DAS PROBLEM DES HÖCHSTEN GUTES IN KANTS PRAKTISCHER PHILOSOPHIE

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    10-Dec-2016

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  • DAS PROBLEM DES HCHSTEN GUTESIN KANTS PRAKTISCHER PHILOSOPHIE

    von Klaus Dsing, Bochum

    Das hchste Gut wird in den heutigen Bemhungen um eine praktische Philo-sophie wenig beachtet; ihm wird im allgemeinen weder in der Frage der Grundle-gung noch in der Frage der Ausfhrung einer philosophischen Ethik noch etwa ineiner Geschichtsphilosophie, die zugleich auf das anzustrebende Ziel und den Sinnder Geschichte reflektiert, besondere Bedeutung zugemessen. Ein Verstndnis frdas hchste Gut als Problem mte deshalb wohl allererst gewonnen werden 1. Mitdem hchsten Gut ist dabei, nach einer vorlufigen Bestimmung, das Endziel dersittlichen Wirksamkeit und Anstrengung des Menschen gemeint. Es ist der umseiner selbst willen erstrebte Inhalt aller sittlichen Zielsetzungen, dessen Erreichungals hchste Erfllung des Menschseins vorgestellt werden kann. Nun wre es mg-lich, diesen Gedanken als ethisch bedeutungslos hinzustellen. Darauf ist mit Argu-menten der praktischen Philosophie einzugehen. Wird aber das hchste Gut alsverstndlicher Inhalt des sittlichen Willens akzeptiert, so besteht die Alternative,es entweder fr eine nicht realisierbare Fiktion oder aber fr eine reale Mglichkeitzu halten, auf die wir hinwirken sollen. Die beiden letzten Ansichten beruhen aufmetaphysischen Voraussetzungen. So steht mit dem hchsten Gut, sofern es alsethisch sinnvoller Begriff gesichert ist, nicht nur ein vereinzeltes ethisches Themazur Frage; es wird damit zugleich das Problem des Verhltnisses von Ethik undMetaphysik gestellt. Diesen systematischen Zusammenhang suchten in der Tradi-tion seit Platos Lehre vom Sein des Guten an sich und Aristoteles' Bestimmungdes vollendeten, hchsten Glcks mannigfache Errterungen und Theorien deshchsten Gutes vor allem in der Antike und im Mittelalter zu klren.

    Hier soll nun das Problem des hchsten Gutes bei Kant untersucht werden. Kantsetzt sich mit einer Reihe von frheren, vornehmlich antiken Lehren zum hchstenGut auseinander und hebt seine eigenen Entwrfe eindeutig davon ab. Er ist sichoffenbar bewut, da er mit dem hchsten Gut ein Thema wiederaufgreift, das beiden Neueren ... auer Gebrauch gekommen, zum wenigsten nur Nebensache

    1 E. Bloch hat allerdings in Das Prinzip Hoffnung auf diesen Begriff aufmerksam

    gemacht. Fr ihn ist der eigentliche Sinn des hdisten Gutes das Utopissimum", dasLeitbild im Weltproze" (Suhrkamp-Ausg., Frankfurt a. M. 1959, S. 368; 1565), das inder philosophischen Tradition zu einem abstrakten, jenseitig fixierten Ideal ohne treibendeKraft fr die Geschichte gemacht worden sei (vgl. S. 1551 ff.; auch 355 f.).

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  • geworden zu sein scheint" 2. Er selbst widmet dieser Frage ausfhrliche und grund-stzliche berlegungen und stellt sie auf'vllig neue Fundamente. Sollte das hch-ste Gut nach der Kritik an der dogmatischen Metaphysik als legitimes Problembestehen bleiben bzw. wiedergewonnen werden, so war eine ganz neue Begrndungnotwendig. Es soll nun im folgenden gezeigt werden, da der spteren, bekannte-ren Theorie des hchsten Gutes, die Kant seit der Kritik der -praktischen Vernunftentwickelte, eine vollstndig ausgebildete frhere Theorie des hchsten Gutes vor-ausging, die noch in die Frage nach deh Prinzipien der Ethik hineingehrte. Be-rcksichtigt man die sachlichen Motive zur Vernderung seiner Konzeption, soergibt sich, da Kants viel kritisierte spte Lehre vom hchsten Gut gerade eineKonsequenz seiner reifen Moralphilosophie ist.

    Fr die ersten selbstndigen Entwrfe des deutschen Idealismus ist dann, waszur weiteren Geschichte dieses Problems noch erwhnt werden soll, die Aufnahme

    und Kritik der spteren Kantischen Lehre vom hchsten Gut und von den Postu-laten der praktischen Vernunft von mageblicher Bedeutung. Der frhe Schellingkritisierte diese Lehre, die er jedoch offenbar nur in der Umdeutung und Mi-deutung der Tbinger Orthodoxie" rezipierte, und stellte dagegen aus demGeiste des Kritizismus" wenigstens in Grundzgen eine eigene Ethik auf. Derjunge Hegel nahm Kants praktisch begrndete Metaphysik positiv auf und orien-tierte sich an ihr im Prinzip auch noch, als er sich bereits von Kant zu entfernenbegann. Spter verfate er in der Pbanomenologie des Geistes in dem Kapitel:Der seiner selbst gewisse Geist. Die Moralitt" eine ausfhrliche Kritik an KantsTheorie des hchsten Gutes und der praktischen Postulate, die zugleich als Kritikan seinem eigenen frheren Standpunkt angesehen werden kann. Auch Schleier-macher suchte ber Kant hinauszugehen und bildete sogar eine neue selbstndigeLehre vom hchsten Gut aus, die von zentraler systematischer Bedeutung fr seineKonzeption der Ethik war. Seit dem Ausgang des Idealismus aber verlor dashchste Gut anscheinend seine Bedeutung als philosophisches Problem. Auch beider Wiederentdeckung der Kantischen Philosophie im spteren 19. Jahrhundertwurde Kants Lehre vom hchsten Gut vielfach kritisiert. Cohen brachte bereits diegewichtigsten Einwnde gegen Kant vor, die sich deutlich von der idealistischenKritik unterschieden und die mit gewissen Abwandlungen bis heute ganz oder teil-weise wiederholt wurden. Darauf wird im Zusammenhang mit der Errterung derKantischen Lehre selbst nher eingegangen. Hier soll nun der Versuch unter-nommen werden zu zeigen, da Kants sptere Lehre vom hchsten Gut erst dannsachgerecht beurteilt werden kann, wenn man sie von seiner frheren Konzeptionabhebt und die Grnde der Vernderung seines Ansatzes untersucht. Dann aberergibt sich wohl, wie errtert werden soll, da Kants sptere Lehre vom hchstenGut ein legitimer und notwendiger Bestandteil einer vollstndigen Philosophie derLeistungen des endlichen, sittlichen Bewutseins ist.

    2 Kr. d. pr. V. 114. Zitiert wird nadi: Kant's gesammelte Schriften, hrsg. von der

    Preuischen, spter Deutsdien Akademie der Wissenschaften, Berlin 19101968. DieSeitenangabe bei den Kritiken folgt der Originalpaginierung.

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  • L Kants Auseinandersetzung mit den sittlichen Idealen der Alten'3 und mitdem Begriff des hchsten Gutes in der christlichen Ethik

    Vor der Aufstellung der Antinomie", die sich fr die praktische Vernunft inder Bestimmung der Idee des hchsten Gutes ergibt, behandelt Kant in der Kritikder praktisdyen Vernunft die stoische und die epikureische Lehre als einanderentgegengesetzte Theorien des hchsten Gutes. Aus den Reflexionen geht hervor,da Kant diese Lehren aus einer greren Anzahl von antiken Theorien, dieer ebenfalls vor Augen hatte, unter bestimmten Gesichtspunkten ausgewhlt hat.Kant befat sich in den Reflexionen schon von der Mitte der sechziger Jahrean mit dem Thema des hchsten Gutes und setzt sich ausfhrlich mit ethischenLehren aus der antiken Tradition auseinander. Dabei betrachtet er deren Pro-bleme und Lsungen unter der leitenden Hinsicht seiner eigenen systematischenFragestellung s.

    Nach einer Definition des Begriffs des hchsten Gutes, die lautet: Die Glk-seeligkeit und das gute, Sittlichkeit, machen zusammen summum bonum aus", zhltKant z. B. folgende Positionen auf, die er in den Reflexionen immer wiederdiskutiert: Epicur: Maximum der Glkseeligkeit in dem maximo der Bedrfnisseund deren Befriedigung. / Zeno: Maximum der Glkseeligkeit allein durch dietugend. / Platonische moralphilosophie mystisch. ... terminus ad qvem ist mitdem a qvo ... verwechselt. / Cynische Secte: minimum der moralischen Bestre-bung, um moralisch gut zu seyn, indem die Begierden auch in ihrem minimumseyn. Der Mensch der rohen Natur, System der Einfalt" 4. Auer Epikur, der diegrte Glckseligkeit in der grtmglichen Befriedigung aller menschlichen Be-drfnisse sieht, und dem Stoiker Zeno, der die grte Glckseligkeit allein imBewutsein der Tugend begrndet, nennt Kant also auch Plato und die Kyniker.Plato ist fr Kant durch die neuplatonische Tradition der Vertreter desMystizismus in der Moralphilosophie. Der Mystizismus hlt das, was nur einunendliches Ziel sein kann, nmlich die Anschauung Gottes, fr einen Ausgangs-punkt des sittlichen Lebens. Daher spricht Kant von dem mystischen ideal derintellectuellen Anschauung des Plato" 5. Sittlichkeit ist zwar fr Plato nur mglichdurch die Vorstellung der Ideen* als Richtma, was Kant an vielen Stellen an-

    8 Als Quelle drfte Kant wohl Bruckers Philosophiegeschichte gedient haben, in der

    alle von Kant erwhnten Sdbulen (sectae) und Philosophen der Antike dargestellt werden(lacobi Bruckeri Historia critica philosophiae. Tomus primus. Lipsiae 1742); auerdemwaren ihm philosophische Untersuchungen von Cicero, Seneca und auch wohl von Dioge-nes Laertius bekannt

    4 XIX, 95 (Nr. 6584). Eine nur in etwa vergleichbare Aufstellung deutet Kant in der

    Kritik der praktischen Vernunft einmal in einer Anmerkung an: Die Ideen der C y n i -k e r , der E p i k u r e e r , der S t o i k e r und der C h r i s t e n sind: die N a t u r -e i n f a l t , die K l u g h e i t , die W e i s h e i t und die H e i l i g k e i t." Kr. d. pr. V.230 Anm. Vgl. auch Eine Vorlesung Kants ber Ethik, hrsg. v. P. Menzer, Berlin 1924.S. 7 ff.

    5 XIX, 108 (Nr. 6611). Vgl. EfA/Jfe-Vorlcsung, S. 11.

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  • erkennt; aber er suchte seine idee in Gott, oder er machte den Begrif von Gott ausdiesen ideen" e. Diese bersinnliche Anschauung der Ideen, die in Gott vereinigtsind, ist fr Kant berschwenglich und bringt auerdem die Gefahr mit sich, denmoralischen Ideen die praktische Kraft zu nehmen. Auch in der Kritik derpraktisdicn Vernunft denkt Kant wohl an eine solche platonische Theorie, wenn ervor dem Mystizismus und vor der schmelzenden Vereinigung" der Theosophenund Mystiker mit der Gottheit"7 warnt. Die vierte von Kant in den Re-flexionen sehr oft angefhrte Theorie ist die kynisdie, als deren Hauptvertreter ermeistens Diogenes nennt. Ihr Prinzip ist das Ideal der natrlichen Einfalt und derUnschuld. Diese Theorie war fr Kant bedeutsamer, als man zunchst annehmenmchte. Er versteht den in ihr geforderten Mangel des Lasters" 8 aber kaum alsspezifisch sittliche Unschuld und Tugend, sondern vielmehr als Bewahrung der ur-sprnglichen Einfachheit, die der menschlichen Natur gem ist. So heit es ineiner etwas spteren Reflexion aus den siebziger Jahren: Das cynische (sc. Ideal)ist der menschlichen Natur am gemesten in der idee, aber in der execurion amwenigsten Natrlich und ist das ideal der knstlichsten Erziehung so wohl als derbrgerlichen Gesellschaft." Kant fgt im folgenden hinzu, es betreffe blo dieMittel und sei zwar in der theorie richtig, in der praxi aber sehr schweer, obzwardie norma"9. Er bejaht also die kynisdie Theorie der menschlichen Natur, nachder allein Einfachheit und Beschrnkung der Bedrfnisse der Natur des Menschengem sind und ein glckliches Leben gelingen lassen. Dieses Ideal ist jedoch kaumdurchzufhren, obwohl es die Norm in der Praxis sein soll. Eine unmittelbare Ver-wirklichung der Natureinfalt durch Verabscheuung aller Kultur, wie es z. B. in derAntike Diogenes versuchte, hlt Kant fr keineswegs der menschlichen Natur an-gemessen. Das kynische Ideal soll vielmehr innerhalb des hochentwickelten kultu-rellen Lebens Richtschnur des Verhaltens sein. Die Erwhnung der Erziehung"und der brgerlichen Gesellschaft" ist vielleicht eine kritische Anspielung aufRousseau, den Kant auch als den feinen Diogenes"10 bezeichnet hat. Diese kyni-sche Lehre, der Kant wohl wegen ihrer Verwandtschaft mit derjenigen Rousseauseine so groe Bedeutung einrumt, hat aber fr ihn nur die allgemeine menschlicheNatur und die Frage der Mittel zu einem naturgemen Leben zum Gegenstand;sie entscheidet daher fr den spteren Kant, wie auch bereits aus der oben zitiertenReflexion deutlich wird, weder etwas in der ethischen Prinzipienlehre noch in dermoralischen Anthropologie. Sie ist fr ihn blos eine Lehre der Mittel", die Kantvon den theorien der moralischen Philosophie" u absondert.

    ' XIX, 177 (Nr. 6842); vgl. XIX, 191 (Nr. 6882).^ Kr. d. pr. V. 217; vgl. 125; auch XIX, 198 (Nr. 6894); vgl. gegen die neuen Plato-

    niker" z. B. VIII, 399 ff. Anm. Zu weiteren Fragen der Stellung Kants zu Plato vgl.Heimsoeth: Kam und Plato. Kant-Studien 56 (1965), S. 349372.

    8 XIX, 95 (Nr. 6584).

    9 XIX, 106 f. (Nr. 6607).

    10 EfWfc-Vorlesung, S. 9. Vgl. audi etwa XIX, 99 (Nr. 6593).

    11 XIX, 107 (Nr. 6607). Vgl. XIX, 174 (Nr. 6831): Alle Unterweisung" besteht hier

    nur darin ..., die Natur nidit zu sthren" wie bei der Gesundheit".

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  • Diese vier antiken Theorien vergleicht Kant nun untereinander hinsichtlich desUrsprungs bzw. der Bedingungen der Verwirklichung des hchsten Gutes. Da essich bei den genannten antiken Idealen des Menschseins um das Problem des hch-sten Gutes handelt, wird von Kant noch ausdrcklich durch die Formulierung her-vorgehoben: Von dem Sittlichen ideal der alten, dem hchsten Gut" 12. Nach derkynischen und nach der platonischen Lehre wird nun das hchste Gut nicht durchunsere sittliche Wirksamkeit hervorgebracht, sondern es ist, wenn nur uere hin-derliche Bedingungen beseitigt sind, bereits vorhanden. Es besteht entweder ineinem der menschlichen Natur angemessenen Leben oder in der Gemeinschaft mitGott durch intellektuelle Anschauung. Davon unterscheidet Kant grundstzlichandere schon in der Antike vorgezeidmete Mglichkeiten: Der Unterschied dercynischen und platonischen (sc. Philosophie betrifft) den Ursprung des hchstenGuts: ob er physisch oder hyperphysisch sey; die epicureische und stoische nahmenden Ursprung als knstlich an und die Wirkung von erworbenen und durch Nach-denken gefundenen Grundstzen ..."1S. Der knstliche" Ursprung, den dieepikureische und die stoische Theorie annehmen, bedeutet, da der Mensch dashchste Gut nur durch eigenes sittliches Bemhen und Handeln nach selbst auf-gestellten Maximen hervorbringen und sich verschaffen kann. Erst durch diesenGedanken, den die Dialektik" der Kritik der praktischen Vernunft schon voraus-gesetzt hat, gehrt das Problem des hchsten Gutes eigentlich zur praktischenPhilosophie. Daher ist wohl auch in ihm der entscheidende Grund dafr zu suchen,da in der Dialektik" der praktischen Vernunft von den antiken Theorien nurdie Positionen des Stoizismus und des Epikureismus gegeneinander auftreten.

    Die epikureische und die stoische Lehre suchen nun fr Kant bei der Vereinigungvon Sittlichkeit und Glckseligkeit im hchsten Gut Einerleyheit des Begrifs" 14.Die Auseinandersetzung mit ihnen kann sich daher nicht auf einen Teil ihrer ethi-schen Lehren beschrnken, sondern mu sie jeweils im ganzen betrachten. Die be-dingte Anerkennung wie auch die Kritik dieser Systeme in den "Reflexionen vorallem der siebziger Jahre kann zugleich einigen Aufschlu ber Kants eigenemoralphilosophische Konzeption zu dieser Zeit geben. Bei der Besprechung undPrfung der antiken Theorien vom hchsten Gut wendet Kant die Unterscheidung...