Jenseits des Raubbaus

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Text of Jenseits des Raubbaus

  • Ausgabe 1September 2015

    LATE NAMER KA

    Jenseits des RaubbausLateinamerikanische Alternativen zum Extraktivismus

  • MExiko-StAdt

    SAn SALvAdor

    rio dE jAnEiro

    SAntiAgo dE chiLE

    Perspectivas Lateinamerika erscheint in enger Zusammenarbeit mit den Bros der Heinrich-Bll-Stiftung in Lateinamerika.

    Die Heinrich-Bll-Stiftung ist eine politische Stiftung und steht der Partei Bndnis 90 / Die Grnen nahe. Sie hat ihren Hauptsitz in Berlin und unterhlt derzeit 31 Bros weltweit. In Latein-amerika engagieren wir uns gemeinsam mit vielen Partnerinnen und Partnern insbesondere in der Klima- und Ressourcenpolitik, wir frdern Demokratie und Geschlechtergerechtigkeit und die Umsetzung der Menschenrechte. Elementar wichtig ist uns die Strkung und Untersttzung lokaler zivilgesellschaftlicher Orga-nisationen. Die Stiftung bemht sich um die intensive Vermitt-lung von Wissen und Verstndnis zwischen den Akteurinnen und Akteuren in Europa und Lateinamerika; dazu gehrt auch die Frderung internationaler Dialoge, denn sie sind die Vorausset-zung fr konstruktives Handeln.

    Heinrich-Bll-Stiftung

    Titelillustration: Jorge Aurelio lvarez

  • Inhalt

    2 Vorwort

    8 Neo-Extraktivismus EinumstrittenesEntwicklungsmodellundseineAlternativen

    Edgardo Lander

    12 NachdenPlnderungen:WegeindenPost-ExtraktivismusAlberto Acosta

    18 DerPost-ExtraktivismusunddieHerausforderung, denMetabolismusderWeltwirtschaftanderszudenken

    Camila Moreno

    23 LandnahmefrdenFleischteller DebattenundAlternativenzumModelldesAgrobusinessinArgentinien

    Maristella Svampa

    28 ZwischenWasserkraftundPetrodollar DemokratischeEnergie-GovernanceinPerualsHerausforderung

    Carlos Monge

    34 ZeitfrReformen:FinanzpolitikundSteuersystemeinLateinamerikaMiguel ngel Gonzlez und Juan Pablo Jimnez

    39 TerritorialerWiderstandinLateinamerikaAstrid Ulloa

    44 DieWertschtzungdesLebens FeministischeAlternativenzumgegenwrtigenGesellschaftsmodell

    Nalu Faria

  • inzwischen alle Regierungen Sdamerikas ungeachtet ihrer politischen Ausrichtung einen neuen kontinentalen Rohstoff-Kon-sens mittragen und ihre Volkswirtschaften danach ausrichten, haben sich die Linken sowie Basisorganisationen und Volksbe-wegungen ber diese Frage gespalten. Auf der einen Seite stehen diejenigen, die die Politik der progressiven Regierungen ver-teidigen, welche zumindest fr die erste Phase der Transformation zu einem Sozial-staat der kurzfristigen Lsung der sozialen Frage durch Wirtschaftswachstum Prioritt einrumen. Die sozialen, kologischen und strukturellen Folgen des Extraktivismus werden dabei kaum problematisiert. Auf der anderen Seite stehen diejenigen, die die Ziele der gesellschaftlichen Neuori-entierung durchaus teilen, sich aber die Suche nach Alternativen zum grenzenlosen Wachstum als vorrangiges strategisches Ziel gesetzt haben.

    Auch Alberto Acosta beschreibt die Widersprche, die das extraktivistische Akkumulationsmodell hervorbringt. Er kri-tisiert das Fehlen einer radikalen Vermgens- umverteilung, die komplexe soziale und politische Prozesse voraussetzen wrde. Er fordert kein abruptes Ende aller extrakti-vistischen Ttigkeiten, sondern den ber-gang hin zum Post-Extraktivismus. Dafr braucht es eine sinnvolle Strategie, die mit breiter, echter Brger/innenbeteiligung erarbeitet werden muss. Als erste Schritte fr sein Heimatland Ecuador schlgt er die Vergrerung der Einkommensba-sis des Staates vor, z. B. ber eine hhere Besteuerung der reichsten 10 Prozent der Bevlkerung, den Abbau von Kraftstoffsub-ventionen und eine Neuverhandlung der Vertrge mit den Telekommunikationsge-

    In den vergangenen fnfzehn Jahren sind in vielen Lndern Lateinamerikas linke bzw. progressive Regierungen an die Macht gekommen. Sie haben versprochen, die neoliberale Politik ihrer Vorgnger zu been-den, Armut zu verringern und fr mehr soziale Gerechtigkeit zu sorgen. Um die dafr notwendigen staatlichen Einnahmen zu generieren, fhren sie den bislang schon extensiven Rohstoffabbau fort allerdings unter strkerer Kontrolle des Staates. Diese Regierungen haben weltweit eine starke Vorbildfunktion fr soziale Bewegungen. In Lateinamerika beginnt die anfngliche Euphorie allerdings zu brckeln. Dort, wo sich die Schwchen dieses Entwicklungs-modells zeigen, wchst Widerstand. Dies gilt insbesondere fr Regionen weitab der Hauptstdte, wo der extensive Rohstoffab-bau oft zu katastrophalen Umweltschden fhrt. Es mehren sich die kritischen Stim-men, die diesen Extraktivismus prinzipiell hinterfragen und nach Alternativen suchen. Dabei geht es nicht nur um ein neues Ent-wicklungsparadigma, sondern auch darum, wie der Weg dorthin gestaltet werden kann. Damit stehen die lateinamerikanischen Kritiker/innen nicht alleine: Ausgehend von einer radikalen Kritik am globalen Wirt-schaftsmodell werden berall auf der Welt Alternativen diskutiert. Dazu gehren Soli-darische konomie, Degrowth, Commons, um nur einige zu nennen. Die globale Pers-pektive kommt jedoch hufig zu kurz.

    In diesem Heft stellen wir einige der Anstze und berlegungen aus Lateiname-rika vor, um damit auch in Deutschland die Diskussion zu bereichern und eine globale Sicht der Dinge zu befrdern. Edgardo Lan-der fhrt in die Debatte um den Neo-Extrak-tivismus in Lateinamerika ein. Whrend

    Vorwort

    2 Vorwort

  • sellschaften, statt auf die Erschlieung wei-terer Erdlvorkommen zu setzen.

    Camila Moreno erweitert die Pers-pektive auf den Extraktivismus, sieht ihn als Sule des globalen Kapitalismus. Sie beschreibt seinen Stellenwert in den Wert-schpfungs- und Versorgungsketten und seine Funktion im Metabolismus der Welt-wirtschaft, gekennzeichnet durch wechsel-seitige Abhngigkeiten. Ihrer Ansicht nach kann der Extraktivismus nur durch eine grundlegende Vernderung des globalen Entwicklungsmodells berwunden werden. Dazu gehren zum Beispiel die Verkrzung der Wirtschaftskreislufe und die Relokali-sierung der Volkswirtschaften.

    Mit Fragen der Landwirtschaft beschf-tigt sich Maristella Svampa. Am Beispiel Argentiniens, einem Land, dessen Wohl-stand traditionell auf Agrarexport beruht, zeigt sie die Schwierigkeiten auf, dem expansiven Agrobusiness-Modell alterna-tive Anstze entgegenzusetzen. Dabei kon-zentriert sie sich vor allem auf diejenigen, die einen solchen Wandel tragen knnten: Kleinbauern- und Indigenenbewegungen, kritische Nichtregierungsorganisationen und Forscher/innen. Die Politik der argen-tinischen Regierung nach 2008, auch klein-buerliche Landwirtschaft in begrenztem Rahmen zu frdern, fhrte zur Spaltung und damit letztlich zur Schwchung die-ser Organisationen und Akteure. Deshalb empfinden viele diese Politik weniger als Strkung, sondern vielmehr als Autono-mieverlust, der sie in die Abhngigkeit von sozialen Transferleistungen bringt.

    Carlos Monge zeigt am Beispiel des Energiesektors in Peru die Bedeutung von Governance-Fragen fr alternative Entwicklungswege. Solange die Entschei-dungsfindung ber Energiefragen und Naturressourcen auf wenige Sektoren der Zentralregierung konzentriert ist, blei-ben die Auswirkungen auf die unmittel-bar betroffene Bevlkerung weitgehend unbercksichtigt, nachhaltigere Nutzungs-mglichkeiten werden kaum in Betracht gezogen. Damit solche Entscheidungen dem allgemeinen Interesse dienen, muss der Aufbau von demokratischen Gover-nance-Strukturen vorangetrieben werden.

    Miguel Gonzlez und Juan Pablo Jim-nez beschftigen sich mit der Finanz- und Steuerpolitik in Lateinamerika. Die hohe Abhngigkeit vom Export von Rohstoffen machen die Staaten sehr anfllig bei massi-vem Preisverfall. Die beiden Autoren erlu-tern die Steuerungswirkung und damit das

    Umverteilungspotential von direkten und indirekten Steuern und zeigen, welche Herausforderungen eine nachhaltige, auf Gerechtigkeit ausgelegte Finanz- und Steu-erpolitik meistern muss.

    Fragt man nach den Akteur/innen des gesellschaftlichen Wandels und nach alter-nativen Gesellschaftsmodellen, so stt man immer wieder auf die Bedeutung der Territorien und ihrer Bewohner/innen: Dort erfolgt die unmittelbare Ausbeutung der Naturressourcen, sie sind diejenigen, die am meisten unter den negativen Folgen des extraktivistischen Wirtschaftsmodells zu leiden haben und am wenigsten von ihm profitieren. Astrid Ulloa erlutert das in Europa noch weitgehend unbekannte indigene Konzept des Territoriums, in dem die Naturverhltnisse weit ber die stoffli-che Materialitt von Land und Boden hin-ausweisen und verschiedene rumliche, physische, symbolische und auf Alltagser-lebnisse gesttzte Dimensionen beinhal-ten. Aus dem lokalen Widerstand und den lokalen Strategien zur Verteidigung der Ter-ritorien erwachsen nicht nur Alternativen zum Extraktivismus, sondern auch zum westlichen Entwicklungsgedanken.

    Im letzten Beitrag skizziert Nalu Faria Bausteine eines alternativen Gesellschafts-modells aus feministischer Perspektive. Die Neubewertung von Sorgearbeit und Natur ist dabei zentral. Feministinnen kritisieren, dass Haus- und Sorgearbeit genau wie die Natur als Externalitten des Wirtschaftsmo-dells und als unerschpfliche Ressourcen fr die kapitalistische Produktion betrach-tet werden. Anhand von Beispielen aus ver-schiedenen Regionen zeigt Nalu Faria, wie Frauen auf der lokalen Ebene damit begon-nen haben, Alternativen zu entwickeln.

    Mit dieser Ausgabe mchten wir Ihnen Perspectivas vorstellen, die neue Publika-tion der Heinrich-Bll-Stiftung, die vom Lateinamerika-Referat verantwortet wird. Etwa zweimal im Jahr werden wir mit den Perspectivas wichtige Debatten und The-men aus Lateinamerika nach Deutschland holen. Wir wnschen Ihnen eine interes-sante Lektre.

    Berlin, im September 2015

    IngridSpillerLeiterin Regionalreferat Lateinamerika der Heinrich-Bll-Stiftung

    3Vorwort

  • Quellen: Vgl. Acosta, Alberto (2012): Extraktivismus: Die offenen Adern der Natur, Sdwind-Magazin, Wien www.sue