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Hans Gebhardt, Geographisches Institut der Universität ... · PDF fileHumangeographie heute - Emerging Fields Hans Gebhardt, Geographisches Institut der Universität Heidelberg Heidelberg,

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  • Humangeographie heute - Emerging Fields

    Hans Gebhardt, Geographisches Institut der Universitt Heidelberg

    Heidelberg, 2014

    Abb. 1: Das Dreisulen-Modell der Geographie Physische Geographie, Humangeographie

    und Gesellschafts-Umweltforschung

    In welcher Zeit leben wird: in der Postmoderne, wie uns viele Geisteswissenschaftler

    glauben machen wollen, in der Risikogesellschaft, wie uns Soziologen einzureden

    versuchen? Aus humangeographischer Sicht stimmt dies alles nicht! Das 21. Jahrhundert ist

    das Jahrhundert der Geographie. So zumindest Marc Boeckler vom Institut fr

    Humangeographie der Universitt Frankfurt.

    Wir leben heute in einer Gesellschaft, in der Rume und Raumzugnge, Verfgbarkeiten wie

    rumliche Nutzungsbeschrnkungen auf verschiedensten Ebenen neu ausgehandelt werden.

    Sei es im Bereich der politischen Geographie, wo nach dem Ende des kalten Krieges eine

    neue Vielfalt und Unbersichtlichkeit an Raumbildern, Raumdiskursen und Zugehrigkeiten

    ausgebrochen ist, die Entstehung neuer Staaten, der Zerfall alter, der massive Umbau von

    Staatlichkeiten wie jngst in Nordafrika, aber auch die Entstehung immer neuer Rume im

    Ausnahmezustand, seit es politisch wie in den Zerfallsstaaten Somalias oder Syriens, oder

    seien es durch Radioaktivitt verseuchte Regionen wie Tschernobyl oder Fukushima.

  • Neu ausgehandelt werden nicht nur politische Rume, sondern auch deren wirtschaftliche

    Rolle. Der USA und der alten Welt mit ihren konomieblasen und Krisensymptomen, ihren

    kaum bewltigbaren Schuldenbergen steht das Emporwachsen der BRICS-Staaten

    gegenber, insbesondere China, aber auch Brasilien oder Sdafrika. Die nchsten Jahrzehnte

    werden uns in vernderte staatliche Beziehungen und eine neue politische Weltordnung

    fhren.

    Aushandlungsprozesse um Rume finden jedoch nicht nur im globalen und nationalen

    Rahmen statt, sondern auch auf der Ebene des Alltags, in unseren Stdten. ffentliche und

    private Rume, gated communities gegenber brgerlicher Freiheit,

    Nutzungskonkurrenzen und Konflikte um Infrastrukturprojekte bestimmen das wabernde

    Raumgefge unserer Landschaftsrume.

    Ausgehandelt werden schlielich auch personale Identitten und deren rumliche

    Zuordnung, Transkulturalitt in der Praxis, deutsche Trken oder trkische Deutsche.

    Hybride Formen von Kultur und Lebensstil und neue krperliche Praktiken verndern

    Raumbezge und Alltag in Rumen, beispielsweise in der Nutzung geosmarter I-Phones oder

    virtueller Check-Ins in materielle Rume.

    All das ist spatial turn in der Praxis, zu Recht ein interdisziplinrer Trend in den Human -,

    den Sozialwissenschaften, aber eben auch ein Trend des ureigenen Bezugsfaches jedweden

    spatial turns, der Geographie. Geography matters.

    So viel Geographie also im angebrochenen 21. Jahrhundert, auf allen Mastabsebenen.

    Timespace compression, space of flows, hyperspace diaspora, translocalities,

    hybrids the global-local interplay, deterritorialization und glocalization sind einige

    der zentralen Kategorien, in denen das Neue theoretisch-konzeptionell verfasst wird.

    Ich mchte im Folgenden auf drei Aspekte von Humangeographie heute eingehen: zunchst,

    und relativ kurz, auf einige theoretisch-konzeptionelle Innovationen, sodann auf einige

    Aspekte der Geographie jenseits der alten Dichothomie Physische Geographie und

    Humangeographie und schlielich auf einige sinking ships and emerging fields in Human

    Geography.

    Theoretisch-konzeptionelle Innovationen

    Die theoretisch-konzeptionellen Grundlagen der Humangeographie haben sich in den letzten

    Jahrzehnten verndert.

    In der Nach-Auseinandersetzung nach dem berhmten Geographentag in Kiel 1969 wurde

    deutlich, wie Bernd Belina vor einiger Zeit (2009) herausgearbeitet hat, dass sich zwei

    Strnge entfaltet haben, eine modernisierende, auf dem analytisch-szientistischen

    Paradigma grndende und auf die Bewltigung angewandter Probleme gerichtete

    Richtung, welche erfolgreich den Marsch durch die Institution Geographie antrat, und bis

    in die jngste Vergangenheit in der deutschen Geographie hegemonial geblieben ist, sowie

  • eine radical, critical, marxist, leftist geography, welche in (West)-Deutschland weitgehend

    marginalisiert geblieben ist und aktuell u.a. unter dem Stichwort kritische Geographie

    diskutiert wird.

    Abb. 2: Entwicklungspfade der deutschen Humangeographie nach Kiel

    Die modernisierende Richtung, der philosophy of science verpflichtet, hob Modellbildung

    und Prognose auf ihre Fahnen und nutzte die neuen Mglichkeiten der EDV, seit den 1980er

    Jahren folgte ber eine Kritik am erreichten hohen Niveau trainierter Inkompetenz

    quantitativ-statistischer Verfahren eine Rckbesinnung auf interpretativ-verstehende

    Anstze, Betrachtung der Alltagswelt, in neuerer Zeit Betonung von Praktiken und

    pragmatische Geographie, unterlegt und begleitet von methodischen Innovationen wie

    akteursorientierte oder subjektunabhngige Diskursanalysen.

    Die marginalisierte Linie der kritischen Geographie im weitesten Sinne ist etwas schwieriger

    zu beleuchten, da hier nur einige offenkundigen Opfer oder mhsam Geretteten wie Ulrich

    Eisel, Hans-Dietrich Schulz, Gunther Lenk, Gnther Beck oder Alois Kneissle auf der

    deutschen Bildflche erscheinen. Die staatlich unterftterte marxistische Geographie in der

    DDR will ich hier auer acht lassen.

    Die Situation nderte sich in den 1990er Jahren insofern, als in einer Form nachholender

    Entwicklung die konzeptionelle Einsamkeit der deutschen Geographie durch eine Reihe

    von Veranstaltungen aufgelst wurde, zu denen ich vor allem auch die Heidelberger Hettner

    lectures zhle. Fast alle der 10 von uns eingeladenen lecturer hatten eine typisch anglo-

  • amerikanische Geographenkarriere hinter sich, die es so in Deutschland nicht gab. Derek

    Gregory, Doreen Massey, Michael Watts oder natrlich David Harvey hatten eine ausgeprgt

    linke Sozialistation im Kontext der radical geography durchlaufen, spter wurden sie

    abgesehen von Harvey zu in einem weiteren Sinne critical geographers und ihre

    Vorstellungen verbreiteten sich via Hettner Lecture oder auch die weekend readings von

    Doreen Massey relativ rasch unter den diesbezglich interessierten, vorwiegend jngeren

    Geographen/innen in Deutschland . Im Kontext zunehmender Kritik am neoliberalen

    Diskursmodell entstehen verstrkt Initiativen einer kritischen Humangeographie und

    entsprechende Forschungsprojekte, z.B. der Frankfurter Humangeographen zur

    postneoliberalen Stadt.

    Geographie ist heute ein Multiparadigmen- oder besser Multiperspektiven-Fach, das sich

    letztlich aus folgenden vier nebeneinander laufenden Entwicklungspfaden zusammensetzt:

    - Die raumwissenschaftliche Perspektive, die bis heute in bestimmten Schulen der

    Wirtschaftsgeographie und in der Raumplanung eine recht zentrale Rolle spielt.

    Strken liegen bekanntlich im praktischen Anwendungsbezug sowie in der

    intersubjektiven berprfbarkeit der Verfahren und der Mglichkeit, statistisch

    abgesicherte Prognosen zu erstellen.

    - Die handlungsorientierte Perspektive, angefangen bei den entscheidungs-

    theoretischen Anstzen der Industriegeographie seit den 1970er Jahren hin zu den

    sozialgeographischen Anstzen, in denen es um alltgliches Geographie-Machen

    primr individueller Akteure in ihrem gesellschaftlichen Kontext geht. Diese

    Perspektive ermglicht es auch, anders als andere Paradigmen, weg von der latent

    prmodernen Gefangenschaft der Humangeographie hin zu den

    Lebensbedingungen postmoderner Gesellschaften zu gelangen.

    - Die politkonomische Perspektive, welche rumlich Muster und Disparitten als

    Elemente kapitalistischer Herrschaftsverhltnisse sieht und innerhalb der

    Humangeographie, allerdings von einer eher kleinen Gruppe, unter Stichworten wie

    neuer Imperialismus oder globale Enteignungskonomie diskutiert wird .

    - Die poststrukturalistische Perspektive, welche der Sprache und symbolischen

    Bedeutungen physisch-materieller Strukturen eine entscheidende Bedeutung fr die

    Konstitution der Gesellschaft zuschreibt.

    Geographie als Multi-Perspektivenfach wird von nicht wenigen als Problem gesehen

    geography is what geographers do man kann es aber auch als Chance, als komparativen

    Vorteil sehen. Geographie ist dadurch interessanter als andere Fcher, es wird zu einem

    fachinternen Haus der Begegnung. Die australischen Geographin J. Gale schreibt:

    I was attracted to geography as a young student because it was so broad. Its field of study

    was the whole world and all the people in it. Unlike many other disciplines it offered me a

    vast array of choice and a great deal of freedom. No set road had to be taken, no line of

  • inquiry was prohibited. Geography not only allowed, it encouraged free thought, and a

    creative use of intelligence (Gale, 1992).

    Das wichtigste Alleinstellungsmerkmal gegenber benachbarten Natur- und

    Gesellschaftswissenschaften ist die integrierte Gesellschafts-Umwelt-Perspektive

    Perspektiven einer Gesamtgeographie als integrierte Gesellschafts-Umweltforschung

    Geographie ist wohl das einzige Universittsfach, das sowohl eine Natur- wie eine

    Gesellschaftswissenschaft darstellt. Geographie verbindet naturwissenschaftliche Themen

    (z.B. Naturkatastrophen) mit gesellschaftlichen Problemstellungen (z.B. den

    unterschiedlichen

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