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FernBahn 5 Bahn-Report 6/2015 D er seit dem Sommer beträchtlich an- geschwollene Zustrom von Flüchtlin- gen aus Richtung Südosteuropa wirkt sich seit September auch unmittelbar vor al- lem auf den grenznahen und -überschreiten- den Bahnverkehr aus. Für die DB kam dabei die Anfang September von Bundeskanzlerin Merkel verfügte Grenzöffnung für Flüchtlinge zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt: Frei- tagnachmittag nach Büroschluss. Die in den Stunden danach aus Ungarn über Österreich einsetzende Welle aus flüchtenden Menschen musste daher im Wesentlichen vom regulären Schichtdienst und den Notfallbereitschaf- ten aufgefangen werden – nachfolgend eine Chronologie der Ereignisse bis Mitte Oktober. Bereits in den Wochen zuvor waren täglich Hunderte Flüchtlinge per Zug nach Bayern ein- gereist. Schwerpunkt waren dabei die Routen über den Brenner, aber auch über die Tauern. Das Vorgehen der österreichischen Bundespo- lizei war dabei von keiner klaren Linie geprägt, denn oft wurden die Flüchtlinge nicht aufge- halten und erreichten somit Deutschland. Weil dort die Situation leichter zu beherrschen war als im Hauptbahnhof von München, bündelte die deutsche Bundespolizei ihre Kräfte meistens in Rosenheim. Für die Reisenden in EuroCitys bzw. den Nachtreisezügen war die Fahrt hier zunächst zu Ende. Sie mussten die Züge verlassen und wurden mit Bussen in Auffangstellen gebracht. Dies änderte sich im Laufe des Samstags, 05.09. grundlegend, kamen doch etliche mit Flüchtlingen vollbesetzte Sonderzüge der ÖBB in Salzburg an, die von der DB bis München Hbf weitergeleitet wurden. Weitere Tausende Flüchtlinge trafen ebenda mit den regulären RailJets und auf Maximallänge verstärkten Regi- onalzügen des „MERIDIAN“ ein, so dass schnell klar war, dass die bayerische Landeshauptstadt trotz des hohen Engagements der kommuna- len und staatlichen Einrichtungen sowie unge- zählter freiwilliger Helfer nicht damit fertig wer- den würden. Bereits am Samstagnachmittag wurde daher ein Sonderzug aus Salzburg weiter ins thüringi- sche Saalfeld geleitet. In Salzburg Hbf nahmen Koordinatoren im Zweischichtbetrieb die Tätig- keit auf, die zusammen mit der Österreichischen Bundespolizei die Züge „belegten“. Dabei wur- de für einen einfacheren Empfang in München jeweils ein Zugteil der eingesetzten Zwei- oder Dreifach-Traktionen für Pendler und Freizeitrei- sende geöffnet, während Sprachkundige die Flüchtlinge per Megaphon in den bzw. die an- deren Zugteil(e) dirigierten. Während des Zu- stiegs wurden die Flüchtlinge gezählt und be- reits nach Abfahrt des Zuges der Bundespolizei in München mitgeteilt. 06.09.: Solchermaßen wird auch am Sonntag verfahren, als von München aus ICEs nach Eisen- hüttenstadt und Braunschweig auf die Reise ge- hen. Insgesamt beginnen die Flüchtlingszahlen jedoch langsam zu sinken. Im Bahnhof Freilas- sing werden Zettel angebracht, die auf Deutsch, Englisch und Arabisch darauf hinweisen, dass das Überqueren der Gleise lebensgefährlich und daher verboten ist. 07.09.: Mit der Arbeitsaufnahme der DB-Ta- gesdienste am Montagmorgen übernehmen diese die Planungen von der Operative. Mehre- re Krisenstäbe werden gebildet. Um den Münch- ner Hauptbahnhof zu entlasten, wo weiterhin jeder Regelzug aus Salzburg ca. 200 Flüchtlinge mitbringt, wird vereinbart, dass die ÖBB-Son- derzüge aus Wien bzw. Budapest in Salzburg enden und die Menschen dort sofort in von DB Fernverkehr zur Verfügung gestellte Sonderzü- ge umsteigen sollen. In der Folge fahren diese Züge ohne in Mün- chen zu halten direkt zu den von den Stäben festgelegten Zielpunkten in ganz Deutschland. In den nächsten Tagen sind dies u. a. Dortmund, Düsseldorf, Neumünster, Celle und Berlin. Die verfügbaren Knotenpunktreserven werden dazu im Laufe des Montags leer nach München verfügt und zum vereinbarten Zeitpunkt nach Salzburg gefahren. Während am Wochenende die Sonderzüge teilweise nur mit Lokführer und einem Zugbe- gleiter besetzt werden konnten, fährt nun auch eine größere Anzahl Sicherheitspersonal, Dol- metscher usw. in den Zügen mit, um die Men- schen besser betreuen zu können. Die in München gestrandeten Flüchtlinge werden zunächst im Bereich des Starnberger Flügelbahnhofs zusammengeführt, dort kurz versorgt und mit Bussen zur Erstaufnahme ge- bracht. Hierzu stellt u. a. die DB die seit Jahren leerstehenden Baracken der ehemaligen Sig- nalmeisterei nahe der Donnersbergerbrücke zur Verfügung, wo Essen nebst Kleidung ausge- geben wird und die Registrierung erfolgt. Zum Antransport der Flüchtlinge dienen Sonder-S- Bahnen vom Hauptbahnhof her. Flüchtlingszüge fordern Eisenbahner 09.09.: Da die Zahl der Flüchtlinge zunächst etwas zurückgeht, haben diese ab Salzburg aus- schließlich die Regelzüge zu benutzen und es werden lediglich zwei Sonderzüge München – Dortmund gefahren. Aus Österreich kommen jedoch beunruhigende Nachrichten, denn die Zahl der dort über Ungarn eintreffenden Flücht- linge nahm wieder stark zu, nachdem am Vortag mehrere 10.000 von den ägäischen Inseln her per Fähre in Piräus eingetroffen waren. Deutschland wollte diese Personen jedoch nicht direkt einrei- sen lassen. Von den ÖBB angebotene Sonderzü- ge wurden von der DB nicht übernommen, da man nicht wusste, zu welchen deutschen Ziel- orten man diese hätte leiten können. Am Nach- mittag fahren die ÖBB daher mehrere Binnen- Sonderzüge Wien – Wels um die Hauptstadt zu entlasten. Dem Vernehmen nach sollen sich deren Insassen dann auf eigene Faust mit Regel- zügen nach Deutschland durchschlagen. Damit werden die deutschen Behörden unter Druck ge- setzt, denn nun würde mit starkem Flüchtlings- aufkommen auch über Passau zu rechnen sein, das bislang nur mit dem dortigen Autobahn- grenzübergang im Fokus stand. 10.09.: Mit b. a. w. geplanten täglichen vier Sonderzügen, davon zwei über Passau, soll mehr Ordnung ins System gebracht werden. Ein fünf- ter soll Anschluss an den letzten RailJet aus Bu- dapest bieten, der planmäßig gegen 23 Uhr in Salzburg endet, und ein sechster tagsüber in München starten. Doch daraus wird nichts, weil aus dem politischen Berlin (angeblich sogar di- rekt aus dem Bundeskanzleramt) ein Verbot von Sonderzügen ab Grenze oder gar aus Österreich kommt. Daher werden nur zwei Sonderzüge ab München nach Düsseldorf gefahren. Dass trotz- dem viele weitere Flüchtlinge in München ein- treffen, treibt den Verantwortlichen vor Ort die Sorgenfalten auf die Stirn, möchte man doch angesichts des in der Folgewoche beginnenden Oktoberfestes den Flüchtlingsstrom lieber über Passau lenken. Im Schatten Salzburgs standen in der Berichterstattung oftmals die anderen Grenzübergänge zwi- schen Deutschland und Österreich. Dennoch war im August auch am Bahnhof Kufstein ein nicht unerhebliches Aufkommen an Flüchtlingen abzufertigen, die wie hier am 16.08.15 aus einem vom Brenner kommenden REX in den nachfolgenden EC nach München umstiegen. Foto: Sebastian Belz VON MATTHIAS HANSEN

Flüchtlingszüge fordern Eisenbahner - Bahn-Report den Nachtreisezügen war die Fahrt hier zunächst zu Ende. Sie mussten die Züge verlassen und wurden mit Bussen in Auffangstellen

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  • 5Bahn-Report 3/2015

    FernBahn

    5Bahn-Report 6/2015

    Der seit dem Sommer beträchtlich an-geschwollene Zustrom von Flüchtlin-gen aus Richtung Südosteuropa wirkt sich seit September auch unmittelbar vor al-lem auf den grenznahen und -überschreiten-den Bahnverkehr aus. Für die DB kam dabei die Anfang September von Bundeskanzlerin Merkel verfügte Grenzöffnung für Flüchtlinge zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt: Frei-tagnachmittag nach Büroschluss. Die in den Stunden danach aus Ungarn über Österreich einsetzende Welle aus flüchtenden Menschen musste daher im Wesentlichen vom regulären Schichtdienst und den Notfallbereitschaf-ten aufgefangen werden – nachfolgend eine Chronologie der Ereignisse bis Mitte Oktober.

    Bereits in den Wochen zuvor waren täglich Hunderte Flüchtlinge per Zug nach Bayern ein-gereist. Schwerpunkt waren dabei die Routen über den Brenner, aber auch über die Tauern. Das Vorgehen der österreichischen Bundespo-lizei war dabei von keiner klaren Linie geprägt, denn oft wurden die Flüchtlinge nicht aufge-halten und erreichten somit Deutschland. Weil dort die Situation leichter zu beherrschen war als im Hauptbahnhof von München, bündelte die deutsche Bundespolizei ihre Kräfte meistens in Rosenheim. Für die Reisenden in EuroCitys bzw. den Nachtreisezügen war die Fahrt hier zunächst zu Ende. Sie mussten die Züge verlassen und wurden mit Bussen in Auffangstellen gebracht.

    Dies änderte sich im Laufe des Samstags, 05.09. grundlegend, kamen doch etliche mit Flüchtlingen vollbesetzte Sonderzüge der ÖBB in Salzburg an, die von der DB bis München Hbf weitergeleitet wurden. Weitere Tausende Flüchtlinge trafen ebenda mit den regulären RailJets und auf Maximallänge verstärkten Regi-onalzügen des „MERIDIAN“ ein, so dass schnell klar war, dass die bayerische Landeshauptstadt trotz des hohen Engagements der kommuna-len und staatlichen Einrichtungen sowie unge-zählter freiwilliger Helfer nicht damit fertig wer-den würden.

    Bereits am Samstagnachmittag wurde daher ein Sonderzug aus Salzburg weiter ins thüringi-sche Saalfeld geleitet. In Salzburg Hbf nahmen Koordinatoren im Zweischichtbetrieb die Tätig-keit auf, die zusammen mit der Österreichischen Bundespolizei die Züge „belegten“. Dabei wur-de für einen einfacheren Empfang in München jeweils ein Zugteil der eingesetzten Zwei- oder Dreifach-Traktionen für Pendler und Freizeitrei-sende geöffnet, während Sprachkundige die Flüchtlinge per Megaphon in den bzw. die an-deren Zugteil(e) dirigierten. Während des Zu-stiegs wurden die Flüchtlinge gezählt und be-reits nach Abfahrt des Zuges der Bundespolizei in München mitgeteilt.

    06.09.: Solchermaßen wird auch am Sonntag verfahren, als von München aus ICEs nach Eisen-hüttenstadt und Braunschweig auf die Reise ge-hen. Insgesamt beginnen die Flüchtlingszahlen jedoch langsam zu sinken. Im Bahnhof Freilas-sing werden Zettel angebracht, die auf Deutsch, Englisch und Arabisch darauf hinweisen, dass

    das Überqueren der Gleise lebensgefährlich und daher verboten ist.

    07.09.: Mit der Arbeitsaufnahme der DB-Ta-gesdienste am Montagmorgen übernehmen diese die Planungen von der Operative. Mehre-re Krisenstäbe werden gebildet. Um den Münch-ner Hauptbahnhof zu entlasten, wo weiterhin jeder Regelzug aus Salzburg ca. 200 Flüchtlinge mitbringt, wird vereinbart, dass die ÖBB-Son-derzüge aus Wien bzw. Budapest in Salzburg enden und die Menschen dort sofort in von DB Fernverkehr zur Verfügung gestellte Sonderzü-ge umsteigen sollen.

    In der Folge fahren diese Züge ohne in Mün-chen zu halten direkt zu den von den Stäben festgelegten Zielpunkten in ganz Deutschland. In den nächsten Tagen sind dies u. a. Dortmund, Düsseldorf, Neumünster, Celle und Berlin. Die verfügbaren Knotenpunktreserven werden dazu im Laufe des Montags leer nach München verfügt und zum vereinbarten Zeitpunkt nach Salzburg gefahren.

    Während am Wochenende die Sonderzüge teilweise nur mit Lokführer und einem Zugbe-gleiter besetzt werden konnten, fährt nun auch eine größere Anzahl Sicherheitspersonal, Dol-metscher usw. in den Zügen mit, um die Men-schen besser betreuen zu können.

    Die in München gestrandeten Flüchtlinge werden zunächst im Bereich des Starnberger Flügelbahnhofs zusammengeführt, dort kurz versorgt und mit Bussen zur Erstaufnahme ge-bracht. Hierzu stellt u. a. die DB die seit Jahren leerstehenden Baracken der ehemaligen Sig-nalmeisterei nahe der Donnersbergerbrücke zur Verfügung, wo Essen nebst Kleidung ausge-geben wird und die Registrierung erfolgt. Zum Antransport der Flüchtlinge dienen Sonder-S-Bahnen vom Hauptbahnhof her.

    Flüchtlingszüge fordern Eisenbahner 09.09.: Da die Zahl der Flüchtlinge zunächst etwas zurückgeht, haben diese ab Salzburg aus-schließlich die Regelzüge zu benutzen und es werden lediglich zwei Sonderzüge München – Dortmund gefahren. Aus Österreich kommen jedoch beunruhigende Nachrichten, denn die Zahl der dort über Ungarn eintreffenden Flücht-linge nahm wieder stark zu, nachdem am Vortag mehrere 10.000 von den ägäischen Inseln her per Fähre in Piräus eingetroffen waren. Deutschland wollte diese Personen jedoch nicht direkt einrei-sen lassen. Von den ÖBB angebotene Sonderzü-ge wurden von der DB nicht übernommen, da man nicht wusste, zu welchen deutschen Ziel-orten man diese hätte leiten können. Am Nach-mittag fahren die ÖBB daher mehrere Binnen-Sonderzüge Wien – Wels um die Hauptstadt zu entlasten. Dem Vernehmen nach sollen sich deren Insassen dann auf eigene Faust mit Regel-zügen nach Deutschland durchschlagen. Damit werden die deutschen Behörden unter Druck ge-setzt, denn nun würde mit starkem Flüchtlings-aufkommen auch über Passau zu rechnen sein, das bislang nur mit dem dortigen Autobahn-grenzübergang im Fokus stand.

    10.09.: Mit b. a. w. geplanten täglichen vier Sonderzügen, davon zwei über Passau, soll mehr Ordnung ins System gebracht werden. Ein fünf-ter soll Anschluss an den letzten RailJet aus Bu-dapest bieten, der planmäßig gegen 23 Uhr in Salzburg endet, und ein sechster tagsüber in München starten. Doch daraus wird nichts, weil aus dem politischen Berlin (angeblich sogar di-rekt aus dem Bundeskanzleramt) ein Verbot von Sonderzügen ab Grenze oder gar aus Österreich kommt. Daher werden nur zwei Sonderzüge ab München nach Düsseldorf gefahren. Dass trotz-dem viele weitere Flüchtlinge in München ein-treffen, treibt den Verantwortlichen vor Ort die Sorgenfalten auf die Stirn, möchte man doch angesichts des in der Folgewoche beginnenden Oktoberfestes den Flüchtlingsstrom lieber über Passau lenken.

    Im Schatten Salzburgs standen in der Berichterstattung oftmals die anderen Grenzübergänge zwi-schen Deutschland und Österreich. Dennoch war im August auch am Bahnhof Kufstein ein nicht unerhebliches Aufkommen an Flüchtlingen abzufertigen, die wie hier am 16.08.15 aus einem vom Brenner kommenden REX in den nachfolgenden EC nach München umstiegen. Foto: Sebastian Belz

    von Matthias hansen

  • 6

    FernBahn

    6 Bahn-Report 6/2015

    Als Reaktion auf die endgültige Absage Deutschlands, Sonderzüge aus Österreich zu fahren, stellen die ÖBB den Eisenbahnpersonen-verkehr über die ungarische Grenze ein. Der Gü-terverkehr läuft weiter.

    12.09.: Wie schon in der vorangegangenen Nacht werden wieder zwei Sonderzüge ab Salz-burg nach Hamburg bzw. Berlin gefahren. Die Gründe für das „Sonderzugverbot“ der letzten beiden Tage sickern durch: Die Kanzlerin will nicht, dass deutsche Züge in Wien auftauchen und dort Flüchtlinge abholen. Berlin schlägt stattdessen vor, dass die ÖBB selbst Züge schi-cken sollen, die man auch in die Bundesrepublik weiterleiten würde.

    Bei den ÖBB herrscht jedoch Fahrzeugmangel, zumal etlichen RailJet-Garnituren der Massenan-sturm der letzten Tage nicht gut bekommen ist. Trotzdem treffen allein an diesem Sonnabend 12.200 Flüchtlinge in München ein. Um diese enorm hohe Zahl überhaupt bewältigen zu kön-nen, müssen weitere Flächen für die Versorgung akquiriert werden. Die DB stellt dabei auch eine Grünfläche direkt vor ihrem Verwaltungsgebäu-de an der Donnersbergerbrücke zur Verfügung.

    13.09.: Zumindest ab Salzburg fährt wieder je ein Sonderzug Richtung NRW und Hamburg. Zunächst mit der Destination München ange-kündigte weitere Sonderzüge aus ÖBB-Regional-verkehrsmaterial fallen aus, doch wird erstmals ein Sonderzug von DB Regio nach Salzburg ge-schickt, um dort Flüchtlinge abzuholen, die am Folgetag zu großen Teilen per Bahn weiter im Bundesgebiet verteilt werden; Ziele sind u. a. Uelzen und Leipzig.

    Die BOB hat seit dem 05.09. 121 Meridian-Züge verstärkt und genau 32.986 Flüchtlinge zwischen Salzburg und München befördert, was knapp zwei Dritteln der rund 55.000 in Salzburg angekommenen Personen entspricht. Um die Auswirkungen auf die sonstigen Passagiere ge-rade angesichts des beginnenden Schuljahres gering zu halten, fahren dauerhaft zwei bis vier sogenannte „Unterwegsreiniger“ in den Zügen mit und in den Nachtstunden wird eine verstärk-te Anzahl an Grundreinigungen durchgeführt.

    Gegen 17 Uhr erhalten die betriebsleitenden Stellen die Information, dass ab sofort der Reise-zugverkehr zwischen Österreich und Deutsch-land einzustellen sei. In den folgenden Presse-konferenzen von Bundesinnenminister de Mai-zière und Bayerns Innenminister Herrmann wird die Einstellung – befristet bis Montag 5.00 Uhr – als bereits vollzogen verkündet, was aber prak-tisch noch nicht zutrifft.

    Erst mit einer schriftlichen Anweisung des Bundespolizeipräsidiums wird klar: Ab 13.09.15, 19.00 wird für „zunächst“ zwölf Stunden der „grenzüberschreitende schienengebundene Personenverkehr aus der Bundesrepublik Ös-terreich in die Bundesrepublik Deutschland“ untersagt. Dies erfolgt, wie die BOB in einer Pressemitteilung kommuniziert, auf Beschluss der Bundesregierung und betrifft in der Konse-quenz natürlich auch die Gegenrichtung, weil eine Rückkehr ja nicht möglich ist.

    14.09.: Um 7.00  Uhr läuft der grenzüber-schreitende Reiseverkehr wieder an, allerdings nicht zwischen Freilassing und Salzburg. Ge-gen 6 Uhr hatte die Strecke dort gesperrt wer-den müssen, da die ersten Flüchtlinge zu Fuß am Grenzfluss Salzach eingetroffen waren und diesen nun auf der Bahnbrücke – die kurz zu-vor wieder eingeführten Grenzkontrollen um-gehend – überquerten. Auch nachdem gegen 10 Uhr die Strecke wieder freigegeben worden ist, läuft der Verkehr nicht vollständig wieder an: Es fahren nur die Fernzüge, welche durch die Passkontrollen in Freilassing 30 bis 60 min Ver-spätung erhalten. DB Regio fährt einen Sonder-zug Salzburg – Frankfurt/M.

    Da die Kapazitäten der Bundespolizei be-grenzt sind, wenden der Meridian und die Züge der Südostbayernbahn (SOB) in Freilassing und die Salzburger S-Bahn in Liefering. Die sonst via Rosenheimer Kurve geführten ÖBB-Korridorzü-ge zwischen Salzburg und Wörgl werden über Zell am See umgeleitet, weil die deutsche Bun-despolizei auch auf deren Kontrolle besteht. In Freilassing streckt die Bundespolizei indes ge-gen 14 Uhr die Waffen: Sie hat mehrere hundert Flüchtlinge aus den Zügen geholt und der Bahn-

    hof ist überfüllt. Aus Österreich darf daher erneut mehrere Stunden lang kein Reisezug mehr nach Deutschland kommen.

    15.09.: Ab dem Nachmittag fahren anstelle des Meridian stündlich Busse von Freilassing nach Salzburg. In der Gegenrichtung ist kein Busnotverkehr möglich, so dass Reisende auf die Salzburger Stadtbuslinie 24 (Salzburg Ferdi-nand-Hanusch-Platz – Freilassing Sonnenfeld) verwiesen werden, die mit Meridian-Fahrschei-nen benutzt werden kann. Sie verkehrt Mo-Sa halbstündlich zwischen 6.00 und 19.30 Uhr, nicht jedoch sonntags und bedient auch die beiden Bahnhöfe nicht direkt.

    16.09.: Seit dem Vormittag ist der Übergang Salzburg – Freilassing auch für den SPFV faktisch wieder „dicht“. Bis 18 Uhr fahren noch drei Son-derzüge (davon zwei DB Regio-Garnituren mit Bn-Wagen) ins Bundesgebiet, ehe mit Einbruch der Dunkelheit der Grenzabschnitt erneut für rund zwei Stunden gesperrt wird, weil die Men-schen in unfassbaren Größenordnungen über die Brücke kommen. Zumindest bis dahin hatten Güterzüge noch problemlos verkehren können.

    17.09.: Die DB beschließt offiziell, den Fern-verkehr zwischen Salzburg und München einzu-stellen. Es werden aus Umlaufgründen lediglich noch EC 110/111 gefahren, doch auch der „ein-reisende“ EC 110 verkehrt nach einigen Tagen nur noch als Leerzug. „Aufgrund behördlicher Maßnahmen im Zusammenhang mit der aktu-ellen Flüchtlingssituation kommt es im Bahnhof Freilassing zu Behinderungen im Betriebsablauf. Es wird empfohlen, auf den Grenzbahnhof Pas-sau auszuweichen“, kommuniziert die DB Netz ihren Kunden.

    18.09.: Der ÖBB-Korridorverkehr über Freilas-sing wird wieder aufgenommen.

    19./20.09.: Es werden erstmals Sonderzüge über Passau gefahren. Mit dem Nürnberger S-Bahnhof Frankenstadion steuern diese neben München auch ein zweites innerbayerisches Ziel an. Da sich etliche Flüchtlinge vom Fran-kenstadion aus entlang der Gleise auf den Weg zum Hbf machen, muss der S-Bahnverkehr zwi-schen 11.00 und 11.30 Uhr kurzfristig eingestellt

    Diese Zeltstadt ist vor dem Geschäftsgebäude des Regionalbereiches Süd der DB Netz AG in München eingerichtet worden. Die hier zu sehenden Zelte dienen jedoch nur als Witterungsschutz. Übernachtungen sind nicht vorgesehen. Foto: Archiv Bahn-Report

  • 7Bahn-Report 3/2015

    FernBahn

    7Bahn-Report 6/2015

    werden. Zudem beginnen einige Züge wieder in Salzburg anstatt Freilassing. Die Flüchtlinge werden somit unregistriert direkt zu den Aufnah-mecentern im Bundesgebiet gefahren, was die in der Vorwoche eingeführten Grenzkontrollen ad absurdum führt.

    22.09.: Die DB gibt bekannt, dass der Fern-verkehr zwischen München und Salzburg (zu-nächst) bis zum 04.10. eingestellt bleibt. Der zum großen Teil aus den Knotenpunktreserven ge-speiste Sonderzugverkehr bewegt sich indes zu-nehmend in geordneten Bahnen, denn DB und ÖBB haben sich insofern gegenüber der Politik durchgesetzt, dass man Planung braucht. Die po-litischen Stäbe von Österreich und Deutschland vereinbaren jeweils am Vortag das Programm, gemäß dem vier oder fünf Sonderzüge täglich ab Ostösterreich nach Salzburg oder Passau lau-fen. An der Grenze Salzburg/Freilassung läuft das Prozedere dabei folgendermaßen ab: Nach einem kurzen Umstieg in Salzburg, müssen alle Flüchtlinge in Freilassing den Zug wieder ver-lassen. Bereits registrierte Flüchtlinge können nach der Registrierung wieder einsteigen. Für dieses „Abfertigungsverfahren“ sind insgesamt drei Stunden Aufenthalt eingeplant.

    26.09.: In einem Presseinterview gibt DB-Vor-stand Ronald Pofalla zu Protokoll, dass die DB in den vergangenen drei Monaten rund 130 000 Flüchtlinge in mehr als 100 Sonderzügen beför-dert. Erst in der Vorwoche habe die Bundesre-gierung der DB die Übernahme der Kosten zu-gesagt, für die man von einem siebenstelligen Betrag ausgehe.

    01.10.: Es tritt ein kurzzeitiger „Flüchtlings-mangel“ ein. Entgegen den öffentlichen Erklä-rungen, es gäbe einen Rückstau von mehreren 1.000 Personen in Passau als auch in Freilassing, konnten die Sonderzüge ins Bundesgebiet bei weitem nicht gefüllt werden.

    Das Bundesministerium fragt über den Ver-band Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) an, ob weitere EVU Transportkapazitäten für zusätzliche Flüchtlingszüge zur Verfügung stel-len können. Man wolle täglich „mindestens acht Sonderzüge“ fahren. Für einen Umlauf rechne man mit drei Tagen, so dass die EVU sechs Trieb-fahrzeugführer und vier Zugbegleiter benötig-ten. Die Organisation/Steuerung würde die DB übernehmen. Offensichtlich war lediglich die ODEG bereit solche Leistungen zu fahren. Diese fuhr an den beiden folgenden Wochenenden je einen Sonderzug.

    02.10.: Es wird bekannt, dass sich bis mindes-tens 12.10. am Grenzregime in Freilassing nichts ändern soll. Erneute Vorstöße zur Aufnahme ei-nes stündlichen Meridian-Pendels werden von der Bundespolizei abgelehnt. Tenor: Es gäbe per-sonell keine Ressourcen für die nötigen zusätzli-chen Kontrollen, denn man sei mit den täglichen Sonderzügen komplett ausgelastet.

    03.10.: Die ODEG überführt eine KISS-Doppel-garnitur leer von Berlin-Lichtenberg nach Freilas-sing, die am Folgetag Flüchtlinge von dort nach Bitterfeld bringt. Da der Zug „nicht vollzukriegen“ ist, fährt er mit fünfstündiger Verspätung ab.

    07.10.: Der Meridian fährt wieder bis nach Salzburg, in der Gegenrichtung jedoch bis Frei-lassing als Leerzug.

    08.10.: Auch in Richtung Deutschland wird der SPNV mit Meridian und ÖBB-S-Bahn wie-

    der aufgenommen. Es gibt jedoch nur wenige Verbindungen, meist im Zweistundentakt. Bei Meridian-Doppeltraktionen bleibt ein Zugteil bis Freilassing abgesperrt. Beim anderen erfolgt in Salzburg eine Passkontrolle und beim knapp zehnminütigen Aufenthalt in Freilassing noch-mals eine Sichtkontrolle der Reisenden durch die Bundespolizei. Es wird weiterhin ein einge-schränktes Angebot gefahren, dessen genauer Umfang jedoch unklar bleibt. So kommuniziert die BOB zumindest für die HVZ auch ab Salzburg zwar ein stündliches Angebot, die zeitgleich ver-sandten tagesaktuellen Fahrpläne enthalten je-doch nur drei Abfahrten ab Salzburg zuzüglich zum S-Bahn-Zweistundentakt. Im HAFAS wird der (viel dichtere) Normalfahrplan „simuliert“.

    Fazit zum Stichtag 10.10.Seit Ende September läuft der Sonderzugverkehr ab Salzburg bzw. Passau mit in der Regel drei Zü-gen von DB Fernverkehr und einem von DB Re-gio relativ stabil. Der Aufwand pro Zug ist gleich-wohl sehr hoch, da der Zielbahnhof erst kurz-fristig festgelegt wird und somit die Ressourcen

    „Nach dem geltenden europäischen Recht ist Deutschland für den allergrößten Teil der Schutzsu-chenden gar nicht zuständig“, sagte Bundesinnenminister Thomas de Maizière am 13.09.15 auf der Pressekonferenz, bei der nicht nur die Einführung der Grenzkontrollen, sondern auch die (zunächst) zwölfstündige Unterbrechung des Zugverkehrs zwischen Deutschland und Österreich verkündet wurde. „Nicht zuständig!“ – das ist nicht einmal mehr Zynismus. Es ist auch ein Schlag ins Gesicht der vielen, zumeist ehrenamtlich tätigen Helfer, die versuchen, die vielen Flüchtlinge zu versorgen, aber auch der vielen Eisenbahner, sei es bei DB Fernverkehr, DB Sicherheit oder DB Station&Service, die sich um den reibungslosen Transport der vielen Asylbewerber nach München und dann weiter ins Bundesgebiet per Zug kümmerten.

    Hinter vorgehaltener Hand wird erzählt, dass es das Bundeskanzleramt selbst untersagt hat, die Flüchtlinge bereits mit Sonderzügen im Osten Osterreichs abzuholen. Deutsche Wagen sollten keinesfalls den Eindruck erwecken, Deutschland hole die Flüchtlinge auch noch ab.

    Anstatt sich der humanitären Katastrophe, die der Flüchtlingstreck aus dem Nahen Osten über Südost- nach Mitteleuropa zweifelsohne darstellt, entgegenzustemmen und nach wirklichen Lösungen zu suchen, macht man lieber die Grenzen dicht. Sollen die österreichischen Nachbarn doch sehen, wie sie klarkommen. Das ist nichts anderes als Handeln nach dem St.-Florians-Prinzip und hat mit Menschlichkeit wenig zu tun.

    Den Schienenverkehr mit Österreich nach dem Gießkannenprinzip einfach überall einzustellen, kann man kaum als sinnvoll einschätzen. In Lindau beispielsweise war das Problem vorher nicht existent, ebenso wenig in Pfronten oder Griesen. Man verschaffte den Münchner Helfern vielleicht eine kleine Atempause, aber mehr nicht, denn die Leute wollen nach Deutschland und Skandina-vien. Und von Grenzen haben sich Massenbewegungen noch nie aufhalten lassen. So ist das in der Flüchtlingskrise ausgesprochene „Hp0“ für die Züge vom und zum österreichischen Nachbarn auch der Offenbarungseid für die nicht existente gemeinsame Flüchtlingspolitik der „Wertegemein-schaft EU“, die angesichts der aktuellen Probleme einem Hühnerhof gleicht, über dem der Habicht kreist... Immerhin hat man sich inzwischen um eine tragfähige Lösung bemüht, die auch „normale“ Verkehrsbedürfnisse auf der Schiene mit Österreich zulässt, anstatt den Verkehr in Anbetracht der zu bändigenden Flüchtlingsmassen einfach gänzlich einzustellen – frei nach dem Motto: „Mit der Eisenbahn kann man’s ja machen!“

    So lässt die Flüchtlingskrise auch bezüglich der Bahnreform tief blicken. Führende Politiker be-trachten „die Bundesbahn“ offenbar immer noch als Staatsbahn, die man nach Gusto dirigieren kann. Sonderzüge müssen zunächst ganz selbstverständlich von DB Fernverkehr gefahren werden. Doch dass hierfür Kosten anfallen, die selbstverständlich zu erstatten sind, wollte man anfangs nicht hören. Und dass auch andere EVU Kapazitäten bereitstellen könnten, schien zunächst außerhalb jeglicher politischer Vorstellungskraft. Stattdessen rümpfte man die Nase ob der Unbeweglichkeit des angeblich nach wie vor wie eine Behörde agierenden Bahnkolosses. Wieso man nicht losfahren könne, obwohl das Ziel noch gar nicht feststeht? Dem Innenministerium als Herr des ganzen Verfah-rens im Allgemeinen bzw. der Bundespolizei im Besonderen mangelt es grundsätzlich am Gespür für praktische Zwänge. Selbstherrlichkeit ist dort gelebte Praxis. Von daher kann man natürlich ganz leicht sich für „nicht zuständig“ erklären. Dann sollte man aber auch die Nicht-Zuständigkeit sofort umsetzen und die Bewältigung dieser zweifellos beachtlichen Herausforderung Leuten mit Sachverstand überlassen.

    Nicht zuständigein KoMMentar von Klaus anKer

    (z. B. Lokführer und DB Sicherheit, aber auch die Hilfsdienste und die Versorgung) operativ geplant und disponiert werden müssen. DB Fernverkehr bedient sich insbesondere für die Leergarnitu-ren häufig anderer EVU (z. B. RailAdventure), um sich von diesem Planungsaufwand zu entlasten.

    Die Einstellung des Fernverkehrs über den Grenzübergang Freilassing wurde bei Abschluss dieses Artikels bis einschließlich 18.10. verlängert (und sollte bei Drucklegung dieser Ausgabe darü-ber hinaus bis zum 01.11. anhalten). Für den SPNV scheint man mit den annähernd zweistündlich verkehrenden Zügen eine tragfähige Lösung auf niedrigem Niveau gefunden zu haben.

    Wie immer gilt jedoch: „Prognosen sind schwie-rig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen“– das wusste schon Mark Twain.

    Da von Bundeskanzlerin Merkel, aber auch vom bayerischen Ministerpräsidenten Seehofer mit-unter recht überraschende Entscheidungen und Kehrtwendungen bekannt sind, kann es sein, dass die Lage bei Erscheinen dieses Heftes schon wie-der eine gänzlich andere ist und den Eisenbahn-betrieb vor neue Herausforderungen stellt.