Editorial: Eliteuniversitäten: ein Paradigmenwechsel

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    06-Jun-2016

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<ul><li><p>Nr. 2 | 34. Jahrgang 2004 | Biol. Unserer Zeit | 67</p><p>| E D I TO R I A L</p><p>Das Jahr 2004 scheint eine Wende im deutschen Bildungs-system einzuleiten. Politiker nehmen wieder, ohne vonder ffentlichkeit und den Medien abgestraft zu werden, das</p><p>Wort Elite in den Mund. In Deutschland hat man sich an die</p><p>Sprunghaftigkeit der Politik in Bezug auf Kindergrten, Schu-</p><p>len und Hochschulen gewhnt. Besonders die Schulen treffen</p><p>die stndigen Richtungswechsel zwischen Kuschelschule und</p><p>Zentralabitur hart. Wer aber Eliten an Hochschulen will, muss</p><p>bereits im Kindergarten die Leistungsbereitschaft frdern und</p><p>sie in der Schule kontinuierlich weiterentwickeln.</p><p>Die Universitten sollen unter anderem das wirtschaftlicheund technische Fhrungspersonal ausbilden, soziale Un-terschiede der Elternhuser ausglei-</p><p>chen und durch patentierbare Erfin-</p><p>dungen zur deutschen Spitzenstellung</p><p>im internationalen Wettbewerb beitra-</p><p>gen. Zur Erfllung dieser Aufgaben</p><p>fehlt es vielen Forschungseinrichtun-</p><p>gen jedoch an Re-Investitionsmitteln,</p><p>viele in den 1970er Jahren errichtete</p><p>Zementksten sind marode und die</p><p>Betriebsstrukturen stammen oft aus</p><p>dem 18. Jahrhundert. Aber trotz des Verdachts auf einen poli-</p><p>tischen Schnellschuss: Die ffentliche Diskussion um Eliten an</p><p>Universitten tut den gebeutelten Bildungsinstituten gut. Leis-</p><p>tung wird wieder gelobt und Faulheit darf geahndet werden.</p><p>Als Modell fr knftige deutsche Eliteuniversitten dienendie acht amerikanischen so genannten Ivy-League-Uni-versitten wie Harvard, Yale, das MIT oder Stanford. Als Privat-</p><p>universitten finanzieren sie sich aus Stiftungsvermgen, Stu-</p><p>diengebhren, Lizenzeinnahmen und Forschungsauftrgen. Sie</p><p>knnen sich Studenten und Professoren unter den klgsten</p><p>Kpfen weltweit aussuchen. Nicht der Geldbeutel der Eltern</p><p>entscheidet ber Aufnahme, sondern Intelligenz, Flei, Dis-</p><p>ziplin und soziales Engagement des Bewerbers. Wer diese </p><p>Kriterien erfllt, aber armer Leute Kind ist, erhlt ein Stipen-</p><p>dium und braucht keine Studiengebhren zu bezahlen. Die </p><p>Abgnger sind stolz auf ihre Alma Mater und untersttzen </p><p>diese deshalb spter mit Geld und Rat.</p><p>In Deutschland findet man keine in allen Disziplinen exzel-lenten Universitten. Aber es gibt an fast jeder Hochschuleinternational renommierte Gruppen, wie man anhand von Pu-</p><p>blikationen, Vortragseinladungen und Wissenschaftspreisen do-</p><p>kumentieren kann. Oft ist auch nicht die Leistung an sich zu</p><p>bemngeln, sondern deren Dokumentation nach auen mit</p><p>Blick auf Fachleute und Laien. So ist es das bessere Konzept,</p><p>Eliteuniversitten: ein Paradigmenwechsel </p><p>Hans-Gnter Gassen istProfessor am Institutfr Biochemie der Technischen UniversittDarmstadt und Kurator von Biologie in unserer Zeit</p><p>vorhandene Spitzenforschung zu verbreitern, als per Order</p><p>Mufti Eliteuniversitten zu definieren. </p><p>Die Kernfrage von Seiten der Forschungseinrichtungen ist:Wer kommt und wer geht? Hier ist der deutsche Saldo negativ, wir verlieren hervorragende Kpfe in die USA und nur</p><p>wenige kommen oder kehren zurck. Jede Elitediskussion muss</p><p>deshalb die Frage beantworten, wie man aus aller Welt fhren-</p><p>de Wissenschaftler an deutsche Universitten holt. Zwei Grund-</p><p>voraussetzungen dazu sind: Englisch als Umgangssprache an</p><p>Universitten und gute Lebensbedingungen fr auslndische</p><p>Wissenschaftler, wie beispielsweise internationale Schulen fr</p><p>deren Kinder.</p><p>Nur nach mehr ffentlichen Mit-teln zu schreien, ist schlichtdumm. Vorerst gilt es zu entrmpeln.</p><p>In den laufenden Etats knnen circa</p><p>30 Prozent eingespart werden, falls die</p><p>Universitten von sachfremden Aufga-</p><p>ben entlastet werden. Auch die tradi-</p><p>tionellen Berufungsverfahren, die sich</p><p>zwischen zwei und vier Jahre lang hin-</p><p>ziehen knnen, sind ein Hemmnis fr den Wettbewerb. Die Ent-</p><p>scheidung, wer und unter welchen Konditionen als Spitzen-</p><p>forscher oder exzellenter akademischer Lehrer eingestellt wird,</p><p>sollte nicht parittisch besetzten Gremien oder der Kultus-</p><p>brokratie berlassen bleiben, sondern ist Aufgabe des Prsi-</p><p>diums.</p><p>Deutschland verfgt ber ein abgestuftes Bildungssystem,in dem jeder junge Mensch nach Begabung und Flei seinen Platz finden kann. Aber Universitten sind Schulen fr</p><p>die Besten in Bezug auf Intelligenz und Leistungsbereitschaft.</p><p>Studieren zu drfen, ist ein Recht und eine Verpflichtung zu-</p><p>gleich. Die Universitten brauchen nicht mehr Kontrolle durch</p><p>den Staat, sondern mehr Untersttzung durch den Brger in</p><p>Form von Anerkennung und Stiftungen. Eliten an Universitten</p><p>sind unverzichtbar, denn ohne haben wir im internationalen</p><p>Wettbewerb langfristig keine Chance. Eliten entstehen jedoch</p><p>nicht per Anordnung, sondern wachsen durch langfristige, ge-</p><p>duldige und zhe Arbeit auf das Ziel hin.</p><p>Ihr</p><p>HANS-GNTER GASSEN</p><p>DIE UNIVERSITTEN BRAUCHEN</p><p>NICHT MEHR KONTROLLE </p><p>DURCH DEN STA AT, SONDERN</p><p>MEHR UNTERSTTZUNG DURCH</p><p>DEN BRGER.</p><p>067_editorial 18.03.2004 9:27 Uhr Seite 67</p></li></ul>

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