Psychische Belastungen am Arbeitsplatz – Ursachen, ?· Stress am Arbeitsplatz ist ein weitverbreitetes…

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    12-Jul-2018

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    Psychische Belastungen am Arbeitsplatz Ursachen, Folgen und Handlungsfelder der Prvention

    Dr. Peter Stadler, Bayerisches Landesamt fr Gesundheit und Lebensmittelsicherheit November 2000 / aktualisiert: September 2006

    1 Einleitung Der Einsatz hochentwickelter Technik, neue Technologien, eine verstrkte Arbeitsteiligkeit, Rationalisierung und Flexibi-lisierung betrieblicher Prozesse sowie massiver Zeitdruck prgen den Arbeitsalltag vieler Menschen und stellen immer hhere Anforderungen an die Bewltigung von Arbeitsaufga-ben. Erkenntnisse aus der Forschung belegen die deutliche Zunahme an psychischen Belastungen (z.B. Wilkening, 1998). Als Folge davon sind negative Auswirkungen auf die erfolgreiche Bewltigung von Arbeitsaufgaben, auf die Ar-beitssicherheit sowie auf die Gesundheit und das Wohlbefin-den von Beschftigten zu beobachten (Richter, 1997; Hoyos, 1998; Richter, Weigerber & Fritsche, 1995; Leitner, 1999). Der Stellenwert psychischer Belastungen und psychischer Prozesse spielt in der neueren Gesundheitsforschung eine immer wichtigere Rolle. Bis zur Mitte des Jahrhunderts herrschte noch ausschlielich ein medizinisch orientierter Gesundheitsbegriff vor, der Gesundheit als Abwesenheit von Krankheit definiert. Demgegenber erwhnte die Weltge-sundheitsorganisation (WHO) 1946 in ihrer berhmten Defi-nition von Gesundheit auch die seelischen und sozialen Faktoren. Dort wird Gesundheit gefasst als

    ein Zustand des vollkommenen krperlichen, sozialen und geistigen Wohlbefindens und nicht nur das Freisein von Krankheiten und Gebrechen.

    In den letzten Dekaden wurde der Gesundheitsbegriff immer wieder erweitert und ber das Wohlbefinden hinaus werden auch Fhigkeiten zur Problemlsung und zum Aufbau sozia-ler Beziehungen subsumiert, wie z.B. die Definition von Ba-dura (1998) zeigt. Er will

    Gesundheit nicht als einen statischen Zustand, sondern als eine Fhigkeit zur Problemlsung und Gefhlsregulierung begreifen, durch die ein positives seelisches und krperli-ches Befinden und ein untersttzendes Netzwerk sozialer Beziehungen erhalten und wieder hergestellt wird.

    Gesundheit umfasst nach modernem Verstndnis also nicht nur physische Aspekte, sondern schliet psychische Prozes-se mit ein. Bei dem Bemhen, Sicherheit und Gesundheit der Beschftigten am Arbeitsplatz zu frdern, verlangt der Gesetzgeber daher z.B. im Arbeitsschutzgesetz und in der

    Bildschirmverordnung von betrieblichen Entscheidungstr-gern, auch psychische Belastungen zu ermitteln, zu beurtei-len und entsprechende Schutzmanahmen abzuleiten (Wie-land, 1999). So sollen mgliche Gefhrdungen der physi-schen und psychischen Gesundheit vermieden werden. 2 Was ist psychische Belastung / Bean-

    spruchung? Was ist Stress? Belastung und Beanspruchung.- In der DIN EN ISO 10075-1 (Ergonomic princples related to mental work load Part 1: General terms and definitions / German version) wird der Begriff psychische Belastung definiert als die Ge-samtheit aller erfassbaren Einflsse, die von auen auf den Menschen zukommen und psychisch auf ihn einwirken. Im Unterschied zur Alltagssprache wird in der Norm der Begriff psychische Belastung also wertneutral definiert. Psychische Belastung entsteht also durch das Zusammenwirken von objektiv erfassbaren Belastungsfaktoren. Psychische Beanspruchung ist der Norm zufolge zu verste-hen als die unmittelbare (nicht die langfristige) Auswirkung der psychischen Belastung im Individuum in Abhngigkeit von seinen jeweiligen berdauernden oder augenblicklichen Voraussetzungen, einschlielich der individuellen Bewlti-gungsstrategien (ebd.). Die psychische Beanspruchung ist das Resultat der bewussten oder unbewussten Verarbeitung der Belastung. Ein und dieselbe objektive Anforderung kann je nach Person zu unterschiedlichen Beanspruchungen fh-ren. Je nach Belastung und subjektiver Verarbeitung kann es zu kurz- und langfristigen, negativen und positiven Bean-spruchungsfolgen kommen.

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    Anforderungen/Belastungen

    negativeBewertung

    positiveBewertung

    Kognitive Bewertung

    Bewltigungs-mglichkeiten

    Bewltigungs-fhigkeiten

    Was ist Stress?

    objektivsubjektiv

    positiv erlebteBeanspruchung= Herausforderung

    negativ erlebteBeanspruchung= Stress

    Arbeitsttigkeit

    Abbildung 1: Stress als negativ erlebte Beanspruchung (nach Strobel & v. Krause, 1997) Stress.- Stress resultiert aus einer psychischen Fehlbean-spruchung (berforderungs- oder Unterforderungssituation; vgl. Richter, 1997). Der Beschftigte sieht sich also vor An-forderungen gestellt, die jedenfalls seiner Bewertung nach seine Leistungsmglichkeiten bersteigen oder aber nicht fordern. Diese Anforderungen knnen von auen an ihn herangetragen werden (z.B. enge Terminvorgaben durch den Vorgesetzten), sie knnen aber auch durch innere Wertmastbe, persnliche Ansprche oder Zielsetzungen (z.B. Perfektionismus, Es-allen-recht-machen-wollen) er-zeugt oder verschrft werden. In der Stressforschung wur-den bislang zahlreiche Konzepte und Theorien entwickelt. Im Folgenden soll Stress im Sinne der transaktionalen Sicht von Lazarus und Launier (1981) als negativ erlebte Folge einer Diskrepanz zwischen auf einen Menschen einwirkenden Be-lastungen und individuell wahrgenommenen Bewltigungs-mglichkeiten und -fhigkeiten verstanden werden (siehe Abbildung 1).

    3 Einflussfaktoren auf die psychische Be-lastungssituation

    Was sind nun die zentralen Einflussfaktoren fr das Entste-hen von Stress am Arbeitsplatz? Arbeitsbezogene Stresso-ren, also Auslser von Stressreaktionen, knnen resultieren aus

    der Arbeitsaufgabe (z.B. Zeit- und Termindruck, Ent-scheidungsanforderungen ohne ausreichende Informati-onsgrundlage),

    den Umgebungsbedingungen (z.B. Lrm, mangelhafte ergonomische Verhltnisse, Gefahren),

    der betrieblichen Organisation (z.B. strukturelle Vernde-rungen, unklare Kompetenzregelungen) und

    sozialen Verhltnissen (konflikthafte Arbeitsbeziehungen zu Vorgesetzen und Kollegen, schlechtes Betriebsklima).

    hnlich gliedert auch die Bundesanstalt fr Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) in ihrem Ratgeber zur Ermitt-lung gefhrdungsbezogener Arbeitsschutzmanahmen im Betrieb die Einflussfaktoren psychischer Belastung (siehe Tabelle 1).

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    Tabelle 1: Einflussfaktoren psychischer Belastung und deren Merkmale (nach BAuA, 1998) Einflussfaktoren Merkmale

    Arbeitsaufgabe und organisatorischer Rahmen

    Arbeitsttigkeit - Vollstndigkeit der Ttigkeit

    - Verantwortung

    - Information

    - zeitlicher und inhaltlicher Ttigkeitsspielraum

    - Kooperation / Kommunikation

    - Durchschaubarkeit, Vorhersehbarkeit, Beeinflussbarkeit

    - emotionale Inanspruchnahme

    - krperliche Abwechslung

    Arbeitsablauf - Ausgeglichenheit des Arbeitsanfalls ber die Arbeitszeit

    - Strungen und Unterbrechungen des Arbeitsablaufes

    Qualifikation - Qualifikationsnutzung und -erweiterung

    Verhaltensanforderungen - Erfllbarkeit und Akzeptanz

    Arbeitszeit - Dauer

    - Flexibilitt

    - Nacht- und Schichtarbeit

    - Beschftigungsbeschrnkungen

    - Pausengestaltung

    Soziale Beziehungen

    Betriebsklima - Fhrungsverhalten

    - Gruppenverhalten

    - Mitsprache der Beschftigten

    Personalmanagement - berufliche Entwicklungsmglichkeiten

    - soziale Angebote

    Einflsse anderer Gefhrdungsfaktoren

    Psychische Belastung z.B. durch Lrm, Kl-te, Hitze, elektrische Gefhrdungen und mgliche Kombinationen

    (vgl. Teil 2 des Ratgebers)

    In dem Ratgeber werden den in der rechten Spalte aufgelis-teten Merkmalen in einem Folgeschritt ungnstige Merk-malsausprgungen zugeordnet. Zum Beispiel sind fr Ar-beitsttigkeit unter dem Stichwort zeitlicher und inhaltlicher Ttigkeitsspielraum Bedingungen angegeben wie enge Zeitbindung (etwa bei Taktarbeit), oder hoher Zeitdruck. Solche ungnstigen Merkmalsausprgungen weisen auf die jeweiligen Vernderungserfordernisse hin. Zudem werden in einem Unterkapitel des Ratgebers Arbeitsgestaltungsma-nahmen erlutert, die zu einer Belastungsreduzierung und -optimierung beitragen knnen. Dazu zhlen die Gestaltung

    - der Arbeitsttigkeit (z.B. Arbeitserweiterung und Arbeits-bereicherung),

    - der Arbeitszeit (z.B. Schichtarbeit, Pausengestaltung), und

    - der sozialen Beziehungen (z.B. Betriebsklima, Personal-management).

    Einer der zentralen Einflussfaktoren fr die psychische Be-lastungssituation der Mitarbeiter ist das Fhrungsverhalten. Kasten 1 enthlt nhere Ausfhrungen zur Rolle des Fh-rungsverhaltens.

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    Kasten 1: Einfluss der Vorgesetzten auf die psy-

    chische Belastungssituation der Mit-arbeiter

    Konflikte mit Vorgesetzten werden hufig als sehr belastend erlebt mit der Folge, dass psychische Beschwerden bei den Mitarbeitern und Fehlzeiten zunehmen. In einer Untersu-chung konnte gezeigt werden, dass Arbeitnehmer, die hufig Schwierigkeiten und rger mit Vorgesetzten erfahren, ein berdurchschnittlich hohes Ma an psychischen Beschwer-den haben (Seibel & Lhring, 1984). Einer anderen Studie zufolge ist einer der wichtigsten Einflussfaktoren auf das Ausma der Zufriedenheit mit dem Arbeitsplatz die Zufrie-denheit des Mitarbeiters mit dem/den Vorgesetzten (Holzer, 1993). Mitentscheidend fr das Wohlbefinden der Mitarbeiter und die Bewltigung belastender Arbeitsaufgaben ist auch die soziale Untersttzung durch Kollegen und Vorgesetzte. Be-friedigende soziale Beziehungen wirken als Puffer gegen Arbeitsstress und knnen das Erkrankungsrisiko herabset-zen. Aber auch der Fhrungsstil beeinflusst die Belastungs-situation. Ein partizipativer Fhrungsstil wirkt belastungs- und fehlzeitenreduzierend (v. Rosenstiel, Molt & Rttinger, 1983); ein autoritrer Fhrungsstil hingegen lsst Fehlzeiten steigen (Wolff & Goeschel, 1988). Zu den Aufgaben von Fhrungskrften gehrt auch die Gestaltung von Arbeitsauf-gaben, Arbeitsablauf und Arbeitsorganisation. Mit der Wahr-nehmung dieser Aufgabe stecken sie die materiellen und sozialen Rahmenbedingungen fr belastungsoptimiertes und gesundheitsfrderliches Arbeiten ab. Wie eine Reihe von Untersuchungen zeigt, sind sich viele Fhrungskrfte jedoch nicht bewusst, dass sie in entscheidendem Mae ber die psychische Belastungssituation der Mitarbeiter in ihrem Ver-antwortungsbereich mitentscheiden (vgl. z.B. Steers & Mow-day, 1981). Daher ist es wichtig, Fhrungskrften arbeits-psychologische und arbeitsmedizinische Erkenntnisse zu den Ursachen und Bedingungen psychischer Belastungen am Arbeitsplatz zu vermitteln. Nach Stadler, Strobel und Hoyos (2000) sind drei Handlungsschritte erforderlich, um die gesundheitsbezogenen Wissens- und Handlungs-kompetenzen von Fhrungskrften zu frdern:

    - Fhrungskrfte sensibilisieren (einen Handlungsbedarf fr Fragen der Gesundheitsfrderung und Belastungsop-timierung wecken),

    - Fhrungskrfte informieren (arbeitswissenschaftliche Erkenntnisse zur Belastungsoptimierung vermitteln) und

    - Fhrungskrfte motivieren (dazu anregen, diese Er-kenntnisse im betrieblichen Alltag umzusetzen).

    4 Stressfolgen und Stressformen

    4.1 Stressfolgen fr Mitarbeiter und Unter-

    nehmen Stress am Arbeitsplatz ist ein weitverbreitetes Phnomen und wird darin sind sich die Experten einig in den nchs-ten Jahren noch zunehmen. Bei einer Erhebung, die die Europische Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen in den EU-Lndern 1996 durchfhrte, gaben 28% der Beschftigten gesundheitliche Beschwerden durch Stress am Arbeitsplatz an (Amtliche Mitteilungen der Bundesanstalt fr Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, 1997). Im Folgenden werden negative Stressfolgen sowohl fr den Mitarbeiter als auch fr das Unternehmen erlutert. Folgen von Stress fr Mitarbeiter.- Fr den unmittelbar Betroffenen bedeutet das Erleben von Stress einen Verlust an Wohlbefinden und Lebensqualitt; mittel- bis langfristig ist mit Beeintrchtigungen der krperlichen und psychischen Gesundheit zu rechnen. Beispiele fr die vielfltigen Stress-folgen, die sich im Verhalten und Erleben zeigen knnen, sind Nervositt, Gereiztheit, Angst, Einschlafschwierigkeiten oder kritisches Gesundheitsverhalten (z.B. Alkohol- und Nikotinmissbrauch) Folgen von Stress, die nicht zuletzt die erfolgreiche Erfllung von Arbeitsanforderungen beeintrch-tigen. In Tabelle 2 werden wichtige negative Folgen psy-chischer Fehlbeanspruchung fr die Gesundheit, das per-snliche Wohlergehen und fr die Bewltigung von Ar-beitsaufgaben zusammengefasst. Sind Menschen ber Wochen, Monate und zum Teil Jahre hindurch mit Arbeitsanforderungen konfrontiert, die sie ber- oder auch unterfordern, entsteht ein chronischer Stresszu-stand. Lngerfristige krperliche Folgen von Stress sind u.a. erhhter Blutdruck, anhaltende erhhte Muskelspannung mit Schmerzen im Rcken-, Schulter- und Nackenbereich oder Organschdigungen (Herzinfarkt, Magengeschwr, Schlag-anfall). Folgen von Stress fr Unternehmen.- Neben der psychi-schen und gesundheitlichen Beeintrchtigung der Arbeit-nehmer sind durch negative Beanspruchungsfolgen nicht zuletzt auch ernstzunehmende Konsequenzen fr das Un-ternehmen und seine Wirtschaftlichkeitsziele zu erwarten (Weigerber & Strobel, 1999). Erwiesenermaen bringen die genannten Beanspruchungsfolgen u.a. ein Absinken der Arbeitsleistung mit sich (Richter, 1997). Ein Teil der Fehlbe-anspruchungen kann sicherlich von den Beschftigten kurz-zeitig kompensiert werden. Auch wenn dadurch die Leistung auf den ersten Blick stabil zu bleiben scheint, sind jedoch lngerfristige Leistungseinbuen zu erwarten. Diese knnen sich, bedingt durch vermehrte Erkrankungen und Rckzugs-vorgnge, auch in erhhten Fehlzeiten manifestieren (Ho-ckey, 1997).

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    Tabelle 2: Folgen von Fehlbeanspruchung fr Gesundheit, Wohlergehen und das Erfllen von Arbeitsanforderungen (nach Strobel & v.Krause, 1997) Kurzfristige Folgen Mittel- bis langfristige Folgen Folgen bezglich der Bewltigung von

    Arbeitsaufgaben Ermdung, Monotonie, Sttigung

    Gefhle der inneren Anspannung

    Konzentrationsprobleme

    Nervositt, Angst

    Reizbarkeit

    rger und Wut

    ngstlichkeit

    Unzufriedenheit

    Resignation

    Depression

    Allgemeine Beeintrchtigung des Wohlbefindens

    Einschlafschwierigkeiten

    Kritisches Gesundheitsverhalten

    Psychosomatische Erkrankungen

    Leistungsschwankungen

    Abnahme der Qualitt der Arbeitsver-richtung

    Kurzsichtige Entscheidungen

    Verschlechterung der sensumotori-schen Koordination

    Konflikte mit Vorgesetzten und Kolle-gen

    Rckzugsverhalten

    Zunahme von Fehlzeiten

    4.2 Stressformen In jngster Zeit haben zwei spezifische Erscheinungsformen und Folgen von Stress in der ffentlichen Diskussion breiten Raum eingenommen: Mobbing und Burnout. Mobbing.- Wie oben gezeigt, sind Konflikte mit Kollegen und Vorgesetzten ein zentraler Belastungsfaktor am Arbeitsplatz. In einer Untersuchung von Schwarz und Stone (1993) wur-den 112 Personen ber einen Zeitraum von knapp drei Mo-naten gebeten, das jeweils am meisten belastende Tageser-eignis zu protokollieren. Unter den Tagebucheintrgen, die sich auf den Arbeitsalltag bezogen, machten belastende arbeitsbezogene Ereignisse im zwischenmenschlichen Be-reich einen Anteil von 75% aus. Mobbing kann als eine extreme Form sozialer Belastungen gefasst werden, wobei die zwischenmenschlichen Konflik...

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