Vom Jäger zum Bauern. Wirtschaftsformen im neolithischen Anatolien

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This article is concerning with the timing, context, and impetus for the onset of the change from gathering to food production in the Anatolia during the Early Neolithic.

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Vom Jger zum BauernWirtschaftsformen im neolithischen AnatolienJrgen Franssen Seid fruchtbar und mehret Euch und fllet die Erde und macht sie euch untertan, und herrscht ber die Fische im Meer und die Vgel des Himmels, ber das Vieh und alle Tiere, die auf der Erde sich regen. Diese Aufforderung am Anfang der Genesis lt sich als prgnante Umschreibung jenes beraus komplexen, globalen Phnomens verstehen, das wir heute als Neolithisierung bezeichnen. Ein wesentlicher Teil dieses langwierigen Prozesses, der innerhalb weniger Jahrtausende in mehreren Regionen der Welt unabhngig voneinander stattfand (Abb. 1), war der bergang von der Lebensweise des Jgers und Sammlers zu der des Bauern oder, anders formuliert, von der aneignenden zur produzierenden Wirtschaftsweise. Dieser Wandel war von weitreichender Bedeutung. Er beschrnkte sich nicht nur auf die Subsistenzstrategie der damaligen Menschen, sondern vernderte auch wesentliche Bereiche ihrer sozialen Welt und ihr Verhltnis zur natrlichen Umgebung, Folgen, die bekanntlich noch heute die Grundlagen unserer Existenz bilden.

Abb. 1: Neolithisierungszentren zwischen 10 000 und 3000 v. Chr.: 1 Weizen / Gerste / Schaf / Ziege im Vorderen Orient, 2 Gerste / Baumwolle / Rinder im westindischen Hochland, 3 Hirse / Reis / Schweine in China, 4A Mais / Krbisse / Truthhne im Hochland von Mexiko, 4B Bohnen / Kartoffeln / Meerschweinchen im Andengebiet, 5 Hirse / Yams / Rinder im stlichen Mittelafrika

Seit dem Auftauchen des Menschen vor etwa 2,5 Millionen Jahren ernhrte sich dieser ber 99 % der Zeit ausschlielich durch das, was ihm die Natur bot, das heit er jagte wilde Tiere oder nutze die von anderen Tieren gejagte Beute, er fischte und sammelte wild wachsende, essbare Frchte, Grser und Knollen. Abgesehen davon, da er dabei diverse Hilfsmittel benutzte, unterschied sich diese Art der Nahrungsbeschaffung nicht wesentlich von jener der Tiere. Als Sammler und Jger war der Mensch vollstndig abhngig von dem jahreszeitlich bedingten

Angebot der Natur. Das nderte sich jedoch grundlegend vor rund 12 000 Jahren unter anderem im Nahen Osten am bergang vom Eiszeitalter (dem Pleistozn) zur geologischen Gegenwart (dem Holozn).

DomestikationBevor der Proze der sog. Neolithisierung nun weiter verfolgt wird, soll zunchst auf einen Begriff nher eingegangen werden, der im gegebenen Zusammenhang von entscheidender Bedeutung ist: den der Domestikation. Was ist darunter zu verstehen? Eine exakte Definition dafr gibt es leider bis heute nicht, zumal die Forschung bis heute darber streitet, welche Kriterien erfllt sein mssen, damit eine Pflanze oder ein Tier als domestiziert gelten. Diese Uneinigkeit rhrt unter anderem daher, da man Domestikation von verschieden Seiten aus betrachten kann: so etwa aus gleichsam sozialwissenchaftlicher Perspektive, in dem man das gewandelte Verhltnis eines Tieres zum Menschen betrachtet, und natrlich aus zoologischer bzw. botanischer Sicht, indem man mehr Gewicht auf die morphologischen, anatomischen oder genetischen Vernderungen legt.

Abb. 2: Oben die wilden Ausgangsformen Auerochse, Wildschwein und Wildschaf undunten ihre um etwa 25 % kleineren jungsteinzeitlichen Zuchtformen

Abb. 3: Entwicklung vom wilden Einkorn und Emmer zum heutigen Weizen

Grundstzlich gilt jedoch fr die meisten domestizierten Tieren und Pflanzen, da sie in Folge menschlicher Einflunahme nicht mehr in ihrer natrlich Umgebung leben, sondern in der von Menschen geschaffenen, sich dort fortpflanzen und letztlich zum Nutzen des Menschen geschlachtet bzw. geerntet werden. Die Gefangenschaft stellt fr Wildtiere zunchst eine erhebliche Stresituation dar. Aus diesem Grund, weil die vom Menschen zur Verfgung gestellte Nahrung letztlich nie die natrliche Vielfalt erreicht und die Bewegung der Tiere relativ stark eingeschrnkt ist, sind in Gefangenschaft gehaltene Tiere meist kleinwchsiger als ihre wilden Pendants (Abb. 2), und mit der Zeit weist deren Skelett auch degenerative Erscheinungen auf. Auch die Samen und Frchte gezchteter Pflanzen unterscheiden sich morphologisch von ihren wilden Vorfahren (Abb. 3). Schlielich sind bei domestizierte Pflanzen wie Tiere spezifische

genetische Vernderungen festzustellen. Anhand der genannten Faktoren, die sich im archologischen Befund durch die Untersuchung der Knochen oder Samen bestimmen lassen, sind domestizierte von wild lebenden Arten jedoch oftmals zu unterscheiden. Wenn man sich nun die sogenannten Grndertiere- und pflanzen anschaut, fllt auf, da im Vergleich zur natrlichen Artenvielfalt nur wenige Tiere und Pflanzen domestiziert wurden. Bei den Tieren sind dies Rind, Schaf, Ziege und Schwein. Zu den Grndergewchsen gehren zum einen die Getreidearten Emmer und Einkorn sowie Gerste und Roggen und zum andere die Hlsenfrchte Linsenwicke, Linse, Erbse und Kichererbse und schlielich der Flachs (Taf. 1). Die Auswahl geschah natrlich nicht zufllig, da die Getreide und Hlsenfrchte mehrere Vorteile aufweisen: Beide verfgen ber einen hohen Kaloriengehalt Getreide ist reich an Kohlenhydraten und Hlsenfrchte an Proteinen und sind daher gut fr die Ernhrung grerer Gruppen geeignet. Auerdem sind sie leicht zu ernten, verfgen ber groe Samen und beanspruchen, da sie dicht beieinander wachsen, relativ wenig Anbauflche. Ein weiterer kologischer Vorteil besteht darin, da es sich um Jahrespflanzen mit einer hohen Reproduktionsrate handelt, deren Entwicklung durch die starken klimatischen Schwankungen in Vorderasien zwischen Sommer und Winter begnstigt wurde. Aufgrund ihres speziellen Aufbaus und ihrer Wachstumseigenschaften sind Sgrser zudem erstaunlich regenerationsfhig. Daneben eignen sich beide Pflanzenarten wegen ihrer hohen Bestndigkeit gegen Trockenheit gut zum Lagern und sind damit ideal zur berbrckung kurzfristiger Nahrungsengpsse, wie sie anscheinend gerade am Anfang des Holozns durch die trockenen, heien Sommer auftraten. Schlielich handelt es sich bei Grsern und Hlsenfrchten um selbst- bzw. windbestubende Pflanzen, wodurch die jeweils vom Menschen gewnschte, mutierte Form gut isoliert und weiter gezchtet werden konnte. Funde etwa im syrischen Abu Hureyra (Abb. 4) aus der Zeit um 11 000 v. Chr. belegen, da bereits vor der Domestikation im Vorderen Orient offenbar begonnen wurde, das natrliche Angebot an wilden Nahrungspflanzen durch gezieltes Ernten und planmiges Anpflanzen zu ergnzen. Man spricht in diesem Zusammenhang von Kultivierung, im Unterschied zur Domestizierung. Die Menschen hatten im Laufe der Zeit sicherlich genaue Kenntnis von den Reifeterminen der verschiedenen Grser und Frchte gewonnen, um bei der Ernte potentiellen tierischen Nahrungskonkurrenten zuvorzukommen. Daneben kam es anscheinend zu einer gezielten Selektion des Ernteguts, indem Pflanzen mit mehr Blten und greren Krner sowie mit stabileren hren bevorzugt wurden, da bei den Wildformen in der Regel die hren frh zerbrechen, die Krner zu Boden fallen und somit die Ernte sehr verlustreich war. Auf lange Sichte setzten sich auf diese Weise die mutierten Pflanzen als Nutzpflanzen bei den Menschen durch, da sie mehr gesammelt und damit spter auch verstrkt gest wurden. Allerdings vollzog sich dieser Proze nicht geradlinig, sondern mit zahlreichen Brchen, da immer wieder auch unreifes Getreide geerntet wurde oder Wildformen eingekreuzt wurden und somit das Verhltnis von fester und lockerer haftenden Krner lange Zeit gleich blieb. So fanden sich in dem bereits genannten Abu Hureyra anscheinend die frhesten Funde von domestiziertem Getreide, in dem Fall Roggen, die zwischen 11 000 und 10 500 v. Chr. datiert werden und deren Form sich signifikant von wilden Exemplaren unterscheidet. Ein weiterer Hinweis auf den bereits damals praktizierten Roggenanbau sind Samen von Unkraut, das blicherweise auf kultiviertem Boden wchst. Die beabsichtigt oder doch eher zufllig erzielten Zuchtergebnisse blieben allerdings zunchst ohne Folgen, da auch weiterhin wildes Getreide kultiviert wurde. Erst rund 1000 Jahre spter, im Zusammenhang mit dem Beginn der bis heute andauernden Warmzeit um 9600 v. Chr., beginnt sich der planmige Anbau domestizierter Pflanzen in vielen Orten der Levante durchzusetzen. Wie im Falle des Pflanzenanbaus so ging wahrscheinlich auch der Domestikation von Tieren eine lange Phase voraus, in denen Wildtiere pflegerisch gehalten wurden und die Menschen ber Generationen hinweg verstrkt und differenziert Erfahrungen mit der Zhmung der Tiere

Links: Einkorn. Mitte: Gerste. Rechts: Emmer

Roggen

Links auen: Erbse Links: Flachs

Kichererbse

Linse

Linsenwicke

Bezoarziege

Mufflon

Wildschwein

Auerochse

Wildesel

Wolf

Abb. 4: Frhe Fundorte im Bereich des Fruchtbaren Halbmonds

sammelten. Als Beleg dafr knnten die Funde aus dem spten 10. bzw. 9. Jt. v. Chr. aus Hallan emi und ayn in Ostanatolien dienen, wo anscheinend zumindest zeitweise wilde Schweine in Gehegen gehalten wurden. Mit der Zeit wird sich herausgestellt haben, dass sich zwar die meisten Wildtiere, wie etwa Br oder Hirsch, durchaus zhmen lieen. Als Haustiere eigneten sich aber aufgrund ihrer natrlichen Anlagen nur die wenigsten. Dafr sind folgende Eigenschaften eines Tieres unabdingbar: Es musste ein Pflanzenfresser sein, damit eine unkomplizierte und effiziente Ernhrung gewhrleistet ist. Es musste zudem relativ schnell wachsen, durfte kein unberechenbares, stark aggressives Verhalten aufweisen und auch nicht zur Nervositt oder Panik neigen. Schlielich mute es ein Herdentier mit ausgeprgt sozialem Verhalten sein, das den Menschen als Leittier akzeptiert, und es mu sich problemlos auch in Gefangenschaft fortpflanzen. Zu den Wildtieren, die diese Eigenschaften aufweisen, gehren die Bezoarziege, das asiatische Mufflon, das Wildschwein, der Auerochse, der Wildesel und der Wolf (Taf. 2), die alle in Mesopotamien heimisch und wahrscheinlich die Vorfahren von Ziege, Schaf, Schwein, Rind,