dem er gehrte, wurde dann nach Castiglione gefhrt; diesem ausgezeichneten Offiziere war die linke Schulter durch eine Kugel zerschmettert, welche whrend 24 Stunden in den Muskeln der Achselhhle sitzen blieb; er starb den 29. an den folgen der Operation, welche die Ausziehung der Kugel verursachte, nachdem schon der Brand eingetreten war.

Whrend des Samstages waren die Konvois der Vermundeten in so groer Zahl angekommen, da das Personal der Militrverwaltung, die Einwohner und die in Castiglione gelassene Truppenabteilung durchaus nicht hinreichten, um die notwendigen Dienste zu versehen. Jetzt begannen noch weit traurigere Auftritte, wenn gleich anderer Art, als am vorhergehenden Tage; es waren wohl Wasser und Lebensmittel vorhanden, allein die Verwundeten starben dennoch an Hunger und Durst, es war genug Charpie da, allein es fehlte an Hnden, um die Wunden damit zu verbinden; der grte Teil der rzte hatte sich nach Cavriana begeben mssen, und es fehlte berdies noch an Krankenwrtern und an dienendem Personale. Man mute deshalb wohl oder bel einen freiwilligen Krankendienst organisieren, was jedoch inmitten dieser Unordnungen sehr schwer war, und bei dem panischen Schrecken der Einwohner noch schwerer wurde; denn der traurige Zustand der Verwundeten hatte auf dieselben einen so erschtternden Eindruck gebt, da die Verwirrung noch zunahm. Dieser Schrecken wurde durch einen in der Tat unbedeutenden Vorfall noch vermehrt. Je nachdem jedes Corps der franzsischen Armee sich wieder gebildet und Stellung genommen hatte, wurden am Tage nach der Schlacht die Gefangenen-Transporte durch Castiglione und Montechiaro nach Brescia gefhrt. Eine dieser von Husaren eskortierten Abteilungen nherte sich gegen Nachmittag auf dem Wege von Cavriana nach Castiglione dieser letzteren Stadt und schon von Weitem hielten sie trichter Weise die Einwohner fr die in Masse anrckende sterreichische Armee. Trotz der Abgeschmacktheit dieser von den Bauern, den gedungenen Fhrern der Bagagewagen und den kleinen ambulanten, den Truppen im Felde regelmig folgenden Krmern herumgebotenen Nachricht schenkten die Einwohner der Stadt dem Gerchte dennoch Glauben, als diese Leute mit ngstlicher Eile ankamen. Die Huser wurden geschlossen, von den Bewohnern verrammelt, so gut es ging, man verbrannte die dreifarbigen Fahnen, die die Fenster schmckten und verbarg sich dann in Kellern und auf Speichern; viele flohen ber die Felder mit ihren Frauen und Kindern, in dem sie alles Kostbare mit sich nahmen; wieder andere weniger furchtsame blieben zu Hause, allein sie nahmen die ersten besten sterreichischen Verwundeten, die ihnen in die Hnde fielen, oder die sie auf den Straen finden konnten, bei sich auf, um sie nun pltzlich mit aller Aufmerksamkeit und Zuvorkommenheit zu behandeln. In den Straen und auf den Wegen, welche mit Wagen voll Verwundeten und mit Lebensmittelkonvois fr die Armee bedeckt waren, wurden Fourgons mitfortgerissen, Pferde flohen nach allen Richtungen unter den Schreckensrufen und unter dem Wutgeschrei der Fhrer, Bagagewagen wurden umgeworfen, ganze Ladungen von Biskuit in die Straengrben geschleudert. Die immer mehr erschreckenden Fuhrleute spannten ihre Pferde aus, und flohen mit ihnen in gestrecktem Laufe auf der Strae nach Montechiaro und Brescia, indem sie auf dem ganzen Wege die Schreckensnachricht verbreiteten, Lebensmittel und Brotwagen, welche die Stadtbehrde von Brescia regelmig in das alliierte Lager sendete, mit sich fortrissen, Verwundete berfuhren, welche sie vergebens um Aufnahme flehten und jetzt voll Verzweiflung ihren Verband wegrissen, schwankend die Kirchen verlieen, auf den Straen sich fortzuschleppen suchten, ohne zu wissen, wie weit sie noch gehen knnten. Whrend des 25., 26. und 27., welche Todeskmpfe und welche Leiden! Die durch die Hitze, den Staub, den Mangel an Wasser und Pflege verschlimmerten Wunden wurden immer schmerzhafter, die mephitischen Dnste vergifteten die Luft, trotz den lobenswerten Bestrebungen der Militrverwaltung, die in Lazarette verwandelten Lokalitten in gutem Stande zu erhalten; der zunehmende Mangel an Gehilfen, Krankenwrtern und Dienern wurde

immer mehr fhlbar, denn die nach Castiglione kommenden Konvois brachten von Viertelstunde zu Viertelstunde immer noch neue Abteilungen von Verwundeten. So gro auch die Ttigkeit war, welche ein Oberchirurg und zwei bis drei Personen entwickelten, welche die regelmigen Transporte nach Brescia mit von Ochsen gezogenen Wagen organisierten, so gro auch der Eifer der Bewohner von Brescia, welche mit Wagen herbeikamen, um Kranke und Verwundete abzuholen und denen man besonders die Offiziere anvertraute, so waren doch der abgehenden Transporte weniger, als der ankommenden, und die berfllung nahm immer mehr zu. Auf den Steinplatten der Spitler und Kirchen von Castiglione waren neben einander Leute aller Nationen, Franzosen und Araber, deutsche und Slaven niedergelegt worden; manche einstweilen in die Ecke einer Kapelle untergebrachten Leute hatten nicht mehr die Kraft sich zu bewegen, oder konnten in diesem engen Raum sich nicht rhren. Flche, Lsterworte und Geschrei hallten in den heiligen Rumen wieder. ,,Ach! mein Herr, wie leide ich! sagten einige dieser Unglcklichen zu mir, man gibt uns auf; man lt uns elend sterben, und doch haben wir uns ja wacker geschlagen! Trotz den Mhen, die sie ausgestanden, trotz den schlaflosen Nchten konnten sie jetzt keiner Ruhe genieen; in ihrer Verzweiflung riefen sie die Hilfe eines Arztes an, oder schlugen wild um sich, bis der Starrkrampf und der Tod ihrem Leiden ein Ende machte. Einige Soldaten, welche glaubten, da das auf ihre bereits in Eiterung bergegangenen Wunden gegossene kalte Wasser Wrmer hervorbringe, wollten sich ihre Verbnde nicht mehr anfeuchten lassen; andern, welche in den Feldlazaretten verbunden worden waren, wurde seit ihrem gezwungenen Aufenthalte in Castiglione der Verband nicht mehr gewechselt, und war durch die Ste auf dem Wege so zusammengepresst worden, da sie jetzt eine wahre Marter auszustehen hatten. Ihr Antlitz war von Mcken bedeckt, welche an ihren Wunden saugten; ihre Blicke schweiften nach allen Seiten umher, ohne eine Antwort zu erhalten; Mantel, Hemd, Fleisch und Blut bildeten bei ihnen eine schaudererregende Mischung, in welcher sich die Wrmer eingefressen hatten. Viele erschraken vor dem Gedanken, von diesen Wurmen zernagt zu werden, in dem Glauben, da dieselben aus ihrem Krper kmen, indessen sie doch durch die Mckenschwrme, welche die Luft erfllten, hervorgebracht worden waren. Hier sah man einen vollkommen unkenntlich gewordenen Soldaten, dessen Zunge unverhltnismig aus seinem zerrissenen und zerschmetterten Munde hervorhing; er versuchte, sich zu erheben; ich benetzte mit frischem Wasser seine ausgetrockneten Lippen und seine verhrtete Zunge, nahm dann eine Hand voll Charpie, die ich in einem Kbel, den man mir nachtrug, netzte, und legte dann dieselbe in die unfrmliche ffnung, welche den Mund ersetzte. Dort war ein anderer Unglcklicher, dem ein Teil des Gesichtes von einem Sbel weggehauen worden war, er war ohne Nase, Lippen und Kinn; in der Unmglichkeit zu sprechen und halb erblindet gab er Zeichen mit der Hand, und durch diese ergreifende Pantomime, welche von gurgelnden Tnen begleitet war, zog er unsere Aufmerksamkeit auf sich; ich gab ihm zu trinken und lie auf sein blutendes Gesicht einige Tropfen frisches Wasser trufeln. Ein Dritter, mit weitgeffneter Hirnschale, sank sterbend zusammen, in dessen sein Hirn ber die Steinplatten der Kirche flo; seine Unglcksgefhrten stieen ihn mit den Fen auf die Seite, weil er die Massage strte, ich schtzte ihn in seinem letzten Todeskampfe und umhllte sein armes Haupt, das sich noch schwach bewegte, mit meinem Taschentuche. Obgleich jedes Haus zu einer Herberge fr Verwundete geworden war und jede Familie hinlnglich zu tun hatte, um die aufgenommenen Offiziere zu pflegen, so gelang es mir doch von Dienstag Morgen an, eine gewisse Anzahl Frauen aus dem Volke zusammenzubringen, welche ihr Mglichstes taten, um bei der Pflege der Verwundeten behilflich zu sein; es handelte sich jetzt in der Tat nicht mehr um Amputationen oder andere Operationen allein,

man mute auch den sonst an Hunger und Durst sterbenden Leuten zu essen und zu trinken geben, ihre Wunden verbinden, oder ihre blutenden, mit Kot und Ungeziefer bedeckten Krper waschen, und das Alles inmitten von giftigen stinkenden Ausdnstungen, unter dem Klagegeschrei und den Schmerzensrufen der Verwundeten und bei einer erstickenden Hitze. Bald war ein Kern von solchen Freiwilligen gebildet und die lombardischen Frauen eilten zu denen, welche am strksten schrieen, ohne gerade immer die Unglcklichsten zu sein; ich fr meinen Teil suchte soviel immer mglich die Hlfeleistung in dem Stadtviertel zu organisieren, welches derselben am ntigsten hatte, und nahm mich besonders einer der Kirchen von Castiglione an, welche auf einer Hhe liegt, links, wenn man non Brescia kommt, und die, wie ich glaube, Chiesa maggiore heit. Mehr als 500 Soldaten waren hier untergebracht und mindestens noch gegen Hundert lagen vor der Kirche auf Stroh und unter den Tchern, welche man gegen die Sonnenstrahlen ausgespannt hatte. Die pflegenden Frauen gingen hier mit ihren Krgen und Eimern, die mit klarem Wasser zum Lschen des Durstes und zur Befeuchtung der Wunden gefllt waren. Von Einem zum Andern, einige dieser improvisierten Krankenwrterinnen waren schne und niedliche junge Mdchen; ihre Sanftmut, ihre Gte, ihre schnen mitleidigen und mit Trnen gefllten Augen, sowie ihre aufmerksame Pflege trugen viel dazu bei, um einigermaen den moralischen Mut der Kranken zu heben. Die Knaben aus dem Orte kamen und gingen, um von den nchsten Brunnen Kbel, Krge und Giekannen mit Wasser nach der Kirche zu tragen. Auf die Wasserversorgung folgte dann die Austeilung der Fleischbrhen und Suppen, deren die Militrverwaltung in groer Menge zu liefern hatte, ungeheure Ballen von Charpie waren da und dort niedergelegt, damit jeder nach Bedrfnis davon nehmen knne, aber an Verbnden, Leinwand und Hemden fehlte es allenthalben; die Hilfsmittel in dieser kleinen Stadt, durch welche auch die sterreichische Armee gezogen war, waren so zusammengeschmolzen, da man sich nicht einmal die ntigsten Gegenstnde verschaffen konnte und dennoch gelang es mir durch die Mithilfe dieser braven Frauen, die bereits all ihr altes Leinenzeug herbeigebracht hatten, noch einige neue Hemden zu erhalten, und am Montag Morgen sendete ich meinen Kutscher nach Brescia, um dort weitere Vorrte zu holen. Er kam schon nach etlichen Stunden zurck, den ganzen Wagen beladen mit Leinenzeug, Schwmmen, Leinwand, Bndern, Stecknadeln, Zigarren und Tabak, Kanlen, Malven, Flieder, Orangen, Zucker und Zitronen, wodurch es nun mglich wurde, eine so lange erwartete erfrischende Limonade den Kranken zu geben, die Wunden mit einem Malvenabgusse zu waschen, warme Aufschlge anzulegen, und die Verbnde fter zu wechseln. Whrend dessen hatte sich unser Hilfskorps durch neue Mitglieder rekrutiert: ein alter Marineoffizier und dann zwei englische Touristen kamen aus Neugierde in die Kirche und wurden von uns fast mit Gewalt zurckgehalten; zwei andere Englnder drckten gleich Anfangs den Wunsch aus, uns beistehen zu knnen und teilten besonders den sterreichern Zigarren aus. Auerdem leisteten uns noch ein italienischer Abb, drei oder vier neugierige Reisende, ein Journalist von Paris, der spter die Direktion der Hilfeleistung in einer benachbarten Kirche bernahm, und endlich einige Offiziere der in Castiglione berbleibenden Militr-Abteilung bei dieser Krankenpflege Beistand. Einer dieser Offiziere wurde jedoch bald nachher in Folge des ergreifenden Eindruckes krank, und unsere andern freiwilligen Krankenwrter zogen sich ebenfalls nach und nach zurck, weil auch sie den Anblick aller dieser Leiden, die sie nur so wenig zu lindern im Stande waren, nicht ertragen konnten; auch der Abb folgte ihrem Beispiele, allein er kam dann wieder, um uns in zarter Aufmerksamkeit aromatische Kruter und Flakons mit Salzen unter die Nase zu hatten. Ein junger franzsischer Tourist, dem der Anblick dieser menschlichen berreste die Brust beengte, brach pltzlich in Trnen aus; ein Geschftsmann aus Neuenburg verband whrend zwei Tagen die Verwundeten, und schrieb fr die Sterbenden die letzten Briefe an ihre Familien; man war selbst aus Rcksicht fr ihn gezwungen, seinem Eifer Einhalt zu tun, so wie auch die mitleidige Aufregung eines Belgiers zu migen, die einen solchen Grad

erreichte, da man fr ihn ein hitziges Fieber frchtete, hnlich wie es sich mit einem Unterlieutenant ereignete, der von Mailand kam, um sein Corps zu erreichen, und neben uns von Fieberschauern berfallen wurde. Einige Soldaten der in der Stadt gelassenen Truppenabteilung waren ebenfalls zur Hilfeleistung bei ihren Kameraden bereit, allein auch sie waren nicht im Stande, einen Anblick auszuhalten, der ihren moralischen Mut niederbeugte, und so sehr ihre Einbildungskraft erregte. Ein Geniekorporal, der, bei Magenta blessiert, kaum wieder hergestellt zu seinem Bataillone zurckkehrte, und dessen Laufpass ihm einige Tage Aufenthalt gestattete, begleitete uns zu den Verwundeten und leistete uns Hilfe, obgleich er zweimal nach einander ohnmchtig wurde. Der nun in Castiglione sich niederlassende Intendant gestattete endlich, da die sich besser befindenden Gefangenen, sowie drei sterreichische rzte, einem jungen korsischen rztlichen Gehilfen, der mich zu verschiedenen Malen um einen Ausweis ber seinen Eifer ersuchte, Beistand leisten durften. Ein deutscher Chirurg, welcher absichtlich auf dem Schlachtfelde geblieben war, um seine verwundeten Landsleute zu verbinden, tat dies auch fr die der feindlichen Armee; die Militrverwaltung erlaubte ihm nach drei Tagen, aus Erkenntlichkeit fr diese Leistungen zu seinen Landsleuten nach Mantua zurckzukehren. ,,Lassen Sie mich nicht sterben! riefen einige dieser Unglcklichen, indem sie noch mit letzter Kraftanstrengung meine Hand fassten, aber dann tot zusammensanken, sobald diese schwache Sttze ihnen entzogen ward. Ein junger, etwa 20Jhriger Korporal mit sanften und ausdrucksvollen Zgen, Namens Claudius Mazuet, war von einer Kugel in die linke Seite getroffen, sein Zustand war hoffnungslos, und er sah es selbst ein; nachdem ich ihm zu trinken gegeben hatte, dankte er mir und setzte dann mit Trnen in den Augen hinzu: ,,Ach! mein Herr, wenn Sie doch an meinen Vater schreiben knnten, damit er meine Mutter trstet! Ich schrieb mir die Adresse seiner Eltern auf und wenige Augenblicke nachher hatte er aufgehrt zu leben*). Ein alter Sergeant mit mehreren Schnren am Arme sagte mir mit tiefer Trauer und mit kalter Bitterkeit: Wenn man mich frher gepflegt htte, so wrde ich am Leben geblieben sein, indessen ich so schon diesen Abend tot sein werde! Und am Abende war er tot. *) Die Eltern, welche rue d'Alger Nro. 3 in Lyon wohnten und deren einziger Sohn dieser als Freiwilliger in die Armee getretene junge Mann war, erhielten keine andere Nachricht von ihrem Sohne, als den Brief von mir; er wrde ohne mich wahrscheinlich, wie viele Andere, als verschwunden in die Listen eingetragen worden sein. Ich will nicht sterben, ich will nicht sterbend schrie mit wilder Entschlossenheit ein Grenadier der Garde, der noch vor drei Tagen krftig und gesund gewesen, jetzt aber tdlich verwundet war und fhlend, da seine letzte Stunde unwiderruflich gekommen sei, gegen diese dunkle Gewiheit sich strubte; ich sprach mit ihm, er hrte mich an, und dieser nun besnftigte, beruhigte und getrstete Mann war endlich mit der Einfachheit und Treuherzigkeit eines Kindes zum Tode gefat. Da unten in der Ecke der Kirche, links in der Vertiefung des Altars lag ein afrikanischer Jger auf Stroh; drei Kugeln hatten ihn getroffen, eine in der linken Seite, eine andere in der rechten Schulter und die dritte blieb im rechten Beine stecken; es war Sonntag Abends, und er versicherte mich, seit Freitag Morgens nichts genossen zu haben. Er war wirklich ekelerregend anzuschauen, der Kot war auf ihm getrocknet und mit Blutklmpchen untermischt, seine Kleidung zerrissen und sein Hemd zerfetzt; nachdem ich seine Wunden gewaschen, ihm ein wenig Fleischbrhe gegeben, und ihn dann in eine Decke eingewickelt hatte, fhrte er meine Hand mit einem Ausdrucke unaussprechlicher Dankbarkeit an die Lippen. Am Eingange der Kirche befand sich ein Ungar, der unaufhrlich schrie und auf italienisch mit durchdringender Stimme nach einem

Arzte verlangte; seine Lenden waren Karttschstcken wie mit eisernen Hacken zerrissen, das rote zuckende Fleisch sah daraus hervor, der brige Teil des Krpers war aufgeschwollen und bleifarben, er wute nicht, wie er sich niederlegen oder setzen sollte; ich tauchte etliche Flocken Charpie in Wasser und suchte ihm damit eine Art Lagersttte zu machen, allein der Brand wird ihn unzweifelhaft hinweggerafft haben. Etwas davon entfernt lag ein Zuave, der heie Trnen weinte, und den man wie ein Kind trsten mute; die vorhergehenden Strapazen, der Mangel an Nahrung und Ruhe, die krankhafte Aufregung und die Furcht, ohne Hilfe zu sterben, verursachten selbst bei diesem wackern Soldaten eine nervse Gefhlsaufregung, die sich durch klagen und Weinen Luft machte. Das Gefhl, welches bei diesen Verwundeten am Meisten sich geltend machte, wenn sie nicht durch Leiden zu sehr in Anspruch genommen waren, war die Erinnerung an ihre Mutter und die Vorstellung ihres Grames, wenn sie Nachricht von ihrem Schicksale erhalten wrde; man fand an dem Halse eines toten jungen Mannes das Bildnis einer lteren Frau, ohne Zweifel seiner Mutter, mit seiner linken Hand schien er es an sein Herz zu drcken. Hier an der Mauer lagen etwa hundert franzsische Soldaten und Unteroffiziere in ihre Decken gehllt in zwei parallelen Reihen, zwischen denen man durchgehen konnte; sie waren Alle verbunden, die Verteilung der Suppe hatte stattgefunden, sie lagen ruhig und zufrieden da, und folgten mir mit den Augen; all' diese Kpfe wendeten sich nach rechts, wenn ich nach rechts ging, nach links, wenn ich nach links mich wendete. Man sieht wohl, da es ein Pariser*) ist, sagten die Einen. Nein, antworteten Andere, er scheint mir aus dem Sden zu sein. Nicht wahr, mein Herr, Sie sind von Bordeaux? fragte mich ein dritter, und Jeder wollte, da ich aus seiner Provinz oder aus seiner Stadt sei. Die Resignation, welche diese einfachen Liniensoldaten an den Tag legten, verdient wirklich der Erwhnung und der Anerkennung. Was war auch jeder Einzelne von ihnen in dieser groartigen Zerrttung? Sehr wenig. Sie litten oft, ohne sich zu beklagen, und starben in Bescheidenheit, ohne da man weiter ihrer erwhnte. *) Ich hatte die Genugtuung im Laufe der letzten Jahre in Paris, und namentlich in der Rivolistrae, amputierte Militrs und Invaliden zu finden, welche, als sie mich erkannten, auf mich zukamen und mir ihre Dankbarkeit zu erkennen gaben fr die ihnen in Castiglione gewidmete Pflege. Wir nannten Sie den weien Herrn, sagte mir einer von ihnen, weil Sie ganz in Wei gekleidet waren; es machte auch nicht bel warm da! Die sterreichischen Verwundeten und Gefangenen trotzten