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2.10 Magazin für ländliche Entwicklung Schwerpunkt Multifunktionalität Multifunktionalität im ländlichen Raum Ökosystemleistungen und Kulturlandschaften | Regionalentwicklung und Lebensqualität | Multifunktionale Landwirtschaft Kulturlandschaftspreis 2010 Rege Teilnahme – erfolgreiche Umsetzung | Die Siegerprojekte Netzwerk Land Jahreskonferenz 2010 | Leader-Netzwerk | Arbeitsprogramm Land- und Forstwirtschaft + Markt | Baupreis Landwirtschaft International Nachbar Slowakei – Das Nationale Netzwerk für ländliche Entwicklung ausblicke

ausblicke 2.10 - Multifunktionalitaet: Magazin fuer laendliche Entwicklung

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ausblicke – Magazin für ländliche Entwicklung ist die zweimal jährlich erscheinende Zeitschrift von Netzwerk Land. Inhalt: Informationen zu Themen der ländlichen Entwicklung und Neuigkeiten von Netzwerk Land und Partnernetzwerken. Netzwerk Land ist die vom Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft eingerichtete Servicestelle zur Begleitung und Vernetzung des Österreichischen Programms für die Entwicklung des ländlichen Raums 2007–2013.

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2.10 Magazin für ländliche Entwicklung

Schwerpunkt

MultifunktionalitätMultifunktionalität im ländlichen RaumÖkosystemleistungen und Kulturlandschaften |Regionalentwicklung und Lebensqualität |Multifunktionale Landwirtschaft

Kulturlandschaftspreis 2010Rege Teilnahme – erfolgreiche Umsetzung |Die Siegerprojekte

Netzwerk LandJahreskonferenz 2010 | Leader-Netzwerk |Arbeitsprogramm Land- und Forstwirtschaft +Markt | Baupreis Landwirtschaft

InternationalNachbar Slowakei – Das Nationale Netzwerkfür ländliche Entwicklung

ausblicke

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Prolog ausblicke 2|10 1

Wir leben in Österreich in einem vielfältigen Land mit einem leben-digen ländlichen Raum. Unsere Bäuerinnen und Bauern erzeugennicht nur landwirtschaftliche Produkte, sondern tragen tagtäglichzum Erhalt einzigartiger Kulturlandschaften bei. Zusätzlich schaffensie Lebens- und Erholungsräume, garantieren die Sicherheit unse-rer Lebensmittel, erhalten die Infrastrukturen im ländlichen Raumund schützen das Klima. Diese multifunktionalen Leistungen müssengerecht entlohnt werden. Deshalb ist die Wichtigkeit der Agrar-zahlungen deutlich zu machen. Agrarzahlungen sind keine Sozial-förderungen, sondern werden nur gegen Leistung ausgezahlt.

Die Zahlungen kommen vor allem den kleinen landwirtschaft-lichen Betrieben zugute, ohne die der ländliche Raum nicht über-lebensfähig wäre. Dies belegt auch eine aktuelle WIFO-Studie zuden Auswirkungen der Agrarzahlungen für die heimische Landwirt-schaft. Die Ergebnisse machen die Dramatik deutlich: Ohne Agrar-zahlungen müsste jeder zweite Hof zugesperrt werden, im Berg-gebiet sogar noch mehr. Ohne Agrarzahlungen würden mehr als100.000 Menschen ihre Arbeit verlieren: 78.000 im landwirtschaft-lichen und 23.000 im nichtlandwirtschaftlichen Bereich.

Wir müssen also die Wettbewerbsfähigkeit und Innovations-kraft unserer landwirtschaftlichen Betriebe weiterhin stärken. Einesist sicher: Ohne die Zahlungen und Leistungsabgeltungen könnenunsere landwirtschaftlichen Betriebe die vielfältigen Leistungennicht erbringen, und Österreich würde den Wachstumsmotor länd-licher Raum verlieren. |||

Wachstumsmotor ländlicher RaumLandwirtschaftsminister DI Niki Berlakovich

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ausblicke 2|10 Vorwort2

Eine Sache, mehrere Wirkungen – wer will das nicht? Das Lebenist voll davon: Eine Bonbonniere für die Oma zum 80er schmecktnicht nur gut, sondern drückt auch Liebe und Wertschätzung aus.Der berühmte Blumenstrauß, das dicke Auto, der schicke Urlaubs-ort – sie alle haben noch eine tiefere Bedeutung, haben noch einezweite und dritte Funktion.

Ein alltägliches Beispiel sei noch ausgeführt, das den wenigs-ten in seiner Vielschichtigkeit bewusst ist: das Essen. Essen istnatürlich Nahrungsaufnahme und sättigt den Körper, indem ihm dienötigen Nährstoffe und Energie zugeführt werden. Essen ist aberviel mehr. Es hat seit Menschengedenken auch eine soziale Funk-tion. Das gemeinsame Mahl mit der Familie, das Festessen mitFreunden und Bekannten zu bestimmten Anlässen, wer mit wem amTisch sitzt, wer wo am Tisch sitzt – all das drückt vieles aus, dasweit darüber hinausgeht, dass man den Bauch voll oder einenbequemen Platz am Tisch hat. Und dann gibt es ja auch noch dieBedeutung von Speisen in allen Religionen zu allen Zeiten …

Multifunktion ist besser als Monofunktion – eine Kombizangekann mehr als eine Beißzange. Allerdings lässt sich ein Nagelleichter mit einer Beißzange als mit einer Kombizange heraus-ziehen – damit braucht man mehr Kraft und handwerkliches Ge-schick. Spezial versus generell? Kommt darauf an! In unserer Zeitdes Spezialistentums, in der im Rahmen der Arbeitsteilung zertifi-zierte Spezialisten (selbsternannte zählen nicht) über immer weni-ger immer mehr wissen, bis sie über nichts alles wissen, sindAllgemeinwissen/-bildung, mehrere Funktionen in einer Personbzw. in einer Firma wieder gefragt: Man schätzt Generalunterneh-mer, die sich intern darum kümmern, dass alle Arbeitsschritterichtig erledigt werden. Im Marketingsprech nennt man das„Komplexitätsreduktion“. Beispiel: Eine Buchung im Reisebüro, die

Anreise, Aufenthalt, Sightseeing, Essen, Versicherung etc. enthält.Der ländliche Raum war immer Generalist: Er lieferte seit jeherLebensmittel (dafür hat man ja schließlich das Land urbar ge-macht), Energie (wo sollte in der Stadt so viel Holz wachsen?),Baustoffe, Wasser. Was man eben in einer spezialisierten Stadt sobraucht. Er stellte aber auch Menschen für die Fabriken zurVerfügung, für die Frisiersalons, die Wiener Polizei (die angeblichzur Hälfte aus Mistelbachern besteht). Er nahm den Müll und dasAbwasser der Städte sowie die Abgase der Industrie auf.

Und heute? Gewisse Funktionen, die der ländliche Raumschon immer hatte, haben eine neue Bedeutung erlangt. Die Pro-duktion von Lebensmitteln durch Bewirtschaftung der Flächen istgeblieben, wenn auch die Intensitätsbandbreite größer wurde. DasThema Energie wird gerade durch erneuerbare Energiequellen(Wasser, Wind, Biomasse) neu definiert. Die Erholungsfunktion fürStadtmenschen wird immer bedeutender, je belastender das Lebenin den Städten wird. Der Speckgürtel der Städte ist eine Mischform,bei der Wohnen und Schlafen im Vordergrund stehen. Als (H)Ort derArtenvielfalt sind Städte keine Alternative, auch wenn sich dortmittlerweile Wildschweine und Biber wohlfühlen. Ökonomisch ver-liert das Land: weniger Menschen, weniger Konsum, weniger In-frastruktur, weniger Produktion.

Ich liege beim Schreiben dieser Zeilen in einer Hängematteam Meer und mir fällt gerade ein, wie viele Funktionen das Meererfüllt: als Temperaturpuffer, Feuchtigkeitsspender, Eiweißlieferant,Müllhalde, Transportweg, Entstehungsort des Lebens, Symbol fürWeite und Reisen … Aber das ist eine andere Geschichte!

Christian Jochum, Netzwerk Land

Multifunktionalität

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Inhalt

1 Prolog2 Vorwort

Multifunktionalität imländlichen Raum

6 Multifunktionalität – mehr als ein Schlagwort?Alois Heißenhuber

Ökosystemleistungen undKulturlandschaften

10 Ökosystemleistungen und LandwirtschaftUlrich Hampicke

13 Ökonomie und Biodiversität Carsten Neßhöver

14 Die vielen Aufgaben der Landwirtschaft –und ihre Zielkonflikte

16 Neun Ansichten zum Thema„Der Wert von Kulturlandschaften“

Regionalentwicklung undLebensqualität

18 Multifunktionalität im ländlichen RaumAlexandra Bednar

20 Lebensqualität im ländlichen Raum oderDie Renaissance der Orte in einer neuenRegionalität Hans Holzinger

22 Umweltressourcen: Integrierte regionaleLösungen sind gefragt! Bernhard Ferner

24 Multifunktionale Regionen

Multifunktionale Landwirtschaft26 Kulturlandschaft und Landwirtschaft Karl Buchgraber28 Die vielen Funktionen des Waldes Gregor Grill30 Landwirtschaft und Gesellschaft: Zwischen Tradition

und Moderne Gerhard Hovorka

32 Viele Funktionen, viele Sichtweisen

Kulturlandschaftspreis 201036 Kulturlandschaftspreis 2010: Rege Teilnahme – erfolgreiche

Umsetzung Hemma Burger-Scheidlin

38 Kulturlandschaft & Visionen 2020 – Siegerprojekt39 Kulturlandschaft & Gemeinschaftliche Initiativen – Siegerprojekt40 Kulturlandschaft & Landwirtschaft/Forstwirtschaft – Siegerprojekt41 Sonderpreis „Eine wichtige Kleinigkeit“42 Kulturlandschaft & Tourismus – Siegerprojekt43 Kulturlandschaft & Bildung – Siegerprojekt

Netzwerk Land46 Veranstaltungen im Zeichen der Vielfalt Michael Proschek-Hauptmann

48 Das Leader-Netzwerk in Zeiten des Mainstreamings Luis Fidlschuster50 Netzwerk Land und die Wettbewerbsfähigkeit der Land- und

Forstwirtschaft Christian Jochum

52 ÖKL-Baupreis Landwirtschaft Dieter Brandl54 Die Österreichischen Naturparke – eine Landschaftsvielfalt

Gerlinde Wakonigg

55 Lokale Agenda 21 in Österreich Martina Schmalnauer

56 Leader-Region Südburgenland: Paradies im Aufbruch Teresa Arrieta

58 Leader-Region Villach-Hermagor: Orte der Kraft in derDreiländerregion Teresa Arrieta

International60 Nachbar Slowakei: Das Nationale Netzwerk für

ländliche Entwicklung Malvína Gondová

62 Internationale Termine

63 Literatur- und Webtipps64 NWL-Veranstaltungen65 Impressum

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Multifunktionalität imländlichen Raum

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Der ländliche Raum als attraktiver Wirtschafts-, Kultur-,Identifikations- und Lebensraum: Was können einemultifunktionale Landwirtschaft und eine integrierteländliche Entwicklungspolitik dazu beitragen?

LandArtCrossSoccer(rhizom)beimFestivalderRegionen2005,JosefPausch

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ausblicke 2|10 Multifunktionalität im ländlichen Raum6

m europäischen Vertrag von 1957 wurden folgendeZiele der europäischen Agrarpolitik festgehalten: För-derung der landwirtschaftlichen Produktivität, Siche-rung einer „angemessenen Lebenshaltung“ der land-wirtschaftlichen Bevölkerung, Stabilisierung derMärkte und sichere Versorgung der Verbraucher zuangemessenen Preisen. Vor fünfzig Jahren wurdealso der Landwirtschaft in erster Linie die Aufgabezugeschrieben, Lebensmittel und agrarische Roh-stoffe zu erzeugen. Vor zwanzig Jahren erfolgte dieFormulierung des sogenannten Europäischen Agrar-modells (vgl. OECD, 2001). Demzufolge hat die Land-wirtschaft zwei Funktionen, nämlich die Produktionvon Lebensmitteln und agrarischen Rohstoffen sowiedie Erbringung von Umweltleistungen im Zusammen-hang mit ländlicher Entwicklung.

Es werden demnach zwei Arten von Leistungenerwartet: die Erzeugung von „privaten“ und von„öffentlichen“ Gütern. Private Güter werden voneinem Unternehmer, zum Beispiel einem Landwirt,aus eigenem Interesse heraus erzeugt, und die Ent-lohnung erfolgt über den Markt. Öffentliche Güterhingegen werden nicht am Markt gehandelt, siehaben also keinen Preis. Das generelle Kennzeichenöffentlicher Güter ist die Tatsache, dass man nie-manden von der Nutzung ausschließen kann unddass das Gut von verschiedenen Personen zur glei-chen Zeit genutzt werden kann. Auf der einen Seitekann man sie also unentgeltlich nutzen, auf der an-deren Seite bekommt man für deren Bereitstellung

auch nichts bezahlt. In einer Obstbauregion etwastellt der Anblick blühender Bäume ein öffentlichesGut dar. Niemand braucht dafür etwas zu bezahlen.Das gilt auch für den Anblick eines Sonnenblumen-feldes oder einer schönen Kulturlandschaft – egal, obes sich um eine malerische Gegend in Österreichoder um eine beeindruckende Terrassenlandschaftauf den Philippinen handelt. Das erste Interesse derLandwirte besteht darin, Obst zu erzeugen, Sonnen-blumenkerne zu ernten oder Reis zu gewinnen.Zudem liegt hier ein Koppelprodukt vor: Ein Betriebproduziert zwei oder mehrere miteinander verbun-dene Güter oder Dienstleistungen. Der Anblick blü-hender Obstbäume oder eines Terrassenfeldes odereiner attraktiven Kulturlandschaft ist also sowohl einöffentliches Gut als auch ein kostenloses Koppelpro-dukt. Durch das wirtschaftliche Handeln des Land-wirts werden mehrere Güter gleichzeitig hervorge-bracht, was die Tatsache der Multifunktionalität um-schreibt.

ls Zwischenfazit bleibt festzuhalten: Das Wirt-schaften erfolgt zuerst im ureigensten Interesse desUnternehmers. Es entstehen dabei in einem mehroder weniger großen Umfang Koppelprodukte. Des-halb spricht man auch von einem multifunktionalenWirtschaften. Diese neben der Produktion auftreten-den externen Effekte können positiver, aber auchnegativer Art sein. Aus diesen Zusammenhängen er-

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Multifunktionalität – mehrals ein Schlagwort?

Der Begriff Multifunktionalität ist zu einem häufig gebrauchtenSchlagwort geworden. Nicht zuletzt im Vorfeld der Verhandlungenzur Neuorientierung der EU-Agrarpolitik nach 2013 wird diemultifunktionale Ausrichtung der europäischen Landwirtschaftals Argument zur Begründung für die Fortführung der Direkt-zahlungen verwendet. Alois Heißenhuber

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Multifunktionalität im ländlichen Raum ausblicke 2|10 7

gibt sich die Frage, inwieweit eine Honorierung derpositiven externen Effekte aus öffentlichen Geldernerfolgen und in welcher Weise die Vermeidung dernegativen externen Effekte angestrebt werden soll.Es ist zu klären, bis zu welchem Niveau das Verursa-cherprinzip zur Anwendung kommt und in welchemAusmaß die Vermeidung negativer externer Effektehonoriert wird.

Verursacher- und GemeinlastprinzipDas Verursacherprinzip besagt, dass der Verursa-cher einer Ressourcenbelastung für die Vermeidungoder Beseitigung verantwortlich ist und deshalb dieKosten der Vermeidung, der Beseitigung oder desSchadensausgleichs tragen muss. Durch diese Vor-gehensweise erfolgt eine Internalisierung der beiProduktion und Konsum entstehenden Zusatzkosten,das heißt, eine Anrechnung der Vermeidungs- bzw.Beseitigungskosten auf die Produkte. Somit tragendiese Kosten beim Verursacherprinzip die Produzen-ten und schließlich die Konsumenten.

Bei der Anwendung des Verursacherprinzipskönnen sich bei der Identifizierung, Zurechnung undBewertung der externen Effekte (räumliche und zeit-liche Differenz) Schwierigkeiten ergeben, und eskann sein, dass keine Zusatzkosten auf den Preisüberwälzt werden. Das ist der Fall, wenn die Aufla-gen ein kleines Gebiet, zum Beispiel ein Wasser-schutzgebiet, betreffen und deshalb beim Landwirtkeine Überwälzung auf den Erzeugerpreis stattfindet.In solchen Fällen bietet sich das Gemeinlastprinzipan, bei dem zum Beispiel die Kosten des Umwelt-schutzes von der öffentlichen Hand (Steuerzahler)übernommen werden. Das Gemeinlastprinzip kommtzum Zug, wenn das Verursacherprinzip nicht an-wendbar ist, weil es Identifizierungs- und Zurech-nungsprobleme gibt, negative Nebeneffekte (sozialeHärten, Wettbewerbsverzerrung) vermieden werdensollen oder es um die Beseitigung von Altlasten geht.

Es verbleiben schließlich zwei entscheidendeFragen:f In welchem Maß ist der Ressourcenschutzvom Unternehmer (Landwirt) im Rahmen desVerursacherprinzips unentgeltlich zu erbringen,also für welche negativen externen Effektesoll der Landwirt belastet werden?

f In welchem Ausmaß wird die Vermeidungnegativer externer Effekte honoriert, bzw. fürwelche positiven externen Effekte (Umwelt-leistungen) soll der Landwirt gezielt honoriertwerden?

ie erste Frage betrifft die Festlegung des Niveausder „guten fachlichen Praxis“, die das Ergebnis einespolitischen Entscheidungsprozesses ist. Die Wissen-schaft kann bei diesem Prozess beratend zur Seitestehen und Zusammenhänge aufzeigen. Für die Ein-haltung des gesetzlich festgelegten Niveaus sollte eskeine Kompensationszahlungen geben. Allerdingskönnte man argumentieren, dass die umweltbezoge-nen Vorschriften innerhalb der EU strenger sind alsaußerhalb der EU, weshalb Kompensationszahlungengeleistet werden müssen. Diese Forderung ist jedochnicht so ohne Weiteres haltbar. So gibt es auch fürandere Branchen Anforderungen, die innerhalb derEU höher liegen als außerhalb der EU, ohne dass eineAusgleichszahlung geleistet wird. Zum Teil verbes-sert sich damit der Produktwert; somit ist auch in-nerhalb der EU eine konkurrenzfähige Produktionmöglich. Dem könnte man entgegnen, dass in derLandwirtschaft häufig Produkte erzeugt werden, dieals Rohstoffe weiterverarbeitet und nicht unmittelbaran die Endverbraucher verkauft werden, und deshalbeine Überwälzung auf den Preis schwieriger möglichsei. Zudem hat die Landwirtschaft die Besonderheit,dass sie standortgebunden ist und deshalb bei höhe-ren Standards nicht auf andere Orte ausweichenkann, was in der Industrie durchaus üblich ist.

Tatsache ist, dass in der EU momentan Direkt-zahlungen in erheblichem Umfang gewährt werden,sofern der Landwirt die Cross-Compliance-Auflageneinhält. Bei den derzeitigen Verhandlungen zurReform der EU-Agrarpolitik nach 2013 wird dieBegründung dieser Direktzahlungen sehr kontroversdiskutiert. Tatsache ist auch, dass die Cross-Compliance-Auflagen weitgehend den gesetzlichenVorschriften innerhalb der EU entsprechen. AlsBegründung wird das höhere Niveau gegenüberDrittländern angeführt. Die in Deutschland regionali-sierte Flächenprämie lässt sich mit diesem Argumentaber nur sehr bedingt begründen, da die unter-schiedlichen Betriebe nicht im gleichen Maß von den

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gesetzlichen Vorgaben bzw. von den Cross-Compli-ance-Vorschriften betroffen sind. So hat ein Milch-viehbetrieb viel mehr Auflagen zu erfüllen als einMarktfruchtbetrieb, beide bekommen aber die glei-che Flächenprämie. Insofern stellt eine einheitlicheFlächenprämie in dieser Höhe keine objektiv be-gründbare Vorgehensweise für die erhöhten Aufla-gen der EU-Landwirtschaft gegenüber Drittländerndar. Betrachtet man des Weiteren die enormen Un-terschiede zwischen den EU-Ländern, lässt sicherahnen, dass die bisherige Vorgehensweise bei derGewährung der Direktzahlungen der sogenannten1. Säule auf Dauer nicht so bleiben kann.

Die zweite Frage bezieht sich auf die Honorie-rung der Vermeidung negativer externer Effekte unddie Entlohnung von positiven externen Leistungen.Grundsätzlich bleibt festzuhalten, dass eine multi-funktionale Landwirtschaft nicht generell auch eineHonorierung zur Konsequenz hat. Der Anbau vonSonnenblumen trägt sehr wohl zu einem schönenLandschaftsbild bei, kann aber nicht automatischeine staatliche Direktzahlung zur Folge haben. Inso-fern müssen schon bestimmte Bedingungen vorlie-gen. Ein Landwirt muss also zu einem höheren Ni-veau wirtschaften, als es die gute fachliche Praxisvorschreibt. Des Weiteren muss es sich um ein„knappes Gut“ handeln. Man wird doch keine Hono-rierung leisten, wenn die Bevölkerung an der Bereit-stellung dieses Gutes kein Interesse hat. So ist zu er-klären, dass vor fünfzig Jahren für die Bewirtschaf-tung von Almen keine zusätzlichen staatlichen Mitteleingesetzt wurden, da es wohl genügend Almen gab

und deren Bewirtschaftung in keiner Weise gefähr-det war. Nun kann man aber nicht nur die gegenwär-tige Situation als Maßstab nehmen. Wenn erkennbarist, dass bei einer Fortsetzung der gegenwärtigenEntwicklung eine unerwünschte Verschlechterungder Situation eintreten wird, ist sehr wohl eine Be-gründung für Direktzahlungen gegeben, zumal man invielen Fällen Entwicklungen nicht mehr umkehrenkann. Wenn zum Beispiel Landwirte die Bewirtschaf-tung einer strukturierten Landschaft eingestellthaben, wird es kaum mehr möglich sein, eine Trend-wende zu erreichen. Man kann also die Honorierungvon Gemeinwohlleistungen nicht pauschal beurtei-len. In vielen Fällen müssen die regionalen Verhält-nisse Berücksichtigung finden (Anwendung des Sub-sidiaritätsprinzips). Bei der Höhe der zu gewähren-den Zahlungen muss man sich an den entstehendenKosten bzw. am entgangenen Nutzen orientieren.

Beispiele für die Honorierungvon MultifunktionalitätFür die Honorierung von zusätzlichen Leistungen derLandwirtschaft gibt es schon eine Reihe von Bei-spielen. Die Vergabe der Mittel erfolgt in vielenAgrarumweltprogrammen nach dem sogenanntenTop-Down-Prinzip. Die entsprechenden Programmeund Maßnahmen werden zentral koordiniert undfinanziert, und der einzelne Landwirt prüft, ob für ihneiner der Fördertatbestände wirtschaftlich interes-sant erscheint. In Zukunft werden die Belange desKlimaschutzes, das Wassermanagement (u. a. Hoch-wasserschutz) und die Förderung der Biodiversität anBedeutung gewinnen (vgl. BfN, 2009). Wichtig ist, aufdie Effizienz des Mitteleinsatzes zu achten.

ie beiden Fotos A und B zeigen ein und dieselbeLandschaft. Der Aspekt der Multifunktionalität kommtauf dem Foto A stärker zum Vorschein als auf demFoto B. Wenn sich die Landwirtschaft zurückzieht, er-gibt sich relativ rasch eine Bewaldung. Sofern dasOffenhalten der Landschaft erwünscht ist, aber überdie Markterlöse kein zufriedenstellendes Einkommen

ausblicke 2|10 Multifunktionalität im ländlichen Raum8

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Foto A: Diese attraktive Kulturlandschaft istein Koppelprodukt der Landbewirtschaftung.

Literatur• BFN (Bundesamt für Natur-

schutz), Beate Jessel, LändlicheEntwicklung als Arbeitsfeldmoderner Naturschutzpolitik,Fachvortrag im Rahmen derTagung „Innovationskonferenzländliche Räume – Naturschutzals Motor ländlicher Entwick-lung“, Berlin 2009, http://ilr-2013.de/download/Jessel.pdf(Abrufdatum: 12. Mai 2009).

• Franz Fischler, Land nutzen –Regionen gestalten: Agrikulturim Europa von morgen,Fachvortrag im Rahmen derIFLS-Fachtagung, Frankfurt2007, www.ifls.de/download/Fischler_Vortrag_Agi-Kultur.pdf(Abrufdatum: 12. Jänner 2009).

• Annette Freibauer, BiogenicGreenhouse Gas Emissionsfrom Agriculture in Europe –Quantification and Mitigation,Donauwörth 2002,http://deposit.ddb.de/cgi-bin/dokserv?idn=966203704(Abrufdatum: 12. Mai 2009).

• Martin Kapfer/Sigrid Ziesel(2010), Visualisierung von Land-schaftsentwicklungen, Endbe-richt zum F+E-Vorhaben im Auf-trag des Bundesministeriumsfür Land- und Forstwirtschaft,Umwelt und Wasserwirtschaft,Sektion III – Landwirtschaft undErnährung, unveröffentlicht.

• OECD (2001), Multifunctionality.Towards An AnalyticalFramework, www.oecd.org/dataoecd/62/38/40782727.pdf(Abrufdatum: 30. Juli 2010).

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mehr erwirtschaftet werden kann, muss die Erbrin-gung dieses öffentlichen Gutes gesondert honoriertwerden.

In der Grafik ist ein funktionaler Zusammen-hang zwischen dem Anteil an Strukturelementen undden damit verbundenen Mehrkosten der Bewirt-schaftung dargestellt. Da Strukturelemente einenwichtigen Beitrag zur Förderung der Biodiversitätleisten, könnte man deren Bereitstellung gezielthonorieren. Die Erfassung des Strukturelementean-teils eines landwirtschaftlichen Betriebes wäre überSatellitenaufnahmen automatisierbar.

ür den Klimaschutz ist der Kohlenstoffgehalt derBöden von größter Wichtigkeit. Dieser erreicht inMoorböden den höchsten Wert, gefolgt von Grünlandund von Ackerland (vgl. BfN, 2009 und Freibauer,2002). Es besteht deswegen ein offensichtlicher Kon-flikt zwischen dem Kohlenstoffgehalt im Boden undder Möglichkeit der landwirtschaftlichen Nutzung.

Unter standortbezogener Abwägung der unter-schiedlichen Ziele ist zu entscheiden, welcher Nut-zungsform der Vorrang zu geben ist. Auf jeden Fallbestehen umfangreiche Möglichkeiten, den Kohlen-stoffgehalt der Böden zu beeinflussen. Wenn einLandwirt durch eine Änderung der Bewirtschaftungzu einer Erhöhung des Kohlenstoffanteils beiträgt unddamit bewusst auf Einkommen verzichtet, leistet ereinen Beitrag zum Klimaschutz, der zu honorieren ist.Gerade die Renaturierung von Feuchtgebieten stellteine sehr effiziente Klimaschutzmaßnahme dar.

ZusammenfassungMultifunktionalität dient mittlerweile als Argumentzur Begründung der EU-Direktzahlungen an die Land-wirtschaft. Generell handelt es sich bei Multifunktio-nalität um das Phänomen der Koppelprodukte. EinKoppelprodukt entsteht, wenn ein Betrieb zwei odermehr miteinander verbundene Güter oder Dienstleis-tungen produziert. Neben dem Hauptprodukt ergebensich in einem mehr oder weniger großen Umfangauch Effekte außerhalb des Unternehmens. Deshalbspricht man auch von multifunktionalem wirtschaftli-chem Handeln. Diese außerhalb des Betriebs auftre-tenden Effekte können positiver, aber auch negativerArt sein. Aus diesen Zusammenhängen ergibt sichdie Frage, inwieweit eine Honorierung der positivenexternen Effekte aus öffentlichen Geldern erfolgensoll und auf welchem Wege die Vermeidung dernegativen externen Effekte angestrebt werden soll.Es ist also zu klären, bis zu welchem Niveau dasVerursacherprinzip und in welchem Ausmaß dasGemeinlastprinzip zur Vermeidung negativer externerund zur Honorierung positiver externer Effekte zurAnwendung kommt. |||

Alois Heißenhuber, Technische Universität München-

Weihenstephan, Lehrstuhl für Wirtschaftslehre des Landbaues

Multifunktionalität im ländlichen Raum ausblicke 2|10 9

Kosten durch Strukturelemente

Prozentualer Anteil der Strukturelemente

Kosten

inEURpro

ha

250

200

150

100

5072 ha

32 ha

18 ha

11,5 ha8,0 ha

5,9 ha4,5 ha

3,6 ha2,9 ha

2,4 ha2,0 ha

1,7 ha1,5 ha

1,3 ha1,1 ha

1,0 ha

0,9 ha

0,8 ha

0,7 ha

Quelle: eigene Berechnungen

F

Foto B: Ohne Landwirtschaftkommt es zu einer relativraschen Bewaldung.

1% 2% 3% 4% 5% 6% 7% 8% 9% 10%

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Das Verhältnis zwischen Ökosystemleistungen undLandwirtschaft ist komplex. Ohne die Leistung„Bodenfruchtbarkeit“ gäbe es keine Landwirtschaft;hier besteht eine direkte und unaufhebbare Abhän-gigkeit. Die Landwirtschaft hat darüber hinaus Aus-wirkungen auf andere Leistungen der Agrarbiotope.Der etwas inflationäre Gebrauch des Begriffs „Öko-systemleistungen“ rät zur Vorsicht und zur schärferenBeschreibung dessen, was man meint. Es ist zuunterscheiden, ob ein Biotop unabhängig davon, obdort Landwirtschaft betrieben wird oder nicht, Leis-tungen hervorbringt, ob diese Leistungen anfallen,weil Landwirtschaft betrieben wird, ob sie anfallen,obwohl Landwirtschaft betrieben wird, oder ob esLeistungen sind, die eher dem Landwirt als dem Öko-system zuzuschreiben sind.

BeispieleWasserwirtschaft: Das Land Brandenburg im Nord-osten Deutschlands ist für mitteleuropäische Verhält-nisse trocken. Die 500 mm Niederschlag im Jahr wer-den von einem Kiefernwald in vollem und von einemLaubwald in erheblichem Umfang verdunstet. UnterAcker entstehen etwa 100 mm Grundwasser. Rechne-risch entsteht in diesem Land also allein durch dasOffenland ein Oberflächenabfluss. Da der Zuflussdurch Spree, Havel und kleinere Wasserläufe rechtgering ist, nimmt es nicht Wunder, dass während dersiedlungslosen Zeit von etwa 200 bis 700 nach Chris-tus der Grundwasserspiegel tiefer lag und zahlreicheKleingewässer trocken waren. Dies war natürlich ob-jektiv-ökologisch weder ein „besserer“ noch ein

„schlechterer“ Zustand als heute. Heute aber liegt inder Mitte des Landes der Ballungsraum-Koloss Berlinmit 3,5 Mio. Einwohnern, der des Wasserzuflussesund vor allem des Abflusses bedarf, um die Klär-werksabläufe weiter zu verdünnen. Die landwirt-schaftlichen Flächen im Umland erbringen also für die

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Ökosystemleistungen – Ecosystem Services – sind seit einigenJahren in aller Munde. Reichlich spät, könnte man sagen, denn dieMenschheit hängt seit Urzeiten vom Wirken der Natur ab. Es istaber gewiss zu begrüßen, dass sich dessen nunmehr auch einebreitere Öffentlichkeit bewusst wird. Ulrich Hampicke

Foto 1: BlühendeBergwiese – eineAugenweide

Ökosystemleistungenund Landwirtschaft

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Siedlungswasserwirtschaft Berlins eine sehr wichtigeLeistung.

Klima und Kohlenstoff-Kreislauf: Über viele Jahrhun-derte hinweg hat die Ausbreitung des Ackerbaus aufder Erde zur Abnahme des Humusgehalts der Böden

geführt, hauptsächlich infolge des intensiveren Kon-takts mit dem Luftsauerstoff durch das Pflügen.Wegen seiner Langwierigkeit hatte dieser Prozessallerdings kaum Auswirkungen auf den CO2-Gehaltder Atmosphäre. Da die im Boden gebundenen Men-gen an Kohlenstoff sehr groß sind, wäre eine relativschnelle Zu- oder Abnahme durchaus von klimapoliti-scher Bedeutung. Ein durchschnittlicher Ackerbodenin Deutschland enthält pro m2 7,5 kg organischen Koh-lenstoff. Ließe sich dieser Wert durch Maßnahmenwie die teilweise Umwandlung in Dauergrünland,pfluglosen Ackerbau, die Betonung organischer Dün-gung und Weiteres nur um 500 g pro m2, also um etwa6–7 % erhöhen, resultierte auf den etwa 12 Mio. haAckerland in Deutschland ein Kohlenstoff-Einfang vonetwa 60 Mio. t, was einem Viertel des jährlichen Aus-stoßes aus fossilen Quellen entspräche.

Artenvielfalt und Landschaftsbild: An Artenvielfaltmangelt es der modernen Landwirtschaft bekannter-weise sehr (siehe Foto 2). So sehr hier Fortschrittewünschbar sind, haben wir doch ein Problem vor uns,bei dem gefragt werden muss, wer hier etwas leistet.Gewiss existieren artenreiche, bunt blühende Berg-wiesen (siehe Foto 1), die „Leistungen“ für Bienen,Tagfalter, Menschen etc. erbringen. Aber solcheBiotope sind natürlich von Menschen angelegt undgestaltet. Anders als früher ist Artenvielfalt keine un-beabsichtigte Nebenwirkung der Landwirtschaftmehr, sondern muss, sei es durch gezielte Förderungoder unter Inkaufnahme wirtschaftlicher Nachteile,bewusst geschaffen werden.

BewertungSchon das Wort „Leistung“ drückt aus, dass wirMenschen etwas nützlich finden und anerkennen.Führt ein Ökosystem zu Effekten, die uns gleichgültigoder gar unwillkommen sind, würden wir eher„Wirkung“ dazu sagen. Eine sorgfältige physischeErhebung einer Ökosystemleistung mit möglichstquantitativer Abschätzung ihrer Folgen bzw. der ein-tretenden Nachteile bei ihrem Ausbleiben ist durch-aus schon als ein sinnvoller erster Bewertungsschrittanzusehen.

Die Ökonomik möchte indessen monetarisieren,das heißt, den Wert einer Leistung in Geldeinheitenausdrücken. Richtig durchgeführt, kann daraus eine

Ökosystemleistungen und Kulturlandschaften ausblicke 2|10 11

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ausblicke 2|10 Ökosystemleistungen und Kulturlandschaften12

wertvolle Entscheidungshilfe entstehen; es lauernjedoch zahlreiche methodische Fehlerquellen.

Verbreitet wird der monetäre Wert einer Sachemit ihren Anschaffungskosten identifiziert, gegebe-nenfalls modifiziert durch Wertverluste infolge vonAbschreibungen usw. Behördliche (insbesonderesteuerliche) Vorschriften verlangen mindestens teil-weise die Bewertung von Immobilien, Wäldern undInventaren nach diesemMuster. Für die Bildung einesUrteils sind Informationen über die Gestehungskostenin der Vergangenheit sicherlich nützlich; auch in derLandschaft sind Kenntnisse über die Kosten vonNutzungsweisen, die bestimmte erwünschte Resul-tate erzielen, unabdinglich (vgl. Rühs et al. 2005).

Der ökonomische Wert ist jedoch immer zu-kunfts- statt vergangenheitsbezogen. Jemand kaufteine Aktie, nicht weil es teuer war, das Unternehmenaufzubauen, sondern weil man sich eine Rendite inder Zukunft verspricht. Ebenso werden Ökosystemeökonomisch als Kapital aufgefasst, dessen Wert sichaus dem erwarteten Renditestrom in der Zukunftableitet.

Der Renditestrom ergibt sich aus der geäußer-ten Zahlungsbereitschaft für die jeweilige Leistung,also aus der Nachfrage nach ihr. Dies führt zu der zu-nächst überraschenden Konsequenz, dass Leistun-gen, welche die Eigenschaften von Konsumgüternhaben und insofern als „weich“ („soft“) angespro-chen werden, am leichtesten zu bewerten sind. Wirbrauchen nur die Konsumenten zu fragen, wie hochihre Zahlungsbereitschaft ist, etwa für den Genusseiner schönen Landschaft wie auf Foto 1. Wie ver-lässlich die Antworten sind, ist eine andere Frage, zuder umfangreiche Literatur vorliegt (z. B. Marggraf etal. 2005). Die „harten“ Leistungen, wie etwa diebereits erwähnte Grundwasserspende für Berlin, sindElemente der Infrastruktur, für die es recht sinnlos ist,Konsumenten nach ihrer Zahlungsbereitschaft zufragen. Hier greifen sogenannte Ersatzkostenwerte;man fragt, welcher technische Aufwand erforderlichwäre, um eine Leistung zu ersetzen, die uns die Naturversagt. Solche Fragestellungen sind methodischunattraktiv, verlangen sehr viel Fleiß im Detail und

werden daher von Ökonomen gemieden, sodass kaumgute Ergebnisse vorliegen.

VerfügungsrechteWird der Wert einer Ökosystemleistung korrekt er-fasst, steht damit noch keineswegs fest, dass ein Zah-lungsstrom in dieser Höhe in Gang zu setzen ist. Eskann nie einem Ökosystem etwas bezahlt werden,sondern immer nur Menschen. Stellen wir uns vor, dieBesucher einer schönen Bergwiese würden wahr-heitsgemäß erklären, dass sie für einen herrlichenSpaziergang auf dieser Wiese fünf Euro zahlen wür-den. Dieselben Besucher mögen an einem heißenSommertag auch für ein Glas Bier eine Zahlungs-bereitschaft von fünf Euro angeben. Wenn das GlasBier an einem Stand nur drei Euro kostet, „sparen“ siezwei Euro. Ihre Zahlungsbereitschaft wird nur teil-weise abgeschöpft, und es bleibt eine Konsumenten-rente übrig. In diesem Beispiel legt der Markt fest, wiehoch sie ist; bei Kollektivleistungen wie der Land-schaftsgestaltung muss hingegen bewusst entschie-den werden.

Intuitiv wird man leicht zustimmen können, dassein Landwirt, der den Artenreichtum fördert, eine Ent-lohnung verdient. Im Übrigen ist hier die Anreizwir-kung zu beachten. Bauern mögen noch so fest versi-chern, kein Unkraut zu dulden – wir können sichersein, dass sich die Kornblumen vermehren würden,wenn man sie nur hinreichend gut bezahlte (BfN2006).

Soll ein Landwirt, auf dessen Acker das Wasserversickert, das den Städtern zugute kommt, auchdafür bezahlt werden? Dann müsste er einen An-spruch, ein Verfügungsrecht (Property Right), daraufbesitzen, es müsste sein Wasser sein, das er gege-benenfalls auch zurückhalten könnte. Man erkennt,dass die Bewertung einer Ökosystemleistung für diepolitische Gestaltung noch nicht hinreicht, immertreten Werturteile und letztlich verfassungsrechtlicheFragen hinzu. |||

Ulrich Hampicke, Universität Greifswald,

Lehrstuhl für Landschaftsökonomie

Foto 2:DurchrationalisierteProduktionslandschaft

Literatur• BfN (Bundesamt für Natur-

schutz), Anreiz – Ökonomieder Honorierung ökologischerLeistungen, BfN-Skript 179,Bonn 2006.

• R. Marggraf/I. Bräuer/A. Fischer/S. Menzel/U. Stratmann/A. Suhr (Hg.),Ökonomische Bewertungbei umweltrelevantenEntscheidungen,Marburg 2005.

• M. Rühs/U. Hampicke/R. Schlauderer, Die Ökonomietiergebundener Verfahrender Offenhaltung, Naturschutzund Landschaftsplanung 37,S. 325–335, Stuttgart 2005.

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Ökosystemleistungen und Kulturlandschaften ausblicke 2|10 13

Schon seit Langem wird überlegt, wie viel uns Um-weltzerstörung auch in Geldwerten kostet: Ein kon-kretes Beispiel sind die Leistungen der Bienen undSchmetterlinge, die durch die zunehmende Intensivie-rung der Landwirtschaft und die damit verbundenenKrankheitsfaktoren im Rückgang begriffen sind. IhreBestäubungsleistung für die Ernten von Früchten undGewürzen hat weltweit jährlich einen Wert von etwa150 Mrd. Euro. Ähnliche Dimensionen zeigen ersteSchätzungen amerikanischer Experten zum Verlustvon Ökosystemdienstleistungen im Golf von Mexikodurch die Ölkatastrophe: Die Schäden an der Golfküs-te könnten pro Jahr zwischen 1,2 und 23,5 Mrd. US-Dollar kosten – über einen noch unbekannten Zeit-raum. Neben der Fischerei ist hier vor allem der Tou-rismus betroffen.

Die ökonomische Bedeutung der biologischenVielfalt anhand solcher Zahlen sichtbar zu machenhat sich die im Rahmen des Umweltprogramms derVereinten Nationen (UNEP) durchgeführte globaleStudie zur Ökonomie der Ökosysteme und Biodiversi-tät (The Economics of Ecosystems and Biodiversity –TEEB, www.teebweb.org) zum Ziel gesetzt. Die Studieschafft einen Überblick über die vielfältigen Abhän-gigkeiten unseres Wohlbefindens von der Natur. Dennalle wirtschaftlichen Aktivitäten hängen letztendlichvon Leistungen ab, die Ökosysteme für uns erbringen:Produktion von Nahrungsmitteln und Holz, Filterungvon Trinkwasser, Rückhaltefunktion von Feuchtgebie-ten und vieles mehr.

Die Ergebnisse der TEEB-Studie verdeutlichen, dass„es uns wert sein sollte“, die Biodiversität zu erhal-ten. Natürlich zunächst allein aufgrund der Wert-schätzung, die wir der Natur für Leistungen entge-genbringen, die man ökonomisch kaum bemessenkann, wie die Möglichkeit eines Spaziergangs ineinem schönen Wald. Darüber hinaus bedeutet derVerlust von Ökosystemen auch einen erheblichen Ver-lust von ökonomischen Möglichkeiten, was sehrunterschiedliche Nutzergruppen betrifft: Entschei-dungsträger, Unternehmen, aber auch jeden Einzel-nen von uns. Deswegen werden verschiedene TEEB-Berichte erstellt, die auf die verschiedenen Frageneingehen: Was muss und kann die nationale und inter-nationale Politik tun, etwa durch eine Reduktionumweltschädlicher Subventionen? Welche ökonomi-schen Instrumente gibt es auf lokaler Ebene zumSchutz der Natur, etwa in der Raum- und Eingriffs-planung? Welche Chancen und Risiken bestehen fürUnternehmen, deren Wirtschaften auf natürlichenRessourcen aufbaut?

Für all solche Fragen gibt es Beispiele in derganzen Welt, die zeigen, dass eine Verbindung vonNaturerhalt und wirtschaftlichem Handeln möglich ist.Ökonomie und Natur brauchen ein entsprechendesMiteinander – das lange sorgsam gehegte Gegen-einander gehört ins letzte Jahrhundert. |||

Carsten Neßhöver, Helmholtz-Zentrum

für Umweltforschung (UFZ), Leipzig

Ökonomie undBiodiversität

Ökonomie und Natur sindunversöhnliche Feinde. So dieweithin landläufige Wahrneh-mung, wenn es um neueInfrastrukturprojekte geht oderwenn die wirtschaftlicheEntwicklung diskutiert wird.Die internationale TEEB-Studiewill die Verbindung vonÖkonomie und Biodiversitätsichtbar machen. Carsten Neßhöver

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Multifunktionalitätder Landwirtschaft –ein ZielkonfliktChristian Krumphuber, Landwirtschaftskammerfür Oberösterreich, Leiter der AbteilungPflanzenproduktion

Bis Mitte des 20. Jahrhunderts, vorallem aber in den ersten zehn biszwanzig Jahren nach dem Ende des2. Weltkriegs war es faktisch diealleinige Aufgabe der Landwirtschaft,die Bevölkerung mit Nahrung inausreichender Menge zu versorgen.Erst als die mengenmäßige Versor-gung gewährleistet war, begann es,um Qualität zu gehen. Das Agrar-system wurde hinterfragt, der Ver-brauch von Ressourcen – materiellenwie immateriellen (Beispiel Biodiver-sität) – stand und steht im Blick-punkt der kritischen Öffentlichkeit.Dennoch gilt:f Primäre Aufgabe der Landwirt-

schaft ist es, für die BevölkerungNahrungsmittel in ausreichenderMenge und Qualität bereitzu-stellen.

f Die Produktionsfunktion umfasst

zunehmend auch nachwachsendeRohstoffe und Energie. Ökono-misch spielt der Sektor einewichtige Rolle, da damit die nachwie vor steigende Produktionkanalisiert werden kann. Die beste-henden oder sich eröffnendenZielkonflikte gilt es auszudiskutie-ren. Ein erster Ansatz ist etwadas seit 2010 geltende Nachhaltig-keitsregime der EU für biogeneKraftstoffe.

f Übergeordnete Aufgaben der Land-und Forstwirtschaft, die immerwichtiger werden, umfassen dieErhaltung der Kulturlandschaftsowie der Lebensgrundlagen wieBoden und Wasser etc. Hier er-bringt die Landwirtschaft Leistun-gen, die von der Bevölkerungkonsumiert werden, über Produkt-preise aber nicht abgegoltenwerden (können).

Die Rolle der Landwirtschaft kannund darf man nicht auf die eines„Produzenten“ oder „Landschafts-gärtners“ reduzieren. Wir brauchen

beides: eine ökonomisch tragfähigeund eine ökologisch verträglicheProduktion. Wenn man sich bemüht –und damit sind die Landwirtschaft,aber auch der Landwirtschaft kritischgegenüberstehende Gesellschafts-kreise angesprochen – kann derKompromiss gelingen. Wir solltenuns klar werden, was Landwirtschaftüberhaupt ist oder sein kann. EinWerbespot bewirbt Lebensmittel mit„Natur*pur“ – das kann Landwirt-schaft ehrlicherweise gar nichterbringen. Denn Landwirtschaft zubetreiben ist menschliches Handeln –und somit Kultur. |||

Immer mehr Funktionen –immer wenigerArtenvielfalt?Johannes Frühauf, BirdLife Österreich

Versorgung mit (gesunden) Lebens-mitteln, Einkommen für landwirt-schaftliche Betriebe, Kulturlandschaftals Bühne für Tourismus und Freizeit-gestaltung. Wachsender Energiehun-

Die vielen Aufgabender Landwirtschaft –und ihre Zielkonflikte

ausblicke 2|10 Ökosystemleistungen und Kulturlandschaften14

Die Aufgaben der Landwirtschaft sind ebenso vielfältig wiedie Schwerpunkte, die gesetzt werden können. In welche

Richtung soll es gehen? Welche Schwerpunkte bereichern dieländliche Entwicklung? Und welche Zielkonflikte sind zu lösen?

Drei Positionen zeigen Perspektiven auf.

Page 17: ausblicke 2.10 - Multifunktionalitaet: Magazin fuer laendliche Entwicklung

ger lässt Biosprit, Energieholz undBiogas und selbst Windräder auf denÄckern wachsen. Klimaschutz gilt alsWin-Win-Situation: Der Produzentvon nachwachsenden Rohstoffen undLebensmitteln wird sich selbst zumliebsten, die Preise stützenden Kon-kurrenten. All das wirft Ertrag ab.

Doch trügt der Schein nicht? DieAufgabe landwirtschaftlicher Betriebeschreitet voran. Das Artensterbengeht weiter – so nahmen selbst diehäufigsten Kulturlandvögel Öster-reichs allein zwischen 1998 und 2009um über 30 % ab. Das Umweltpro-gramm ÖPUL wirkt bestenfalls brem-send. Naturschutzmaßnahmen sindein Minderheitenprogramm, an demsich immer weniger, tendenziell auf-gebende Betriebe beteiligen. Pestizid-und Düngereinsatz nehmen in jüngs-ter Zeit wieder deutlich zu, dasLandschaftsbild wird eintöniger. DieHoffnung, fossilen Sprit weitgehendzu ersetzen, erwies sich bisher alsillusorisch, und der Klimaschutz-beitrag der Landwirtschaft dürftebescheiden ausfallen. Wachsende

Konkurrenz treibt Intensivierung und„Strukturbereinigung“ voran.„Grenzertragsflächen“ (v. a. Extensiv-grünland) gehen verloren, selbstertragreiche Böden verschwindenunwiederbringlich unter neuenSiedlungen und Straßen. Multifunk-tionalität muss auf immer kleineremRaum stattfinden.

Überfordert der multifunktionaleAnspruch? Die hohen Erwartungenerfordern neue, ökonomisch nachhal-tige, integrative Wirtschaftsmodelleund die Abkehr vom bisherigenDogma der Intensivierung als einzigerAntwort auf ökonomischen Druck.In die Erhaltung der Biodiversitätmüsste investiert werden, öffentlicheGelder müssten an (ökonomisch ein-schränkende) Bedingungen geknüpft,gesetzliche Regelungen müssten ge-schaffen werden. Neue Denkansätze,wie etwa die ökonomische Bewer-tung von Ökosystemen und Biodiver-sität, bergen eine Chance, artenreicheKulturlandschaften zu erhalten. |||

Europäisches Agrarmodell2.0 – MultifunktionaleLandwirtschaft erfordertSystemoptimierungThomas Fertl, BIO AUSTRIA,Leiter der Stabstelle Agrarpolitik

Das Europäische Agrarmodell einermultifunktionalen Landwirtschaft istzunehmend in Vergessenheit geratenund wird allzu häufig als Beschrei-bung der europäischen Agrarpolitikbzw. europäischen Landwirtschaftper se instrumentalisiert. Die heuervon EU-Agrarkommissar Ciolosdurchgeführte Konsultation zur Zu-kunft der Gemeinsamen Agrarpolitik(GAP) hat klar gezeigt, dass für dieBürgerInnen der EU die GAP primärdie Verfügbarkeit leistbarer, gesunderund natürlicher Lebensmittel sicher-stellen soll, wobei darunter häufig

Ökosystemleistungen und Kulturlandschaften ausblicke 2|10 15

explizit die Freiheit von Pestizidenund Gentechnik verstanden wird.Landwirtschaft soll nachhaltig seinund ein Maximum an öffentlichen Gü-tern produzieren. Dieses Ziel kannnur durch Multifunktionalität erreichtwerden, das Europäische Agrarmo-dell sollte daher im Rahmen der GAP-Reform wiederbelebt, weiterentwi-ckelt und implementiert werden.

Es ist höchste Zeit, die Notwen-digkeit einer systemischen Gesamt-optimierung anzusprechen. SektoraleAnsätze, also die Fokussierung aufeine oder wenige Funktionen, sindineffizient und führen zu Zielkonflik-ten – Klimaschutz auf Kosten vonTierschutz oder Produktivitätssteige-rung auf Kosten von Bodenschutzist nicht zielführend. Nur durchsystemische Ansätze können Zielkon-flikte minimiert und die Gesamtleis-tung über alle Funktionsbereichehinweg optimiert werden. Die biolo-gische Landwirtschaft verfolgt einensolchen systemischen Ansatz. Daherkann die Biolandwirtschaft als Best-Practice-Beispiel für multifunktionaleLandwirtschaft dienen. |||Dieser Text ist die gekürzte Fassung eines in„BIO.POLITIK“ 01/2010 (www.bio-austria.at/BIO.POLITIK) erschienenen Artikels.

Grafik: BIO AUSTRIA

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Der Wert vonKulturlandschaften

ausblicke 2|10 Ökosystemleistungen und Kulturlandschaften16

Kulturlandschaft definieren undBewusstsein fördern. Notwendigwäre, dass dieser (Kunst-)Begriff insBewusstsein der bäuerlichen Bevölke-

rung gelangt. Meint man „kultivierte“ Landschaft,Kultur in der Landschaft, die Erhaltung landschafts-prägender Elemente oder einfach landwirtschaft-liche Nutzflächen, die es wert sind, mithilfe vonFörderprogrammen bewirtschaftet zu werden? Mitder Förderung unserer Elsbeerbäume versuchenwir, dass letztlich jeder Baum, jede Streuobstwieseund jede Dirndlzeile als unverzichtbarer, wertvollerTeil der selbst zu bewirtschaftenden Fläche gese-hen werden – als Beitrag zur Gestaltung der Kultur-landschaft, deren Wert auch ohne finanzielleAnreize immer weiter steigt.Norbert Mayer, Obmann des Vereins zur Erhaltung,

Pflege und Vermarktung der Elsbeere

Lebensweise gestaltet Umwelt. Die bäuerlicheKulturlandschaft ist im Lauf von Jahrhundertendurch die Arbeit der Bäuerinnen und Bauernentstanden. Sie ist kultivierte – gepflegte, bearbei-

tete – Landschaft, die durch einen großen Artenreichtum undeine Vielzahl von Biotopen geprägt ist. Nur durch beständigeBewirtschaftung wird sie immer wieder von Neuem hergestellt.Die Erhaltung dieser vielfältigen Landschaft ist daher direktdamit verknüpft, wie wir leben und arbeiten und was wirtäglich essen (wollen). Damit stellt sich nicht zuletzt die Frage,wie wir unsere Beziehung zur Umwelt gestalten. Denn die unsumgebende Landschaft stellt nie weniger als die Art undQualität dieser Beziehung dar.Ruth Moser, Managerin im Biosphärenpark Großes Walsertal

Natürlichen Reichtumwahren. Eine einzigartigeintakte Naturlandschaft,regionale Erzeugnisse

und gelebtes Brauchtum, wie es dieGäste im Salzburger Almsommeroder im Bauernherbst vorfinden,zeichnen Salzburgs Kulturlandschaftaus. Zudem zählt das SalzburgerLandmit großen Kultur-Marken wie denSalzburger Festspielen zu den wich-tigsten Destinationen im internationa-len Kulturtourismus. Bei der Destina-tionsentscheidung der Gäste spieltdas Angebot an Sehenswürdigkeiten,Kunst und Kultur eine ebenso großeRolle wie die landschaftlichen Reizeund das Flair der Region. TraditionelleWerte zu stärken, die Zusammen-arbeit von Tourismus und Landwirt-schaft zu vertiefen, den natürlichenReichtum und die gesellschaftlicheBedeutung der Kulturlandschaftsowie Naturerlebnisse zu erhaltenund durch neue authentische (Ur-laubs-)Angebote weiterzuentwickelnwird in Zukunft wichtiger denn jesein, um sich im internationalenWettbewerb behaupten und hervor-heben zu können.Leo Bauernberger, Geschäftsführer der

SalzburgerLand Tourismus GesmbH

Traditionelle Kulturlandschaften erhalten.Die Landschaft, die uns heute umgibt, ist ein Zeugnis unsererGeschichte, das Ergebnis vieler menschlicher Eingriffe in dienatürlichen Gegebenheiten und die Antwort der Natur auf dieses

menschliche Wirken. Die Technisierung in der Landnutzung hat denbesorgniserregenden Wandel von vielfältigen, strukturreichen, kleinräumigenund artenreichen Kulturlandschaften hin zu eintönigen Wirtschaftslandschaf-ten mit sich gebracht, sodass wir heute von gefährdeten Kulturlandschaftenreden müssen. Uns vom Naturschutzbund NÖ ist die Erhaltung traditionellerKulturlandschaften ein großes Anliegen. Naturverträgliches, nachhaltigesWirtschaften ist somit ein Gebot der Stunde.Margit Gross, Geschäftsführerin des Naturschutzbundes Niederösterreich

Wie entstehen Kulturlandschaften? WelcheFunktionen erfüllen sie? Worin liegt ihr Wert?Und wie kann man ihren Wert ausdrücken?Neun Ansichten zum Thema.

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Bewertung möglich undsinnvoll.Es mag auf den erstenBlick verblüffend

erscheinen, aber die Bestimmung desWerts von Kulturlandschaften istein Problem, das grundsätzlich zubewältigen ist. Ein gutes Beispieldafür ist die Bewertung des National-parks Kalkalpen durch die LinzerÖkonomen Pruckner und Hackl. Zuberücksichtigen ist allerdings, dassdie Einigung auf Bewertungsmaß-stäbe und die Messung eines Wertsohne Bezug auf den Menschen wert-los sind. Da für das Managementbestimmter Kulturlandschaftenöffentliche Gelder eingesetzt werden,ist eine Bewertung nicht nur sinnvoll,sondern nötig.Franz Sinabell, WIFO, Österreichisches

Institut für Wirtschaftsforschung

17Ökosystemleistungen und Kulturlandschaften ausblicke 2|10

Konsumverhalten über-denken. Österreich istein Landschaftsjuwel inEuropa, das durch die

kleinstrukturierte Landwirtschaftentstanden ist. Die Bevölkerung hatdas Privileg, in einer intakten Kultur-landschaft zu leben. ÖsterreichsJunglandwirtInnen sorgen für saube-res Trinkwasser, Rohstoffe, gesundeLebensmittel und nachhaltige Ener-gie. Jede(r) trägt die Verantwortung,all das mit bewusstem Konsumver-halten zu erhalten. Die Landjugend,die wichtigste Jugendorganisationim ländlichen Raum, baut zwischender Landwirtschaft und allen Bevöl-kerungsgruppen Brücken; sie leistetmit ihren Aktionen und Projekteneinen Beitrag zur Bewusstseinsbil-dung, damit Landwirtschaft undLandschaftsbild erhalten bleiben.Monika Zirkl und Johannes Kessel,

Bundesleitung der Landjugend

Österreich

Visionäre Bilder sind gefragt. Kulturlandschaftstand von 1995 bis 2004 im Fokus eines BMWF-Forschungsprogramms. Mit dem Begriff Kulturland-schaft wollten wir einen Rahmen für interdiszipli-

näre Forschung bieten. Kulturlandschaft war definiert als „einvom Menschen als Einheit wahrgenommenes räumlichesWirkungsgefüge von natürlichen Gegebenheiten und mensch-lichen Einwirkungen. Kulturlandschaften verändern sich überdie Zeit …“ Häufig wird die ideale Kulturlandschaft mit dem Bildvorindustrieller bäuerlicher Landschaft identifiziert. Angesichtsdieser idealisierten Vorstellung ist die Forschung gefordert,visionäre Bilder zu entwerfen, in denen Neues ebenso Platz hatwie Altgewachsenes.Karolina Begusch-Pfefferkorn, Bundesministerium für Wissenschaft

und Forschung, Referat Ökologie, Ressourcenvorsorge und

Nachhaltigkeit

Schützen und nützen.Kulturlandschaften sindein wichtiges und wert-volles Gut – sie sind das

Ergebnis eines jahrhundertelangenWechselspiels zwischen der Naturund dem Wirken des Menschen. Sieerfüllen nicht nur landwirtschaftli-chen Nutzen, sondern übernehmenauch wichtige Funktionen für alleLebewesen. Dadurch prägen sie auch

stark den Lebens-, Kultur- und Wirt-schaftsraum sowie die Lebensquali-tät von uns allen. „Schützen undnützen“ lautet daher auch die Devisevon „Ja! Natürlich“, unter der wiruns für die Vielfalt und den natürli-chen Reichtum in ÖsterreichsRegionen einsetzen.Martina Hörmer, Geschäftsführerin

von „Ja! Natürlich“

Lebensraum erhalten. Viele Menschen suchen in ihrer FreizeitErholung in der Natur. Damit meinen sie in den allermeistenFällen aber nicht die ursprüngliche Naturlandschaft, sondern diedurch oft jahrhundertelange Bearbeitung entstandene Kultur-

landschaft, die uns heute schützenswert erscheint und Möglichkeiten dertouristischen Nutzung bietet. Wichtig ist aber, dass sich die Bewohner dieserKulturlandschaft wohlfühlen und sich ihren Lebensunterhalt verdienenkönnen. Daher muss die Gesellschaft alles daran setzen, um die Landfluchtzu verhindern und finanzielle Anreize für den Erhalt der Kulturlandschaft zubieten, die uns einerseits wunderbare Heimat ist und andererseits touris-tische Nutzung in meist strukturschwachen Regionen ermöglicht.Martin Ploderer, Bürgermeister von Lunz am See

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ausblicke 2|10 Regionalentwicklung und Lebensqualität18

Was ist unter einem multifunktionalen Raum zu ver-stehen? Entscheidend ist das Geschehen in diesenRäumen: Unterschiedliche NutzerInnen auf verschie-densten Ebenen agieren in einem Nutzungsgeflechtmit unterschiedlichen Ansprüchen, aber auch mitunterschiedlichen Verträglichkeiten. Multifunktionali-tät umfasst daher ökologische, ökonomische und so-ziale Nutzungen. Eine mögliche Folge von Multifunk-tionalität sind Mehrfachnutzungen; Nutzungen kön-nen einander aber auch ausschließen.

In diesem Sinn ist der ländliche Raum als Multi-funktionsraum zu verstehen. Multifunktionale Nutzun-gen im ländlichen Raum ergeben sich aufgrund einerVielzahl von Gruppen von AkteurInnen, die in diesenRäumen leben und wirtschaften. Land- und Forstwirt-schaft, Wasserwirtschaft, Energiewirtschaft, Natur-und Landschaftsschutz, Tourismus, um nur einige zunennen, und nicht zuletzt auch die ländliche Bevölke-rung haben unterschiedliche Ansprüche an den länd-lichen Raum.

In vielen ländlichen Gebieten ist die Land- undForstwirtschaft für die Flächennutzung dominierendund hat daher eine große Flächenverantwortung.Land- und forstwirtschaftlich genutzte Räume zeich-nen sich durch eine große Vielfalt aus: Neben denklassischen Nutzungen Ackerland, Grünland undWald sind unterschiedliche Flurformen wie Streu-obstwiesen, Obst- und Weingärten und Heckenwesentliche Bestandteile der Kulturlandschaft. DieMultifunktionalität dieser Räume zeigt sich neben der

Produktionsfunktion auch durch ihre Funktion alsLebens- und Natur(schutz)raum.Auch außerlandwirtschaftliche Nutzungsformen spie-len eine große Rolle. Die Flächen im ländlichen Raumwerden von der Wirtschaft und Industrie, vomVerkehr, vom Tourismus und für Freizeitaktivitäten inAnspruch genommen – der Multifunktionalität schei-nen keine Grenzen gesetzt zu sein.

Der ländliche Raum im Rahmen derösterreichischen RaumentwicklungIm Österreichischen Raumentwicklungskonzept(ÖREK) 2001 sind die ländlichen Regionen mit ihrerVielfalt an Herausforderungen und Entwicklungs-chancen beschrieben. Die ländlichen Regionen sindlängst nicht mehr nur dem landwirtschaftlich genutz-ten Raum gleichzusetzen; sie erfüllen unterschiedli-che Funktionen und stellen der Bevölkerung ver-schiedenste Ressourcen zur Verfügung: hochwertigeNahrungsmittel, Trinkwasser, Biomasse, Freizeit- undErholungsmöglichkeiten sowie ein großes sozialesund kulturelles Erbe.

Die Aufrechterhaltung der Funktionsfähigkeitdes ländlichen Raums ist ein zentraler Inhalt desÖREK 2001. Funktionsfähige Räume umfassen bei-spielsweise die Nahversorgung, soziale Dienstleis-tungen, das Vorhandensein von Telekommunikations-technologien, kulturelle Angebote sowie die Erreich-barkeit. Funktionsfähigkeit kann aber auch im Hinblickauf die Bedeutung eines Raums für dessen Fauna und

Multifunktionalitätim ländlichen Raum

Ländliche Räume weisen aufgrund ihrer unterschiedlichen Ausgestaltung und Funktionsfähigkeiteine große Heterogenität auf. Den ländlichen Raum gibt es nicht. Ländliche Räume sind durchverschiedenste Nutzungen – als Lebens-, Wirtschafts-, Erholungsraum – charakterisiert und habendadurch auch unterschiedliche Funktionen. Alexandra Bednar

Quellen und weiter-führende Literatur• ÖROK (2002), Österreichisches

Raumentwicklungskonzept2001, Schriftenreihe 163.

• ÖROK (2006), Aufrechterhaltungder Funktionsfähigkeitländlicher Räume, Schriften-reihe 171.

• ÖROK (2006), Freiraum &Kulturlandschaft,Schriftenreihe 173.

• ÖROK (2009), Szenarien derRaumentwicklung Österreichs2030, Schriftenreihe 176/II.

• ÖROK (2010), paper in progress– PIP. auf dem Weg zumÖREK 2011, Arbeitspapierzum neuen ÖsterreichischenRaumentwicklungskonzept2011; www.oerok.gv.at.

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Regionalentwicklung und Lebensqualität ausblicke 2|10 19

Flora oder für andere Nutzergruppen, beispielsweisefür den Tourismus, betrachtet werden.

Ausgehend von den „Raumszenarien Öster-reichs 2030“ (ÖROK, 2009, Schriftenreihe 176/II) ist imländlichen Raum durch den steigenden Bedarf an na-türlichen Ressourcen eine Verknappung des Bodenszu erwarten. Ländliche Gebiete, vor allem jene au-ßerhalb von regionalen und touristischen Zentren,werden zukünftig auch vermehrt von starker Abwan-derung, von einem Bevölkerungsrückgang und vonÜberalterung betroffen sein. Die Abnahme der land-wirtschaftlichen Flächenbewirtschaftung, eine Über-nutzung der natürlichen Ressourcen sowie der Ver-lust von Biodiversität sind weitere mögliche Folgen.All diese Entwicklungen haben Einfluss auf die Funk-tionsfähigkeit und in diesem Sinn auch auf die Multi-funktionalität des ländlichen Raums.

Multifunktionalität als Chance fürden ländlichen RaumGerade aber die Vielfalt des ländlichen Raums kanndazu beitragen, diesen Entwicklungen entgegenzu-wirken, Siedlungs- undWirtschaftsräume zu erhalten,regionale Potenziale zu nutzen und für die Bewohne-rInnen nachhaltige Lebensbedingungen zu schaffen.

Die Aufrechterhaltung der Multifunktionalitätsowie der Siedlungs- und Wirtschaftsstruktur Öster-reichs ist auch Thema des neuen, derzeit in Ausarbei-tung befindlichen ÖREK 2011. Vor allem die Förderungder sozialen Vielfalt sowie die Umweltqualität als

Potenzial in den ländlichen Räumen stehen im Vorder-grund. Die Weiterentwicklung einer leistungsfähigenLand- und Forstwirtschaft ist ebenfalls von großerBedeutung.

Neben der nachhaltigen Produktion von Nah-rungsmitteln und Rohstoffen wird es in Zukunft weit-aus größer gewordene Anforderungen an den länd-lichen Raum geben: die Sicherung des Siedlungs-raums, die Katastrophenvorsorge, die Energieproduk-tion; auch die Multifunktionalität soll gewährleistetbleiben. |||

Alexandra Bednar, Österreichische Raumordnungskonferenz

(ÖROK)

Wohnen undWirtschaftim ländlichenRaum –Wasserkraft-werk Murau,Steiermark

Multifunk-tionalerländlicherRaum: Sied-lungsraum,Naturraum,Erholungs-raum –MariazellerLand,Steiermark

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ausblicke 2|10 Regionalentwicklung und Lebensqualität20

Die Renaissance der Ortein einer neuen Regionalität

Lebensqualität im ländlichen Raum oder

Die Chance des ländlichen Raums liegt daher in derVerflechtung mit der Stadt in der Region. Diese ist derzentrale Schauplatz des Lebens in der postfossilenGesellschaft der Zukunft. Redimensionierte Bewe-gungsradien erfordern und fördern eine Ökonomieder Nähe. Eine neue Regionsverbundenheit trägt derSehnsucht nach Überschaubarkeit Rechnung underweitert die Gestaltungsspielräume. Ortsbindungwird zu einem Faktor für Lebensqualität.

Region und ländlicher RaumBetrachtet man Landkarten zur Wirtschaftskraft vonKommunen, so zeigen sich kumulierte große Blasenin den urbanen Ballungszentren. Die Rede ist von„Zukunftsregionen“, „Hot Spots“ der wirtschaftlichenEntwicklung, die sich um Metropolen herausbilden.Und die ländlichen Räume? Sind sie zum Aussterbenverurteilt? Wird alles, was sich nicht im Scheinwer-ferkegel der Metropolen befindet, von der Zukunftvergessen? Ja und nein. Fest steht, dass sich diewirtschaftliche Konzentration und damit auch jeneder Bevölkerung auf die Attraktionsräume der Stadt-regionen weiter verstärken werden. Raumordnungs-politisch macht dies auch Sinn: Nur verdichteteRäume ermöglichen sinnvolle öffentliche Infrastruk-turen. Die Zukunft des ländlichen Raums erscheintsomit ambivalent: Florierenden Zonen im Nahfeld derStädte stehen solche gegenüber, die (fast) aus-schließlich landwirtschaftlichen und Erholungs-zwecken dienen, wie der Trend zum Zweitwohnsitzam Land zeigt. Eine auf Nachhaltigkeit ausgerichteteländliche Entwicklung muss sich dieser Herausfor-derung stellen. „Regionalwirtschaft“ bezieht sichdann nicht auf die Ebene des Dorfes, sondern eben

auf die Region, die durchaus mehrere Hundert-tausend Menschen umfassen kann. Eine „Ökonomieder Nähe“ wäre dann eine solche, die das zum LebenNotwendige (mehrheitlich) in der Region produziert.Die optimalen Bewegungsradien in der „Solarspar-gesellschaft“ (Wolfgang Sachs) würden sich auf50 bis 100 Kilometer einpendeln, ergänzt um Fuß-läufigkeit vor Ort.

Wohlstand und LebensqualitätAuch wenn dies angesichts der Wirtschaftskriseprovokant klingen mag: Für viele Menschen sindnicht mehr Geld und Güter knapp, sondern Zeit undAufmerksamkeit. Lebensqualität wird daher vermehrtmit immateriellen Bedürfnissen assoziiert. Gelingen-de Beziehungen, Zeit haben für die Menschen undDinge, die einem wichtig sind, Selbstverwirklichungim Beruf und jenseits des Berufes, aber auch intakteLebensgrundlagen und der Schutz der Umwelt geltenals neue Wohlstandsindikatoren. Dem Bruttoinlands-produkt folgt das umfassendere Lebensqualitätspro-dukt. Wachsen sollen menschliche Beziehungen, dieQualität der Lebensmittel, der Wert und die Dauer-haftigkeit unserer Güter.

Was bedeutet das für den ländlichen Raum? DieLandwirtschaft wird eine Aufwertung erfahren.(Gesundheits)bewusstere KonsumentInnen fordernLebensmittel hoher Qualität – der ungebrochene Bio-boom bestätigt es. Auch regionale Herkunft wirdwichtiger, wie die sich verändernden Warensorti-mente der Supermärkte zeigen. Dazu kommen dieLeistungen der Landwirte als Kulturlandschaftspfle-ger und als zukünftige Energielieferanten. Das (unbe-zahlbare) Juwel der ländlichen Räume sind die her-

Über die Hälfte derMenschheit lebtmittlerweile inStädten. Der Trendist eindeutig: Lebenund Wirtschaftenkonzentrieren sichimmer mehr aufurbane Ballungs-räume.Drei AnnäherungenHans Holzinger

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Regionalentwicklung und Lebensqualität ausblicke 2|10 21

vorragenden Lebensbedingungen: viel Grün, wenigLärm, ästhetische Kultur- und Naturlandschaften.Eine bedachtsame Raumplanung hat darauf zu ach-ten, dass dieses Juwel nicht leichtfertig zerstört wird.

Neue OrtsbindungNachhaltigkeit hat nicht nur eine zeitliche Dimension,sondern auch eine räumliche. Menschen sind,anders als global zirkulierende Finanztransaktionen,nicht virtuell, sondern real. Sie leben an realen Ortenund treffen an diesen Orten Entscheidungen. In denletzten Jahrzehnten ist jedoch ein Trend zur Entwer-tung der Orte festzustellen.

Die Automobilität hat unsere Aktionsradienerweitert, jedoch alle Räume tendenziell zu Durch-zugsräumen degradiert. Nicht mehr das Sein aneinem Ort, sondern der massenhaft vollzogene Orts-wechsel wurde zum neuen Paradigma. Die Zunahmeder „Weltofferte“ hat unsere Freiheitsräume vergrö-ßert, zugleich aber auch neue Zwänge geschaffen,etwa in Gestalt übervoller Terminkalender sowie als„Entortung“, als „Unfähigkeit zur Präsenz“ (MarianneGronemeyer). Auch die zunehmende ökonomischeVerflechtung hat ihren Tribut gefordert: RuinösePreis- und Werbeschlachten um Kunden entziehendie Kaufakte der räumlichen Bindung, da eben der(vermeintliche) Billigstpreis zum Hauptmotiv für Kauf-entscheidungen wird. Regionale Verortung spieltdabei keine Rolle mehr. All das hat zur Zerstörunglokaler Wirtschaftsstrukturen und der Abwertung derOrte als Lebensräume geführt.

Not tut somit eine Renaissance der Orte.Lebensqualität vor Ort, ein ansprechendes Wohnum-feld, soziale Kontakte in der Nachbarschaft, aberauch eine zumindest stückweise Rückbindung derÖkonomie an den Raum sind geboten. Ortsbindung indiesem Sinne geht mit (geistiger) Weltoffenheit ein-her, ja ist deren Voraussetzung.

Ein wichtiger Aspekt liegt dabei in der Rückho-lung von Gestaltungsspielräumen. Je größer die phy-sischen Räume werden, in denen wir uns bewegen,umso enger – so scheint es – werden unsere Denk-räume. So wird an bekannten, aber brüchigen„Lösungsmustern“ festgehalten, etwa dem Wirt-schafts- und Güterwachstum alten Stils. Folgerichtigwären auch die dominanten Bilder von Wohlstandkritisch zu hinterfragen. Neben den bekannten Güter-

wohlstand würden etwa „Zeitwohlstand“, „Ernäh-rungswohlstand“, „Raumwohlstand“, „Beziehungs-wohlstand“, „Informations- und Demokratiewohl-stand“ treten. So geht es um das Wiederfinden vonVersammlungskulturen, etwa in „Zukunftswerkstät-ten“ an vielen Orten.

In der Stadt wie am Land gilt es, neue Quelleneiner „Mitmach-Gesellschaft“ zu erschließen. Wenndie Erwerbsarbeit zukünftig tendenziell abnehmenwird, bleibt mehr Zeit auch für soziales und kultu-relles Engagement. Kooperation und Vernetzung sindzukünftig aber auch Voraussetzung für wirtschaftli-chen Erfolg. Ob in der Gastronomie, im lokalenGewerbe oder in der Vermarktung einer Region nachaußen – Kraft entsteht mehr durch Zusammenarbeitdenn durch Konkurrenz. Der WirtschaftsexperteChristian Felber spricht gar von „Gemeinwohl-Öko-nomie“ als einzig tragfähiger Zukunftsperspektive.Gefordert wird auch eine neue regionale Konsumen-tenverantwortung.

ResümeeDie postfossile Solargesellschaft wird dezentral orga-nisiert sein. Krisenfeste Marktwirtschaften werdendem ebenso Rechnung tragen müssen wie resilienteRegionen. Denkbar wäre eine plurale, auf einem brei-ten Sektor der Regionalwirtschaft basierende Ökono-mie, die um einen exportorientierten Hightechsektorsowie – in Österreich – um (internationalen) Touris-mus ergänzt wird. Dazu käme ein erneut wachsenderSektor des Selbermachens jenseits des Marktes. Auf-grund der Überschaubarkeit der sozialen Beziehun-gen bietet der ländliche Raum ein gutes Experimen-tierfeld für eine moderne „Mitmach-Gesellschaft“, inder sich möglichst viele Menschen in unterschiedli-chen Bereichen einbringen (können). Wenn Heimatim modernen Sinn bedeutet, „kennen, gekannt undanerkannt zu werden“ (Beate Mitzscherlich), dannsind Regionsidentität sowie partizipative und koope-rative Regionskulturen im Zusammenwirken vonWirt-schaft, Politik und Zivilgesellschaft der entschei-dende Zukunftsfaktor für Lebensqualität. |||

Hans Holzinger ist Mitarbeiter der Robert-Jungk-Stiftung in

Salzburg und Mitherausgeber der Zeitschrift „Pro Zukunft“,

www.jungk-bibliothek.at

Literatur• Christian Eigner u. a.,

Zukunft: Regionalwirtschaft!Ein Plädoyer, Innsbruck,Studienverlag 2009.

• Christian Felber, Gemeinwohl-Ökonomie, Wien, Deuticke2010.

• Hans Holzinger, Wirtschaftenjenseits von Wachstum?Befunde und Ausblicke,Wien und Salzburg 2010.

• Beate Mitzscherlich, „Diepsychologische Bedeutung vonBeheimatung“, in: Heimat ineiner globalisierten Welt,hg. v. Anton A. Buchacher,Wien, öbv & hpt 2001.

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ausblicke 2|10 Regionalentwicklung und Lebensqualität22

Wir leben in einer Zeit vielschichtiger und rascher Veränderungen. Um darauf reagieren zu können, bedarf esgemeinsam erarbeiteter Lösungen. In den ländlichen Regionen ist vor allem darauf zu achten, dass auch inZukunft die naturräumlichen Standortvorteile gewahrt werden. Bernhard Ferner

Die vielfältigen Funktioneneiner Umweltressourceam Beispiel einer artenrei-chen Wiese: Sie ist Pro-duktionsfläche fürLebensmittel und Energie,Lebensraum für eineVielzahl von Pflanzenund Tieren sowie Erho-lungsraum, der alle Sinneanspricht. Sie machtLandschaften einzigartig,stiftet Identität und lässtsich touristisch nutzen.

Umweltressourcen:

Integrierte regionaleLösungen sind gefragt!

Mannigfaltig strukturierte Kulturlandschaften, einzig-artige Naturgebiete, große (Trink-)Wasservorkom-men, ertragreiche Böden und gute Luftqualität zeich-nen ländlichen Regionen aus und sind auch für dieTourismuswirtschaft unentbehrlich. Diesen land-schaftsräumlichen Vorteil gegenüber städtischenRäumen gilt es langfristig zu erhalten – die natur-räumliche Ausstattung einer Region ist nicht nur dieBasis für Lebensqualität, sondern auch Grundlage fürzahlreiche wirtschaftliche Aktivitäten.

Am Beispiel der Ressource Boden und Flächezeigt sich allerdings, dass der Grundsatz der haus-hälterischen Nutzung noch nicht vollends verwirk-licht ist. Zwischen 2007 und 2010 lag die täglicheFlächeninanspruchnahme durch Bau- und Verkehrs-flächen bei 11 ha, davon wurden 5ha versiegelt(Umweltbundesamt 2010: 9. Umweltkontrollbericht).Zukünftig wird die Siedlungs- und Wirtschaftsent-wicklung, der Bedarf an Hochwasserschutz, die stei-gende Nachfrage nach Lebens- und Futtermittelnsowie die Energieaufbringung verfügbare Flächen

weiter verknappen. Ein Trend, der sich auch in denSzenarien der Raumentwicklung Österreichs für 2030abzeichnet (ÖROK 2009). Mit der Verknappung derFlächen steigt auch der Nutzungsdruck auf vorhan-dene Umweltressourcen. Vor allem in naturräumlichbegrenzten Dauersiedlungsräumen (11,9% in Tirol)werden dadurch Entwicklungspotenziale eingeengt.

Regionale Ressourcenplanungmit MUFLANDurch beschleunigte sozioökonomische Veränderun-gen wächst der Bedarf an qualitativ hochwertigen,regional verfügbaren Umweltressourcen und damitzusammenhängend konkurrierenden Nutzungsan-sprüchen. Um sich frühzeitig mit potenziellen Konflik-ten auseinanderzusetzen, sind gegensteuernde Maß-nahmen notwendig.

Der regionale Kontext ist dabei besonders wich-tig. Leader-Regionen etwa sind groß genug, um mehrals nur Beispiele für Insellösungen zu sein. Sie sindaber auch klein genug, um Wirkungs- und Hand-lungsebenen sowie die Auswirkungen individuellerNutzungsentscheidungen um Ressourcen nachvoll-ziehbar zu machen. So wird Konfliktmanagement ineinem umsetzbaren Rahmen möglich.

Die Potenziale ihrer Regionen darstellen und dieLebensbedingungen dauerhaft erhalten – mit diesenZielvorgaben starten drei österreichische Leader-regionen im Herbst 2010 ein Kooperationsprojekt.Unter dem Titel „Entwicklung regionaler Aktionspro-gramme zur multifunktionalen, ökologisch optimier-ten Nutzung von Landschaft und Umweltressourcen“(MUFLAN) werden neue Lösungswege beschritten.

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Regionalentwicklung und Lebensqualität ausblicke 2|10 23

Es sollen Ansätze im Management von Nutzungskon-flikten um die Verfügbarkeit von Umweltressourcenzwischen unterschiedlichen Interessengruppen auf-gezeigt werden, um diese sichern zu können. SolcheAktionsprogramme zielen darauf ab, die Eigenstän-digkeit, Leistungsfähigkeit und Stabilität der Regio-nen zu unterstützen. Damit schaffen ExpertInnen ausden Regionen gemeinsam mit Fachleuten des Um-weltbundesamts und der ÖAR-Regionalberatungwesentliche Voraussetzungen für eine integrierteRessourcenplanung.

Handlungsempfehlungenfür die ZukunftDas Umweltbundesamt erstellt die Umweltressour-cen- und Nutzungsinventare, also ökologische Regi-onsprofile. Diese geben Auskunft über die vielfältigenFunktionen der regional vorhandenen Umweltres-sourcen. Auf Basis der Inventare werden für dieRegionen im Sinn einer ökologisch nachhaltigenEntwicklung regionale Aktionsprogramme für die zu-künftige effiziente Nutzung der Umweltressourcenund den Ausgleich von Nutzungsinteressen erarbei-tet. Die Programme enthalten auch möglichst kon-krete Handlungsempfehlungen für die Ressourcen-nutzung. Die Inventare und Aktionsprogramme wer-den in enger Abstimmung mit den relevantenStakeholdern und regionalen ExpertInnen erstellt.Durch aktive Partizipation fließt regionales Wissendirekt in das Projekt ein.

Die Regionen profitieren auf drei Ebenen:f Das Projekt liefert eine ökologische Bestandsauf-nahme der Region. Der Prozess und die Ergeb-nisse schaffen bei Stakeholdern, Politik undBevölkerung ein besseres Verständnis für denökologischen Wert der Umweltressourcen. DieInventare und Aktionsprogramme geben wert-volle Informations- und Entscheidungsgrundla-gen für die Regionalentwicklung, vor allem für dieWeiterentwicklung der Ressourcennutzung.Im Projektverlauf werden regional spezifischeUmweltthemen aufgegriffen und bearbeitet,beispielsweise die Nutzung mineralischer Roh-stoffe, die Zukunft der Flächennutzung und derbiologischen Vielfalt sowie eine regionaleKlima- und Energiebilanz.

f Die Aktionsprogramme bieten eine regionaleInformationsgrundlage im Vorfeld einschlägigerVerwaltungsverfahren zur Regelung von Nut-zungsansprüchen und -konflikten um regionaleUmweltressourcen – etwa bei der Ausweisungvon Vorrangflächen in der Raumplanung. DieRegion erhält damit ein Instrument, mit dem sieNutzungsinteressen besser koordinieren unddadurch Konflikte vermeiden kann.

f Das ökologische Profil der Regionen kann zurVermarktung und strategischen Positionierungnach innen und außen kommuniziert werden.

Zukünftig soll es den Regionen gelingen, ihre Um-weltressourcen ökologisch verträglicher zu nutzen.Zudem sollen sie über eine Grundlage verfügen, diesie im effizienten Umgang mit unterschiedlichen Nut-zungsinteressen leitet. Eine Weisheit besagt: Versie-gen die Quellen, versiegt das Leben. Ob dies traditio-nelle Kulturlandschaften, reiche Wasservorkommenoder ertragreiche landwirtschaftliche Böden sind –allen ist gemeinsam, dass ihre nachhaltige Nutzunggesichert sein muss. Umweltressourcen müssen ineiner ausgewogenen Balance zwischen Schützenund Nützen achtsam behandelt werden, um heutigesWirtschaften zu ermöglichen, ohne zukünftig lebendeGesellschaften in ihren Handlunsspielraum zu be-schränken. Mit dem Projekt MUFLAN leistet dasUmweltbundesamt einen Beitrag dazu. |||

Bernhard Ferner, Umweltbundesamt

MUFLANProjekt MUFLAN –Entwicklung regionalerAktionsprogramme zurmultifunktionalen,ökologisch optimiertenNutzung von Landschaftund UmweltressourcenInhaltliche Bearbeitung:UmweltbundesamtGmbHProzessbegleitung:ÖAR-RegionalberatungGmbHLaufzeit: 18 MonateVoraussichtlicherProjektstart: Herbst 2010

Kontakt Umwelt-bundesamt:Bernhard Ferner,[email protected],01/313 04-3539Helmut Gaugitsch,[email protected],01/313 04-3133Kontakt ÖAR:Harald Payer,[email protected],01/512 15 950

Landschaft und Umwelt-ressourcen sind Gegen-stand zahlreicherNutzungsansprüche.

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MultifunktionaleRegionen

Multifunktionale Herausforderungenund Vielfalt der Bedürfnisse.Ob Bildungsausbau, allgemeinesWirtschaftsgeschehen, E-Mobilität,

Diversifizierung der Landwirtschaft oder Aufbaukultureller Kooperationen – in der Regionalentwick-lung ist man gefordert, multifunktional zu agieren.In der Energieregion Weiz-Gleisdorf setzen wirzeitgleich in unterschiedlichen Sparten diverseProjekte um, um der definierten Zielsetzung stetignäherzukommen und somit die Wertschöpfung derRegion laufend zu erhöhen. Laut Duden bedeutet„multifunktional“ „viele Bedürfnisse befriedigend“.Manchmal gewinnt man in der Umsetzung denEindruck, dass die Vielfalt der Bedürfnisse gegenunendlich geht. Deshalb ist aufgrund unsererErfahrung eine laufende Priorisierung der„Bedürfnisse“ unentbehrlich.Iris Absenger, Leader-Managerin

Energieregion Weiz-Gleisdorf

Gemeindekooperationkann multifunktionaleRegionen sichern.Wie können wir für alle

Generationen eine hohe Lebensquali-tät in ländlichen Regionen schaffenund sichern? Bei einigen Themen,etwa bei Fragen der Gemeinwesens-arbeit, in den Bereichen Kultur undMobilität, aber auch bei Anliegen imZusammenhang mit Pflege und Ver-sorgung im Alter, ist und bleibt dieGemeinde zentraler Ansprechpartner.Durch gemeinsame Leader-Projekte,an denen sich mehrere Gemeinden

und Partner in der Region beteiligen,entstehen Möglichkeiten, die eineGemeinde allein im Rahmen der Ver-waltung nicht anbieten kann – undauch nicht anbieten muss. Die ge-meindeübergreifende Finanzierungvon Angeboten trägt maßgeblichzum Erhalt einer „multifunktionalen“Region bei, erfordert aber eine großeBereitschaft zur Kooperation undVertrauen in die Zusammenarbeit mitden Partnern für die Umsetzung.Claudia Schönegger, Geschäftsführerin

von Terra Cognita und Beraterin von

Leader-Regionen

Verschiedene Akteure und Sichtwei-sen zusammenbringen. Welche Räumesind nicht multifunktional? Diesesmodische Attribut kann wohl keiner

menschlich genutzten Landschaft abgesprochenwerden. Was ich an diesem Begriff aber dennochschätze, ist, dass er verschiedene Blickwinkelöffnet und die vielfältige Bedeutung einer ländli-chen Region als Lebens-, Wirtschafts- und Erleb-nisraum bewusst macht.Die Kooperation im Geiste des Leader-Ansatzeskommt der Multifunktionalität entgegen, bedeutetsie doch, verschiedene Akteure und deren Sicht-weisen zusammenzubringen und damit auch aufdie jeweils anderen Funktionen Rücksicht zunehmen. Diese Wirkung von Leader wurde beimProjektforum 2010 der LAG Vorarlberg eindrucks-voll unter Beweis gestellt. Eine bunte Mischungvon Akteuren aus über 50 Projekten diskutiertenin moderierten Foren ihre Erfolge und Hürden.Dabei zeigte sich, dass es gelebter Offenheit undToleranz bedarf, um die unterschiedlichen Erwar-tungshaltungen zu respektieren, die sich in einemmultifunktionalen Raum zwangsläufig ergeben.Bernhard Maier, Leader-Manager Regionalentwicklung

Vorarlberg

Multisektorale Vernetzung sichert multifunktionaleländliche Räume. Der ländliche Raum war bis zur In-dustrialisierung zu etwa gleichen Anteilen Regenera-tions-, Kultur-, landwirtschaftlicher Produktions- und

Lebensraum für Menschen sowie Naturraum. Mit der Industriali-sierung bildeten sich die Wirtschaftsräume überwiegend in denBallungszentren heraus, und die Peripherie wurde zunehmendauf die anderen Funktionen reduziert. Wenn diese Entwicklunggestoppt werden soll, ist die Erhaltung der Multifunktionalitätländlicher Räume eine wichtige Voraussetzung. Wer kann zur Er-haltung der Multifunktionalität beitragen? Meiner Meinung nachkönnen das nicht so sehr sektorale Interessenvertretungen wieWirtschafts- oder Landwirtschaftskammern – auch nicht Gemein-den mit ihrem kommunalen Fokus. Und die Bezirkshauptmann-schaften verwalten mehr, als dass sie lenken. Einen wichtigenund nachhaltigen Beitrag zur Absicherung eines multifunktiona-len ländlichen Raums leisten für mich die Leader-Gruppen, diemultisektoral, horizontal und vertikal vernetzt angelegt sind.Gabriele Meßner-Mitteregger, Regionalmanagerin kärnten:mitte

Was braucht der ländliche Raum, umals Wirtschafts-, Kultur-, Identifikations-und Lebensraum attraktiv zu bleiben?

ausblicke 2|10 Regionalentwicklung und Lebensqualität24

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Neue Wege für die Landwirtschaft.Neben der Bereitstellung von Rohstof-fen und Lebensmitteln leistet dieLandwirtschaft durch den Erhalt und

die Pflege der Kulturlandschaft, die Erhaltung undGestaltung von Lebens- und Erholungsräumen,aber auch durch das Mitgestalten des sozialenLebens in den Gemeinden einen wichtigen Beitragzur Zukunftsfähigkeit des ländlichen Raums. In derLeader-Arbeit können mit den LandwirtInnenund anderen Interessengruppen gemeinsam neueMöglichkeiten erarbeitet werden, damit diesevielfältigen und unverzichtbaren Funktionen unterheutigen Bedingungen weiter wahrgenommenwerden können. Dazu muss in erster Linie daswirtschaftliche Überleben landwirtschaftlicherBetriebe durch die Erschließung neuer, zusätzli-cher Wertschöpfungsmöglichkeiten gesichert sein.Christian Schilcher, Leader-Manager

Traunviertler Alpenvorland

Professionelle Beteili-gungsprozesse als Basisfür Multifunktionalität.Chormitglied, Agenda-

21-Kernteam-Leiter, Mitglied imVerschönerungsverein und Leader-Arbeitskreis-Leiter Kultur, Ende 40,sucht: weiteres Ehrenamt. In die Ge-staltung von Prozessen der Regional-entwicklung sind häufig Menschendieses Typus involviert. Die zeitli-chen Ressourcen zum engagiertenMitarbeiten im jeweiligen Themenge-biet sind folglich oft begrenzt. Eineder großen Herausforderungen inder Leader-Arbeit besteht daher imGestalten von Beteiligungsprozes-sen, die das häufig überstrapazierteEhrenamt ablösen und engagiertenMenschen aus unterschiedlichenSektoren eine sinnvolle und nach-haltige Mitarbeit ermöglichen. Dasist aus meiner Sicht eine wichtigeVoraussetzung für die Entwicklungeines multifunktionalen ländlichenRaums.Elisabeth Muss, Leader-Managerin

Traunsteinregion

Chancen und Risiken einer multifunktionalen Regionalentwick-lung. Die multifunktionale Ausrichtung von Leader hat zweiSeiten. Einerseits sind die Vielfalt einer jeden Maßnahme und dieKomplexität eines jeden Projekts ein Garant für besondere

Qualität und ständige Weiterentwicklung. Genau dieser Umstand grenzt dieländliche Entwicklung im Sinn von Leader von den klassischen Standard-programmen ab und macht eine langfristige, „multifunktionale“ Regionalent-wicklung überaus spannend. Anderseits haben Leader-Projekte durch ihreKomplexität natürlich auch den Hang zum Scheitern. Egal, wie viele sinnvolleund interessante Bausteine ein Projekt vorweisen kann, man hat trotzdemselten die Garantie, dass eben diese oder eine ähnliche Maßnahme erfolg-reich sein wird. Die beiden Seiten der Leader-Medaille – Chancen undRisiken – sind für Innovationsprozesse charakteristisch und notwendig.Peter Thaler, Regionalmanagement Bezirk Imst

Keine multifunktionaleRegionalentwicklungohne Identität. Daskulturelle Erbe des Kul-

turparks Eisenstraße geht auf eine3000-jährige Besiedelungsgeschichtezurück. Von jeher prägte das Eisen-wesen die Region im südlichen Most-viertel Niederösterreichs. Die darausresultierende Lebensweise und über-lieferte Kulturlandschaft geben unsIdentität und bilden die Basis derheute erfolgreichen interkommuna-len Zusammenarbeit. Erst als der

Multifunktionalitätgestalten als Erfolgs-rezept. 2007 war dasWendejahr in Europa.

Erstmals lebten mehr Menschen inStädten als am Land, Tendenzsteigend. Ausbildung, Jobs, Freizeit-angebote und kulturelles Flair sindes, die Städte attraktiv erscheinenlassen. Wie soll da der ländlicheRaum mithalten? Ich denke, es gibtsehr wohl Möglichkeiten, den ländli-chen Raum anziehend zu gestalten.Der ländliche Raum hat viele Eigen-schaften von Städten, nur auf einemwesentlich gesünderen Niveau –und das verbunden mit einer höhe-ren Lebens- und Wohnqualität. Nurwird das nicht vermarktet. DieseInformation geht einfach in einerlauten, schreienden und zunehmendstädtischen Welt unter.Eine wichtige Schlüsselrolle bei derGestaltung eines multifunktionalenländlichen Raums hat das multi-sektoral agierende Leader-Manage-ment. Es kann die notwendigeintegrierte Entwicklung ländlicherRegionen fördern und der Bevölke-rung bewusst machen, dass es dochschön ist, im ländlichen Raum zuleben, zu arbeiten und zu lieben.Das ist multifunktional.Thomas Heindl, Leader-Manager

Südliches Waldviertel – Nibelungengau

Einzelne sich als integraler Bestand-teil eines Großen verstand, entwi-ckelte sich ein regionales Verantwor-tungsbewusstsein, welches wiederumdie Identifikation mit dem gemein-samen multifunktionalen Lebens-,Arbeits- und Bildungsraum „Region“stärkte. Eine erfolgreiche Regionalent-wicklung zur Aufrechterhaltung einesmultifunktionalen ländlichen Raumsist ohne Identität nicht möglich.Andreas Hanger, Obmann Kulturpark

Eisenstraße – Ötscherland

25Regionalentwicklung und Lebensqualität ausblicke 2|10

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Die ursprüngliche Naturlandschaft veränderte sichmit dem Sesshaftwerden der Bauern und wurdedurch Bewirtschaftung je nach Region unterschied-lich gepflegt und geprägt. Die Siedlungen wurden mitall ihrer Infrastruktur in den ländlichen Raum einge-bettet. In Österreich übernimmt die Bauernschaft miteiner historisch gewachsenen, klein strukturiertenLand- und Forstwirtschaft die Kulturlandschaftsleis-tungen. Die Acker-, Obst-, Wein- und Gemüse-sowie Grünland-, Vieh- und Waldbäuerinnen und-bauern versuchen, im Rahmen der vorgegebenenBedingungen, die vom Naturschutz (Biodiversität,Artenschutz etc.), vom Umweltschutz (Boden, Was-ser, Luft) und vom Schutz des allgemeinen Lebens-raumes (Wildbach- und Lawinenverbauung, Berg-und Naturwacht, Jägerschaft etc.) wesentlich mitbe-stimmt werden, der Gesellschaft ihre qualitativeArbeit (Produktion guter Lebensmittel und Rohstoffesowie Pflege der Landschaft und Erhaltung ihrerAttraktivität) anzubieten.

Einerseits begegnen wir Ackerkulturen wie imMarchfeld und im Weinviertel sowie Mischwirt-schaften in den Gunstlagen der Flusslandschaften.Andererseits finden wir in den Berglandschaften vonder Buckligen Welt bis ins Hochgebirge in harmoni-schen Grüntönen gehaltene Wiesen- und Waldland-schaften mit weidenden Tieren rund um die bäuerli-chen Betriebe und auf den Almen. Neben der bizar-ren Bergwelt und den gepflegten Wiesen undWeiden unterstreichen so mancher See und Ge-birgsfluss die intakten und attraktiven Kulturland-schaften. Die geologisch unterschiedlichen Forma-

Ohne die flächendeckende Bewirtschaftung der vielfältigen Kultur-landschaft durch die Bauernschaft wären Nahrungsmittelsicherheitund Attraktivität Österreichs als Tourismusland gefährdet. Es istdaher doppelt wichtig, die Kulturlandschaftsleistungen der Bäuerin-nen und Bauern adäquat zu fördern. Karl Buchgraber

tionen und Klimata und vor allem die spezifische undfachgerechte Bewirtschaftung der Bauern machenÖsterreich zu einem beliebten und schönen Land.Und natürlich auch die Bäuerinnen und Bauernselbst, die oftmals interessante, charismatische undfreundliche Menschen sind, geprägt von ihrer tägli-chen, meist erdverbundenen Arbeit. Sie schätzen diePflanzen und Tiere und vollbringen ihr Tagwerk miteiner gewissen couragierten Demut.

Ein Kapital für ÖsterreichDie Bevölkerung und auch die vielen Gäste, diewegen der landschaftlichen „Schönheiten“ nachÖsterreich kommen, sollten verstehen lernen, dasses viel mühevoller Arbeit bedarf, das alles so zugestalten. Die Einmaligkeit der Landschaften vomOsten bis in den Westen Österreichs ist durch kleineParzellen, durch steiles, unwegsames Gelände undkarge Böden, durch oft raue Bedingungen und kleineBetriebsverhältnisse gekennzeichnet. Aber geradedas macht die ökologische Vielfalt und große Anzie-hungskraft aus. Die entscheidende Frage ist jedoch,ob in Zukunft angesichts sinkenden Personals und

ausblicke 2|10 Multifunktionale Landwirtschaft26

Kulturlandschaft undLandwirtschaft

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Multifunktionale Landwirtschaft ausblicke 2|10 27

Eckdaten der österrei-chischen LandwirtschaftIn Österreich gibt es170.000 landwirtschaftli-che Betriebe, davon sind100.000 Grünland- undViehbauern mit 2 Millio-nen Rindern, 350.000Schafen, 70.000 Ziegenund 100.000 Pferdensowie 70.000 Acker-,Wein-, Obst- und Gemü-sebauern. ÖsterreichsLandwirtInnen bietenNahversorgung vonhoher Qualität mit nach-vollziehbarer Produk-tion: Sie liefern Brotge-treide, Getreide fürbesondere Mehle undBrauereien, pflanzlicheÖle und Fette, Zucker,Kräuter und Gewürze,Saatgut, Gemüse, Obst,Wein, Milch, Milchpro-dukte, Fleisch und Fisch.In den letzten 60 Jahrenwurden 250.000 Betriebestillgelegt. Die derzeitigeAgrarquote beträgt4,9 %.

Einige Durchschnitts-werte pro Betriebf 16 ha Betriebsfläche

(Acker, Grünland,Wald)

f 11 Kühef 60.000 kg Milch

pro Jahrf 0,5 ha Parzellengröße

im Grünland

Gleichgültigkeit, Eigenbrötlertum und Sittenverfallbreitgemacht. Auch Landwirte wurden teilweise vondieser Entwicklung erfasst. Die derzeitige Finanz- undWirtschaftskrise ist in Wahrheit der Höhepunkt un-seres gesellschaftlichen Werteverfalls. Die meistenBauern, die in Bescheidenheit ihre Arbeit in derNatur verrichten, haben noch eine erdverbundeneund gesunde Lebenseinstellung. Die Bauernschaftsollte diese Einstellung an die oftmals „irregeführte“Gesellschaft weitergeben. Das Leben ist mehr alshaltloser Konsum und verbissener Reichtum. DieGesellschaft sollte diese Gedanken aufnehmen undfür die Kulturlandschaft des Landes mehr Verantwor-tung als bisher übernehmen. Schließlich entscheidetsie darüber, wie viel Landschaft sie in welchem Pfle-gegrad und in welcher Offenheit haben will. Da eineoffene, produktive Kulturlandschaft uns auch wert-volle Nahrungsmittel bringt, ist es doppelt wichtig, diebäuerliche Bewirtschaftung flächendeckend zu er-halten. |||

Karl Buchgraber, LFZ Raumberg-Gumpenstein,

Institut für Pflanzenbau und Kulturlandschaft

geringer Löhne diese Kulturlandschaftsleistungennoch in allen Regionen erbracht werden können.

Da die Produzentenpreise niedrig gehaltenwerden, bedarf es unbedingt eines öffentlichen Aus-gleichs für die Benachteiligung, aber auch für diebesondere rücksichtsvolle ökologische Bewirtschaf-tung unseres Landes. Wer glaubt, diese Gelder ein-sparen zu müssen, hat die komplexen Zusammen-hänge nicht verstanden. Wer in Österreich Urpro-duktion (größtmögliche Nahrungsmittelsicherheit imeigenen Land) und Kulturlandschaft (Basis für unserWohlbefinden und Hauptmotiv der Gäste, das Land zubesuchen) in Frage stellt oder gefährdet, spielt mitdem Feuer. Vor allem in bedrohten Regionen muss fürKooperationen zwischen den Betrieben und Zusam-menschlüsse in den Regionen im Sinn eines moder-nen Landmanagements etwas getan werden.

Gesellschaft und BauernschaftUnsere Gesellschaft hat sich in den letzten 30 Jahrenin einen zügellosen Wohlstand mit allen Vor- undNachteilen hineinentwickelt. Es hat sich ein Verhal-tensmuster voller Oberflächlichkeit, Unzufriedenheit,

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ausblicke 2|10 Multifunktionale Landwirtschaft28

Schweizer Taschenmesser genießen auf der ganzenWelt einen hervorragenden Ruf. Erstens sind sie so-lide verarbeitet, und zweitens verfügen sie über vielefunktionale Werkzeuge, vom Messer bis zum neues-ten USB-Speicherstick. Werkzeuge, die nicht mit-einander konkurrieren, sondern ihre ganz genau ab-gegrenzte Funktion erfüllen – der Schraubenzieher istzum Schrauben da, die Lupe zum Vergrößern. Mit derMultifunktionalität der Wälder verhält es sich jedochanders. Viele Gruppen stellen Ansprüche an denWald, bekunden ihre Interessen und wollen dieseauch in Ge- und Verboten widergespiegelt sehen,entweder für die Waldbesucher oder für die Waldei-gentümer. Wie nun all diese Interessen, die teils ein-ander auch widersprechen, unter einen Hut bringen?

Die Leitfunktion§ 1 des Forstgesetzes lautet: „Der Wald mit seinenWirkungen auf den Lebensraum für Menschen, Tiere

und Pflanzen ist eine wesentliche Grundlage für dieökologische, ökonomische und soziale EntwicklungÖsterreichs. Seine nachhaltige Bewirtschaftung,Pflege und sein Schutz sind Grundlage zur Sicherungseiner multifunktionellen Wirkungen hinsichtlich Nut-zung, Schutz, Wohlfahrt und Erholung.“ Die Leitfunk-tion von Waldflächen ist österreichweit im Waldent-wicklungsplan (WEP), einem behördlichen Instru-ment der forstlichen Raumplanung, festgehalten.Jede Waldfläche hat immer mehrere Wirkungen,nach Gewichtung wird jedoch die Leitfunktion, alsodie wichtigste, definiert. Dabei wird das öffentlicheInteresse stark berücksichtigt.

Jedem Wald ist eine andere Leitfunktion zuge-teilt. Der Schutzwald im Paznauntal soll vor Lawinen,Steinschlag und Muren schützen. Im Wienerwaldsteht die Wohlfahrtswirkung im Vordergrund: Saube-res Wasser, saubere Luft und die damit verbundeneökologische Balance leiten hier die Bewirtschaftung.

Die vielen Funktionendes Waldes

Österreichs Wälder erfüllen eine Vielzahl von Funktionen, wie etwa Schutz-funktionen. Wälder bieten uns aber auch den wertvollen Rohstoff Holz, Raumzur Erholung, frisches Wasser und gute Luft. Bei allen Diskussionen über dieverschiedenen Interessen am Wald sind auf jeden Fall die Eigentümer starkmit einzubeziehen. Gregor Grill

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Im bäuerlichen Kleinwald in St. Radegund ist – wiebei mehr als der halben Fläche des Waldes in Öster-reich – die Nutzwirkung vorrangig.

Eine große Stütze der VolkswirtschaftNeben der Erfassung im Waldentwicklungsplanhaben alle Wälder noch eine Gemeinsamkeit: Siehaben einen Eigentümer – vom Staat angefangen,der durch die Österreichische Bundesforste AG fürknapp 15 Prozent der Wälder direkt die Verantwor-tung trägt, bis hin zu den gut 170.000 privaten Wald-besitzern, die knapp 80 Prozent der Waldflächen be-wirtschaften. Als Partner steht eine der leistungs-fähigsten holzverarbeitenden Industrien der Welt zurVerfügung, die den wertvollen Rohstoff aus demWaldbestens nutzt. Die Außenhandelsbilanz zeigt, dassder Sektor Forst und Holz mit einem Außenhandels-überschuss von über drei Milliarden Euro im Krisen-jahr 2009 eine starke Stütze der österreichischenVolkswirtschaft ist. Neben dem Tourismus ist dieBranche einer der größten Arbeitgeber im Land undgerade im ländlichen Raum ein unverzichtbarerAktivposten. Der Sektor Forst und Holz bietet 280.000Menschen Arbeit und Einkommen – eine eindrucks-volle Bilanz.

Auch die energetische Nutzung nimmt in Öster-reich einen großen Stellenwert ein. Die Verwendungvon Holz zur Erzeugung von Wärme und Strom hat inÖsterreich eine lange Tradition. Mit der Substitutionfossiler Energieträger, die Österreich derzeit mehr alszehn Milliarden Euro Außenhandelsdefizit und einegroße Abhängigkeit von Öl und Gas bescheren, steigtdie Versorgungssicherheit mit heimischer erneuer-barer Energie.

Schutz und ErholungDie Schutzwirkung der Wälder ist vor allem in denalpinen Regionen Österreichs von größter Bedeu-tung. Seit Galtür im Winter 1999 von einer Lawinen-katastrophe mit 31 Todesopfern heimgesucht wurde,ist gerade in Tirol und Vorarlberg mehr in die Sanie-rung und Pflege der Schutzwälder investiert worden.Die „Initiative Schutz durch Wald“ (ISDW) desLebensministeriums unterstützt seit Mitte des Jahresalle interessierten Partnergemeinden, die Wäldermit Objektschutzwirkung verbessern und erhaltenwollen.

Der übrige, zum Beispiel zur Bewahrung des Stand-orts vor Bodenerosion ausgewiesene Schutzwaldbedarf jedoch auch aufgrund der Auswirkungen desKlimawandels größerer Fürsorge. Borkenkäferbefallund Sturmkatastrophen haben in den letzten Jahrenverdeutlicht, dass Waldbesitzer gerade in schlechterreichbaren Lagen im Gebirge ohne ausreichendeErschließung durch hohe Ernte- und Bringungskos-ten die Bewirtschaftung und damit die Pflege desSchutzwaldes oft nicht kostendeckend bewerkstelli-gen können. Dazu kommen lange Verjüngungszeit-räume und Wildverbiss, was den Eigentümern dieSicherung ihrer Lebensgrundlage vielfach erschwert.

Die Wohlfahrts- und die Erholungswirkung derWälder sind neben Ansprüchen des Natur- und Um-weltschutzes weitere Themen, die heute Berück-sichtigung finden.

Der WalddialogEgal, um welche Interessen, Wünsche und Ansprüchees auch geht: Der Eigentümer des jeweiligen Waldesmuss in alle Diskussionen stark eingebunden werden.Denn wer außer dem Waldbesitzer soll die nötigenMaßnahmen schließlich setzen? Im Rahmen desÖsterreichischen Walddialogs (www.walddialog. at)können alle Interessen in SachenWald an einen Tischgebracht werden, um zwischen den vielfältigen An-spruchsgruppen einen Ausgleich zu schaffen. DemWalddialog sind in den letzten Jahren schon vieleInitiativen entsprungen, die in einer vielfältigen Reihevon Veranstaltungen, Projekten und Kooperationensichtbar werden. Viele dieser Aktivitäten gehen aufEigentümer oder deren Vertretungen zurück.

Damit alle Funktionen der Wälder und zusätzli-che Ansprüche auch in Zukunft erfüllt werden kön-nen, wird die Gesellschaft Ökosystemleistungensowie die Schutz-, Wohlfahrts- und Erholungswir-kung der Wälder stärker honorieren müssen. Wirsollten den Wald keinesfalls nur zu einer Projekti-onsfläche von Interessen verkommen lassen. |||

Multifunktionale Landwirtschaft ausblicke 2|10 29

Gregor Grill, Landwirtschaftskammer Österreich

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In den letzten 60 Jahren kam es mit der wachsendenNachfrage nach Arbeitskräften und den steigendenLöhnen in der Industrie sowie dem allgemeinen tech-nischen Fortschritt zu tiefgreifenden sozioökonomi-schen Veränderungen, die auch an wichtigen Kenn-zahlen der Landwirtschaft nachvollziehbar sind(siehe Tabelle auf Seite 31).

Die Agrarentwicklung war in den letzten Jahrzehntenim Wesentlichen durch folgende Trends gekenn-zeichnet:f eine enorme Zunahme der Produktivitätund Kapitalintensität,

f eine starke Abnahme des Anteils am BIP,an den Erwerbstätigen und der Ausgabender Privathaushalte für Nahrungsmittel,

f einen massiven Strukturwandel und einestarke Abnahme der Betriebe,

f hohe Budgetkosten, internationale Handels-konflikte und in der Folge eine größereEinbindung der Landwirtschaft in dieRegelwerke des internationalen Handels,

f eine starke Bedeutungszunahme der all-gemeinen und spezifischen Umweltleistungenund des Begriffs der Multifunktionalität,

f einen generellen Verlust des Ansehens der

ausblicke 2|10 Multifunktionale Landwirtschaft30

Die Landwirtschaft wird von der Gesellschaft – zusätzlich zur Nahrungsmittel- und Roh-stofferzeugung – immer stärker als Träger allgemeiner und spezifischer Umweltleistungen,als Energieerzeuger und als Erhalter der Biodiversität und Kulturlandschaft wahrgenom-men. In den letzten Jahren werden auch immer öfter neue soziale Aufgaben der Landwirt-schaft wie etwa die Betreuung alter oder behinderter Menschen diskutiert. Gerhard Hovorka

Zwischen Tradition und ModerneLandwirtschaft und Gesellschaft:

Exkursion im TirolerZillertal: Ein Bergbauerund Gastwirt erklärtdie Situation derBerglandwirtschaftin Extremlagen.

Page 33: ausblicke 2.10 - Multifunktionalitaet: Magazin fuer laendliche Entwicklung

bäuerlichen Tätigkeit und des Lebens alsBauer/Bäuerin in der Gesamtgesellschaft,

f eine starke Interessenvertretung trotz massiverKompetenzverschiebungen an EU-Gremien,

f die weiterhin große Bedeutung der Bergland-wirtschaft im österreichischen Kontext undeine starke Zunahme des Biolandbaus.

Neue Aufgaben der(Berg-)LandwirtschaftIn ökonomischer Hinsicht kann die Berglandwirt-schaft aufgrund der natürlichen Bewirtschaftungser-schwernisse gegenüber den Gunstlagen nur schwermithalten. Bergbauernförderprogramme konntenaber die wirtschaftlichen Nachteile zu einem gewis-sen Grad kompensieren. In den neuen ökologischenund sozialen Bereichen hat aber die Berglandwirt-schaft gegenüber Betrieben in landwirtschaftlichenGunstgebieten Vorteile, da sie besser dem ge-wünschten Typ der multifunktionalen Landwirtschaft– vor allem im Hinblick auf Umwelt und öffentlicheGüter – entspricht. Ein gutes Beispiel ist die biologi-sche Landwirtschaft, die der klarste Indikator für eineökologisch nachhaltige Bewirtschaftungsform ist undgut zum Image der Berglandwirtschaft passt. Immer-hin sind 74 % der österreichischen Biobauern Berg-bauern.

Agrarpolitik ist unverzichtbarIn der Diskussion über die Zukunft der Landwirtschaftist grundsätzlich zwischen dem neoliberalen Konzeptder Agrarindustrialisierung („farming“) mit einerhochintensiven, semiindustriellen und regional kon-zentrierten Produktionsform und der Entwicklungeines europäischen Agrarmodells der multifunktio-nalen Landwirtschaft („agriculture“) mit einer nach-haltigen Produktionsform zu unterscheiden, die öko-nomischen, ökologischen und sozialen Zielen dengleichen Stellenwert einräumt und auf Ernährungs-souveränität setzt. Da der freie Markt einer globali-sierten Welt die Erfüllung der multifunktionalenLeistungen der Landwirtschaft nicht sicherstellenkann, hat Agrarpolitik auch weiterhin ihre Berechti-gung.

Die zukünftige Ausgestaltung der Agrarpolitik istnicht nur für die Landwirtschaft, sondern für alleMenschen von Bedeutung.1 Die Ergebnisse der

Agrarpolitik spüren wir unmittelbar beim Essen undmittelbar durch die Auswirkungen auf die Umweltund auf die Steuerausgaben. In den ländlichenRegionen kann und soll der Beitrag der Landwirt-schaft zur Lebensqualität anderer Bevölkerungs-gruppen sehr positiv sein. Die öffentliche Diskussiongeht in die Richtung, dass als Gegenleistung fürFörderungen zukünftig noch klarer begründete undnachweisbare Leistungen für die Gesellschaft er-bracht werden müssen. Diese Orientierung kannunter dem Slogan „public money for public goods“zusammengefasst werden und meint vor allem dieUmweltleistungen der Landwirtschaft. Auch dieFrage einer gerechteren Verteilung der Agrarförde-rungen steht zur Diskussion.

Berggebiete: Lebensräumemit ZukunftBisher haben sich die Bäuerinnen und Bauern imBerggebiet trotz naturräumlich bedingter Benachtei-ligungen und wirtschaftlicher Problemphasen über-raschend flexibel auf die unterschiedlichsten exter-nen Einflüsse eingestellt und sich behauptet. Derindividuelle und gesellschaftliche Freiheitsgrad hängtin Zukunft davon ab, inwieweit es gelingt, einenRahmen für Lebensbedingungen und -perspektivenzu schaffen, die auf gesellschaftlicher Teilhabe, einerausreichenden wirtschaftlichen Basis, nachhaltigenBewirtschaftungsformen sowie einem offenen sozio-kulturellen Klima beruhen. Dafür braucht es Landwir-tInnen, die auf neue Bedingungen, Trends und ge-sellschaftliche Wünsche aufgeschlossen reagieren,aber auch eine aktive Agrarpolitik, die als Teil einermodernen Regionalpolitik mit anderen relevantenPolitikinstrumenten abgestimmt ist. |||

Gerhard Hovorka, Bundesanstalt für Bergbauernfragen

Multifunktionale Landwirtschaft ausblicke 2|10 31

1 Als Gegenleistung für dieFörderung der Landwirtschafterwarten sich die BürgerInnenvon dieser die Erzeugunggesunder Lebensmittel zu fairenPreisen, die Erhaltung undGestaltung der Kulturland-schaft, die Einhaltung hoherTierschutz- und Qualitätskrite-rien sowie einen positivenBeitrag zum Klimaschutz undzur Bewältigung der anderenneuen Herausforderungen(Biodiversität, erneuerbareEnergien, Wassermanagement).Darüber hinaus rechnen sieauch damit, dass die Landwirt-schaft soziale Aufgabenübernimmt.

Literatur• Thomas Dax/Gerhard Hovorka,

„Multifunktionalität alsStärke der österreichischenLandwirtschaft“, in: Wegefür eine bäuerliche Zukunft,Nr. 312, Mai 2010, S. 8–10.

• Michael Groier/GerhardHovorka, Innovativ bergaufoder traditionell bergab?Politik für das österreichischeBerggebiet am Beginn des21. Jahrhunderts, Forschungs-bericht Nr. 59 der Bundes-anstalt für Bergbauernfragen,Wien 2007.

• Elisabeth Loibl/Josef Hoppichler(Hg.), Schmackhafte Aus-sichten? Die Zukunft derLebensmittelversorgung,Forschungsbericht Nr. 63 derBundesanstalt für Bergbauern-fragen, Wien 2010.

Wichtige Kennzahlen der Land- und Forstwirtschaft in Österreich

Quellen: Groier/Hovorka (2007), eigene Aktualisierungen

1951 1970 1990 1999 2007Anteil am BIP in % 16,4 6,9 3,3 1,9 1,6Betriebe in 1000 432,8 367,7 281,9 217,5 187,0Anteil Haupterwerb in % 69,0 59,0 38,0 37,0 38,0Anteil Bergbauern in % 39,0 37,0 35,0 39,0 37,0Anteil Biobetriebe in % 0,0 0,0 1,0 9,0 11,0Durchschnittliche Betriebsgrößein ha landwirtschaftl. Nutzfläche 9,6 10,5 12,6 16,8 18,9Agraranteil Gesamtexport in % 1,0 4,5 3,5 5,1 6,8Milchproduktion/Kuh in kg/Jahr 2.331 3.089 3.791 5.062 6.059Erwerbstätige in 1000 1.080 523 271 198 175Erwerbstätigenanteil in % 32,3 17,4 7,7 5,8 4,7

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ausblicke 2|10 Multifunktionale Landwirtschaft32

Rurbane HochschaubahnHeidi Pretterhofer und Dieter Spath,Arquitectos ZT

Landschaftsbilder, früher durch dieschönen Künste konstruiert, werdenheute von Fertigteilhausproduzentenfür die Vermarktung von Wohnträu-men herangezogen. Angeblichwünschen sich noch immer 80 %der Europäer ein Einfamilienhaus imGrünen. Die Umsetzung des seitmehr als 50 Jahren andauerndenTraums der Massen in die Realität hatdie Landschaft mit einem dispersenBebauungsteppich überzogen. Ringtdieser jetzt mit Wald und Wiese umAnerkennung als Pseudonatur? AlsAntwort auf das Leben in der Regionhaben wir eine „rurbane Hochschau-bahn“1 gezeichnet. Im Folgenden dreiEmpfehlungen aus der Reise durcheine neue Hybridlandschaft.

Leben hinter Werbetafeln. DerGrößen- und Preisvergleich eines Ein-familienhauses in Suburbia mit einem„Billboard“ an der Autobahn ergibt,dass beide gleich viel Platz brauchenund gleich viel kosten, die Werbetafelallerdings den besseren Ausblick hat.Was bedeutet dieses Äquivalent fürdie Wertschöpfung der Landschaft?Etwa hinter Werbetafeln zu wohnen?

Die Pendlerblase. Die/der statisti-sche ÖsterreicherIn braucht 17 %des Einkommens für Mobilität; in den

1950er-Jahren waren es umweltver-träglichere 5 %. Immer wieder wirddieselbe Strecke zurückgelegt, fastforward und rewind, ein stunden-langer Aufenthalt in der Pendlerblase.Die transitorischen Räume werden zuBindegliedern fragmentierter Lebens-muster, die eine klare räumlicheZäsur zwischen Arbeits-, Einkaufs-,Freizeit- und Wohnwelt ziehen.

Der Infrastrukturwald. Windräderund Hochspannungsleitungen sindweithin sichtbare technische Wahr-zeichen des infrastrukturell durchzo-genen ländlichen Raums. In massier-ter Form stellen Windradparks oderSolarfelder künstliche Naturräumedar, die sich als neue Landschafts-strukturen in das Bild der Regioneneinfügen. Im kleineren Maßstab fallenerstaunliche Hybridobjekte auf, dieweltweit für die Tarnung von Sende-masten entwickelt werden: Beispiels-weise gibt es den steirischen Kunst-stofftannenbaum, der dem regionalenLandschaftstyp angepasst werdenkann, oder in Kalifornien die echtePalme mit Mobilfunksender. |||

MultifunktionaleAlmwirtschaftJohann Jenewein, Amt der Tiroler Landesregie-rung, Abteilung Agrarwirtschaft, Chefredakteurder österreichischen Fachzeitschrift „Der Alm- undBergbauer“

Die Almwirtschaft kann aufgrundihrer vielfältigen Funktionen, derenBandbreite von ökonomischen undökologischen bis zu Schutz- undsoziokulturellen Aufgaben reicht,ohne Zweifel mit dem Prädikat„multifunktional“ versehen werden.Neben ihrer Hauptaufgabe, der Erhö-hung der Futterbasis für die berg-bäuerlichen Betriebe, erfüllt sie weitüber den landwirtschaftlichen Bereichhinausgehende Funktionen. AlsHauptanteil des österreichischenExtensivgrünlandes haben Almeneine hohe ökologische Wertigkeithinsichtlich Biodiversität und Arten-schutz. Das Besondere der Almenist die enge Verzahnung der extensivbewirtschafteten Kulturlandschaft mitder ursprünglichen Naturlandschaftder Gebirgslagen. Um dieses vomMenschen geschaffene Ökosystemzu erhalten, muss es jedoch kontinu-ierlich bewirtschaftet werden.

Almen wird auch ein hoher sozio-kultureller Wert zugeschrieben. Siesind Erholungs- und Rückzugsraum

Viele Funktionen, viele SichtweisenDie Landwirtschaft schafft in vielen Bereichen die Basis für den Erhalt und die Weiterent-wicklung der ländlichen Regionen. Sei es auf den Almen, die als Rückzugs- und Erholungs-ort dienen, oder in den Wäldern, deren nachhaltige Bewirtschaftung eine ausreichendeProduktion des Rohstoffs Holz sicherstellt und die eine wichtige Schutzfunktion erfüllen.Oft wird verkannt, dass auch der Naturschutz als integraler Faktor zur Regionalentwicklungbeiträgt. Auch Zersiedelung und Ausbau der Infrastruktur prägen den ländlichen Raum.Im Folgenden vier Ansichten zu den vielen Funktionen und Aufgaben ländlicher Räume.

1 Heidi Pretterhofer/Dieter Spath/Kai Vöckler,LAND. Rurbanismus oder Leben im postruralemRaum, HDA Graz, 2010.

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Multifunktionale Landwirtschaft ausblicke 2|10 33

für Gäste und Naherholungsgebietfür die lokale Bevölkerung. Darausergibt sich für die Almwirtschaft dieChance, auch weiterhin wertvolleLebensmittel herzustellen und zu ver-markten. Almen sind auch geeignet,bei der Bewältigung sozialer Heraus-forderungen wichtige Funktionenzu erfüllen, was wiederum ihrenBestand sichern kann. Der Rhythmusauf den Almen, der tägliche Umgangmit Tieren sowie die Beschäftigungs-und Bewegungsmöglichkeiten inder freien Natur sollen etwa vermehrtfür therapeutische Zwecke genutztwerden.

Das für die bergbäuerlichenBetriebe wichtige „ProduktionsmittelAlm“ ist also ein Produkt von großemsozialem und gesellschaftlichemWert. |||

Multifunktionalität undNaturschutzAlois Lang, Nationalpark Neusiedler See –Seewinkel/Initiative Grünes Band Europa,Öffentlichkeitsarbeit und Ökotourismus

Wie in vielen anderen Bereichenunserer Gesellschaft ist die individu-elle wie die öffentliche Wahrnehmungvon Strukturen und Potenzialen vonKlischees zugeschüttet, die zunächsteinmal beiseite geräumt werdenmüssen, um – zumindest außerhalbeines überschaubaren Kreises vonExperten – die tatsächlich wirkendenRahmenbedingungen sichtbar zumachen. Womit wird beispielsweiseNaturschutz in Österreich assoziiert?Mit 5-vor-12-Szenarien, mit Protest-und (daran anschließenden) Spen-denaktionen, mit Rettet-den-Regen-wald-Kampagnen – oder etwa mitseiner Bedeutung für eine nach-haltige Entwicklung in ländlichenGebieten?

Naturschutz tut sich also nachwie vor schwer, aus der Verhinderer-

ecke herauszukommen. Aber ge-nauso klischeebeladen ist der Blickder „Naturschützer“ auf die übrigenFunktionen des ländlichen Raums.Dass beispielsweise Schutzgebietegut für die Lebensqualität, die Land-wirtschaft und den Tourismus sind,wird oft und gerne kommuniziert;dass aber auch der Naturschutz inseiner Akzeptanz stark davon profi-tiert, als einer der Akteure in diesenBereichen anerkannt zu werden, isthingegen kaum wo zu lesen.

Die vielbeschworenen Synergienwerden erst dann zu solchen, wenndie einzelnen Sektoren aufhören, sichund die anderen als Inseln oder Paral-lelwelt in ein und derselben Regionzu verstehen, und der Naturschutz alsintegraler Faktor, nicht als Blockiererder Regionalentwicklung verstandenwird. Das ist zuallererst als Forderungan den Naturschutz zu sehen, sichauch so darzustellen. Beispiele dafür,wie positiv sich die Verschränkungdes Naturschutzes mit der kleinstruk-turierten Wirtschaft, mit (Erwachse-nen-)Bildung und anderen gesell-schaftlichen Bereichen des ländlichenRaums auswirkt, sind in Österreichschließlich nicht selten. Wir müssendas nur etwas lauter erzählen. |||

Multifunktionalität ausforstpolitischer SichtFritz Singer, BMLFUW, Referat IV/4a

Traditionsgemäß spielt der Wald inunserer Landeskultur eine wesent-liche Rolle. Daher ist die Waldgesin-nung positiv und das öffentliche

Interesse am Wald und seiner Multi-funktionalität steigend. Die österrei-chische Forstpolitik ist bemüht, überÖffentlichkeitsarbeit, Förderungen,den Walddialog und das Österreichi-sche Waldprogramm gemeinsam mitden Waldbesitzern und Bewirtschaf-tern die Erhaltung und Sicherstellungaller Waldfunktionen zu gewähr-leisten.

Dank der nachhaltigen Bewirt-schaftung und der ausreichendenProduktion von Holz ist der Wald einwesentlicher Wirtschaftsfaktor.

Jährlich wachsen ca. 31 Mio. m3

Holz zu, genutzt werden rund 20 Mio.Das bedeutet einen laufenden Zu-wachs des Holzvorrates, vor allem imKleinwaldbesitz.

Ein vorrangiges forstpolitischesZiel ist die Verbesserung der Schutz-wirkung der Wälder, deren Wert imVergleich zu technischen Bauwerkenvon Experten mit rund 600 Mio. Europro Jahr angegeben wird.

Die Verbesserung des Wasser-speichervermögens und der Trink-wasserversorgung, Strategieentwick-lungen in den Bereichen Erholung,Tourismus, Freizeit und kulturelleAktivitäten sowie die Sicherung undVerbesserung der Biodiversität derWaldökosysteme stellen weitereforstpolitische Handlungsfelder dar,die sich aus der Multifunktionalitätdes Waldes ergeben.

Im Rahmen der internationalenBestrebungen zu einer gemeinsamenEU-Forstpolitik und der Vorgabender Alpenkonvention ist Österreichbestrebt, durch „Best-Practice“-Beispiele einen Beitrag zu leisten. |||

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Kulturlandschaftspreis2010

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Drei Monate lang hatten engagierte Personen und Organisationendie Möglichkeit, Projekte zum Thema ländliche Entwicklung,Kulturlandschaft und biologische Artenvielfalt einzureichen.Über 140 tolle Projekte wurden eingesandt. Die prämiertenProjekte stehen im Mittelpunkt des folgenden Kapitels.

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Mit dem von Netzwerk Land im Internationalen Jahrder Biodiversität 2010 vergebenen Kulturlandschafts-preis 2010 soll der Wert von Artenvielfalt und Kultur-landschaften in den Blickpunkt gerückt werden.Netzwerk Land will mit diesem Wettbewerb einenwirksamen Beitrag zur Stärkung der biologischenVielfalt leisten, das Bewusstsein für die Bedeutungder Landbewirtschaftung für die Artenvielfalt schär-fen und die ErhalterInnen und GestalterInnen der Kul-turlandschaften vor den Vorhang holen.

Eine nachhaltige Bewahrung von Kulturland-schaften ist nur möglich, wenn unterschiedlicheregionale AkteurInnen in den Entstehungs- und Erhal-tungsprozess eingebunden und regionale Partner-schaften zwischen verschiedenen Interessengrup-pen gebildet werden. Der Wettbewerb möchte dahernicht nur bestehende erfolgreiche Projekte und Initia-tiven, sondern auch hervorragende neue Projekteund Kooperationen öffentlich machen, die zu einernachhaltigen positiven Entwicklung des ländlichenRaumes beitragen können.

Viele interessante ProjekteDrei Monate lang hatten engagierte Bäuerinnen undBauern, Gemeinden, Regionen und Vereine die Mög-lichkeit, ihre Projekte zu den Themen ländliche Ent-wicklung, Kulturlandschaft und biologische Arten-vielfalt einzureichen. Der Wettbewerb stieß aufgroße Zustimmung. Insgesamt wurden 143 Projekte

aus acht Bundesländern vollständig eingereicht. Diebesten Projekte wählte eine hochkarätige Jury aus,die u. a. aus VertreterInnen der Europäischen Kom-mission, des Lebens- und Wissenschaftsministeri-ums, des Naturschutzbundes Österreich, der Land-wirtschaftskammer Österreich und der Universität fürBodenkultur bestand.

Die meisten Einreichungen gab es in der Kate-gorie „Kulturlandschaft & Landwirtschaft/Forstwirt-schaft“, aber auch die Kategorien „Kulturlandschaft& Gemeinschaftliche Initiativen“ sowie „Kulturland-schaft & Bildung“ erfreuten sich großen Zuspruchs.

Unterstützung bei der UmsetzungBester Dank für die erfolgreiche Umsetzung desKulturlandschaftspreises 2010 gilt den Kooperations-partnern, dem LFZ Raumberg-Gumpenstein und derHochschule für Agrar- und Umweltpädagogik sowieden Sponsoren, der Landwirtschaftskammer Öster-reich, Ja! Natürlich, der Raiffeisen-Klimaschutz-Initiative, der Hochschule für Agrar- und Umweltpäd-agogik und der Österreichischen Arbeitsgemein-schaft für Grünland und Futterbau, weiters demBundesministerium für Wissenschaft und Forschung,das für das Siegerprojekt der Kategorie 1 eine wei-terführende Finanzierung der Forschungsarbeit inAussicht gestellt hat.1 |||

1 Die Entscheidung über die Förderung der weiterführenden Forschungobliegt dem BMWF.

ausblicke 2|10 Kulturlandschaftspreis 201036

Rege Teilnahme –erfolgreiche Umsetzung

Im Rahmen einer Gala wurde am 29. September 2010 im Kongresshaus in St. Johann/Pongau von Bundes-minister Niki Berlakovich der von Netzwerk Land ins Leben gerufene Kulturlandschaftspreis 2010überreicht. Aus 143 eingereichten Projekten wurden die Sieger ermittelt. In fünf Kategorien wurden Preisevergeben. Hemma Burger-Scheidlin

NETZwerkLAND

kulturlandschaftspreis 2010

Hemma Burger-Scheidlin,

Netzwerk Land,

Umweltdachverband

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Die PreisträgerFolgende Projekte wurden im Rahmen desKulturlandschaftspreises 2010 prämiert:

Kategorie 1: Kulturlandschaft & Visionen 2020f Erster PreisProjekt: Biosphärenpark LungauEinreichende Organisation: Regionalverband Lungau

f Zweiter PreisProjekt: Offenhaltung der Kulturlandschaftin der Nationalparkregion KalkalpenEinreichende Organisation: RegionalmanagementOberösterreich

f Dritter PreisProjekt: Landschaftsgarten uweEinreichende Organisation: Regionalentwicklungsverein uwe

Kategorie 2: Kulturlandschaft & Gemeinschaftliche Initiativenf Erster PreisProjekt: Natur aus Menschenhand – Schutz und Pflegefür die Fließer SonnenhängeEinreichende Organisation: Naturpark Kaunergrat

f Zweiter PreisProjekt: Internationales Workcamp zur Revitalisierungder Stodertaler AlmenEinreichende Organisation: ÖsterreichischeAlpenvereinsjungend

f Dritter PreisProjekt: Renaturierung Doblermoos – Dobler LackeEinreichende Organisation: Gemeinde Kulm am Zirbitz

Kategorie 3: Kulturlandschaft & Landwirtschaft/ Forstwirtschaftf Erster PreisProjekt: Ennstal LammEinreichende Organisation: Steirischer Schaf- undZiegenzuchtverband

f Zweiter PreisProjekt: Kulturlandschaft RauchkogelEinreichende Organisation: Rauchkogler Gemeinschaft

f Dritter PreisProjekt: Mussenbewirtschaftung: Erhalt der Artenvielfaltund Offenhaltung der BergwiesenEinreichende Organisation: Mussenbewirtschafter

Sonderpreis „Eine wichtige Kleinigkeit“Projekt: Alte Sorten & Kultur am JaglbauernhofBetrieb: Jaglbauer, Franz und Petronella Weißensteiner

Kategorie 4: Kulturlandschaft & Tourismusf Erster PreisProjekt: Alchemilla-Kräuterprojekt imBiosphärenpark Großes WalsertalEinreichende Organisation: Biosphärenpark Großes Walsertal

f Zweiter PreisProjekt: Landschaftsschule DonauschlingeEinreichende Organisation: Verein LandschaftsschuleDonauschlinge

f Dritter PreisProjekt: Tal der AlmenEinreichende Organisation: Tourismusverband Großarltal

Kategorie 5: Kulturlandschaft & Bildungf Erster PreisProjekt: Vorarlberger WiesenmeisterschaftEinreichende Organisation: Amt der VorarlbergerLandesregierung, Abteilung Umweltschutz

f Zweiter PreisProjekt: LandwirtInnen beobachten Pflanzen und Tierein der KulturlandschaftEinreichende Organisation: Österreichisches Kuratoriumfür Landtechnik und Landentwicklung

f Dritter Preis ex aequoProjekt: Natürlich Second Hand – Umweltbildung im Netzwerkvon Forschung und Naturschutz in HohenauEinreichende Organisation: Verein AURINGProjekt: Natura TrailsEinreichende Organisation: Naturfreunde Internationale

Kulturlandschaftspreis 2010 ausblicke 2|10 37

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ausblicke 2|10 Kulturlandschaftspreis 201038

Mit dem Lungau werden gemeinhin weite Almen,wilde Berge und schier endlose Möglichkeiten fürWanderungen und das Ausüben von Wintersportassoziiert. Jährlich zieht es sommers wie wintersunzählige Besucher in die Region – über eine MillionNächtigungen werden pro Jahr verzeichnet. Zudemist der Lungau als Genussregion bekannt und punktetmit seiner hohen Anzahl von Biobauern; mehr als dieHälfte der knapp 1200 Betriebe der Region wirtschaf-ten biologisch.

Alles in bester Ordnung? Sollte man meinen.Doch auch im Lungau gibt es Probleme. Die Seiten-täler haben mit Abwanderung zu kämpfen. Zu wenigeregionale Arbeitsplätze zwingen die BewohnerInnendes Lungaus zu pendeln. Immerhin 75 % der Bevöl-kerung finden in der Region Arbeit, doch der Restmuss seinem Broterwerb auswärts nachgehen. DieLandwirtschaft leidet, wie auch anderswo, unter demfortschreitenden Strukturwandel. Wälder erobern dieoffenen Flächen zurück. Und somit gerät auch die Er-haltung der Kulturlandschaft in Gefahr. Kein Wunder,dass man nach Lösungen suchte, um die Regional-entwicklung nachhaltig zu unterstützen.

Man fand sie im Biosphärenpark-Konzept derUNESCO. UNESCO-Biosphärenparke sind idealtypi-sche Forschungsregionen, in denen Naturschutz,Bewahrung biologischer Vielfalt und regionaler kul-tureller Werte ebenso wie sozialverträgliches undnachhaltiges Wirtschaften gelebt werden sollen. DasPrädikat „Biosphärenpark“ wird als Chance gesehen,

Gemeinsames Zukunftskonzept:Biosphärenpark Lungau

der Region Aufschwung zu verleihen und sie stärkerins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken. UndMöglichkeiten für Veränderungen der Region sowieneue Impulse erhofft man sich im Lungau einige.Moderne Ausbildungs- und Arbeitsplätze sollengefördert werden, denn Erhalt und Ausbau vonBildungseinrichtungen gelten als Basis für einezukunftsorientierte Aus- und Weiterbildung. Touristi-sche Infrastruktur soll modernisiert, naturverträgli-cher Tourismus gefördert werden. Um die bes-sere Vermarktung regionaler Qualitätsprodukte derLungauer Landwirtschaft möchte man sich ebensobemühen wie um die Förderung des Einsatzes erneu-erbarer Energien. Nicht zuletzt soll die Identifikationder Bevölkerung mit ihrer Region gestärkt werden.

Alle 15 Lungauer Gemeinden und alle 15 Touris-musverbände, die Wirtschaftkammer und die Land-wirtschaftskammer haben sich zu diesem zukunfts-weisenden Projekt bekannt. Die Bevölkerung soll indie Gestaltung des Biosphärenparks einbezogenwerden. Denn ohne das aktive Mitwirken einerengagierten Bevölkerung ist ein Biosphärenparkundenkbar.

Bisher wurden alle notwendigen Vorarbeitenzur Realisierung des Biosphärenparks Lungau geleis-tet. Nur noch wenige rechtliche Schritte stehen aus,um die Vision Wirklichkeit werden zu lassen. |||

Hemma Burger-Scheidlin, Netzwerk Land

Sieger der Kategorie „Kulturlandschaft& Visionen 2020“

EinreichendeOrganisation:Regionalverband LungauKontakt:Josef Fanningerjosef.fanninger@lungau.orgwww.biosphaerenpark.euProjektlaufzeit:seit 2009Finanzierung:Regionalmittel,Land Salzburg, Leader

www.lungau.travel

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Kulturlandschaftspreis 2010 ausblicke 2|10 39

Das inneralpine Klima, die Föhnlage und die jahrhun-dertelange Bewirtschaftung haben im oberen Inntalnahe Landeck eine einmalige Trockeninsel geschaf-fen: die Fließer Sonnenhänge. Eine unglaubliche Viel-falt an Pflanzen- und Tierarten macht dieses Gebiet zueinem bedeutenden Trockenrasenkomplex, dem größ-ten Tirols. Auch äußerst seltene Arten wie etwa dieAmeise Epimyrma stumperi und der SchmetterlingConisania poelli sind hier zu finden.

Ende des vorigen Jahrhunderts führte der Rück-gang der extensiven Weidewirtschaft zur Verbu-schung und gefährdete den Fortbestand der Sonnen-hänge. Mit Gründung des Naturparks Kaunergrat imJahr 1998 besann sich die Gemeinde Fließ jedoch die-ses Naturjuwels. Gemeinsam mit den rund 70 Grund-besitzern wurde ein Pflegeplan entwickelt. Durch dieNeuerrichtung und Sanierung von Weiderosten,Lesesteinmauern und Weidezäunen und die Ent-buschung zugewachsener Bereiche wurde die Be-weidung mit Ziegen, Schafen und Rindern wiedermöglich.

Die Gemeinde Fließ, die Fließer Bauern, Natur-schutzexperten und der Naturpark Kaunergrat arbei-ten nunmehr seit 2002 gemeinsam an der Umsetzungvon traditionellen Bewirtschaftungsformen, um dieVielfalt der Sonnenhänge zu bewahren. Und es profi-tieren alle Partner des Netzwerks: Die Bauern habenneue freie Weideflächen, vor allem in den für siewichtigen Jahreszeiten Frühjahr und Herbst. Die Zie-genhaltung wurde aufgewertet. Zudem besteht dieMöglichkeit, den „Gewinn für die Natur“ mit einer

zusätzlichen Erwerbsmöglichkeit für die Bauern zuverbinden, etwa durch die Produktion und Veredelungvon Ziegenmilch, mit dem „Kaisermantel“, einem rot-geschmierten Ziegenkäse, als Leitprodukt.

Über spezielle Führungen erlangt die Vielfalt derSonnenhänge auch touristischenWert. Der Tourismusfreut sich über ein intaktes Wegenetz, das auchThemenwege umfasst, und neue interessante Ange-bote für Einheimische und Gäste (z. B. Schmetter-lingsleuchten, Genuss- und Kräuterwanderungen,Tierbeobachtungen) sowie zusätzliche Nächtigungen.

Natürlich profitiert auch der Naturschutz. Pflege-maßnahmen sichern in dem Gebiet, das seit 2001 unterNaturschutz steht, Strukturvielfalt und Offenhaltung,der Lebensraum für zahlreiche Tier- und Pflanzenartenbleibt erhalten, und das Bewusstsein für Naturschutzsteigt. Zwei mehrjährige Forschungsprojekte evaluie-ren zudem den Erfolg der Pflegemaßnahmen. Weitersführen Schulklassen Projekte zu Naturschutzthemendurch (z. B. zu Entbuschung sowie Bau und Betreuungvon Nistkästen für den Wiedehopf) oder nehmen annaturkundlichen Exkursionen im Naturpark teil.

Das Projekt stärkt die Wertschätzung und Iden-tifikation der lokalen Bevölkerung mit ihrer Region undsteigert die überregionale Bekanntheit. Und aus derBewahrung von Altbewährtem, der traditionellen Be-wirtschaftung, kann etwas Neues wie etwa zuvornicht gegebene Erwerbschancen für die Bauern bzw.den regionalen Tourismus entstehen. |||

Hemma Burger-Scheidlin, Netzwerk Land

EinreichendeOrganisation:Naturpark Kaunergrat(Pitztal-Kaunertal)Kontakt:Ernst [email protected]:seit 2002Finanzierung:Gemeinde Fließ,Land Tirol, INTERREGIV A Italien – Österreich,Leader

Natur aus Menschenhand: Schutz undPflege für die Fließer Sonnenhänge

Sieger der Kategorie „Kulturlandschaft& Gemeinschaftliche Initiativen“

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ausblicke 2|10 Kulturlandschaftspreis 201040

Die landwirtschaftliche Nutzung nahm im BezirkLiezen in der Steiermark wie auch andernorts in denletzten Jahrzehnten dramatisch ab. Der Rückgangder Landwirtschaft an den Flanken der Täler führtezur vermehrten Aufgabe von Almen, die Verwaldungnahm zu. Grund genug, sich nach einer nachhaltigenMöglichkeit für die Offenhaltung der Almen umzu-schauen – und in Althergebrachtem fündig zu wer-den. Denn im Bereich der Schafhaltung kann dasEnnstal durchaus als das Kerngebiet der Steiermarkbezeichnet werden.

Seit dem Jahr 2008 weiden im Almgebiet rundum den Hauser Kaibling im Ennstal im Sommer rund800 Schafe. Betreut werden sie von einem professio-nellen Wanderhirten, der im Sommer 3 bis 4 Monaterund um die Uhr auf der Alm bei den Schafen ver-bringt. Mithilfe seiner Hütehunde lenkt er die Schaf-herde so, dass die Almflächen freigehalten und auf-wachsende Zwergsträucher zurückgedrängt werden.

Aus 22 verschiedenen Betrieben der Regionstammt die Schafherde. Unterschiedliche Schafras-sen wie das weiße und das braune Bergschaf, dasSuffolk-Schaf und die Walliser Schwarznase bewei-den nun den Hauser Kaibling, auf den auch schon frü-her Schafe aufgetrieben wurden. Damals waren esetwa 300 Stück, die sich jedoch frei bewegen konn-ten und nicht zahlreich genug waren, um die vorhan-denen Flächen offen zu halten. Im ersten Projektjahr,2008, kümmerte sich ein Hirte aus Sachsen-Anhalt umdie Schafe. Zwei Personen aus der Region hat er zuHirten ausgebildet. Denn von den Ansässigen hatteniemand das notwendige Wissen, um Schafherdenprofessionell zu leiten.

Nicht nur die Neohirten, auch die Schafbesitzer ge-nießen Aus- und Weiterbildungen. Klauenpflege-kurse werden besucht, Gesundheitsmaßnahmen inden Heimbetrieben durchgeführt und Exkursionenveranstaltet.

Um auch wirtschaftlich von dem Projekt zuprofitieren, werden Produkte vom Ennstal-Lamm ge-meinschaftlich vermarktet und neue Produkte vonSchaf und Lamm entwickelt. Hotels, Gasthäuser,Hüttenwirte, Bauernmärkte und Bauernläden freuensich ebenso über Lammfrischfleisch wie unter-schiedliche Würste. Um den Bekanntheitsgrad desProjekts weiter zu steigern, wurde 2008 das „Alm-lammfest“ ins Leben gerufen, das seither jährlichstattfindet. Vor Ort werden Spezialitäten mit Lamm-fleisch zubereitet und Lammprodukte zum Verkaufangeboten.

Zu den zahlreichen Projektpartnern zählt auchdie Wissenschaft. Das LFZ Raumberg-Gumpensteinerforscht die Auswirkungen der Beweidung auf denPflanzenbestand, den Ertrag und die Futterqualitätvon alpinen Weiden. Auch die Auswirkungen derAlmweide auf die Entwicklung der Mutterschafesowie die Gesundheit der weidenden Tiere werdenüberprüft. Nicht zuletzt wird die Pflege der imWeide-gebiet gelegenen Pistenflächen am Hauser Kaiblingin Zusammenarbeit mit den Hauser-Kaibling-Bahnenuntersucht. So bietet die Schafhaltung denn vielleichtauch neue Wege, um vom Schitourismus geschun-dene Hänge nachhaltig zu pflegen. |||

Hemma Burger-Scheidlin, Netzwerk Land

EinreichendeOrganisation:Steirischer Schaf- undZiegenzuchtverbandKontakt:Siegfried [email protected]/projekte/lamm.htmProjektlaufzeit:seit 2008Finanzierung:Eigenmittel, Leader

Schafherden für offeneAlmen: Das Ennstal-Lamm

Sieger der Kategorie „Kulturlandschaft &Landwirtschaft/Forstwirtschaft“

Page 43: ausblicke 2.10 - Multifunktionalitaet: Magazin fuer laendliche Entwicklung

Kulturlandschaftspreis 2010 ausblicke 2|10 41

Der Jaglbauer liegt mitten im Naturpark SteirischeEisenwurzen auf der Breitau, einem Landschafts-schutzgebiet mit wunderbaren Streuobstwiesen. Seit1608 ist der Biobauernhof in Familienbesitz. Petronellaund Franz Weißensteiner, die den Betrieb seit 26Jahren führen, setzen sich auf vielerlei Weise für diesie umgebende Landschaft und Artenvielfalt ein.

Alte Apfel- und Birnensorten werden von ihnenschon lange erhalten und neu gepflanzt. In Zusam-menarbeit mit dem Naturpark Steirische Eisenwurzenwurden die Obstbäume im Rahmen des Projektes„Streuobstwiesen“ auch pomologisch bestimmt. DieErgebnisse waren sensationell: Man entdeckte zweivom Aussterben bedrohte Apfelsorten, Fraas Som-merkalvill und Esophus Spitzenburg. In Zeiten, indenen Streuobstbestände immer mehr zurückge-drängt werden und an Wertschätzung verlieren, kanndies durchaus als besonderes Ereignis gewertetwerden.

Ebenso gefördert werden auch Magerwiesen,Sauerwiesen und Strauchhecken. Viel händischeArbeit und Nachsaat bei Grasnarbenverletzunghaben, wie auch Biologen feststellten, zu einergroßen Artenvielfalt geführt. Vor 30 Jahren wurdeeine Reihe von kleinen Tümpeln angelegt, die auch inTrockenzeiten verschiedenste Insekten, Libellen,Frösche und Vögel anlocken. Bei alledem wird daraufWert gelegt, dass die Vielfalt auf den Wiesen und imWald auch für die nächsten Generationen erhaltenwird.

Um den Bewohnern der Region und Gästendie Besonderheit der Sortenvielfalt der Streuobst-wiesen zu vermitteln, haben sich Petronella und FranzWeißensteiner einiges einfallen lassen. Der Betriebhat sich auf die Direktvermarktung von Edelbrändenaus besonders seltenen Apfelsorten spezialisiert:Vielfalt kann man schließlich auch schmecken. Für

die Produktverkostung und den Verkauf wird eine so-genannte Bauerngalerie mit einer Schaubrennereieingerichtet. In dieser Bauerngalerie sollen Werkevon Franz Weißensteiner ausgestellt werden, der einbegeisterter Kunstmaler ist und auf seinen Bildernauch Kulturlandschaften und bäuerliche Arbeitendarstellt. Die Etiketten für die selbstgemachten Edel-brände stammen ebenfalls aus seiner Feder. ImJahreslauf sollen zukünftig Musik-, Tanz- und Brauch-tumsveranstaltungen sowie Kunstausstellungen statt-finden. Die Verkostung der Edelbrände zur Apfelernteist unter den jeweiligen Bäumen geplant.

Petronella und Franz Weißensteiner möchtenTradition und Moderne verbinden und etwas Einzigar-tiges schaffen. Dieses Einzigartige gilt es weiterzuge-ben. Nicht nur den Gästen soll die Bedeutung der Bio-landwirtschaft und der Kulturlandschaft im Naturparkvermittelt werden. Petronella und Franz Weißenstei-ner wollen den eigenen Kindern ein Vorbild sein undderen Interessen fördern, um den Fortbestand derArtenvielfalt ebenso zu sichern wie den Fortbestanddes Betriebs. |||

Hemma Burger-Scheidlin, Netzwerk Land

Gewinner des Sonderpreises „Eine wichtige Kleinigkeit“

Betrieb:Franz und PetronellaWeißensteiner,vulgo JaglbauerKontakt:Naturpark SteirischeEisenwurzen,Katharina [email protected]:Eigenmittel, ÖPUL,derzeit Teilnahme anLeader-Projekten überden Naturpark SteirischeEisenwurzen

Alte Sorten und Kulturbeim Jaglbauer

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ausblicke 2|10 Kulturlandschaftspreis 201042

Die Vielfalt der Kräuter im Großen Walsertal sichtbarmachen: das ist das Hauptanliegen der Alchemilla-Kräuterfrauen im Biosphärenpark Großes Walsertal.Mit ihrem Kursangebot, mit ihren hochwertigenKräuterprodukten – hergestellt aus Kräutern derRegion und Zutaten aus biologischer Landwirtschaftbzw. fairem Handel –, mit Veranstaltungen wie denoffenen Gärten und Gartentagen oder den Kräuter-tagen gelingt es den 13 beteiligten Frauen ausge-zeichnet, Gästen und BewohnerInnen den Wert derKräutervielfalt bewusst zu machen und Nutzungs-möglichkeiten weiterzuvermitteln. Zudem wird daseigene Kräuterwissen vertieft, durch Austausch neuerworben und stetig erweitert.

Die Projektidee geht auf die KräuterpädagoginSusanne Türtscher zurück, die sich schon länger mitder Bedeutung und Wirkung von Kräutern befasstund zu einer breiteren Auseinandersetzung mit demThema den Anstoß geben wollte. Gemeinsam mit12 weiteren Frauen aus dem Biosphärenpark GroßesWalsertal hat sie seit dem Jahr 2006 ein Angebot zumThema Kräuter aufgebaut, dessen Bandbreite von derOrganisation von Veranstaltungen bis zur Vertiefungdes Kräuterwissens der beteiligten Frauen reicht.„Wir haben ein sehr umfangreiches Kursprogrammzusammengestellt“, sagt Susanne Türtscher in einemInterview über Alchemilla. „Dabei geht es uns abernicht nur darum, dass wir ein touristisches Angebotbereiten wollen, sondern es geht uns vielmehr darum,dass wir die Menschen, die Gäste, sensibilisierenmöchten für diesen Schatz, Schöpfung und Natur.“

Auch wenn das Projekt zu Beginn nicht auf denTourismus ausgerichtet war, hat es bei den Gästen imGroßen Walsertal großen Anklang gefunden undwurde so zu einem der Aushängeschilder des Bio-sphärenparks Großes Walsertal. BesucherInnen wieEinheimische können an Kräuterkochkursen, Seifen-

Alchemilla: Kräutervielfalt fürEinheimische und Gäste

und Salbenkursen oder einem Seminar, das einen dieNatur als Spiegel der eigenen Seele erfahren lässt,teilnehmen. In einem Gasthaus des Tals findet manKräutermenüs, und in einigen Hotels der Region, inden Tourismusbüros sowie in manchem Lebensmit-telladen erhält man Kräuterprodukte von Alchemilla.

Nicht zuletzt die Kooperation mit dem Kultur-festival Walserherbst, in dessen Rahmen die Alche-milla-Frauen 2008 eine Ausstellung zum Thema Frau-enkräuter präsentierten, zeigt die Vielfalt des Projektsauf.

Alchemilla, der botanische Name für die Pflanze„Frauenmantel“, birgt einen Hinweis auf eine weiterewichtige Funktion des Projekts: Alchemilla möchteFrauen im Biosphärenpark Großes Walsertal vernet-zen und stärken und ein eigenes Erwerbsstandbeinfür sie schaffen. Denn in abgelegenen Alpentälern istes für die ansässigen Frauen nicht immer leicht, einEinkommen zu erzielen. So gesehen trägt Alchemillanicht nur zur Bildung des Bewusstseins für die Be-deutung der Kulturlandschaft, sondern auch zu einernachhaltigen gesellschaftlichen Regionalentwick-lung bei. |||

Hemma Burger-Scheidlin, Netzwerk Land

Sieger der Kategorie „Kulturlandschaft & Tourismus“

EinreichendeOrganisation:BiosphärenparkGroßes WalsertalKontakt:Ruth [email protected]:seit 2006Finanzierung:Eigenmittel, Mittel desBiosphärenparks GroßesWalsertal, Dynalp²

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Kulturlandschaftspreis 2010 ausblicke 2|10 43

Die Grundidee der Wiesenmeisterschaft ist einfach,aber sehr wirkungsvoll. Die Wiesenmeisterschaftkann mit der Prämierung von Leistungen in der Tier-zucht verglichen werden: Im einen Fall geht es um dieHonorierung von Zuchtleistungen, im anderen umdie Anerkennung der Leistung eines Biodiversitäts-managements am Bauernhof.

Im Rahmen der Wiesenmeisterschaften werdenartenreiche Wiesen ausgezeichnet, die von Vorarl-berger Bäuerinnen und Bauern durch eine nachhal-tige Bewirtschaftung und gute landwirtschaftlichePraxis geschaffen wurden. Seit Beginn des Projektsim Jahr 2002 sind es bereits rund 400 Bäuerinnen undBauern, Mehrfachteilnahmen mitgezählt, die ihreWiesen der Bewertung der Fachjury unterzogenhaben, um eine Auszeichnung für ihren Einsatz unddie daraus entstandene Artenvielfalt zu bekommen.Aber auch um von Experten Hinweise und Tipps zuerlangen, wie man Wiesen ökologisch wertvoll undnachhaltig bewirtschaftet.

Denn jede Wiese, mit der an den Meisterschaf-ten teilgenommen wird, wird von Experten wissen-schaftlich begutachtet und bewertet. Die dominie-rende Pflanzengesellschaft der Wiese wird ebensobeurteilt wie das Vorkommen seltener und gefährde-ter Pflanzen und der Einsatz zur Erhaltung von Land-schaftselementen. Jeder Teilnehmer bekommt eineschön illustrierte Beschreibung der eingereichtenFlächen. Und jene, die nicht zu den Gewinnern zählen,erhalten zudem ein Schreiben mit Bewirtschaftungs-vorschlägen, die eine ökologische Verbesserung be-wirken sollen.

Den auserkorenen „Wiesenmeisterinnen“ und„-meistern“ winkt eine zweitägige Exkursion unter derLeitung der Wiesenexperten Georg Grabherr undWalter Dietl zu den Wiesen und Weiden im Engadinund in Südtirol. Für die Zeit der Exkursion werden dieKosten für einen Betriebshelferdienst übernommen.

Aber nicht nur das: Der Titel „Wiesenmeister“ kanngeradezu als ökologische Zertifizierung gewertet wer-den. Landwirtinnen und Landwirte im BiosphärenparkGroßes Walsertal etwa, zu deren Betrieben Exkursio-nen stattfinden, heben ihren Titel hervor, um auf dieBedeutung der Bäuerinnen und Bauern bei der Ge-staltung des Biosphärenparks hinzuweisen.

Das ist ganz im Sinn der Wiesenmeisterschaften:Denn die Wiesenmeisterschaft möchte die Leistungder Bäuerinnen und Bauern zur Pflege der Kultur-landschaft bewusst machen und geschicktes Natur-schutzmanagement würdigen. Zugleich soll die Wie-senmeisterschaft zeigen, dass nur eine standortan-gepasste Nutzung die Lebensräume der Pflanzen- undTierwelt bewahren kann.

Das Konzept macht Schule. Inzwischen gibt es inBaden-Württemberg, in der Schweiz, im Wienerwaldund seit 2010 auch in Südtirol Nachfolgeprojekte. Allediese Wiesenmeisterschaften sind aus der Idee derVorarlberger Wiesenmeisterschaft hervorgegangenund berufen sich auch auf diese. |||

Hemma Burger-Scheidlin, Netzwerk Land

Sieger der Kategorie „Kulturlandschaft & Bildung“

EinreichendeOrganisation:Abteilung Umweltschutzbeim Amt der Vorarl-berger LandesregierungKontakt:Max Albrecht;[email protected]/umweltProjektlaufzeit:seit 2002Finanzierung:VorarlbergerNaturschutzfonds,LE 07–13:Maßnahme 323

Bildung durch Praxis: Die VorarlbergerWiesenmeisterschaften

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Netzwerk Land

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Netzwerk-Land-Maßnahmen sind so vielseitig wie das Programmzur ländlichen Entwicklung, immer getragen vom Auftrag,Menschen und Organisationen zusammenzubringen und denAustausch von Wissen und Erfahrung zu fördern.

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Kantelhardt von der Universität für Bodenkultur undThomas Plieninger von der Berlin-Brandenburgi-schen Akademie der Wissenschaften mit Stakehol-dern und dem Publikum über die speziellen Ökosys-temleistungen von Agrarökosystemen sowie über dieMöglichkeit einer monetären Bewertung dieserLeistungen. Anhand praktischer Beispiele wurde auf-gezeigt, wo Chancen und Risiken des Konzepts liegenund welche Bedeutung das Thema für die Gemein-same Agrarpolitik hat.

In den Vorträgen und Diskussionen kristalli-sierte sich deutlich heraus, dass der Fortbestand derlandwirtschaftlichen Betriebe essenziell ist, um dieseöffentlichen Güter bereitzustellen. Dass die Tendenzderzeit in eine andere Richtung geht, wurde mehr-fach dargelegt. Klar wurde auch, dass die von derGesellschaft gewünschte Bereitstellung öffentlicherGüter in Zusammenhang mit den realpolitischen Rah-menbedingungen, wie dem demografischen Wandeloder dem freien Markt für Agrargüter, die gleichsamin Konkurrenz zu den nicht marktfähigen öffentlichenGütern stehen, zu betrachten ist. Hier sind Antwortenim Rahmen der Weiterentwicklung der GemeinsamenAgrarpolitik zu finden.

Fest steht, dass nur intakte, funktionsfähigeÖkosysteme die Erhaltung der Ökosystemleistungengarantieren können. Die Ergebnisse der UN-Studie„Millennium Ecosystem Assessment“ und der Studie„The Economics of Ecosystems and Biodiversity“(TEEB) zeigen jedoch, dass aufgrund von Umweltzer-störung bereits 60 % der globalen Ökosystemleistun-gen gefährdet sind. Die Studien stellen auch denwirtschaftlichen Schaden dar, der entsteht, wennÖkosysteme an Qualität einbüßen. Um dem negativen

Die Natur versorgt uns mit Nahrungsmitteln und sau-berem Wasser, bietet natürlichen Hochwasser- undErosionsschutz, reguliert das Klima und sorgt fürBodenbildung und die Befruchtung unserer Nutz-pflanzen: All diese Leistungen stellt uns die Naturkostenlos zur Verfügung. Diese sogenannten Öko-systemleistungen sind nicht nur die nachhaltigsteund kostengünstigste Möglichkeit, unsere Lebens-grundlagen zu erhalten, sondern auch Basis für unse-re Gesundheit und unsere Sicherheit. Einige dieserLeistungen werden erst durch die nachhaltigeBewirtschaftung durch LandwirtInnen in einer ent-sprechenden Form erbracht. Im Kontext der Zukunftder Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) kommt daherdiesem Themenfeld, das auch unter dem Terminus„öffentliche Güter“ diskutiert wird, eine immer be-deutendere Rolle zu.

Netzwerk-Land-Jahreskonferenz 2010Um die enorme Bedeutung der heimischen Landwirt-schaft für intakte Ökosysteme und die Erhaltung derÖkosystemleistungen in den Mittelpunkt der Auf-merksamkeit zu rücken, veranstalteten NetzwerkLand, das Umweltbundesamt und das ÖkosozialeForum unter der Schirmherrschaft der österreichi-schen UNESCO-Kommission die Netzwerk-Land-Jahreskonferenz 2010 zum Thema „Ökosystemleis-tungen in Kulturlandschaften“: Am 29. und 30. Septem-ber 2010 diskutierten in St. Johann/Pongau nationaleund internationale ExpertInnen wie Alois Heißen-huber, Professor an der TU-München, Michael Pielkevon der Europäischen Kommission, Herbert Dorf-mann vom Europäischen Parlament, Leopold Kirnervon der Bundesanstalt für Agrarwirtschaft, Jochen

Veranstaltungenim Zeichen der Vielfalt

Dem Jahresschwerpunkt von Netzwerk Land „Biodiversität“ Rechnung tragend fanden inden letzten Monaten im Bereich „ÖPUL und Umwelt“ eine Reihe von Veranstaltungen statt,die das Thema Artenvielfalt in den Mittelpunkt rückten. Michael Proschek-Hauptmann

ausblicke 2|10 Netzwerk Land

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Netzwerk Land ausblicke 2|10 47

Besonders großen Anklang fand eine Fachtagungzum Thema Agrarumweltmaßnahmen und Klima-wandel, die in Kooperation mit der Deutschen Ver-netzungsstelle Ländliche Räume in Passau durchge-führt wurde. Im Rahmen dieser Veranstaltung wurdenaktuelle Agrarumweltmaßnahmen in Österreich undDeutschland auf ihre Klimarelevanz geprüft und mög-liche Wege für eine Adaption der Agrarumweltpro-gramme im Sinne des Klimaschutzes aufgezeigt.Fazit: Es ist wahrscheinlich schwierig und auchwenig zielführend, reine Klimaschutzmaßnahmen zudesignen. Vielmehr sollten bestehende Maßnahmenin Richtung Klimaschutz optimiert werden.

Tagung zum Thema Schutz-gebietsmanagementSchutzgebiete sind die Eckpfeiler des Schutzes derBiodiversität. Da sie 25 % der Fläche Österreichs unddamit einen großen und wichtigen Teil des ländlichenRaumes ausmachen, fließt auch ein nicht unerhebli-cher Teil der Förderungen aus dem Programm zurländlichen Entwicklung direkt oder indirekt in dasManagement von Schutzgebieten.

Mit der 2. Tagung zum Thema Schutzgebietsma-nagement im Juni 2010 ist es wieder gelungen, Be-treuerInnen verschiedenster Schutzgebiete – vonNationalparks über Biosphärenparks bis hin zu Na-turparks und Natura-2000-Gebieten – an einen Tischzu holen und über Handlungserfordernisse in diesemBereich zu diskutieren. Mit der Veranstaltung unddurch die bewährte Kooperation mit der UniversitätKlagenfurt und dem internationalen Lehrgang fürSchutzgebietsmanagement ist es gelungen, ein Dis-kussionsforum zu etablieren, das durch intensiveDenkarbeit und informelle Vernetzung aktiv zurWeiterentwicklung des Schutzgebietsmanagementsbeitragen kann.

Michael Proschek-Hauptmann, Netzwerk Land,

Umweltdachverband

Prozess Einhalt zu gebieten, sind natürlich auch An-sätze in der Land- und Forstwirtschaft gefragt. Da esin Europa kaum Ökosysteme gibt, die nicht land- oderforstwirtschaftlich genutzt werden, ist eine flächen-deckende nachhaltige Bewirtschaftung wesentlich.

Dass Österreich bereits ein sehr ausgeklügeltesSystem zur Abgeltung von Leistungen für die Umwelthat, wurde nicht nur im Beitrag von Barbara Steurervom Österreichischen Kuratorium für Landtechnikund Landgewinnung (ÖKL) deutlich. Um diesen Nut-zen auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zumachen, hat Netzwerk Land eine allgemein ver-ständliche Broschüre herausgebracht, welche die fürdie Gesellschaft wesentlichen Umweltleistungen desÖsterreichischen Agrarumweltprogramms (ÖPUL)darstellt (siehe Literaturtipps auf Seite 63).

Weitere VeranstaltungenIm ÖPUL, das einen wesentlichen Teil des Pro-gramms für die ländliche Entwicklung ausmacht, fin-den sich zahlreiche Auflagen, die eingeführt wurden,um den Beitrag einzelner und vor allem sehr breit ak-zeptierter Maßnahmen wie der umweltgerechten Be-wirtschaftung von Acker- und Grünland in RichtungBiodiversität zu erhöhen. In der Vergangenheit hatsich herausgestellt, dass nicht alle biodiversitätsre-levanten Auflagen gleich zielführend sind. Die Neu-gestaltung der Auflagen führte zum Teil zu Umset-zungs-, aber auch zu Akzeptanzproblemen. Um eineeffizientere Ausgestaltung der biodiversitätsrelevan-ten Agrarumweltmaßnahmen zu erreichen und so dieBiodiversitätsvorgaben zu optimieren, wurden unterEinbeziehung verschiedenster AkteurInnen ausge-wählte Maßnahmen im Rahmen mehrerer Seminareeiner kritischen Betrachtung unterzogen.

Ergänzend wurde eine Tagung zum ThemaAgrobiodiversität veranstaltet. Diese behandelte diesoziale, ökologische und ökonomische Bedeutungder landwirtschaftlichen Artenvielfalt und befasstesich mit jenen Faktoren, die derzeit zum Rückgangder Agrobiodiversität führen.

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ausblicke 2|10 Netzwerk Land48

Grundlage und teilweise auch Katalysator für vieleAktivitäten im Leader-Netzwerk ist nach wie vor dassogenannte Leader-Mainstreaming, das die Anwen-dung der Leader-Methode auch im „Mainstream“ derländlichen Entwicklung bewirken soll. Neben vielen,mitunter überzogenen Befürchtungen gibt es mittler-weile auch konkrete Erfahrungen, dass mit demMainstreaming in einzelnen Mitgliedstaaten undRegionen auch eine gewisse Verwässerung derLeader-Methode einhergeht. Für die Startphase einesneuen „Leader-Zeitalters“ ein wenig überraschenderBefund, der hier nicht weiter ausgeführt werden soll.Interessant ist in diesem Kontext aber, wie sich dieLeader-Community – von der regionalen bis zur euro-päischen Ebene – mit dieser Situation auseinander-setzt, nämlich sehr konstruktiv. Eine wichtige Vor-leistung dafür hat die EU-Kommission erbracht,indem sie für Leader – obwohl kein eigenständigesProgramm mehr – weiterhin einen Begleitausschussvorgesehen hat. In diesem Leader-Begleitausschusswerden von VertreterInnen der DG Agri, der nationa-len Behörden und der Netzwerkstellen tatsächlicheoder vermeintliche Probleme, die aus dem Main-streaming von Leader resultieren, in absoluter Offen-heit und durchaus kontrovers diskutiert.

Ein wichtiges Ergebnis dieses Diskussionspro-zesses ist die Einrichtung von Fokusgruppen, die sichdamit beschäftigen, ob im gemainstreamten Leaderdas Bottom-up-Prinzip, Innovation und transnationaleKooperation noch im Sinn von Leader und einer zu-kunftsorientierten ländlichen Entwicklung gelebt undrealisiert werden können. Ergebnisse und Zwischen-

Transnationale Vernetzung und Kooperation, Innovation und gesellschaftliche Vielfaltwaren wichtige Schwerpunkte der Vernetzungsarbeit im ersten Halbjahr 2010 – auf öster-reichischer und teilweise auch auf europäischer Ebene. Die Jahrestagung von LeaderÖsterreich im November 2010 widmet sich dem Thema „Leader und Lokale Agenda 21“.Im Mittelpunkt werden die Gestaltung von Beteiligungsprozessen und Aspekte derLebensqualität im ländlichen Raum stehen. Luis Fidlschuster

ergebnisse dieser drei Fokusgruppen, in denen Ver-treterInnen von der LAG- bis zur EU-Ebene mitwirken,können von der Website der Europäischen Vernet-zungsstelle heruntergeladen werden (http://enrd.ec.europa.eu/events-and-meetings/committees/leader-subcommittee/en/4th-leader-subcommittee_en.cfm). VertreterInnen des österreichischen Leader-Netzwerks spielen in dieser spannenden Diskussioneine durchaus aktive Rolle: Die Initiative zur Einrich-tung der drei Fokusgruppen ging von Netzwerk Landund der irischen Vernetzungsstelle aus. Zudem wur-den ein Vertreter von Netzwerk Land und der Leader-Manager Thomas Müller (LAG Sauwald) von der DGAgri eingeladen, ihre Sichtweisen zu den ThemenInnovation und transnationale Kooperation in Zeitendes Mainstreamings im Begleitausschuss zu präsen-tieren. Netzwerk Land wirkte außerdem in der Fokus-gruppe Innovation aktiv mit. Und: Stefan Niedermo-ser von der LAG Pillerseetal – Leogang wurde einge-laden, in der Fokusgruppe „Transnationale Koopera-tion“ mitzuarbeiten. Wir sind schon gespannt, ob undwann Verbesserungsvorschläge der FokusgruppenEingang in die Leader-Praxis finden werden.

Innovation und die Leader-MethodeIn Anlehnung an die Brüsseler Diskussionen hatNetzwerk Land das Thema Innovation und Leaderauch zum Thema einer Innovativen Werkstatt in derEnergieregion Weiz-Gleisdorf im Mai 2010 gemacht.Dabei kamen sowohl wesentliche Anforderungen anein professionelles Innovationsmanagement als auchInnovationsbeispiele aus Leader-Regionen und der

Das Leader-Netzwerk inZeiten des Mainstreamings

180 TeilnehmerInnen aus12 EU-Staaten beteiligten sichim Rahmen der LINC-Konfe-renz in der Leader-RegionHohe Salve am Erfahrungs-austausch und an densportlichen Wettbewerben.

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Netzwerk Land ausblicke 2|10 49

Leader-Managerin Barbara Loferer (LAG Hohe Salve)unterstützt von Netzwerk Land und in Zusammen-arbeit mit Leader-Gruppen und Vernetzungsstellen inDeutschland, Estland und Finnland eine europäischeKonferenzreihe neuen Typs. Zur ersten LINC-Konfe-renz in der österreichischen Leader-Region HoheSalve im März 2010 fanden sich 180 TeilnehmerInnenaus 12 EU-Mitgliedstaaten ein. Sie alle profitiertenvom innovativen Konzept von LINC, das fachlichenErfahrungsaustausch mit europäischer Kulinarik undsportlichenWettbewerben kombiniert. Dass das Kon-zept von LINC funktioniert, beweisen nicht nur dieStanding Ovations für die OrganisatorInnen am Endeder Konferenz, sondern auch viele positive Feed-backs von TeilnehmerInnen: „The LINC event inKirchberg was the best programme since I work withLeader. Thank you for this great experience“ (JudithRacz, Ungarn). Und: „Thank you for the networkingevent LINC 2010. It was the most perfect congress wehave ever seen. See you next year in Germany atLINC 2011“ (Petr Kulisek, Tschechien).

2011 wird diese europäische Konferenz in derSächsischen Schweiz durchgeführt (27.–29. April)werden. Danach in Estland und Finnland und zumAbschluss der Reihe 2014 in Osttirol.

Detailinfos zu LINC 2010 (Präsentationen undErgebnisse der Sportbewerbe) und LINC 2011 findenSie unter www.info-linc.eu.

Leader und Lokale Agenda 21Highlight der Leader-Netzwerk-Aktivitäten ist auchheuer das Leader-Forum, die Jahrestagung vonLeader Österreich. Thema des Leader-Forums 2010,das von 23. bis 24. November in Bad Ischl stattfindenwird, ist die Rolle und das Zusammenwirken vonLeader und Lokaler Agenda 21 in der ländlichen Ent-wicklung. Das Forum wird daher auch in Zusammen-arbeit mit der Bundeskoordination der LokalenAgenda 21 organisiert. Inhaltlich wird es unter ande-rem um Themen wie die Gestaltung von Beteili-gungsprozessen sowie die Bedeutung und Förderungvon Sozialkapital und einer attraktiven Lebensqualitätin ländlichen Regionen gehen. Nähere Infos dazufinden sich auf www.netzwerk-land.at/leader. |||

Luis Fidlschuster, Netzwerk Land, ÖAR-Regionalberatung

aktuelle Stellenwert von Innovation in der Leader-Arbeit zur Sprache. Präsentationen und Ergebnisseder Werkstatt, ergänzende Materialien und Literatur-tipps zum Thema Innovation und Leader finden sichauf der Website von Netzwerk-Land (http://www.netzwerk-land.at/leader/veranstaltungen/leader-veranstaltungen).

Gesellschaftliche VielfaltDie zweite Innovative Werkstatt im Juni 2010 be-fasste sich mit der Bedeutung von gesellschaftlicherVielfalt für eine positive ländliche Entwicklung. Orga-nisiert wurde die Werkstatt gemeinsam mit dem Re-gionalmanagement Österreich. Thematisiert wurdenunter anderem der Stellenwert von interkulturellerKompetenz in der Integrations- und transnationalenZusammenarbeit sowie die wesentlichen Elementeeines professionellen Diversity-Managements, das ineiner beteiligungsorientierten ländlichen Entwicklungeine Schlüsselqualifikation darstellt. Die Präsenta-tionen der ExpertInnen aus Wissenschaft, Beratungund Praxis können ebenfalls von www.netzwerk-land.at heruntergeladen werden. Erwähnt sei in die-sem Zusammenhang auch noch, dass nach einemBeschluss im österreichischen Begleitausschussfür das „Ländliche Entwicklungsprogramm“ eine„Arbeitsgruppe Chancengleichheit“ eingerichtetwurde, die derzeit Maßnahmen für die Erhöhungder Beteiligung von Frauen und Jugendlichen imLE 07–13 erarbeitet. Spätestens bis Ende 2010 wirdein Maßnahmenprogramm vorliegen, das in den Fol-gejahren unter der Federführung von Netzwerk Landin enger Kooperation mit dem Lebensministerium unddem Begleitausschuss umgesetzt werden wird.

Transnationale Kooperation:LINC und CoDie europäische Dimension von Leader ist durch dienicht nachvollziehbare Abschaffung der europäi-schen Leader-Seminare für viele neue Leader-Grup-pen nicht wirklich erleb- und spürbar. Leader Öster-reich ist aber in Sachen transnationale Kooperationund Vernetzung nach wie vor überdurchschnittlichaktiv. Derzeit sind 18 österreichische LAGs an10 transnationalen Projekten beteiligt. Mit LINC –Leader-inspired Network Community – initiierte

Die Themen Innovation undgesellschaftliche Vielfaltwurden von Leader-Manage-rInnen in zwei InnovativenWerkstätten bearbeitet.

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ausblicke 2|10 Netzwerk Land50

Eine wettbewerbsfähige Land- und Forstwirtschaft ist das Ziel des erstenSchwerpunkts des österreichischen Programms für die ländliche Entwicklung.Entsprechend der internen Arbeitsteilung im Team von Netzwerk Landkümmert sich um diesen Themenbereich der Agrar.Projekt.Verein. Christian Jochum

und die Wettbewerbsfähigkeit der Land- und Forstwirtschaft

Die „Ländliche Entwicklung“ bietet verschiedeneMöglichkeiten, die Wettbewerbsfähigkeit zu unter-stützen. Das Angebot beginnt beim Humankapital,wenn es darum geht, durch Bildung die Qualifikationder Menschen in diesem Sektor zu verbessern.Budgetmäßig sehr wichtig sind die Beihilfen für In-vestitionen in land- und forstwirtschaftliche Betriebe,aber auch für die nachgelagerte Be- und Verarbei-tung bzw. Vermarktung. Zwei kleinere Maßnahmenbetreffen Innovationen und die Förderung von Quali-tätsprogrammen. Beide sind so konzipiert, dass diePrimärproduktion in die Entwicklung neuer Produktebzw. in die Durchführung von Qualitätsprogrammeneingebunden sein muss.

Für die Forstwirtschaft sieht die Ländliche Ent-wicklung ein ganzes Paket von Maßnahmen für alleSchwerpunktbereiche vor. Daher wurde dieser Sek-tor als eigener Themenbereich in das Aufgaben-

spektrum von Netzwerk Land aufgenommen undgesondert bearbeitet. So wie es eine agrarische In-vestitionsförderung gibt, existiert auch eine forst-wirtschaftliche, und dieses Schema zieht sich biszum Forsttourismus im dritten Schwerpunktbereichdurch.

Die österreichische Landwirtschaftmuss wettbewerbsfähiger werdenLaut „Grünem Bericht“ stammte das Einkommen derLandwirtschaft in den letzten Jahren im Wesentli-chen aus Förderungen, hauptsächlich flächenbezo-genen Direktzahlungen aus der Marktordnung undaus der Ländlichen Entwicklung (ÖPUL-Zahlungenund Zahlungen für benachteiligte Gebiete). DieseZahlungen sind zwar Abgeltungen für erbrachteLeistungen – dennoch sollte die Abhängigkeit vonöffentlichen Geldern weniger und die Erwirtschaf-tung vonWertschöpfung amMarkt mehr werden. Dererste Schwerpunkt der Ländlichen Entwicklung hilftdabei.

Was macht Netzwerk Land,um die Vernetzung in diesenBereichen zu unterstützen?Da die Strukturen zur Abwicklung der „großen“ Maß-nahmen (Bildung, Investitionsbeihilfen, Förderungvon JunglandwirtInnen, Zahlungen für benachteiligteGebiete) seit Langem existieren, gibt es unter diesemTitel wenig Vernetzungsbedarf. Es ist nicht Aufgabevon Netzwerk Land, bestehende Strukturen zu dupli-zieren oder zu konkurrenzieren. Was jedoch Sinnmacht, sind die Schließung von Lücken und die„Quervernetzung“ bzw. die Thematisierung von Be-

Netzwerk Land

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Netzwerk Land ausblicke 2|10 51

reichen der Ländlichen Entwicklung, die nicht optimalfunktionieren. Ein guter Ansatz ist auch die Koopera-tion mit bestehenden „netzwerkenden“ Strukturenwie dem Walddialog.

Die beiden Begleitgruppen „Landwirtschaft undMarkt“ und „Forstwirtschaft“ sind als Ideen- undFeedbackgeber wichtig, damit ein erfolgverspre-chendes Programm erstellt und umgesetzt werdenkann.

Die Themen werden im Rahmen von Seminarenund Workshops angeschnitten, aufbereitet und bear-beitet. Ziel ist es, Informationen und Erfahrungen aus-zutauschen undWege für die weitere Vorgangsweiseaufzuzeigen. Durch die sorgfältige Sondierung überVortragende, die Auseinandersetzung mit den The-men im Detail sowie die Verknüpfung mit anderenAngeboten und eventuelle Kooperationen mit ande-ren Organisationen soll ein Maximum an Ergebnissenerzielt werden. Die anonymen Evaluierungsbögen,die nach jeder Veranstaltung verteilt werden, sind einwichtiges Instrument, um die Zufriedenheit der Teil-nehmerInnen zu erfragen und wertvolle Vorschlägefür Verbesserungen zu bekommen.

Ein kurzer Rückblickf Informationsaustausch über Aktivitäten imBereich Bildung/Beratung: Durch Kontakte aufverschiedenen Ebenen wurde zunächst aus-zuloten versucht, wo Vernetzungsbedarf besteht.Netzwerk Land wurde bei Sitzungen vorgestellt.Es wurde eine Best-Practice-Datenbank fürBildungsprojekte entwickelt.

f Im Forstbereich wurde mit anderen Organisatio-nen kooperiert, die bereits Maßnahmen setzen.Mit dem Verein für dynamischen Naturschutz„BIOSA – Biosphäre Austria“ wurde in Salzburgam 18. und 19. Mai 2009 eine Veranstaltung zumThema Forstbiodiversität bestritten („Forstwirtschaf[f]t Biodiversität“) und der Workshop„Destination Wald“ („Nachhaltigkeit undQualitätssicherung“) gestaltet, der am 21. und22. Oktober 2009 stattfand.

f Das Seminar „Die ländliche Entwicklung und dieBäuerinnen“ am 15. September 2009 in Salzburgbot einen Überblick über die ländliche Entwick-lung unter spezieller Berücksichtigung derBedürfnisse der Bäuerinnen. In der Evaluierung

wurde mehrfach das „Über-den-Tellerrand-Schauen“ positiv erwähnt.

f Das umfangreiche Programm des Seminars„Arbeitswirtschaft in der Viehhaltung –Wettbewerbsfähigkeit in der Viehhaltung“ am7. und 8. Oktober 2009 in St. Michael bei Leobenfand bei den MeinungsbildnerInnen sehr gutenAnklang.

f Das Seminar „Leader und Forstwirtschaft“ am20. und 21. Jänner 2010 (Stift St. Lambrecht)versuchte, zwei Bereiche zusammenzubringen,die normalerweise wenig Berührung mit- undWissen übereinander haben.

f Im Seminar „Fit in den Bergen – Die ländlicheEntwicklung und die Berglandwirtschaft“ am28. und 29. Jänner 2010 in der Wildschönauwurde die Wettbewerbsfähigkeit der Bergland-wirtschaft thematisiert.

f Unter dem Titel „Einkommen kombinieren –mit Vielfalt zum Betriebserfolg“ wurden am20. und 21. Oktober 2010 in Hagenberg bei LinzPerspektiven für landwirtschaftliche Betriebeaufgezeigt, die keine Option auf Spezialisierunghaben – dieser Betriebstyp dominiert inÖsterreich.

Geplante Aktivitäten 2010f In einem Spezialseminar vom 30. November bis1. Dezember 2010 in Schloss Goldegg wird dasThema Wettbewerbsfähigkeit auch unter demBlickwinkel der Berglandwirtschaft behandelt.Ein Vertreter der EU-Kommission wird zu diesemsensiblen Thema vor dem Hintergrund derangelaufenen Diskussion über die Zukunft dergemeinsamen europäischen Agrarpolitik Stellungnehmen.

f Im Seminar „Kleine Lebensmittelhersteller undtraditionelle Spezialitäten – Was bringt die neueQualitätspolitik der EU für die österreichischenRegionen?“ vom 15. bis 16. Dezember 2010erfahren die TeilnehmerInnen aus erster Hand,was die Europäische Kommission nach zwei-jähriger Vorbereitungszeit an Änderungen fürregionale Lebensmittel und geschützte Speziali-täten geplant hat. |||

Christian Jochum, Netzwerk Land, Agrar.Projekt.Verein

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Das Thema für den Baupreis 2010 betrifft die Milch-produktion: Im Auftrag des Lebensministeriums wur-den vom Österreichischen Kuratorium für Landtech-nik und Landentwicklung (ÖKL) in Kooperation mitNetzwerk Land beispielhafte, zeitgemäße und wirt-schaftliche Baulösungen für Milchviehställe derRinder-, Schaf- bzw. Ziegenhaltung gesucht. Bis16. Mai 2010 konnten sich Bauherrinnen und Bau-herren von innovativen und zukunftsweisenden Stall-gebäuden beim ÖKL bewerben. Der Erfolg war sensa-tionell: Insgesamt sind 91 Einreichungen aus allenBundesländern eingelangt. 35 % davon waren Bio-betriebe, 63 % Betriebe konnten einen gehobenenTiergerechtheitsstandard vorweisen. Von den 91 ein-gereichten Stallbauten waren 82 Milchkuhställe,sechs Milchziegenställe und drei Milchschafställe.Neben Plandarstellungen sind auch rund 2000 Fotoseingelangt.

Nicht nur die Zahl der Einreichungen war über-ragend. Fast alle Stallbauten waren auch äußerstinteressante Bauobjekte, die ideale Konzepte für diejeweilige Situation umsetzen. Nach genauer Durch-sicht, einer Vorprüfung sowie der rechnerischenBewertung der Wirtschaftlichkeit wurden alle einge-

reichten Projekte übersichtlich für die Jury zurPräsentation vorbereitet.

Die Jury, die sich aus Fachleuten des BMLFUW,der Bundesländer, der Landwirtschaftskammern, derVeterinärmedizinischen Universität Wien, des LFZRaumberg-Gumpenstein und der ZAR zusammen-setzte, hatte die Einreichungen nach den vorgegebe-nen Kriterien zu beurteilen und wählte schließlichzwölf Bauobjekte aus, die auch vor Ort besichtigtwurden. Nach der dreitägigen Besichtigungsfahrteinigte sich die Jury auf vier Betriebe, deren Projekteim Gesamteindruck beispielhaft und herausragendwaren, als Preisträger. Für die Beurteilung maßgeb-lich waren vier Hauptkriterien: Wirtschaftlichkeit,Tierfreundlichkeit, Bauen/Umwelt sowie Arbeits-platz/Arbeitswirtschaft.

Für das Kriterium „Wirtschaftlichkeit“ wareneine hohe Rentabilität des Gesamtbetriebs sowiedie Baukosten ausschlaggebend. Für das Kriterium„Tierfreundlichkeit“ wurden über das gesetzlicheMindestmaß hinausgehende bauliche Maßnahmenanerkannt. Für das Kriterium „Bauen/Umwelt“ muss-ten Standards im Hinblick auf den Stand der Techniksowie die Umweltverträglichkeit erfüllt werden.

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ÖKL-Baupreis LandwirtschaftIm März dieses Jahres wurde erstmalig der ÖKL-Baupreis Landwirtschaft ausgelobt, deram 25. November 2010 durch Landwirtschaftsminister DI Niki Berlakovich in Wien feierlichverliehen wird. Voraussichtlich alle zwei Jahre soll künftig dieser österreichweite Wettbe-werb zum landwirtschaftlichen Bauwesen ausgeschrieben werden, wobei die Themen vonWettbewerb zu Wettbewerb wechseln werden. Gesucht sind Stallbauten, die sich durchihren besonderen Ideenreichtum auszeichnen und der österreichischen Landwirtschaft neuePerspektiven und wirtschaftliche Chancen eröffnen. Dieter Brandl

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Beurteilt wurden sowohl die architektonische Quali-tät hinsichtlich Situierung, Bezug zur Hoflage, Verar-beitung der eingesetzten Materialien und Funktiona-lität als auch die Schonung der Umwelt zum Beispieldurch Baustoffe aus nachwachsenden Rohstoffen.Für das Kriterium „Arbeitsplatz/Arbeitswirtschaft“waren sichere und gesunde Arbeitsplätze sowie einehohe Effizienz der Arbeitsabläufe aufgrund des ge-gebenen Raumprogramms sowie der eingesetztenMelk- und der Fütterungstechnik notwendig.

Mit dem Preis, der mit insgesamt 8000 Eurodotiert ist, werden besondere Leistungen landwirt-schaftlichen Bauens ausgezeichnet und einer brei-ten Öffentlichkeit vorgestellt. Ziel ist sowohl eineSteigerung der Motivation, in der Landwirtschaft aufhohem Niveau zu planen und zu bauen, als auch eineSteigerung der Akzeptanz landwirtschaftlicher Ge-bäude in der Öffentlichkeit.

Die prämierten Wirtschaftsgebäude sollenLandwirtInnen und MultiplikatorInnen im Agrarbe-reich (Beratung, Bildung, Schulwesen, Politik) sowieder Öffentlichkeit als Beispiele mit Vorbildwirkungvermittelt werden. Dies wird durch die Erstellungeiner Broschüre erreicht, in der die Preisträger sowie

die von der Jury nominierten Bauten vorgestelltwerden und die auch Pläne und aussagekräftigeFotos enthält. Auf der ÖKL-Homepage wird eineDownload-Möglichkeit für diese wichtigen Informa-tionen eingerichtet. Weiters sind eine Netzwerk-Land-Veranstaltung zum Thema und ein entspre-chendes Exkursionsservice zu den Betrieben geplant.

Der ÖKL-Baupreis Landwirtschaft für das Jahr2010 soll motivieren und durch die vermittelten gutenBaulösungen neue Wege aufzeigen, um auch künftigin der Milchproduktion bestehen zu können. Die prä-mierten Baulösungen veranschaulichen beispielhaftund zukunftsweisend, dass durch durchdachte Bau-planung, gute Gliederung des Grundrisses, optimaleSituierung sowie einfache Bauweisen, innovativeIdeen und überlegte Wahl der Baustoffe gerade beihoher Bauqualität und Einhaltung der Umwelt- undTiergerechtheit die Baukosten im Rahmen gehaltenund gute wirtschaftliche Lösungen gefunden werdenkönnen. |||

Dieter Brandl, ÖKL – Österreichisches Kuratorium für

Landtechnik und Landentwicklung

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f Preisverleihung am25. November 2010im BMLFUW(Marmorsaal)

f Erstellung einerBroschüre mit Fotos,Plänen und Jury-meinungen zu dennominierten Betriebenund zu den Preis-trägern bis zur Preis-verleihung

f Infos zum Baupreisauf der ÖKL-Homepagewww.oekl.at

Wie die Stallbauten, welche die Jury herausragendgefunden hat, aussehen, erfährt man Ende November.

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Vielfältige Kulturland-schaften prägendie ÖsterreichischenNaturparke.

Die Naturparke Österreichs repräsentieren eine Viel-falt charakteristischer Landschaften, die sich durchihre Unberührtheit, ihre natürlichen und kulturellenHöhepunkte sowie ein breites Angebot von Möglich-keiten des Naturerlebens und -begreifens auszeich-nen.

Das sogenannte 4-Säulen-Modell gibt die inhalt-liche Ausrichtung eines Naturparks vor: Schutz,Bildung, Erholung und Regionalentwicklung sollengleichrangig miteinander entwickelt werden, sodassdie Naturparke als geschützte KulturlandschaftenÖsterreichs als Modellregionen für nachhaltige Ent-wicklung stehen.

In Österreich gibt es derzeit 47 Naturparke, diezusammen eine Fläche von rund 500.000 ha umfassenund jährlich von rund 20 Mio. Gästen besucht wer-den. Der Zusammenschluss der ÖsterreichischenNaturparke zum Verband der Naturparke Österreichs(VNÖ) liegt mittlerweile 15 Jahre zurück. ErklärtesZiel des VNÖ ist die koordinierte Vorgangsweise zurWeiterentwicklung der Naturparke sowie die Durch-führung gemeinsamer Marketingmaßnahmen undösterreichweiter Projekte. So gelingt es zum Beispielüber Beschäftigungsprojekte in der Steiermark undNiederösterreich, neue Arbeitsplätze zu schaffen. DieMarke „Österreichische Naturpark-Spezialitäten“wurde geschaffen, um die Wertschöpfung traditionell

Die ÖsterreichischenNaturparke

erzeugter Produkte zu erhöhen und damit den Schutzder Kulturlandschaft zu gewährleisten.

Die Weiterentwicklung der Naturparkidee wirdauch durch Forschungsprojekte vorangetrieben. DieStudie „Touristische Potenziale der ÖsterreichischenNaturparke“ etwa ergab eine beachtliche Bilanz von10 Mio. Übernachtungen und eine Wertschöpfungvon 144 Mio. Euro pro Jahr in den Naturparken. Mitdem Projekt „Mobilitätsmanagement für Freizeit- undTourismusverkehr in den Österreichischen Natur-parken“ hat sich der VNÖ das Ziel der Reduktion desCO2-Ausstoßes und der Motivation zum Umstieg auföffentliche Verkehrsmittel gesteckt. Die Daten zurAnreise in die Naturparke sind auf der Homepage desVNÖ übersichtlich und detailliert aufbereitet undkönnen auch in der Jahresbroschüre des Verbandesnachgelesen werden. Die Studie „Neue Modelle desNatur- und Kulturlandschaftsschutzes in den Natur-parken“ veranschaulicht, wie integrativ dynamischerNaturschutz umgesetzt wird.

Heute ist der VNÖ die Drehscheibe für alle Na-turparkaktivitäten österreichweit. Auf europäischerEbene kooperiert er eng mit den deutschsprachigenNaturparken (im März 2010 wurde in Berlin einKooperationsvertrag unterzeichnet) sowie mit derEUROPARC Federation (Europäische Föderation fürNatur- und Nationalparke). |||

Eine Landschaftsvielfalt Gerlinde Wakonigg

Gerlinde Wakonigg arbeitet

seit mehr als drei Jahren beim

VNÖ; das Büro des VNÖ ist

für alle Naturpark-Verantwort-

lichen und Interessierten die

Anlaufstelle für naturpark-

bezogene Fragen und Projekte.

Die Landschaftsplanerin sowie

zertifizierte Natur- und Land-

schaftsführerin Gerlinde

Wakonigg ist im VNÖ-Büro

für alle Anfragen zuständig.

Zu ihren weiteren Aufgaben

zählen die Erstellung der

Jahresbroschüre und des

Newsletters sowie die Organi-

sation von Tagungen und

Veranstaltungen. Zuletzt war

sie für das Projekt „Mobilitäts-

management für Freizeit- und

Tourismusverkehr in den

Österreichischen Natur-

parken“ verantwortlich und

recherchierte die Anreise mit

öffentlichen Verkehrsmitteln

zu allen Naturparken.

www.naturparke.at

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Rund 430 Gemeinden sowie 35 Regionen und BezirkeÖsterreichs haben sich bislang der Lokalen oder Re-gionalen Agenda 21 angeschlossen. Das entsprichtbeinahe einer Verdreifachung in den letzten siebenJahren.

Die Grundidee zur Lokalen Agenda 21 geht aufden Weltgipfel der Vereinten Nationen 1992 zurück.Österreich bekräftigte diese mit einer„GemeinsamenErklärung zur Lokalen Agenda 21 in Österreich“ imJahr 2003, einem Beschluss der UmweltreferentInnender Bundesländer gemeinsam mit dem Lebensminis-ter. Die Programme zur Lokalen Agenda 21 und ihreZielsetzungen flossen auch in die im Juli 2010 be-schlossene Nachhaltigkeitsstrategie von Bund undLändern (ÖSTRAT) ein und tragen damit wesentlichzur Zukunftssicherung in ländlichen und städtischenLebensräumen bei. Darüber hinaus sollen mittelfristigmithilfe des „Österreichischen Programms zur Länd-lichen Entwicklung“ bis 2013 bundesweit derartigeProzesse in etwa 600 Gemeinden und 50 Regionenbzw. Bezirken Österreichs umgesetzt werden.

Neue DialogkulturKreative BürgerInnen sowie AkteurInnen aus Wirt-schaft, Politik und Verwaltung finden im Rahmen derLokalen Agenda 21 in einem offenen Beteiligungspro-zess zusammen und widmen sich der zentralen Frage,wie die Lebensqualität in ihrem Lebensraum erhaltenund ausgebaut werden kann, ohne auf Kosten derNatur, der gewachsenen wirtschaftlichen Strukturenund unserer Gesellschaft handeln zu müssen; sie be-schäftigen sich auch damit, wie gesellschaftliche,wirtschaftliche und ökologische Funktionen einanderunterstützen können und welche Fehlentwicklungenes gibt, die den Zugang zu einer dauerhaften gutenLebensqualität versperren. Ergebnisse dieser Kulturdes Miteinanders und der Beteiligung in Städten, Ge-meinden und Regionen sind gemeinsam entwickelteVisionen, Leitziele und Maßnahmen zur Umsetzungvon Ideen.

Zusammenarbeit auf allen EbenenUnterstützung für ihre Aktivitäten bekommen dieAkteurInnen von Lokalen und Regionalen Agenda-21-

Prozessen von den Bundesländern und vom Bund.Alle Länder verfügen über eigene Leitstellen zurFörderung, und gemeinsam mit dem Bund werdenAufgaben der Qualitätssicherung wahrgenommen.

Periodisch finden Lokale-Agenda-21-Gipfel statt;der 6. Gipfel im September 2010 in Dornbirn behan-delte das Thema „Sozialkapital“.

Die AkteurInnen von Lokalen und RegionalenAgenda-21-Prozessen kooperieren mit dem Gemein-debund; im Rahmen des nationalen Forschungs-programms „proVISION“ des Bundesministeriums fürWissenschaft und Forschung konnten 14 wissen-schaftliche Arbeiten ermöglicht werden.

Die Internetplattform des Lebensministeriumszur Lokalen Agenda 21 www.nachhaltigkeit.at/la21zeigt Aktuelles und listet länderspezifische An-sprechstellen sowie die in Agenda-Prozessen enga-gierten Gemeinden und Städte Österreichs auf; jedenMonat wird eine Agenda-21-Gemeinde vorgestellt.

Den Verantwortlichen ist auch die Zusammen-arbeit mit anderen lokalen und regionalen Program-men wichtig. Aus diesem Grund bildet die LokaleAgenda 21 demnächst auch einen Schwerpunkt beimLeader-Forum 2010, das vom 23. bis 24. November2010 in Bad Ischl tagen wird und zu dem wir gemein-sam mit Netzwerk Land herzlich einladen. |||www.netzwerk-land.at/leader/anmeldung

Lokale Agenda 21 in Österreich

Martina Schmalnauer, im

Auftrag des Bundesministe-

riums für Land- und Forstwirt-

schaft, Umwelt und Wasser-

wirtschaft, Bundeskoordina-

tion Lokale Agenda 21

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Das pannonische Klima ist moderat, die hügeligeLandschaft umwerfend charmant und beschaulich,die Menschen in sich gekehrt. Wer zwischen denalten Kellerstraßen umherstreift, spürt die ruhigeKraft dieser Region.

Vom Dornröschenschlaf zurEnergieautarkieDie Leader-Region Südburgenland umfasst die dreiBezirke Oberwart, Güssing und Jennersdorf. ImOsten liegt die ungarische, südlich die slowenischeGrenze. Ganze 69 Gemeinden zählen zu dieserLeader-Region, die für Weinidylle, Dreisprachigkeit,erneuerbare Energie, Kulinarik und Naturparke stehtund eine der wichtigsten Thermenregionen Öster-reichs ist.

Das Südburgenland ist aber auch eine Regionim Aufbruch. „Die Menschen möchten etwas bewe-gen“, sagt Ursula Maringer. Seit neun Jahren arbei-tet sie als Regionalmanagerin dieser Leader-Region,und sie ist stolz auf die neue Dynamik in ihrer Heimat,die aus dem Dornröschenschlaf der letzten Jahr-zehnte erwacht ist. Wegen ihrer grenznahen Rand-lage werden die Bezirke Jennersdorf und Güssingraumplanerisch als „extrem peripher“ eingestuft.„Aber nun holen die Menschen auf“, weiß Maringer.So ist etwa die Stadt Güssing nach jahrzehntelangenBemühungen heute energieautark. Mit Leader-Hilfewurde auf heimische und erneuerbare Energieträgerumgestellt. Heute ist Güssing ÖkomusterstadtEuropas, Betriebsansiedelungen und Arbeitsplätzesorgen für neueWertschöpfungen: Rund 13 MillionenEuro pro Jahr beträgt jene Wertschöpfung, die durchden Umstieg auf erneuerbare Energieformen für dieRegion heute erzielt wird. Das Technologiezentrum

Güssing sowie das benachbarte Hotel werden mittelsFernwärme gekühlt, und der Ökoenergietourismuszieht jährlich 50.000 Interessierte an.

Moorochse und UhudlerEine weitere Leader-Erfolgsgeschichte ist „Südbur-genland – Ein Stück vom Paradies®“. Wussten Sie,dass das Paradies in Pinkafeld beginnt? Knapp 60 Be-triebe bilden einen kulinarischen Genuss-Verbund.Vom waldbeerigen Uhudler über das delikate „Kür-biskernöl von der Steinmühle“ bis zu den eingelegten„Gürkchen Primeur“ können sich Gourmets hier denGelüsten des Gaumens hingeben. Das Paradies-Projekt entspricht der regionalen Entwicklungsstra-tegie: Es umfasst die gesamte Region, bündelt unter-schiedlichste Betriebe und schafft Identifikation.

In der Zwischenzeit gibt es auch Paradies-Hotels und Paradies-Tourismustouren, etwa nächtli-che Moorwanderungen durch die Heimat des„Zickentaler Moorochsen“ – eines speziellen Ge-nuss-Highlights des Südburgenlands. Zwischen Heu-graben und Eisenhüttl liegt im NaturschutzgebietAuwiesen das größte Niedertorfmoor Pannoniens.„Genussreifung statt Turbomast“ lautet die Devise.Der hornlose Moorochse nimmt nur langsam zu undernährt sich von ungedüngten Gräsern und Kräutern.Sein Fleisch ist zart, feinfaserig und wurde mehrfachausgezeichnet. Für (Schüler-)Gruppen werden Moor-streifzüge angeboten, in deren Rahmen man Stillehören, Insektenhotels besuchen und heilkräftigenzwölftausend Jahre alten Moorschlamm auf der Hautspüren kann. „Bei uns ist der Moment mit allen Sin-nen erlebbar, wir schärfen die Aufmerksamkeit fürdie Kleinigkeiten in der Natur“, erklärt HermannOfner, Obmann des Vereins „rund um’s moor“.

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Paradies im AufbruchLeader-Region Südburgenland:

Weiche Hügel, putzige Weingärten mit Kellerstöckln wie zu GroßvatersZeiten – das Südburgenland ist sanft und entschleunigt. Teresa Arrieta

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Sprachenreichtum belebenAuch die burgenländische Vielsprachigkeit erfreutsich zunehmender Aufmerksamkeit. „Mit jedem Jahrsteigt der Stolz auf unsere vielseitigenWurzeln“, sagtRegionalmanagerin Ursula Maringer. Sie hat vierJahre lang in der ungarischsprachigen GemeindeUnterwart gewohnt und lernt seitdem Ungarisch.„Die Ungarn jenseits der Grenze sprechen alleDeutsch, wir hingegen konnten bis vor Kurzem nichteinmal ‚Grüß Gott!‘ auf Ungarisch sagen.“

Das in der burgenländischen Bevölkerung er-wachte multikulturelle Interesse spiegelt sich inmehreren Leader-Projekten wider. Im Rahmen von„Volks-Lieder-Schulen“ lernen SchülerInnen alte undneue Volksweisen. Das stärkt das Heimatgefühl undmacht Spaß. „Volksmusik hat nichts mit Musikanten-stadl zu tun“, erklärt Projektleiterin Karin Ritter. Es isteine Ganzkörpererfahrung. Die Kinder tanzen, gesti-kulieren und singen. LehrerInnen erinnern sich anihre Jugend, Eltern freuen sich über die Wiederbele-bung der Kultur ihrer Kindheit, und zugewanderteKinder können ihre Herkunftskultur vor der Gruppepräsentieren – das stärkt das Selbstbewusstsein.„Wir lernen nicht nur deutschsprachige, ungarischeoder slowenische Folklore. Auch türkische oder ser-bische Lieder sind willkommen“, erläutert KarinRitter. An die 4000 Schülerinnen und Schüler habenseit Projektbeginn vor einem Jahr die Volkskulturendes Burgenlands wertschätzen gelernt. Weitere Im-pulse gab das „Jahr der Volkskultur“, das heuer imBurgenland ausgerufen wurde. „Die vielen Veran-staltungen in diesem Jahr haben uns geholfen, Folk-lore aus dem braunen Eck herauszuholen und unserSelbstvertrauen zu stärken.“

Gleicher Lohn für gleiche Arbeit„Frau Macht Geld“, so der Name eines weiterenLeader-Erfolgsprojektes, das zwei Jahre lang dieGeschlechterrollen infrage stellte. „Die Schuldner-beratungen waren völlig überlaufen, die Frauen, diezu uns kamen, waren beschämt“, erinnert sichWilhelmine Fischer, Projektleiterin vom Dachverbandder burgenländischen Frauen-, Mädchen- und Fami-lienberatungsstellen. Im Rahmen des Leader-Projektswurden Verschuldete beraten; Hausfrauen und Be-rufstätige diskutierten in Workshops über Macht,Geld und Verantwortung. Das Projekt gipfelte in

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„Kreative Räume fürInnovationen erhalten“Im Gespräch mit Ursula Maringer,LAG Südburgenland

Frau Maringer, worin sehen Sie Ihre Aufgabe alsLeader-Regionalmanagerin?Ich möchte die Begeisterung der Menschen fürihre Region wecken. Und ich bin Steigbügel-halterin für jene, die gute Ideen haben und dasPferd der Förderungen besteigen wollen.

Wie motivieren Sie die Menschen?Am besten motiviert man, indem man konkreteAngebote macht. Im Herbst planen wir Themen-findungsgruppen zu den Bereichen Dorferneue-rung, Kleinstunternehmen, Ökoenergie undÖkomobilität. So schaffen wir ein Klima, in demIdeen heranwachsen, gedeihen und reifen können.Denn Konzepte, die von oben kommen,funktionieren nur bedingt.

Was sind für Sie die besonderen Herausforderun-gen in der aktuellen Förderperiode?Durch die neuen Rahmenbedingungen konntendie Länder sehr frei über Fördermaßnahmen undProjektdotierungen entscheiden. Daher mussbesonders darauf geachtet werden, dass keinBereich der Regionalentwicklung zu kurz kommt.Österreichweit trachten die Leader-Verantwortli-chen danach, weiterhin die innovativsten Projektezu fördern. Es ist wichtig, diesen kreativen Raumfür Innovationen zu erhalten.

der Konferenz „Die Zukunft ist weiblich“ auf BurgSchlaining. Folgeprojekte sind in Planung. „Wirhaben die Wirtschaftsleistung von Frauen sichtbargemacht“, fasst Wilhelmine Fischer zusammen. Pro-jekte wie dieses zeigen: Die Region durchläuft derzeiteine spannende Entwicklung. „Der Umbruch ist über-all spürbar“, bestätigt Regionalmanagerin UrsulaMaringer. |||

Teresa Arrieta, freie Journalistin, Ö1-Sendungsgestalterin

und Autorin

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Wer die bunte Renaissance-Altstadt von Villachdurchstreift, atmet Kultur. Je nach Saison treibensich hier die Villacher Faschingsgilden herum, tanzenFolklorepaare am berühmten Kirchtag oder genießenKlassikaffine den Carinthischen Sommer. Wem hin-gegen der Sinn nach Natur und Stille steht, kannumliegende Berge erklimmen, das abgeschiedeneLesachtal durchwandern oder sich im hochgelege-nen Weißensee erfrischen.

Eine Region wächst zusammenDie Leader-Region Villach-Hermagor erstreckt sichüber 25 Gemeinden der Bezirke Villach-Land undHermagor und umfasst auch die Gemeinde Weißen-see. An der italienischen Grenze liegen die Karni-schen Alpen, entlang der westlichen Karawankenverläuft die Grenze zu Slowenien. Mitten in den Ge-birgszügen locken Wintersportzentren wie Herma-gor-Nassfeld, im Sommer ziehen die malerischenBergseen zahlreiche Badegäste an.

„Stadt und Umland befruchten einander“, sagtRegionalmanagerin Irene Primosch. Im Zuge der letz-ten Leader-Periode ist die Bereitschaft zur Koopera-tion gewachsen. Auf einem gemeinsam erarbeitetenFolder prangen Burgen und Schlösser der RegionVillach. Die Gemeinden sind übereingekommen, be-stehende Ressourcen sanft zu nutzen, etwa im Rah-men des Leader-Projekts „Weltenberg Mirnock“. Deram östlichen Ufer des Millstätter Sees gelegeneMirnock (2110 m) wird wegen seiner Energiefelderauch „Gipfel der Kraft“ genannt. Eine besondereAttraktion ist eine Windorgel: Die dort oben ständigwehenden Winde entlocken dem Kunstwerk sinnli-

che Musik; Journalisten aus dem In- und Auslandzeigen daran Interesse.

Naturbelassene Täler„Ich liebe die Direktheit der Menschen“, meintRegionalmanager Friedrich Veider, der sich die Be-treuung dieser Leader-Region mit Kollegin Primoschteilt. Während er sich dem Gebiet Hermagor-Weißensee widmet, welches das Gailtal, das Gitsch-tal und das Lesachtal umfasst, kümmert sich IrenePrimosch vor allem um die Region Villach-Umland.Die Zusammenarbeit verläuft kongenial: „Wir ver-trauen einander, unsere Zusammenarbeit ist ein wah-res Glück“, so Veider. Die Menschen der Region be-schreibt er als arbeitsam, wissbegierig und stolz aufihre Herkunft. „Sie sehen sich nicht nur als Kärntne-rInnen, sondern vor allem als LesachtalerInnen oderGailtalerInnen und achten auf den Erhalt ihrer Natur-juwelen“, erklärt Veider.

Steinerne SchönheitEin weiteres Leader-Naturprojekt ist der „GeoparkKarnische Alpen“. Dieses vor einem Jahr gegründeteWanderareal zeigt auf rund 1000 km2 steinerneSchönheit: Die BesucherInnen bestaunen petrifi-zierte Bäume, die sich dank weiterer Fundstücke baldzu einem versteinerten Wald auswachsen werden.Kalkformationen, Höhlen, Schluchten, tosende Was-serfälle und idyllische Bergseelandschaften sorgenfür unvergessliche Wandererlebnisse. Ein Besucher-zentrum bietet interaktive Animationen, Vorträge undBildungsprogramme. Acht Gemeinden haben bei derErrichtung des Geoparks zusammengearbeitet. „Die

Eine mediterrananmutende Stadt ander Grenze zu Italienund Slowenien,gleich nebenanatemberaubendeBerge und reineSeen: Die Leader-Region Villach-Hermagor bezaubertmit Naturschätzenebenso wie mitsüdlichem Flairund sprachlicherVielfalt. Teresa Arrieta

Leader-Region Villach-Hermagor:

Orte der Kraft in derDreiländerregion

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Netzwerk Land ausblicke 2|10 59

BewohnerInnen sehen nun ihre Region mit neuenAugen“, erzählt Projektleiterin Gerlinde Ortner.„Ihnen ist bewusster geworden, welchen wertvollenNaturschatz sie besitzen.“

Ein Dorf als EnergiepionierIn Kötschach-Mauthen im Gailtal bemüht man sichbesonders um den Erhalt des Ökosystems. Die 3500-Einwohner-Gemeinde ist energieautark: In den letz-ten Jahrzehnten wurden über private Energieprodu-zenten 21 Kleinwasserkraftwerke, Kärntens einzigeWindturbine, eine Biogasanlage sowie drei Fernwär-menetze errichtet. Die wirtschaftsschwache Regionzieht nun auch in der Zwischensaison BesucherIn-nen an, die sich für den Naturstrom interessieren. DieGemeinde schärft das ökologische Bewusstsein ihrerBürgerInnen mit Energiesprechtagen, fördert mitLeader-Hilfe Fotovoltaik-Anlagen und plant auch einÖkomobilitätsprojekt mit Elektrorollern. „Wir versu-chen, das Prädikat ,Energiemustergemeinde‘ mitLeben zu füllen“, erklärt Projektleiterin SabineBarthel. Für E-Fahrräder wird derzeit nach einerFinanzierung gesucht.

Reparieren statt wegwerfenNachhaltigkeit wird auch in der Region Villach groß-geschrieben: Seit Frühjahr 2010 wird das von Leaderunterstützte „RepaRegio“-Projekt realisiert – einReparaturnetzwerk. Viele Menschen wissen nichtmehr, wo sie ihre kaputten Geräte reparieren lassenkönnen, denn die Klein- und Mittelbetriebe sterbenaus. 14 Handwerksbetriebe haben sich nun zusam-mengeschlossen und gemeinsame Qualitätsstan-dards für rasche und kosteneinheitliche Reparatur-services festgelegt. Das Angebot reicht vomWasser-betten-Flicker über den Möbelpolsterer bis hin zumAkkureparateur. Glaserer, Schneider und Tischlersind auch dabei. Im Lauf des Herbstes 2010 wirdfür die KundInnen eine eigene Hotline eingerichtetwerden.

„Immer mehr Menschen wollen lieber etwasreparieren lassen, statt kaputte Sachen gleich zu ent-sorgen“, weiß Projektbeauftragter Richard Ober-nosterer von der RessourcenManagementAgentur.„Die Wegwerfgesellschaft der letzten 20 Jahre ver-stößt gegen das Ökologiebewusstsein der neuen Ge-neration.“

„Wir gleichenunsere Stärkenund Schwächenaus.“ Regionalmanage-ment im Team

Frau Primosch, Herr Veider, Sie leiten dasRegionalmanagement von Villach-Hermagorzu zweit. Wie funktioniert das?Veider: Wichtig sind Klarheit in der Kommunika-tion und Reflexionsfähigkeit. Ich erlebe es alsgroßen Vorteil, dass hier Mann und Frau mit ihrenunterschiedlichen Zugängen kooperieren.Primosch: Wir beraten einander aus unserenverschiedenen Erfahrungen heraus. Ich schätzeseine Ehrlichkeit, seine Ruhe und Kollegialität.Und nicht zu vergessen: Wir können auchmiteinander lachen!

Was macht für Sie beide ein gut funktionierendesRegionalmanagement aus?Primosch: Die wichtigste Voraussetzung ist, dieRegion zu lieben, sich mit ihr zu identifizieren.Ich bin eine Vertrauensperson und Vermittlerinzu den Behörden und bemühe mich, die Projekteaufeinander abzustimmen.Veider: Regionalentwicklung ist Beziehungsarbeit.Mir ist wichtig, nichts zu fordern, die Geschwindig-keit an die Akteure anzupassen. Man sollte viel zu-hören. Eine gute Idee umzusetzen, wenn derBetreffende noch nicht so weit ist, bringt nichts.Man muss sich als Person zurücknehmen können.Es gehört Leidenschaft zu diesem Job.

Dieses Leader-Projekt stellt auch eine Stärkung derKlein- und Mittelbetriebe dar. „Das Projekt ist sektor-übergreifend und entspricht somit unserer Entwick-lungsstrategie: Es inkludiert Umwelt, Soziales undWirtschaft. Die rege Teilnahme der Firmen zeigt, dasses im Zeitgeist liegt“, freut sich RegionalmanagerinPrimosch.

Villach-Hermagor ist eine Region mit vielfältigenEntwicklungsschwerpunkten. „In Villach, Hermagorund Weißensee ticken die Menschen sehr unter-schiedlich“, meint Regionalmanager Friedrich Veider.„Ich versuche, die verschiedenen Bedürfnisse wahr-zunehmen, Leute zu aktivieren und zu vernetzen.“ |||

Teresa Arrieta, freie

Journalistin, Ö1-Sendungs-

gestalterin und Autorin

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Das slowakische Nationale Netzwerk für ländlicheEntwicklung (National Rural Development Network[NRDN]) hat mit Beginn des Jahres 2009 seine Arbeitaufgenommen. Die Tätigkeit ist für das Land völligneu, weil in der Slowakei kein LEADER+-Programm(2004–2006) umgesetzt wurde und es kein LEADER+-Netzwerk gab. Jedes Teilnehmerland konnte ent-scheiden, wie es sein ländliches Netzwerk in Über-einstimmung mit der EU-Verordnung 1698/2005anlegen wollte. Das slowakische Landwirtschafts-ministerium war darauf bedacht, möglichst viele be-stehende Strukturen und Erfahrungen zu nutzen, undsiedelte die NRDN-Zentrale daher bei der zur Hälftevon ihm finanzierten Geschäftsstelle für ländlicheEntwicklung in Nitra an, der es auch das Manage-ment der Netzwerkaktivitäten übertrug. Das Büro hatvier Mitarbeiter, die sich um die Koordination dernationalen und regionalen Aktivitäten kümmern.

Der Großteil des NRDN-Teams ist auf sieben Re-gionen (Nitra, Trencín, Banská Bystrica, Žilina,Prešov, Košice, Trnava-Bratislava) verteilt und arbei-tet innerhalb bestehender Strukturen von aus-schließlich privaten Stellen und Organisationen:gemeinnützigen Verbänden, einem ländlichen Parla-ment, Bürgervereinigungen, Regionalentwicklungs-agenturen und Beratungsfirmen. Jede dieser Organi-sationen hat eine für die regionalen Aktivitäten ver-antwortliche Person bestimmt, die die Bedürfnisseder Interessenten und Teilnehmer eruiert, die LAGsunterstützt, Good-Practice-Beispiele sammelt undBeiträge zu nationalen Aktivitäten und Veröffentli-chungen leistet.

Die Hauptaufgaben desslowakischen NRDNf Erfassung und Analyse von Daten und Informationen, die fürdie Umsetzung der Politik ländlicher Entwicklung und dieMaßnahmen des EU-Programms für ländliche Entwicklungrelevant sind

f Verbreitung von einschlägigen Informationen aus nationalenund regionalen Quellen durch Publikationen, bei Konferenzenund über das Internet

f Organisation von Schulungen, Seminaren und weiterenMöglichkeiten des Erfahrungsaustausches im Bereich derländlichen Entwicklung

f Bereitstellung von Ausbildungs- und Schulungsmöglichkeitenfür die LAGs

f Unterstützung nationaler und transnationaler Zusammenarbeitdurch Konferenzen, Diskussionen, Forschungsaufenthalte,Austauschbesuche usw.

Einige Beispiele für die Arbeit des Netzwerksf Die slowakische NRDN-Zentrale hat eine LAG-Datenbankaufgebaut, um die Durchführung gemeinsamer Projektezu erleichtern. Die Informationen sind auch über das Internet(www.nsrv.sk) abrufbar oder in Form einer Broschürezugänglich.

f Das NRDN hat über Teilnehmer am Programm für ländlicheEntwicklung relevante Erfahrungen und Good-Practice-Beispiele zu sammeln und zu verbreiten begonnen.

f Im September 2009 hat das NRDN eine internationaleKonferenz über die Umsetzung des Programms für ländlicheEntwicklung 2007–2013 veranstaltet, bei der es vor allemum die Schwerpunkte 3 und 4 ging. Die Vorbereitungen fürdie Jahreskonferenz 2010 laufen.

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Nachbar Slowakei: Das Nationale Netzwerkfür ländliche Entwicklung Malvína Gondová

ausblicke 2|10 International

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Die LAGs der Slowakei1 Civic association Podhoran2 Agropramen3 LAG Dudváh4 LAG Stará Cierna voda5 LAG Aqua Paradise –

Aquaparadiso – Víziparadicsom6 Kopaniciarsky region – LAG7 LAG Vršatec8 „LAG of microregion Teplicka“9 Naše Považie10 Civic Association Microregion

RADOŠINKA11Association of microregion

SVORNOST12 Regional association

Dolná Nitra c. a.13 The civic association for

development of microregion„Požitavie – Širocina“

14Dolnohronske developmentpartnership

15 Civic association „Partnershipfor LAG Terchovská dolina“

16 LAG Horný Liptov17 Civic Association Zlatá cesta18 Partnership Krtíšske Poiplie19 LAG Chopok juh20 Podpol’anie21 LAG MALOHONT22 Civic association for regional

development Spiš23 Civic Association LAG LEV, c. a.24 Partnership BACHUREN25 LAG Šafrán26 Civic Association KRAS27 LAG RUDOHORIE, c. a.28 LAG HORNÁD – SLANSKÉ

VRCHY, c. a.29 LAG TOKAJ – ROVINA, c. a.

f Vierteljährlich erscheint der an alle Mitgliederdes NRDN gehende Newsletter SpravodajcaNSRV. Auf Slowakisch findet sich der Newsletterauch auf der NRDN-Website.

f Über die Umsetzung der Maßnahme 322(„Dorferneuerung und -entwicklung“) wurdeeine Broschüre herausgegeben, um dieEffizienz der Projektabwicklung zu verbessern.

f Die Regionalstellen haben eine Reihe von Aus-bildungen und Seminaren über die Umsetzungdes Programms 2007–2013, Schwerpunkt-1-Maßnahmen, ländlichen Tourismus sowieDiversifikations- und Belebungsoptionenveranstaltet, die teils auch eigens auf dieLAGs zugeschnitten waren.

f Auf der Internationalen LandwirtschaftsmesseAgrokomplex hatte das NRDN in den Jahren2009 und 2010 einen eigenen Informationsstand.

f Um Kontakte zwischen den slowakischen LAGsund anderen Teilnehmern am Programm fürländliche Entwicklung zu Kollegen aus anderenEU-Ländern zu fördern, veranstaltet das NRDNStudienreisen zu bestimmten Themen. 2010fanden Exkursionen nach Estland, Finnland,Österreich, Polen, Slowenien, Tschechien undUngarn statt. In der Slowakei konnte das NRDNGruppen aus Bulgarien, Finnland, Malta undUngarn begrüßen.

f Das slowakische NRDN hat mehr als 500 Mit-glieder. Es steht allen an ländlicher Entwicklunginteressierten Personen offen. Die Mitgliedschaftist kostenlos.

Die Umsetzung des Leader-Programms in der Slowakei2007–2013 ist die erste Periode, in der das Leader-Programm in der Slowakei umgesetzt wird. Bürger-vereinigungen und andere partnerschaftliche Orga-nisationen haben bereits zuvor bei der Realisierungkleinerer, von verschiedenen Förderern unterstützterProjekte mit dem Bottom-up-Ansatz gearbeitet. ZurUmsetzung einiger Projekte wurden Dorfverbände(Mikroregionen) gegründet, die dann eine guteGrundlage für die Einrichtung der LAGs boten.

Die Auswahl der LAGs für das Leader-Pro-gramm des Schwerpunkts 4 erfolgte in zwei Runden:Mitte 2009 wurden 15 und im März 2010 weitere14 LAGs ausgesucht. Die LAGs haben bereits mit derUmsetzung ihrer Entwicklungskonzepte begonnen.

Im Gebiet der 29 LAGs, das sich über 18,35 % derFläche des Landes erstreckt, leben 11,40 % der Ein-wohner der Slowakei.

Grundvorausetzungen für LAGsf Rechtsform: Bürgervereinigungf Einwohnerzahl des Gebiets: 10.000–150.000f Zusammenhängende Regionf Anteil von Vertretern des privaten Sektors inden entscheidungstragenden Gremien > 50 %

f Umsetzung der Projekte in Abstimmung mitden Maßnahmen von Schwerpunkt 3

f Möglichkeit von Kooperationsprojektenf Maximales Gesamtbudget pro LAG: 2,6 Mio. € |||

Malvína Gondová, NRDN Slowakei

Žilina

Bratislava

TrnavaNitra

Trencín

Banská Bystrica Košice

Prešov

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ausblicke 2|10 Internationale Termine62

FinnlandRegionalprogramm OstseeKonferenz: The Power of the Baltic Sea Macro-Region30. November –1. Dezember 2010 > JyväskyläAn der Konferenz werden EntscheidungsträgerInnen und Ver-treterInnen nationaler, regionaler und lokaler Stellen aller Ostsee-länder und darüber hinaus teilnehmen. Außerdem erwartetwerden Angehörige von NGOs, ForscherInnen und Akademike-rInnen, ProjektpartnerInnen und interessierte Förderer von Pro-jekten sowie alle, die sich die Entwicklung der Ostseeregion zueiner Modellregion Europas auf die Fahnen geschrieben haben.Das Regionalprogramm Ostsee der Europäischen Union fördertim Zeitraum 2007–2013 Regionalentwicklung durch transnationaleZusammenarbeit. Elf Ostseeländer arbeiten in diesem Rahmenzusammen, um gemeinsame Lösungen für gemeinsame Problemezu finden. http://eu.baltic.net

Internationale TermineEngland2. Jahreskonferenz und Preisverleihungsfeier desInternational Journal of Neighbourhood Renewalund des Journal of Culture and Urban Development17.–18. November 2010 > LondonDie Jahreskonferenz des International Journal of NeighbourhoodRenewal und des Journal of Culture and Urban Developmentdient dem Zweck, Good-Practice-Beispiele im Bereich derGebietserneuerung, der kulturellen Entwicklungsarbeit und derStadtentwicklung vorzustellen und zielführende Strategien einemgrößeren Kreis bekannt zu machen. Rund 200 TeilnehmerInnenwerden die Möglichkeit haben, einer Reihe von Vorträgen ein-schlägiger Fachleute zu folgen und sich mit anderen Delegiertenauszutauschen. www.neighbourhoodjournal.com

Belgien/NiederlandeEuropean Rural Days18.–19. November 2010 > Namur, Belgien – Turnhout, NiederlandeDer erste Teil der European Rural Days in Namur zielt darauf ab,ausländische VertreterInnen anderer Netzwerke im Bereich derländlichen Entwicklung einzubinden. Thematisch wird es vor allemum multifunktionale Landwirtschaft, die Multifunktionalität derWälder und die Bestimmung dessen gehen, was öffentliche Güterausmacht. Das Programm in Turnhout wird sich mit Instrumentenund Methoden der Förderung landwirtschaftlichen Unternehmer-tums, mit Möglichkeiten des Zugangs zu Wissen und Kreativität,dem Markt und dem Netzwerk selbst beschäftigen.http://eu-ruraldays.blogspot.com/p/programme.html

DeutschlandLandschaften in Deutschland 20302. Workshop: Der stille Wandel? Demografie,Lebenswelten, Lebensstile29. November – 2. Dezember 2010 > PutbusZiel der dreiteiligen Veranstaltungsreihe „Landschaften inDeutschland 2030“ ist es, in interdisziplinären Diskussionen Trieb-kräfte der Landschaftsentwicklung zu identifizieren und in Formvon Szenarien ihre mittel- und langfristigen Wirkungen auf dieLandschaft abzuschätzen. Im Workshop „Der stille Wandel?Demografie, Lebenswelten, Lebensstile“ stehen neben Fragender Flächeninanspruchnahme für Siedlung und Verkehr vor allemdie landschaftlichen Auswirkungen gesellschaftlicher und öko-nomischer Veränderungen wie der demografische Wandel und dieVeränderung der Lebensstile im Mittelpunkt.Kontakt: [email protected]

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„ÖPUL. Was Bäuerinnen und Bauern für die Umwelt tun.“Wasser, Boden, Luft und die vielfältige Kulturlandschaft Österreichs werden schon seit Jahrhundertenvon der bäuerlichen Bewirtschaftung geprägt. Die Produktion gesunder Lebensmittel verlangt einengesunden Produktionsstandort und eine intakte Umwelt. Damit Bäuerinnen und Bauern nachhaltigwirtschaften können, unterstützt sie das Österreichische Programm für umweltgerechte Landwirtschaft(ÖPUL) mit 29 verschiedenen Maßnahmen. In dieser Broschüre erklären sieben BäuerInnen, was siemithilfe des ÖPUL für den Schutz der Umwelt tun – und warum sie es tun.Nähere Informationen: www.netzwerk-land.at/umwelt/oepul-broschuere

„Land. Rurbanismus oder Leben im postruralen Raum“Der Begriff „rurban“ bezeichnet eine räumliche Qualität, die sich den gewohnten städtischen Deutungs-mustern entzieht. Der traditionelle Magnetismus der Kernstädte in Bezug zu ihrem Hinterland wird vom„rurbanen Schaum“ aufgeweicht. Es manifestieren sich neue Bindekräfte innerhalb des „postruralen“Raums. Nicht nur das ehemalige Land wird „rurban“, auch in seiner entleerten Funktion kann die Stadtnun „rurban“ werden. Rurban ist sowohl stadtländisch als auch landstädtisch. Die AutorInnen widmensich dem Identitätswandel des ländlichen Raumes, seinen Folgen für die Raumordnung und den Chancen,die sich daraus ergeben. Nähere Informationen: www.hda-graz.at/publication

Wie gehen Regionen mit Krisen um?Diese explorative Studie geht der Frage nach, warum sich Krisenzeiten in verschiedenen Regionen unter-schiedlich stark auswirken und welche Strategien krisenfest machen. Ziel der Studie war unter anderemder Versuch einer ersten Übersetzung von Resilienzkonzepten in die regionalpolitische Praxis. Im Rahmender Studie wurden drei Regionen (Vorarlberg, der oberösterreichische Zentralraum um Linz und Welssowie die Energieregion Weiz-Gleisdorf) auf ihre Eigenschaften in puncto Krisenfestigkeit untersucht. DieAutorInnen entwickelten als Ergebnis der Literatur- und Fallstudien ein Steuerungsmodell für Regionen.Nähere Informationen: www.bundeskanzleramt.at/DocView.axd?CobId=39673

„Land & Raum“: Sondernummer „Lernende Regionen“„Land & Raum“ setzt sich mit den Zusammenhängen zwischen örtlicher und regionaler Entwicklungund mit den Möglichkeiten der Raumplanung, der Landschaftsplanung sowie der Kulturlandschaftspflegeauseinander. WissenschafterInnen, PraktikerInnen, PlanerInnen und viele andere kommen zu Wort.Im Vordergrund stehen praktische Fragen der positiven Entwicklung sowie des Schutzes und derGestaltung ländlicher Gebiete.Bestellungen dieser kostenlos erhältlichen Sondernummer: [email protected]

Projekte und gute BeispieleIn diesem laufend erweiterten Bereich der Website von Netzwerk Land werden ab November 2010erfolgreiche Agrarprojekte und typische Beispiele vorgestellt, welche die Wirkung des österreichischenProgramms für die ländlichen Entwicklung besonders gut zeigen. Weiters bietet die Seite einen Überblicküber die praktische Umsetzung der ländlichen Entwicklung in ausgewählten EU-Mitgliedsländern.www.netzwerk-land.at/netzwerk/projekte-gute-beispiele

Literatur- und Webtipps ausblicke 2|10 63

Literaturtipps

Webtipp

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ausblicke 2|10 NWL-Veranstaltungen64

NWL-Veranstaltungen

Biologische Landwirtschaft undArtenvielfalt23. November 2010 > WienBiologische Landwirtschaft gilt als Bewirtschaf-tungsart, die dank geeigneter Wirtschaftsweisenund der Vermeidung von risikobehafteten Betriebs-mitteln Vorteile für verschiedene Umweltgüter(Boden, Wasser, Biodiversität etc.) bringt. DasSeminar „Biologische Landwirtschaft und Artenviel-falt“ wird thematisieren, wie sich die ÖPUL-Maß-nahme „Biologische Wirtschaftsweise“ auf dieArtenvielfalt auswirkt, und Ansätze diskutieren, wieetwa durch eine Anpassung der Fördervorausset-zungen, die Kombination mit anderen Maßnahmenoder Beratungsschwerpunkten weitere Impulse zuErhalt und Verbesserung der Artenvielfalt gesetztwerden können.www.netzwerk-land.at/umwelt/veranstaltungen

LEADER-FORUM 2010Leader und LA21: Beteiligung –Entwicklung – Lebensqualität23.–24. November 2010 > Bad IschlDas Ziel des Leader-Forums 2010 liegt darin, dieZusammenarbeit von Leader und Lokaler Agenda 21(LA21) weiter auszubauen sowie die Voraussetzun-gen für künftige Synergien zu verbessern.Diskutiert werden der Stand der Umsetzung vonLeader und der LA21 in Österreich sowie möglichePerspektiven. Weiters wird es Erfahrungsberichtevon Leader-ManagerInnen und LA21-AkteurInnensowie die Vorstellung innovativer Leader- undLA21-Projekte geben. Weitere Themen: Wie könnenBürgerinnen und Bürger an der Entwicklung vonGemeinden und Regionen angemessen und erfolg-reich beteiligt werden? Welche Rollen spielenLeader und LA21 in der ländlichen Entwicklungnach 2013?www.netzwerk-land.at/leader/veranstaltungen

Berglandwirtschaft – Es gibt ein Lebennach der Milchquote30. November–1. Dezember 2010 > GoldeggÖsterreich sieht sich mit seinem hohen Anteil analpinem Grünland bzw. benachteiligten Regionenmit einer besonderen Herausforderung konfrontiert,was die zukünftige ländliche Entwicklung anlangt.Das betrifft in erster Linie die Landwirtschaft, die indiesen Gebieten traditionell auf Milchproduktionspezialisiert ist. Ziel des Seminars ist es, denWettbewerbsdruck bewusst zu machen und neuePerspektiven der Einkommenskombination aufzu-zeigen. Wie sieht es nach der Aufhebung der Milch-quote aus? Welche neuen Nischen ergeben sichz. B. im Bereich der regionalen Lebensmittel?Besprochen werden unter anderem auch interna-tionale Entwicklungen (EU-GAP).www.netzwerk-land.at/lum/veranstaltungen

Kleine Lebensmittelhersteller und traditio-nelle Spezialitäten – Was bringt die neueQualitätspolitik der EU den Regionen?15.–16. Dezember 2010 > Pielachtal„Qualität“ und „Qualitätssicherung“ sind strategi-sche Kernelemente der österreichischen Land- undLebensmittelwirtschaft. Nach offizieller Bekannt-gabe der Gesetzesvorschläge entsprechend derneuen EU-Qualitätspolitik für Lebensmittel am13. Dezember 2010 in Brüssel erfahren die Teilneh-merInnen aus erster Hand, was sich ändern wirdund welche Chancen und Perspektiven sich fürÖsterreich ergeben werden. Es geht unter anderemum die praktische Umsetzung von „Regionalität“,um Verbesserungen im Bereich der geschütztenHerkunftsangaben (g. g. A., g. U.), den Schutz derBergprodukte sowie um neue Marktchancen imZusammenhang mit dem Internet.www.netzwerk-land.at/lum/veranstaltungen

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AbbildungsnachweiseSeite 1: BMLFUW/Newman; Seite 2, 3: © ELyrae – Fotolia.com;Seite 4, 5: Festival der Regionen – Josef Pausch; Seite 8, 9: MartinKapfer/Sigrid Ziesel; Seite 9 (Bilder der Grafik): Martin Kapfer;Seite 10, 11: Mathilde Stallegger; Seite 13: Maja Dumat –Pixelio.de; Seite 14, 15: Oliver Mohr – Pixelio.de; Seite 15 (Bild inGrafik): Hanspeter Bollinger – Pixelio.de; Seite 16: SalzburgerLand Tourismus; Seite 17: K. Rumpfhuber – PlanSinn/REWEGroup/Landjugend Österreich; Seite 23: © Umweltbundesamt;Seite 28: © ArtmannWitte – Fotolia.com; Seite 29: Anja-Kronberg– Pixelio.de; Seite 32: Heidi Pretterhofer und Dieter Spath; Seite33: Johann Jenewein/Archiv NP Neusiedler See – aufsichten.com/Alexander Starsich; Seite 34, 35: Hemma Burger-Scheidlin;Seite 36, 37, 44, 45, 46, 47, 50, 51: Netzwerk Land; Seite 38:www.lungau.travel; Seite 39: Archiv Naturpark Kaunergrat – ToniVorauer; Seite 40: Steirischer Schaf- und ZiegenzuchtverbandeGen; Seite 41: Ernst Kren; Seite 42: Susanne Grasser; Seite 43:Max Albrecht; Seite 48, 49: LAG Hohe Salve; Seite 49 (Bild oben):ÖAR-Regionalberatung; Seite 52: LK Steiermark – WalterBreininger; Seite 53 (rechtes Bild): LK Vorarlberg – AndreasWeratschnig; Seite 54: Franz Kovacs; Seite 56: SüdburgenlandPlus; Seite 57: EEE GmbH; Seite 58: Gemeinde Dellach; Seite 59:RMA; Seite 62, 63: © Devyatkin – Fotolia.com; Seite 64: © AndrzejTokarski – Fotolia.com.Umschlagvorderseite: © Tramper2 – Fotolia.comUmschlaginnenseite: © ELyrae – Fotolia.comUmschlagrückseite: © Michael Fritzen – Fotolia.com

Alle übrigen Bilder wurden von den AutorInnenzur Verfügung gestellt.

ausblicke – Magazin für ländliche Entwicklung ist die zweimaljährlich erscheinende Zeitschrift von Netzwerk Land.Inhalt: Informationen zu Themen der ländlichen Entwicklungund Neuigkeiten von Netzwerk Land und Partnernetzwerken.

Netzwerk Land ist die vom Bundesministerium für Land- undForstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft eingerichteteServicestelle zur Begleitung und Vernetzung des Österreichi-schen Programms für die Entwicklung des ländlichen Raums2007–2013. Mit der Durchführung des Vernetzungsauftrageswurde eine Bietergemeinschaft aus den PartnerorganisationenAgrar.Projekt.Verein, Umweltdachverband und ÖAR-Regional-beratung betraut.

Namentlich gekennzeichnete Texte geben nicht unbedingtdie Meinung der Redaktion wieder.

Medieninhaber und HerausgeberAgrar.Projekt.Verein im Auftrag des Bundesministeriums fürLand- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft,Dresdner Straße 70, 1200 Wien, Tel.: 01/3321338-14,[email protected]

RedaktionHemma Burger-Scheidlin (Umweltdachverband)Luis Fidlschuster (ÖAR-Regionalberatung)Christian Jochum (Agrar.Projekt.Verein)Michael Proschek-Hauptmann (Umweltdachverband)Michaela Rüel (Agrar.Projekt.Verein)

LektoratWolfgang Astelbauer, Karin Astelbauer-Unger

Grafische Konzeptionneuwirth+steinborn, www.nest.at

Gestaltung und LayoutAndrea NeuwirthMitarbeit: Gabriel Fischer

DruckRemaprint, Wien

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