Das Problem des Wesens und der Entstehung des Gefühlslebens

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    19-Aug-2016

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  • Das Problem des Wesens und der Entstehung des Gefiihlslebens.

    Von

    Dr. Max Serog.

    (Eingegangen am 28. Oktober 1911.)

    In der modernen Psychologie, speziell der deutschen, nimmt das Problem des Geffihlslebens nut einen recht geringen Raum ein den zahlreichen und eingehenden Untersuchungen gegeniiber, in denen man die anderen Erscheinungen des Seelenlebens, vor allem die Emp- findungs- und Denkvorgi~nge zu erforschen suchte. Vielleicht mag das zum Tell im allgemeinen Charakter der Zeit seine Ursache haben und im Zusammenhang stehen mit einer gewissen t3bersch~tzung des Rein-Intellektuellen, wie sie der letztvergangenen Epoche wohl eigen war. Der wesentliche Grund aber, warum sich die Psychologie mit dem. was wir als ,,Gefiihlsleben, Affekte, Gemfitsbewegungen" bezeichnen, nur erst so wenig besch~ftigt hat, liegt darin, dal~ bei dem Dunke], das hier noch herrscht, die Grundlage iiberhaupt fehlt, auf der eine Erforschung der Gefiihlsvorg~nge sich aufbauen kOnnte. Denn worin das Wesen dessen besteht, was wir als ,,Gefiihl" bezeichnen, darauf gibt es his heute noch keine einzige befriedigende Antwort und es ist bezeichnend, dal3 keine einzige der verschiedenen Gefiihlstheorien eine allgemeine Anerkennung hat finden kSnnen.

    Jedenfalls steht man dem Wesen der Gefiihlsvorg~nge heute noch ganz anders gegeniiber wie etwa dem der intellektuellen Funktionen. Bei der Erforschung der intellektuellen psychischen Funktionen ging man yon der T~tsache der Vorstellungsverkniipfung aus. Die ,,Asso- ziationspsychologie" zeigte, dab sich die ganze intellektuelle T~tigkeit, auch in ihren hSchsten und kompliziertesten Formen, auf die einfache Verkniipfung, die ,,Assoziation" yon Vorstellungen zuriickfiihren l~Itt. Wenn nun auch die Anschauung der sog. reinen Assoziations- psychologie, nach der eine derartige Verknfipfung die ausschliel~- l iche Grundlage unseres intellektuellen Lebens bildet, nicht durchweg geteilt wird, so wird doch ihre wesent l iche Rolle jedenfalls allgemein anerkannt. Nur auf der Grundlage dieser aHgemein anerkannten An- schauung aber ist eine derartige eingehende Erforschung der Denk- vorg~nge, wie wir sie heute schon besitzen, und somit ein tieferer Ein- bIick in diese Seite des seelischen Geschehens m6glich gewesen.

    So sehr nun auch die Denkvorg~nge durch die Assoziationspsycho- logie unserem psychologischen Versti~ndnis n~iher gebracht wurden, so

    Z. f. d. g. Neur. u. Psych. O. VIII. 8

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    wenig hat auch sie fiir das Gefiihlsproblem eine befriedigende L6sung geben k6nnen. Dadurch, dab die Assoziationspsychologie sozusagen nur von der einen Seite an die Psyche heranging und zu sehr nur das inteUektuelle psychische Geschehen beriicksichtigte, wurde sit der eminenten psychischen Bedeutung des Gefiihlslebens nicht gerecht. Was im speziellen gegen die Gefiihlstheorie der Assoziationspsychologie eingewendet werden muB, soll sparer noch er6rtert werden.

    Um hier zun~chst kurz auf die haupts~chlichsten der sonstigen neueren Gefiihlstheorien einzugehen, so sei zuerst die James-Langesehe Theorie erw~hntl).

    Jeder Gefiihlszustand geht bekanntlich mit gewissen k6rperlichen Erscheinungen (Ver~nderungen des Pulses, des Blutdruckes, der Atmung, bestimmten Muskelinnervationen usw.) einher, die gerade in den letzten Jahren 6fters der Gegenstand sehr eingehender Untersuchungen ge- wesen sind (Lehmann, Berger, Weber2)). W~hrend diese k6rper- lichen VerKnderungen aber sonst eben als Folge- oder Begleiterschei- nungen der Gefiihlszust~nde aufgefal~t wurden, nimmt die James- Langesche Theorie an, dab in ihnen und ausschlieBlich in ihnen das eigentliche Wesen der Gefiihlsvorg~nge zu suchen ski. Diese sind da- nach also nichts anderes als die Summe der Empfindungen bestimmter motoriseher und vasomotorischer Innervationen; die k6rperlichen Ver- i~nderungen sind nicht eine Folge der Gefiihlszust~nde, sondern ihre Ursache: ,,Wir weinen nicht, weft wir traurig sind, sondern wir sind traurig, weil wir weinen" (James3)).

    Nun Jst es ja fraglos richtig, dal3 bei dem, was wir als irgendeinen ,,Gefiihlszustand" erleben, auch die Empfindungen der dabei gleich- zeitig auftretenden k6rperlichen VerKnderungen eine Rolle spielen. DaB der ganze Gefiihlszustand aber nichts weiter sei als die Summe dieser Empfindungen, trifft sicher nicht zu. Zun~chst ist es iiberhaupt fraglieh, ob wirklieh jedem einzelnen der verschiedenen, doch schon bei gr6bster Gruppierung sehr zahlreichen Gefiihlszust~nde immer eine spezifische Kombination bestimmter k6rperlicher Erscheinungen ent- sprieht. Die bisherigen Untersuchungen haben den Beweis dafiir jeden- falls nicht geliefert. Weiter kommen abet die fiir bestimmte Gefiihls- zust~nde als charakteristisch angegebenen Innervationen auch ohne diese vor. Wenn aber die Gefiihlszust~nde wirklich nichts anderes w~ren, als die Summe von Empfindungen gewisser motorischer Inner- vationen, miiBten beim Eintreten dieser stets auch jene vorhanden skin.

    1) Siehe besonders Lange, Die Gemiitsbewegungen. Wiirzburg 1910. ~) Siehe besonders Lehmann, Die Hauptgesetze des Geftihlslebens, fiber-

    setzt yon F. Bendixen. Leipzig 1892. 3) W. James, Psychologie, iiber.~etzt yon Diirr. Leipzig 1909. S. 376.

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    Eine andere Geffihlstheorie wurde in neuerer Zeit yon Forster 1) aufgestellt. Ausgehend yon den Schmerzpunkten und schmerzleitenden Bahnen sucht sie die ,,unangenehmen GefiihlstSne" durch Assoziation mit Schmerzempfindungen zu erkli~ren, das Schwinden des Schmerzes erscheine uns dann als eine neue Empfindung, als ,,Lust". Demgegen- fiber ist hervorzuheben, dab lustvolle Geffihlszust~nde etwas ebenso Positives sind a.ls schmerzvolle, und dab es durchaus nicht angeht, jene einfach dutch das Schwinden dieser erkl~ren zu wollen. Auch ist die Annahme, daB, wenn z. B. das Kind an einer auch schwach bitteren oder salzigen LSsung leckt, neben den Geschmaeksnerven stets auch Schmerznerven mit gereizt werden, eine ganz willkfirliche und durch nichts bewiesene Bemerkenswert aber an dieser Theorie i s t - und zwar gerade im Hinblick auf unsere sp~teren eigenen Ausffihrungen - - der hier unternommene Versuch, zur LSsung des Gefiihlsproblems von bestimmten Empfindungen auszugehen. Bei den Einw~nden gegen die Forstersche Theorie haben wir ganz davon abgesehen, dab diese Theorie die Einteilung der Gefiihle in lust- und unlustbetonte zur Vor- aussetzung hat, eine Einteilung, die durchaus keine selbstversti~ndlich gegebene, im Gegenteil in mancher Beziehung sogar anfechtbare ist.

    Der gleiche Einwand ist also auch der Anschauung gegeniiber zu erheben, dab die Gefiihle mit dem jeweiligen Ern~hrungszustande der Nervenzelle in Zusammenhang stehen, und dab der normale Ern~hrungs- zustand der Nervenzellen mit Lustgefiihlen, ein unzureichender Er- n~hrungszustand der Zellen abet mit Unlustgefiihlen verkniipft sei. Die UnmSglichkeit einer derartigen Annahme ergibt sieh fibrigens auch bereits aus der Tatsache, dab gerade die Zust~nde, bei denen eine Sch~digung des Ern~hrungszustandes der Nervenzellen vorliegt, mit ausgesprochen lustvollen Gefiihlen einhergehen. Gerade fiir die Er- sehSpfung sind manische und hypomanische Zust~nde charakte- ristisch, wie wir aus klinischen Beobachtungen wie experimentellen Untersuchungen wissen; und das gleiche gilt von manchen Intoxi- kationen, z.B. dem Alkohol.

    Geht man unvoreingenommen dutch jede Theorie an das Geffihls- problem heran und versucht, sich mSglichst unbefangen darfiber klar zu werden, was wir in irgendeinem Gefiihlszustand psychisch erleben, so kSnnen wir folgendes feststellen.

    Nehmen wir etwa das Geffihl der Freude. Wir haben dabei (wenn wir yon den Empfindungen der gleichzeitig auftretenden kSrperlichen Erscheinungen, z.B. der Empfindung eines lebhafteren tterzschlages absehen) erstens eine Anzahl yon Vorstellungen und Vorstellungsreihen,

    1) Siehe Forster, Ober die Mfekte. Mon~tssehr. f. Psych. u. Neurol. 19, H. 3 u. 4, 1906.

    8"

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    etwa yon den Tatsachen, die die Ursache der Frcude sind, ihren mSg- lichen Folgen usw., und zweitens eben das, was wir als ,,Gefiihl der Freude" bezeichnen. Mehr kSnnen wir aber dariiber nicht sagen. Die dabei in uns auftauchenden Vorstellungsreihen kSnnen wir weiter bis ins einzelne zergliedern, der gleichzeitig mit diesen Vorstellungen auf- tretende ,,Gefiihlszustand" ist dagegen einer weiteren Analyse nieht zugiinglich. Jedenfalls ist das, was wir psyehisch erleben, wenn ein Gefiihl uns beherrscht, und wenn eine Vorstellung in uns auftaucht, etwas, was der Selbstbeobachtung in toto verschieden und vSllig un- vergleichbar erscheint; daher hat man auch, seit es iiberhaupt eine Psychologic gibt, den grundsEtzliehen Unterschied zwisehen Denkcn und Fiihlen stets aufreeht erhalten und sie als verschiedene seelische ,,FEhigkeiten" einander gegeniiber gestellt. Gerade in diesem Punkte nun, in der Inkommensurabilitgt der Gcfiihle, gemessen an Vorstellungen, liegt aber eben die Schwierigkeit, wenn nicht Unm6glichkeit ihrer psychologischen Analyse. Denn einc solche Analyse ist im Grunde doch ein Zurfickfiihren auf Vorstellungen; schon dadurch, dal~ man dicse Analyse nur in Worten geben kann, werden die Gefiihlszusti~nde zu Begriffen, also Vorstellungskomplexen und verlieren so ihr eigentliehes Wesen. Von diesem Standpunkt aus gesehen ist auch eine Einteilung der Gefiihle gcwissermaBen ein Unding. Im besonderen ist die Ein- teilung in Lust- und Unlustgefiihle deshalb abzulehnen; sie ist bereits etwas Abstrakt - [ntellektualistischcs, Reflektierendes, also etwas, was in den Gefiihlen selbst nicht von vornherein gegeben, ihnen als solchen vielmehr fremd ist. Das nachtriiglich Abstrahierende ist schon in der GegensEtzlichkcit dieser Zweiteilung ersichtlich. Die sich dem naiven BewuBtsein zun~chst bietenden Gefiihlszustiinde zeigen durehaus nicht alle ausgesprochen einen entweder positiven oder negativen Charakter, es sei hier nur an die Wut erinnert.

    Man sieht also: auf dem Wege einer psychologisehen Analyse im eigentlichen Sinne, das heiBt einer Zuriickfiihrung als komplex erkann- ter Gebilde auf einfaehe, wie wir sie bei den Denkvorgiingen vornehmen k6nnen, und wie sie uns hier auch schon einen gewissen Einblick in diese Vorg~nge verschafft hat, auf diesem Wege also kommen wir bei den Gefiihlsvorg~ngen nicht weiter. Was wir hier analysieren k6nnen, sind immer und ausschlieBlich nur die mit den Gefiihlen zusammen auftretenden Vorstellungskomplexe, die Gefiihlszustiinde selbst aber bleiben ein Etwas, das wir zwar als solches immer wieder erleben, aber nieht weiter erkli~ren k6nnen. Wohl aber kSnnen wir uns die Frage vorlegen, ob wir etwas Derartigcs wie in den Gefiihlszustgnden nicht auch in anderen, vielleicht einfacheren psychischen Verhiiltnissen wiederfinden. Dabei drgngt sich nun sofort die Tatsache auf, dag wir bei einer Reihe yon Empfindungen, und vor allem bei den tIautsinnes

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    empfindungen, ganz etwas I)erartiges psychisch erleben wie bei den Gefiihlszusti~nden. Das angenehme Gefiihl, das ich etwa in einem wohltemperierten Bade habe, ist nichts prinzipiell Andersartiges als das angenehme Geffihl, das ich in einem Kreis mir gleichgestimmter, sympathischer Mensehen empfinde. Am deutliehsten wohl treten die bier in Rede stehenden Beziehungen beim Sehmerz zutage. Hier kann man geradezu zweifelhaft sein, ob der Sehmerz im wesentliehen eine Empfindung oder ein Gefiihlszustand istl). Denn einerseits wissen wir, dab er, entsprechend den anderen Empfindungen, in besonderen Bahnen im Rfickenmark und Gehirnstamm, wahrscheinlich sogar auch in der Peripherie lokahsiert ist, andererseits erseheint uns abet das, was wir an und in ibm psyehisch erleben, den Geffihlszust~nden vM ns verwandt zu sein als den anderen Empfindungen. DaB das der Fall ist, und daI~ in der Tat der Schmerz uns vielmehr etwas Gefiihls- als etwas Empfindungsm/~l~iges zu sein seheint, geht schon daraus hervor, da$ der Sehmerz fiir uns geradezu - - nach B le u lers Ausdruck - - zum ,,Prototyp aller negativen Affekte" geworden istl). Xhnlich wie mit dem Schmerz ist es mit den anderen I-Iautsinnesempfindungen; auch sie besitzen sehr ausgesproehen das, was wir als ,,Gefiihlskomponente" bezeichnen wollen. Wit wKhlen diesen Ausdruek, da er nut die gesehil- derte Tatsaehe wiedergibt, ohne zun/ichst darfiber ein Urteil zu f~llen, ob diese ,,Geffihlskomponente" nut eine Eigensehaft der Empfindung (,,Gefiihlsbetonung") oder etwas Andersartiges, zu der eigentlichen Empfindung Hinzukommendes ist. Diese Geffihlskomponente kommt nun zwar den Hautsinnesempfindungen in besonderem Mat~e, aber nicht aussehlie$1ich zu. Auch bei den anderen Empfindungen finden wir sie, wenn aueh bei den verschiedenen Sinnesgebieten in verschie- denem Grade. Das Dureheinanderwerfen der Begriffe ,,Empfindung" und ,Gefiihl", wie sie der ~lteren Psychologie eigen war, findet in dieser Gefiihlskomponente der Empfindungen seine wohlbegriindete Erkls Die laienhafte Psyehologie gebraueht ja noch heute ,emp- finden' und ,fiihlen' in gleichem Sinn.

    Betrachten wir nun die Empfindungen der anderen Sinnesgebiete auf den Grad ihrer Gefiihlskomponente hin, so sehen wir, dab sie auch bei den Geruchs- und Gesehmacksempfindungen noch sehr deutlich vorhanden ist. Dagegen tritt sie bei den sog. h6heren Sinnen Geh6r und Gesicht, mehr zuriiek, bei den Gesiehtsempfindungen ist sie wohl kaum noch vorhanden. Bezeichnenderweise sprieht man ja yon Geh6r und Gesieht auch als yon den ,,objektiven" Sinnen. Die Empfindungen bilden sonaeh naeh dem Grade ihrer Geffihlskomponente eine kontinuier- liche Reihe, die yon den Hautsinnesempfindungen ausgehend zu den Ge- ruehs-, Gesehmacks-, Geh6rs- und sehlieBheh Gesichtsempfindungen fiihrt.

    1) Vgl. Bleuler, Affektivit~t, Suggestibilit~t, Paranoia. Halle 1906. S. 9.

  • 112 M. Serog:

    In dem MaBe aber, in dem in dieser Reihe die Geffihlskomponente der Empfindungen abnimmt, nimmt etwas anderes zu, n~mlich die M6glichkeit der Reproduzierbarkeit der Empfindungen, also die MSg- lichkeit, zu Vorstellungen zu werden.

    Die Empfindung eines Schmerzes kSnnen wir iiberhaupt nicht re- produzieren; die Vorstellung eines Schmerzes kSnnen wit nicht bilden, wir kSnnen immer nur die Schmerzempf indung aufs neue erleben. ~hnlich verh~lt es sich mit den anderen Hautsinnesempfindungen. Bei den Geschmacks- und Geruchsempfindungen ist eine Reproduktion jedenfalls nur sehr schwer, bei vielen Menschen sicher iiberhaupt nicht mSglich. (Nach einer Statistik von l~ibot 1) konnten 60% der yon ihm befragten Personen sich Geriiche vorstellen, aber meist nur in Verbindung mit den zugehSrigen Gesichtsvorstellungen.) Es sei u. a. hier darauf hingewiesen, dal] da, wo man z. B. im Traum Geschmacks- oder Geruchsvorstellungen zu haben glaubt, wie sich bei genauerem Zu- sehen bald ergibt, doch nur stets Gesichtsvorstellungen vorhanden waren. Die Gesichts- und dann die GehSrsempfindungen sind jedenfalls die am leichtesten repro...

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