Urbane Lebenswelten. Strategien zur Entwicklung gro£er ... Urbane Lebenswelten Studie zur IBA 2020

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  • Studie Urbane Lebenswelten Strategien zur Entwicklung großer Siedlungen

    IBA Berlin 2020

  • URBANE LEBENSWELTEN STRATEGIEN ZUR ENTWICKLUNG GROSSER SIEDLUNGEN

    Dr. Andrea Benze Dr. Julia Gill Dr. Saskia Hebert subsolar* architektur & stadtforschung

    Studie und Projektrecherche für die IBA Berlin 2020 im Auftrag der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt

  • Urbane Lebenswelten Studie zur IBA 2020 Berlin 2 Benze, Gill, Hebert 2013

    impRESSUm

    Urbane Lebenswelten.

    Strategien zur Entwicklung großer Siedlungen Studie und Projektrecherche für die IBA Berlin 2020 im Auftrag der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Berlin im Februar 2013

    Verfasserinnen Dr. Andrea Benze Dr. Julia Gill Dr. Saskia Hebert subsolar* architektur und stadtforschung Pfarrstr. 139 10317 Berlin

    Ansprechpartnerin Dr. Saskia Hebert sh@subsolar.net

    mitarbeit Diana Bico Bastian Gerner

    Layout Susanne Stahl

    Dr. Andrea Benze ist Architektin und Stadtforscherin. Gemeinsam mit Anuschka Kutz leitet sie offsea - office for socially engaged architecture, London/Berlin. Offsea arbeiten an der Schnittstelle zwischen Architektur, Gesellschaftskritik, Stadt und Forschung. Mit Urban Portraits untersuchen sie persönliche Alltagsorte und biografische Ortsbindungen bei älteren Menschen (Pilotstudie im Rahmen des Stipendiums auf der Akademie Schloss So­ litude 2012). Andrea Benze lehrt an der TU Berlin und zuvor an der University of Brighton und der Hochschule Johanneum, Graz. www.offseaworks.com

    Dr. Julia Gill ist freiberufliche Architektin und Wissenschaftlerin in Berlin. Sie promovierte bei Karin Wilhelm und Thomas Sieverts über Indi­ vidualisierung und Standard im kommerziellen Eigenheimbau und forscht überwiegend im Bereich randstädtischer Phäno ­ mene. Sie ist Mitglied im Netzwerk Architekturwissenschaft und lehrt Entwerfen und Architekturtheorie an verschiedenen deut­ schen Hochschulen, darunter an der TU Braunschweig und an der UdK Berlin. www.juliagill.de

    Dr. Saskia Hebert ist Architektin und gemeinsam mit Matthias Lohmann Ge­ schäftsführerin von subsolar* architektur und stadtforschung in Berlin. Ihr Forschungsschwerpunkt ist die ambivalente Re­ lation zwischen gelebten und gebauten städtischen Räumen. Diese steht auch im Fokus des von ihr gegründeten lived/ space/lab an der UdK Berlin, das derzeit im Auftrag des Be­ zirks Lichtenberg ein experimentelles Beteiligungsverfahren im Sanierungsgebiet Frankfurter Allee Nord durchführt. www.subsolar.net & www.lived-space-lab.org

    http:www.lived-space-lab.org http:www.subsolar.net http:www.juliagill.de http:www.offseaworks.com mailto:sh@subsolar.net

  • Urbane Lebenswelten Studie zur IBA 2020 Berlin 3 Benze, Gill, Hebert 2013

    iNHALT

    0 EiNLEiTUNG 5

    1 SpEZiFiSCHE AUSGANGSLAGE UND THEORETiSCHER KONTEXT 7 1.1 BERLIN UND SEINE GROSSEN SIEDLUNGEN 7 1.2 URBANE STRUKTUREN: MISCHUNG, DICHTE UND IDENTITÄT 10 1.3 STADT ALS WOHNRAUM: LOKALE POTENZIALE UND TOPODIVERSITÄT 11

    2 STRATEGiEN EiNER DiFFERENZiERTEN STADTENTWiCKLUNG 14 2.1 BAULICHE STRATEGIEN 14

    Handlungsfeld 1: weniger = mehr Handlungsfeld 2: anders = besser Handlungsfeld 3: mehr = mehr Handlungsfeld 4: mehr = anders

    2.2 GESELLSCHAFTLICH-KULTURELLE STRATEGIEN 16 Handlungsfeld 1: Soziale Mischung Handlungsfeld 2: Partizipative Verfahren und Beteiligungsprozesse Handlungsfeld 3: Bildung Handlungsfeld 4: Künstlerische und temporäre Interventionen

    2.3 ÖKONOMISCHE STRATEGIEN 17 2.4 DIVERSE STRATEGIEN FÜR EINE DIFFERENZIERTE STADT 18

    3 FALLBEiSpiELE: pROJEKTSTECKBRiEFE 20 3.1 AUSWAHL DER FALLBEISPIELE 20 3.2 AUFBAU DER PROJEKTSTECKBRIEFE 20

    P01_WIMBY! HOOGVLIET (21) P02_X WOHNUNGEN (27) P03_FREEHOUSE ROTTERDAM (33) P04_OLEANDERWEG (39) P05_SCHORFHEIDEVIERTEL (45) P06_CAMPUS EFEUWEG (51) P07_HAUS DER JUGEND KIRCHDORF (57) P08_TREEHOUSES (63) P09_TOUR BOIS-LE-PRETRE (69) P10_SARGFABRIK (75)

    P11_TÖRNROSEN TOWER (81) P12_STADT:WERK:LEHEN (87) P13_MEHR ALS WOHNEN (93)

    PROJEKTÜBERSICHT: STRATEGIEN (99)

    4 FAZiT 101 4.1 RESUMEE DER UNTERSUCHUNG 101 4.2 EMPFEHLUNGEN FÜR EINE IBA BERLIN 2020 102 4.3 FAZIT 103

    ANHANG 105 LITERATURVERZEICHNIS (105) QUELLEN PROJEKTSTECKBRIEFE (106) BILDQUELLEN PROJEKTSTECKBRIEFE (107)

  • Urbane Lebenswelten Studie zur IBA 2020 Berlin Benze, Gill, Hebert 2013

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  • Urbane Lebenswelten Studie zur IBA 2020 Berlin 5 Benze, Gill, Hebert 2013

    0 EINLEITUNG

    Internationale Bauausstellungen sind Experimentierfelder einer praktischen Reflexion über regionale Themen mit internatio- naler Bedeutung. Sie ermöglichen es, das aktuelle Verhältnis von Stadt und Gesellschaft, von Vergangenheit und Zukunft, von gebauten und gelebten Räumen nicht nur zu analysieren, sondern ein Stück weit auch zu verändern – eine Chance, die in jüngster Zeit an immer mehr Orten in immer kürzerem zeitli- chem Abstand genutzt wird.1

    Die Stadt Berlin hat mit Internationalen Bauausstellungen be- reits Erfahrung. Die Interbau im Hansaviertel war 1957 weitaus mehr als eine Leistungsschau der anerkannten Architekturpro- minenz: Sie war ein politisches Statement im geteilten Berlin, und sie war der bewohnbare Musterkatalog einer modernen, aufgeräumten Welt, die in erheblichem Kontrast zum kriegszer- störten Rest der Stadt stand. Die IBA 1987 leitete dreißig Jahre später vor allem mit dem Ansatz der kritischen Rekonstruktion die Abwendung vom Paradigma der Funktionstrennung (und der damit verbundenen Tabula-rasa-Mentalität) ein. Beide Ausstellungen fanden noch im geteilten Berlin statt, dessen Bewohner es stets verstanden, ihr eigenes Leben in den zahl- reich vorhandenen Nischen individuell einzurichten.

    Die Situation heute, noch einmal dreißig Jahre später, ist wie- der eine ganz andere: Als Hauptstadt mittlerweile selbstver- ständlich anerkannt, macht Berlin in Zeiten der Wirtschaftskrise eine (im positiven wie im negativen Sinne) rasante, aufholende Entwicklung im Bereich der Immobilienwirtschaft durch. Grund- stückspreise und Mieten steigen kontinuierlich, während immer mehr Menschen in die Stadt ziehen. Das passt zum weltweiten Trend der Urbanisierung: 2010 lebten erstmals mehr als 50% der Menschen in Städten, 2050 werden es voraussichtlich 75% sein. Auch Berlin wächst, und das wirft die Frage auf, ob es die dafür erforderlichen Qualitäten einer Ankunftsstadt (Saunders, 2011) hat, nämlich Offenheit für kulturelle Diversität und eine bauliche Form, die eine Teilhabe Einzelner am öffentlichen und politischen Leben gewährleistet.

    Mit fortschreitender Urbanisierung und im Zeichen von Klima- und demografischem Wandel steht auch das Wohnen erneut im Fokus des allgemeinen Interesses – und die Frage, welche „urbanen Lebenswelten“ wir haben und brauchen. Wie schon 1957 und 1987 ist das Wohnen damit Medium und Ziel eines Prozesses, dessen Ergebnisse am Ende nicht nur kurzzeitig ausgestellt, sondern langfristig angeeignet werden sollen – und das nicht nur im eigentumsrechtlichen Sinn. Eine rein (städte-) bauliche Herangehensweise kann es hier nicht geben: Gesell- schaftliche Probleme lassen sich nicht mit architektonischen Formen lösen, und die Komplexität langfristiger, nicht linear verlaufender Entwicklungen macht lernende Prozesse erforder- lich. Die zunehmende Individualisierung einer vergleichsweise wohlhabenden Stadtbürgerschaft und der allmähliche Rückzug der öffentlichen Hand aus der Steuerung städtischer Entwick- lungsprozesse werfen Fragen auf, schaffen aber auch neue Formate der Verständigung – und neue Grenzen.

    Die Leitfrage, der diese Studie nachgeht, ist die, ob sich „ur- bane Lebenswelten“ mit den städtebaulichen und architektoni- schen Mitteln von Mischung und (Nach-)Verdichtung gezielt er- zeugen lassen. Diese Frage impliziert zum Einen das (positive) Leitbild einer „gemischten Stadt“, die offen für verschiedene Formen und Formate des Zusammenlebens ist, zum Anderen aber auch eine Kritik an all jenen Gegenden, die vor diesem Hintergrund nicht „urban“ genug erscheinen, wie zum Beispiel die heterogenen, peripher anmutenden Gebieten der Draußen- stadt und die monofunktionalen Wohnsiedlungen der Moderne.

    Doch welche Definitionen des Urbanen, welche Konzepte des Städtischen und welche Wünsche an künftige Lebens- welten liegen dieser Kritik zu Grunde? Besteht „die“ Stadt nicht seit jeher aus ganz unterschiedlichen Bereichen, die jeweils ganz verschiedene Arten von Gemeinschaft, sozialer Interaktion und baulicher Form besitzen? Welche Qualitäten besitzen diese unterschiedlichen Räume, und wie kann man diese erfassen und entwickeln?

    Diese Studie präsentiert verschiedene Strategien zur Trans- formation und / oder Herstellung „urbaner Lebenswelten“, wobei ein Schwerpunkt auf Siedlungen und Siedlungs-Bau- steinen liegt. Anhand von dreizehn Fallbeispielen aus dem In- und Ausland und ihrem jeweiligen zeitlichen, räumlichen und gesellschaftlichen Kontext können einzelne Handlungs- felder dieser Strategien differenziert dargestellt und spe- zifische Werkzeuge und Methoden exemplarisch benannt werden. Anschließend werden diese Beispiele ausgewertet und im Hinblick auf ihre Vergleichbarkeit mit der Berliner Situation und eine Übertragbarkeit im Rahmen der IBA 2020 diskutiert.

    1 Nach der zweiten Berliner IBA fanden (und finden) bis heute statt: IBA Emscher Park (1989 bis 1999) und IBA Fürst-Pückler-Land (2000 bis 2010) zur identitätsstiftend