Technologie, Innovation und Corporate Governance

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    15-Jul-2016

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<ul><li><p>JfB (2005) 55: 177207DOI 10.1007/s11301-005-0016-x</p><p>S TAT E -O F -TH E-A RT- A RTI K E L</p><p>Klaus Brockhoff</p><p>Technologie, Innovation und CorporateGovernance</p><p>Eingegangen: 1. Februar 2005 / Angenommen: 30. Juni 2005 Wirtschaftsuniversitt Wien, Austria 2005</p><p>Zusammenfassung Zwischen technologischem Wandel und Corporate Govern-ance knnen wechselseitige Beziehungen bestehen. Sie werden als technologicalimperative einerseits und als strategic choice andererseits bezeichnet. Hier wer-den Hinweise fr die Existenz beider Beziehungen auf der Grundlage frherer For-schung vorgelegt. Da sowohl technologischer Wandel als auch Corporate Govern-ance Erfolgswirkungen haben, werden die wechselseitigen Beziehungen fr dieBewertung der Wettbewerbsposition der Unternehmen relevant. Sie knnen diedirekten Beziehungen zum Erfolg verstrken oder abschwchen. Soweit Govern-ancesysteme nationale Unterschiede aufweisen, sollte Unternehmen zur Vermei-dung von Standortwechseln die Mglichkeit eingerumt werden, zwischen un-terschiedlichen Governancesystemen zielspezifisch zu whlen. Damit knnte ihrerspezifischen Zielsetzung, insbesondere im Hinblick auf die Nutzung und Beeinflus-sung des technologischen Wandels, entsprochen werden. Hier werden vielfltigeIndizien fr die Existenz sowohl einer Beziehung von Technologischem Wandelzu Corporate Governance als auch in umgekehrten Richtung zusammengetragen.Die bisher zusammengetragenen Indizien haben allerdings die Schwche, dass dierelevanten Konstrukte weder vergleichbar definiert noch gemessen werden. Auer-dem werden noch kaum dynamische Effekte erfasst. Daraus ergeben sich vielfltigeAufgaben fr die weitere Forschung.</p><p>Schlsselwrter Corporate Governance Technologischer Wandel Technologie Innovation</p><p>Den Herren Professor Dr. Dr. h. c. Jrgen Hauschildt, Professor Dr. Peter Witt sowie drei anony-men Gutachtern danke ich fr die Durchsicht frherer Fassungen dieser Arbeit, Anregungen undHinweise auf zu bercksichtigende Literatur.</p><p>K. Brockhoff (B)WHU Otto Beisheim Hochschule, Burgplatz 2, 56179 Vallendar, DeutschlandE-mail: klaus.brockhoff@whu.edu</p></li><li><p>178 K. Brockhoff</p><p>Abstract This article shows that empirical research supports the existence of a re-lationship between corporate governance and technological change. This relation-ship can be split into two parts: a strategic choice relationship, where governanceimpacts technological change, and a technological imperative relationship, wherethe reverse can be observed. These relationships modify the direct influences oftechnological change as well as corporate governance on economic success. There-fore, regulators should be aware that by shaping governance structures they alsoaffect the competitiveness of corporations. However, since not enough knowledgeis available to design optimum governance systems that would fit all sorts of cor-porate objectives, it is argued that corporations should be allowed to choose froma pre-defined set of governance structures without having to change the location oftheir headquarters. The proof for the existence of the two relationships in questionis marred by numerous problems of measurement and analysis. Thus, substantialresearch into this field is suggested.</p><p>Keywords Corporate governance technological change technology innovationJEL classifications G34 L20 M00 M10 M52 M54 O31 O32</p><p>1 Wirkungsvorstellungen</p><p>Einfhrende Lehrbcher der Betriebswirtschaftslehre weisen seit langem daraufhin, dass im Rahmen nationalen Rechts Unternehmer die Wahl der Rechtsformfr ihr Unternehmen unter Bercksichtigung einer Reihe von Kriterien zu treffenhaben, hinsichtlich derer die angebotenen Rechtsformen variieren oder durch diedie Ausprgungen der Kriterien beeinflusst werden. Whe und Dring (2002) oderBea (2000) zhlen beispielsweise acht solcher Kriterien auf, unter anderem die ausder Rechtsform folgende Haftung, die Finanzierungsmglichkeiten und die Steu-erbelastung. Solche Kriterien wiederum beeinflussen den wirtschaftlichen Erfolgeines Unternehmens. Der Hinweis auf den Rahmen nationaler Rechtsregelungenzeigt daneben, dass die Wahl der Rechtsform nicht beliebig, sondern in einem vonbestimmten Umweltbedingungen und Unternehmenszielen gesetzten Rahmen er-folgt, sobald der Standort eines Unternehmens im Rechtssinne gegeben ist. DieVorgabe von Rechtsformenmustern reduziert die Transaktionskosten. Damit wirdein Bestandteil der Unternehmensverfassung angeboten.</p><p>Im Hinblick auf die national unterschiedlichen Modelle der Unternehmensver-fassung oder der Corporate Governance sind diese Grundgedanken zu verallgemei-nern: Unternehmern sollte die Mglichkeit geboten werden, unter verschiedenenUnternehmensverfassungen oder Corporate Governance-Systemen entsprechendihrer Ziele auszuwhlen, ohne dass dazu ein Standortwechsel erforderlich ist.</p><p>Diese Forderung macht um so mehr Sinn, als bestimmte RahmenbedingungenEinfluss auf die Corporate Governance haben und wenn eine gewhlte Governance-Struktur ihrerseits bestimmte, mit dem wirtschaftlichen Erfolg oder der Wettbe-werbsfhigkeit der Unternehmen verbundene Variablen beeinflusst. Hier soll alssolche die Rahmenbedingungen definierende Variable das Konstrukt technologi-scher Wandel in den Mittelpunkt gerckt werden, wobei erst spter auf die Ope-rationalisierung eingegangen wird. Damit wird die Wirkung A in Abbildung 1unterstellt.</p></li><li><p>Technologie, Innovation und Corporate Governance 179</p><p>Abb. 1 Das Schema der Wirkungsvorstellungen</p><p>Technologischer Wandel wird zugleich auch als von der Corporate Governancebeeinflusste Variable angesehen. Das uert sich in der Wirkung B in Abbildung 1.Im Sinne von Orlikowski (1992) wird mit der Beziehung A eine spezielle Form desTechnological Imperative betrachtet, whrend mit der Beziehung B StrategicChoice in den Vordergrund gerckt wird. Da Strategic Choice sich auch auf andereKonstrukte als den technologischen Wandel beziehen kann und technologischerWandel auch auf andere Konstrukte als Corporate Governance wirken kann, liegthier nur eine ausschnittweise Betrachtung vor.</p><p>Warum gibt es ein Interesse an diesen Beziehungen? Zwei Grnde sind hieranzufhren.</p><p>(1) Corporate Governance beeinflusst den konomischen Erfolg eines Unter-nehmens. Die Untersuchung von Erfolgswirkungen unterschiedlicher Governance-Systeme ist lange unterblieben, wie Bleicher und Wagner (1993) zeigen. Sie ist erstin jngster Zeit aktiviert worden. An die Stelle des empirischen Erfolgsnachweisestritt die quasi definitorische, zugleich auch tautologische Feststellung: Je besserdie Corporate Governance eines Unternehmens ausgestaltet ist, desto niedrigersind die Transaktionskosten und die Agency Costs, die mit der Austragung von In-teressenkonflikten verbunden sind, desto effizienter ist der Faktoreinsatz und destohher ist der vom Unternehmen erwirtschaftete berschuss, der an alle Interessen-gruppen verteilt werden kann (Witt 2003a, S. 2, ausfhrlicher S. 11f.). Besserkann in diesem Sinne nur bedeuten, dass die wirtschaftlichen Unternehmenszie-le besser erreicht werden. Corporate Governancesysteme sind erfolgsrelevanteBestandteile des gesamten Organisations- und Regulierungssystems von Unter-nehmen. Da Unternehmen, die miteinander in Wettbewerb stehen, stets bemhtsein mssen, die effizienteste Organisationsform zu whlen, besteht ein System-wettbewerb zwischen nationalen Corporate Governance-Modellen (Witt 2003a,S. 13).</p><p>Eine Analyse von Erfolgsmodellen der Corporate Governance liegt von Witt(2003a) vor. Empirische Hinweise finden sich bei Lehmann und Weigand (2000)fr Deutschland unter expliziter Bercksichtigung mglicher Interaktionen vonGovernance-Elementen. Daily und Dalton (1992), Gompers et al. (2003), Drobetz</p></li><li><p>180 K. Brockhoff</p><p>et al. (2004) sttzen ihre Ergebnisse auf Finanzmarktdaten. Solche Daten werdenheute auch von Fonds analysiert und in der Tagespresse kommuniziert (FAZ 2005).Czarnitzki und Kraft (2004c) vergleichen eigentmergefhrte mit managergefhr-ten Unternehmen in Deutschland, wobei die Umsatzrendite als abhngige Variablegewhlt wurde. Befragungsergebnisse, in denen Wahrnehmungen zu dem mgli-chen Zusammenhang dargestellt werden, liegen vor, sollen hier aber nicht expliziterwhnt werden. Internationalen Vergleichen dieser Wirkungsbeziehungen habensich Gedajlovic und Shapiro (1998) gewidmet.</p><p>(2) Technologischer Wandel beeinflusst ebenfalls den konomischen Erfolg.Auch dies ist bereits mehrfach, auch empirisch, gezeigt worden. Einen berblickdazu findet man beispielsweise bei Brockhoff (1998, 1999). Technologischer Wan-del kann unterschiedliche Wirkungen entfalten, je nachdem, ob es sich dabei umallgemein zugngliches oder um ausschlielich durch ein betrachtetes Unterneh-men nutzbares, eigenes Wissen handelt. Auch dies ist in Abbildung 1 schematischdargestellt. Eigenes Wissen hat in der Regel mehr Einfluss auf konomischen Er-folg als allgemein zugngliches Wissen, abgesehen von den Wissensbestnden, diedie Voraussetzung fr die Erbringung von Unternehmensleistungen sind.</p><p>Selbstverstndlich ist die in Abbildung 1 dargestellte Vorstellung von den Wir-kungen uerst abstrakt. Sie vernachlssigt beispielsweise den gesamten Prozessder Kombination von Produktionsfaktoren, der unter Einbeziehung von Wissenund unter Bercksichtigung der Wettbewerbsumwelt eines Unternehmens zu wirt-schaftlichem Erfolg fhren soll. Die Abbildung vernachlssigt weiter Rckkopp-lungsschleifen, wie sie beispielsweise von der Erfolgsvariablen zur Eigentmer-struktur, als einer Ausprgung der Corporate Governance, nachgewiesen wurden(Cho 1998) und da diese Rckkopplungen Zeit beanspruchen - damit auch ex-plizit dynamische Aspekte. Diese Abstraktion muss hingenommen werden, umdie Hauptaufgabe zu bewltigen. Sie besteht darin zu prfen, ob es Hinweise aufdie behaupteten Beziehungen A und B gibt und welcher Art diese gegebenenfallssind.</p><p>Eine solche Betrachtung ist von zweifacher Bedeutung.(1) Bestehen die Beziehungen, so sind Corporate Governance sowie Techno-</p><p>logie- und Innovationspolitik von Unternehmen interdependent und haben zugleichErfolgswirkungen. Die direkten Wirkungen von Corporate Governance einerseitsund technologischem Wandel andererseits auf den konomischen Erfolg von Un-ternehmen werden durch die indirekten Wirkungen moderiert, die sich aus denBeziehungen A und B ergeben.</p><p>Mit der Standortwahl des Firmensitzes werden bisher in der Regel die Unter-nehmen auch in der Wahl wesentlicher Elemente der Corporate Governance be-schrnkt und damit ceteris paribus in der Folge auch ihrer wirtschaftlichen Erfolgeunter den Annahmen von Existenz und Wirksamkeit der erwhnten Beziehungen.Eine Auflsung der bisherigen Kopplung von Governance-Elementen und Stand-ortwahl deutet sich in dreierlei Hinsicht an:</p><p>(a) die sich anbahnende grere Wahlfreiheit von Governance-Elementen ohneStandortwechsel innerhalb Europas, die durch die Entscheidung des EuropischenGerichtshofs C 167/01 vom 30. September 2003 im Fall Kamer van Koophandelen Fabrieken voor Amsterdam gegen Inspire Act Inc. (vergleiche auch die Ent-scheidung berseering C 208/00 oder die BGH-Entscheidung vom 5. Juli 2004,II ZR 389/02, zur Anwendung amerikanischen Gesellschaftsrechts in Deutsch-land) mglich wird,</p></li><li><p>Technologie, Innovation und Corporate Governance 181</p><p>(b) die supranationale Wirkung von Finanzmarktzugangsbeschrnkungen, wieetwa listing rules der Schweizerischen Brse, der New York Stock Exchange oderdas Sarbanes-Oxley-Gesetz, das fr alle in den USA gehandelten Gesellschaftengilt, auch wenn sie ihren Sitz im Ausland haben, und</p><p>(c) das Entstehen supranationaler Rechtsformen, wie der Societas Europeae.(2) Die mgliche Existenz der Beziehungen ist aber nicht nur fr Unternehmen</p><p>von Bedeutung. Staatliche Industriepolitik zielt heute mindestens ebenso stark aufden Wunsch, Netzwerke des Wissens im Lande zu behalten (Dunsch 2004, S. 15)oder auch zu entwickeln, wie auf Sicherung von Arbeitspltzen. Dieser Wunschhat seine theoretische Begrndung in den neueren Anstzen der Wachstumstheorie.Auf ihn knnte durch die Ausgestaltung der Alternativen fr Corporate GovernanceEinfluss genommen werden.</p><p>2 Die Konstrukte</p><p>In Abbildung 1 werden drei hoch komplexe Konstrukte gezeigt, zwischen de-nen Beziehungen vermutet werden oder nachgewiesen sind. Keines ist leicht zuoperationalisieren. Deshalb muss auch dafr ein radikal abstrahierendes Vorgehengewhlt werden, ohne damit sptere Feindifferenzierungen ausschlieen zu wollen.</p><p>(1) Mit konomischem Erfolg wird eine erwartete oder erreichte periodenbezo-gene Wertvernderung eines betrachteten Unternehmens gemeint. In Anbetrachtder Vielzahl rivalisierender Konzepte fr die Wertmessung, man fhre sich alleindie zur Bestimmung des Economic Value Added als notwendig erachteten nde-rungen gegenber den in einen Jahresabschluss einflieenden Gren vor Augen,kann hier nur die klare Festlegung eines ausgewhlten Wertkonzepts gefordertwerden. Die empirische Forschung konzentriert sich auf die realisierten Wertver-nderungen, die theoretische Forschung auf deren Erwartungskomponente. EineSchwierigkeit liegt darin, systematische oder zufllige Strungen einer berein-stimmung beider Erfolgsarten unabhngig von den jeweils betrachteten Einfluss-gren zu neutralisieren.</p><p>(2) Corporate Governance ist ebenfalls ein Konstrukt, das in sehr unterschied-licher Form definiert wird. Aus der Perspektive einer Sicherung der Verzinsungdes eingesetzten Kapitals ist beispielsweise ein international vergleichender ber-blick der Instrumente der Governance angelegt (Shleifer und Vishny 1997). Relativgroe bereinstimmung findet sich in drei exemplarisch ausgewhlten Definitio-nen. Weimer und Pape (1999) verstehen darunter a more-or-less country-specificframework of legal, institutional and cultural factors shaping the patterns of in-fluence that stakeholders exert on managerial decision making. Aufgrund dieserEntscheidungen werden direction and performance of corporations beeinflusst,ein Aspekt der in einer anderen Definition des Begriffs hervorgehoben wird (Monksund Minow 2001, S. 1). Witt (2003a, S. 1) betrachtet die Organisation der Leitungund Kontrolle eines Unternehmens mit dem Ziel des Interessenausgleichs zwischenden beteiligten Anspruchsgruppen als Gegenstand von Corporate Governance. Erklassifiziert Systeme deshalb aufgrund einer differenzierten Betrachtung der na-tional vorherrschenden Mglichkeiten der Kontrolle des Managements sowie derLeitungsstrukturen. In den Definitionen wird deutlich, dass Konfliktregulierungund Machtverteilung wesentliche Aspekte der Governance sind. In Hinblick aufdie Erfassung dieser Aspekte weniger ntzlich und enger ist eine Sichtweise, die</p></li><li><p>182 K. Brockhoff</p><p>allein die Kosten der berwachung und Kontrolle des Managements durch dieEigentmer als Corporate Governance bezeichnet (Richter und Furubotn 2003,S. 67). Diese Sichtweise wird wiederum leicht ausgeweitet, wenn an Stelle derKosten die Konfliktreduzierung zwischen Management und Eigentmern als De-finitionsmerkmal herangezogen wird (Munari und Sobrero 2003, S. 3).</p><p>Zu erinnern ist daran, dass der Begriff der Unternehmensverfassung durchausGleiches wie Corporate Governance zum Ausd...</p></li></ul>

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