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II.G.10 19. Jahrhundert Von den Barbaren lernen? – China und der Westen zur Zeit des Imperialismus Dr. Michael Brabänder Was bedeutet es für einen historischen „Champion“, wenn seine überlegene Selbstperzeption unver- sehens in einen eklatanten Widerspruch zur Realität gerät? Zweitausend Jahre hindurch die „Mitte der Welt“, sah sich China im 19. Jahrhundert plötzlich von den fortschrittlichen imperialistischen Mächten Europas existenziell herausgefordert – und konnte nicht mithalten. Der Beitrag führt Schülerinnen und Schülern die Erfahrungsräume und Handlungsoptionen, aber auch die immanenten Selbstblocka- den historischer „Fortschrittsverlierer“ exemplarisch vor Augen (interkulturelle Kompetenz). KOMPETENZPROFIL Klassenstufe: Sek. II Dauer: 5 Unterrichtsstunden Kompetenzen: 1. die Selbst- und Fremdwahrnehmung der Chinesen im 19. Jahr- hundert erfassen; 2. das konfliktreiche Eindringen der imperialisti- schen Mächte in den chinesischen Kulturkreis analysieren Thematische Bereiche: Die Sicht der Chinesen auf die Europäer / die englische Gesandt- schaft des Jahres 1793 / der erste Opiumkrieg / die Selbststärkungs- bewegung / die „Reform der hundert Tage“ / der Boxerkrieg Medien: Texte, Bilder © Ken Welsh / Bridgeman Images zur Vollversion

Von den Barbaren lernen? China und der Westen zur Zeit des ... · durch die militärische Niederlage im Opiumkrieg (M 3/M 4) eröffnet die Perspektive auf Problem-lösungsoptionen

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Page 1: Von den Barbaren lernen? China und der Westen zur Zeit des ... · durch die militärische Niederlage im Opiumkrieg (M 3/M 4) eröffnet die Perspektive auf Problem-lösungsoptionen

II.G.10

19. Jahrhundert

Von den Barbaren lernen? – China und

der Westen zur Zeit des Imperialismus

Dr. Michael Brabänder

Was bedeutet es für einen historischen „Champion“, wenn seine überlegene Selbstperzeption unver-

sehens in einen eklatanten Widerspruch zur Realität gerät? Zweitausend Jahre hindurch die „Mitte der

Welt“, sah sich China im 19. Jahrhundert plötzlich von den fortschrittlichen imperialistischen Mächten

Europas existenziell herausgefordert – und konnte nicht mithalten. Der Beitrag führt Schülerinnen

und Schülern die Erfahrungsräume und Handlungsoptionen, aber auch die immanenten Selbstblocka-

den historischer „Fortschrittsverlierer“ exemplarisch vor Augen (interkulturelle Kompetenz).

KOMPETENZPROFIL

Klassenstufe: Sek. II

Dauer: 5 Unterrichtsstunden

Kompetenzen: 1. die Selbst- und Fremdwahrnehmung der Chinesen im 19. Jahr-

hundert erfassen; 2. das konfliktreiche Eindringen der imperialisti-

schen Mächte in den chinesischen Kulturkreis analysieren

Thematische Bereiche: Die Sicht der Chinesen auf die Europäer / die englische Gesandt-

schaft des Jahres 1793 / der erste Opiumkrieg / die Selbststärkungs-

bewegung / die „Reform der hundert Tage“ / der Boxerkrieg

Medien: Texte, Bilder

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System verwurzelten Beamtenschaft war schon eine partielle Reformbereitschaft Verrat – von den

Barbaren konnten Chinesen aus Prinzip nicht lernen (M 6).

Als dann der junge Kaiser Guangzu 1898 die Flucht nach vorn antrat und ein ebenso ambitioniertes

wie grundstürzendes Modernisierungsprogramm lancierte (M 7), war die Machtfrage gestellt. Die

Reformer unterlagen. Der Kaiser wurde beiseitegedrängt, die Neuerungen rückgängig gemacht. Chi-

na hatte den Kampf um die Modernisierung des Reiches verloren.

Das Nachspiel des Boxerkriegs und das Ende der Monarchie

Das selbstherrliche Auftreten der „Barbaren“ war nicht nur den Eliten in Beijing ein Ärgernis. Frem-

denfeindlichkeit, aber auch wirtschaftliche Not infolge von Missernten und Steuerlast ließen die Tra-

dition der Geheimgesellschaften wiederauleben. Eine von ihnen waren die „Fäuste der Gerechtig-

keit und Harmonie“, im Westen „Boxer“ genannt. Sie zerstörten westliche Infrastrukturanlagen wie

Eisenbahngleise und Telegrafen und setzten Kirchen in Brand. Im Sommer 1900 belagerten sie das

Gesandtschaftsviertel in Beijing. Eine alliierte Einsatztruppe machte dem Aufstand ein rasches Ende.5

Zehn Jahre später ging auch die Monarchie im Strudel revolutionärer Unruhen zugrunde.

Didaktisch-methodische Überlegungen

Wie ordnet sich die Reihe curricular ein?

Das Thema „China“ hat sich in jüngerer Zeit einen festen Platz in den Curricula und Lehrplänen der

gymnasialen Oberstufe erobert (z. B. in Baden-Württemberg, Niedersachsen, Hessen und Rhein-

land-Pfalz). Die Epoche des Imperialismus in China wird in den gängigen Lehrwerken aber immer

nur wieder im gleichen, rein chronologischen Zugriff abgehandelt. Der Beitrag will hier mit einem

problemorientierten, kontrastiven und differenzierten Ansatz inhaltlich belastbar didaktisches Neu-

land erschließen. Er fokussiert konsequent die didaktischen Kategorien der Alteritätserfahrung und

des Fremdverstehens.

Wie ist die Sequenz aufgebaut?

• Erste/zweite Stunde: Die Einführung (M 1) macht die Lernenden mit der exzeptionellen Selbst-

wahrnehmung der Chinesen (insbesondere ihrer Eliten) vertraut, was anhand eines prägnanten his-

torischen Fallbeispiels (M 2) exempliiziert wird. Die existenzielle Infragestellung dieser Perzeption

durch die militärische Niederlage im Opiumkrieg (M 3/M 4) eröffnet die Perspektive auf Problem-

lösungsoptionen.

• Dritte Stunde: Das didaktische Kernstück des Beitrags (M 5/M 6) zeigt die heftige Auseinander-

setzung der Zeitgenossen mit der Frage, ob man sich den Westen zum Vorbild nehmen sollte, ob-

wohl man ihn als barbarisch verachtete. Die Antwort auf dieses Dilemma musste letztlich über den

Fortbestand des Kaiserreichs entscheiden.

• Vierte/fünfte Stunde: Das Scheitern des beherzten Reformprogramms von 1898 (M 7) brachte

China im Modernisierungsstreit endgültig auf die Verliererstraße. Auch die fremdenfeindliche Bewe-

gung „von unten“, die sich 1900/01 im Boxeraufstand artikulierte (M 8–M 10), konnte die alten Ver-

hältnisse nicht wiederherstellen. Zehn Jahre später musste der letzte chinesische Kaiser abdanken.

5 Klein, Thoralf: Geschichte Chinas. Von 1800 bis zur Gegenwart. Paderborn u. a. 2009, S. 42.

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Auf einen Blick

1./2. Stunde

Thema: Überwältigung – Chinas Rendezvous mit der Wirklichkeit

M 1 Wie sahen die Chinesen die Europäer?

M 2 Die englische Gesandtschaft des Jahres 1793

M 3 Der erste Opiumkrieg (1840–1842) – Ursachen

M 4 Der erste Opiumkrieg – Verlauf und Folgen

3. Stunde

Thema: Was tun? – Zwischen Reformern und Reaktionären

M 5 Die Selbststärkungsbewegung – Programm

M 6 Die Selbststärkungsbewegung – Kritik

4./5. Stunde

Thema: Endspiel – Scheitern der Modernisierung und Untergang

M 7 Die „Reform der hundert Tage“, 1898

M 8 Der Boxeraufstand (1900/01) – Ursachen

M 9 Der Boxeraufstand – Propaganda

M 10 Der Boxeraufstand – Verlauf und Folgen

Lernerfolgskontrolle

M 11 Reformvorschläge des Prinzen Gong, 1865/66

Minimalplan

Wenn nur vier Stunden zur Verfügung stehen, kann das exemplifizierende Material M 2 entfallen.

Auch das Modul zum Boxeraufstand (M 8–M 10) ist grundsätzlich disponibel, da der Fokus des Bei-

trags auf Erfahrungswelten und Handlungsoptionen politischer Entscheidungsträger liegt, also der

administrativen Elite am Kaiserhof.

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Wie sahen die Chinesen die Europäer?

Das „Reich der Mitte“ war eine jahrtausendealte Hochkultur, als europäische Staaten seit dem 18.

Jahrhundert auf Öffnung des Landes für ihren Handel drängten.

Aufgabe

Beschreiben Sie die Wahrnehmung der Europäer durch die Chinesen.

Text 1: Eingabe des Generalgouverneurs Yü-ch‘ein an den Kaiser, 1841

Die westlichen Länder legen, wie Untersuchungen ergeben haben, nur Wert auf wirtschaft-

lichen Gewinn. Sie kennen nur den Handel und besitzen keine anderen Fähigkeiten. England

ist ursprünglich ein unbedeutendes Land gewesen und wurde von den anderen Ländern als

Werkzeug benutzt. Erst seit dem Beginn unserer Dynastie ist es allmählich reich und stark ge-

worden. Mit Hilfe von Betrügereien hat es die Handelshäfen der anderen Länder einen nach

dem anderen in Besitz genommen und von anderen Ländern Warensteuern eingezogen, damit

es seine Truppen halten kann. Was das Regierungsgeschäft betrifft, so […] gibt es bei ihnen

kein Zeremoniell, keine Musik, keine Strafe und kein Regieren.

Aus: Kuo Heng-Yü: China und die Barbaren. Pfullingen 1967, S. 41.

Text 2: Aus einer Schilderung des britischen Dolmetschers Thomas Meadows, 1852

Die Chinesen nennen gewöhnlich die Europäer „Barbaren“ und halten sie für solche; mit dem

Ausdruck meinen sie „Völker in einem rohen, unzivilisierten Zustand, moralisch und geistig un-

kultiviert“. […] Diejenigen Chinesen, die unmittelbare Gelegenheit hatten, etwas von unseren

Sitten und von unserer Kultur zu erfahren – sie mögen, in allen fünf Vertragshäfen zusammen,

fünf- oder sechstausend zählen gegenüber 360 Millionen –, halten uns meist in Moral und in

geistiger Kultur für tiefer stehend als ihr Volk. Was die anlangt, die keine solche Gelegenheit

hatten, so kann ich mich nicht auf das Gespräch mit einem Einzigen besinnen – und ich habe

mit vielen gesprochen –, dessen Vorstellungen von uns nicht analog zu denen gewesen wären,

die wir von Wilden haben. Die Chinesen sind stets überrascht – um nicht zu sagen erstaunt, zu

hören, dass wir Familiennamen haben und in der Familie die Unterscheidung von Vater, Bru-

der, Frau, Schwester usw. verstehen; kurz gesagt, dass wir anders als eine Viehherde leben.

Aus: Wolfgang Franke: China und das Abendland. Göttingen 1962, S. 85.

Das sollten Sie wissen

Die Qing-Dynastie war die letzte Kaiser-Dynastie Chinas. Sie beherrschte das Land von 1644 bis

1911 und stammte aus der Mandschurei. Die Vorgänger-Dynastie der Ming hatten die Mand-

schu mit kriegerischer Gewalt beendet und eine Fremdherrschaft über China etabliert.

Der Begriff Vertragshäfen bezeichnet die Häfen Kanton, Amoy, Fuzhou, Ningbo und Shanghai.

Sie waren im Jahre 1842 nach der Niederlage Chinas im ersten Opiumkrieg (vgl. M 3 und M 4)

durch den Vertrag von Nanjing für britische Kaufleute geöffnet worden.

Das hilft Ihnen weiter

Einen knappen und informativen Überblick über die Geschichte des alten China finden Sie unter

http://www.bpb.de/internationales/asien/china/44248/das-alte-china?p=all

Der Artikel enthält auch Ausführungen zur politischen Ordnung sowie eine Dynastien-Übersicht.

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Die englische Gesandtschaft des Jahres 1793

Britische Kaufleute entwickelten ein starkes Interesse am Handel mit China (vgl. M 3), sahen sich

aber hohen Zöllen und Auflagen seitens der chinesischen Regierung gegenüber. Im Jahre 1793

schickt die englische Krone daher eine prunkvolle Gesandtschaft nach Beijing, um das Land für ihre

Händler zu öffnen. Unter den kostbaren Gastgeschenken waren astronomische Geräte, Glas- und

Silberwaren, Uhren, Teppiche und vieles mehr. Die Antwort des Kaisers überraschte die Engländer.

Aufgaben

1. Geben Sie die Antwort des Kaisers an den englischen König wieder.

2. Arbeiten Sie das Selbst- und Fremdbild heraus, das in diesem Schreiben zum Ausdruck kommt.

Antwort des chinesischen Kaisers Quianlong an König Georg III. von England

Du lebst, o König, in einem Land jenseits vieler

Ozeane. Dennoch wünschst du dir in Demut, an

unserer Zivilisation teilzuhaben. So hast du eine

Gesandtschaft veranlasst, die ehrerbietig dein

Schreiben überbracht hat. […] Als Zeichen dei-

ner Ergebenheit hast du auch Produkte deines

Landes dargereicht.

Ich habe dein Schreiben durchgesehen. Seine

Wortwahl bringt deine demütige Ergebenheit

zum Ausdruck, was sehr lobenswert ist. […] Du

äußerst darin die Bitte, einen deiner Untertanen

als Botschafter an meinen erhabenen Hof zu ent-

senden, der sich um den Handel deines Landes

mit China kümmern soll. Dieses Gesuch wider-

spricht allen Gepflogenheiten des erhabenen Rei-

ches. Ihm kann unter keinen Umständen stattge-

geben werden. […]

Die Verehrung für unser erhabenes Reich erfüllt dich mit dem Wunsch, unserer Zivilisation

teilhaftig zu werden. Unsere Kultur und unser Rechtswesen unterscheiden sich aber vollstän-

dig von den Zuständen bei dir zu Hause. Selbst wenn dein Gesandter in der Läge wäre, sich

unsere Zivilisation auch nur in Ansätzen anzueignen, könnte er sie unmöglich in dein fremdes

Land übertragen. […]

Fremdartigen und seltsamen Gegenständen [britischen Gastgeschenke] messe ich keine Be-

deutung zu. Zwar habe ich befohlen, deine Tributgaben anzunehmen. Dies geschah aber nur

in Rücksicht auf deine lobenswerte Einstellung, diese Dinge von so weit her zu mir zu senden.

Die Kunde von der Majestät und Tugendhaftigkeit meines erhabenen Herrscherhauses ist in

alle Länder unter dem Himmel vorgedrungen, und ihre Herrscher bringen uns über Land und

See auserwählte Tribute dar. Dein Gesandter kann sich selbst davon überzeugen, dass wir al-

les besitzen. An merkwürdig ausgeklügelten Gegenständen habe ich allerdings kein Interesse

und kann mit den Erzeugnissen deines Landes daher nichts anfangen.

Aus: Pei-Kai Cheng und Michael Lestz (Hrsg.): The Search for Modern China. A Documentary Reader. London und New York 1999, S. 104 f. Übers. M. Brabänder

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Die „Reform der hundert Tage“, 1898

Aufgaben

1. Geben Sie wieder, wie Kaiser Guangzu sein Reformprogramm begründet (Text 1).

2. Erklären Sie unter Bezugnahme auf M 6 das Scheitern der Reformen (Text 2).

Text 1: Reformdekret des Kaisers Guangzu, 13.9.1898

Unter dem Einfluss radikaler Reformer brachte der junge Kaiser Kunag Hsü tief greifende Er-

neuerungen auf den Weg. Er begründete dies wie folgt:

Unsere Liebe für unser Volk und unsere Sorge, das Reich von Lethargie und Korruption zu

befreien, die es befallen haben und dem Untergang entgegenführen, haben uns veranlasst,

diese Reformära der Regierung anzusetzen und eine höhere und umfassendere Erziehung zum

Vorteil des Volkes und zur Stärkung und Bereicherung des Reiches einzurichten.

Doch wir konnten das nicht mit eigenen Mitteln leisten. Deshalb haben wir entschieden, zu

unserer Hilfe Gelehrsamkeit und Wissen des Westens einzuführen, was uns für unsere Zwecke

fehlte. Denn die Menschen des Westens sind uns an Eifer und Beharrlichkeit im Bemühen um

das Wissen überlegen.

Und doch tadelten konservative Staatsmänner und Studierende das westliche Wissen und er-

klärten, dass die Menschen des Westens kein System in ihrer Erziehung hätten. Diese Unwis-

senden beachten nicht, dass die Herrschaftskenntnis und das Erziehungssystem westlicher

Länder durch Eifer und Beharrlichkeit über tausend und sogar zehntausend Schwierigkeiten

hinweg zu ihrer gegenwärtigen Vollendung gebracht worden sind und alle zu einem Hauptziel

führten: dem der Hebung der Massen. So sind wir der Ansicht, dass die Menschen des Wes-

tens weise und weitsichtig sind. [...]

Wir haben uns mit dem Vorteil der westlichen Gelehrsamkeit gründlich auseinandergesetzt,

und Tag und Nacht drängt uns der sehnliche Wunsch, diese Reformen in unser Land einzu-

führen.

Aus: Geschichte in Quellen. Hrsg. von Wolfgang Lautemann und Manfred Schlenke. Bd. 5: Das bürgerliche Zeit-

alter 1815–1914. München 1980, S. 676.

Text 2: Das Scheitern des Reformprogramms

Konservative Beamte, die von vornherein vehement opponiert hatten, hinterbrachten der Kai-

serinwitwe Cixi, dass sie entmachtet werden sollte, woraufhin diese hart durchgriff: Sie ließ

den Kaiser unter Hausarrest setzen, alle Reformen annullieren und eine Reihe von Reformfüh-

rern hinrichten. […] Die „Revolution von oben“ war gescheitert: nicht wegen einer böswilligen

Frau an der Spitze des Staates, sondern weil sich einmal mehr die Interessen der herrschen-

den Beamten durchgesetzt hatten, die vom bestehenden System profitierten.

Aus: Kai Vogelsang: Geschichte Chinas. Stuttgart 42013, S. 476.

Das sollten Sie wissen

Die Kaiserin-Witwe Cixi (1835–1908) war eine Tante Kunag Hsüs und langjährige Regentin Chi-

nas. Sie gehörte zu den einflussreichsten Personen der späten Qing-Dynastie.

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Der Boxeraufstand – Propaganda

Aufgabe

Beschreiben und interpretieren Sie die Karikaturen.

Ausländerfeindliche Karikatur aus der Zeit des Boxeraufstands.

Ausländerfeindliche Karikatur aus der Zeit des Boxeraufstands.

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Der Boxeraufstand – Verlauf und Folgen

Aufgaben

1. Geben Sie wieder, wie die chinesische Regierung ihre Kriegserklärung begründet (Text 1).

2. Untersuchen Sie, ob diese Ausführungen korrekt sind.

3. Prinz Chun (Foto) wurde in Berlin aufgefordert, vor Kaiser Wilhelm II. den Kotau (mehrmalige tie-

fe Verbeugung in kniender Haltung) zu vollziehen. Chun weigerte sich. Verfassen Sie ein fiktives

Rechtfertigungsschreiben des Prinzen, in dem er sein Verhalten begründet.

Text 1: Kriegserklärung Chinas an „die Ausländer“, 21. Juni 1900

Nach anfänglichem Zögern solidarisierte sich der kaiserliche Hof mit den „Boxern“ und erließ

fol-gendes Dekret:

Alle Fremden, die nach China kamen, erfuhren durch unsere Vorfahren stets freundliche Auf-

nahme. In der Zeit der Kaiser Daoguang [1821–1850] und Xianfeng [1851–1861] wurde ihnen

erlaubt, Handel zu treiben. Ferner baten sie darum, in unserem Lande ihre Religion verbreiten

zu dürfen. […] Nachdem unser Land dreißig Jahre lang große Nachsicht gezeigt hat und aus-

schließlich auf eine Befriedung der Lage bedacht war, haben das nunmehr die Fremden aus-

genutzt, um plötzlich überall Unruhe zu stiften, unser Land zu schikanieren, unsere Territorien

zu besetzen, auf unserem Volk herumzutrampeln und uns unserer Reichtümer zu berauben.

[…] Unsere Landeskinder erfüllte das mit Hass und Zorn und sie verlangten Genugtuung. Da-

rin liegt die Ursache, weshalb die Krieger der Gerechtigkeit [gemeint sind die Boxer] christliche

Kirchen niederbrannten und zerstörten und [chinesische] Gläubige töteten. […]

Der Hof kam den Fremden bis zum Äußersten entgegen. Aber diese kannten keine Dankbar-

keit, sondern versuchten im Gegenteil uns skrupellos zu erpressen. […] Unser Land umfasst

mehr als zwanzig Provinzen und hat eine Bevölkerung von über 400 Millionen. Wie sollte es

da schwierig sein, der von den Fremden gelegten Feuersbrunst Einhalt zu gebieten und die

Autorität unseres Staates zu bewahren!

Aus: Susanne Kuß / Bernd Martin (Hrsg.): Das Deutsche Reich und der Boxeraufstand. München 2002, S. 74–75.

Text 2: Höhepunkt und Niederschlagung des Aufstands

Als dann die Boxer im Juni des Jahres 1900 Peking weitgehend kontrollierten, das Botschafts-

viertel belagerten […] und am 20. Juni der deutsche Baron Clemens von Ketteler erschossen

wurde, sahen sich die ausländischen Mächte […] zum Handeln gezwungen. Entsatztruppen

der Alliierten England, Deutschland, Frankreich, Österreich-Ungarn, Italien, Russland und der

USA sowie ein starkes Kontingent aus Japan beendeten am 15. August die Belagerung in Pe-

king. […] Das Boxer-Protokoll erlegte China dann erdrückende Lasten auf, darunter etwa die

Wiedergutmachungssumme von 450 Millionen Tael.

Aus: Helwig Schmidt-Glintzer: Das neue China. Von den Opiumkriegen bis heute. München 52009, S. 37.

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