40 Jahre Mutterkindpass ? was nun?

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    23-Dec-2016

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  • Pdiatrie und Pdologie 2014 49:35DOI 10.1007/s00608-014-0141-7 Springer-Verlag Wien 2014

    R. KerblVorstand der Abteilung fr Kinder- und Jugendheilkunde am LKH Leoben-Eisenerz, Prsident der

    sterreichische Gesellschaft fr Kinder- und Jugendheilkunde und Herausgeber der Pdiatrie & Pdologie

    40 Jahre Mutterkindpass was nun?Der sterreichische Mutterkindpass feiert heuer sein 40-jhriges Jubilum. Wirklich ein Grund zum Feiern ?

    Lassen Sie mich ganz vorne beginnen

    Der Mutterkindpass wurde Anfang der 1970er Jahre entwickelt, um die damals in sterreich mit ca. 25 Promille im Europa-vergleich relativ hohe Suglingssterblich-keit auf das Niveau vergleichbarer Lnder zu senken [1].

    Von der damaligen Gesundheitsminis-terin Ingrid Leodolter wurde ein Team unter der Leitung des Pdiaters und So-zialmediziners Hans Czermak beauftragt, Vorschlge fr ein derartiges Prventiv-tool zu erarbeiten. Im Jahr 1974 wurde schlielich dieser Mutterkindpass s-terreichweit eingefhrt. Sehr rasch zeig-te diese Manahme auch Erfolg, und die Suglingssterblichkeit sank zwischen 1974 und 1992 von 23,5 auf 7,4 Promille.

    Die Untersuchungsinhalte standen unter rztlicher Kontrolle, und im Gesundheitsministerium (das in den letz-ten 40 Jahren mehrmals Namen und Zu-stndigkeiten nderte, zum Teil auch nur als Staatssekretariat gefhrt war) wur-de eine dem Obersten Sanittsrat (OSR) zugeordnete Mutterkindpasskommissi-on eingerichtet. Diese Kommission hatte den Auftrag, Untersuchungsinhalte und abgeleitete Manahmen auf deren Evi-denz und Nutzen zu berprfen. In den letzten 4 Jahrzehnten wurde diese Kom-mission von folgenden Personen geleitet:

    Wie die . Tabelle 1 zeigt, ist die Funk-tionsperiode der jngsten MKP-Kommis-sion seit Ende 2010 ausgelaufen. Die bis-her letzte Sitzung der MKP-Kommission fand am 14.10.2010 statt, und somit exis-tiert seit ber 3 Jahren kein medizinisch-wissenschaftliches Beratergremium.

    Stattdessen wurde in den letzten Jah-ren das Ludwig Boltzmann Institut Wien (LBI, Leitung Univ.Prof. Dr. C. Wild) als HTA-Institut (HTA = Health Technology Assessment) beauftragt, eine Evaluation des Mutterkindpasses und dessen Einzel-manahmen durchzufhren.

    Die Aufgabe eines HTA-Berichtes be-steht v. a. darin, vorhandene Evidenz zu suchen, zu sichten, zu bewerten, darzu-stellen, und in weiterer Folge den Ent-scheidungstrgern zur Entscheidungsfin-dung vorzulegen. Fr diesen Prozess ist ein 3-stufiges Verfahren vorgesehen:

    F Assessment (Datenerhebung)F Appraisal (Bewertung der Ergebnisse)F Decision (Entscheidung)

    Dabei ist es durchaus blich, in der ersten Phase die eigentlichen Fachleute auszu-blenden, weil sie u.U. in Einzelfllen eine subjektive Sichtweise einbringen knnten.

    Das ist soweit auch ok. Aber was ist in sterreich passiert?

    Seit mehreren Jahren wird nun der s-terreichische Mutterkindpass evalu-iert, whrend gleichzeitig jegliche medi-zinisch-wissenschaftliche Beratung still-gelegt ist.

    Das LBI hat in mittlerweile neun Pro-jektberichten [2] und auf insgesamt 1571 Seiten (zu sicher nicht unbetrchtlichen Kosten!) einerseits wahrscheinlich wert-volle Arbeit geleistet, gleichzeitig aber auch ein Werk geschaffen, in welchem man vor lauter Bumen den Wald nicht mehr sieht. So wurden z.B. bzgl. Frhge-burtlichkeit alle mglichen Risikofakto-ren aufgefhrt, die uns seit Jahrzehnten wohl bekannt sind und gegen die lngst alle mglichen Gegenmanahmen einge-leitet wurden.

    Tab. 1 Mutterkindpass-Kommission des Obersten Sanittsrates

    Zeitraum Vorsitz / Leitung Ort Sonderfach

    19741996 Steuerung direkt im Obersten Senatsrat

    19962003 Univ.Prof. Dr. Ronald KURZ Graz Pdiatrie

    20032006 Univ.Prof. Dr. Radvan URBANEK Wien Pdiatrie

    20062010 Univ.Prof. Dr. Dagmar BANCHER-TODESCA Wien Gyn/Gebr

    20102013

    2014??? ??? ??? ???

    3Pdiatrie & Pdologie 1 2014 |

    Editorial

  • In vielen Bereichen (dazu zhlen z.B. die pdiatrischen Untersuchungen) be-richtet der HTA-Bericht ber fehlen-de Evidenz. Auch diese Erkenntnis ist nicht neu. In der Tat kann es eine solche Evidenz fr bestimmte Untersuchungen gar nicht geben, weil in keinem Land die Vorsorgeuntersuchungen (deren Zahl in verschiedenen Lndern durchaus unter-schiedlich ist) prospektiv kontrolliert eingefhrt wurden also mit einer (von den Untersuchungen ausgeschlossenen) Kontrollgruppe [3].

    Nun stehen wir also vor diesem "Mons-terwerk" (das wahrscheinlich kaum je-mand in seinem Gesamtumfang wirklich gelesen hat) und sind so klug als wie zu-vor [4].

    Was nun ?

    Seitens der sterreichischen Gesellschaft fr Kinderheilkunde (GKJ), aber auch seitens der sterreichischen Gesellschaft fr Gynkologie und Geburtshilfe (GGG) wurde wiederholt die Wiedereinfhrung eines wissenschaftlichen Beirats im BMG eingefordert bisher ohne Erfolg !

    Dabei besteht seitens der beiden wis-senschaftlichen Gesellschaften durchaus Bereitschaft zur konstruktiven Zusam-menarbeit mit dem LBI. Offensichtlich ist die Angst der politisch Verantwortli-chen aber gro, dass die rzteschaft mit standespolitischen Interessen ans Werk gehen knnte. Die Vertretung dieser In-teressen ist aber NICHT Aufgabe der wis-senschaftlichen Gesellschaften, sondern der sterreichischen rztekammer (K) als Standesvertretung. Dass die Mutter-kindpass-Honorare seit mittlerweile fast 20 Jahren (!!!) nicht valorisiert wurden, ist eine bedauerliche Tatsache, die es auch zu korrigieren gilt sie kann aber nicht Hauptaufgabe des wissenschaftlichen Bei-rates sein.

    UNSERE Aufgabe muss es vielmehr sein, in Zusammenarbeit mit BMG, Fami-lienministerium und anderen Playern den Mutterkindpass weiterhin als wirk-sames Prventivtool zu erhalten und weiter zu verbessern. Dafr braucht es

    v.a. auch ein Gremium aus medizinischen Expertinnen und Experten. Die mittler-weile oftmals vernommene Kampfansage Kindergesundheit hat nichts mit Medizin zu tun fhrt sich wohl sptestens dann ad absurdum, wenn im Rahmen der Mutter-kindpassuntersuchungen behandlungs-bedrftige Erkrankungen diagnostiziert werden, was praktisch tglich der Fall ist ! Genauso wichtig ist aber auch die Verhin-derung von Erkrankungen !

    Empfehlung

    An die Verantwortlichen (insbeson-dere im BMG) ergeht daher folgende Empfehlung:F Rasche (Wieder-) Errichtung einer

    medizinisch-wissenschaftlichen Mutterkindpasskommission bzw. eines wissenschaftlichen Beirats

    F Zusammenfhrung aller mit dem MKP befassten Institutionen

    F Strkung des MKP als PrventivtoolF berarbeitung der MKP-InhalteF Ausdehnung des MPK als durchge-

    hendes Prventivtool ins Schul- und Jugendalter (junior Untersuchun-gen)

    F Systematische (ev. elektronische) Erfassung der Untersuchungsdaten

    Dabei darf auch die von der Politik ver-ordnete immerwhrende Kostenneu-tralitt des MKP kein Thema sein. Im-merhin handelt es sich beim MKP um ein besonders kostengnstiges Prventivpool die Gesamtkosten der MKP-Honorare eines einzelnen Kindes (einschl. Untersu-chungen in der Schwangerschaft) belau-fen sich bei Inanspruchnahme ALLER Untersuchungen auf 551,86 [5] weni-ger als ein EINZIGES Autoservice !

    Es ist heute allgemein akzeptiert dass Prvention in allen Bereichen der P-diatrie forciert werden muss, nicht nur weil dies letztlich Kosten spart (return of investment), sondern v.a. weil dies in jedem Individualfall den Kindern und Jugendlichen zugute kommt und oft lebenslange Konsequenzen hat.

    Literatur

    [1] C. Popow (2009) Wie gut ist der Mutterkindpass ? Pdiatrie & Pdologie, 06/2009, 24 - 26.

    [2] http://eprints.hta.lbg.ac.at (Suchbegriff Eltern Vor-sorge)

    [3] Johanna Prll (2010) Europische Prventionspro-gramme in der frhen Kindheit (Diplomarbeit in Betreuung von Univ.Prof. Dr. Dagmar Bancher-Tod-esca, Medizinische Universitt Wien)

    [4] Zitat aus Goethes Faust.[5] Andrea Lipp (2013) Der sterreichische Mutter-

    kindpass als Prventivtool fr Kinder. Beteiligungs-raten, Stichprobenanalysen und Gedanken zu einer mglichen Kosten-Nutzen-Evaluierung (Dip-lomarbeit in Betreuung von Univ.Prof. Dr. Reinhold Kerbl, Medizinische Universitt Graz und LKH Leo-ben)

    8 Univ.-Prof. Dr. Reinhold Kerbl

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    Editorial