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Mitteilunqen ] ]6GAlA 5 (1996) no. 2

Die mit Namen unterzeichneten Beitrge decken sich nicht unbedingt mit der Meinung der Gesellschaft

Gedanken zur 8. Internationalen Tagung der Society for Human Ecology (SHE).Tahoe City, CA, USA, 19. bis 22. Oktober 1995.und zu einem Besuch bei Richard B. Norgaard, University of California, Berkeley

mu. Nun ist der gegenwrtige Trendzur wirtschaftlichen Globalisierung einProze, der gerade der Anerkennungsolcher Notwendigkeiten entgegenluft.Zwar vertreten die Anhnger derTheorie der Mainstream-konomie dieThese, da ein mglichst deregulierter,globaler und also freier Markt die besteVoraussetzung fr die berwindung derkologischen Krise sei. Denn mit derMg]ichkeit internationaler Arbeitstei-lung knnten komparative Vorteile vollausgentzt und somit die Ressourcenberall effizient verwendet werden [31.Tatschlich drfte, den einleitendenBemerkungen entsprechend, die Ver-folgung dieses Weges viel eher einerbeschleunigten Fahrt in Richtung Ab-grund gleichkommen [4]. Zum erstenwissen wir, da die herkmmliche ko-nomische Theorie die Naturgrundlagenvllig ausblendet beziehungsweise sieals unerschpflich betrachtet. Erst mitder neueren Umweltkonomie knnensie durch die Hintertr ins konomischeKa]kl eintreten, womit sie zwar be-rcksichtigt werden, aber nicht imSinne eigenstndiger Phnomene miteigener Gesetzlichkeit. Zum zweitenbaut die konomische Theorie aufeinem atomistischen Weltbild auf: Diemenschlichen Individuen sind aufge-fordert, sich an nichts anderem alsihrem persnlichen. Eigennutz zu orien-tieren und dazu die Informationen,die das Wirtschaftssystem ber seinenPreismechanismus liefert, zu bentzen.Irgendeine Verantwortung, die ber denganz persnlichen Bereich hinausgehenwrde, ist nicht gefragt. Freilich be-hauptet die konomie, da gerade beidieser Art von Verhalten im Aggregatdas Bestmgliche fr die Menschheitinsgesamt wie auch fr die Umweltherausschaue - nachdem die letztereeben in die monetre Bewertung hinein-genommen worden ist. In dieser Vor-stellung liegt durchaus eine tiefgrndige,geflissentlich immer wieder berseheneTragik verborgen: Indem wir unsereVerantwortung fr das Gute an dieMechanik eines anonymen Systems de-legieren, liefern wir uns seiner Eigen-dynamik aus, verlieren damit die vonder konomie so viel geprieseneFreiheit des HandeIns und ersetzen siedurch zwanghaftes Tun. Hier kannnur - dies meine These - ein Gegen-programm helfen, das zu berschau-

I) Gegenwrtig wird zum Beispiel bei beidenGesellschaften die Idee diskutiert, dieJahresveranslaltungen 1997 dem Thema"Nachhaltigkeit" beziehungsweise"Zukunftsfahigkeit" zu widmen.

rckgeworfen unser berleben organi-sieren. Intelligenter wre es allerdings,es gar nicht so weit kommen zu lassenund jetzt schnellstens nach Mitteln undWegen zu suchen, die uns von denZwngen des auer Rand und Bandgeratenen Wirtschaftssystems befreienknnten. Die Aufgabe danach wreimmer noch dieselbe, nmlich eineder Selbstorganisation, aber sie kmevermutlich mit einer wesentlich abge-schwchten Dramatik einher.

Dieses Thema beschftigt mich seitlngerem, und ich erlaube mir deshalb,die Bemerkungen zur SHE- Tagung 1995mit dem Hinweis auf einen Beitragzu beginnen, den ich selbst unter demTitel "Self--determination as a basis Jorsustainable living" vorlegte [2]. Ich gingvon einem relationalen We]tbild aus, indem ein menschliches Individuum alsWesen gesehen wird, das in Beziehungzu sich selbst, zu Mitmenschen undzur nicht-menschlichen Umwelt steht,und nur dank dieser Beziehungenzu dem werden kann, was es ist. Dasheit aber, da menschliche Freiheitoder Selbstbestimmung nicht gleichbe-deutend mit Willkr sein kann, sonderninnerhalb der genannten Beziehungs-felder notwendige Grenzen anerkennen

Mitteilungen derSchweizerischen Akademischen Gesellschaft fr

Umweltforschung und kologie (SAGUF)

UNDder

Deutschen Gesellschaft fr Humankologie (DGH)

Systemische Unverantwortlichkeit odergemeinschaftliche Verantwortung?

Fr einmal legen die DHG und die SAGUF ihre Mitteilungs-Seiten zusammen.Damit sei symbolisch das beiderseitige Interesse markiert, in Zukunft die Mglich-keiten zur Zusammenarbeit auszuloten.l) Der Unterzeichnete ist im Vorstand beiderGesellschaften ttig; somit besteht auch eine personelle Verbindung.

Stellt Euch vor, die Welt geht unte/;und wir bleiben zurck! Vor Jahrenhing ein Spruchband dieses Wortlautsan einem besetzten Haus in Zrich.Absolut paradox? Bei nherer Betrach-tung eigentlich gar nicht. Hier eineHausbesetzung als Ausdruck einesverzweifelten Versuchs eigener Lebens-gestaltung von unten, im Widerstandgegen ein Wirtschaftssystem, in demWohnungsnot und leerstehende HuserHand in Hand gehen. Dort eben dieseskonomische System, das zur Weltherr-schaft drngt und damit, wie denmeisten allmhlich klar wird, gleich-zeitig eine globale Katastrophe herauf-beschwrt. Dies, weil bei einem der-artigen System die etablierten Regelnder Zurechnung und Verantwortung -Kausalitt und Schuld - versagen.Und das heit, deren unverdrosseneAnwendung ... bewirkt das Gegentei]:die Gefahren wachsen, ihre Anonymi-sierung wird legitimiert [I]. Der "Welt-untergang" knnte also darin bestehen,da das We]twirtschaftssystem an sei-nen eigenen kologischen und sozialenFolgen zugrunde geht. "Wir" wrdendann tatschlich zurckbleiben undwren mit der Frage konfrontiert, wiewir regional gesondert auf uns selbstund auf nahegelegene Ressourcen zu-

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Mitteilunqen

baren regionalen Wirtschaftssystemenmit einem betrchtlichen Grad vonAutarkie fUhrt. Nur so wird es den Indi-viduen mglich sein, im Zuge direkterErfahrungen einen derartigen Umgangmit der Umwelt zu lernen, da sie dafrauch Verantwortung bernehmen undso in Anerkennung der oben genanntennotwendigen Grenzen selbstbestimmendhandeln knnen.

Dies bringt mich zum Besuch beiRiehard Norgaard. Er ist Professor frEnergie und Ressourcen an der Univer-sity of California in Berkeley und hattein verschiedenen Funktionen Gelegen-heit, sich Erfahrungen aus erster Handdarber zu verschaffen, wie sich daszur Globalisierung drngende Wirt-schafts system in Entwicklungsprojek-ten auswirkt. In seinem Buch Develop-ment Betrayed diagnostiziert er dasgngige konomische Denken als einenwesentlichen Faktor, der das Wirt-schafts system in eine nicht-nachhaltigeEntwicklungsrichtung gedrngt hat:There is good reason to suspeet thateeonomies, as it evolved within existinginstitutions, is at the heart 01 the pro-blem why development has been unsus-tainable. (5) Allerdings, das wird durchNorgaards Ausftihrungen auch klar, ohnedie Beihilfe von Wissenschaft, Technikund Verwaltung mit ihren moderni-sierenden Rationalisierungsbestrebungenhtte das Wirtschaftssystem nie dieZerstrungskraft entwickeln knnen,die es nun tatschlich hat. 1978-1979arbeitete Norgaard fUr die Ford Founda-tion an Ressourcen- und Umweltpro-blemen im Amazonasgebiet. Er warwhrend dieser Zeit Mitglied einesPlanungsteams, und es war fr ihn einSchock, feststellen zu mssen, daseine brasilianischen Partner es nichtfr ntig hielten, die fraglichen Pla-nungsregionen jemals selbst zu besu-chen. Nein, sie operierten vom Schreib-tisch in Brasilia aus und wurden dabeiTeil eines Verwaltungssystems, das als"sichtbare Hand" ebenso distanziert,anonym und losgelst von allen Kon-texten operierte wie die "unsichtbareHand" des Marktes [6]. Auch Norgaardpldiert deshalb fr eine Befreiung vonSystemzwngen durch verstrkte Mg-lichkeiten regionaler und lokaler Selbst-verwaltung und Selbstverantwortung.Dabei, so meint er ausdrcklich, gengtein demokratisches System mit Wahl-und Abstimmungsbeteiligungsverfahrennicht. In einem solchen System wirdeigentlich nach konomischem Vorbildoperiert, indem es lediglich um eine jepunktuelle Partizipation der Individuen

im Sinne von Prferenzuerungen geht.Als berbrckung des groen Grabenszwischen der individuellen Ebene unddem Staat taugt dies nicht viel; esbraucht eine Reinstallation der in derModerne vernachlssigten Zwischen-stufe der Gemeinschaft, auf der kom-munikative und partizipative VerfahrenPlatz finden knnen. Norgaard redethier von "diseursive eommunities" [7].Ein Bezug zur Habermas'schen Dis-kurs idee liegt nahe, auch wenn Nor-gaard nicht direkt darauf verweist. Inden "Bibliographie Essays" im Anhangerwhnt er aber das Buch "RationalEcology" von John Dryzek, in dem die-ser sich ftir die Schaffung von dezentra-len Strukturen einsetzt, innerhalb derersich die Prinzipien einer "praktischenVernunft" (modelliert eben im Sinnevon Habermas) entfalten knnen [8J.

Die Mglichkeit gemeinschaftlicherVerantwortung ist eine unabdingbareVoraussetzung fr jegliche Anstrengun-gen zur Erhaltung der Biodiversitt.Denn es besteht, wie Norgaard betont,ein enger Zusammenhang zwischendem Artensterben und dem Auf-schwung des Welthandels, der sichim Zusammenwachsen eines frherenFlickenteppichs von nahezu unabhn-gigen landwirtschaftlichen Regionenzu einem Wirtschaftssystem mit welt-weitem Austausch manifestiert [9J. DerFlickenteppich bestand aus Agrarko-sytemen, in denen soziale und ko-logische Bedingungen in koevolutiverWeise aneinander angepat waren. Mitdem heutigen Trend zur Globalisierungnehmen die Wechselwirkungen zwi-schen Mensch und Umwelt immer mehrSignale aus dem Welthandelssystemauf, die eine Gleichfrmigkeit bewir-ken. Konkurrenzdruck und Gewinnstre-ben fhren zum Anbau weniger Nutz-pflanzen, die sich gut verkaufen lassen.Der Boden mu so behandelt werden,als knnte er ungeachtet der herrschen-den Umweltfaktoren fur die verschieden-sten Zwecke genutzt werden. Dadurchaber sterben auch viele Organismenaus, die sich ber Jahrhunderte alsnatrliche Partner der Nutzpflanzen inden herkmmlichen Agrarkosystemenentwickelt hatten.

Lokal Verantwortung bernehmenheit, mit dem Objekt der Verantwor-tung zusammenleben. Bedeutet dies,da der in der Biodiversitts- Debatteschwelende Streit zwischen dem Lagerder "Prservationisten", die fur dieAusscheidung von designierten, dermenschlichen Nutzung weitge