Schwarze Berge, weißen Straßen - Tourenfahrer 11/2010 (Montenegro)

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Eine Reportage über Montenegro aus dem Tourenfahrer-Zeitschrift

Text of Schwarze Berge, weißen Straßen - Tourenfahrer 11/2010 (Montenegro)

  • 11/2010 TOURENFAHRER 5352 TOURENFAHRER 11/2010

    Zgig die Kurven genieen oder stehenbleiben und die Weite der Landschaft bestaunen: die Durmitor-Strae durch den gleichnamigen Nationalpark.

    Schwarze Berge, weie Straen

    Tourenfahrer, die Neues entdecken und sich auchmal abseits der geordneten Zivilisation bewegenwollen, kommen hier voll auf ihre Kosten. Monte-negro unterwegs in einem der jngsten Staatender Welt Text und Fotos: Christian Brandsttter

  • 11/2010 TOURENFAHRER 5554 TOURENFAHRER 11/2010

    Die Brcke ber den Piva-Canyon liegt am Eingangzum Durmitor-Nationalpark.

    Die Seele durchlften und dasFreiheitsgefhl genieen

  • Der Skadar-See im Sdosten misst 400 Quadratkilometer und ist zu einem Drittel mit Seerosen und Wassernssen bedeckt.

    11/2010 TOURENFAHRER 57

    Nicht nur die Wellenreiter surfen im grnen Zimmer

  • 58 TOURENFAHRER 11/2010

    Gemsefrau in Kotor (unten). Elfenbein-Intarsien im Kloster Piva (ganz unten). DieAltstadt von Kotor (unten rechts). Entlangdes Komarnica-Canyons (rechte Seite).

    Ne, ne, ne ! Mein Schrei ist ein-deutig und verhindert, dass meinevollbepackte KTM 640 Adventurewie ein krankes Pferd auf die Seite

    fllt. Das Stdtchen Kotor ist nicht nurUNESCO-Weltkulturerbe, sondern hatauch einen eigenen Motorradparkplatz,auf dem uns eine ppige Madame ange-sprochen hat. Rooms? Wir zeigen unsinteressiert, sie kann aber keine Adresseangeben, sondern setzt einfach ihren Fuauf die hintere Raste und will aufsteigen Die milden hundert Kilo sind nichtwirklich das, was ich auf meiner Fuhrenoch zustzlich drauf haben will. Dassmich gleich am ersten Tag eine montene-grinische Schnheit umarmen will, htteich nicht erwartet. Mit Glck und einhei-mischer Hilfsbereitschaft finden wir imDunkeln dann aber doch noch eine netteBleibe am Westufer des Fjords.

    Montenegro man hatte uns im Vorfeldvor vielem hier gewarnt. Vor halbmeter-tiefen und badewannengroen Schlagl-chern und im Makadam scharrendenschwarzen Stieren. Vor Hornvipern, diezusammengeringelt auf den nchsten Bi-ker warten, Kiesstreifen, die auf dem frei-

    en Land in blinden Ecken lauern, und Rin-derherden auf Nationalstraen das allesist nicht wahr. Okay, der Stier war pltz-lich da, hinter einer Kurve des Durmitor-Strchens, naja, und die Rinderherde aufder E 762 auch, aber sonst ...

    Die Zimmersuche bleibt dann aber daseinzige kleine Problem, besonders im ge-birgigen Hinterland. Ansonsten wird sichunsere Tour viel einfacher gestalten alsgedacht. Wir finden in Montenegro einLand, das geradezu geschaffen ist, um dieSeele per Motorrad zu durchlften. Klei-ne, kurvige, oft einspurige Strchen undSchotterwege durchziehen das Land, undAbwechslung ist garantiert. Ein generel-les 80-km/h-Limit und Tempo 40 im Orts-gebiet sorgen fr entspanntes Fahren. Frdie gebckte Fraktion unter uns eher we-niger geeignet, offenbart sich Montene-gro fr den aufrechten Enduristen mit ent-sprechenden Federwegen als wahres Pa-radies.

    Am nchsten Morgen lassen wir denneuen Tunnel und damit die Betonburgen-Kste um Budva rechts liegen und ver-lassen das malerische Kotor lieber Rich-tung Berge. Das kaum befahrene Str-chen, das laut Reisefhrer zu den schns -ten Klassikern der Welt zhlt, schraubt

    sich mit rund 30 Haarnadelkurven nachoben. Alex fhrt hitzebedingt in T-Shirt,kurzer Hose und Turnschuhen was frein Vorbild, denke ich mir. Aber dann reites einen Albert Einstein mit Badeschlap-pen und Unterhemd an uns vorbei, natr-lich helmlos, womit bewiesen wre, dassalles relativ ist.

    Der Blick auf die Bucht von Kotor wirdmit jedem Turn spektakulrer. Unser H-henrausch endet vorlufig am Mauso-leum des Dichterfrsten und Nationalhel-den Petar II. Petrovi-Njego auf 1600Meter Seehhe. Spektakulrer kann manseine Grabsttte kaum anlegen als auf derBergspitze des Lovcen. Vom Kamm die-ser steinernen Riesenwelle surfen wir inunzhligen Schleifen hinunter bis Cetin-je. Die Stollenreifen reiben sich ja auchgerne einmal an den Flanken ab. UnserZiel ist der Nationalpark Skadarsee. Unddas angeblich schnste Dorf Montene-gros, Dodosi, das an seinen Ufern liegt.Von der Lage her stimmts auf jeden Fallmit der Schnheit, und auch das Bad, daswir uns am Seezufluss gnnen, ist ein Ge-nuss. Und vorher gibts noch eine ausge-zeichnete knusprige Forelle vom Grill ander alten trkischen Brcke in RijekaCrnojevica. Diese Landschaft fesselt uns.

    Albert Einstein in Unterhemd und Badeschlappen reit es an uns vorbei

  • 11/2010 TOURENFAHRER 6160 TOURENFAHRER 11/2010

    Die Berge versinken langsam im See, wei-te Wasserflchen sind mit Seerosen undWassernssen bedeckt, einsame Klsterschmcken die kleinen Inseln weiterdrauen.

    Doch in der brtenden Julihitze ist manin den Bergen besser aufgehoben. Also abnach Niki. Wir fahren der Nase nach undlanden auf einer Nebenstrae, relaxt las-sen wir im Stehen die Natur vorbeiziehen,die sich die Strae Stck fr Stck zu-rckholt. Ein Sensenmann mit zerfurch-tem Gesicht steht am Straenrand. Einschlechtes Zeichen? Nein, wir treffennoch viele, hier wird die meiste Arbeit perHand erledigt. Ein Hund schleicht sichrechtzeitig vom Basketballfeld in derStraenmitte. Dann, unvermittelt, gehtdie Gerade in Serpentinen ber. Die drei-fachen Leitschienen, die im luftigenNichts ber dem Abgrund endendenBremsspuren und die Cilj-Linie zeigenuns, dass wir uns gerade auf einer Renn-strecke nach oben bewegt haben.

    Eine wunderschn einsame, sich lo -cker durch die Berge schwingende Pass-strae fhrt uns gegen Abend nach Niki,wo uns das kleine Hotel Trebjesa in ruhi-ger Aussichtslage auf einem Hgel emp-fngt umgeben von bosnischen Kiefern,Eichelhhern und knutschenden Paaren.Trotz aller Romantik ist es nur ein Kat-zensprung bis ins Stadtzentrum. Es er-weist sich als ideale Basis fr unsere Tou-ren in den nchsten Tagen.

    Als nchstes Hhenziel haben wir unsden Kapetanovo-See gewhlt, der im Her-zen des Maganik-Gebirges auf rund 1700Metern liegt. Eine unbeschilderte Ge-nusstour fr Offroader und trotz unsererguten 1:150.000er-Karte nicht leicht zufinden. Aber die wenigen Schwarzberglerhelfen einem gerne weiter: Kapetanovojezero? Dva kilometara lijevo, dasversteht jeder. Bereits am Vormittag be-kommen wir am Weg Schnaps angeboten.Als wir endlich in der Sdbucht des Kapi-tn-Sees ankern, fngt Kawa-KapitnAlex pltzlich an zu berlegen. Sein Tankist leer. Fr unsere zwei Adventures mitden 27-Liter-Tanks ist das kein Thema. Ineiner der Htten am See findet sichschlielich ein Kanister mit fnf LiternBenzin, gedacht fr die lokale Motorsge,und nach lngerer berzeugungsarbeitwird er uns auch etwas widerwillig ver-kauft. Beim Nachfllen lacht Alex noch sein Eisen wird erst wieder im kroatischenRijeka das alte sein, nach frchterlichemKrachen und Rauchen. (Vielleicht httich doch den Bodensatz nicht reinschttensollen )

    Vor uns liegen aber noch das schmaleAsphaltband durch die Hochgebirgsland-schaft des Durmitor-Nationalparks und

    Dubrovnik im Sden Kroatiens ist ein idea-ler Ausgangspunkt fr Touren nach Monte-negro (u.). Der Kapetanovo-See liegt inrund 1700 Meter Hhe (unten rechts).

    Geschichte: Nach dem Berliner Kon-gress 1878 wurde Montenegro ein unabhn-giges Frstentum, ab 1910 ein Knigreich. ImErsten Weltkrieg war es zwei Jahre lang vonsterreich-ungarischen Truppen besetzt(aus dieser Zeit gibt es noch einige wenigeschn zu fahrende Trassen in den Gebirgen),danach gehrte es 90 Jahre lang zu Jugosla-wien. In den 1990er Jahren war Montenegroin den Balkankriegen zunchst auf Seite Ser-biens und erwarb sich dabei einen zweifel-haften Ruf. Mit Fortdauer des Krieges lstees sich aber immer mehr von seinem Bnd-nispartner. Reparationszahlungen an Kroa-tien und mehrfache Entschuldigungen dermontenegrinischen Regierung folgten. Seitdem 3. Juni 2006 ist Montenegro nach einemknappen positiven Referendum wieder unab-hngig und zhlt damit zu den jngsten Staa-ten der Welt.

    Anreise: Wir whlten die kroatischeFhrgesellschaft Jadrolinija mit der Verbin-dung Rijeka Dubrovnik, die in sauberen Ka-binen zu einem annehmbaren Preis eineentspannte Anreise bis knapp vor die monte-negrinische Grenze bietet. Nebenbei kannman die Inseln der dalmatinischen Kste be-wundern. Nachteil: 20 Stunden dauert dieFahrt in eine Richtung, da an einigen Hfenangelegt wird. Natrlich kann man die Tourauch ausdehnen und das Zielgebiet durchSlowenien, Kroatien und Bosnien-Herzego-wina ber die gut ausgebaute Kstenstraeoder ber das Balkan-Innere erreichen. VonAutobahn bis Kalksteinstreifen stehen Va-rianten fr jeden Geschmack zur Verfgung.

    Whrung: Nachdem Montenegro sich1999 die D-Mark als Whrung einseitig zu-legte, wurde auch gleichzeitig mit Deutsch-land zum Euro gewechselt. Ob Brsseloffiziell etwas davon wei, ist unbekannt. Eigene Euro-Mnzen werden jedenfalls nichtgeprgt. Mit 36 Prozent Staatsverschuldung(in Prozent des BIP) ist Montenegro im Ver-gleich zu den anderen europischen Staatenein Musterknabe.

    Das Preisniveau auf dem Land ist ange-nehm und ein Drittel gnstiger als gewohnt,in Kotor oder sonstigen touristischen Hoch-burgen bezahlt man aber schon einmal fnfEuro fr ein Bier.

    Sprache, Religion: Die Amtssprache istMontenegrinisch, wobei regional auch Ser-bisch, Kroatisch, Albanisch oder Bosnischgesprochen wird. Ganz klar waren uns dieUnterschiede zwischen Montenegrinischund Serbokroatisch allerdings nicht. Man-che Straenschilder sind nur in kyrillischer

    Schrift gemalt, was dieOrientierung mitunter er-schwert. Mit Englischkommt man in den gr-eren Siedlungen ganzgut durch.

    Es berwiegt die Reli-gion der Serbisch-Ortho-doxen Kirche, der ca. 75Prozent der Einwohnerangehren. Neben die-sen orthodoxen Glubi-gen gibt es noch zwlfProzent der Bevlke-rung, die dem muslimi-schen Glaubenangehren, und einigeTausend Katholiken undProtestanten. Montene-gro ist mit seinen serbi-schen, albanischen undkroatischen Minderhei-ten auch ein Land ethni-scher Gegenstze.

    Unterknfte:

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