Hans-Joachim Schönknecht Martin Heidegger und der ... ?· Martin Heidegger und der Nationalsozialismus…

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    17-Sep-2018

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  • GENIUS-LESESTCK | Nr. 9/JuliAugust 2016 1 PHILOSOPHIE

    Lesestcke fr ein Freiheitliches Europa

    Hans-Joachim Schnknecht

    Martin Heidegger und der Nationalsozialismus

    ber die kurze politische Verirrung eines groen Denkers

    Am 26. Mai 2016 jhrte sich der Tod des Philosophen Martin Heidegger zum vierzigsten Mal. Noch immer ist die Diskussion um seine zeitweilige Nhe zum Nationalsozialismus nicht beendet. Im Gegenteil, sie flammte in den Jahren 2014/15, nach der Verffentlichung der sog. Schwarzen Hefte, mit ungeahnter Heftigkeit wieder auf. Die folgenden Ausfhrungen versuchen, eine Erklrung fr Heideggers Verstrickung zu geben (ohne diese irgendwie rechtfertigen zu wollen). Nach meiner berzeugung ist die hauptschliche Ursache in Heideggers Philosophie selbst zu suchen.

    Die ffentliche Diskussion um Heideggers Engagement begann praktisch unmittelbar nach Kriegsende im Jahr 1945 mit der Untersuchung seines Falls seitens der Alliierten sowie mit dem darauf folgenden Entzug der Lehrerlaubnis im Januar 1946. Die Debatte begleitete, auch weil Heidegger nie ffentlich zu seiner Verstrickung Stellung nahm, mit charakteristischen Hhepunkten die Geschichte der Bundesrepublik und fand, aufgrund der epochalen Bedeutung des Denkers, stets auch im Ausland Aufmerksamkeit.

    Die die Bildungseliten beunruhigende Frage war dabei stets, wie es geschehen konnte, dass der wohl originellste, produktivste und wirkmchtigste deutsche Philosoph des 20. Jahrhunderts, dessen denkerische Ausstrahlung weit ber Deutschland hinaus auf das europische und das westliche Ausland berhaupt, ja bis nach Japan und China reichte, der tief zweideutigen Faszination dieses ebenso geistig primitiven wie in seinen fhrenden Figuren schlicht verbrecherischen politischen Systems erliegen konnte, und sei es auch nur fr kurze Zeit. Wenn die Philosophie, als wesentliches Element der europischen intellektuellen Kultur und Trgerin der Aufklrung, nicht einmal vor derartigen Fehltritten bewahren konnte, wozu war sie dann nutze?

    Auf ihren unbestreitbaren bisherigen und vielleicht definitiven Hhepunkt gelangte die Auseinandersetzung mit der zwischen Februar 2014 und Mrz 2015 erfolgten Verffentlichung der Bnde 94 bis 97 der Gesamtausgabe, die Heideggers so genannte Schwarze Hefte enthalten, thematisch breit angelegte Reflexionen aus den Jahren 1931 bis 1948, die der Philosoph in dreizehn in schwarzes Wachstuch gebundenen Heften (daher die Bezeichnung) niedergelegt hatte, und die man treffend als sein Denktagebuch bezeichnet hat.

    Von diesen sehr persnlichen Notizen erwartete man sich einen klareren Einblick in die Motive, die hinter Heideggers Einlassung mit dem Nationalsozialismus gestanden hatten, und, da der Philosoph die Verffentlichung zu Lebzeiten vermieden hatte, vielleicht auch ein der Intimitt des Tagebuchs anvertrautes Schuldeingestndnis.

    Was man aber vor allem fand, waren so nicht erwartete, in ihrer negativen Tendenz und Radikalitt verstrende Aussagen zum Judentum, die sogleich eine heftige mediale Diskussion um die Frage von Heideggers Antisemitismus auslsten. In den Jahren 2014 und 2015 erschien eine Flut von Stellungnahmen; keine der groen westlichen Zeitungen, die nicht

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    ihren Beitrag zur Diskussion geleistet htte, zum Teil in Form von ber Wochen sich hinziehenden Kontroversen verschiedener Philosophen.

    Die Fakten

    Die markantesten Punkte von Martin Heideggers kurzzeitigem aktiven Eintreten fr den Nationalsozialismus im Jahr 1933 sind die bernahme des Rektoramts der Freiburger Universitt am 21. April 1933 und seine zu diesem Anlass gehaltene Antrittsrede mit deutlich national sozialistischen Akzenten, ferner sein ffentlich vollzogener Eintritt in die NSDAP auf der Feier zum 1. Mai 1933 sowie sein Telegramm an Adolf Hitler vom 20. Mai desselben Jahres, in dem der (laut neu erlassener Universittsverfassung) FhrerRektor Heidegger dem selbsternannten Fhrer des deutschen Volks seine Bereitschaft mitteilt, den deutschen Hochschulverband in nationalsozialistischem Sinne gleichzuschalten. Nur ein knappes Jahr spter und noch mitten in der fr zwei Jahre geltenden Amtszeit, am 14. April 1934, kndigt Heidegger seinen Rcktritt vom Amt zum Sommersemester 1934 an. Zwar kann er sich nicht zum Austritt aus der NSDAP entschlieen, der zweifellos fr ihn und seine Familie gravierende negative Folgen gehabt htte, doch werden in den folgenden Jahren seine vom Katheder herab geuerten Urteile ber die nationalsozialistische Realitt zunehmend kritisch, ja derart sarkastisch, dass seine Studenten frchten, Heidegger rede sich um Kopf und Kragen. In scheinbarem Widerspruch zu der Abwendung vom NSRegime stammen allerdings die gravierendsten antisemitischen uerungen Heideggers erst aus den Jahren um 1940. Wie dies zu erklren ist, davon spter. Zunchst werfe ich einen Blick auf die Beweggrnde, die Heidegger zur Annherung an den Nationalsozialismus fhrten.

    Die Motive von Heideggers Annherung an den Nazismus

    Heideggers Motivlage ist komplex. Gewiss teilte er bestimmte Beweggrnde der normalen Whler der Partei, etwa die Frustration ber die den Deutschen auferlegten schweren Kriegsreparationen, die desolate wirtschaftliche Lage in der Weimarer Zeit und die nicht unbegrndete Angst vor einem Erstarken des Kommunismus, dessen grausame Realitt man ja in der Sowjetunion seit der Oktoberrevolution von 1917 und insbesondere seit Stalins Machtbernahme im Jahr 1924 vor Augen hatte.

    Opportunistische Aspekte, wie sie viele Parteigenossen hegten, drften ihm fern gelegen haben, war er doch seit seiner Berufung nach Marburg 1923 der heimliche Knig (Hannah Arendt) unter den deutschen Philosophen und hatte ab 1928 als Nachfolger Edmund Husserls in Freiburg einen der renommiertesten philosophischen Lehrsthle in Deutschland inne, stand beruflich also auf der Hhe des Erfolges. Das Motiv von Heideggers Annherung an das Regime ist vielmehr in erster Linie ein geistigphilosophisches.

    Heideggers schon in seinem berhmten frhen Hauptwerk Sein und Zeit (1927) entwickelte philosophische Grunderfahrung ist die eines defizienten Normalzustandes des menschlichen Seins; er bezeichnet ihn mit dem Begriff Uneigentlichkeit. Der Modus der Uneigentlichkeit bestimmt das gewhnliche Dasein als eine bloe Alltglichkeit, als ein Verfallen an das Man der Allgemeinheit, das sich in den ebenfalls negativ konnotierten Formen von Gerede, Neu-gier und Zweideutigkeit vollzieht. Heidegger fasst die conditio humana in der dialektisch zugespitzten Formel zusammen: Jeder ist der Andere und Keiner er selbst.[1]

    Diesen defizienten Zustand betrachtet Heidegger als einen zu berwindenden. Ziel ist die Rckfhrung des Daseins zu einer substantiellen, gehaltvollen Verfassung, die er in terminologischer Entsprechung als Eigentlichsein bezeichnet. Es geht, gelufiger ausgedrckt, darum, zur Authentizitt, zu einem echten persnlichen Dasein zurckzufinden, im Geiste des expressionistischen Mottos: Mensch, werde wesentlich!

    Geistesgeschichtlich ist diese dualistische Deutung der Existenz keineswegs neu, neu sind allenfalls die Begriffe, in die Heidegger sie fasst. In christlicher Perspektive und der tief katholisch geprgte Heidegger ist ein entlaufener Seminarist! entspricht dem der Dualismus von Unglauben und Glauben: Nur ein glubiges Leben kann als ein im vollen Sinne ge

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    lungenes Leben bezeichnet werden. Der gleiche Dualismus, nur sozialphilosophisch skularisiert, erscheint in der marxistischen Antithese von (kapitalistischer) Entfremdung und (kommunistischer) Vershnung des sozialen Seins. Schlielich gehrt auch der aufklrerischromantische Rousseau mit seinem Programm, das der gesellschaftlichen Depravierung ein Rtour la nature! entgegenruft, in diesen Kontext. Vielleicht stehen Heidegger Rousseaus Zivilisationskritik und dessen Sehnsucht nach dem (vermeintlich) heilen Ursprung sogar besonders nahe.

    Die Antithetik von Eigentlichkeit und Uneigentlichkeit durchzieht Heideggers Denken, auch wenn diese Begriffe spter zurcktreten, von Anfang bis Ende, von der tiefschrfenden Existenzanalyse in Sein und Zeit bis zur spten, nur noch Eingeweihten zugnglichen Seinsspekulation und raunenden Beschwrung des griechischen Ursprungsdenkens. Heideggers Denken im Ganzen ist Jargon der Eigentlichkeit (Adorno). Es verndern sich im Laufe von Heideggers Schaffen lediglich die Terminologie sowie die Bestimmung der Ursachen und Erscheinungsformen, durch die er Eigentlichkeit und Uneigentlichkeit konstituiert sieht.

    Politische Interpretation von Uneigentlichkeit und Eigentlichkeit

    Eine frhe Erscheinungsweise des defizienten Seinsmodus in politischer Hinsicht ist bei Heidegger die Weimarer Republik mit ihrer Vielzahl von 22 Parteien. In rechtskonservativer Haltung verbinden sich fr ihn damit die negativen Konnotationen von politischer Ohnmacht, demokratischer Gleichmacherei, zivilisatorischer Verflachung und grostdtischer Dekadenz.

    Dem setzt er entgegen die von Nietzsche bernommene Idee der Ausrichtung des Lebens auf seine Tiefe und damit auf Rang und Unterschied, [2] reflektiert mit seinem Freund Karl Jaspers den Plan einer aristokratischen Universitt[3] und formuliert das Ziel, das Volk zur Wahrhaftigkeit und echten Wertschtzung der echten Gter [sic] des Daseins zu erziehen.[4] Die eigene Person stilisiert er in Opposition zur Verstdterung des Lebens, trgt selbstentworfene buerliche Tracht und erbaut eigenhndig seine Almhtte im Schwarzwlder Todtnauberg, hoch ber Freiburg. Mit seinen Studenten unternimmt er, ganz jugendbewegt und nach Wandervogelart, Berg und Faltboottouren.

    Als Triebkraft der Uneigentlichkeit, wie er sie versteht, entdeckt Heidegger bald auch die den Menschen in apparative Mechanismen einspannende moderne Technik, insbesondere in ihrer konsequenten privatwirtschaftlichen Verwertung. Der Amerikanismus wird zum Exempel einer ihre ursprnglichen Gter liquidierenden Lebensweise, und Heidegger schreckt nicht vor der Behauptung einer Wesensidentitt von Sowjetdiktatur und amerikanischer Demokratie zurck:Russland und Amerika sind beide, metaphysisch gesehen, dasselbe: dieselbe trostlose Raserei der entfesselten Technik und der bodenlosen Organisation des Normalmenschen.[5] Und dazu die Verortung der eigenen Nation: [Wir] Deutschen hingegen liegen in der Zange [zwischen Bolschewismus und amerikanischem Kapitalismus als] das gefhrdetste Volk und in alldem das metaphysische Volk.[6]

    In diesem Zitat ist fast alles fr unser Thema Relevante enthalten:

    Die Verachtung der Demokratie der amerikanischen wie der von Weimar;

    Die Gleichsetzung der liberalen Demokratie mit Stalins blutiger Diktatur unter einem vorgeblichen metaphysischen Gesichtspunkt;

    der Platonismus einer hheren, die Erfahrung der realen Verhltnisse ignorierenden, eben metaphysischen Vernunft so als knne es dergleichen separiert von der Erfahrung der politischsozialen Realitt durch die von ihr Betroffenen geben;

    die Identifizierung von Normalitt (vgl.: des Normalmenschen) mit Substanzlosigkeit (Uneigentlichkeit);

    die Technikaversion;

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    der Gebrauch des Wortes bodenlos, dessen spezifisch Heideggerscher Sinn uns noch beschftigen wird;

    die Annahme eines geistigen und politischen Sonderschicksals Deutschlands.

    Den Fhrer fhren?

    Affinitten von Heideggers politischer Auffassung zur NSIdeologie sind evident: Die Verachtung der Demokratie, die Betonung einer historischen Mission Deutschlands sowie seiner Sonderrolle zwischen kommunistischem und kapitalistischem Block und die daraus erwachsende Gefhrdung. Vor allem auch der revolutionre Gestus, die Bekundung, das abgelebte Alte, die de Normalitt zugunsten einer qualitativ neuen und lebenswerteren Zukunft zu beseitigen. Was Heidegger allerdings nicht teilt, ist der Rassegedanke, der nationalsozialistische (Sozial)Darwinismus. Er lehnt Erbe seiner christlichen Prgung die biologistische Interpretation des Menschen ab und zielt auf geistige Erneuerung und auf die Rckfhrung des Menschen zu existentiellem Ernst, wie er vordem durchs Christentum eingefordert wurde.

    Seine Einlassung mit dem Regime erfolgt in der Hoffnung, dieses in Richtung auf seine hehren Ziele beeinflussen zu knnen, er mchte an Hitler herankommen[7] und als Fhrer des Fhrers (K. Jaspers), als FhrerRektor, oberster universitrer Lehrer und damit Erzieher der Erzieher des deutschen Volkes sein. Das erinnert an Platons Versuch, seinen Idealstaat mit Hilfe des Tyrannen Dionysios von Syrakus zu errichten.

    Doch ebenso wie Platon wird Heidegger in jeder Hinsicht enttuscht. Von Anfang an kommt es zu Spannungen mit dem Regime. Sein Dienstvorgesetzter, der badische Kultusminister Wacker (SS), wirft Heidegger vor, einen Privatnationalsozialismus zu vertreten und den Rassegedanken, sprich: den Antisemitismus, zu vernachlssigen. Offenbar fehlt es Heidegger auch an verwaltungstechnischem Geschick und Interesse. Er zieht die Konsequenz und legt im April 1934 sein Amt nach nur einem Jahr vorzeitig nieder.

    An der von Heidegger angestrebten geistigen Erneuerung der Menschen ist die Partei nicht interessiert, sondern an deren blinder Gefolgschaft. Statt auf selbststndig denkende Personen setzt man auf Konformismus und Kadavergehorsam gegenber dem Fhrer. Die Vereinnahmung des Menschen durch die Massenorganisationen stt Heidegger ab, und er sieht bald im Leben im Nationalsozialismus mit seinen Aufmrschen und der KraftdurchFreudeMentalitt nur mehr lrmende ErlebnisTrunkenboldigkeit. [8]

    Parallel zum Scheitern seiner Hoffnung, die vom Regime fr sich in Anspruch genommene nationale Revolution durch eine geistige Revolution vollenden zu knnen, vollzieht sich eine Vernderung von Heideggers politischer Philosophie und seiner Einschtzung der internationalen Rolle Deutschlands. Mit zunehmender politischer Entfaltung erscheint Heidegger der Nationalsozialismus immer weniger als Gegenkraft gegen den Prozess der Technisierung der Welt und immer strker als MitExekutor der historischen Tendenz. Der Fhrer selbst wird nun von Heidegger gedeutet als Techniker, als leitender Angestellter im Gestell als dem Inbegriff des technischen Zeitalters,[9] und die von Grund auf grundstzliche [sic]Motorisierung der Wehrmacht [als ein] metaphysischer Akt.[10] In diesem Sinne sind ihm jetzt die jeweiligen Staatswesen, die demokratischen, faschistischen, bolschewistischen und ihre Mischformen [] nur Fassaden des Willens zur Macht,[11] und er urteilt: Die planetarischen Hauptverbrecher [] lassen sich gerade an den Fingern einer Hand abzhlen.[12] Das ist Pauschalierung auf hohem Reflexionsniveau! Anthropologisch bedeutet das fr ihn, dass die neuzeitliche machinale konomie, die maschinenmige Durchrechnung allen Handelns und Planens in ihrer unbedingten Gestalt, ein neues Menschentum fordert, das ber den bisherigen Menschen hinausgeht.[13]

    Heideggers antisemitische uerungen

    Im persnlichen Umgang mit Juden war Heidegger frei von Rankne, er hatte stets jdische Schler, seine zeitweilige Geliebte Hannah Arendt war bekann...

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