Vortrag Nahrungsverweigerung und Umgang mit ?· Vortrag Nahrungsverweigerung und Umgang mit künstlicher…

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    17-Sep-2018

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    Vortrag Nahrungsverweigerung und Umgang mit knstlicher Ernhrung

    Christian Kolb referierte beim monatlichen Vortrags-programm in Stuttgart am 09.07.2008 zum Thema Nahrungsverweigerung und Umgang mit knstli-cher Ernhrung bei Demenzkranken

    Soll man einen demenzkranken Menschen, der keine Nahrung mehr aufnimmt und der sich nicht mehr artikulieren kann, knstlich ber eine PEG-Sonde (Zugang zum Magen durch die Bauchwand) ernhren? Eine Antwort ist, dass schon in frhen Stadien einer Demenzerkran-kung vorsorgende Manahmen zu treffen sind, sodass diese Fragestellung ber lange Zeit erst gar nicht auftaucht. Demenzerkrankung und Gewichtsverlust gehen Hand in Hand, oft sogar schon, bevor die Krankheit als solche erkannt wird. Die damit zusammenhngende Unterernhrung hat Folgen fr zahlreiche Organsysteme wie Lunge, Haut, Immunsystem, Skelett usw., welche die Le-bensqualitt der Betroffenen beeintrchtigen und das Gesundheits- und Sozialsystem Milliar-den kosten. Vieles wurde in Heimen und Krankenhusern bereits ausprobiert, um Demenzkranke zum Es-sen anzuregen: Die Prsentation des Essens, die Tischgemeinschaft, das Einfhren von Ritu-alen zur Gestaltung der Essenssituation sowie die Begleitung der Demenzkranken beim Es-sen. Zudem gibt es Einrichtungen, die mit fahrbaren Kchen auf die Stationen kommen, um den Bewohnern den Geruch frisch zubereiteter Nahrungsmittel nahe zu bringen. Wichtig ist auch, die ungewhnlichsten Speisezusammenstellungen oder eine einseitige Spei-senauswahl einfach zu akzeptieren Hauptsache, es schmeckt und es kommt Lust zum Es-sen auf! Wenn Demenzkranke nicht mehr eigenstndig essen, ist geduldige Zuwendung entscheidend, 35-40 Minuten pro Patient und Mahlzeit sind einzuplanen. Eine Pflegekraft sollte fr einen Pa-tienten zustndig sein, whrend des Essens Augenkontakt halten und freundlich zum Essen auffordern. Ziele bei der Essensversorgung sind nicht nur die ausreichende Nahrungsaufnahme, sondern darber hinaus der Erhalt der Selbststndigkeit und Wrde, der zwischenmenschliche Kontakt whrend des Essens und die Beachtung des kulturellen Hintergrunds des einzelnen Men-schen.

    Groes Interesse am Thema Nahrungsverweigerung

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    Nun tritt hufig der Fall ein, dass trotz all solcher Bemhungen das Essen abgelehnt wird. Daraus darf nicht voreilig der Schluss gezogen werden, dass jemand nicht mehr essen will und dass er sterben will. Es gilt vielmehr zunchst herauszufinden, ob jemand nicht essen kann oder nicht essen will. Worin knnten die Ursachen liegen, dass jemand nicht mehr isst? Abzuklren sind krperliche Ursachen, z.B.: Schmeckt dem Menschen das Essen vielleicht nicht (mehr), da sich die Geschmacksemp-

    findlichkeit verndert hat? Besteht eine Entzndung der Mundschleimhaut?

    Passt die Zahnprothese noch, oder sitzt diese locker und drckt beim Kauen?

    Verursachen Medikamente unangenehme Nebenwirkungen wie belkeit?

    Ist die Schluckfhigkeit eingeschrnkt?

    Hat der Demenzkranke Schmerzen?

    Abzuklren sind ebenfalls seelische Ursachen wie Depressionen, Angst oder Wahnvorstellun-gen. Sondenernhrung gilt nicht als Basisversorgung, sondern als eine medizinische Manahme. Dieser mssen Voraussetzungen zu Grunde liegen, die es herauszuarbeiten oder abzuwen-den gilt. Denn bevor die Entscheidung fr eine PEG-Sonde gefllt wird, sollten Alternativen geprft werden. Nach der oben beschriebenen Ursachenforschung geht es somit weiter mit: Verbesserung der Pflegequalitt

    Erhhung der Nhrstoffdichte

    Ergnzungsnahrung, die auch ber den Mund aufgenommen wird (z.B. dickflssige, hoch-

    kalorische Getrnke) Untersttzende, ergnzende Sondenernhrung

    Sondenernhrung

    Ob eine Sonde entgegen frher geuertem Patientenwillen angelegt werden soll, wird unter Wissenschaftlern wie auch unter den Teilnehmern der Veranstaltung kontrr diskutiert. Ein-deutige und pauschal geltende Kriterien, die den Beginn des Sterbeprozesses anzeigen, gibt es nicht. Somit ist eine Entscheidung fr oder gegen das Legen einer PEG-Sonde immer nur im Einzelfall mglich. Hat ein Mensch schon sehr stark abgenommen, ist ein Legen einer PEG-Sonde eigentlich schon zu spt, so fhrt Christian Kolb aus. Der Krper ist zu geschwcht. Auf diesem Hinter-grund empfehlen die Deutsche Gesellschaft fr Ernhrungsmedizin e.V. (DGEM) und die

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    Deutsche Gesellschaft fr Geriatrie (DGG) in ihrer Leitlinie Enterale Ernhrung eine PEG-Sonde begrndet frher zu legen, nmlich wenn der Mensch noch bei Krften ist. Zusammenfassend nennt Christian Kolb Kriterien, die zu einer sinnvollen Entscheidung fr oder gegen eine PEG-Sonde beitragen: Das Einleiten der PEG-Sonde orientiert sich am mutmalichen Willen (und der Lebensqua-

    litt) des Patienten. Es wurden vorher alle Manahmen versucht, um den dementen Menschen zum Essen und

    Trinken zu bewegen. Ernhrungsprobleme werden frhzeitig aufgedeckt; eine Sondenernhrung wird eingeleitet,

    so lange der Betroffene noch ausreichend krperlich bei Krften ist und die Mangelernh-rung sich nicht manifestiert hat.

    Eine PEG-Sonde bedeutet nicht den Ausschluss aus dem sozialen Leben und den alltgli-

    chen Gewohnheiten. Die weitere Teilnahme an den gewohnten Mahlzeiten muss mglich sein sowie eine orale Nahrungszufuhr (gegebenenfalls durch Basale Stimulation) sicher gestellt sein.

    Andere Erkrankungen, nicht nur die Demenz, mssen in die Entscheidung mit einflieen.

    Es gibt bisher keinen Anhalt dafr, dass Demenz fr eine Lebenszeitverkrzung verant-wortlich ist. Bedeutender sind die gegenseitigen Einflsse verschiedener Krankheiten.

    Wenn eine Sondenernhrung erforderlich ist, sollte eine bedarfsgerechte Ernhrung ge-

    whrleistet werden (keine pauschale Kaloriengabe von z.B. 1.000 kcal). Ein kompetentes Umfeld, das bewusst darber nachdenkt, ab wann die weitere Ernhrung

    ber eine PEG-Sonde nicht mehr dem Willen des Betroffenen entspricht bzw. die Belas-tung durch die Ernhrung die noch verbleibende Lebensqualitt inakzeptabel einschrnkt.

    Nachdenkliche Gesichter bei der abschlieenden Fragerunde

    Vieles, was an diesem Abend gesagt wurde, wird auch im 7. Expertenstandard Bedrfnis- und bedarfsgerechte Nahrungs- und Flssigkeitsaufnahme bei pflegebedrftigen Menschen" des Deutschen Netzwerkes fr Qualittsentwicklung in der Pflege enthalten sein. Der Exper-tenstandard wird gerade erarbeitet. Christian Kolb Pflegefachkraft und Ethikberater beim MDK Bayern. Weitere Informationen zum Thema Nah-rungsverweigerung von Christian Kolb unter www.nahrungsverweigerung.de .

    Dr. Brigitte Bauer-Sllner, Redaktionsteam

    http://www.nahrungsverweigerung.de/